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Rezipientenforschung: Der Nutzenansatz (Uses-and-Gratifications-Approach)

Hausarbeit 2002 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Verzeichnis von Schaubildern und Tabellen

II. Einleitung

III. Entwicklung der Gratifikationsforschung
a) Anfangsphase
b) Weiterentwicklung
c) Durchbruch
d) Reife

IV. Grundannahmen und theoretische Grundlagen des "Uses-and-Gratifications-Approach"

V. Wichtige Forschungstheorien
a) GS/GO-Modell
b) Mood-Management-Theorie

VI. Methoden der Gratifikationsforschung
a) Gratifikationsmessung
b) Forschungsfragen, -gebiete
c) Konkrete Ansätze

VII. Kritik am "Uses-and-Gratifications-Approach"

VIII. Schlussbemerkungen

IX. Literaturverzeichnis

I. Verzeichnis von Schaubildern und Tabellen

TEIL V

Abbildung 1: GS/GO-Modell nach Palmgreen 9

TEIL VI

Abbildung 2: Nutzungsmotive der Medien im Direktvergleich 14

II. Einleitung

Die zentrale Forschungsfrage des "Uses-and-Gratifications-Approach" lautet: "Was machen die Menschen mit den Medien?"

Der Nutzen- und Belohnungsansatz beschäftigt sich also mit der Frage, welche Auswirkungen die Nutzung von Medien für die Rezipienten hat bzw. aufgrund welcher Bedürfnisse die Menschen Massenmedien nutzen.

Der "Uses-and-Gratifications-Approach" setzt sich aus vielen, z.T. sehr heterogenen Forschungsansätzen und Studien zusammen. Diese bauen jedoch alle auf einer Ausgangshypothese auf: Das Publikum ist aktiv. Es wählt aufgrund einer bestimmten Absicht, nämlich die Befriedigung eigener Bedürfnisse, Medien aus. Massenmedien werden also selektiv genutzt.1

Die Bedürfnisse von Rezipienten stellen also ein zentrales Handlungsmotiv und Selektionskriterium dar, die zur spezifischen Mediennutzung und -auswahl führen.

Diese Sicht war nicht immer so.

Die Wirkungsforschung ist seit ihren Anfängen ab der Jahrhundertwende durchzogen mit der wechselnden Annahme, dass die Massenmedien einmal eine hohe Manipulationskraft haben, und zum anderen, dass die Massenmedien und ihre Inhalte relativ unwirksam sind.2

In dieser Arbeit wird zunächst auf die Entstehung und Entwicklung des "Uses-and-Gratifications-Approach" sowie dessen Durchbruch und den heutigen Stand eingegangen. Anschließend werden die Grundannahmen und theoretischen Grundlagen des Nutzenansatzes dargestellt.

Darauf folgen bedeutende neuere Forschungstheorien aus den 90er Jahren. Um auch die praktische Nützlichkeit dieser Forschung zu beleuchten, wird auf Methoden der Gratifikationsforschung eingegangen.

Abschließend werden noch einige Kritikpunkte an diesem Forschungsansatz diskutiert.

III. Entwicklung der Gratifikationsforschung

Die Entwicklung des "Uses-and-Gratifications-Approach" lässt sich in vier Phasen unterteilen: 1. Anfänge der Medienwirkungsforschung zur Jahrhundertwende, 2. erste gratifikatonsorientierte Ansätze ab den 40er Jahren, 3. Renaissance und Durchbruch in den 70er Jahren und 4. Reife und Weiterentwicklung seit den 90er Jahren.

a) Anfangsphase (ca. bis Anfang 1940)

Das Interesse an der Medienwirkungsforschung entstand mit dem Aufkommen der modernen Massenpresse um die Jahrhundertwende und mit der Anfangszeit der neuen Massenmedien Film und Radio.3

Diese Anfangsphase ist gekennzeichnet durch die Vorstellung von einer starken Medienwirkung und -beeinflussung auf die Rezipienten.4

