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Jane Addams - Auf der Suche nach dem Frieden

Hausarbeit 2002 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1.Friedenstheorie und –praxis von Jane Addams

2. Jane Addams im Kontext betrachtet
2.1.Historischer Kontext
2.2. Soziale Probleme
2.3. Vorherrschende Friedenstheorien
2.4. Biographischer Kontext
2.4.1. Kindheit und Jugend
2.4.2. Erwachsenenalter
2.4.3.Hull House

3. Ausgangsproblematiken
3.1. Hull House als Grundlage
3.2. Allgemeine Ausgangsproblematik

4. Friedenstheorie und –praxis
4.1. Tätigkeiten und Einstellungen im Laufe der Zeit
4.1.1.Vor Beginn des Krieges
4.1.2. Kriegszeiten
4.1.3. Nach Ende des Kriegs
4.2. Theoretische Gedanken zum Frieden
4.3.Eigene Zweifel
4.4.Nebenwirkungen oder fahrlässige Fehler? /Kritiklos pazifistisch?

5. Eigene Meinung

1. Einleitung

Staub Bernasconi sprach vom „sanfte[n] Entschwinden einer Nobelpreisträgerin“ (Staub-Bernasconi, 1995, S.25), Eberhart schrieb 1995 die erste umfassende wissenschaftliche Biographie. In deutschen Bibliotheken existiert nur wenig Literatur von Jane Addams und diese ist zum großen Teil englischsprachig. Warum hat sich in den letzten 100 Jahren kaum ein Autor mit ihr und ihren pazifistischen Ansichten beschäftigt? Waren ihre Gedanken zeit- und kontextbezogen, abstrakt, unrealistisch oder eine Vision? Gibt es einen Grund, dass man sie beser vergessen sollte? Oder sind einige ihrer Gedanken auch in der heutigen Friedensdiskussion anwendbar?

Aus anfangs genannten Gründen war die Materialsuche schwierig und ich musste mich durch viel englischsprachiges Material durchkämpfen. Trotzdem wurde mein Interesse am Leben dieser Frau schnell geweckt und im Endeffekt war es schwierig das wichtigste Material über ihre pazifistischen Gedanken herauszufiltern.

Um herauszufinden wie aktuell Addams pazifistischen Gedanken sind, möchte ich möglichst umfassend darstellen, wie sie zu ihren Überlegungen kam. Ich beginne mit einer Darstellung des historischen und biographischen Kontexts, gehe dann über zu ihrer Ausgangsproblematik und befasse mich abschließend mit ihrer Friedenspraxis und –theorie. Dabei beziehe ich neben objektiven Fakten, Wünsche und Gedanken von ihr mit ein, die meiner Meinung nach von Bedeutung für ihre pazifistische Einstellung gewesen sind.

1.1.Friedenstheorie und –praxis von Jane Addams

Farrell (Farrell, 1967, 140f) bezeichnete den Pazifismus als das grundlegende Thema ihrer Arbeit. Gerade nach 1914 galt ihr ganzes Interesse Friedensthemen und den Konsequenzen des Krieges für die Demokratie und die Bevölkerung.

2.Jane Addams im Kontext betrachtet

2.1.Historischer Kontext

Jane Addams Friedenstheorie entstand Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die USA im Aufstieg zu einer Weltmacht. Sie entwickelte sich ebenso wie die Industriestaaten in Europa Ende des 19. Jahrhunderts von einem Agrar- zu einem Industriestaat. In wirtschaftlicher, demographischer, sozialer und politischer Hinsicht kam es zu großen Veränderungen.

Das Lousiana-Territorium, 1803 von Frankreich gekauft, wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Ureinwohnern überlassen. Mit dem Beginn von Goldfunden in diesem Gebiet kam es zur Vernichtung vieler Indianer und einer Umwandlung von Landschaften in Agrarland und Wohngebiet, was die Industrie weiter begünstigte. Die Entstehung des Industriestaats brachte ein enormes Wachstum der Bevölkerung durch eine gewaltige Einwanderungswelle mit sich. 1881 sind drei Viertel der Einwohner Chicagos Einwanderer.

Die Produktion stieg, Riesenkonzerne entstanden, da Nachfrage und Absatz sowohl im Inland, als auch im Ausland zunahmen. Die Wirtschaft wuchs ständig, es gab aber einen großen Konkurrenzkampf zwischen den Arbeitsuchenden. Aus diesem Grunde kam es zur Ausbeutung der Arbeiter und das Durchschnittseinkommen sank zwischen 1870 und 1880 um ein Viertel. Der Unterschied zwischen Armen und Reichen war enorm und es kam zu gewalttätigen Klassenauseinandersetzungen.

Nachdem sich die USA 1914 zu Beginn des ersten Weltkriegs neutral verhielt, greifen sie 1917 aktiv ein. Das Wirtschaftswachstum hielt durch technisch bedingte steigende Produktion weiter an und der erste Weltkrieg machte die USA zum reichsten und militärisch stärksten Staat.

