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Wolfhart Pannenbergs Rekonstruktion der Entwicklung der Trinitätslehre in der alten Kirche

Seminararbeit 2003 52 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Problem
1. 1. Dreiheit contra Einheit
1. 2. Die altkirchlichen Bekenntnisse und das Schriftprinzip
1. 3. Zusammenfassung der Fragestellung und des Vorgehens

2. Pannenbergs Rekonstruktion der Wahrheit des trinitarischen Dogmas
2. 1. Vorüberlegungen
2. 1. 1. Zum Wesen systematischer Rekonstruktion
2. 1. 2. Allgemeine Beschreibung des Standortes Pannenbergs
2. 2. Die Dreiheit der Personen
2. 2. 1. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Ausgangspunkt
2. 2. 2. Die wechselseitigen Selbstunterscheidungen der göttlichen Personen
2. 2. 3. Der ewige Sohn und die Überwindung des Subordinatianismus
2. 2. 4. Der Vater als Hypostase im Unterschied zum göttlichen Wesen
2. 2. 5. Die hypostatische Verselbständigung des Geistes
2. 3. Die Einheit Gottes
2. 3. 1. Sein Wesen
2. 3. 2. Die Einheit der göttlichen Personen
2. 3. 3. Die Einheit von immanenter und ökonomischer Trinität

3. Das Zeugnis der Schrift
3. 1. Der Vater Jesu Christi
3. 2. Der Kyrios Jesus Christus
3. 3. Der Geist des Kyrios
3. 4. Theologische Zusammenfassung des Schriftzeugnisses

4. Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse und eigene Stellungnahme
4. 1. Erinnerung an die Fragestellung
4. 2. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Ausgangspunkt
4. 3. Die Dreipersonengemeinschaft
4. 4. Die Gemeinschaft als Manifestation der Liebe
4. 5. Zusammenfassung der Antwort auf die Fragestellung
4. 6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Wolfhart Pannenbergs Rekonstruktion

der Entwicklung der Trinitätslehre der alten Kirche

1. Das Problem

1.1. Dreiheit contra Einheit

Jesus ist in. Das öffentliche Interesse an seiner Person belegen zahlreiche Jesusbücher und die in regelmäßigen Abständen erscheinenden Titelge- schichten bekannter Nachrichtenmagazine.1 Das Interesse boomt sogar un- abhängig von den Austritten aus der Kirche.2 Doch es gilt vor allem dem Menschen Jesus von Nazareth.3 Enthüllt wird alles Mögliche und mehr noch alles Unmögliche. Doch wer enthüllt die Gottheit Jesu?

Schon einmal rückte jemand den Sohn in die Sphäre des Geschöpflichen: Arius. Die Kirche reagierte auf seine »krisenhafte Zuspitzung einer in der theologischen Tradition längst angelegten Tendenz«4 mit Widerspruch5. Das »homousios« war nämlich zunächst nur die Negation der unschönen Gestalt des eigenen Denkens. Sein positiver Sinn war unklar. Doch nach der Vorarbeit der kappadokischen Väter legte das Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 die nizänische Formel im Sinne des einen »Wesens« in drei

»Hypostasen oder Personen« aus. Diese Sprachregelung galt fortan als Maß- stab der Rechtgläubigkeit. In einem Lehrschreiben im Anschluss an dieses

Konzil hieß es: Der zu Nizäa festgestellte Glaube »lehrt uns, zu glauben an den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes, so nämlich, daß eine Gottheit, Macht und Wesenheit des Vaters, Sohnes und Hl. Geistes und ebenso gleiche Ehre, Würde und gleichewige Herrschaft geglaubt wird in drei ganz vollkommenen Hypostasen oder drei vollkommenen Personen …«6 Geboren war die dreipersönliche Trinitätslehre.7

Das subordinatianische Problem in Gestalt seiner arianischen Zuspitzung hatte man ausgeschieden. Doch mit dieser »Rosskur« hatte man sich ein neues Problem eingehandelt: die Tendenz der nicaeno-konstantinopolitani- schen Orthodoxie zum Tritheismus. Im Athanasianum8 wird sie erstaun- lich offen eingestanden: »Also der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der hei- lige Geist ist Gott; und sind doch nicht drei Götter, sondern es ist ein Gott. Also der Vater ist der Herr, der Sohn ist der Herr, der heilige Geist ist der Herr; und sind doch nicht drei Herrn, sondern es ist ein Herr. Denn gleich- wie wir müssen nach christlicher Wahrheit eine jegliche Person für sich Gott und Herrn bekennen (confiteri … compellimur). Also können wir im christlichen Glauben nicht drei Götter oder drei Herrn nennen (dicere … prohibemur).« (BSLK 29). Dem zum Tritheismus tendierenden Bekenntnis (confessio) steht die den Monotheismus erzwingende Sprechweise (dictio) gegenüber. Das tritheistische Bekenntnis und die monotheistische Sprech- weise erscheinen wie zwei verfeindete Heere, zwischen denen ein Kräfte- gleichgewicht herrscht. Daher kommt es zu keiner entscheidenden Schlacht. Wagt die eine Seite einen Vorstoß, so wird sie von der anderen wieder auf ihre Ausgangsposition zurückgedrängt. Das Ergebnis ist eine theologische Pattsituation, die gedanklich anscheinend nicht aufgelöst wer- den kann.9 In der altprotestantischen Orthodoxie war man noch bereit, diese Situation so stehen zu lassen und ihr das feierliche Namensschildchen »mysterium trinitatis«10 umzuhängen.

