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Öffentliche Meinung in Elias Canettis "Die Blendung"

Seminararbeit 2000 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Der Autor
1.2 Der Roman
1.3 Aufgabenstellung

2. Leitfaden zur Textanalyse: Fragen und Antworten
2.1 Gesellschaftliche Außenseiter (30/31)
2.2 Selbstgesuchte Einsamkeit und Druck der Öffentlichkeit (11/15)
2.3 Bewußtsein und Wirkung von öffentlicher Meinung (1/6)
2.4 „Vox populi vox Rindvieh“: Die konforme Masse (9/10/12)
2.5 Die „soziale Natur“ des Menschen und Isolationsfurcht (13/14/16/17)
2.6 Moralische Bewertung, Pranger und Tabus (20/26)
2.7 Ausdrucksformen öffentlicher Meinung (25)
2.8 Intellektuelle und andere Einflüsse (28/29)13

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang (Leitfaden zur Textanalyse)

1. Einleitung

1.1 Der Autor

Elias Canetti wird am 25. Juli 1905 im multikulturellen Rustschuk in Bulgarien als Kind spaniolischer Eltern geboren. Dort kommen auch seine beiden jüngeren Brüder Nissim und Georges zur Welt. Sechs Jahre später übersiedelt er mit seiner Familie nach Manchester in England. Nach dem unerwarteten Tod des Vaters zieht die Familie 1913 nach Wien, wo der junge Canetti die Volksschule besucht. Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebt er die begeisterten Massen auf den Straßen Wiens und wird von dieser Szenerie nachhaltig beeindruckt. 1916 übersiedelt die Familie in die neutrale Schweiz. Hier besucht der polyglott erzogene Elias Canetti das Realgymnasium der Kantonsschule Zürich, zieht aber auf Drängen seiner Mutter alleine nach Frankfurt am Main, um dort 1924 sein Abitur zu bestehen. Im gleichen Jahr übersiedelt er zurück nach Wien und beginnt ein Studium der Chemie. In einer Vorlesung lernt er hier seine spätere Frau Veza Tauber-Calderon kennen, die er 1934 heiratet. Im Frühjahr 1929 promoviert Canetti zum Dr. phil. nat. an der Universität Wien.

Anfang der dreißiger Jahre macht er sich einen Namen als Übersetzer englischsprachiger Bücher und schließt hier bereits seinen einzigen Roman „Die Blendung“ ab. 1935 wird dieser in Wien zum ersten Mal veröffentlicht bleibt aber völlig unbeachtet. Nach Hitlers Einmarsch in Wien emigrieren die Canettis über Paris nach London. Hier arbeitet der Schriftsteller fast ausschließlich an der kulturanthropologischen, sozialhistorischen Studie „Masse und Macht“, die 1960 in Hamburg erscheint. Erst im Zuge dieses Werkes findet auch sein Roman „Die Blendung“ in den sechziger Jahren internationale Beachtung und wird von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.

Im Mai 1963 stirbt seine Frau Veza, acht Jahre später sein Bruder Georges in Paris. 1971 heiratet Canetti Hera Buschor, mit der er eine gemeinsame Tochter Johanna hat. Noch im selben Jahr beginnt er den ersten Teil seiner dreiteiligen Autobiographie „Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend“, die 1977 publiziert wird. 1980 erscheint „Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931“ und 1985 „Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937“.

Die Veröffentlichung verschiedener Aufzeichnungen, Essays und Dramen bringen dem Schriftsteller jedoch bereits 1966 den Literaturpreis der Stadt Wien, sowie den Deutschen Kritikerpreis ein. Es folgen unter anderem der Georg-Büchner-Preis (1972), der Nelly-Sachs-Preis (1975), der Gottfried-Keller-Preis (1977) und schließlich der vielbeachtete Nobelpreis für Literatur 1981.

Am 14. August 1994 stirbt Elias Canetti in Zürich im Alter von 90 Jahren.

1.2 Der Roman

Elias Canettis Roman „Die Blendung“ ist die fiktive Geschichte des berühmten Sinologen Peter Kien, der in seiner 25.000 Bände umfassenden Privatbibliothek ein grotesk eigensinniges Höhlendasein führt. Er lebt in seiner eigenen abgeschotteten Welt der Bücher und intellektuellen Abhandlungen, die nur in seinem Kopf besteht. Doch die Welt in seinem Kopf und die Logik seines Denkens sind ohne Sinn für die reale Welt mit ihren Werten und Konventionen des alltäglichen Lebens. Dennoch zufrieden mit sich und seiner Sicht der Dinge lebt und forscht der Wissenschaftler ungehindert in seiner Wohnung im vierten Stock eines Mietshauses in Wien. In einem Anfall von Rührseligkeit entschließt er sich jedoch eines Tages, seine langjährige Haushälterin Therese Krumbholz zu ehelichen, da diese ihm acht Jahre lang gewissenhaft den Haushalt geführt und seine über alles geliebten Bücher abgestaubt hat. Durch die Heirat mit der ebenso naiven wie hinterhältig berechnenden Person entbrennt jedoch ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der heimischen Bücherfestung. In diesen Kampf greifen außerdem der sadistische Hausmeister Benedikt Pfaff und der bucklige Zwerg und Zuhälter Fischerle, eine zufällige Bekanntschaft Kiens, ein. Der Gelehrte wird plötzlich mit realen Tatsachen und den ungeschriebenen Gesetzen des menschlichen Alltags konfrontiert und flüchtet vor dieser Bedrohung der Außenwelt mit dem Verlassen seiner Wohnung nicht nur aus seiner gewohnten Umgebung sondern gewissermaßen auch in den Wahnsinn. Die maßlose Habgier, Brutalität und Weltfremdheit der „Gegenspieler“ Kiens münden schließlich in den Zustand völliger Verblendung, die für die Personen des Romans den Untergang bedeutet, den auch der eigens angereiste Bruder des Wissenschaftlers, der Pariser Psychiater Georg Kien, nicht mehr aufhalten kann.

