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Medienphilosoph Vilém Flusser. Funktion und Bedeutung von technischen Bildern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 28 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einführung:

II. Kurzbiographie Vilém Flussers:

III. Die Entwicklung bis zu den technischen Bildern:

IV. Die Entschlüsselung der Codes:

V. Die Funktion und Problematik von Technocodes:

VI. Die Telematische Gesellschaft:

VII. Schlussbetrachtung:

VIII. Literatur:

I. Einführung:

Gegenstand dieser Arbeit sind die Schriften und Thesen des Medienphilosophs Vilém Flusser. Dabei wird das besondere Augenmerk auf der Entwicklung der sogenannten Neuen Medien mit Flussers Worten gesprochen dem Universum der technischen Bilder und den damit verbundenen Folgen für die Gesellschaft und dem Menschen an sich liegen. Bei der Betrachtung darf allerdings nicht außer acht gelassen werden, dass Vilém Flusser die Entwicklung des Internets und der digitalen Technik nicht mehr erlebt hat.

Will man Flussers Theorie also korrekt beleuchten, sollte dabei der Stand der Medien von 1991 berücksichtigt werden.

Flusser folgend gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Medien, welche sich einmal aufgrund ihrer, durch den Menschen wahrgenommen Dimension voneinander unterscheiden. Auf die einzelnen Dimensionen und Medien werde ich im Verlauf noch genau eingehen.

Zum anderen ergeben sich aus ihren divergierenden Dimensionen unterschiedliche Herangehensweisen, um die enthaltenden Botschaften deuten zu können.

Um bei Flussers Denkschema zu bleiben und dieses nachvollziehen zu können soll hinzugefügt werden, dass sein Verständnis von Medien sich aus der chronologischen Entwicklung des Menschen beziehungsweise der Technik herleitet.

Flusser unterteilt die Entwicklung der Medien dazu in fünf Stufen. Innerhalb der verschiedenen Stufen nimmt Flusser noch einmal eine Unterteilung vor, auf die im Verlauf noch einzugehen ist.

Zum näheren Verständnis soll aber zunächst das Stufenmodell, „ein Modell der Kulturgeschichte und der Entfremdung des Menschen vom Konkreten“[1] im Mittelpunkt stehen. Die verschiedenen Stufen ergeben sich aus dem Verlauf der Entwicklung der Menschheit.

In der ersten Stufe befinden sich Mensch und Tier „in einer vierdimensionalen Raumzeit, welche den Mensch und das Tier angeht. Es ist die Stufe des konkreten Erlebens“[2] . In dieser Stufe hat der Mensch keine fassbare Subjekt- Objekt Wahrnehmung. Es gibt keine greifbare Verbindung zwischen Raum und Zeit.

Die zweite Stufe, welche Flusser auf einen Zeitraum von 2 Millionen bis 40.000 Jahren vor Christus festsetzt, beinhaltet den Wechsel von der Vier- in eine Dreidimensionalität.

Bedingt durch eine Subjekt- Objekt Trennung entdeckt der Mensch Gegenstände zu benutzen oder herzustellen. „Es ist die Stufe des Fassens und Behandelns“[3] .

In der dritten Stufe beginnt die Stufe der traditionellen Bilder. In ihr hat der „Mensch zwischen sich als Subjekt und den objektiven Umstand eine [ ...] zweidimensionale Vermittlungszone geschoben“. Um die Naturwelt deuten zu können benutzt er die Malerei. „Es ist die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens“[4] . Auf den Begriff des Imaginierens wird in späteren Kapiteln Bezug genommen.

Die vierte Stufe, die nach Flusser vor etwa viertausend Jahren beginnt, ist eindimensional. Sie beinhaltet eine weitere Vermittlungszone zwischen Mensch und Objekten.

Die linearen Texte werden erfunden und übernehmen die Vermittlung von Botschaften. „Es ist die Stufe des Begreifens, des Erzählens, die historische Stufe“[5] .

Die fünfte Stufe ist die Stufe der technischen Bilder. Lineare Texte sind unzulänglich und unanschaulich geworden. Somit übernehmen technische, punktuelle Bilder langsam die Funktion der Texte Informationen zu (über)tragen. Technische Bilder sind nulldimensional. „Es ist die Stufe des Kalkulierens und Komputierens“[6] . Auch diese Begriffe werden im Verlauf der Arbeit weitergehend erklärt.

Hat man dieses Modell nun vor Augen, stellt sich vielleicht die Frage, ob die technischen Bilder den Höhlenmalereinen nicht vielleicht ähnlich seien.