Die Ikonographie dokumentiert die der Denkunmöglichkeit entsprechende bildliche Darstellungsunmöglichkeit. Wolfgang Braunfels weist auf die

»Problematik der Darstellung« der Dreifaltigkeit hin. Wo man eine Veranschaulichung versuchte, also nicht Zeichen und Sinnbilder verwen- dete, war man vor die Entscheidung gestellt, ob man der Einheit vor der Dreiheit den Vorzug geben wollte oder umgekehrt. Einheit und Dreiheit fallen also in der bildlichen Veranschaulichung auseinander. Wo dennoch versucht wurde, beide Vorstellungen in einem Bild zu vereinen, wurde die Dreifaltigkeit als ein »Monstrum« wiedergegeben, »wie Kardinal Bellarmin diese Gebilde nannte: einen Oberleib mit einem dreigesichtigen Kopf, eine Gestalt mit einem Leib u. drei Köpfen, ein Gebilde, bei dem aus einem Unterleib zwei oder drei Oberleiber erwachsen, endlich den Kopf mit den drei Gesichtern.«11 So machen die Bilder verständlich, warum der in Jesus Christus schaubar gewordene Gott im »mysterium trinitatis« verschwinden musste.

Auch Friedrich Schleiermacher analysierte die oben beschriebene Pattsituation. Er spricht von »Schwankungen«: Die antike Gestalt der Trinitätslehre sei nicht frei von »Schwankungen zwischen Gleichheit und Subordination [der Personen] auf der einen Seite, und auf der andern zwi- schen Tritheismus und einer solchen unitarischen Ansicht, welche das, was an die Spitze gestellt war, nämlich die ewige Geschiedenheit der Personen, wieder ganz verdunkelt«.12 Es sei nicht möglich, den beiden Forderungen der kirchlichen Dreieinigkeitslehre nachzukommen. Weder lasse sich die Gleichheit der drei Personen untereinander, noch ihre Gleichheit mit dem göttlichen Wesen denken. Stets erscheinen Dreiheit und Einheit als einan- der gegenüberstehende Alternativen, so dass man nur zwischen ihnen hin und her schwanken kann. Daher fordert Schleiermacher eine gründliche Kritik und Umbildung der bisherigen Gestaltung der Dreieinigkeitslehre:

»Da wir diese Lehre umso weniger für abgeschlossen halten können, als sie bei der Feststellung der evangelischen Kirche keine neue Bearbeitung erfah- ren hat: so muß ihr noch eine auf ihre ersten Anfänge zurückgehende Umgestaltung bevorstehn.«13 Die Reformation der christlichen Lehre ist demnach erst dann abgeschlossen und vollendet, wenn sie ihr historisches und sachliches Fundament, nämlich die christliche Gotteslehre, erreicht, er- fasst und umgebildet hat.

Das 19. Jahrhundert war nicht in der Lage, diese Forderung zu erfüllen. 1908 stellte Otto Kirn rückblickend fest: »Es dürfte schwer sein, die von

Schleiermacher geforderte Neubildung des trinitarischen Dogmas bei irgend einer Richtung der heutigen Theologie als wirklich gelöste Aufgabe aufzu- weisen.«14 Im 20. Jahrhundert kam es zu einer »Renaissance trinitarischer Theologie«.15 Kam es damit aber auch zu einer Lösung des dargestellten Problems? Oder anders formuliert: Kann die von Schleiermacher geforderte Umgestaltung der Trinitätslehre in der Weise einer Neuinterpretation des altkirchlichen Dogmas oder nur jenseits dieser Struktur, in Form einer Neukonstruktion der christlichen Gotteslehre gelingen?

1.2. Die altkirchlichen Bekenntnisse und das Schriftprinzip

Die Fragestellung hat eine Konsequenz im Hinblick auf die altkirchlichen Bekenntnisse. Sie können nämlich unter dem Primat dieser Fragestellung nicht als Normen angesehen werden. Solange das Schwanken in der alt- kirchlichen Trinitätslehre zwischen Dreiheit und Einheit lediglich durch eine neue Interpretation des altkirchlichen Dogmas beseitigt werden soll, berührt das die normative Funktion der altkirchlichen Symbole nicht. Wenn aber die Möglichkeit in Betracht gezogen werden soll, dass dieses Schwanken im Wesen des altkirchlichen Dogmas selbst begründet ist, dann müssen diese Symbole von ihrer normativen Funktion suspendiert wer- den.

Die Suspension von Teilen der Tradition ist von einem reformatorischen Standpunkt aus betrachtet keine ungewöhnliche Entscheidung. Denn die Reformation hat die besondere Bedeutung der biblischen Überlieferungen gegenüber allen anderen hervorgehoben. Sie erklärte allein die Heilige Schrift zur »Regel« und »Norm« der Theologie. Die Bekenntnisse als

»norma normata« sind der Schrift als »norma normans« untergeordnet und haben nur eine abgeleitete »auctoritas«.16 Luther hatte die Lehrent- scheidungen der alten Kirche zwar übernommen. In den Schmalkaldischen

Artikeln von 1537 bekannte er sich zur Lehre von den drei Personen des einen Gottes und der Menschwerdung der zweiten Person.17 Aber die Entscheidungen der altkirchlichen Konzilien waren für ihn nur »deswegen wahr, weil sie rechte Schriftauslegung sind, und nicht deswegen, weil sie auf formaler Autorität beruhen«.18

Angesichts des Widerspruchs in der dreipersönlichen Trinitätslehre ist die behauptete Übereinstimmung dieses Dogmas mit der Schrift jedoch nicht unmittelbar einsichtig. Es sei denn man geht davon aus, dass dieser Widerspruch schon in der Schrift vorhanden ist und sich von da aus dem altkirchlichen Dogma eingezeugt hat. Doch diese Annahme drängt sich nicht auf. Denn zwischen der Schrift und dem im 4. Jahrhundert fertigge- stellten trinitarischen Dogma steht auf jeden Fall als große formende Kraft die griechische Metaphysik, die in Gestalt der plotinischen Hypostasenlehre an der Ausbildung des Dogmas wesentlich mitbeteiligt war.19 Daher muss man vom Widerspruch im Dogma nicht auf denselben Widerspruch in der Schrift schließen. Für den Bruch im Bild des christlichen Gottes könnte auch der griechische Pate verantwortlich sein.