Obwohl Chicago 1871 zum größten Teil abbrannte, war es dreißig Jahre später eine der bedeutendsten Städte. (Eberhart 1995, S.49-63, Engelke 1999, S.144-145)

2.2. Soziale Probleme

Aus diesen Problemen resultierten viele soziale Probleme. Von den Arbeitsplätzen in der Industrie und den Siedlungsmöglichkeiten angelockt, arbeiteten die Einwanderer für die niedrigsten Löhne, die Arbeitstage waren lang und die Arbeitsbedingungen sowie der Arbeitsschutz miserabel. Die Arbeitsbedingungen von Frauen und Kindern, die mitverdienen mussten, damit die Familie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte, waren nicht besser. Zur Bildung von Gewerkschaften kam es trotzdem nicht, da sich die verschiedenen Gruppen der Arbeiter untereinander nicht einig waren, konkurrierten und die anderen nicht tolerierten. Auch in der Bevölkerung stießen die Immigranten auf Ablehnung. Die Arbeiter sahen sie als Konkurrenten, die Wohlhabenden fühlten sich bedroht.

Die Lebensbedingungen in den Immigrantenvierteln waren nicht besser. Wohnungsnot, Mangel an Nahrung, schlechte Wasserversorgung und Abwasserentsorgung führten zu hoher Sterblichkeit und Krankheiten.

Gegen diese unerträglichen Bedingungen musste etwas getan werden. (Eberhart 1995, S.49-63, Engelke 1999, S.144-145)

2.3. Vorherrschende Friedenstheorien

Zur Zeit in der Addams ihre Friedenstheorie entwickelte waren folgendeTheorien verbreitet. Eine weitverbreitete Theorie, vor allem bei Politikern, Unternehmern, Philosophen, war die „Sicherung-des-Friedens-durch-die-Vorbereitung-für-den-Krieg“ Theorie. Wie der Name sagt, sollte Frieden geschaffen werden, indem man Maßnahmen für den Krieg traf.

Weitere Theorien zielten auf den Verstand des Menschen: eine ist die des Bankiers de Bloch. Er errechnete die Kosten eines Krieges um zu zeigen, dass man mit dem Geld in fast jeder Nation Europas Revolutionen hervorbringen könnte.

Tolstoy, ein Vorbild Addams, entwickelte eine der damaligen Handlungstheorien. Er befürwortete das einfache Leben, wollte die Industrialisierung stoppen und machte auf das Leiden der Soldaten aufmerksam.

Eine von frühen Philosophen, wie Kant, vertretene Theorie war die des Sozialen Fortschritts und der gesellschaftlichen Evolution. Der primitive, am Anfang ständig Krieg führende Stamm würde sich immer mehr zur Gesellschaft mit sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit entwickeln. Die westliche Gesellschaft betrachteten sie dabei als Endzustand. Sie konnten aber nicht die Entstehung der Industriestaaten und die daraus resultierenden Folgen absehen. (Staub-Bernasconi, 1995, S.32f; Addams, 1907, 3-25)

2.4. Biographischer Kontext

2.4.1. Kindheit und Jugend

Jane Addams wurde 1860 als achtes Kind ihrer Eltern im amerikanischen Bundesstaat Illinois geboren. Ihre Mutter starb als sie zwei Jahre alt war. Ihr Vater, gelernter Müller und Mitbegründer der Republikanischen Partei, arbeitete sich zum wohlhabenden Mann empor. Durch seine Erziehung erweckte der Vater, das große Vorbild der kleinen Jane und ein Freund von Lincoln, bei seinen Kindern schon früh demokratische Überzeugungen, Interesse für öffentliches Leben. Außerdem machte er sie auf soziale Probleme wie Ungleichheit der Menschen aufmerksam. Im Alter von ungefähr sechs Jahren lernte Jane bei einem Besuch der Nachbarstadt erstmalig Armut kennen. Sie sagte mit großer Entschlossenheit, dass „when I grew up I should, of course, have a large house, but it would not be built among the other large houses, but right in the midst of horrid little houses“(Addams, 1910, S.4f). Als Jane acht Jahre alt war, heiratete ihr Vater zum zweiten Mal und Jane bekam zwei Stiefbrüder. Nachdem sie in ihrer Kindheit vorwiegend Privatunterricht bekommen hatte, wechselt sie mit 17 Jahren aufs Rockford College, ein religiös geprägtes Frauencollege. Jane gehörte der ersten Generation Frauen an, die in den Genuss einer College Ausbildung kamen. (Salomon, 1919, 180ff, Habicht-van der Warden, 1999,90ff)

Das Kennenlernen anderer Frauen mit hohen Idealen und eine starke Auseinandersetzung mit religiösen Fragen, passiver Widerstand und das Festhalten an ihren eigenen Überzeugungen prägten ihre Collegezeit.

Ihren Entschluss Medizin zu studieren und für die Armen zu leben gab sie auf Grund gesundheitlicher Probleme und dem Tod ihres Vaters auf. (Müller, 1999, 60f)

Ich denke, dass die Erziehung ihres Vaters und der Collegeaufenthalt diese Zeit sehr bedeutend für ihren Lebensweg und für ihre pazifistische Einstellung machten. Wenige kleine Kinder werden schon so früh mit der Ungerechtigkeit der Welt konfrontiert und beschäftigen sich gedanklich mit dem Thema.