Ein erster Theorieansatz war das "Stimulus-Response-Modell". Es beschreibt die unmittelbare Reaktion (Verhaltens- und Einstellungsänderung) von Mediennutzern auf Inhalte von Massenmedien. Hierbei wird nur eine Wirkungsrichtung untersucht, nämlich die vom Sender zum Empfänger. Rückkopplungen wurden nicht berücksichtigt.5

Die Rezipienten werden als passiv angesehen. Es wird nicht zwischen einzelnen Individuen unterschieden, sondern die Wirkungen der Medien werden bei allen Rezipienten als uniform angesehen.6

b) Weiterentwicklung (40er bis 60er Jahre)

Die ersten gratifikationsorientierten Studien wurden in den 40er Jahren vorgenommen. Man fragte sich nun, welche Motive Rezipienten zur Nutzung von Medien veranlassen.

Herta Herzog untersuchte 1944 in ihrer Studie "What do we really know about daytime serial listeners?" die Nutzung von Radiosendungen für die Bedürfnisbefriedigung, also welche Motive und Bedürfnisse für die Nutzung von Massenmedien verantwortlich sind.

Hierfür wurden 100 Hausfrauen nach ihren Motiven gefragt, warum sie sich Seifenopern im Radio anhören.

Die Antworten teilte Herzog in drei Kategorien ein:

1. emotionale Belastung
2. stellvertretende Erfüllung von Wunschvorstellungen
3. Rat und Hilfe beim Umgang mit Alltagsproblemen7

Die Studien dieser Zeit führten also zu der Ansicht, dass Bedürfnisse und Eigenschaften der Nutzer "die Wirkung der Massenmedien mehr bestimmen, als Form und Inhalt der Massenmedien selbst." 8

Diese Phase ist gekennzeichnet durch die These, dass die Massenmedien relativ unwirksam seien. Die Rezipienten besäßen eine Art "Filter" (individuelle Persönlichkeitsmerkmale, unterschiedliche Motivationen, Wahrnehmungen und Aufmerksamkeit), durch den nicht jeder Reiz eines Massenmediums eine Wirkung erziele.9

c) Durchbruch (70er Jahre)

Der Durchbruch in der Gratifikationsforschung kam in den 70er Jahren. Die Frage "Was machen die Medien mit den Menschen?" wurde nicht nur umgewandelt in die Frage "Was machen die Menschen mit den Medien?", sondern vor allem "Was machen die Menschen mit den Medien und w a r u m?"

Das Bild eines Publikums als undifferenzierte Masse von anonymen, von der Aussenwelt isolierten, manipulierbaren Einzelpersonen wandelte sich. Man sah nun individuell verschiedene Personen vor sich.

Auch wurden die Mediennutzer nicht mehr als passive Konsumenten angesehen, sondern als aktive Nutzer mit eigenen Absichten, die selektiv Medien nutzen.10

Der psychische Nutzen wurde zum Mittelpunkt des Forschungsansatzes.

d) Reife (ab 90er Jahre)

Diese Phase ist durch eine Berücksichtigung beider Seiten - also sowohl der Rezipienten als auch der Massenmedien - hinsichtlich der Einflussnahme auf das Mediennutzungsverhalten gekennzeichnet. Die Medien werden nicht mehr als neutrale Botschaftenvermittler angesehen, sondern als Faktoren, die ebenso einen starken Einfluss auf die Rezipienten ausüben wie die Mediennutzer selbst. Medien würden z.B. die Wirklichkeitsvorstellung des Publikums durch Bilder der Realität beeinflussen.11

Auf Modelle und Theorien dieser Zeit werde ich im vierten Teil noch näher eingehen.