Wenn man auf diesen Weise zwischen den in der Schrift vereinten aposto- lischen Überlieferungen und den altkirchlichen Bekenntnissen unterschei- det, dann muss man das Apostolikum allerdings gleich wieder aus der Masse der zu suspendierenden Symbole herausnehmen, denn die Hand- schrift des griechischen Paten ist darin noch nicht zu finden. Alfred Adam meint: »Im Apostolikum steht die vordogmatische Stufe der Christologie vor uns, nämlich die einfache Zusammenstellung der Hauptstücke des Glaubens, ohne daß die Brücke zur griechischen Begrifflichkeit gesucht wäre.«20 Bernhard Lohse weist auf einen interessanten Unterschied

zwischen den östlichen Glaubensbekenntnissen und dem Romanum, der Vorstufe zum Apostolikum, hin: »Zudem ist es eine Eigenart der östlichen Glaubensbekenntnisse gewesen, daß sie die Gottessohnschaft nicht wie [das] R[omanum] in schlichter Weise von der Jungfrauengeburt Christi her deuteten, sondern von seiner vorweltlichen Zeugung durch Gott-Vater verstanden.«21

1.3. Zusammenfassung der Fragestellung und des Vorgehens

In der Dreieinigkeitslehre stehen sich Dreiheit und Einheit einigermaßen unversöhnlich gegenüber. Läßt sich diese Spannung auf dem Boden der alt- kirchlichen Bekenntnistradition lösen, das heißt im Sinne einer aktualisie- renden Rekonstruktion derselben? Oder müssen die Kirchen der Refor- mation mehr wagen als nur eine neue Zusammensetzung des alten Denkens? Ist nicht gerade ihnen das Ziel einer den Boden der Schrift wirk- lich erreichenden vollkommenen Neukonstruktion der christlichen Gotteslehre in die Wiege gelegt worden? Dieser Frage wollen wir uns im Gespräch mit Wolfhart Pannenberg stellen, der die altkirchliche Entwicklung vergleichsweise ausführlich analysiert mit dem Ziel, die Wahrheit des Dogmas zu rekonstruieren. Erst danach wollen wir unser Verständnis der Schrift umreißen, um von da aus zu einem eigenständigen Urteil zu gelangen.

2. Pannenbergs Rekonstruktion der Wahrheit des trinitarischen Dogmas

2.1. Vorüberlegungen

2.1.1. Zum Wesen systematischer Rekonstruktion

Wir haben bisher in einem noch ungeklärten Sinne von »Pannenbergs Rekonstruktion der Entwicklung der Trinitätslehre in der alten Kirche« ge- sprochen. Doch an dieser Stelle muss gefragt werden: In welchem Sinne können wir sinnvollerweise im Gespräch mit Pannenberg das Wort »Re- konstruktion« verwenden? Der Denker einer »Offenbarung als Geschichte« berücksichtigt in der Tat vergleichsweise ausführlich die Geschichte. Daher

wird ihm die Unterstellung der Rekonstruktion einer geschichtlichen Entwicklung durchaus gerecht. Doch zugleich erfassen wir mit der bisher gewählten Formulierung nur das halbe Anliegen Pannenbergs. Deswegen sprechen wir an dieser Stelle von seiner Rekonstruktion der Wahrheit des Dogmas der alten Kirche vom trinitarischen Gott. Damit greifen wir eine Formulierung Pannenbergs auf. Denn er selbst formuliert sein Anliegen so:

»Die Dogmatik fragt nach der Wahrheit des Dogmas, danach also, ob die Dogmen der Kirche Ausdruck der Offenbarung Gottes und also Dogmen Gottes selbst sind, und sie verfolgt diese Frage, indem sie das Dogma aus- legt.« (STh 1,26). Die Auslegung des Dogmas auf der Suche nach der Wahr- heit des Dogmas, dieses Anliegen wollen wir kurz, griffig und den Sachverhalt dennoch erfassend in Worte fassen und unterstellen Pan- nenberg deswegen an dieser Stelle eine »Rekonstruktion der Wahrheit des Dogmas«. Auf diese Weise glauben wir, dem sowohl geschichtlichen als auch systematischen Interesse Pannenbergs gerecht zu werden.

Der Begriff der Rekonstruktion oszilliert zwischen einem historischen und einem systematischen Verständnis. Und diese Schwebe ist gewollt, obgleich sich die Waage am Ende dann doch zur systematischen Sinnfüllung neigen darf. Pannenberg spricht von »der systematischen Rekonstruktion der christlichen Lehre« (STh 1,33). Ihr Gegenstand ist die christliche Lehre. Zwar ist sie »ein durch und durch historisches Gebilde« (STh 1,7). »Die Erörterung historischer Sachverhalte hat jedoch nie nur historisch-antiqua- rischen Sinn. Ihre Auswahl … ist eingeschränkt auf das für die Entwicklung der systematischen Argumentation als notwendig oder zumindest als klä- rend Erachtete.« (STh 1,8). Ein Begleitumstand der systematischen Rekonstruktion ist die Auswahl der Sachverhalte.22 Denn diese Form der Rekonstruktion steht ganz im Dienste »der systematischen Argu- mentation«. Inmitten der Nachbildung einer historischen Gestalt der christ- lichen Lehre geht es im Grunde genommen dann doch nicht um diese Gestalt. Es geht um die kritische Sichtung des ehemals Gedachten. Und in dieser Sichtung geht es um die gegenwärtig wahre Gestalt der christlichen Lehre. In der »Form systematischer Rekonstruktion der christlichen Lehre« vollziehen sich sonach »die theologische Prüfung des Wahrheitsanspruchs der christlichen Offenbarung und seine Vergewisserung« (STh 1,281). Daher enthält die Rekonstruktion der überlieferten Lehre »immer schon ein kriti- sches Moment« (STh 1,33). »Die dogmatische Darstellung der christlichen Lehre ist immer zugleich Kritik ihrer bisherigen, in der einen oder anderen

Hinsicht ihrer Wahrheitsintention unangemessenen Ausdrucksformen.« (STh 1,71). Die systematische Rekonstruktion ist eine kritische. Nicht das Vergangene an sich ist von Interesse, sondern das in ihr, was die gegenwär- tige Suche nach der christlichen Wahrheit voran bringt.

