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Reichskanzler Georg Michaelis vor dem Reichstag in Berlin (19. Juli 1917). Eine Quelleninterpretation

Ausarbeitung 2003 9 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Form
Art der Quelle, Ort und Zeit, Verfasser, Adressat und Anlass ihrer Entstehung

II. Inhalt
Inhaltsangabe, sprachliche und inhaltliche Aufschlüsselung

III. Kontext
Verorten der Quelle in den größeren historischen Zusammenhang

IV. Einschätzung

Vorbemerkung

Meine Arbeit werde ich nach den Regeln des vereinfachten Analyseschemas gliedern:

I. Form

Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um eine Rede, die am 19.Juli 1917 vor dem Reichstag in Berlin gehalten wurde. Sie ist wahrscheinlich überliefert aus den stenografischen Protokollen und ist gekennzeichnet: (Verhandlungen des Reichstags. XIII. Leg.-Per., II. Session, Bd. 310, S.3570ff). Sie liegt mir als Fotokopie zur Bearbeitung vor.

Die Rede wurde von dem 59 jährigen - bürgerlichen - Reichskanzler Dr. Georg Michaelis gehalten, der am 14. Juli 1917 auf Drängen der 3. OHL unter Hindenburg und Ludendorff als Nachfolger Bethmann-Hollwegs (1909-1917) Reichskanzler wurde.

Der Reichstag, vor welchem diese Rede gehalten wurde, wurde von den sogenannten Mehrheitsparteien (Sozialdemokraten, Deutsche Fortschrittspartei, Zentrum) mit weit über 50% der Sitze dominiert, wobei die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion bildeten. Ein Teil der Sozialdemokraten wurde von den Angehörigen der USPD (unabh. Sozialdem. Part. D.) repräsentiert. Den Mehrheitsparteien standen die eher rechts anzusiedelnden Parteien gegenüber (freie konserv. Reichspartei, Konservative und die Nationalliberalen).

Das Datum 19. Juli 1917 läßt vermuten, dass der Anlaß der Rede die von den Mehrheitsparteien formulierte "Friedensresolution" des Reichstags war. ("richtig", Anm. Korrektor). Sie hatte ihren Ursprung in einer Initiative des erst 42 jährigen Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger, der im Hauptausschuß des Reichstages am 6. Juli 1917 unter anderem einen annexionslosen Frieden gefordert hatte, da der Sieg auch mit dem uneingeschräkten U-Boot-Einsatz nicht mehr zu erringen sei.

Das Deutsche Reich befand sich am 19. Juli 1917 mit seinen wenigen Verbündeten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien-seit 1915) seit 3 Jahren im Kriegszustand gegen mittlerweile 28 Staaten, zu welchen seit dem 6.4.1917 auch die USA gehörten. Diese hatten sich nach Erklärung des unbeschränkten U-Boot-Krieges (im Februar 1917) den Entente-Mächten angeschlossen.

Die Formbestimmung möchte ich abschließen mit der Bemerkung, dass nach dem 1. und nach dem 2. Abschnitt der mir in Fotokopie vorliegenden Rede durch das Auslassungszeichen: (...) auf 2 Redeabschnitte hingewiesen werden muß, die nicht vorliegen.

II. Inhalt

Im 1. Abschnitt weist Michaelis daraufhin, dass der Kaiser ihn zum Reichskanzler berufen habe und er bittet die Abgeordneten um vertrauensvolle Mitarbeit, in dem Geist, der sich in diesem dreijährigen Krieg herrlich bewährt hat.

(...)

Im 2. Abschnitt (nach einer Lücke im Abdruck der Rede) will er zum Kernpunkt der heutigen Debatte kommen, nämlich dass Deutschland den Krieg nicht wollte und ohne gewaltsame Vergrößerung zu einem ehrenvollen Frieden bereit sei. (Die Mehrheitsparteien applaudieren)

(...)

Im 3. Abschnitt (nach einer weiteren Redelücke) entschuldigt er mit seiner kurzen Amtszeit, dass er sich nicht "erschöpfend" über schwebende Fragen der inneren Politik äußern könne. Er würde sich auf dem Boden der allerhöchsten Botschaft vom 11. Juli "über das Wahlrecht in Preußen" stellen. Daraufhin erhält er BRAVO von links.