2.4.2. Erwachsenenalter

Wie viele der ersten weiblichen Collegeabsolventen, war sie auf der Suche nach einem Lebensziel. Es gab keine weiblichen Vorbilder und wenig geeignete Stellen.

Viel Zeit verbrachte Addams mit Reisen, vor allem nach Europa.

Einen der prägendsten Eindrücke bekam sie an einem Samstag nachmittag im Osten von London, wo das nicht verkaufte Gemüse und Obst versteigert wurde. Ein Mann aß einen rohen, ungewaschenen Kohlkopf, den er gerade ersteigert hatte. „Myriads of hands, [von in Lumpen gekleideten Menschen] empty, pathetic, nerveless and workworn...clutching forward for food which was already unfit to eat, (Addams, 1910, 68), blieben ihr in bleibender Erinnerung und ließen sie eine Sinnlosigkeit, Nutzlosigkeit in ihrem Leben erkennen. In dieser Zeit trat sie der presbyterianischen Kirche bei, „weil sie sich nach einem sichtbaren Symbol einer Gemeinschaft, einem Bund des Friedens sehnte“. (Habicht-van der Waerden, 1999, S.95)

1888 unternahm Addams mit Freundinnen eine Europareise, auf der sie sich einen Stierkampf ansahen, der bei ihr einen Schock auslöste. Sie merkte, dass sie dabei war ihr Leben zu verträumen und ihre Pläne immer mehr in die Zukunft schob. Addams beschrieb sich als „Weary of myself and sick of asking what I am and what I ought to be,“(Addams, 1910, S.78) beschloss einen langgehegten Plan, ein Settlement wie Toynbee Hall aufzubauen, von dem sie schon viel gehört hatte, ihrer Freundin Ellen Starr zu unterbreiten. Kurze Zeit später begannen sie und Ellen Starr mit der Umsetzung des Planes indem sie in London Settlements aufsuchten und ein geeignetes Viertel in Chicago suchten. Das Ziel war durch praktisches Tun ein Gleichgewicht zwischen Denken und Tun herzustellen und durch das Leben über das Leben lernen. 1889 beziehen sie Hull House in einem der Arbeiterviertel Chicagos, indem hauptsächlich qualifizierte europäische Migranten unter unmenschlichen Bedingungen lebten und arbeiten. (Salomon, 1919, S.179-189, Habich-van der Waerden, 1999, S. 90-97)

In dieser Zeit gab es für Addams viele prägende Erlebnisse und sie träumte davon die Welt zu verändern. Da ihr Vater wohlhabend war, hatte sie überhaupt die Möglichkeit Reisen durchzuführen und hatte das nötige Startkapital für die Gründung von Hull House.

2.4.3.Hull House

Nachdem den Nachbarn klar wurde, dass Addams und Starr gekommen waren um sich um ihre Nachbarn zu kümmern, wurden sie von Anfragen nach Einzelfallhilfe überschwemmt. Da sie die Arbeit quantitativ nicht bewältigen konnten, wurden verschiedene Einrichtungen institutionalisiert. Sie kümmerten sich um die Kinder, um ihre eigentlichen Adressaten, die Erwachsenen, zu entlasten. Eine Volksküche, ein Heim für Fabrikarbeiterinnen, Museum, Theater.. entstanden und die Zahl der Besucher stieg im zweiten Jahr auf 2000 pro Woche. Finanziert wurde das Projekt durch Privatvermögen und Spenden. Addams traf sich oft mit Wohlhabenden und Politikern um mit ihnen über Politik zu diskutieren und sie als Spender zu werben.

Sie erkannte, dass die Organisation von kulturellen Veranstaltungen durch, mit und für die Einwanderer eine große Bedeutung hatte, sah aber, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Verbesserung der Lebensbedingungen Grundlage für ein besseres Leben war. So stellte sie Versammlungsräume für Arbeiter und setzte sich kommunalpolitisch im Bereich der Müllentsorgung, der Abwasserentsorgung und der Wasserversorgung ein.

Addams war der Überzeugung, dass Menschen selber fähig sind, ihr Leben selbst zu bestimmen und zu gestalten, wenn sie nicht zwanghaft durch die sozialen Umstände gehindert werden. Deshalb half sie trotzdem in Notsituationen individuell, zum Beispiel um Menschen vor dem Verhungern zu retten oder ihnen bei der Geburt eines außerehelichen Kindes zu helfen. (Müller, 1997,60ff, Habicht-van der Warden,1999,97ff, Salomon,1919, 184ff)

Sie arbeitete also auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft: politisch, lokal und individuell. Es gab verschiedene Gründe für sie Hull House zu gründen: den Wunsch, Demokratie ins soziale Leben zu übertragen, zum Fortschritt der Menschen beizutragen, Christi Lehre menschlich anzuwenden, .. Ihr Ziel war zwischen dem Zuviel der Reichen und dem Zuwenig der Armen einen Ausgleich zu schaffen und damit soziale und industrielle Probleme zu lösen. (Kunstreich, 1997, S.157) Das Zusammenarbeiten und voneinander lernen bildete die Grundlage der heutigen Ausbildung des Sozialarbeiters. (Thiersch; Otto, 2001, S. 1612)

3.Ausgangsproblematiken

Sowohl die allgemeine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation als auch speziell die Situation in ihrer Nachbarschaft sind Ausgangsbasen für ihre Überlegungen zum Frieden.