Das hat Konsequenzen für unsere Darstellung der Rekonstruktion Pannenbergs. Denn die von ihm ausgewählten Beiträge der alten Kirche zur Entwicklung der Trinitätslehre können nicht einfach nur gesammelt und chronologisch aneinander gereiht werden. Pannenberg würde so zu einem kenntnisreichen Arbeiter im Steinbruch der Patristik verkümmern. Die herausgeschlagenen Blöcke stünden sinnlos nebeneinander. Gänzlich au- ßerhalb des Gesichtsfeldes bliebe der Tempel der Wahrheit, den Pannenberg aus dem Wertvollsten dieses Steinbruchs errichten will. Mit anderen Wor- ten: Pannenbergs Rekonstruktion der Trinitätslehre der alten Kirche läßt sich gar nicht darstellen, ohne gleichzeitig auch seine eigene Trinitätslehre darzustellen. Natürlich ist es nicht erforderlich, diese vollständig und in allen Einzelheiten darzustellen, aber es muss doch deutlich werden, zu wel- chem Ganzen die Blöcke gefügt werden. Daher beginnen wir mit einer allgemeinen Beschreibung der Sicht Pannenbergs auf die trinitarischen Lehraussagen des vierten Jahrhunderts. Auf diese Weise bekommen wir eine erste Vorstellung von seinem Standpunkt, von seiner Perspektive und auch schon von seinem Tempel der christlichen Gotteslehre.

2.1.2. Allgemeine Beschreibung des Standortes Pannenbergs

Pannenberg steht auf dem Boden des altkirchlichen Trinitätsdogmas. Er übernimmt dessen Grundaussage: ein Wesen in drei Hypostasen oder Personen. Seine Kritik an diesem Dogma wird noch zur Sprache kommen. Dennoch weiß er sich in einem sehr grundsätzlichen Sinne eins mit ihm. Denn er unterscheidet Wesen und Person und vertritt eine »Lehre von der Einheit des göttlichen Wesens in der Dreiheit der Personen« (STh 1,354). Er spricht von »drei Personen« (STh 1,347) und der »Einheit des göttlichen Wesens« (STh 1,365) oder von »der Einheit der göttlichen Liebe [= des göttli- chen Wesens] und der Dreiheit von Vater, Sohn und Geist« (STh 1,459). Das ist die Grundstruktur des altkirchlichen Trinitätsdogmas. Seine Auseinandersetzung mit ihm findet also auf dem Boden eines grundsätzli- chen Einverständnisses mit ihm statt.23

Sein Urteil über das Dogma des vierten Jahrhunderts hat zwei Seiten. Erstens eine positive: Demnach ist die »Herausbildung der Überzeugung von einer Dreiheit göttlicher Hypostasen und ihrer Homousie« das »in der Logik des Sachverhalts begründete Resultat seiner Auslegungsgeschichte.«

»Die Traditionsgeschichte der christlichen Theologie kann sehr wohl unter

der Leitung des Geistes Christi diesen Sachverhalt [der Homousie des Sohnes mit dem Vater] richtig entfaltet haben … Die Beziehungen zwischen der Person Jesu, dem Vater und dem Geist können sich als nicht nur ge- schichtliche, heilsökonomische, sondern darin zugleich das ewige Wesen Gottes kennzeichnende Beziehungen erweisen.« (STh 1,334). Zweitens eine negative: Auf der Grundlage der Herausbildung einer Dreiheit göttlicher Personen wurde die Einheit zunehmend zum Problem. Und zwar zum einen »die Einheit der drei Personen in dem einen Gott« (STh 1,361): »Um so schwieriger wurde es, die Dreiheit von Vater, Sohn und Geist als Ausdruck eines und desselben göttlichen Wesens zu verstehen. Es ist nicht die Dreiheit, sondern die Einheit des trinitarischen Gottes, die seit der Durchsetzung des Dogmas von Nicaea und Konstantinopel im 4. Jahrhundert das zentrale Problem der christlichen Trinitätstheologie gebil- det hat.« (STh 1,370). »So läßt sich schwerlich behaupten, daß die Einheit von Vater, Sohn und Geist in der Einheit des göttlichen Wesens im Prozeß der Auseinandersetzung um das Dogma von Nicaea und um die volle Gottheit des Sohnes und des Geistes eine hinreichende Klärung gefunden hätte.« (STh 1,305).24 Zum anderen ging auch »die Einheit der immanenten und ökonomischen Trinität« (STh 1,482) verloren: »Die Behauptung der Offenbarungstrinität impliziert … die der Wesenstrinität … Dieser Sachverhalt läßt den Gang der geschichtlichen Entwicklung der Trinitäts- lehre in der Patristik von der Erkenntnis der Offenbarung des Vaters im Sohne durch das Zeugnis des Geistes hin zur Lehre von der ewigen Homo- usie von Vater, Sohn und Geist in der Einheit des ewigen Wesens Gottes prinzipiell als sachgerecht erscheinen.« (STh 1,360). Allerdings ist auch verständlich, »daß im vorläufigen Ergebnis dieser Interpretationsgeschichte, also mit dem Dogma von Nicaea 325 und Konstantinopel 381, der Gedanke der ewigen Wesenstrinität sich von seinem geschichtlichen Boden ablöste

…« (STh 1,360). Beide Gestalten der Einheit sind im Denken Pannenbergs eng aufeinander bezogen: »Die Einheit Gottes in der Dreiheit der Personen muß zugleich den Grund des Unterschiedes und der Einheit von immanenter und ökonomischer Trinität in sich enthalten.« (STh 1,361f).

Der Grundstruktur der altkirchlichen Trinitätslehre und dem Urteil Pan- nenbergs entsprechend gliedern wir unsere Darstellung in zwei Teile. Zuerst wenden wir uns der Dreiheit zu und anschließend der Einheit. Der zweite Teil ist wiederum zweigeteilt. Zuerst geht es um die Einheit der Per- sonen, dann um die von immanenter und ökonomischer Trinität. Im Hinblick auf die Dreiheit werden wir darauf achten können, welche Gedanken der alten Kirche Pannenberg übernimmt und welche Vorstellungen sie nach Pannenbergs Überzeugung zu recht ausgeschieden hat. Im Hinblick auf die Einheit hingegen werden wir darauf achten kön- nen, welche Konstruktionen der alten Kirche die Vorstellung der Einheit nahelegen sollen und warum sie ungenügend sind.