IV. Grundannahmen und theoretische Grundlagen des "Uses-and-Gratifications- Approach"

Die wesentlichen Grundannahmen des Nutzenansatzes sind also:

- Das Publikum ist aktiv. Es besitzt Eigeninitiative und handelt zielgerichtet.
- Der Rezipient wählt selbst den Medieninhalt aus, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.
- Er stellt bestimmte Erwartungen an die Massenmedien und entscheidet sich anhand dieser für die Art des Mediums und den Inhalt.
- Die Rezipienten sind sich ihrer Bedürfnisse und Motive durchaus bewusst und können diese auch formulieren (z.B. bei Befragungen).12

In Anlehnung an diese Grundannahmen beschäftigt sich der Nutzenansatz "mit 1. den sozialen und psychologischen Ursprüngen von 2. Bedürfnissen, die 3. Erwartungen erzeugen an 4. die Medien oder andere (nicht-mediale) Quellen. Die Erwartungen führen dann zu 5. verschiedenen Mustern der Medienexposition (oder zu anderen Aktivitäten), woraus 6. Bedürfnisbefriedigung und 7. andere Konsequenzen (meist unbeabsichtigte) resultieren".13

Die Forschung befasst sich nun also auch mit psychologischen und sozialen Ursachen von Rezipientenbedürfnissen, die lange Zeit vernachlässigt worden sind.14

In den 70er Jahren formulierte der Kommunikationsforscher Denis McQuail eine Typologie an Wünschen, die zur Nutzung von Massenmedien führen:

- kognitive Bedürfnisse (Informationsbedürfnisse)

- Informationen über aktuelle relevante Ereignisse in der Gesellschaft, Politik oder auch aus der unmittelbaren Umgebung
- Wissenserweiterung, Orientierung und Sicherheit durch Wissen

- affektive Bedürfnisse (Unterhaltungsbedürfnisse)

- Stimmungskontrolle, Entspannung, Erholung,
- Ablenkung von Problemen, Zeitvertreib, Eskapismus (Wirklichkeitsflucht)

- sozial-integrative Bedürfnisse (Identifikationsbedürfnisse)

- soziale Empathie (sich in Lebensumstände anderer versetzen können)
- Identifikation mit anderen (Medienfiguren), ein Gefühl der Zugehörigkeit bekommen
- Selbstfindung
- Vermittlung bzw. Bestätigung von Verhaltensmodellen

- interaktive Bedürfnisse (Strukturierung des Alltags)

- Grundlagen für Gespräche und soziale Interaktion
- Ersatz für eventuell fehlende Freundschaften15

V. Wichtige Forschungstheorien

a) "GS/GO-Modell" (Erwartungs-Bewertungs-Modell) von Palmgreen (1984)

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schenk 2000, 640

Dieses Modell ist ein weiterer Fortschritt in der Gratifikationsforschung. Man erkannte, dass sowohl die Befriedigung als auch die Nichterfüllung von Bedürfnissen und Erwartungen einen großen Einfluss auf die weitere Mediennutzung und die Medienbeurteilung haben.16

Palmgreen unterscheidet zwischen gesuchten ("Gratifications Sought", GS) und den tatsächlich erhaltenen Gratifikationen ("Gratifications Obtained", GO).

Die gesuchten Gratifikationen setzen sich zusammen aus Vorstellungen bzw. Erwartungen, dass z.B. ein Medium eine bestimmte Eigenschaft besitzt oder der Medieninhalt eine bestimmte Folge für sich selbst nach sich zieht, und aus Bewertungen hinsichtlich dieser Eigenschaft oder Folge.

Durch die Mediennutzung werden die erhaltenen Gratifikationen wahrgenommen. Diese Wahrnehmung steuert dann durch einen Rückkopplungsprozess wieder die Erwartungen hinsichtlich Eigenschaften von Medien oder deren Inhalte.

Die Suche nach Bedürfnisbefriedigung und letztenendes die Mediennutzung werden also durch die Erwartungen und Bewertungen gleichermaßen beeinflusst.17

b) "Mood-Management"-Theorie von Zillmann (1988)

Zillmann geht davon aus, dass jeder Mensch eine positive Stimmung schaffen bzw. aufrechterhalten will. Medien werden also als eine Art Stimmungsregulierer betrachtet.