1.3 Aufgabenstellung

In der vorliegenden Arbeit wird anhand der Fragen des Leitfadens zur Textanalyse (siehe Anhang) untersucht, ob und welche Rolle die öffentliche Meinung für die einzelnen Hauptpersonen und die Entwicklung der Handlung des Romans spielt. Mit Begriffen wie „die soziale Natur des Menschen“, „Konformitätszwang“, „moralische Bewertung“ oder „ungeschriebene Gesetze“ sollen möglichst viele verschiedene Aspekte öffentlicher Meinung und ihre Wirkung auf die Verhaltensweisen der Protagonisten erfaßt werden. Auch gilt es zu klären, ob sich die öffentliche Meinung im Laufe der Geschichte über Ort und Zeit verändert, oder welche manifesten und latenten Funktionen das Handeln der unterschiedlichen Personen hat. Interessant bei diesem Roman ist schließlich auch die Frage, ob Künstler und Wissenschaftler über der allgemeinen öffentlichen Meinung stehen sollten oder nicht.

2. Leitfaden zur Textanalyse: Fragen und Antworten

2.1 Gesellschaftliche Außenseiter (30/31)

Der Protagonist des Romans, Peter Kien, ist ein gesellschaftlicher Außenseiter par excellence. Ihm sind jegliche persönliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen zuwider, da er sie für ihre Lebensweise und Wertvorstellungen zutiefst verachtet:

„Wochentags schwitzte oder schwatzte man für sein Brot. Sonntags schwatzte man umsonst. Mit dem Ruhetag war ursprünglich ein Schweigetag gemeint. Was aus dieser wie aus allen Institutionen geworden war, ihr genaues Gegenteil, sah Kien mit Spott. Er hatte für einen Ruhetag keine Verwendung. Denn er schwieg und arbeitete immer.“

(Canetti, Elias: Die Blendung. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1999, S. 35)[1]

Aus diesem Grund hat er weder Freunde noch Bekannte und meidet den direkten sozialen Kontakt mit anderen Menschen so gut es nur geht. Stattdessen lebt er sehr zurückgezogen in seiner Bibliothek in seiner eigenen eingeschlossenen Welt der von ihm über alles geliebten Bücher, die aber durch eine völlige Personifikation dieser Bücher gekennzeichnet ist. Das geht soweit, daß er sich regelmäßig mit ihnen unterhält und sich in einer Ansprache sogar mit ihnen im „Kriegszustand“ gegen seine ungeliebte Frau verbündet.

Zwar genießt der Wissenschaftler in Fachkreisen ein Renommee als erster Sinologe seiner Zeit, und seine Abhandlungen und wissenschaftlichen Arbeiten gehören zu den wichtigsten und meistbesprochensten seines Faches. Dennoch weicht Kien seinem Ruhm beharrlich aus, indem er trotz vielfacher Einladungen nie auf Kongressen oder Banketten erscheint. Er teilt sich anderen Wissenschaftlern, wenn überhaupt, nur schriftlich mit. Kien sieht sich selbst als Genie und seine fachliche Kompetenz und sein daraus resultierender Ruf sind ihm sehr wohl bewußt, jedoch verabscheut er selbst seine Fachkollegen für ihren Drang nach Ruhm und Geld.

Auf dem Gebiet der Wissenschaft und speziell der Sinologie geht er dem allgemeinen Konsens seiner Kollegen damit durchaus voraus und gehört somit zur Avantgarde:

„Sätze, die er einmal niedergeschrieben hatte, galten als entscheidend und bindend. In strittigen Fragen wandte man sich an ihn, die oberste Autorität auch auf Nachbargebieten der Wissenschaft.“ (B., S.16)

In seinem Alltagsleben interessieren Kien jedoch weder vergangene oder aktuelle gesellschaftliche Werte, wie Familienbeziehungen oder bestimmte Kleiderordnungen, noch strebt er hier nach einer Rolle als Vorreiter auf irgendeinem Gebiet. Vielmehr setzt er eigene wirre Maßstäbe, nach denen er alles und jeden beurteilt. Dies wird besonders deutlich als er, von seiner Frau aus der Wohnung vertrieben, seine Zeit damit verbringt, alle Bücherläden Wiens abzuklappern, um seine „zweite Bibliothek im Kopf“ zu vervollständigen. Hierzu kauft er nicht etwa neue Bücher, sondern liest den verärgerten Buchhändlern eine Liste mit den von ihm gewünschten Werken vor, in der Meinung, er habe sie damit wieder erstanden. Sein ungepflegtes Äußeres und seine abnormen Verhaltensweisen bringen seine Mitmenschen dazu, ihn als Außenseiter zu stigmatisieren und zu ächten, wobei jenes unangepaßte Verhalten und die Mißachtung der ungeschriebenen Gesetze, wie höfliche Umgangsformen, wohl zu jeder Zeit und in den meisten Gesellschaftsformen verachtet wird. Doch Peter Kien nimmt die Welt mit anderen Augen wahr und schert sich nicht im geringsten um die öffentliche Meinung und seinen Ruf als Mensch:

„Denn ein zweites Mal betrat er dieselbe Buchhandlung nie. Als er es einmal irrtümlich tat, warfen sie ihn hinaus. Er war ihnen zu viel, seine Erscheinung bedrückte sie, und sie befreiten sich von ihr.“ (B., S.182)

Ein zweiter in dem Roman beschriebener Außenseiter ist der bucklige Zwerg und Zuhälter Siegfried Fischer, der von allen nur „Fischerle“ genannt wird. Zwar wird dieser in seinem Stammlokal, welches gleichzeitig sein Zuhause und mit seiner Frau als Prostituierten auch gewissermaßen seinen Arbeitsplatz darstellt, nicht als Außenseiter behandelt. Die Kundschaft aus einfachen Arbeitern, Betrügern und Verbrechern akzeptiert den ebenfalls ungebildeten aber geistig überlegenen Behinderten aus reiner Gewohnheit und aufgrund der in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Kunden seiner Frau, die das Lokal führt. Sein Äußeres und seine Vorliebe fürs Schachspiel, das er meisterhaft beherrscht, verschaffen ihm hier auch den Status eines Exoten. Doch kaum verläßt er seine gewohnte Schaffensstätte, macht ihn sein Buckel in der Öffentlichkeit zum Außenseiter und leichten Opfer für Pöbeleien:

„“Der Krüppel!“ ging es über den Platz, „Der Krüppel! Der Krüppel!“... Die Männer zerquetschten ihn zu Brei. Die Frauen erhoben ihn erst in den Himmel, dann zerkratzten sie ihn. Austilgen wollten ihn alle, bis nur der Schandfleck übrigblieb, der er war, sonst nichts.“ (B., S.356-357)