3.1. Hull House als Grundlage

1907, nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit in Hull House schreibt Addams erstmals über ihre Sichtweise des Friedens. Wie man dem Buch „Newer ideals of peace“ entnehmen kann, war ihr Arbeiterviertel in Chicago Ausgangspunkt für ihre Gedanken zum Thema Frieden. Für sie war das Viertel Ort einer vorgezogenen Utopie. Am Beispiel ihrer Nachbarn entwickelte Addams Theorien, übernahm aber auch Ideen der Nachbarn.

„Weltbewusstsein entsteht bei Jane Addams immer aufgrund von alltäglichen Begegnungen mit der Vielfalt menschlicher Lebens- und Leidensformen. Sie analysiert diese allerdings im Hinblick auf ihre gesellschaftliche, lokalpolitische, nationale, wie internationale Bedeutung und Verursachung.“ So hat Addams in dem Arbeiterquartier in Chicago erlebt, dass Menschen verschiedenster Nationalitäten trotz unterschiedlichster Sprachen, Gebräuche, Religionen friedlich zusammenleben können. Addams glaubte, dass positive Erfahrungen mit Menschen anderer Nationalitäten und besonders verfeindeter ethnischer Gruppen das Verhalten beeinflussen können, vor allem gegen die man üblicherweise Vorurteile haben müsste. Nach positiven Erfahrungen würde es in Zukunft würde es schwieriger „<diese Vorurteile anzuwenden, und nach und nach wird [man] sie verlieren.>“ (Linn, in: Habicht van der Waerden, 1999, S.104). Zu Beginn des Krieges zogen nacheinander eine Gruppe junger Griechen und eine junger Bulgaren, die früher friedlich nebeneinander in ihrem Quartier wohnten, los um ihr Land gegen die jeweils andere Gruppe zu verteidigen.

„The lives of her neighbours held the clues to an advancing social morality that would eventuate in world peace“ (Farrell, 1967, S.145) In ihrem Arbeiterviertel ging es um den harten Kampf ums überleben. Trotzdem gab es Solidarität, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Freundschaft anstatt gegenseitiger Ausnutzung, Bekämpfung und Vernichtung des anderen.

Dies nahm Addams als Beweis dafür, dass Menschen kooperativ zusammen leben könnten und da diese friedliche Lebensweise auf lokaler Ebene funktionierte, war sie der Überzeugung, dass es auch auf globaler Ebene funktionieren müsste. Die Ideale der Immigranten: die Abschaffung von Ungerechtigkeit, die Verhinderung von Armut und der Wunsch nach Solidarität müssten auf die ganze Welt übertragen werden. Ihre sozialen Beziehungen beruhten auf der Gemeinsamkeit des Mensch-Seins.

Diese neue Art von Patriotismus, Internationalismus könnte Vorbildfunktion für die ganze Welt haben und den vorherrrschenden Nationalismus in Internationalismus verwandeln. (Farrell, 1967, S.144ff)

3.2. Allgemeine Ausgangsproblematik

Die Probleme industrialisierter Gesellschaften „beruhen auf einer durchgängigen, d.h. alle sozialen Systeme dominierenden kriegerisch-militaristischen Logik und den mit dieser Logik bzw. diesem Code teilweise kausal zusammenhängenden, repressiven und ausbeuterischen sozialen Strukturen.“ (Staub-Bernasconi, 1995, S28)

Addams Ausgangsproblematik bezog sich auf die Probleme der amerikanischen sowie anderer industrialisierter Gesellschaften. Die Orientierung der Bessergestellten an den individuellen Freiheitsrechten verhindere den Schutz der menschlichen Grundbedürfnisse und Ressourcen. Forderungen kritikloser Treue und Untergebung in Politik, Stadtverwaltung, Unternehmen und Gewerkschaften wäre eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln: Zusammenhalt durch Hass des Gegners, Maschinen statt Waffen. Nach Addams sind alle Bestrebungen um menschliches Wohlergehen der Destruktivität sozial zivilisierter Industriegesellschaften ausgeliefert. Armut, Krankheit, menschenunwürdige Wohnverhältnisse würden durch die defensive oder in Kriegszeiten aggressive Abwehr ausgelöst. Die Tugenden des Militarismus mit dem Ziel der Eroberung führten dazu, dass es auch auf sozialer Ebene um den Triumph der Stärksten und um die Unterdrückung und Ausbeutung der Armen ginge. Daraus wiederum resultierten Prostitution aus der Not heraus und Verbrechen im Kampf ums Überleben. Wirtschaftsflüchtlinge entständen durch die menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Solidaritätsbeziehungen verschwänden. (Staub-Bernasconi, 1995, S.27f)

