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Kategorien der neuzeitlichen und relationalen Sozialpädagogik

Vordiplomarbeit 2002 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

I. Teil
2. Sozialpädagogik als politisch institutionalisiertes Handeln
a. Veränderung in der Gesellschaft. Die Entdeckung des Sozialen und die Institutionalisierung der Sozialpädagogik
b. Sozialpädagogik und Politik
3. Sozialpädagogik als Integration in die Gesellschaft
a. Gemeinschaft oder Gesellschaft ?
4. Das Menschenbild und Erziehungsverständnis der Sozialpädagogik
a. Rousseaus Menschenbild und die Inhalte der Sozialpädagogik
b. Das Individuum als Ideal der Sozialpädagogik & die Rolle des Sozialpädagogen
5. Fazit Teil I

II. Teil
6. Aufgaben einer alternativen, dialogisch orientierten Sozialpädagogik
7. Von der politischen Institution zum individuellen Miteinander
a. Abwendung vom Kollektiv
b. Die unmittelbare Beziehung als Aufgabe der Sozialpädagogik
8. Ziele der relationalen Sozialpädagogik
a. Charaktererziehung
b. Urhebertrieb und Verantwortung
c. Verbundenheit und Freiheit
d. Hinführen zur Person

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ziel meiner Arbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Inhalten und Leitlinien der Sozialpädagogik. Dabei geht es mir in erster Linie nicht um verschiedene Strömungen und Theorien in der Sozialpädagogik sondern um das alltägliche sozialpädagogische Handeln in den verschiedenen Einrichtungen.

Im Ersten Teil versuche ich Kategorien herauszuarbeiten, die das Handeln und Denken heutzutage in der Sozialpädagogik prägen, besonderes Augenmerk lege ich dabei auf das Gesellschafts- und Menschenbild, welche im sozialpädagogischen Handeln vertreten sind. Im zweiten Teil meiner Arbeit formuliere ich eine mögliche Alternative zur gültigen Sozialpädagogik, wobei ich mich an Martin Buber`s Relationalitätsbegriff orientiere.

Sozialpädagogik stellt sich heutzutage als ein äußerst heterogenes Feld dar, bei dem es schwer fällt, Abgrenzungen zu anderen pädagogischen Bereichen zu ziehen. Ebenso scheint es fast unmöglich Arbeitsfelder, Arbeitsmethoden und Inhalte zu definieren. Das Spektrum sozialpädagogischer Tätigkeiten reicht von Kinderbetreuungen über Beratungsstellen, Erziehungshilfen, Kinder- und Jugendheimen bis zu außerschulischen Bildungs- und Freizeitangeboten. Sozialpädagogische Arbeit reicht vom Kleinkind bis zum Erwachsenenalter von freiwilligen Freizeitangeboten, bis zu jugendamtlichen Interventionen in Familien. Das Feld ist heutzutage geprägt von einer Diffusität und Heterogeniät, seiner Arbeitsmethoden, seiner Zielgruppen und seiner Abgrenzung gegenüber der Schul- und Kindergartenpädagogik, der Psychotherapie, allgemeinen Freizeitangeboten und der Erwachsenenbildung.

Wo aber liegen die Orientierungen, die Maßstäbe an denen Sozialpädagogik sich in der Praxis orientiert ? Die Organisation der Sozialpädagogik, prägt ihr Erscheinungsbild und ihre pädagogischen Ziele und Ergebnisse mit, somit ist die erste zentrale Kategorie ihre Organisationsform. Die zweite Kategorie leitet sich aus dieser spezifischen Form der Organisation ab und beschreibt ihre Handlungsweise, also wie Sozialpädagogik mit den ihr gestellten Aufgaben und Problemen umgeht. Die dritte und vierte Kategorie beschreiben die Funktion ihrer Arbeit in Bezug auf die Gesellschaft und den Einzelnen.

I. Teil

2. Sozialpädagogik als politisch institutionalisiertes Handeln

Sozialpädagogik ist kein naturwüchsiges Phänomen, sondern das Kind der modernen Gesellschaft. Sie kann nicht ohne oder losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung verstanden und analysiert werden, ist sie doch aus den besonderen Entwicklungen und Umwälzungen der Gesellschaft zu Ende des 19ten, Beginn des 20ten Jahrhunderts entstanden. Ihr heutiges Bild ist von einem hohen Grad an Organisation und Bürokratisierung geprägt, sowie von einem Nebeneinander öffentlicher und privater Träger.

Mollenhauer, beschreibt Sozialpädagogik als einen Bereich der Erziehungshilfe, der auf Grund der industriellen Entwicklung als System gesellschaftlicher Eingliederungshilfen notwendig geworden ist.[1]

Die aktuelle Gestalt des Feldes der Sozialpädagogik ist das Ergebnis eines spezifischen Prozesses im Umgang mit sozialen Problemen (schon dieser populäre Begriff des sozialen Problems verweist auf eine bestimmte Perspektive) und bedeutet dabei, wie ich zeige, noch viel mehr als nur eine spezifische Form der Organisation, denn diese Organisationsform wirkt sich auch zentral auf die Inhalte der Sozialpädagogik ihren Umgang mit den jeweiligen Zielgruppen und ihre Bilder von Gesellschaft und Individuum aus. Auch wenn es vorher schon ein privates und kirchliches Stiftungswesen und Engagement gegeben hat, wie zum Beispiel das Rauhe Haus von Johann Heinrich Wichern (1808-1881), so fehlte doch der einheitliche und flächendeckende Charakter dieser Einrichtungen. Erst durch die Schaffung einer staatlich abgesicherten Basis (durch Gesetze und Finanzierungskonzepte), konnte sich das Feld der Sozialpädagogik etablieren.

a. Veränderung in der Gesellschaft. Die Entdeckung des Sozialen und die Institutionalisierung der Sozialpädagogik

Die Entstehung einer flächendeckenden Kinder- und Jugendfürsorge als Vorläufer und Keim des heterogenen sozialpädagogischen Feldes, geht einher mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Veränderungen. Das entgültige Ende der Vielstaaterei hin zu einem gesamtdeutschen Reich unter preußischer Hoheit 1871 und dann 1918 zu einer bürgerlichen Republik eröffnete erstmals die Möglichkeit von einer Zentralinstanz aus in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft einzugreifen. Die Industrialisierung und davon abhängig ein starkes Städtewachstum (z.B. Köln: 1880: 145.000 1910: 600.000), erodieren zunehmend die gewachsenen traditionellen Beziehungsstrukturen zwischen Menschen. Die großen Bevölkerungsbewegungen zerstören familiäre Verbindungen. Der Aufbau von neuen Beziehungen unterliegt nun aber anderen, nämlich wirtschaftlichen, Prämissen. Die Familie als Erzeugergemeinschaft hat ausgedient.