Um diesem Zustand zu entfliehen träumt Fischerle davon, im entfernten Amerika Schachweltmeister zu werden, und sich durch Ruhm und Geld den nötigen Respekt in der Gesellschaft zu verschaffen. Als Kiens „Famulus“ und Mitstreiter beim imaginären Wiederbeschaffen der Bücher erschwindelt er sich von dem weltfremden Sinologen die nötigen finanziellen Mittel, um seinen Traum wahrzumachen. Und schon beim Kauf eines einfachen Anzuges, bei dem er dadurch ausnahmsweise wie ein normaler Kunde behandelt wird, merkt der Zwerg, wie sehr sich öffentliche Meinung durch Geld und Erfindung eines gesellschaftlichen Titels beeinflussen läßt. Auch die Gestalt des Fischerle, der vor allem aufgrund seiner Größe und seines Buckels zum Geächteten wird beschreibt einen zeitlosen Außenseiter, da Leute, deren körperliches Aussehen auf irgendeine Art und Weise von der Norm abweicht, immer die Blicke der „Normalen“ auf sich ziehen.

Und schließlich beschreibt Canetti im letzten Teil des Romans noch die psychisch kranken Patienten des Psychiaters Georg Kien in Paris. Sie gelten ebenfalls als zeitlose Außenseiter, da sie gesellschaftlich nicht als vollwertige und mündige Bürger akzeptiert werden. Der Autor schreibt den „Verrückten“ allerdings nicht notwendigerweise Eigenschaften, Meinungen und Verhaltensweisen zu, die hinter dem allgemeinen Konsens des gesellschaftlichen Hintergrunds der Handlung zurückbleiben. Anhand eines konkreten Falles, eines in allen Verhaltensweisen einem Gorilla ähnelnden Patienten, vertauscht Canetti die Rollen und beschreibt Geisteskrankheit als den normalen Zustand, dem sich der Psychiater Georg Kien als nur vermeintlich Gesunder mit großer Bewunderung annähert:

„Er verzichtete auf einen Heilungsversuch. Die Fähigkeit, ihn von einem Gorilla in den betrogenen Bruder eines Bankiers zurückzuverwandeln, traute er sich, seit er sich seiner Sprache bemächtigt hatte, wohl zu. Doch er hütete sich vor einem Verbrechen,..., und ging zur Psychiatrie über, aus Bewunderung für die Großartigkeit des Irren,...“ (B., S.441)

2.2 Selbstgesuchte Einsamkeit und Druck der Öffentlichkeit (11/15)

Von den im Roman beschriebenen Personen leidet keine unter einer von der Gesellschaft verhängten Einsamkeit oder Isolation im Sinne von E. A. Ross. Zwar mangelt es gerade der Haushälterin und Ehefrau Kiens, Therese Krumbholz, sowie dem Hausbesorger Bendikt Pfaff an sozialen Kontakten zu Mitmenschen in ihrer näheren Umgebung, doch ist dieser Umstand weder von der Öffentlichkeit verhängt noch bewußt selbstgesucht. Vielmehr läßt dies die Art und Weise wie sie leben und ihre Begriffsstutzigkeit nicht zu. Therese genügen offensichtlich die Haushaltspflichten im Hause Kien und Pfaff hat zwar sowohl seine Frau als auch seine Tochter durch physische wie psychische Gewalt in den Tod getrieben, doch gibt er sich fortan mehr oder minder mit seiner Aufgabe als gewalttätig brutaler Aufpasser und Hausmeister zufrieden. Die einzig wirklich selbstgesuchte Einsamkeit schreibt Canetti dem Gelehrten Peter Kien zu:

„Ging er denn je nachts aus? Hatte ihn je eine Frau besucht, auch für eine Viertelstunde nur? Als sie damals bei ihm den Dienst antrat, hatte er ihr ausdrücklich erklärt, daß er Besuche, männliche oder weibliche, von Säuglingen angefangen bis zu Greisen, prinzipiell nicht empfange. Sie solle jedermann wegschicken. „Ich habe nie Zeit!“ Das waren seine eigenen Worte.“ (B., S.52)

Ihm wäre es am liebsten, er könnte alleine mit seinen Büchern leben, welche er wie Mitmenschen behandelt, indem er mit ihnen spricht und sie sogar als sein Volk bezeichnet. Auch die Tatsache, daß er im Laufe der Geschichte seine Haushälterin heiratet oder sich nach dem Rausschmiß aus seiner Wohnung mit Fischerle zusammentut, um seine in der Bibliothek zurückgebliebenen Bücher wiederzubeschaffen ändert nichts an seiner Einsamkeit, die er allerdings nicht als solche empfindet. Er ist nicht fähig und hält es auch nicht für nötig, richtige soziale Beziehungen mit anderen Menschen, und sei es seine eigene Ehefrau, einzugehen. Dieser Umstand wird nach Jahren der Zurückgezogenheit in seinem Umfeld allerdings auch fast vorbehaltlos akzeptiert und außer Therese übt keiner Druck auf den Eigenbrötler aus.

Alleine durch die Tatsache, daß er sich nur zum Zweck des Bücherkaufs morgens zwischen sieben und acht Uhr auf seinem Morgenspaziergang in die Öffentlichkeit begibt, sowie durch seine unangepaßten Verhaltensweisen und Ansichten und seine bizarre Weltsicht, isoliert er sich ständig aufs neue von seiner Umwelt. Als ihn etwa morgens ein ortsfremder Passant nach dem Weg zu einer Straße fragt, auf der sich beide zufälligerweise gerade befinden, reagiert er nicht, um den Mann nicht zu „beschämen“:

„Denn schließlich ist man nicht verpflichtet, auf die Dummheiten jedes Passanten einzugehen. Sich in Reden zu verlieren, ist die größte Gefahr, die einen Gelehrten bedroht. Kien drückte sich lieber schriftlich als mündlich aus.“ (B., S.15)

2.3 Bewußtsein und Wirkung von öffentlicher Meinung (1/6)

Dem untersuchten Werk liegt kein explizites Wissen oder Bewußtsein von öffentlicher Meinung zugrunde, welches für den Ablauf der Handlung des Romans von außenordentlicher Bedeutung ist. Öffentlichkeit spielt keine besondere Rolle. Vielmehr leben und handeln die Protagonisten hauptsächlich für sich in ihrer eigenen Welt und Wahnlogik, ohne bewußt allzuviele Gedanken an die Konventionen und Regeln der gesellschaftlichen Außenwelt und Öffentlichkeit zu verlieren. Daher spielt auch das Konzept der sozialen Kontrolle lediglich eine sehr untergeordnete Rolle. Überhaupt keine Erwähnung als Faktor zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung finden die Massenmedien wie Zeitung oder Radio: Eine ver öffentlichte Meinung gibt es nur in den Büchern Peter Kiens, und die ist so fachspezifisch, daß nur er selbst darüber im Bilde ist.