4.Friedenstheorie und -praxis

4.1. Tätigkeiten und Einstellungen im Laufe der Zeit

Man kann bei Addams nicht von einer gleichbleibenden Friedenspraxis sprechen. „Ihre, den Studien zu Grunde liegende Überzeugung sei im Laufe der Zeit gereift.“ (Eberhardt, 1995, S41) Durch praktische Erfahrungen, einzelne Gegebenheiten und Gespräche mit anderen korrigierte sie ihre Einstellung. In ihren Büchern „Newer Ideals of peace“ (1907) und „Peace and bread in time of war“, die aufeinander aufbauen, beschrieb sie ihre Erfahrungen in bezug auf Frieden und Krieg, ihre Ideale und Hoffnungen und Wege mit denen sie sie erreichen wollte. Addams blieb immer offen für Einflüsse, die ihre Einstellung veränderten.

Man muss zwischen der Zeit vor dem Krieg und dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg unterscheiden. „Jane Addams decided that it was no service to her country to continue the peace strategy she had pursued during the period of neutrality.“ (Farrell, 1967, S.177) Erst nach 1914 war ihr Pazifismus umfassend und kompromisslos. .“ (Farrell, 1967, S.167ff)

4.1.1.Vor Beginn des Krieges

Um 1898 glaubte Addams, dass sich durch Verbreitung sozialen Bewusstseins Krieg langsam zu Frieden entwickeln würde. Frieden wäre „the unfolding of life processes which are making for a common development...a rising tide of moral feeling which is slowly engulfing all pride of conquest and making war impossible.“ (Farrell, 1967, S.149) Der Beginn des amerikanisch-spanischen Krieges enttäuschte ihre Hoffnungen, da Barbarismus die menschlichen Instinkte ersetzte. Drei Jahre nach dem Krieg gab sie bekannt, dass sie an die menschliche Solidarität glaube und an die Verpflichtung Zivilisation zu schaffen. Das menschliche Leben müsste an Stelle des Krieges bewundert und verehrt werden. Addams war auf der Suche nach einem Kriegsersatz, der ebenfalls Mut, Abenteuer und Tapferkeit verlangte. Das Arbeiterviertel diente dabei als Modell. Vom erzwungenen Internationalismus erhoffte sie sich ein neues Wertesystem übertragbar auf die ganze Welt. Bei der Beobachtung ihrer Nachbarn, fand sie Ideale des Friedens und einen Ersatz für Krieg in „the nourishing of human life, in the bringing of all the world into some sort of general order and decent relationship“ (ebd., S.144) und Aktivitäten in diese Richtung. Zum Beispiel hielt die „Italian Benefit Society a parade with flags, uniforms, and drums, to celebrate the „little wall between themselves and starvation and a pauper´s grave“. (ebd., S.144) Eine weltweite Mitmenschlichkeit war Addams Ziel.

Sie setzte sich ein für das Frauenstimmrecht und damit auch für den Frieden. Frauen, die ein anderes Temperament hätten und weniger schnell zu Gewalt griffen als Männer, würden sich für das Leben einsetzen und würden eher in der Lage sein, Kriege zu verhindern.

1904 trat Addams erstmals mit Gedanken zum Frieden vor die Öffentlichkeit. Sie hielt Vorträge und veröffentlichte 1907 das Buch über ihre „Newer ideals of peace“.

1912 unterstützte sie Theodore Roosevelt, Imperialist und Militarist, und die von ihm gegründete progressive Partei bei der Wahlkampagne. Das Programm der Partei beinhaltete die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, gesetzlichen Versicherungen, die Sanierung von Wohnvierteln, Wahlrecht für Frauen und grundlegende demokratische Maßnahmen, den Bau von zwei Kriegsschiffen jährlich, den Ausschluss der schwarzen Mitglieder der Südstaatendelegation und den Ausbau des Panamakanals als maritimischer Machtbasis. Sie rechtfertigte ihre Unterstützung damit, dass der Krieg weit entfernt wäre und die erstgenannten Punkte unumgänglich notwendig wären, da durch schlechte Wohn-und Arbeitsverhältnisse mehr Menschen erkranken oder sterben würden als im Krieg.Wie man an diesem Beispiel sieht, stand vor 1914 Krieg eher im Hintergrund ihres Denkens da sie der Überzeugung war, dass die Mehrheit der Leute gegen den Krieg wären. (Farrell, 1967, S.140ff)