In einem Experiment zeigte sich, dass gelangweilte Menschen sich eher actionreichen und spannenden Inhalten zuwandten, während unter Stress stehende Menschen eher entspannende und beruhigende Inhalte bevorzugen.18

Weitere wichtige Faktoren für das Mediennutzungsverhalten sind neben Stimmungen auch soziodemografische Merkmale wie Alter und Geschlecht, Mobilität, Lebenszufriedenheit, Einsamkeitsgefühle und soziale Isolation. Diese Erkenntnisse stammen aus weiteren Forschungsansätzen.19

Jay G. Blumler fasste seine Erkenntnisse über den Einfluss soziodemografischer und sozialer Faktoren auf die Mediennutzung folgendermaßen zusammen:

"1. Gesellschaftliche Normen, die zu bestimmten Anforderungen oder Erwartungen führen, die z.B. das Verhalten gemäß Geschlecht, Position im Lebenszyklus, sozialen Rollen usw. betreffen;
2. gesellschaftliche Verteilung von Lebenschancen (Privilegien bzw. Benachteiligungen), die intensiveren Medienkontakt begünstigen (z.B. Organisationsmitgliedschaft, Häufigkeit sozialer Kontakte) oder Kompensationsbedarf für soziale Beziehungen (z.B. wenig Freunde, Freizeit usw.) schaffen können;
3. Reaktionen des einzelnen auf die jeweilige soziale Situation (z.B. Berufs- oder Rollenzufriedenheit)." 20

VI. Methoden der Gratifikationsforschung

a) Gratifikationsmessung

Die theoretischen Grundannahmen des Nutzenansatzes spiegeln sich in den Methoden der Gratifikationsforschung wider.

Man geht davon aus, dass die Mediennutzer zielgerichtet handeln, sich ihren Bedürfnissen und Zielen bewusst sind und diese auch formulieren können.

Die häufigste Methode zur Messung von Bedürfnissen ist daher der Selbstbericht ("Self-Report") in Form einer Befragung.

Die Mediennutzer können zum einen Listen mit geschlossenen Fragen vorgelegt werden. Hierbei sollen die Rezipienten ihre Bedürfnisse "wiedererkennen" und die Intensität dieser Motive auf die Wahl des Mediums und des Inhalts angeben.

Zum anderen können sie in offenen Fragen nach ihren Gründen der Mediennutzung gefragt werden. Beispielfragen wären z.B. "Warum lesen Sie...?" oder "Warum gucken Sie nicht...?" 21

b) Forschungsfragen, -gebiete

Anhand dieser Methoden könnten z.B. fiktive Forschungsfragen lauten:

"Wie nutzen Menschen Medien, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen?"

"Welche Motive (Bedürfnisse und Probleme) gibt es für das Mediennutzungsverhalten?" oder

"Welche Funktionen der Medien lassen sich aus Bedürfnissen und Motiven ableiten?"

Es ergeben sich also Fragestellungen hinsichtlich

"1) Erfassung von Struktur, Differenziertheit und Hierarchie der kommunikationsrelevanten Absichten, Probleme und Bedürfnisse verschiedener Rezipientengruppen als Antezedenzien.22
2) Häufigkeit und Intensität der Mediennutzung insgesamt bezüglich der Befriedigung der einzelnen Bedürfnisse.
3) Funktionalität der einzelnen Medien bezüglich der Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse.
4) Funktionsvielfalt vs. Funktionsspezifität der einzelnen Medien als Instanzen der Bedürfnisbefriedigung oder Problemlösung.
5) Bedürfnisbefriedigung durch Mediennutzung im Vergleich zu nichtmedialen Quellen der interpersonalen Kommunikation.
6) Struktur und Bedeutung der funktionsorientierten Mediennutzung für die Interpretation, Verarbeitung und Wirkung der Medienbotschaften.
7) Herausbildung und Reorganisation der Mediennutzungsfunktionen im Sozialisationsprozess." 23

c) Konkrete Ansätze

Im Rahmen der Gratifikationsforschung beziehen sich Untersuchungen einmal auf ein einziges Medium aber auch auf einen Vergleich zwischen mehreren Medien. So gibt es u.a.

- Programm-Untersuchungen

Mit Hilfe von Programm-Untersuchungen versucht man festzustellen, welche Erwartungen das Publikum an ein bestimmtes Programm stellt (GS) und inwieweit diese Erwartungen dann erfüllt werden (GO).