Eine Ausnahme stellt allerdings der bucklig behinderte Zwerg Fischerle dar. Hier beschreibt Canetti anhand eines Traumes genau, wie dieser trotz der vermeintlich uneingeschränkten Liebe seiner Frau unter seinem Äußeren und seinem Status als verkannter Schachspieler leidet. Als Fischerle mit dem Gelehrten Kien in einem Hotel übernachtet, phantasiert der kleine Mann im Schlaf von einem Titel als Schachweltmeister im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Amerika, welcher ihm die Türen zu Titel, Ruhm und Geld in der Öffentlichkeit öffnen würden:

„Die Polizei mischt sich ein, natürlich. Sie wollen ihn wieder einsperren. Nein, nein, meine Herren, jetzt geht das nicht mehr so einfach, jetzt schmeißt er mit dem Geld um sich, und die Polizei beehrt sich, ihn freizulassen. ... Wirklich, wo hat er die Augen gehabt, sein Bild ist überall ohne Buckel. Weg ist er. Er hat ihn nicht.“ (B., S.215)

2.4 „Vox populi vox Rindvieh“: Die konforme Masse (9/10/12)

Die Gebrüder Peter und Georg Kien sehen öffentliche Meinung beide auf ihre eigene unterschiedliche Art und Weise als töricht, beschränkt und als eine Gefahr für das Wohlergehen des Allgemeinwesens an.

Der Sinologe Peter Kien verachtet die Lebensweise und Wertvorstellungen seiner Mitmenschen, wie bereits unter 2.1 beschrieben, zutiefst, da sie ihm intellektuell nicht gewachsen sind. Nichtsdestotrotz findet er eines Abends ganz gegen seine Gewohnheit den Weg in das Lokal, in welchem der ihm noch nicht bekannte Fischerle und seine Frau leben und arbeiten - es heißt paradoxerweise „Zum Idealen Himmel“ und steht in dem Roman stellvertretend für den Sittenverfall und die Engstirnigkeit und Bosheit der Masse. Hier treffen also die unbescholtene und ehrliche Bildung des Gelehrten auf die unvorstellbare Dummheit, Einfältigkeit und Niedertracht der Masse:

„Kien schluckte. An ihrer Etymologie sollt ihr sie erkennen. Welch ein Lokal! Er schluckte und schwieg. Es war das Beste, was ihm in dieser Mördergrube einfiel.“

(B., S.196)

Als er schließlich seine prall mit Geld gefüllte Brieftasche hervorholt, um Fischerle zu beschenken, wird er kurze Zeit später auch schon zusammengeschlagen und ausgeraubt. Canettis Intention mit dieser Darstellung ist nicht nur, die vorhandenen Standesunterschiede aufzuzeigen, sondern vor allem, die Träger der öffentlichen Meinung, nämlich die Masse, als hinterlistig und bösartig zu beschreiben.

Der Psychiater Georg Kien hat mehrere Gründe, seine Mitarbeiter in der Anstalt, für die er Bezeichnungen wie „Affen“ oder „Scheuklappenherzen“ verwendet, zu verachten. Diese haben nämlich eine ganz andere Auffassung von ihrem Fach:

„Sie betrachteten die Psychiatrie als ein Spezialgebiet der Medizin, sich selbst als Verwaltungsbeamte für Irre. Was in ihr Fach einschlug, hatten sie sich mit Fleiß und Hoffnung angeeignet. Sie gingen mitunter mal auf die verrückten Behauptungen der Kranken ein, wie es die Lehrbücher, aus denen sie ihre Wissenschaft bezogen, empfahlen. Vom ersten bis zum letzten haßten sie den jungen Direktor, der ihnen täglich einschärfte, daß sie die Diener und nicht die Nutznießer der Kranken seien.“ (B., S.443-444)

Canetti benutzt die Darstellung der Assistenten Georg Kiens, um zu beschreiben, daß auch kultivierte und gebildete Menschen mit einem hohen sozialen Status wie Ärzte kritiklos in der gemeinen Masse aufgehen, und sich in ihren Vorstellungen und Meinungen vollständig der vorherrschenden öffentlichen Meinung anpassen. Das Bild der konformen Masse, deren Einfluß sich nur die Geisteskranken entziehen können, steht bei Canetti daher stellvertretend für „vox Rindvieh“. Konformität ist einfach - würden seine Assistenzärzte sich in Bezug auf ihre Arbeit deviant verhalten, statt die vorgegebenen vermeintlich richtigen medizinischen Standpunkte einfach zu übernehmen, müßten sie sich nicht nur aktiv ihre eigene Philosophie und Schaffensweise kreieren, sondern gingen auch das Risiko ein, von ihrem beruflich sozialen Umfeld verstoßen und isoliert zu werden:

„Die Wissenschaft hatte ihnen den Glauben an Gründe eingetrichtert. Als Menschen von Fracktemperament hielten sie an den Mehrheitssitten und - anschauungen ihrer Zeit treu fest. Sie liebten den Genuß und deuteten alles und jeden mit dem Wunsch nach Genuß; eine Modemanie der Zeit, die sämtliche Köpfe beherrschte und wenig leistete.“ (B., S.449)

2.5 Die „soziale Natur“ des Menschen und Isolationsfurcht (13/14/16/17)

„Seine soziale Natur veranlaßt den Menschen, die Absonderung zu fürchten, unter anderen Menschen geachtet und beliebt sein zu wollen. Wahrscheinlich werden wir erkennen müssen, daß diese Anlagen erheblich zum Gelingen menschlichen Gemeinschaftslebens beitragen.“[2]