Max Weber (1864-1920) schreibt in diesem Zusammenhang von der Auflösung der Hausgemeinschaft und einer Vervielfältigung der Lebensmöglichkeiten[2]. Die Produktivität rückt in das Zentrum des Menschenbildes, einhergehend mit einem starken Fortschrittsglauben. Dieser Fortschrittsglaube ist nicht nur in den Naturwissenschaften und den technischen Bereichen vorhanden, sondern auch in den Geisteswissenschaften. Das darwinistische Bild der Menschheitsentwicklung hat sich entgültig durchgesetzt. Dem darwinistischen Verständnis wohnen zwei Prämissen inne, die die Gesellschaft stark prägten. Zum einen die Überzeugung, dass Fortschritt immer positiv belegt ist zum anderen, dass das Neue ist besser als das Alte. Die Industrialisierung als die differenzierteste Form von Gesellschaft wird als modernste und beste Form verstanden. Deutlich wird dies an dem Werk Herbert Spencers (1820-1903), dessen Werke großen publizistischen Erfolg hatten und der die Sozialwissenschaften, besonders im Bereich der Systemtheorien, bis heute beeinflussen. Er beschreibt die Gesellschaft als einen Organismus, der sich von einem unzusammenhängenden Homogenen zu einem interdependenten Heterogenen entwickelt.[3] Die Beschreibung der Gesellschaft als sozialer Organismus erfolgt dabei über die Arbeitsteilung der einzelnen „Zellen“. Der Fortschritt der Gesellschaft liegt in der Entwicklung zur ausdifferenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft. Es liegt dabei eine eigenartige Gleichzeitigkeit zwischen der Betonung der Verschiedenheit der einzelnen Gruppen und Mitglieder der Gesellschaft und der Betonung der, den einzelnen überdauernden Bedeutung des Organismus, vor. Die Stossrichtung ist aber deutlich, denn die Gesellschaft existiert, so Spencer, zum Nutzen ihrer Glieder und nicht ihre Glieder zum Nutzen der Gesellschaft.[4] Gesellschaft ist keine Schicksalsgemeinschaft mehr, sondern ein funktionaler und zweckrationaler Zusammenschluss von wechselseitig abhängigen Individuen. Die Funktion der Gesellschaft muss also sichergestellt werden. Dies ist die Aufgabe die dem Staat zukommt.

In dieser Phase wird das Soziale als Problem, als Forschungsgegenstand und als politisches Betätigungsfeld entdeckt. Die Gesellschaft thematisiert sich und ihren Umgang miteinander, selbst. Es kommt die Frage auf, wie die moderne Gesellschaft zusammenhalten kann.

In der juristischen und pädagogischen Auseinandersetzung tauchen Berichte über junge aufsässige und zügellose Arbeiter auf. Es entsteht der Neogolismus des Jugendlichen, der primär auf städtische junge Männer aus dem Unterschichts- und Arbeitermilieu gemünzt ist, die ohne Arbeit herumlungern und den Ordnungsorganen ins Auge fallen. Soziale Probleme, die sich in abweichendem Verhalten und Verwahrlosung von der „Normal“ Bevölkerung niederschlagen, werden zur Keimzelle der Sozialpädagogik. Die Anfänge sind von einer juristisch-erzieherischen Perspektive geprägt. Ausdruck findet dies in dem Zwangserziehungsgesetz von 1878. und in der Rede von der Kontrolllücke zwischen Schulbank und Kasernentor. Im Begriff des Jugendlichen manifestiert sich diese für die Anfangsphase der Sozialpädagogik prägende negative Sicht[5].

Der Jugendliche als soziales Problem, als verwahrloster und gefährdeter Mensch, musste zurückgeholt werden, regintegriert werden in die moderne Gesellschaft. Das was ihm fehlte war Erziehung. Erziehung im Sinne der Ein- und Unterordnung in die Gesellschaft.

Diese Perspektive schlägt sich auch in der Präambel des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes von 1922 nieder, in der es heißt: „Jedes deutsche Kind hat ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit. Im aktuellen Kinder- und Jugendhilfegesetz (1999) heißt es: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“

Das Verständnis von Gesellschaft und Persönlichkeit arbeite ich unter Punkt 3 und 4 auf, an dieser Stelle möchte ich nur auf das Recht der Erziehung bzw. der Förderung und Entwicklung eingehen. Auch wenn Förderung und Entwicklung das Individuum, den Jugendlichen mit einbeziehen, während der Begriff der Erziehung ein Bild hinterlässt bei dem auf das Kind eingewirkt wird und er Objekt des Erziehers ist, bleibt die Tendenz doch gleich. Das Recht zur Erziehung in dem genannten Sinn ist mehr, es ist auch Pflicht und tritt den Jugendlichen auch als solches gegenüber. Besonders deutlich wird dies in der frühen Entwicklungsphase, der Wohlfahrtspflege, der eine starke Betonung auf Seiten der Zwangs- und Fürsorgeerziehung hatte. „Erziehung statt Strafe“, so das Motto, führte zu einer Ausweitung der Erziehungsheime und der amtlichen Vormundschaft. Auf Grund der auftretenden Probleme, mit Jugendlichen, die anscheinend weder von Eltern und Schulen gelöst werden können, etablieren sich eine im Lauf der letzten 100 Jahre die öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe unter einem durch Gesetze abgesicherten und durch Ämter geordnetem Dach.

b. Sozialpädagogik und Politik

Mit dem Erlass des RJWG, 1922, entstanden die Strukturen in der Sozialpädagogik die bis heute gültig sind. Es entstanden Jugendämter in allen Kommunen und Landkreisen, die sowohl im operativen Geschäft, als Träger von Jugendeinrichtungen, als auch als Aufsichts- und Repräsentationsorgan tätig waren. Dem zugeordnet wurde der Jugendwohlfahrtsausschuss (nach dem Krieg Jugendhilfeausschuss) in dem alle Träger (private, konfessionelle und öffentliche) sowie Vertreter der Parteien vertreten sind und der über ein begrenztes Mitbestimmungsrecht verfügt.

Die staatliche Absicherung durch Gesetze und eine öffentliche Finanzierung bedeuteten aber auch eine große inhaltliche Abhängigkeit vom Feld der Politik. Wie stark diese Abhängigkeit und Einflussnahme seitens der Politik ist, zeigen die inhaltlichen Veränderungen in der Sozialarbeit. In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg überwiegten zwangserzieherische Maßnahmen. Der Staat sah sich legitimiert in die Erziehung einzugreifen um das Kind im Sinne seiner sozialen Brauchbarkeit zu erziehen[6].