Das GS/GO-Modell ist hierbei ein geeigneter Ansatz zur Programmplanung von z.B. eines Fernsehsenders, denn folglich werden die Nutzer das Programm bevorzugen, bei dem die Differenz zwischen den gesuchten und den tatsächlich erhaltenen Gratifikationen am geringsten ist.

Solche Programm-Untersuchungen beziehen sich meist auf Nachrichtensendungen und auf den Bereich des Unterhaltungsangebotes.24

- Intermedia-Vergleiche

Mittels Intermedia-Vergleichen werden die verschiedenen Medien (TV, Hörfunk, Zeitung, Buch, Kino) hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse verglichen.

Die Befragten einer solchen Untersuchung sollen angeben, welchen Wert welches Medium für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse hat.

Es wird z.B. gefragt, welches Medium für Entspannung und Ablenkung sorgt, brauchbare Ratschläge und Hilfen gibt, am unterhaltsamsten ist usw.25

Es folgt als Beispiel die Studie Massenkommunikation 2000.

Abbildung 2:

Nutzungsmotive der Medien im Direktvergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Basis: Befragte, die mindestens zwei Medien mehrmals im Monat nutzen, n = 4933 gewichtet

Quelle: Massenkommunikation 2000

Quelle: Schenk, 2002, 662

In dieser Studie wurde z.B. festgestellt, dass die Tageszeitung das wichtigste Medium ist, um sich zu informieren - also um die kognitiven Bedürfnisse zu befriedigen.

Hinsichtlich der Befriedigung der affektiven Bedürfnisse hat das Fernsehen den größten Stellenwert. Es wird stärker als alle anderen hier untersuchten Medien dazu genutzt, um sich z.B. zu entspannen oder um den Alltag zu vergessen.

Hörfunk wird hingegen weniger aus kognitiven Motiven genutzt, sondern ebenfalls vorrangig der Entspannung wegen.

Einen praktischen Nutzen aus solchen Intermedia-Vergleichen kann z.B. die Werbewirtschaft ziehen. Sie geben - wie schon gesagt - Informationen darüber, aus welchen Gründen sich Menschen für welches Medium entscheiden und mit welcher Aufmerksamkeit sie entsprechend dieses Medium nutzen.

Diese Vergleiche u.a. helfen Unternehmen bei der Entscheidung, in welchem Medium man werben will.

VII. Kritik am "Uses-and-Gratifications-Approach"

Schon seit den 70er Jahren, also mit dem Durchbruch in der Gratifikationsforschung, wird heftige Kritik am Nutzenansatz geübt und trotz der vielen Erweiterungen gibt es immer noch zahlreiche Kritikpunkte:

- Der Forschungsansatz sei zu sehr auf das Individuum ausgerichtet. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft würden zu wenig berücksichtigt.26
- Die Grundannahme von einem Publikum, das jederzeit aktiv, bewusst und zielgerichtet handelt, sei nicht haltbar. Es gäbe nämlich auch Phasen, in denen man geringer aktiv ist und nicht immer bewusst handelt.27
- Die Studien im Rahmen des Nutzen- und Belohnungsansatzes stützen sich auf Selbsteinschätzungen und -auskünften von Mediennutzern. Die Voraussetzung für solche Selbstauskünfte ist, dass sich das Publikum ihrer Motive und Bedürfnisse bewusst ist und diese auch formulieren kann.

Das Problem hierbei bestehe, dass dies nicht der Realität entspräche. Bedürfnisse könnten auch unbewusst die Nutzung von Medien steuern, ohne das man diese Motive benennen könne, sie einem also richtig bewusst seien.28

- Der Einfluss von medienexternen Faktoren auf den Medienkonsum wie z.B. Moden, Trends etc. blieben weitgehend unbeachtet, ebenso wie medieninterne Kriterien. "Die auf der Produktionsseite stattfindende Selektion - die Angebote des Medienmarktes - werden als gegeben vorausgesetzt, die faktischen Strukturen und Entwicklungen auf der Angebotsseite gewissermaßen entproblematisiert." 29
- Ein weiterer Kritikpunkt am Nutzenansatz ist, dass eine theoretische Einbettung fehle. Erkenntnisse würden nicht durch Theorien untermauert werden.30

Auch ein Angleichen der vielen Forschungsergebnisse würde nicht geschehen, daher gäbe es auch keine einheitliche, geschlossene Theorie.