Aufgrund seiner geistigen Verwirrtheit, die im Verlauf des Romans immer mehr in Geisteskrankheit umschlägt, lassen sich Peter Kien weder eine soziale Natur in diesem Sinne, noch eine daraus resultierende Furcht vor der Isolation seiner Mitmenschen zuschreiben. Isolationsdrohung ist hier also kein Faktor im Prozeß der öffentlichen Meinung. Würde er mehr auf die Urteile und Warnungen seiner Umwelt reagieren, so wäre er sicher nicht so weit ins soziale Abseits gerutscht, welches am Ende trotz der Rettungsversuche seines Bruders sein Tod bedeutet. Kiens individuelle Natur ist dafür so stark ausgeprägt, daß es ihm genügt, alleine für sich, in der Welt in seinem Kopf zu leben. Und seine Welt ist seine Bibliothek mit den Büchern, die er quasi als seine Mitmenschen betrachtet. Doch nicht einmal die Trennung von diesen vermögen irgendwann noch wirklich bis zu seinem verwirrten Geist vorzudringen. Er sieht diese Isolation von der „Öffentlichkeit“ seiner Bücher, den Rausschmiß aus seinen eigenen vier Wänden, als das Einsperren von seiner Ehefrau Therese:

„Er steigerte ihren Zorn, bis sie ihn, besinnungslos, aus seiner eigenen Wohnung warf. Draußen war er, erlöst. Sie hielt sich für die Siegerin. Er sperrte sie in die Wohnung ein. Sie entkam gewiß nicht, und nun war er vor ihren Anschlägen vollkommen sicher.“ (B., S.187)

Sein Bruder Georg hingegen ist ein sehr feinfühliger Mensch, sensibel für Stimmungen und Meinungen in seinem Umfeld. Seine Fachkollegen sind ihm nämlich alles andere als wohlgesonnen, und sehen in ihm einen ähnlich Verrückten wie die Insassen der Klinik. Dennoch vermeidet er es, sich durch Anpassung um jeden Preis beliebt zu machen. Somit steckt er in seiner Position als Anstaltsleiter einer Psychiatrie bisweilen durchaus in einem Konflikt zwischen seiner sozialen und individuellen Natur. Denn er muß die Äußerlichkeiten berücksichtigen, an welche er sich als Chef der Anstalt zu halten hat, heilt die Kranken aber mit seiner ganz eigenen Philosophie und Methode. Somit hält er dem Isolationsdruck seiner Umwelt stand und wird trotzdem durch die große Anzahl an Heilungen seiner Patienten bestätigt.

Anhand der Haushälterin und Ehefrau Kiens, Therese Krumbholz, beschreibt Canetti mit viel Humor einige Aspekte der sozialen Natur des Menschen. Trotz der Heirat mit Kien träumt Therese immer noch von der großen Liebe, dem Mann ihres Lebens, den sie in dem ihr lediglich aus finanziellen Interessen heraus schmeichelnden Möbelverkäufer Herrn Grob gefunden zu haben gedenkt. Von ihm läßt sie sich betören, putzt ihr Äußeres heraus so gut es eben geht und streift schließlich sogar den Gedanken an einen Giftmord an Kien, um mit dem Möbelverkäufer ein eigenes Geschäft aufzumachen. Als dieser jedoch merkt, daß bei Therese kein Geld zu holen ist, beleidigt er sie zum Abschied auf gemeine Art und Weise. Gegenüber Grobs Verhaltensweisen und Reaktionen ist sie äußerst sensibel und wägt später jedes Wort und jede Reaktion von ihm genau ab, obwohl ihr einfaches Wesen seine Hinterlistigkeit genausowenig bemerkt, wie den Haß ihres Ehemannes. Sie hat Angst, von Grob, ihrem einzigen Bekannten in der Öffentlichkeit, den sie auch dümmlich Herr Puda nennt, wegen ihres Alters oder Aussehens abgewiesen zu werden und beschließt daraufhin, ihn durch Taten für sich zu gewinnen. Bei einer zwanghaften öffentlichen Umarmung coram publico im Möbelgeschäft muß sie jedoch, ohne dies wirklich wahrhaben zu wollen, erfahren, daß sie sich damit für ihn und in der Öffentlichkeit endgültig disqualifiziert:

„Herr Puda schämte sich, er riß und riß, sie ließ ihn nicht los, sie hatte ihre Hände auf seinem Rücken gewaltig verschränkt. Er schrie: „Bitte gleich, Gnädigste, bitte sehr, Gnädigste, so lassen Sie mich doch los, Gnädigste!“ Ihr Kopf lag an seiner Schulter, und seine Wangen waren wie Butter. Warum schämt er sich? Sie schämt sich nicht. ... In nächster Nähe stand ein Haufen Leute, sie lachten, als wären sie dafür bezahlt.“ (B., S.300-301)

2.6 Moralische Bewertung, Pranger und Tabus (20/26)

Im dritten und letzten Teil des Romans geht Canetti unter der hochironischen Überschrift „Der gute Vater“ noch einmal genau auf den Hausbesorger Benedikt Pfaff ein. Der überaus gewalttätige, pensionierte Polizeibeamte tyrannisiert, mißbraucht und schlägt seine Frau und seine Tochter von morgens bis abends auf brutalste Art und Weise, ohne auf die geringste Gegenwehr von ihnen zu stoßen. So nimmt er ihren Tod billigend in Kauf:

„Oft wartete er volle fünf Minuten aufs Essen. Dann aber riß ihm die Geduld, und er prügelte sie, noch bevor er satt war. Sie starb unter seinen Händen. Doch wäre sie in den nächsten Tagen bestimmt und von selbst eingegangen. Ein Mörder war er nicht. ... Am Tage nach der Beerdigung begann sein Wonnemond. Ungestörter als bisher verfuhr er mit der Tochter nach Belieben.“ (B., S.402)

Die Tochter gibt sich in dieser unerträglichen Situation schließlich auch auf und stirbt an der Schwindsucht. Der Tabubruch von Gewalt und Inzest findet hier zwar nicht wirklich in der Öffentlichkeit statt, doch sind Pfaffs Taten allen Bewohnern im Mietshaus außer Peter Kien hinreichend bekannt, und keiner schreitet ein, aus Angst vor dem Aggressor, der als ehemaliger Beamter eigentlich für die Einhaltung der Gesetze zuständig ist. Insofern ist es nicht weit her mit der Moral der Leute: Die Hausgemeinschaft bewertet Pfaff zwar im Stillen negativ, jeder scheint aber letztendlich nur um sein eigenes Schicksal bekümmert. Das Absurde an dieser Beschreibung ist, daß Pfaff in seiner Funktion als Hausmeister dafür da ist, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er tut dies sogar mit Hilfe eines Gucklochs am Eingang, vor welchem er als Voyeur täglich stundenlang kauert und so jeden, der das Haus betritt abfangen und im Zweifelsfall verprügeln kann. Erst am Ende des Romans wird Pfaff von Georg Kien, wenn auch nicht bewußt und öffentlich, an den Pranger gestellt und verläßt das Haus, da er sich durch sein schlechtes Gewissen, dem Wissen um die eigentliche Schuld des Todes beider Frauen, doch erpreßbar zeigt.

