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Strukturanalogien zwischen Mafia und Büro - Gemeinsamkeiten von Dynamiken von Macht und Herrschaft innerhalb formaler Organisationen und der Mafia

Seminararbeit 2002 7 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Sozialwissenschaften, die diese Bezeichnung verdienen, denken individuelle und organisatorische Phänomene in Bezug auf Gesellschaft. Konsequenterweise soll hier die These vertreten werden, dass, auf Grund der gesellschaftlichen Bedingtheit von jeglicher Organisationsform, egal ob sie jetzt Büro oder Mafia heisst, keine Unterschiede in der Ausübung von Macht und Herrschaft bestehen, da beide als Organisationen in einer kapitalistischen Gesellschaft gesellschaftlich geprägte Grundmuster reproduzieren. Oder, positiv ausgedrückt, es Gemeinsamkeiten struktureller Art gibt. Andererseits bekommt man im Büro die Pistole nur metaphorisch auf die Brust gesetzt. Es werden also auch Unterschiede herauszuarbeiten sein.

Zur Themenstellung: Natürlich kann man eine Dichotomie zwischen formalen Organisationsformen und weniger oder nicht-formalen Organisationsformen aufstellen. Das schmälert aber durch Vorstrukturierung den Erkenntnisgehalt einer Erörterung über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Büro und Mafia. Hier sollen sowohl Mafia als auch Büro als Formen von Organisation verstanden werden, erstmal gleichberechtigt und unabhängig von ihrem Formalisierungsgrad. Inwieweit dieser eine Rolle spielt, wird sich unter Umständen noch zeigen. Aus dem Gesagten geht hervor: Hier werden zwei Sammelbegriffe, nämlich Büro, als die heute in unserer Gesellschaft weitverbreitetste Organisationsform, und Mafia, eine scheinbare Randerscheinung gesellschaftlicher Organisationsformen in Bezug auf Macht und Herrschaft miteinander verglichen. Definiert werden beide Begriffe nicht, sie sollen aber im weiteren Sinne idealtypisch verstanden werden (ich beziehe mich in Bezug auf das Büro auf Max Webers bürokratische Organisation i.w.S als Form von formaler Organisation und in Bezug auf die Mafia auf die drei Formen süditalienischer Provenienz), was schon aus Gründen der Überbrückung von Historizität bei diesem Vergleich notwendig ist.

Beide Organisationsformen, Mafia und Büro sind gesellschaftlich bedingt. Beide Organisationsformen sind Teil der kapitalistischen Gesellschaftsformation, die durch den Widerspruch von Kapital und Arbeit konstituiert ist. Die Ursprünge der Mafia liegen in der Zeit sozialer Umstrukturierung. Sie entstand in der Übergangszeit von einem feudalistischen System mit weitgehend personalisierten Herrschaftsformen hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft mit überwiegend industrieller Wirtschaftsproduktion, einem Markt und einem staatlichen Gewaltmonopol. Die Form des Büros (i.e. der Bürokratie, beide müssen hier aus Platzgründen undifferenziert als Synonyme verstanden werden) ist ebenfalls erst mit der Monopolisierung staatlicher Herrschaft entstanden. Die Bürokratie wurde in Zeiten der Zentralisierung staatlicher Macht und der Nationalstaatsbildung unabdingbares Herrschaftsinstrument. Der moderne kapitalistische Staat ist ohne seinen Verwaltungsapparat nicht denkbar. Darüber hinaus ist die Organisation von Wirtschaftsunternehmen in einer kapitalistischen Gesellschaft ohne Bürokratie nicht denkbar. Wo die Akkumulation von Kapital durch die Spaltung von Arbeit und Kapital organisiert ist, muss, um möglichst große Gewinne zu produzieren, Arbeit kontrolliert und effektiviert werden. Dies wird erst durch die Anwendung von Herrschaftsmechanismen möglich. Die kapitalistischen Herrschaftsmechanismen werden von gesamtgesellschaftlicher Ebene auf die Ebene der Organisationsformen in Gesellschaft übertragen. Dazu zählt das Büro als weitverbreitetste Organisationsform in Gesellschaft. Das Büro ist einerseits Instrument der Herrschaftssicherung selbst und unterliegt aber gleichzeitig den Mechanismen der Beherrschung. Das Büro reproduziert Herrschaftsmechanismen für die Gesamtgesellschaft einerseits, wird aber andererseits durch die Gesellschaft geprägt. Es besteht eine Formenkorrespondenz, die sich bis auf individuelle Ebene in Form von psychischen Dispositionen durchschlägt. Das Wohl und Wehe weiter Bevölkerungsschichten hängt von der Unterwerfung unter die Organisationsform Büro ab. Durch Unterwerfung unter vom Kapital gesetzten Hierachien werden auf individueller Ebene Unsicherheiten absorbiert. Darüber hinaus werden über die Hierachien Wertvorstellungen transportiert, von der Spitze der in der kapitalistischen Gesellschaft auf Grund von Kapital Herrschenden bis an den untersten Lohnempfänger und von diesem wieder in die Gesellschaft zurück.