4.1.2. Kriegszeiten

Seit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 beschäftigte Addams sich hauptsächlich mit Friedensthemen und den schrecklichen Konsequenzen des Krieges für die Demokratie und die Bevölkerung. Zusammenarbeit, Freundschaft und Kooperation wären wichtiger denn je. Am Anfang, als die USA noch eine neutrale Rolle spielten, standen viele hinter ihr und sie wurde angehört. Addams untersuchte die Auswirkungen des Krieges auf die Sozialarbeit, gründete die „Women´s peace party“ und wurde Präsidentin des Frauen-Friedenskongress in Den Haag. In Europa machte sie zu dem Zeitpunkt wichtige Erfahrungen, (Besuch verschiedener Regierungen um Friedensideale des Frauenkongresses zu verbreiten, Erleben der Armut..) die ihre pazifistische Überzeugung stärkten. Sie reiste durch Europa um den Regierungschefs den Vorschlag zu machen den Krieg durch Verhandlungen zu beenden. Um diese Zeit wuchs ihrer Meinung nach der pragmatische Pazifismus bei den jüngeren Männern der verschiedenen Länder Europas. Diese Männer betrachteten das Leben aus der Sicht der Erfahrungen. Die Bewohner der kriegsführenden Länder könnte man in zwei Gruppen teilen: die jungen Männer auf der einen Seite, die sie für stark genug hält Verhandlungen über ein friedliches Ende zu fordern, und die Kriegbefürworter auf der anderen Seite. Vor allem Amerika könnte eine große Rolle bei der Beendigung des Krieges spielen. Experten des internationalen Lebens und Menschen mit internationalen Erfahrungen könnten als Mediatoren dienen. Die beste Lösung wäre, dass Männer verschiedener Nationen zusammenkämen um den verschiedenen Regierungen Vorschläge vom sozialen und menschlichen Standpunkt zu unterbreiten.

Die Situation in Europa spitzte sich von Tag zu Tag zu. Um 1916 trat Addams verschiedenen Friedensgruppen bei.

Mit dem Eintreten der USA in den Krieg unterstützten selbst viele vor Beginn des Krieges überzeugte Pazifisten den Krieg. Addams schloss sich ihnen nicht an und blieb konsequent bei ihrer pazifistischen Haltung. Sie war „eine der wenigen in der Öffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten, die gegen den Eintritt Amerikas in den ersten Weltkrieg protestierten“. (Honegger, Wobbe, 1998, S.132) Anfangs hielt Addams weiterhin Vorträge, aber es wurde unmöglich für sie angehört zu werden und sie stand alleine da. In der Presse wurde gegen sie aufgehetzt und Bekannte wollten nichts mehr von ihr wissen. Es belastete sie schwer sich gegen die Überzeugung ihrer besten Freunde abzusetzen und sich gegen die Mehrheit zu wenden, aber“ in moments of crisis (die Fähigkeit) come to depend upon the categorical belief that a man's primary allegiance is to his vision of the truth and that he is under obligation to affirm it“. (Addams, 1960, S.151.)

Sie sagte nichts mehr gegen den Krieg, um nicht das Gegenteil ihres Willens zu bezwecken und versuchte durch das Aufmerksammachen auf Elend, Hunger der Kinder und Frauen ihre Überzeugungen zu vertreten.

Sie war weiterhin der Überzeugung, dass man mit Gewalt keine internationalen Probleme lösen kann. Trotzdem versuchte sie zumindest zu verstehen, warum man Krieg unterstützen könnte. Außerdem trat sie weiterhin für den Ausbau internationaler Beziehungen ein.

Sie wollte sich nützlich betätigen und sich für die Linderung der Leiden einsetzen, doch selbst das Rote Kreuz wollte nicht mit Pazifisten zusammenarbeiten, da sie ständig als Verräter und „prodeutsch“ angeprangert wurden.

1918 bot Herbert Hoover vom Ernährungsministerium ihr an, Öffentlichkeitsarbeit im Interesse ihrer pazifistischen Ideale zu betreiben. Sie machte aufmerksam auf den Hunger in der Welt und hob die Rolle der Frau als >Brotgeberin< hervor. Damit wollte sie Mitgefühl erreichen und die Lebensmittelverteilung nach Bedürfnis. (Farrell, 1967, S.171ff und Habicht-van der Waerden, 1999, S.106-112)

4.1.3. Nach Ende des Kriegs

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Addams Opfer der Anti-Bolschewismus Bewegung und wurde weiterhin lange Zeit verfolgt. Addams wurde aber wieder aktiver und kämpfte für ihre Ideale. Sie gründete soziale Institutionen und schaffte Methoden, die an Hand von konkreten Erfahrungen(Farrell, 1967, S.216) Durch „Miss Addams´ identification of peace with justice and her commitment to reform in order to make justice more real“ (ebd., S.215) wurde ihr Pazifismus zur Nachkriegszeit dynamisch.