Das im Nationalsozialismus der konservative und als anpassungsgeeignet geltende Teil der Jugendpflege und –Erziehung gleichgeschaltet, der andere reformerische bzw. gewerkschaftsnahe Teil aber ausgeschaltet wird, ist nicht verwunderlich, Aber auch nach dem Krieg fließen massiv Werte und Gesellschaftsvorstellungen der Politik in die Sozialpädagogik ein.

Der Schwerpunkt der Arbeit verlagert sich nach dem Krieg in den Bereich der Jugendpflege, aus der die Jugendhilfe wird. Neben einem weiteren massiven Ausbau des Feldes und seiner Beschäftigten, richtet sich der thematische Schwerpunkt in den 50er und 60er Jahren auf die „Rekonstruktion der Familie“. In den Jahren 1950-1954 entstanden mehrere konfessionelle Familienverbände die sich massiv für die „Normalfamilie“ einsetzten. Auch die Gründung des Ministeriums für Familienfragen ist unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen[7]. Auch in der aktuellen sozialpädagogischen Debatte wird der Einfluss von Politik und Gesellschaft deutlich. Das zunehmende Primat der Wirtschaft in allen Bereichen der Gesellschaft schlägt sich auch, in der Sozialpädagogik nieder. Seit einigen Jahren wird mit Begriffen wie Kundenorientierung, Effektivität, Controlling, Qualitätsmanagement und Sozialmanagement gearbeitet und eine Umstrukturierung des Feldes durchgeführt. Für die öffentliche Jugendhilfe in Frankfurt bedeutete dies zum Beispiel, dass sie aus der öffentlichen Trägerschaft in den „Betrieb Kommunale Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Frankfurt“ überführt wurden. In der Vereinbarung zwischen Betrieb und Jugendamt wurden dem Controlling und der Qualitätsentwicklung eine große Bedeutung beigemessen.[8] Auch in den Abschlüssen von Leistungsverträgen mit den freien Trägern der Jugendhilfe macht sich diese Orientierung bemerkbar. Sozialpädagogische Arbeit, so das Verständnis, ist eine Leistung die kundenorientiert und effektiv erbracht werden soll, dies soll in einem ständigen Qualitätsentwicklungsprozess überprüft und verbessert werden. Der Staatssekretär im Ministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend, Dr. Willi Hausmann, sagt in einer Eröffnungsrede einer Tagung zur Qualitätssicherung 1996: “In der Kinder- und Jugendhilfe kann man den Erfolg eben nicht wie in der Wirtschaft in Zahlen messen und an der Umsatz- und Produktivitätssteigerung ablesen. Dennoch dürfen uns diese Schwierigkeiten nicht davon abhalten, auch in unserem Bereich nach der Wirkung und der Effektivität des Einsatzes von Ressourcen zu fragen und Qualitätsstandards zu entwickeln“.[9] An Hand dieser Beispiele, wird meiner Meinung nach, der Einfluss auf die Inhalte der sozialpädagogischen Arbeit durch die Politik deutlich. Somit ist sozialpädagogische Praxis immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Überzeugungen. Es mag vielleicht möglich sein, ohne behördliche und politische Unterstützung, Konzepte kurzfristig durchzuführen, jedoch wird eine dauerhafte Etablierung fehlschlagen. Durch die Institutionalisierung jedoch wird die sozialpädagogische Idee von einem alternativen Experiment, wie zum Beispiel die Ansätze in der Gemeinwesenarbeit, zu einem Teil der vorhandenen Regelungsmacht. Diese bringt ihre eigenen Ideen und Überzeugungen mitein und verändert durch, Stellenpolitik, Mittelzuweisung, Auftragsverteilung und Vergabepolitik das Erscheinungsbild.

3. Sozialpädagogik als Integration in die Gesellschaft

Das Feld der Sozialpädagogik steht funktional zwischen der Gesellschaft auf der einen und dem Heranwachsenden auf der anderen Seite. Es hat als Aufgabe die Integration der Individuen in die Gesellschaft. Die Frage ist nun für mich, mit welchem Gesellschaftsbild die Sozialpädagogik an den Heranwachsenden, aber auch an die Gesellschaft herantritt. Auf Grund der starken organisatorischen und inhaltlichen Einflussmöglichkeiten seitens der öffentlichen Institutionen auf die Sozialpädagogik, kann man davon ausgehen, dass das sozialpädagogische Gesellschaftsbild dem politisch-institutionellen Gesellschaftsbild recht nahe kommt. Da die Sozialpädagogik von ihren Aufgabenstellungen her sich hauptsächlich mit den Schattenseiten der Entwicklung von Individuen und Gesellschaft auseinandersetzen muss, entwickelt sich aus ihr heraus durchaus eine Gesellschaftskritik, wie sich an den Ansätzen der Gemeinwesenarbeit (GWA) zeigt, die als Kritik an der Gesellschaft und der klassischen Wohlfahrt u.a. von W. Müller 1971 entwickelt wurde. Müllers Ansätze basierten primär auf der marxistischen Gesellschaftsanalyse und folgten auch in ihren Zielen den Forderungen von Marx. Veränderungen sollen durch die Ausübung von Druck erreicht werden, dabei geht es jedoch nicht um eine Revolution der Mitbevölkerung, sondern um das Stören des bisherigen Systems.

In den Konzepten der GWA ging dabei primär um die Motivierung, Aktivierung, Organisation von Betroffenen, damit diese zur Veränderung ihrer Situation beitragen.

Trotz dieser kritischen Ansätze und deren Einfluss, bleibt die Kritik auf der Ebene „sozialkritischer Nörgelei“, so Mollenhauer[10]. Dies scheint auch nicht verwunderlich, wenn man die große Abhängigkeit der Sozialpädagogik von den Bereichen bedenkt, die viele der Probleme erst produzieren.

a. Gemeinschaft oder Gesellschaft ?