VIII. Schlussbemerkungen

Die in meiner Arbeit angesprochenen Thesen und Forschungsansätze können nur einige Grundmerkmale dieses sehr umfangreichen und komplexen Themas geben.

Die Gratifikationsforschung an sich ist sehr inhomogen und unvollständig.

Die Frage "Was machen die Menschen mit den Medien und warum?" ist noch nicht vollständig beantwortet und es ist schwer, eine allgemein gültige Antwort auf die Wirkungsfrage zu geben.31

Ausserdem ist es schwierig, sie als Einheitstheorie zu beschreiben, da, wie schon oben erwähnt, eine ausformulierte Theorie fehlt.

Durch die Neuen Medien entwickelt sich der Ansatz aber kontinuierlich weiter. Sie bieten neue Untersuchungsmöglichkeiten hinsichtlich der Gratifikationen, die mit den Neuen Medien verbunden sind und bzgl. "der eventuellen Verdrängung oder Funktionsverschiebung der alten durch die neuen Medien einen zentralen Gegenstand der aktuellen "Uses-and-Gratifications-Forschung" ".32

IX. Literaturverzeichnis

- Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung I. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Konstanz 1999.
- Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. Opladen / Wiesbaden 1999.
- Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid: Publizistik. Ein Studienhandbuch. Köln 2001.
- Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz 92000 (=Reihe praktischer Journalismus, Bd. 1).
- Noelle-Neumann, Elisabeth / Schulz, Winfried / Wilke, Jürgen (Hrsg.): Fischer Lexikon. Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt a.M. 7 2000.
- Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen 22002.

[...]


1 Vgl. Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen 22002, S. 630.

2 Ebd., S. 693.

3 Vgl. Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung I. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Konstanz 1999, S. 27.

4 Vgl. Schenk, S. 693.

5 Vgl. Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. Opladen / Wiesbaden 1999, S. 59.

6 Vgl. Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid: Publizistik. Ein Studienhandbuch. Köln / Weimar / Wien / Böhlau 2001, S. 289.

7 Vgl. Kunczik / Zipfel 2001, S. 344.

8 Noelle-Neumann, Elisabeth / Schulz, Winfried / Wilke, Jürgen (Hrsg.): Fischer Lexikon. Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt a.M. 72000, S. 535.

9 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 289.

10 Vlg. Schenk, S. 630.

11 Vgl. Ebd., S. 696 f sowie Kunczik / Zipfel, S. 293.

12 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 344 f.

13 Schenk, S. 631 (kursiv im Original).

14 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 346.

15 Vgl. Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz 92000 (=Reihe praktischer Journalismus, Bd. 1), S. 61 f sowie Bonfadelli 1999, S. 163 f.

16 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 348.

17 Vgl. Schenk, S. 638 f.

18 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 347.

19 Vgl. Schenk, S. 682.

20 Kunczik / Zipfel, S. 347.

21 Vlg. Schenk, S. 641 f.

22 Antezedenz bedeutet: Ursache, Voraussetzung.

23 Bonfadelli, S. 162 f.

24 Vgl. Schenk, S. 668 ff.

25 Vgl. Schenk, S. 660.

26 Vgl. Schenk, S. 635 und 687.

27 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 350.

28 Vgl. Ebd., S. 351.

29 Schenk, S. 689 f (kursiv im Original).

30 Vgl. Kunczik / Zipfel, S. 346.

31 Vgl. Schenk, S. 689 und 697.

32 Kunczik / Zipfel, S. 350.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107730
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2
Schlagworte
Rezipientenforschung Nutzenansatz Einführung Publizistikwissenschaft Grundbegriffe Theorieansätze

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