An anderer Stelle beschreibt Canetti, wie sich Fischerle bei Bekannten in einer Spelunke mit dem von Kien erschwindelten Geld einen falschen Paß besorgt, um seine Reise nach Amerika anzutreten. Dabei spricht der Behinderte in Anlehnung an den Titel des Wissenschaftlers davon, daß er ohne einen Doktortitel Angst habe in der Fremde. Die Aussagen seiner zwielichtigen Bekannten zeigen allerdings deutlich, daß Fischerle hier ein Tabu angesprochen hat, woraufhin sich die öffentliche Meinung schonungslos auf ihn entlädt und ihn an den Pranger stellt:

„Der Doktor ist unmöglich, brüllten sie durcheinander, weil ein Krüppel nicht Doktor werden darf. Krüppel und Doktor zugleich, das gibt’s nicht. Das wär‘ noch schöner! Ein Doktor braucht einen guten Leumund. Krüppel und schlechter Leumund ist dasselbe. Das wird er zugeben. Ob er vielleicht einen Krüppel kenne, der Doktor sei? (B., S.375)

2.7 Ausdrucksformen öffentlicher Meinung (25)

Als eine Ausdrucksform öffentlicher Meinung in dem Roman kann die Rolle der Polizei interpretiert werden, wobei hier genau zwischen öffentlicher Ordnung und öffentlicher Meinung unterschieden werden muß.

Als Kien vor der Pfandleihanstalt „Theresianum“ steht und in seinem Wahn alle Leute anspricht, die dort ihre Bücher versetzen wollen, um ihnen diese abzukaufen, kommen zufällig auch der Hausbesorger und Therese dorthin, um einige der teuersten Bücher aus dem Bestand des Gelehrten selbst zu verscherbeln. Ein großer Streit um die Bücher, in welchen sich auch ganz schnell völlig unbeteiligte Personen einmischen und mitmachen läßt nicht lange auf sich warten. Doch Kien wird am Ende ungerechterweise des Diebstahls beschuldigt und die herbeigeholte Polizei muß für Ordnung sorgen:

„Die Menge umringt die Polizei mit Bewunderung. An der Uniform spürt man, was die immer dürfen. Die anderen dürfen es nur, solange die Polizei nicht da ist. Bereitwillig macht man Platz. Männer, die hart um ihre Stellung gekämpft haben, geben sie zugunsten der Uniform auf.“ (B., S.320-321)

Die am Kampf beteiligten, Kien, Therese und der Hausbesorger werden schließlich mit auf die Wache genommen, um den Sachverhalt zu „klären“. Doch wird dort zuallererst Kien auf entwürdigende Art und Weise ausgezogen und dann streng verhört. Seine Personalien auf dem Ausweis mit Namen und Herkunft werden ihm aufgrund seiner vorübergehenden Stummheit nicht geglaubt und als gefälscht erachtet.

Der Aufruhr und die Schlägerei in der Pfandleihanstalt sind mit diesen ganzen Maßnahmen zwar beigelegt, die Beamten stellen also wohl die öffentliche Ordnung wieder her, doch tun sie dies fälschlicherweise genau im Sinne der einfältig dummen öffentlichen Meinung. Die einzelnen Polizisten werden nämlich von Canetti höhnischerweise nicht schlauer beschrieben als die allgemeine Öffentlichkeit, die beschränkte Masse.

2.8 Intellektuelle und andere Einflüsse (28/29)

Der Sinologe Peter Kien und der Psychiater Georg Kien gelten beide als hochbegabte Intellektuelle mit weitem geistigen Potenzial auf ihrem jeweiligen Fachgebiet und haben dort damit auch eine beneidete Vorreiterrolle inne. Und obwohl sich ihre Charaktere sowie ihre wissenschaftlichen Zweige aufs Äußerste unterscheiden, verachten beide gleichermaßen die meisten ihrer Fachkollegen aufgrund ihrer herkömmlichen und beschränkten Sicht der Dinge zutiefst. Ein gewisser Ruhm ist beiden sicher, da sie sich mit ihrer unorthodoxen Herangehensweise und ihrem Fleiß einen internationalen Namen gemacht haben. Ihre fachliche Meinung und Beurteilung wird in den entsprechenden wissenschaftlichen Kreisen als überaus einschneidend und wichtig erachtet. Georg Kien hat beispielsweise die Regeln der Psychiatrie völlig umgekrempelt:

„Daß keiner früher darauf gekommen war! Man beeilte sich, kleine Brocken von seinem Ruhm zu erschnappen, indem man sich zu ihm bekannte und seine Methoden in den verschiedenartigsten Fällen erprobte. Der Nobelpreis war ihm sicher. (B., S.443)

Als sehr starken anderen Einfluß auf die öffentliche Meinung beschreibt Canetti auch die Einfältigkeit und das Massenverhalten der Menschen. Bei dem unter 2.7 beschriebenem Kampf verselbstständigt sich die Meinung der grundlos mitbeteiligten Personen und der schaulustigen Masse zu Schuld oder Unschuld der drei Protagonisten, und die unglaublichsten Gerüchte machen rasend schnell die Runde bis weit vor die Pfandleihanstalt. Man spricht plötzlich von Schüssen und Mord, später gar von einem Baron und einer Baronin mit einem Perlenkollier. Und immer wieder werden die unterschiedlichsten Sündenböcke ausgemacht, die angeblich alles zu verantworten haben. Jeder scheint sich irgendwie einmischen zu wollen: „ Für denjenigen, der sich am Lynchen beteiligt, ist umgekehrt gerade bezeichnend, daß er alle Vorsicht außer acht läßt, er befindet sich nämlich nicht als einzelner unter der scharfen Beobachtung der anderen, die sein Verhalten billigen oder ablehnen, sondern er ist völlig aufgegangen in der anonymen Masse und auf diese Weise befreit von der sozialen Kontrolle, die ihn als Individuum sonst auf Schritt und Tritt begleitet, solange er sich im geringsten in öffentlicher Sichtbarkeit oder Hörbarkeit bewegt.“[3]