In § 1 KJHG heißt es, dass der junge Mensch, zu einer „ gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ herangezogen werden soll. Ich bezweifle jedoch, dass hier „wirkliche Gemeinschaft“ in Form einer „ subjektiv gefühlten Zusammengehörigkeit“ [11] oder der Vorstellung Martin Bubers gemeint ist, der als Gemeinschaft das bezeichnet, was entsteht, wenn Menschen ihr Leben zusammen verbringen wollen, und zwar nicht zur besseren Durchsetzung ihrer Interessen, sondern nur um zusammen zu leben[12]. Ich denke, dass es in § 1 des KJHG eigentlich um Gesellschaftsfähigkeit geht. Deutlich wird dies auch an § 9 des KJHG, der die Grundrichtung der Erziehung beschreibt. Es geht primär um die „ Bedürfnisse des Kindes oder des Jugendlichen zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln (...) zu berücksichtigen. In § 11 „Jugendarbeit“ heißt es: „ (...) sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinzuführen.“

An diesen beiden Paragraphen wird das Verständnis von Gemeinschaft u. Gesellschaft deutlicher. In der Aufgaben die der Sozialpädagogik gesetzlich vorgegeben werden, geht es primär um die Hilfe, den Jugendlichen zu einem selbstständig und verantwortlich handelnden Individuum zu machen und diesen in die Gesellschaft hineinzuführen. Hier klingen für mich keine Ansätze zur Hinführung zu einer Gemeinschaft an, sondern eher gesellschaftsrelevante Aspekte, denn eine moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaft benötigt einerseits Selbständigkeit, damit sich die Individuen in ihr behaupten können, als auch Verantwortung, im Sinne einer Handlungsmaxime, da ja ethische Regulierungen wie sie in Gemeinschaften gegeben sind, z.B. durch Verwandtschaft, Freundschaft, religiöse Orientierungen etc. die das Handeln steuern könnten, der Gesellschaft fehlen.

Auch Mollenhauer weist auf die Problematik zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft hin, wenn er die zunehmende Diskrepanz zwischen Familie und Gesellschaft als eine der Problemquellen für Heranwachsende analysiert. Die Familie als eine der Urformen von Gemeinschaft, im Sinn eines ursprünglichen Zustandes, einer Gemeinschaft die nicht auf Zweckrationalität und Interessensgleichheit sondern auf Zuneigung, Vertrauen, etc. basiert, wird zunehmend unterhöhlt. Sie kann in einer modernen Gesellschaft anscheinend nicht mehr die notwendigen oder relevanten Inhalte an die nächste Generation weitergeben, die diese für ihre Integration in die Gesellschaft benötigt. Die Sozialpädagogik tritt hier als Ersatz für die Familie ein, um die gesellschaftsrelevanten Sozialisationsinhalte zu vermitteln.

4. Das Menschenbild und Erziehungsverständnis der Sozialpädagogik

Mollenhauer gibt zwei Richtungen an, aus denen sich, für ihn, das Menschenbild der Sozialpädagogik ableiten lässt. Zum einen verweist er auf die Aufklärung, zum anderen auf personalistische Traditionen. Die zentrale Figur im Bereich der Aufklärung wäre J.J. Rousseau(1712-1778) mit seinem Werk Emile (1762). Auch wenn hier der falsche Ort ist Rousseaus Denken zu entfalten, so bietet ein Vergleich seiner Ideen mit denen Mollenhauers einen guten Einstig in die Frage welches Menschenbild und Erziehungsverständnis in der Sozialpädagogik vorherrscht. Zum anderen weißt er auf personalistische Ansätze hin, die von Notwendigkeit der Begegnung mit einer Person ausgehen um selber Person zu werden. Wird im einen Ansatz die Bedeutung des Individuums betont kommt im anderen die Bedeutung der Interaktion zum Ausdruck.

a. Rousseaus Menschenbild und die Inhalte der Sozialpädagogik

Rousseau`s Ausgangsbasis ist das Ideal des Naturmenschen, dieser ruht in Selbstgenügsamkeit, und ist nicht, an einer Maximierung seiner Selbsterhaltung interessiert.[13] Seine Bezugspunkte sind sowohl er selber als auch Seinesgleichen. Der Naturzustand ist für Rousseau das Ideal, indem die Menschen friedlich und auf sich selbst beschränkt leben. Diese Selbstgenügsamkeit, beinhaltet auch, dass der Mensch in sich schon alles in sich trägt um sich zu entfalten. Da für Rousseau das Schlechte aus der Vergesellschaftung heraus entsteht, die den Menschen zur Vervollkommnung und zum Vergleich drängt[14], entwickelt er im Emile eine Erziehungsutopie. In dieser wird der Zögling bis zur Zeit der Pubertät von der Gesellschaft isoliert groß gezogen. Der Erzieher stellt dabei nur die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung. Erst mit Beginn der Pubertät führt der Erzieher den Zögling in die Gesellschaft ein.

Wenn man den Blick auf die Sozialpädagogik richtet, fallen viele Parallelen auf. Wie bei Rousseau ,wird auch in der Sozialpädagogik die bürgerliche Gesellschaft, mit ihrer Ausrichtung auf Besitz und der daraus resultierenden Ungleichheit, als die Quelle der Probleme gesehen. Rousseau versucht die Probleme über zwei Ansätze zu lösen. Zum einen durch die Utopie eines Gesellschaftsvertrages, der eine basisdemokratische Struktur haben soll und der aus dem einzelnen, egoistischen Menschen, den Teil einer Gemeinschaft machen soll. Das Einzelne Individuum soll in diesem Staat ein unteilbarer Teil eines Ganzen werden. Die Interessen und Regungen des Einzelnen sollen dabei zur Erzeugung des „volonte generale“, des Gemeinwillens beitragen. Zum anderen versucht Rousseau die Probleme über die idealisierte Erziehungsutopie im „Emile“ zu lösen, indem er, auf die Selbstentfaltungskräfte des heranwachsenden Individuums vertrauend, dieses von der Gesellschaft weitgehend isoliert um es erst zu dem Zeitpunkt in die Gesellschaft einzuführen, wenn es diese erfassen kann.

Beide Utopien finden in der Sozialpädagogik ihren Niederschlag. Sozialpädagogik hat immer wieder gesellschaftliche Rahmenbedingungen kritisiert, und versucht durch alternative Formen, (wie unter 3. S.6/7 dargestellt z.B. durch die Gemeinwesenarbeit) die Gesellschaft zu verändern. Auch der in allen Bereichen der Sozialpädagogik ausgeprägte Lebensweltbezug kann in dieser Richtung gedeutet werden.

Das Bild des Heranwachsenden das Rousseau vertritt, hat bei genauer Betrachtung in allen Bereichen der Sozialpädagogik seine Spuren hinterlassen. Rousseaus Betonung der Selbstentfaltung des Heranwachsenden, nur unterstützt durch die Bereitstellung von Rahmenbedingungen, misst dem einzelnen Kind eine große Bedeutung zu, denn nicht mehr das Außen ist entscheidend sondern nur noch die Möglichkeit der Entfaltung aus dem Inneren heraus. Dies bedeutet, das jeder schon das Notwendige mit sich herum trägt und er nur den Raum zur Entfaltung braucht. Da das Kind, die oder der Heranwachsende im Grunde schon alles aus sich heraus ist, hat er schon einen Wert an sich, er erwirbt ihn nicht erst durch Leistung, oder die Aneignung von Dingen. Der Gedanke des hohen Stellenwertes des Einzelnen Individuums, findet in der Sozialpädagogik seinen Platz in der Idee, dass der Jugendliche nicht primär Objekt ist, sondern Partner. Im KJHG wird diesem Gedanken in § 8 Rechnung getragen. In der Praxis zeigt sich dies in der großen Anzahl an offenen Jugendtreffs und Jugendclubs, die den Jugendlichen Raum zur Entfaltung geben.