Weiterhin engagierte sie sich in verschiedenen Friedensorganisationen und organisierte eine internationale Frauenkonferenz in Zürich, mit deren Mitgliedern sie die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit gründeten, die noch heute ihren Sitz in Genf hat. (ebd., S.213-215)Bis 1929 leitete sie als Präsidentin deren Kongresse. Ende der 20er Jahre erreichte sie fast wieder das Ansehen wie vor Beginn des Krieges. Addams erhielt viele Preise, unter anderem 1931 den Friedensnobelpreis als Anerkennung für ihre Friedensarbeit und die Arbeit in der Women International League for Peace and Freedom. 1935, kurz vor ihrem Tod, wurde sie auch in der WILPF für ihren Einsatz geehrt. (Habicht-van der Waerden, 1999, S.194ff)

4.2. Theoretische Gedanken zum Frieden

Kurz zusammengefasst kann man ihren Büchern folgende friedenstheoretische Gedanken entnehmen. Frieden war für Addams ein gesellschaftlicher Zustand, der Bedürfniserfüllung für alle Menschen und nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Das wichtigste Argument für das Scheitern des Friedens war für Addams die hohe Akzeptanz des Krieges und seine moralische Rechtfertigung. Gerade viele Männer wären der Ansicht, dass man Zivilisation nur entwickeln und retten könne, indem man in die unzivilisierte Welt eindränge um sie zu erobern. Ursachen des Krieges sah Addams im Zwang zur Selbstverteidigung, im Erhalten wollen nationaler Eigenart und Ideale gegenüber denen, die ins Land eindringen und es zerstören wollen.

Addams wollte auf verschiedenen Ebenen etwas verändern: auf individueller, auf lokaler, auf nationaler und vor allem auf internationaler. Sie beschäftigte sich sowohl mit Opfern, als auch mit Verursachern der Probleme.

Die Einübung interkultureller Kooperation war eines ihrer wichtigsten Mittel zum Erreichen eines dauerhaften Frieden. Alle Länder sollten sich zusammenschließen, einen internationalen Völkerbund bilden, die Regierungen sollten einen gemeinsamen Vertrag erstellen, in dem es unter anderem eine Vereinbarung gibt zur friedlichen Schlichtung in Streitfragen, nationales Recht sollte durch internationales ersetzt werden. Weiterhin sollten sich die Staaten gegenseitig kontrollieren auf Demokratie, Soziale Gerechtigkeit und Lebensbedingungen. Durch den wachsenden Internationalismus versprach Addams sich verstärkte Maßnahmen und gemeinsames Vorgehen gegen soziale Ungerechtigkeit.

Addams suchte „Wege zum Pazifismus über eine kooperative industrielle Entwicklung und eine erhöhte Beteiligung an demokratischen Prozessen.“ (Cathy, 1995, S.42) Durch einen aufgeklärten Industrialismus sollten die Destruktivität der Industriestaaten und die auf Destruktivität beruhenden Tugenden und Leitbilder abgeschafft werden. Statt militärischen sollten zivile Güter produziert werden. Neue Bilder von Mut und Heldentum ausgerichtet auf das Verhindern von Hunger, Krankheit, Unwissen und Ausbeutung sollten die alten der Kriegstugenden ersetzen. Die Wirtschaft und die Politik müssten auf menschliche Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet werden, müssten Rechenschaft über ihr Tun ablegen und zur Durchsetzung der Friedensideale arbeiten. Die Wahrung des Wohles und der physischen wie sozialen Sicherheit der ganzen Menschheit müsste im Mittelpunkt stehen. Auf lokaler Ebene müssten die Soziale Gerechtigkeit und Fürsorglichkeit als Gestaltungsprinzip dienen und Kooperation und Solidarität geschaffen werden. Es müssten auch hier neue Rollenmuster und soziale Strukturen entstehen, die Bedürfniserfüllung für alle Menschen garantieren. Auf individueller Ebene ginge es darum Menschen zu befähigen für ihre Friedensideale einzutreten (Förderung sozialer Empathie, Interesse für Internationales,..). (Staub-Bernasconi, 1995, S. 30f, Engelke, 1999, S.155ff)

4.3.Eigene Zweifel:

Addams war nicht die ganze Zeit der Überzeugung, dass ihre Einstellung richtig war. Durch Nachdenken, Literatur und Gespräche reflektierte sie immer wieder kritisch ihre Ansichten. Zu Zeiten der starken Kritik ihrer Haltung zweifelte Addams oft selbst an der Richtigkeit ihrer Position. Bei der Demokratie, die den Willen der Mehrheit wiederspiegeln soll, hat jeder das Recht frei seine Meinung zu vertreten, auch gegen die Mehrheit. Addams meinte, dass „der Pazifismus dem menschlichen Instinkt, Abneigung und Misstrauen demjenigen entgegenzubringen, der in Zeiten der Gefahr eine andere Meinung vertritt als die der Massen widerspreche“ (Eberhardt, 1995, 44)

(ebd., 1995, S.43f)

4.4. Nebenwirkungen oder fahrlässige Fehler? / Kritiklos pazifistisch?

Bis jetzt scheint es so, als ob Jane Addams die perfekte Pazifistin gewesen wäre, aber ich habe auch einige negative Aspekte ihrer Friedenspraxis gefunden. Wie schon in 4.1.1. beschrieben unterstützte Addams Theodore Roosevelt bei der Wahlkampagne. Als überzeugte Pazifistin unterstützte sie nebenbei den Bau von zwei Kriegsschiffen jährlich, den Ausschluss der schwarzen Mitglieder der Südstaatendelegation und den Ausbau des Panamakanals als maritimischer Machtbasis. Auch wenn sie sich damit rechtfertigte, dass der Krieg weit entfernt wäre und die erstgenannten Punkte unumgänglich notwendig wären, hat sie nicht ganz im Sinne ihrer pazifistischen Einstellung gehandelt.