2.2. Die Dreiheit der Personen

2.2.1. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Ausgangspunkt

Die Trinitätslehre muss »von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus« ausgehen (STh 1,326).25 Ihr Ausgangspunkt ist also die Offenbarung. Aus ihr ist vor allem die Dreiheit ersichtlich: »Die personalen Unterschiede zwi- schen Vater, Sohn und Geist … sind für unsere Erkenntnis nur in der ge- schichtlichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus zugänglich.« (STh 1,466).

»Verborgen sind nicht die trinitarischen Unterschiede von Vater, Sohn und Geist. Diese Unterschiedenheit kennzeichnet gerade die im Offenbarungs- geschehen sich erschließende göttliche Wirklichkeit …« (STh 1,368f).26 Dieser Grundüberzeugung folgend beginnt Pannenberg das 5. Kapitel über den trinitarischen Gott mit einer vergleichsweise ausführlichen biblischen Exegese. Aus ihr wird die Dreiheit von Vater, Sohn und Geist ersichtlich. Im Falle der Trinitätslehre vollzieht der systematische Gang somit den hi- storischen nach. Denn »wie der historische Weg der Ausbildung der Trinitätslehre in der christlichen Theologie seinen Anfang nahm von der Botschaft und Geschichte Jesu, sowie von der Christusverkündigung der Apostel«, so muss »eine systematische Begründung und Entfaltung der Trinitätslehre ebenso von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ausge- hen« (STh 1,326).27

2.2.2. Die wechselseitigen Selbstunterscheidungen der göttlichen Personen

Die geschichtliche Offenbarung Gottes ereignete sich in Jesus. Somit ist er der Ausgangspunkt der Trinitätslehre: »Die Geschichte Jesu als des Sohnes« ist »der Ausgangspunkt für die Begründung der trinitarischen Unter- schiede« (STh 1,297). Mit der »Geschichte Jesu als des Sohnes« ist ein Ver- hältnis gegeben: das »Sohnesverhältnis« (STh 1,331). Damit rückt der Begriff des Verhältnisses in den Mittelpunkt der Entfaltung der Trinitätslehre. Das heißt: Die oben geforderte Begründung dieser Lehre aus

»der Offenbarung Gottes in Jesus Christus« muss »vom Verhältnis Jesu zum Vater« ausgehen (STh 1,331). Daher ist die Trinitätslehre eine

»Auslegung des Verhältnisses Jesu zum Vater und zu dessen Geist« (STh 1,332).28

Die »konkrete Gestalt der trinitarischen Relationen« oder Verhältnisse ist die »wechselseitige Selbstunterscheidung von Vater, Sohn und Geist« (STh 1,335; vgl. auch 1,347). Schon altkirchliche Theologen haben diese Begründung der hypostatischen Unterschiedenheit gesehen: Denn »Tertul- lian und nach ihm Origenes haben geltend gemacht, daß der Sohn sowohl den Vater als auch den Geist als einen jeweils ›anderen‹ von sich unter- schied« (STh 1,296). »Die Selbstunterscheidung des Sohnes einerseits von Vater, andererseits vom Geist wird damit als Basis für die Behauptung einer dreifachen Unterschiedenheit in der Gottheit erkennbar.« (STh 1,297).29

Doch die alte Kirche hat die Selbstunterscheidung als Möglichkeit zur Konstitution der trinitarischen Personen nicht aufgegriffen. Stattdessen sollten unterschiedliche Wirkungskreise die Personen voneinander abgrenzen: »Die Theologie des zweiten und dritten Jahrhunderts hatte eine Begründung für die Unterschiedenheit der trinitarischen Personen durch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

demnach die christliche Trinitätslehre ganz und gar auf der Offenbarung und bezieht sich ihr religiöses Verständnis immer auf diese zurück, so kann man die immanente Trinität mit Recht als Grenzbegriff bezeichnen. Wir können dem offenbarenden Thun Gottes nachblicken und es mit seinem ewigen Wesen verknüpfen, aber wir können es nicht aus diesem als einen denknotwendigen Prozeß a priori konstruieren. Unser Weg geht darum immer nur von der Offenbarungstrias zur Einheit, während wir nicht umgekehrt die Dreiheit durch logische oder metaphysische oder moralische Konsequenz aus der Einheit entwickeln können.« (RE XX (1908) 123).

»ist auch Bewegung in Gott selbst, Bewegung, in der Gott eine Selbstunterscheidung vollzieht. Indem Gott als der Vater der Ursprung der Sendung des Sohnes ist und bleibt, unterscheidet er sich in seinem Sein über uns und allem von seinem Sein mit uns als der Sohn. Indem er der Ursprung der Spendung des Heiligen Geistes ist, unterscheidet er sich als der Vater von der wirksamen Gegenwart in uns als der Geist; und in seinem Wirken in uns unterscheidet er sich auch von seinem Sein mit uns als der Sohn, dem uns dieses Wirken entgegenträgt.« (Dogmatik, Bd. 1, 1995, 337). Bei Joest ist der Vater das Subjekt der Selbstunterscheidung. Bei Pannenberg ist jedoch zunächst der Sohn ihr Subjekt, denn der Ausgangspunkt der Trinitätslehre ist die geschichtliche Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Von diesem Zugang aus weitet sich dann allerdings die Selbstunterscheidung und wird zu einer wechselseitigen.

die Vorstellung dreier verschiedener Wirkungskreise von Vater, Sohn und Geist zu geben versucht.« (STh 1,303). Pannenberg erwähnt diesbezügliche Versuche. So konnte Irenäus »die Offenbarung des Geistes der Prophetie, die des Sohnes der Inkarnation und die des Vaters der künftigen Vollendung zuordnen … (adv. haer. IV,20,5).« Und nach Origenes »wirkt Gott Vater im All und also in jeglichem Seienden, der Sohn nur in den vernünftigen Geschöpfen und der Geist nur in den Geheiligten, also in der Kirche (princ. I,3,5-8).« (STh 1,295). Allerdings sind die Hypostasen nach die- sem Verfahren nicht unterscheidbar. Pannenberg urteilt: »So scheinen Gott Vater, Sohn und Geist, vor allem aber die beiden letzteren, von ihren Funktionen her nicht eindeutig unterscheidbar zu sein« (STh 1,295).