Die Position die der Erzieher im Emile einnimmt findet sich, natürlich in abgeschwächter Form, auch in der sozialpädagogischen Praxis wieder. Mollenhauer spricht sowohl mehrfach von der Bereitstellung von Ressourcen, für den Jugendlichen, als auch von der Funktion der Einbindung oder Integration des Jugendlichen in die Gesellschaft. Die Anpassung als Akt der Integration, ist für ihn einer der zentralen Aspekte von Erziehung. Dabei versteht er unter pädagogisch richtiger Anpassung: „... wenn sie so verläuft, dass dem Sich-Anpassenden die Kritik an dem Vorgang und seinen Ergebnis immer noch möglich ist.“[15] Anpassung ist also ein aktiver Prozess, der nicht nur eine reine Übernahme des Gegebenen sondern durchaus auch dessen Veränderung beinhalten kann. Dies hat für mich eine sehr große Nähe zu Rousseau, der den Heranwachsenden erst in die Gesellschaft entlassen will, wenn dieser ihr gewachsen ist.

b. Das Individuum als Ideal der Sozialpädagogik & die Rolle des Sozialpädagogen

Das Individuum, als eine aus sich heraus entfaltende Kraft, dem Ressourcen zur Verfügung gestellt werden sollen, damit es sich optimal entfalten kann und das als aktiv-anpassendes in die Gesellschaft integriert werden soll, ist eine zentrales Leitbild der Sozialpädagogik. Dazu kommt eine gesellschaftskritische Haltung, die sich in verschiedenen Konzepten niederschlägt, und in dem Versuch der Sozialpädagogik, Benachteiligungen und Defizite der Individuen abzubauen. Hieraus erklärt sich auch die starke Lebensweltorientierung der Sozialpädagogik sowie die große Ausdifferenzierung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Wenn ich davon ausgehe, dass jedes Individuum alles schon in sich trägt, also theoretisch in sich und aus sich heraus existieren kann, wenn es sich unbeschadet entfalten kann, muss ich an den jeweiligen Lebensumständen des einzelnen Ansätzen um ihm diese Entfaltung zu ermöglichen. Dies bedeutet aber weiter, dass es eine unzählig große Gruppe von Lebensumständen gibt, die alle besondere Vorteile, aber auch Nachteile für die Entfaltung des Einzelnen mit sich bringen.

Die Ausdifferenzierung und Heterogenität des sozialpädagogischen Feldes bekommt aus dieser Perspektive einen tieferen Sinn, denn man kann hierin den Versuch sehen, einer möglichst großen Vielfalt von verschiedenen Lebenslagen die Entfaltung zu ermöglichen.

Hierin zeigt sich auch eine idealistisch-utopische Perspektive in der Sozialpädagogik. Die Förderung des Heranwachsenden ist nun die Aufgabe des Sozialpädagogen. Dabei ist das Verhältnis Erzieher/Sozialpädagoge zum Jugendlichen ist ebenfalls geprägt von der zentralen Bedeutung des Individuums. Der Heranwachsende ist nicht nur Partner, wie es immer wieder betont wird, sondern, neben der Gesellschaft, wie unter 2. dargestellt, auch Auftraggeber. Seine Bedürfnisse und Probleme sind, neben den gesellschaftlichen Interessen, der ausschlaggebende Punkt für die Aktivitäten des Sozialpädagogen. Mollenhauer betont, das Zuwendung und Ansprache die beiden zentralen pädagogischen Handlungen sind, aus denen heraus die wichtigsten Erfahrungen für die Humanität gestiftet werden[16]. Dem Verhältnis Pädagoge – Heranwachsender wird eine große Bedeutung beigemessen. Dass der persönlichen Ansprache auch in der Praxis eine große Bedeutung zukommt, zeigt sich in den verschiedenen Konzepten, jedoch tritt die Persönlichkeit des Erziehers in den Hintergrund der Beziehung. Er stellt nur die Rahmenbedingungen zur Verfügung und soll nicht mehr als „persönlich in bestimmter Richtung Beeinflussender“[17] in Aktion treten. Ansprache und Zuwendung werden somit zu einer professionalisierten Methodik. Ego (Der Heranwachsende) trifft in Alter (dem Erzieher) nicht mehr auf eine Person mit allen seinen Facetten, sondern nur noch auf bestimmte Aspekte, die in der Situation als erforderlich erscheinen. Der Sozialpädagoge nähert sich hier dem Bild des Therapeuten oder Beraters an, der sich selbst möglichst weitgehend aus der Situation herausnehmen soll, indem er dem Klienten in keiner Weise kommentierend oder kritisierend gegenüber tritt, sondern dem Klienten Raum zur Entfaltung gibt.

Die Entwicklung des Erziehers zum methodisch geschulten Sozialpädagogen ist ein Prozess, der mit der Gründung der Sozialpädagogik eingesetzt hat, und bis heute anhält. Diese Professionalisierung die mit der Ausdifferenzierung der Sozialpädagogik einhergeht, führt meiner Meinung nach dazu dass sich Klient und Pädagoge nicht mehr als Menschen in ihrer Ganzheit gegenübertreten, sondern beide nehmen eine funktional differenzierte Rolle ein, in der es primär um die Durchsetzung bestimmter Interessen geht, dass dabei die Interessen des Sozialpädagogen sich auf die Entfaltung der Interessen des Klienten beziehen oder beziehen sollen, ist nur konstitutiver Bestandteil des Verhältnisses Klient – Pädagoge und ändert an der Interessenhaltigkeit ihrer Beziehung nichts. Entweder wendet sich der Jugendliche, ob gezwungen (z.B. durch Veranlassung des Jugendamtes, der Jugendgerichtshilfe, etc.) oder freiwillig (auf Grund einer bestimmten Problemlage)an den Sozialpädagogen, um in einer bestimmten Situation Rat oder Hilfe zu bekommen, oder der Sozialpädagoge wendet sich an den Jugendlichen auf Grund der spezieller Lebenssituation des Jugendlichen.