Im 4. Abschnitt betont er die Nützlichkeit und Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen den großen Parteien und der Regierung nach Möglichkeit ohne den bundesstaatlichen Charakter und die konstitutionellen Grundlagen des Reiches zu schädigen. Außerdem müßten Männer in leitenden Stellen ebenfalls das Vertrauen der großen Parteien in der Volksvertretung genießen. Dafür erhält er wiederum BRAVO von links.

Im 5. Abschnitt erwartet er diese Zusammenarbeit natürlich ohne Schmälerung der Führung in der Politik durch die Reichsleitung. Diesmal bekommt er Zustimmung von rechts.

Im 6. Abschnitt betont er zunächst seine Führung und schildert in bewegenden Bildern die schlimmen Zeiten und was man für ein schönes Deutschland als Ziel vor Augen habe. Natürlich soll es auch ein "MACHTVOLLES DEUTSCHLAND" sein, was man sich allen Feinden zum Trotz erkämpfen wolle. Dafür erhält er abschließend lebhaften, allseitigen Beifall.

Wie oben erwähnt, war Michaelis erst am 14.7.1917 Reichskanzler geworden; so ist seine Rede auch als eine Art "Regierungsprogramm" zu verstehen.

Der 2. Abschnitt bezieht sich auf die schon erwähnte Friedensresolution der Mehrheitsparteien, daher auch dieser lebhafte Beifall von diesen.

Die Textstelle im 3. Abschnitt "Botschaft vom 11.Juli" ist für mich im Moment ohne Hilfsmittel nicht zu erläutern. Im April hatte Wilhelm II. zwar eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts in Aussicht gestellt. Michaelis kam zwar aus dem preußischen Ernährungsamt, jedoch möchte ich nicht weiter spekulieren.

Der 4. Abschnitt wäre in soweit zu erläutern, dass Michaelis als Reichskanzler nur dem Kaiser und nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich ist. Er ist also - konstitutionell - nicht abhängig vom Parlament.

Darauf weist er in Abschnitt 5 noch einmal hin.

Der 6. Abschnitt wird sich sinngemäß wieder auf die Friedensresolution und den Kriegszustand beziehen.

Insgesamt gesehen wirbt Michaelis in diesem AUSZUG seiner Rede vom 19.7.1917 um die Parlamentarier und trägt damit den Veränderungen in den innenpolitischen Strukturen Rechnung.

III. Kontext

Wie in der Formbestimmung erwähnt, befindet sich das Deutsche Reich zu diesem Zeitpunkt im Kriegszustand mit 28 Staaten. Es hat nur wenige - und auch noch schwächere als es selbst - Verbündete. Um jetzt die Quelle zu verorten und die Rolle Michaelis auch vom innenpolitischen Aspekt her beleuchten zu können, werde ich den Kriegsverlauf kurz skizzieren müssen.

Nachdem die bündnispolitischen Dominosteine in den ersten Augusttagen umgefallen waren, hatten militärische Erwägungen über Politik und Diplomatie gesiegt. Der Schlieffen-Plan mußte schnell durchgeführt werden, um die erwartete langsame Mobilmachung Rußlands zu nutzen. Frankreich sollte unter Verletzung der belgischen Neutralität von Norden her bezwungen werden, um dann unter Vermeidung eines Zweifrontenkrieges die siegreichen Kräfte nach Osten werfen zu können. Doch der unglückliche Moltke (OHL) hatte den Plan seines Vorgängers verwässert. Außerdem stand England auf dem Plan und nach Marneschlacht und Rückzug zur Aisne erstarrte die Westfront in einem Schützengrabensystem von der belgischen Küste, über Nordfrankreich bis zum Elsaß. Falkenhayn löste Moltke ab.

Im Osten waren die Russen in Ostpreußen eingedrungen und nur das militärische Geschick Hindenburgs und Ludendorffs befreite es wieder. Das von den Österreichern nicht zu haltende Galizien wurde dann ebenfalls unter Beistand der Deutschen befreit. Der Durchbruch bei Gorlice zertrümmerte die russische Front. Die Front verlief von Kurland zunächst bis zur rumänischen Grenze. Jedoch als Rußland sich zunächst in Wolhynien erfolgreich erwies, wollten die Rumänen Anteil an der Beute (Siebenbürgen); wurden aber Ende 1916 fast vollständig besetzt und die Front verlängerte sich bis zum Schwarzen Meer. Serbien zu bezwingen dauerte 1 Jahr; dort verlief die Front von Adria bis Saloniki. Das sich ebenfalls etwas versprechende frühere 3-Bundmitglied Italien wurde 1917 endlich bis Piave zurückgeworfen.