3. Fazit

Aufgrund der persönlichen Eigenschaften der einzelnen Charaktere in Elias Canettis Roman „Die Blendung“ gestaltet sich die Untersuchung auf öffentliche Meinung äußerst schwierig, bringt aber zugleich auch einige interessante Aspekte mit sich. Die Handlung spielt nämlich zu einem großen Teil völlig abgeschottet von der öffentlichen Meinung, da sich gerade der Protagonist Peter Kien in seinem individuell zurückgezogenen Leben und in seiner zunehmenden Geistesgestörtheit überhaupt nicht von der Öffentlichkeit beeinflussen läßt. Dementsprechend wenig kommt diese zur Sprache und muß oft zwischen den Zeilen gesucht werden. Doch beschreibt der Autor anhand der anderen Personen, Georg Kien, Therese, dem Hausbesorger Pfaff und Fischerle mit viel Sprachgewandtheit die soziale Natur dieser Menschen und die manchmal absurden moralischen Werte, die ihnen eigen sind.

Allerdings bleiben viele Fragen aus dem Leitfaden zur Textanalyse unbeantwortet. Es wird beispielsweise kein Gedanke von Weltöffentlichkeit ausgedrückt, die Einflüsse öffentlicher Meinung auf Bereiche wie Politik, Recht, Religion, Wirtschaft und Kunst werden so gut wie gar nicht beschrieben, und ein im Roman aktueller Zeitgeist oder allgemein öffentliches Meinungsklima kommen nur indirekt zur Sprache. Letzteres beschreibt Canetti durch das Verhalten der Masse, die, einmal in Bewegung gesetzt, ein völliges Eigenleben entwickelt. Doch der Autor bewertet nicht: Der Leser soll sich seine eigene Meinung über die Dummheit und „Verrücktheit“ der handelnden Personen machen, was ihn bisweilen fast verzweifeln läßt, da er oft absehen kann, zu welchen Mißverständnissen die fehlerhafte Kommunikation zwischen ihnen führt.

Für die eigentlich zentrale Frage, ob sich öffentliche Meinung über Ort und Zeit verändert, ist dieser Roman ungeeignet, da innerhalb der erzählten Zeit kein bedeutender Wandel der öffentlichen Betrachtungsweise gesellschaftlich wichtiger Themen beschrieben wird. Zwar findet bei den einzelnen Personen eine persönliche Veränderung statt, doch ist dies nicht von allgemein öffentlichem Interesse. Lediglich Georg Kiens Neuerfindung psychiatrischer Behandlungsweisen kann trotz des geringen Einflusses auf seine direkten Fachkollegen als eine wichtige Veränderung über die Zeit gesehen werden.

Die Frage, ob Wissenschaftler über der öffentlichen Meinung stehen sollten kann eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden. Denn würden sich Peter und Georg Kien von den vorherrschenden Meinungen und Auffassungen ihres jeweiligen wissenschaftlichen Metiers leiten lassen, wären sie niemals in der Lage, etwas Neues zu schaffen, und solch eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Literaturverzeichnis

- Canetti, Elias: Die Blendung. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1999
- Canetti, Elias: Masse und Macht. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1997
- Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung: Die Entdeckung der Schweigespirale. Ullstein, Frankfurt/Main; Berlin 1996
- http://www.edvg.co.at/gmmf/main_de.htm (Stand 05.01.2001)

Anhang

- Leitfaden zur Textanalyse (Fragenkatalog)

Literaturstudien zur Öffentlichen Meinung

- Leitfaden zur Textanalyse -

1. Kommt in dem Werk ein Wissen (explizit) oder Bewußtsein von öffentlicher Meinung zum Ausdruck, unabhängig davon, ob der Begriff selbst genannt wird oder nur Synonyme?

Falls Ja. Welches Verständnis von öffentlicher Meinung liegt dem behandelten Werk zugrunde? Wird öffentliche Meinung beschrieben als soziale Kontrolle (latente Funktion, Integrationskonzept, begriffsgeschichtlich alte Wurzel) oder als kritische Urteilskraft (manifeste Funktion, Elitekonzept, ver öffentlichte Meinung), oder wechselnd sowohl das eine wie das andere? Welche Schlüsselbegriffe lassen sich dazu finden?

2. Finden sich in dem Werk Hinweise auf andere Autoren? Knüpft das Werk ausdrücklich an diese Autoren an oder werden sie nur beiläufig erwähnt?

3. Konzentriert sich das Werk auf die Darstellung, wofür oder wogegen die öffentliche Meinung zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gewesen war? Gedacht ist an Themen der öffentlichen Auseinandersetzung.

4. Wird in dem Werk der Gedanke der Weltöffentlichkeit oder Weltmeinung ausgedrückt?

5. Kommt eine Wirkung von öffentlicher Meinung auf bestimmte Bereiche zum Ausdruck, zum Beispiel auf die Politik, das Recht, auf die Religion, auf Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, andere?

6. Kommt eine Wirkung öffentlicher Meinung auf das private Leben des einzelnen, auf sein Denken und Fühlen zum Ausdruck?

7. Wird die Funktionsweise öffentlicher Meinung beschrieben? Wie öffentliche Meinung entsteht, sich durchsetzt, und wie sie ihren Druck ausübt?

8. Es gibt den alten Ausspruch „Vox populi vox Dei“. Gibt es in dem behandelten Werk Andeutungen über die prophetische Kraft öffentlicher Meinung im Sinne von vox Dei?

9. Es gibt auch Abwandlung des Ausspruchs als „Vox populi vox Rindvieh“. Vox Rindvieh heißt: Öffentliche Meinung ist töricht, unberechenbar, bösartig, engstirnig, beschränkt, eine Gefahr für das Wohlergehen des Gemeinwesens. Wird in dem behandelten Werk öffentliche Meinung in diesem Sinne bewertet als vox Rindvieh?

10. Wird öffentliche Meinung oder Öffentlichkeit mit einem Bild, einer Metapher, einem Gleichnis umschrieben?

11. Wird in dem Werk die Einsamkeit einer oder mehrerer Personen innerhalb ihrer Umwelt oder allgemein der Gesellschaft beschrieben? Handelt es sich um von der Gesellschaft verhängte Einsamkeit im Sinne von E. A. Ross oder um selbstgesuchte Einsamkeit?