Gleiches gilt für die Mafia. Sie ist in ihrer gesellschaftlichen Disponiertheit ebenfalls ein Produkt kapitalistischer Herrschaft und sozialer Ungleichheit. Auch wenn die Mafia gerade aus dem Fehlen oder nicht stark genug durchgesetzen Gewaltmonopol des Staates einerseits und andererseits aus dem Mangel an "Civicness" (vgl. Putnam, er meint damit auf horizontalen Strukturen gebildete republikanische Strukturen) heraus ihre vertikalen Patron-Klient-Bezieungen aufbauen konnte, ist eine ihrer Hauptaufgaben Schutz durch Abschottung vor unerwünschter ökonomischer Konkurrenz zu bieten. Seit den 50er Jahren partizipiert sie mit unternehmerischen Tätigkeiten auf verschiedenen legalen und illegalen Feldern massiv am kapitaistischen System. Um ihre Schutzfunktion und letztendlich ihre Legitimität auf Grund eines (selbstproduzierten) Sicherheitsbedürfnisses aufrechterhalten zu können, bedient sie sich der staatsähnlichen Sanktionsmöglichkeit der Anwendung physischer Gewalt zur Durchsetzung ihrer Herrschaft.

Die Mafia unterscheidet sich in ihrem Entstehungsmoment also durch negative Abgrenzung von der durch sozialen Wandel neu entstehenden Gesellschaftsformation und den damit verbundenen neuen staatlichen Herrschaftspraktiken. Sobald sie aber als weitgehend staatsautonom konstituiert ist, ist sie bereit, die Herrschaftspraktiken aus dem Gesellschaftssystem zu übernehmen, gerade um an diesem partizipieren zu können.

Inwieweit sich die Organisationsformen Mafia und Büro in der Ausübung und Reproduktion gesellschaftlich bedingter Herrschaftsmethoden gleichen, soll jetzt u.a. auf der Grunlage von Klaus Türks Kreuztabellierung von Organisationsprinzipien und kapitalistischen Strukturprinzipien gezeigt werden (Türk 1997: 174). Die Ergebnisse der Kreuztabellierung enthalten die Rollen von Organisationen in kapitalistischen Gesellschaften.

Sowohl in der Mafia als auch im Büro werden Menschen an Hand ihres Verhältnisses zur jeweiligen Organisation kategorisiert. Mitglieder, Nicht-Mitglieder, Kunden, Arbeitnehmer, Führer und Gefolgschaft. In Bezug auf die Mitgliedschaft unterscheiden sie sich jedoch im Punkt der bedingten (Broterwerb) Freiwilligkeit im Büro gegenüber dem Zwangscharakter zumindest auf der Klient-Ebene der Mafia, wie der Fall Libero Grassi zeigt.

In Bezug auf den Punkt der Monofunktionalität gilt für beide Organisationsformen, dass durch die Orientierung auf einige wenige Ziele rational intendiertes Handeln erst möglich wird. Zielsetzungen stellen Ordnungskonzepte bereit. Diese unterscheiden sich weniger im Punkt der Profitmaximierung als in den Strategien, zu dieser zu kommen.

Rollentrennung findet sich auch in beiden Organisationsformen. Sowohl der Mafiosi als auch der Büroangestellte sind durch ihre Plazierung in einem hierachischen System auf eine bestimmte Rolle festgelegt, sobald sie in ihrem jeweiligen organisatorischen Kontext agieren. Der Bürgermeister eines kleinen calabrienischen Dorfes kann Bürgermeister oder Familienvater sein so viel er will, sobald er für die Mafia agiert ist er Mafiosi mit all den dazugehörigen Konsequenzen.

Im Punkt der Loyalität von Individuen gegenüber einem korporatistischen Akteur unterscheiden sich Mafia und Büro wiederum nur inhaltlich. Der Ehrbegriff der Mafia gehört eher der Vergangenheit an. Vielleicht ist an seine Stelle die im Büro übliche Dankbarkeit gegenüber der Firma getreten.