Ein Raum von Hull House wurde zum Rekrutierungsbüro und die Aufforderung Addams einen Einbürgerungskurs in Hull House zu besuchen, führte dazu, dass mindestens ein Mann zwangsrekrutiert wurde, der vor dem Militär nach Amerika geflüchtet war.

Addams unterstützte vorbehaltlos Gewerkschaften, obwohl sie „make their appeal to loyalty for the union, to hatred and to contempt for the "non-union" man“ (Addams, 1907, S.144) und Gewalt gegen die „non-union man“ anwandten, was Addams nicht billigte. (Farrel, 1967, S.140ff)

5. eigene Meinung

Für mich wurde durch die Bearbeitung des Themas direkt klar, dass Addams Ansichten nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Die Leistungen der Nobelpreisträgerin sind enorm und man kann sich ein Beispiel an ihr nehmen. Und vor allem sind sie heute fast so aktuell wie damals. Der Unterschied zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander, Krieg ist ebenfalls ein aktuelles Thema geblieben, es herrscht eine große Arbeitslosigkeit, Migranten werden schlecht integriert und es kommt zum Rassismus. Welche Friedenstheorie ist heute vorherrschend? Kann man sie mit den Gedanken Addams´vergleichen? In dem Buch: „Frieden vor Ort: Alltagsfriedensforschung-Subjektentwicklung-Partizipationspraxis“ (Esser,..1996, 36ff) habe ich aktuelle Ansichten zur Friedensthematik gefunden. Man definiert Frieden nicht bloß mit der Abwesenheit von Krieg, sondern mit negativen und positivem Frieden: Als negativen Frieden bezeichnet man Prozesse der Gewaltreduzierung, als positiven Frieden Prozesse der Lebensverbesserung über die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinaus. Grundlagen für die Schaffung des dauerhaften Friedens wären die Änderung der Lebensbedingungen und der Haltungen anderen gegenüber.Abschaffung des Krieges, das gemeinsame Überlebensinteresse der Völker müssten im Mittelpunkt stehen. Lösungsorientierte Konfliktbearbeitung durch Empathie, Verantwortungsgefühl für weltweite Probleme und Notlagen und gleichberechtigte Teilnahmechancen am Leben für alle würden der Verhinderung struktureller Macht innerhalb der Gesellschaft und Verfestigung demokratischer Strukturen in allen Bereichen dienen. Kooperationen und Partnerschaften mit der Natur sind ein weiteres aktuelles Thema des Pazifismus. Kinder und Jugendliche müssten schon den Umgang mit Konflikten, Souveränität, Partizipationsverhalten und Widerstandsfähigkeit lernen, um sich jetzt und später aktiv für den Frieden einsetzen zu können.

Und dies müsse global sowie lokal alltags- und lebensweltorientiert geschehen. Diese Gedanken kommen mir irgendwie bekannt vor, es sind fast ausschließlich die selben Gedanken, die Addams schon hatte. Ihr Name, nicht aber die pazifistischen Ansichten sind in Vergessenheit geraten. Heute ist die Theorie etwas umfassender, man achtet mehr auf Konfliktlösungen und Kinder und Jugendliche werden mit einbezogen. Trotzdem frage ich mich, warum Addams nicht mit einem Wort als Vorläuferin erwähnt wird, wo sogar darauf aufmerksam gemacht wird, dass „bereits 1972 von Hentig darauf hin[wies], dass für Frieden insgesamt eine veränderte Haltung nötig ist“. (Esser, .., 1996, S.35) Bereits 1972! Warum nicht bereits 1907? Diese Frage wird wohl offen bleiben.

Darüber hinaus wird heute sogar zur „Einrichtung und große[n] Verbreitung von Nachbarschaftshäusern bzw. Nachbarschaftszentren [geraten], in denen Menschlichkeit entfaltet, Lebensräume gestaltet und wohnortnahe Handlungsmöglichkeiten zu globalen und lokalen Fragen erfahren und abgegangen werden können.“ Addams ist also ungesagt und wahrscheinlich unbewusst großes Vorbild der heutigen Friedensvision.

Ich fand die Bearbeitung des Themas hochinteressant: herauszufinden, wie und warum eine Frau Ende des 19. Jahrhunderts auf solche fortschrittlichen Gedanken kam, und vor allem der Vergleich mit der heutigen Sicht. Jane Addams erhält meine volle Bewunderung.

Literatur

Addams, Jane, (1960): Peace and Bread in Time of War, 2.Auflage, Boston: G.K. Hall & Co (Original publiziert von The Women's International League for Peace and Freedom, 1922-1945)

Addams, Jane, (1907): Newer Ideals of Peace, New York: Macmillan

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Details

Seiten
19
Jahr
2002
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107733
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Note
1
Schlagworte
Jane Addams Suche Frieden Theorien Sozialer Arbeit

Autor

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Titel: Jane Addams - Auf der Suche nach dem Frieden