Liegt nun auf der Seite des Klienten die Einschränkung in der Ausrichtung auf seine Interessen, sowie auf die spezielle Einrichtung die er aufsucht (z.B. eine Berufsberatung), so gibt es für den Sozialpädagogen mehrere Grenzen, die ihm eine bestimmte Rolle zuweisen. Zum einen ist dies sein spezialisierter, ausdifferenzierter Arbeitsauftrag den er seitens des Trägers erhalten hat. Hier muss ich noch einmal auf die zunehmende Qualitäts- und Effektivitätsforderungen hinweisen, die auch zu einer immer genaueren Festschreibung der zu erbringenden „Produkte“ geführt haben. Der Sozialpädagoge muss sich also von der Struktur der Organisation her, in einem bestimmten Rahmen bewegen ( in meinem Beispiel dem Jugendlichen bei der Berufswahl behilflich sein ). Die zweite Grenzziehung ergibt sich aus der Anerkennung des Klienten als monadologisches Individuum, dem zur Entfaltung geholfen werden muss. Das Maß an dem zu messen ist, ist das Potential des Klienten und wie man dieses zur Entfaltung bringen kann, bzw. wie man behindernde Faktoren abbauen kann. Im Fall der Berufsberatung würde sich der Sozialpädagoge sich nach schulischen Leistungen, Interessen und Fähigkeiten erkundigen um sich ein Bild zu machen, vielleicht würde er ihm raten, einen Kurs in Konfliktmanagement zu belegen, wenn er merkt, dass der Klient Probleme mit Kritik hat.

5. Fazit Teil I

II. Teil

Analog zum 1. Teil der Arbeit stelle ich nun zu den erarbeiteten Kategorien der heutigen Sozialpädagogik Gegenkategorien auf, die auf dem Werk Martin Bubers beruhen. Martin Buber, geboren am 8. Februar 1887 in Wien, entwickelte in im Laufe seines Lebens das Dialogische Prinzip. Der zentrale Gedanke Bubers ist die Ich – Du Beziehung des Menschen, der er die Ich-Es Beziehung gegenüberstellt. In diesen beiden Beziehungsformen liegen die Grundverhaltensweisen des Menschen. Während im Ich – Es Verhältnis alle Bereiche der Wahrnehmung und Erfahrung, der Verobjektivierung aller Dinge um mich herum erfasst werden, beschreibt das Ich – Du Verhältnis die Ebene der unmittelbaren, nicht beschreib- und erfahrbaren Beziehung [18] . In der Unmittelbarkeit der Ich – Du Beziehung entsteht Gegenwart, während die Ich – Es Beziehung eine vergangenheitsbezogene Beziehung ist. Erst in der Ich – Du Beziehung wird der Mensch zum Menschen. Buber richtet seinen Blick primär auf das „Zwischen“, auf das was zwischen Menschen ist, die sich ohne Zweckrationalismus und ohne Interessen gegenüber stehen, wo das Gegenüber also nicht Mittel oder Zweck ist, sondern einfach nur ist. Aus dieser unmittelbaren Ansprache des anderen, kann echte Verantwortung wachsen[19].

Der Versuch, diese Geisteshaltung, zur Basis einer Sozialpädagogik zu machen, muss eigentlich zum Scheitern verurteilt sein, da man versuchen würde, dass, was sich zwischen Menschen, die sich plötzlich vom anderen her erfahren, spontan und fließend entwickelt, was eben nicht wie eine feste Methodik oder ein Sammelsurium an Kommunikationstechniken ist, in eine Form zu pressen, zu analysieren, zu kategorisieren und es somit aus der Ich – Du Beziehung herausnimmt um es in die Ich – Es Beziehung zu überführen. Der Unterschied wäre ähnlich dem zwischen einem Schmetterling den man auf einer Wiese beobachtet und denen die man konserviert in den Räumen des Senckenberg Museums besichtigen kann.

Trotzdem möchte ich versuchen den Gedanken und Ideen Martin Buber`s einen Platz in der Sozialpädagogik zu verschaffen und versuchen aus ihnen Ansätze für das Arbeiten und Denken abzuleiten.

6. Aufgaben einer alternativen, dialogisch orientierten Sozialpädagogik

Zu Anfang stellt sich die Frage, warum dieser Weg beschritten werden soll, wo überhaupt der Wert einer dialogischen Sozialpädagogik liegt. Derzeit erfüllt die Sozialpädagogik zwei miteinander verknüpfte Funktionen. Zum einen hilft sie dem Individuum sich bestmöglich zu entfalten, sich selbst zu verwirklichen, ohne zu sehr von möglichen Defiziten behindert zu werden, und zum anderen dem entfalteten Individuum sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Kann man dieses Programm unter den Begriffen „Individualisierung und Vergesellschaftung“ zusammenfassen hat Buber andere Ziele. Ich halte Bubers Ziele für sehr bedenkenswert, da sie tiefer gehen und versuchen den Menschen an seiner Substanz zu erreichen. Sie bieten die Möglichkeit den Menschen zu einem „ganzen Menschen“ werden zu lassen. Bubers dialogisches Menschenbild bietet meiner Meinung nach ein interessantes Gegenmodell zum heutigen Menschen- und Gesellschaftsbild.

Es ist auffällig, dass viel über den entwurzelten und orientierungslosen modernen Menschen gesprochen wird. Die große Problematik die von der Pluralisierung der Werte und der Ausdifferenzierung der Gesellschaft ausgeht wird allgemein anerkannt, jedoch wird in keiner Weise versucht, dass Problem bei seiner Wurzel zu fassen, indem man nämlich bei der Sozialisation der Menschen ansetzt, indem man versucht ihnen andere Wege der Entfaltung aufzuzeigen, sondern es werden immer neuere, ausgefeiltere Handlungskonzepte und Maxime vermittelt. Dem System und der Weltsicht, die diese Probleme hervorgebracht hat, wird kein Gegenmodell entgegengesetzt sondern es wird, ganz darvinistisch, nach der Bestmöglichen Anpassung gesucht, so unterwirft sich der Mensch den Umständen und Strukturen die er selber hervorgebracht hat. In dem Buch, „Entwicklungspsychologie des Jugendalters“, von H. Fend heißt es zum Beispiel: “Der moderne Mensch ist offensichtlich stärker auf sich gestellt, auf seiner inneren Möglichkeiten und Kapazitäten. Er muss heute aus inneren Plänen und Konzepten leben, er muss diese entwickeln und im Laufe seines Lebens aufbauen. Die pädagogische Konsequenz zielt auf die Stärkung der Person, damit sie modernen Lebensbedingungen bestmöglich standhalten kann.“[20] Auf den erhöhten Leistungsdruck und auf die zunehmende Konkurrenz in der Arbeitswelt, die zur Selbstverwirklichung dient, reagiert man mit Konzepten des lebenslangen Lernens, Rhetoriktrainings und Selbstmanagementkursen. Auf zunehmende Gewalt und Konflikte unter Jugendlichen wird reagiert mit Gewaltpräventionstrainings. Auch wenn dies alles gute Ergebnisse bringt, und dem einzelnen zu einer besseren Ausgangsbasis in der Gesellschaft verhilft, so bleiben tiefergehende Schichten unangetastet. Die Frage ist nämlich nur, wie kann ich den einzelnen Klienten, ausrüsten um in dieser Welt zurecht zu kommen, welche „Waffen“ benötigt er um sich durchzusetzen, sich bestmöglich zu entfalten. Das was Fend beschreibt ist nach Buber nur eine logische Folge der Eswelt, denn: „ Mit dem Umfang der Eswelt muss auch die Fähigkeit sie zu gebrauchen und zu erfahren zunehmen.“[21] Auch die Beschreibung der Vereinzelung des Menschen ist logisch, denn die Ausbildung der, für die Eswelt notwendigen Fähigkeiten führt zu einer Minderung der Beziehungskraft als der für die Duwelt notwendige Fähigkeit[22]. Überspitzt ist der Beitrag der Entwicklungspsychologie und der Sozialpädagogik nur die Hilfe zum Leben mit einer Krankheit. Es wird dem Menschen nur geholfen, sich in der Eswelt zurechtzufinden und mit der Vereinzelung besser klarzukommen, das Eigentliche wird jedoch umgangen.