Die Flotte war zu keinem Einsatz gekommen; das Lieblingskind des Kaisers konnte nur 1916 im Skagerak beweisen, dass es die Verluste des englischen Gegners wenigstens den eigenen gegenüber verdoppeln konnte. Durch die britische, weiträumige (Hunger)blockade der Nordsee war sie zur Untätigkeit verdammt. Die tauchenden U-Boote schafften auch nicht die Blockade zu brechen - sie konnten nur versenken und mußten nach Versenken der Lusitania (GB) 1915 (März), bei welchem hunderte Amerikaner starben, auf amerikanischen Druck ihr tun einstellen. Jedoch sah man ab Februar 1917 keine andere Möglichkeit, als den absoluten U-Boot-Krieg wieder zu beginnen. Dies veranlaßte den amerikanischen Präsidenten Wilson (60 Jahre alt) endlich den Ententemächten beizutreten.

Die Kolonien waren schon längst verloren; auch durch einen so fernen Gegner wie Japan (1914).

Was tat sich in Deutschland?

Kaiser Wilhelm kannte keine Parteien mehr, als Deutschland innerhalb kürzester Zeit mit der halben Welt sich im Kriege und auf Heimaterde sich "belagert" befand. Die Sozialdemokraten bewilligten am 4.8.14 die Kriegskredite mit. Sie erhofften sich damit die Annäherung ("und innenpolitische Reformen!",Anm. Korrektor) an eine Staatsform, deren Mitglieder sie teilweise noch als "vaterlandlose Gesellen" betrachtet hatte. Alle machten mit - auch die Gewerkschaften. Es herrschte Burgfrieden. Jedoch bald begann die große Einigkeit - wenigstens bei der SPD - zu bröckeln. Im Jahre 1916 bildete sich schon die SAG und im April 1917 wurden sie zur USPD (Gotha). Weiter links befand sich noch der Spartakusbund (Liebknecht, Luxemburg). Die Kriegsanleihen (insgesamt 9) wurden nicht mehr einstimmig bewilligt.

Falkenhayn mußte im August 1916 gehen und Hindenburg und Ludendorff personifizierten die 3. OHL. Verdun wurde gestoppt und Rumänien (siehe oben) überrollt. Sie waren Volkshelden. Nun wollte Hindenburg auch die "Heimatfront" aktivieren.

Er wollte

1. Verdoppelung bzw. Verdreifachung der Produktion

- und um die Arbeitskräfte dafür zu bekommen

2. ein Hilfsdienstgesetz.

Das 1. war gut für die Industrie. Der Staat zahlte ja; das 2. sollte nur Mittel zum Zweck sein, jedoch wurde es zu einer leichten Annäherung an das parlamentarische System, weil das "Original", welches sich Hindenburg durch seinen Plan wünschte so nicht die Zustimmung der Arbeiterschaft und ihrer Vertreter in Gewerkschaft und SPD fand. Erste Ansätze von Mitbestimmung.

Im September hatte Ludendorff schon geäußert, dass eine Militärdiktatur von Nöten sei. De facto konnte man es auch schon so sehen. Als Wilhelm II. sich von Bethmann-Hollweg (u.a. wg. des U-Boot-Krieges und der Friedensresolution) trennte, geschah dies auf Veranlassung von Ludendorff (Gebhardt, Band 18, und H.U. Wehler). Er und Hindenburg drohten mit Rücktritt. Wilhelm war ein "Schattenkaiser" geworden. Michaelis mußte her. Ein Bürgerlicher (der 1. bürgerliche Reichskanzler), ein Bürokrat aus dem preußischen Ernährungsamt, der vom Parlamentarismus nichts hielt. Nach Durchsetzung des totalen Kriegseinsatzes auch an der Heimatfront, jetzt ein Kanzler nach Ludendorffs Gnaden. In seiner Rede vom 19.7.1917 entkräftete er die Friedensresolution übrigens mit seinem kommentierenden "wie ich sie auffasse!". Später - am 25.7.17 - schrieb er an den Kronprinzen: "Ich habe mit meiner Interpretation der Resolution ihre Gefährlichkeit genommen. So kann man mit ihr jeden Frieden machen." (Gebhardt, Bd. 18) Einige Zeit später - so interpretiert man - war er auch die Marionette der OHL bei den diplomatischen Kontakten mit dem Nuntius des Papstes Benedikt, der helfen wollte Frieden zu schaffen.