12. Wird im Zusammenhang mit öffentlicher Meinung konformes Verhalten beschrieben? Welche Gründe werden dafür genannt (Nachahmung eines vermeintlich guten Urteils, Isolationsfurcht, Trägheit, psychische Ansteckung, anderes)?

13. Spricht aus dem Werk eine Kenntnis, ein Verständnis der sozialen Natur des Menschen, seiner Empfindlichkeit gegenüber den Reaktionen anderer Menschen oder allgemein der Gesellschaft oder auch seiner Vorstellung, wie andere reagieren würden?

14. Wird die Isolationsfurcht des Individuums als Faktor im Prozeß der öffentlichen Meinung betont? Wird ein Konflikt zwischen sozialer Natur (Berücksichtigung der Umwelt, was andere denken oder denken könnten) und individueller Natur (Streben nach Übereinstimmung im Denken und Handeln mit eigenen Anlagen und Überzeugungen) beschrieben?

15. Kommt in dem Werk zum Ausdruck, mit welchen Positionen, Ansichten, Verhaltensweisen man sich isoliert? Mit welchen Werten übt die öffentliche Meinung ihren Druck aus: Moralisch – unmoralisch? Anständig – unanständig? Schön – häßlich? Klug – dumm?

16. Wird der gesellschaftliche Isolationsdruck, die Isolationsdrohung als Faktor im Prozeß der öffentlichen Meinung beschrieben?

17. Wie erkennt der einzelne die Bildung, Anerkennung der Umwelt oder die Mißbilligung, einen ihm drohenden Ausschuß?

18. Wird die Bedeutung verschiedener sozialer Kreise oder von Bezugsgruppen angesprochen? Werden Familie, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und schließlich die anonyme Öffentlichkeit voneinander getrennt bzw. einander gegenübergestellt? Welche Bedeutung haben sie für die Umweltwahrnehmung des einzelnen? Welche Rolle spielen sie für die Isolationsfurcht?

19. Wird in dem Werk eine Unterscheidung getroffen zwischen öffentlicher Meinung (spezieller Gegenstand, kurzfristig) und Meinungsklima oder Zeitgeist (eher diffus, langfristig)? Läßt sich öffentliche Meinung als Konkretisierung des Meinungsklimas erkennen?

20. Kommt in dem Werk zum Ausdruck, daß öffentliche Meinung / Meinungsklima eine moralische Ladung hat, mit einer moralische Bewertung verbunden ist?

21. Werden von dem Autor moralische Positionen (gut / schlecht) und rationale Positionen (richtig / falsch) unterschieden? Wird das Verhältnis zwischen beiden beschrieben? Werden Phasen unterschieden, in denen moralische Positionen dominieren, andere, in denen rationale Positionen dominieren?

22. Spielt in dem Werk „Öffentlichkeit“ eine besondere Rolle? Wie wird Öffentlichkeit aufgefaßt: rechtlich (allgemeine Zugänglichkeit), politisch (das Gemeinwesen betreffend), sozialpsychologisch (vor aller Augen, coram publico, Tribunal)?

23. Kommt in dem Werk zum Ausdruck, daß öffentliche Meinung gebunden ist an Ort und Zeit, daß sie einzig in Ort und Zeit ihre Grenzen findet?

24. Wird das Verhältnis von öffentlicher Meinung zur Regierung beschrieben? Wird ein Handeln nach der öffentliche Meinung, der öffentlichen Meinung nachgeben als Schwäche betrachtet? Wird dazu Stellung genommen, daß jede Regierung öffentliche Meinung beachten muß? Wird für totalitäre, diktatorische Regime beschrieben, daß auch ein Diktator öffentliche Meinung beachten muß?

25. Was wird als Ausdrucksform öffentlicher Meinung beschrieben: Medieninhalte, Wahlergebnisse, Symbole, Proteste, Demonstrationen, Rituale (Feste), Institutionen, Mode, Gerüchte, Klatsch, Redensarten, anderes?

26. Werden in dem Werk Verhaltensweisen angeprangert oder Menschen an den Pranger gestellt? Werden Tabus oder Tabubrüche beschrieben?

27. Werden veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung gleichgesetzt oder deutlich voneinander geschieden? Wird den Massenmedien ein starker oder geringer Einfluß auf die öffentliche Meinung zugesprochen?

28. Behandelt das Werk Intellektuelle und ihre Rolle in der Gesellschaft, den Einfluß des Räsonnements auf die öffentliche Meinung?

29. Werden andere Einflüsse auf die öffentliche Meinung beschrieben?

30. Werden in dem Werk gesellschaftliche Außenseiter beschrieben? Gehen die Außenseiter dem allgemeinen Konsens der öffentlichen Meinung voraus (Avantgarde)? Bleiben die Außenseiter hinter dem allgemeinen Konsens zurück und halten an vergangenen Werten fest (harter Kern)?

31. Wenn in dem Werk Außenseiter beschrieben werden: Handelt es sich um zeitlose Außenseiter (Stigmatisierte, Geächtete)?

32. Hat der Verfasser des behandelten Werkes beruflich mit der öffentlichen Meinung zu tun (z.B. als Politiker)? Wird der Umgang mit der öffentlichen Meinung aus einer direkten, aktiven Perspektive heraus beschrieben?

33. Wo hat der Fragebogen versagt? Wo fanden sich in dem Werk direkte oder indirekte Hinweise auf Phänomene öffentlicher Meinung, die Sie mit dem Fragebogen nicht erfassen konnten? Um welche Phänomene handelt es sich? Versuchen Sie, dazu selbst eine Frage zu formulieren, um den Sachverhalt zu verdeutlichen!

[...]


[1] Nachfolgend wird das Siegel "B." für Canetti, Elias: Die Blendung. Frankfurt/Main, 1999 verwendet

[2] Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung: Die Entdeckung der Schweigespirale. Ullstein, Frankfurt/Main; Berlin 1996, S.64

[3] Noelle-Neumann, Elisabeth: a.a.O., S.155

Details

Seiten
20
Jahr
2000
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108248
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Meinung Elias Canettis Blendung Seminar Sich Kolumbus Meinung Grenzen Zeit Raum

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Titel: Öffentliche Meinung in Elias Canettis "Die Blendung"