Hier könnte Bubers Werk ansetzten, den die Frage die er bearbeitet ist, wie jeder einzelne in der Gesellschaft zu sich selbst sowie zum andern kommt, und zwar auf eine Art und Weise die nicht von der Mittelbarkeit der Ziele und Zwecke bestimmt wird, sondern durch die Unmittelbarkeit einer Beziehung. Die Beziehung sowohl zu sich selbst als auch zum Anderen, zum Du, rückte so in den Mittelpunkt der Sozialpädagogik, die sich dann dem wirklichen Menschen in seiner mangelnden Beziehungskraft zuwenden würde.

7. Von der politischen Institution zum individuellen Miteinander

„ Überall sind heute Scharen um Scharen von Menschen in die Hörigkeit von Kollektiven verfallen, von denen jedes für die ihm Hörigen die höchste Instanz ist, es gibt keine den kollektiven übergeordnete, universale Souveränität mehr in der die Idee, im Glauben, im Geist...“[23] Diese Kritik Bubers an den gesellschaftlichen Verhältnissen hat auch heute noch große Berechtigung und beschreibt meiner Meinung nach hervorragend die Zustände in der Sozialpädagogik, die sich in einer unüberschaubaren und diffusen Heterogenität der Kollektive, was ich mit Institutionen und theoretischen Ansätzen übersetze, präsentieren . In einem hat sich die Bubersche Beschreibung jedoch verändert, besonders was die Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft. Die Hörigkeit der Kollektive, also dem gruppenspezifischen Wissen „wo es lang geht“, ist einer erkenntnistheoretischen Skepsis gewichen. Dieser Ernüchterungsvorgang erscheint mir nur als logische Folge. Der Fortschrittsglaube den es in der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende noch gab, und der auch ein Glaube an die wissenschaftlichen Erkenntnisse war, ist gewichen. Für die Sozialpädagogik bedeutete dies, dass nach einer Phase der Ausweitung und Schaffung einer eigenen wissenschaftlichen Basis in den 20er Jahren, nach einer Unterbrechung durch den Nationalsozialismus, in den 60er Jahren, eine grundlegende Kritik der Sozialpädagogik folgte. Das Ergebnis war eine relativistische Einstellung zu Erkenntnissen, zu dem was Wahrheit und Wirklichkeit ist. Hielt man zur Zeit der Jahrhundertwende die Beobachtung, das empirisch Feststellbare als Quelle objektiver Erkenntnis, so kommt man nun zu einem subjektiv-relativistischen Umgang mit Erkenntnis. Die Frage ist: „... wie schützt sich das Erkennen, nicht nur das religiöse und philosophische, das nach Ewigkeit dürstet, sondern auch das um Aufklärung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse bemühte Erkennen vor dem schier unabwendbaren Vorwurf seiner Interessengebundenheit und damit seiner genuin ideologischen Verfälschung?[24] Meiner Meinung nach wurde dieses Problem gelöst, indem man die Subjektaftigkeit von Erkenntnissen akzeptierte und die Wahrheit, Wahrheit sein ließ. Die Pluralisierung der Lebenswelten und Lebensmöglichkeiten ging somit einher mit der Pluralisierung und vor allem der Subjektivierung der Werte und Meinungen.

Das Ringen um die Wahrheit wurde abgelöst von einem Wettstreit der Meinungen und Positionen, der auch eine gewisse Beliebigkeit mitbringt, weiß man doch um die Subjektivität und Vorläufigkeit aller Positionen.

Von diesem Weg wendet sich Martin Buber in zweierlei Hinsicht ab. Zum einen kritisiert er die individuelle Orientierung die aus den verschiedensten Kollektiven erwachsen und die den Blick auf die Wahrheit versperren, zum anderen verlässt er den methodologischen Holzweg der Suche nach Erkenntnis durch Beschreibung, Analyse und Beobachtung. Während diese Formen der Erkenntnisgewinnung der Ich- Es Beziehung zuzuordnen sind, findet er das Wahre in der Ich – Du Beziehung, die gerade von diesen Dingen befreit ist, die nicht über das Suchen erreicht werden kann[25] und die über mystische, nicht beschreibbare Elemente verfügt.

a. Abwendung vom Kollektiv

Eine neue, dialogische Sozialpädagogik müsste sich, konsequenterweise, vom Moloch des Kollektivs abwenden um die Voraussetzung zu schaffen, sich den Blick für das Wahre zu öffnen. Sicherlich ist hier die falsche Stelle, Vermutungen anzustellen, wie genau das Feld der Sozialpädagogik strukturiert werden müsste, ich möchte aber darstellen warum eine Befreiung aus den vorhandenen Strukturen im Sinne einer dialogischen Sozialpädagogik sinnvoll ist.