Die Friedensresolution hatte nichts erbracht, jedoch Rußland war zusammengebrochen. Die "Geheimwaffe" LENIN, transportiert durchs Reich nach Petrograd, hatte gewirkt; Dez. 1917 Waffenstillstand und nach kurzem "Aufflackern" erfolgte am 3.3.18 der Frieden von Brest-Litowsk. Was für ein Frieden? Mit Annexionen und Besatzung und Reparationen stellte sich dieser Friedensschluß dar. Im Westen zog man sich zur Siegfriedlinie zurück - und konnte auf die Amerikaner warten.

Am 29.9.18 verkündete Ludendorff, dass nichts mehr ginge. ("Nach Scheitern der großen Westoffensive", Anm. Korrektor). Er forderte Friedensfühler - aber nicht durch die OHL - nein, durch eine parlamentarisch verantwortliche Regierung, um Wilson um den Finger zu wickeln. Hertling ging und Max von Baden kam - jedoch erst nach Rückfrage, ob es Ludendorff genehm sei.

Deutschland war zunächst für einige Zeit parlamentarische Monarchie. Am 9. November 1918 ging ER nach Spa und dann nach Doorn. Deutschland war Republik.

IV. Einschätzung

In seiner Rede versucht Michaelis das Vertrauen der Parlamentarier zu gewinnen. Er beruft alle edlen, wünschenswerten, vertrauensvollen, ehrenvollen, herrlichen und liebenswerten Eigenschaften, um die Abgeordneten für sich einzunehmen. Er weiß, dass er als 5. Nachfolger Bismarcks zu einem anderen Parlament als dieser spricht. Die Volksvertretung am 19.7. 1917 ist selbstbewußter als ihre Vorgänger und Michaelis ist eine Marionette der Militärdiktatoren Hindenburg und Ludendorff. Vielleicht eine, die nicht richtig funktioniert. Man könnte sagen, dass es doch eine ungeheure Entwicklung war - von der Volksvertretung ohne Einfluß auf den Kanzler - zu einer Situation, in welcher der Reichskanzler zu den frei und geheim gewählten Abgeordneten spricht, wie zu gleichberechtigten Verantwortlichen. Jedoch bleibt der Wermutstropfen, dass hinter dieser Rede nur kaltes, berechnendes Kalkül stand, um den Militärdiktatoren ("Kann man angesichts dessen, was sie ausführen, wirklich davon sprechen?", Anm. Korrektor) die Parlamentarier vom Halse zu halten. Was kam später dabei heraus? Als alles zusammenbrach stahlen sie sich aus der Verantwortung und überließen es den vorher von ihnen so verachteten Parlamentariern den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Die Dolchstoßlegende, die sie auch noch selbst erdachten, führte dann dazu, dass man einen Unterzeichner - später in der Republik - ermordete: Matthias Erzberger, der Mann, welcher die Friedensresolution vom 19.7.1917 in Gang gebracht hatte.

Köln, Universität am 12. März 2003

Robert Zielke

Kommentar des Korrektors:

Ausgezeichnete Formbestimmung und gut gelungene, präzise Inhaltsangabe. Vorzügliche Sachkenntnisse, die in differenzierter, überzeugender Argumentation vorgetragen werden. Eventuell hätte die Polarisierung "Siegfrieden" / "Verständigungsfrieden" noch deutlicher herausgearbeitet werden können.

Details

Seiten
9
Jahr
2003
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108049
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
Reichskanzler Georg Michaelis Reichstag Berlin Juli Eine Quelleninterpretation Semesterabschlußklausur

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Titel: Reichskanzler Georg Michaelis vor dem Reichstag in Berlin (19. Juli 1917). Eine Quelleninterpretation