In der alten Kirche wurden die Personen aber auch schon durch die zwi- schen ihnen bestehenden Relationen unterschieden. Dabei handelte es sich ausschließlich um Ursprungsrelationen. Der Vater allein galt als ursprungs- los (STh 1,338). Der Sohn hingegen wurde vom Vater gezeugt und der Geist vom Vater (und vom Sohn)30 gehaucht.31 Nach Pannenberg sind diese klassischen Ursprungsrelationen jedoch als ein »vereinfachte[s] Verständ- nis« (STh 1,349) eines in Wahrheit viel »reicher strukturierten Beziehungs- geflecht[s]« (STh 1,348) zu beurteilen. Vor allem schließt »die Ordnung des Ursprungs« »Wechselseitigkeit« aus (STh 1,339): Ein Mangel, »der die trinitätstheologische Terminologie in Ost und West gemeinsam belastet hat«, besteht darin, »daß die Beziehungen zwischen Vater, Sohn und Geist ausschließlich als Ursprungsbeziehungen verstanden wurden. Mit dieser Auffassung konnte der Gegenseitigkeit in den Beziehungen von Vater, Sohn und Geist nicht Rechnung getragen werden.« (STh 1,347). Daher gilt:

»Die als wechselseitige Selbstunterscheidung bestimmten Relationen … las- sen sich nicht auf Ursprungsrelationen … reduzieren« (STh 1,348).

[...]


1 Jesusbücher der gemeinten Art lassen sich leicht finden. An Titelgeschichten bekannter Nachrichtenmagazine seien genannt: Die Akte Jesus: Forscher-Streit um den Sohn Gottes. Wer war der Mann aus Galiläa? in: Stern Nr. 1/ 92 vom 23. Dezember 1991. Rätsel Jesus: Die neuesten Erkenntnisse über Jesus von Nazareth, in: Focus Nr. 51 vom 20. Dezember 1993. Wer war Jesus? Wunderheiler, Revolutionär, Kultfigur: Religionsforscher im Streit, in: Focus Nr. 22 vom 25. Mai 1996. Gesucht: Ein Mensch namens Jesus. Auf den Spuren des historischen Christus, in: Der Spiegel Nr. 22 vom 27. Mai 1996. Der verfälschte Jesus. Neuer Streit in der Forschung: Glauben wir an den richtigen Heiland? in: Focus Nr. 14 vom 29. März 1997. 2000 Jahre Jesus: Die Bilanz, in: Facts Nr. 20 vom 20. Mai 1999. 2000 Jahre danach. Was bleibt von Jesus Christus? Rudolf Augstein über den Mythos, der die Welt prägte, in: Der Spiegel Nr. 21 vom 24. Mai 1999.

2 Süffisant stellt Josef Dirnbeck fest: »Es ist schon erstaunlich. Da laufen den christlichen Kirchen scharenweise die Leute davon, aber der zwei Jahrtausende alte Markenartikel, den diese Institution im Angebot hat, ist nach wie vor heißt begehrt. Das Interesse an Jesus ist größer als je zuvor.« (Die Jesusfälscher: Ein Original wird entstellt, München 1996, 11).

3 Horst Georg Pöhlmann erschließt das Jesusverständnis des modernen Menschen »aus der externen Christologie, d. h. aus dem außerchristlichen bzw. außerkirchlichen Jesusbild des modernen Geisteslebens«. Dabei fällt ihm auf, »wieviel dem modernen Menschen an der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit Jesu gelegen ist und wie wenig er offensichtlich mit dem von Weihrauchschwaden umgebenen, supermenschlichen Pantokrator einer Hoheitschristologie anfangen kann.« Diesen Eindruck belegt Pöhlmann mit Beispielen aus der modernen Philosophie, Psychologie, Dichtung und Kunst. (Abriß der Dogmatik: Ein Kompendium, Gütersloh 1990, 254-257).

4 HDTHG I,150.

5 Nach Adolf Martin Ritter ist das Dogma von Nizäa »auf den Wider-Spruch zum Aria- nismus zu beschränken, darauf, daß der Gottessohn nicht dem geschöpflichen Bereich zugehöre, sondern gleichen göttlichen Ranges wie der Vater sei.« (HDTHG I,170).

6 Zitiert nach HDTHG I,213. Das Lehrschreiben ist nicht mehr erhalten. Seinen wesentlichen Inhalt gibt aber die Konstantinopeler Nachsynode von 382 in ihrem Sendbrief an die Bischöfe des Okzidents wieder.

7 Die Entwicklung der Grundstruktur »ein Wesen in drei Hypostasen« ist mit der Dogma- tisierung von 325/ 381 abgeschlossen. Dennoch sind auch danach noch wichtige Beiträge geliefert worden. Für den Westen sei Augustins Werk »De trinitate« (ca. 399 bis 419) genannt. Und für den Osten sei die große Systematisierung der wahren Lehre »De fide orthodoxa« von Johannes von Damaskus aus dem 8. Jahrhundert genannt. Darin verwendet er »Perichorese« für das Ineinandersein der drei göttlichen Personen.

8 Untersuchungen der ältesten Handschriften haben zu einer Eingrenzung des Zeitraums auf das 5. und 6. Jahrhundert geführt (TRE IV (1979) 329). Das Athanasianum ist weitgehend von Augustins Lehre abhängig.

9 Vgl. Friedrich Mildenberger und Heinrich Assel: »Die trinitarische Sprachregelung tendiert, vor allem in der abendländischen Tradition, zum Denkunmöglichen hin. Da- rum besteht hier die Neigung, die Trinität als Mysterium zu bezeichnen.« (Grundwissen der Dogmatik, Stuttgart 1995, 117).