Wäre dem so bedeutete die neueste Entwicklung allerdings einen Rückschritt in der Entwicklung. Flusser folgend existiert diese Problematik so nicht, da die traditionellen Bilder, anders als die technischen geartet sind. Sie unterscheiden sich von den technischen Bildern grundlegend in der Eigenschaft, dass sie zweidimensional sind. Während technische Bilder aus Punkten/ Pixeln zusammengesetzt werden und demnach nulldimensional sind.

Darüber hinaus sind „vor-moderne Bilder Produkte [...] des Handwerks (Kunstwerke), nach- moderne Produkte [...] der Technik[7].

Zum Universum der technischen Bilder zählt Flusser die Photographie, den Film, das Video und die Computertechnik.

Der Fokus dieser Arbeit richtet sich auf den Umgang mit den technischen Bildern, der neue Denkmethoden erfordert. Darüber hinaus soll die von Flusser thematisierte Problematik der Neuen Medien für die Gesellschaft beleuchtet werden und mögliche Lösungsvorschläge aufgezeigt werden.

Grundlegend bei der Einschätzung von Vilém Flusser und seiner Positionen ist, dass er sich faktisch mit keiner identifiziert. Das wiederum bedeutet allerdings nicht, dass Flussers Theorien zahnlos sind. Vielmehr versucht Flusser durch sein Hin- und- Herspringen verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen und den Leser zu provozieren.

Daher bewegen sich seine Thesen ständig zwischen Pessimismus und Hoffnung, ohne sich für eine Richtung zu entscheiden zu müssen.

In dem nächsten Kapitel wird zunächst auf die spezielle Denkweise Vilém Flussers, seinen Lebenslauf und Werdegang weitergehend eingegangen.

Grundlage für die Beschäftigung mit Flussers Theorien und deren Analyse stellt sein Werk Ins Universum der technischen Bilder dar[8]. Dazu kommt der, ebenfalls in der Edition Flusser erschienene Band, Für eine Philosophie der Fotografie[9] und eine nach seinem Tod herausgegebene Sammlung von Aufsätzen[10].

Einen Überblick und möglichen Deutungsansatz über Vilém Flusser und sein Werk gibt das Buch von Elizabeth Neswald[11].

Darüber hinaus werden Veröffentlichungen von Vilém Flusser in verschiedenen Büchern hinzugezogen. Dazu gehören unter anderem das Buch von Florian Rötzer, Digitaler Schein[12] und das Kursbuch Neue Medien[13]. Zusätzlich finden sich im Internet einige interessante Seiten zu Vilém Flusser.

II. Kurzbiographie Vilém Flussers:

Vilém Flusser wurde am 12. Mai 1920 in Prag geboren. Seine Eltern waren der jüdische Mathematiker und Direktor der deutschen Handelsakademie Gustav Flusser und die Jüdin Melitta Flusser geborene Basch.

Bedingt durch die Diktatur der Nationalsozialisten und deren Einmarsch in Prag, war Vilém Flusser 1939 zur Flucht nach England gezwungen. Wie Stefan Bollmann schreibt, war Flusser die Flucht nach England nur mit Hilfe seines zukünftigen Schwiegervaters Gustav Barth möglich. „Durch den finanziellen Einsatz Gustav Barths“, wurde Vilém Flusser von einem englischen Advokaten nach England geschleust[14].

Der Familie Vilém Flussers war eine Flucht ins sichere Ausland nicht möglich. Sein Vater wurde nach Buchenwald deportiert und dort 1940 ermordet, seine Mutter, Schwester und Großeltern wurden in Auschwitz umgebracht.

Nach einem Jahr in England emigrierte Flusser zusammen mit seiner zukünftigen Frau Edith, die er 1941 heiratete und deren Familie nach Brasilien.

In Brasilien angekommen arbeitete Flusser zunächst in der Firma seines Schwiegervaters, wurde Teilhaber und leitete später seine eigene Firma für Transformatoren. Sein in Prag an der Karlsuniversität begonnenes Jura- Studium nahm er nicht wieder auf.

Über die Zeit von der Ankunft in Rio de Janeiro bis Anfang der sechziger Jahre existieren nicht viele Belege.

Folgt man aber den von Stefan Bollmann zitierten Briefen Flussers aus diesen Jahrzehnten in Brasilien, so wird das Bild eines Mannes aufgeworfen, der seine Berufung als Schreibender sah, tatsächlich aber als Unternehmer arbeiteten musste. Bedingt war dieses Dilemma durch den Umstand, dass kein Verlag bereit war seine Schriften zu veröffentlichen.

Für Flusser scheint dieser Zustand unerträglich gewesen zu sein. So schrieb er an seinen Cousin David Flusser: „ Du mußt wissen, daß ich wie fieberhaft einherschreibe, von einem Daimon gehetzt, in der Hoffnung, das unerträgliche Chaos, das die Welt ist, von der Leber zu schreiben“[15]. Der dann folgende lateinische Satz verdeutlicht die für Flusser düstere Lage. „Scribere necesse est, vivere non est[16].