Die Liste der Beispiele ließe sich fortsetzen. Zuersteinmal wurde gezeigt, dass sowohl die Mafia als auch das Büro gesellschaftlich disponiert sind und durch ihre organisationale Rolle Herrschaft reproduzieren. Ihre Rolle innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaftsformation ist sich also durchaus ähnlich. Andererseits unterscheiden sie sich natürlich hinsichtlich ihrer Ziele und damit in der konkreten Ausformung ihrer Dynamiken von Macht Herrschaft. Dies gilt aber nicht nur für die Unterscheidung Mafia/ Büro, sondern natürlich auch für mafia- und büroimmanente Unterscheidungen. Ein Unternehmen der Schwerindustrie verwendet sicherlich andere hierachiesche Gebilde als ein Dienstleister in der Fotobranche. Es seien hier noch die wesentlichen Unterschiede zwischen Mafia und Büro aufgeslistet:

Ein wesentlicher Unterschied besteht im Grad der Rationalisierung der beiden Organisationsformen. Das Büro (das ja direkt aus Webers Rationalisierungstheorie emporsteigt) ist eine Form rationaler Herrschaft mit hohem Nachvollziehbarkeitsgrad. Grundkomponente ist Nachvollziehbarkeit durch schriftliche Fixierung, festgelegte Regeln, Rechenhaftigkeit, Aktenmäßigkeit, eine feste Verteilung von Kompetenzen und eine feste Hierachie. Die Einsicht in den Sinn dieser dadurch legal-rational konstituierten Legitimität läßt die pyramidenförmige Hierachie, die Durchdringung mit einer Befehl-Gehorsam-Struktur in Bezug auf die Zielerreichung der Gesamtorganisation nachvollziehbar erscheinen.

Die Mafia ist weit von diesem Formalitätsgrad entfernt. Den kann sie sich auf Grund ihrer Illegalität gar nicht leisten. Herrschaft in der Mafia ist traditional legitimiert. Zur letzten Sanktionierbarkeit ihrer Macht greift sie auf physische Gewalt zurück. Bedingungslose Unterwerfung oder Ausscheiden durch Tod sind die Alternativen. Die Möglichkeit des Ausscheidens im Büro, sprich die Freiwilligkeit der Teilnahme an der Organisationsform Büro, steht dem Zwangscharakter der Mafia gegenüber. Der Zwangsrahmen ist auf Büroebene weiter gesteckt. Nur die Lösung des materiellen Dilemmas, das tägliche Auskommen, steckt den äußersten Rahmen der Teilnahme.

Bezogen auf die Illegalität der Mafia, ist diese immer illegal, erreicht aber Anknüpfungspunkte an die Legalität durch ihre Kontakte zur Politik und ihre eigenen Wirtschaftsunternehmen. Im Normalfall ist das Büro innerhalb der staatlichen Ordnung legal. Die Grenzen zur Illegalität verschwimmen hier wie die Grenzen der Mafia zur Legalität.

Es wurde versucht, die zu untersuchenden Organisationen in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu setzen , gerade weil eine derartige Verortung in einen Bezugsrahmen im Seminar fehlt. Damit musste natürlich der Anspruch auf die Offenlegung der unterschiedlichen Herrschaftsdynamiken zurücktreten.

Literatur

Bruch, Michael, 1997: Betriebliche Organisationsform und gesellschaftliche Regulation. Zum Problem des Verhältnisses von Organisation und Gesellschaft in politökonomisch orientierten Ansätzen. S. 181-210 in: Theorien der Organisation. Die Rückkehr der Gesellschaft, hrsg. von Günther Ortmann et al., Opladen

Bea, Franz Xaver; Göbel, Elisabeth, 2002: Organisation, Stuttgart

Kieser, Alfred, 1999: Max Webers Analyse der Bürokratie, in: Kieser, Alfred (Hrsg.) 1999: Organisationstheorien, Stuttgart; Berlin; Köln

Krauthausen, Ciro, 1997: Moderne Gewalten. Organisierte Kriminalität in Kolumbien und Italien, Frankfurt/M.

Putnam, Robert D, 1993: Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton, NY

Türk, Klaus, 1997: Organisation als Institution der kapitalistischen Gesellschaftsformation. S. 124-176 in: Theorien der Organisation. Die Rückkehr der Gesellschaft, hrsg. von Günther Ortmann et al., Opladen

Weber, Max, 1972: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen

Details

Seiten
7
Jahr
2002
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107977
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1.0
Schlagworte
Strukturanalogien Mafia Büro Gemeinsamkeiten Dynamiken Macht Herrschaft Organisationen Mikropolitik Gruppen

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Titel: Strukturanalogien zwischen Mafia und Büro - Gemeinsamkeiten von Dynamiken von Macht und Herrschaft innerhalb formaler Organisationen und der Mafia