10 Siehe Heinrich Schmid, Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche: Dargestellt und aus den Quellen belegt, Gütersloh 1998, 100. Vgl. auch die katholische Stimme Karl Rahners: »Das Dogma der Trinität ist ein absolutes Mysterium, das auch nach seiner Offenbarung nicht innerlich einsichtig wird.« (MySal II,349).

11 LCI Bd. 1, Sp. 528. Bildmaterial in: LCI Bd. 1, Spp. 525-537. Alfred Hackel, Die Tri- nität in der Kunst: Eine ikonographische Untersuchung, Berlin 1931. Willibald Kirfel, Die dreiköpfige Gottheit: Archäologisch-ethnologischer Streifzug durch die Ikonographie der Religionen, Bonn 1948. Darin ist für die vorliegende Thematik das Kapitel 9.I von Interesse »Dreikopf und Dreigesicht als Symbol der christlichen Trinität«.

12 Friedrich Schleiermacher, Der christliche Glaube, Bd. 2 (1831), Berlin 1960, § 172,2, S. 470.

13 F. Schleiermacher, a.a.O., § 172, S. 469.

14 RE XX (1908) 120.

15 TRE XXXIV (2002) 116. Sie ist auf den Einfluss von Karl Barth (KD I/ 1) und Karl Rah- ner (MySal II,317-401) zurückzuführen. Während diese Theologen den Personbegriff wegen seiner tritheistischen Missverständlichkeit eher nicht verwenden wollten und stattdessen von »Seinsweisen« (KD I/ 1 379) oder »Subsistenzweisen« (MySal II,392) sprachen, wollten die Theologen der Folgezeit die Wiedergeburt der Trinitätslehre gerade mit diesem Begriff bewerkstelligen: »Die Renaissance trinitarischer Theologie setzt dort an, wo die Einsicht in die Funktion der Trinitätslehre als Integral der Dogmatik mit einer Neukonzeption des Personverständnisses im Verhältnis zum Verständnis des einen göttlichen Wesens verbunden wird.« (TRE XXXIV (2002) 116). Christoph Schwöbel nennt: Jürgen Moltmann, Trinität und Reich Gottes, München 1980; Robert W. Jenson, The Triune Identity, Philadelphia 1983, John D. Zizioulas, Being as Communion, Crestwood NY 1985; Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie, Bd. 1, Göttingen 1988 (vgl. TRE XXXIV (2002) 116-118).

16 Aus der Konkordienformel: »Wir glauben, lehren und bekennen, daß die einige Regel und Richtschnur (regulam et normam), nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurteilet werden sollen, seind allein die prophetischen und apostolischen Schriften Altes und Neues Testamentes« (BSLK 765). »Die andere Symbola aber und angezogene Schriften sind nicht Richter wie die Heilige Schrift, sondern allein Zeugnis und Erklärung des Glaubens …« (BSLK 769).

17 Aus den Schmalkaldischen Artikeln: »Diese Artikel sind in keinem Zank noch Streit, weil wir zu beiden Teilen dieselbigen (gläuben und) bekennen.« (BSLK 415).

18 Wolf-Dieter Hauschild, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 2, Gütersloh 1999, 298. Hauschild verweist auf »Von den Konziliis und Kirchen« 1539; WA 50, 548-597. Christoph Schwöbel: »Charakteristisch für Luther ist, daß er die altkirchlichen Bekenntnisse und Quellen als Schriftauslegung versteht.« (TRE XXXIV (2002) 106).

19 Adolf von Harnacks Hellenisierungsthese wird so allerdings nicht übernommen. Er meinte: »Das Dogma ist in seiner Conception und in seinem Ausbau ein Werk des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums.« (Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1 (1885), Tübingen 1909, 20). So formuliert erscheint der griechische Geist als das Aktivum, das Evangelium hingegen als Passivum. Doch auch die umgekehrte Sichtweise ist richtig: Das Dogma ist ein Werk des christlichen Geistes auf dem Boden der griechischen Philosophie. Diese Ehe hat beide Partner verändert. Nach Adolf Martin Ritter waren mit der Unterscheidung von Usia und Hypostasis »die Regeln der geltenden Metaphysik außer Kraft gesetzt, nach denen alles Seiende unter eine der von Aristoteles aufgestellten Kategorien fällt: es ist entweder ›Substanz‹ (usia) oder ›Akzidens‹ (symbebekos): ›tertium non datur‹. ›Hier aber gibt es ein drittes. Denn die Hypostase ist nicht die … Substanz. Sie ist aber auch kein Akzidens der Substanz …‹« (HDThG I,205). Demnach war der christliche Geist immerhin so aktiv, dass er Grundvorstellungen des griechischen Denkens sprengen konnte.

20 Alfred Adam, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1, Gütersloh 1985, 314.

21 Bernhard Lohse, Epochen der Dogmengeschichte, Stuttgart 1986, 41. Vgl. auch Henning Schröer: »Man darf nicht übersehen, daß über eine vorzeitliche Zeugung des Sohnes durch den Vater nichts gesagt wird … die Hervorhebung der Geburt Jesu mag … einfach bedeutet haben, daß der ewige Logos erst ab diesem Zeitpunkt ›Sohn‹ heißen konnte.« (Art. Apostolisches Glaubensbekenntnis, in: TRE III (1978) 547). Adolf Harnack: »Aber noch ist eine Erläuterung zu dem Bekenntnis ›eingeborener Sohn‹ nöthig. In der Zeit nach dem Nicänum wird bei diesen Worten in der Kirche durchweg an die vorzeitliche, ewige Sohnschaft Christi gedacht und jede andere Auslegung gilt als Häresie. So hat auch Luther die Worte erklärt: ›wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren.‹ Allein diese Fassung verlangt, auf das Symbol übertragen, eine Umdeutung desselben. Es läßt sich nicht nachweisen, daß um die Mitte des 2. Jahrhunderts der Begriff ›eingeborener Sohn‹ in diesem Sinne verstanden worden ist; vielmehr läßt es sich geschichtlich zeigen, daß er nicht so verstanden worden ist. Wo Jesus Christus ›Sohn‹ heißt, wo ein ›geboren sein‹ von ihm ausgesagt wird, ist in jener Zeit an den geschichtlichen Christus und an die irdische Erscheinung gedacht: der geschichtliche Jesus Christus ist der Sohn.« (Das Apostolische Glaubensbekenntnis, Berlin 1892, 21).