Danach scheint das Schreiben für Flusser eine Notwendigkeit und damit den Sinn des Lebens schlechthin darzustellen, während das Leben selber nicht zwingend als notwendig erscheint.

Erst Anfang der sechziger Jahre, mit der ersten Veröffentlichung änderte sich die trostlose Situation. 19961 publizierten brasilianische Zeitungen erste Aufsätze.

Danach ging es mit Flussers Karriere und Bekanntheit relativ schnell voran. Zunächst wurde er ständiger Mitarbeiter einer Zeitung, 1962 erhält er die Mitgliedschaft des Brasilianischen Philosophischen Instituts und ein Jahr später wird sein erstes Buch gedruckt[17].

Aufgrund dieser Veröffentlichung wird Flusser so bekannt, dass er auch ohne abgeschlossenes Hochschulstudium ab 1963 als Dozent an Hochschulen in Sao Paulo lehrt.

Zeitgleich arbeitete Flusser 1966 und 1967 als Emissär des brasilianischen Außenministeriums für kulturelle Zusammenarbeit mit Nordamerika und Europa.

Dadurch und durch Gastvorträge in europäischen und US-amerikanischen Universitäten, stieg seine Bekanntheit auch im Ausland. Veröffentlichungen in deutscher Sprache, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schlossen sich an.

Zusammenfassend kann diese Zeit als eine Zeit des Aufstiegs und der wachsenden Bekanntheit des Schriftstellers Vilém Flussers gewertet werden.

So verwundert es vielleicht auch, dass Flusser gerade zu dieser Zeit den Entschluss traf Brasilien zu verlassen. Über die Gründe kann man nur mutmaßen.

In einem Brief vom 19. Februar 1973 nennt Flusser unterschiedliche Gründe, die auch in der Literatur immer wieder genannt werden. Zum einen hängt sein Entschluss Brasilien zu verlassen mit seiner publizistischen Arbeit zusammenhängen. Dazu sagt Flusser „ich habe das Land für meine Arbeit erschöpft, ich publiziere dort vielleicht zu viel, stoße überall gegen die Zensur, und die akademische Karriere ist mir langweilig geworden. Außerdem spüre ich überall die Grenzen einer geistigen Arbeit in Unterentwicklung“[18].

Zum anderen schildert Flusser Gründe, die vielmehr politischer und wirtschaftlicher Art sind und mit dem vorherrschenden System in Brasilien zusammenhängen.

Auch diese spricht Flusser in deutlich an: „die politische und wirtschaftliche Lage dieses Landes lädt ständig zu einem Engegement ein, das in meinem Alter zu gefährlich ist [ Anmerk. D. Verfassers Vilém Flusser war zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt] und das auch meinen Kindern schaden könnte“[19].

Ob und wenn welcher der beiden genannten Gründe der ausschlag- und impulsgebende war, darauf soll nicht weitereingegangen werden. Vermutlich handelte es sich um eine Kombination. Sorge vor der Militärregierung und Unzufriedenheit bedingt durch ein zu enges Korsett, welches der dichterischen Energie die Luft abzuschnüren drohte.

[...]


[1] Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder. S.10.

[2] Ebenda, S.10.

[3] Ebenda, S.10.

[4] Ebenda, S.11.

[5] Ebenda, S.11.

[6] Ebenda, S.11.

[7] Flusser, Vilém: Medienkultur, S. 22.

[8] Müller- Pohle, Andreas (Hrsg.): Edition Flusser Bd.4, Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, sechste Auflage Göttingen 2000.

[9] Müller- Pohle, Andreas (Hrsg.): Edition Flusser Bd. 3, Flusser Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie, achte durchgesehene Auflage 1997.

[10] Bollmann, Stefan: Vilém Flusser. Medienkultur, Frankfurt/ Main 2002.

[11] Neswald, Elizabeth: Medien- Theologie. Das Werk Vilém Flussers, Literatur- Kultur- Geschlecht, Kleine Reihe Bd. 11, Köln 1998.

[12] Rötzer, Florian (Hrsg.): Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt 1991.

[13] Bollmann, Stefan (Hrsg.): Kursbuch Neue Medien. Trends in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur, Mannheim 1995.

[14] Bollmann, Stefan: Vilém Flusser. Medienkultur, S. 12.

[15] Ebenda, S. 13.

[16] Ebenda, S. 13.

[17] Mit dem Titel Lingua e Realidade.

[18] Ebenda, S. 15.

[19] Ebenda, S. 15.

Details

Seiten
28
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638171571
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10836
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Neuere deutsche Literatur und Medien
Note
eins
Schlagworte
Flusser technische Bilder

Autor

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Titel: Medienphilosoph Vilém Flusser. Funktion und Bedeutung von technischen Bildern