22 Pannenberg wählt im wesentlichen die Sachverhalte aus, die auf der Straße nach Nizäa und Konstantinopel liegen. Das große Tor am Anfang dieses Weges ist die Logos- christologie. Vom älteren Denken, das sich in Gestalt des Monarchianismus gegen diese Lehre formierte, werden nur die Mängel erwähnt. Die Wahrheit dieser gewiss unvollkommenen Sprache wird nicht gesucht. Wolf-Dieter Hauschild schreibt: »Wie bei kaum einem anderen Thema [die Christologie des 1. Jahrhunderts] bedingen sich die jeweilige dogmatische Position und die historische Auffassung.« (Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 1, Gütersloh 1995, 5). Deswegen werden wir noch im Rahmen der Vorüberlegungen Pannenbergs Standort umreißen. Er macht uns die »Auswahl« (STh 1,8) verständlich.

23 Pannenberg erwähnt Ausbrüche aus dieser Struktur. Es wird aber deutlich, dass er ihnen gegenüber ein distanziertes Verhältnis einnimmt. Nach Walter Kasper hat man die Lehre von dem einen Gott »als Lehre von Gott dem Vater zu entfalten« (STh 1,354). Michael Schmaus hat »die Aussagen über Wesen und Eigenschaften des einen Gottes im Zusammenhang mit der Person des Vaters« behandelt (STh 1,330).

24 Das Problem der Einheit der Gottheit war in den Interpretationen der Kappadokier ungelöst geblieben (STh 1,351 Anm. 197).

25 »Eine Begründung der Trinitätslehre muß … ausgehen von der Art und Weise, wie Vater, Sohn und Geist im Offenbarungsgeschehen in Erscheinung treten und sich zuein- ander verhalten. Darin liegt das sachliche Recht der Forderungen nach einer Begründung der Trinitätslehre aus dem Offenbarungszeugnis der Schrift bzw. aus der Heilsökonomie.« (STh 1,325). In dieser Aussage muss die Unterscheidung von »Offenbarungsgeschehen« und »Offenbarungszeugnis« mitgehört werden. Vgl. dazu auch W. Pannenberg, Die Krise des Schriftprinzips, in: Grundfragen systematischer Theologie: Gesammelte Aufsätze, Göttingen 1967, 11-21. Unter einem historischen Gesichtspunkt kann das Geschehen nicht mit dem Zeugnis identisch sein. Diese Einsicht macht einen Teil der »Grundlagenkrise der modernen evangelischen Theologie« aus (a.a.O., 13).

26 Das Zitat hat eine interessante Fortsetzung: »Verborgen sind nicht die trinitarischen Unterschiede von Vater, Sohn und Geist. Diese Unterschiedenheit kennzeichnet gerade die im Offenbarungsgeschehen sich erschließende göttliche Wirklichkeit. Verborgen ist aber die Einheit des göttlichen Wesens in dieser seiner Unterschiedenheit.« (STh 1,368f). Für Pannenberg ist also im Neuen Testament die Dreiheit offenbar und die Einheit verborgen.

27 Indem Pannenberg die Trinität in der Offenbarung begründet sieht und von daher die Lehre vom dreieinigen Gott entfalten will, distanziert er sich von den traditionellen Versuchen einer Herleitung der Dreiheit aus der Einheit des göttlichen Wesens (STh 1,362; vgl. auch 1,417). Am Anfang steht nicht die Einheit, aus der die Dreiheit deduktiv gewonnen wird, sondern gerade umgekehrt die Dreiheit, die dem Systematiker anschließend als Einheit »verständlich« (STh 1,466) wird. Dementsprechend behandelt Pannenberg zuerst den trinitarischen Gott (im 5. Kapitel) underst danach die Einheit des göttlichen Wesens (im 6. Kapitel). Vgl. auch Paul Althaus: »Andererseits läßt sich die ewige Dreifaltigkeit auch nur von der geschichtlichen her begründen, nicht apriorisch aus dem Wesen des Geistes als Selbstbewußtsein (Augustin, Melanchthon, neuerdings etwa A. Schlatter) oder der Liebe (Augustin, Richard von St. Victor, einige Dogmatiker des 19. Jahrhunderts).« (Die christliche Wahrheit, Bd. 2, Gütersloh 1948, 518). Oder Otto Kirn: »Ruht

28 Siehe auch die folgende Formulierung Pannenbergs: Die Trinitätslehre ist »als Explikation der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus zu verstehen und zu entfalten« (STh 1,281).

29 Auch Wilfried Joest spricht von »Selbstunterscheidung«: Die »Selbstbewegung Gottes«

30 Zum filioque äußert sich Pannenberg in STh 1,344-347: Dem Gedanken Augustins, »daß der Geist von beiden, vom Vater und vom Sohne ausgehe, wird man jedoch nicht folgen können.« (STh 1,344). Er ist »dem Zeugnis der Schrift nicht angemessen.« (STh 1,345).

»Die Unangemessenheit besteht darin, daß dieser Gedanke in der Terminologie einer Ursprungsrelation formuliert wurde.« (STh 1,346).

31 Gregor von Nazianz nannte als Eigentümlichkeiten der Hypostasen die »Unerzeugtheit« (agennesia) für den Vater, die »Erzeugung« (gennesia) für den Sohn und das »Ausgehen« (ekporeusis) für den Heiligen Geist (or 25,16; 31,8). Die Dreiheit beruht sonach auf innergöttlichen Relationen (or 31,9). (HDThG I,201).

Details

Seiten
52
Jahr
2003
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108549
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
gut
Schlagworte
Wolfhart Pannenbergs Rekonstruktion Entwicklung Trinitätslehre Kirche

Autor

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Titel: Wolfhart Pannenbergs Rekonstruktion der Entwicklung der Trinitätslehre in der alten Kirche