Die in der Sozialpädagogik entstandenen Strukturen zeigen die Probleme des Kollektivs besonders deutlich auf. Der Sozialpädagoge oder Sozialarbeiter am untersten Ende der Kette ist dabei nicht nur „Diener“ eines Herren oder Kollektivs, sondern verschiedener. Dabei muss unterschieden werden zwischen denen, denen er freiwillig folgt, wie zum Beispiel, Parteien denen er angehört oder wissenschaftliche Standpunkte und Meinungen die er vertritt, und denen, denen er gezwungener Maßen angehört, wie zum Beispiel dem Träger als seinem Arbeitgeber und die ihn beaufsichtigenden Organe (Jugend- Sozialamt, staatliche Stellen etc.). Von diesen verschiedenen Kollektiven werden Erwartungen an ihn gerichtet und Meinungen über sozialpädagogische Arbeit vertreten. Oftmals ist es so dass die einzelnen Positionen der Kollektive sich widersprechen. Der Sozialpädagoge steht diesen Kollektiven aber nicht in Distanz gegenüber, sondern ist ein Funktionaler Teil dieser Systeme, er selber ist nicht nur Empfänger der Meinungen des Kollektivs, sondern fungiert auch noch als Sender, indem er die Meinungen in seine pädagogische Arbeit integriert. Als funktionaler Teil eines Kollektivs hat er jedoch nie als ganzer Mensch teil, sondern immer nur teilweise. Er tritt seinem Arbeitgeber, dem Jugendamt oder auch dem Klienten immer nur in einer Rolle gegenüber, die auf die Funktionalität der Beziehung (Jugendamt – Sozialpädagoge, Träger – Angestellter oder Klient – Sozialpädagoge) zugeschnitten ist. Deutlich wird dies an den höchst unterschiedlichen Inhalten und Formen der Kommunikation.

Der, der sich den sozialpädagogischen Aufgaben in einem dialogischen Sinn widmen will, muss sich zuerst der verschiedenen Kollektive, die sein Arbeiten, sein Denken und Handeln mitbestimmen bewusst werden. Das Ziel muss eine umfassende kritische Distanz sein zu allen Kollektiven, um in einem ersten Schritt seinen eigenen Blick für das Verhältnis zu seinem Selbst zu öffnen. Diese Selbsterkenntnis ist für Buber die Voraussetzung um sich den absoluten Werten zuwenden zu können[26]. Er will, dass der Pädagoge den Schüler, auf diesen „inneren Bezirk“ wo dieser ganz mit sich alleine ist hinweist. Dies muss meiner Meinung nach aber auch bedeuten, dass in einem vorhergehenden Schritt, der Erzieher, in meinem Fall der Sozialpädagoge, sich diesen Bereich für sich selbst erschließt, denn wie soll es möglich sein den Schüler zu etwas hinzuführen von dem ich selbst gar keine Ahnung habe ?

Der vielfachen Vergesellschaftung des Menschen im allgemeinen und hier im Besondern des Sozialpädagogen, seiner Zersplitterung in verschiedenste Rollen, die er einnimmt oder einnehmen muss, stellt Buber das Ziel einer Verinnerlichung entgegen. Die Verinnerlichung, als eine Form der Selbstbesinnung enthält den Keim zur Abkehr von der „Eswelt“, und somit auch den Keim zur Abkehr vom Kollektiv, denn das Kollektiv erscheint mir als eine Form der „Eswelt“, als ein Produkt der Vergesellschaftung, zum Erreichen von Zielen zur Verwendung von Mitteln, je nach den Prämissen des Kollektivs.

Es ist wichtig zu betonen, dass die „Eswelt“, als Welt der Gegenständlichkeit und der Erfahrung weder böse noch gefährlich ist[27]. Das Problem liegt in ihrer Überbetonung, in der Überwucherung aller Bereiche. Es geht also nicht darum die „Eswelt“ abzulösen durch die „Duwelt“, sondern das Ziel ist, eine Balance zu schaffen, zwischen „Es- und Duwelt“. Für unsere jetzige Zeit, in der die Welt der Erfahrung und Gegenstände so dominierend ist, muss daher eine Hinwendung zur Welt der Beziehung geleistet werden, die Beziehungskraft muss gestärkt werden, da sich in ihr, nach Buber, der Mensch verwirklicht.

b. Die unmittelbare Beziehung als Aufgabe der Sozialpädagogik

Das Eröffnen der Welt der unmittelbaren Beziehung muss sowohl Aufgabe als auch Ziel einer relationalen Sozialpädagogik sein. Im Gegensatz zu den heutigen Methoden, die auf, Beobachtung, Analyse und Bewertung einer Zielgruppe beruhen und aus denen dann sozialpädagogische Handlungskonzepte abgeleitet werden, ist die unmittelbare Beziehung zwischen Ich und Du so nicht erreichbar, sie entzieht sich rationaler Ursachenforschung. Es handelt sich nicht um eine erlernbare Methode, sondern um den Geist, der zwischen Menschen wirken kann und auf den man zustreben kann. Auch wenn Buber schreibt, dass das Du mir von Gnaden begegnet und nicht gefunden werden kann[28], muss doch eine Basis geschaffen werden, eine Sensibilisierung entstehen für diesen Bereich des menschlichen Lebens.

Das zentrale Element der Begegnung ist der Dialog. Von der Form des Dialogs hängt ab, ob sich in ihm eine Beziehung zwischen Ich und Du entfalten kann. Erst in dem Dialog, indem sich zwei Menschen in ihrer Ganzheit ohne Zweckorientierung, ohne Vorenthalten begegnen, entsteht Unmittelbarkeit.

Wie lässt sich dies nun auf das Verhältnis Sozialpädagoge – Klient übertragen ? Wie könnte in einer solchen Begegnung Raum für unmittelbare Beziehung geschaffen werden ?

„ Zwischen ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie...“[29] sagt Buber, der Sozialpädagoge müsste sich somit freimachen, von allem was weiß über den Gesprächspartner, von allem was er will, er müsste ihm als Mensch begegnen, ihn nicht versuchen zu analysieren und zu begreifen, sondern ihn annehmen als Mensch und sich ihm auch als Mensch zu zuwenden. Das Trennende, dass sich unterscheiden, muss zurücktreten zu Gunsten der Bereitschaft zur Beziehung.

Beziehung bedeutet immer auch Wechselwirkung. Das Du wirkt am Ich wie das Ich am Du wirkt[30]. Während das Ich in der „Eswelt“ entweder in mir selber verharrt, indem es erfährt und erlebt, hierbei handelt es sich um rein innere Wahrnehmungsprozesse, oder aber, das Ich andere zu einem bestimmten Zweck benutzt, kann Es in der Ich – Du Beziehung in Kontakt mit anderen treten.

Von dieser Beziehung zum Anderen ist Menschwerdung und die Entwicklung des Menschen zu denken. Nicht aus sich heraus, wie eine Pflanze, entwickelt sich der Mensch, sondern das Ich wird am Du. Das „Dusagen“, als Ausdruck des Beziehungsstrebens des Menschen, ist dabei nach Buber quasi naturhaft. Das Kleinkind macht sich seine Umwelt zum Du, noch bevor es Ich oder Du sagen kann. Das Kind erfasst nicht erst etwas in seiner Umwelt und setzt sich dann in einem zweiten Schritt in eine Beziehung dazu, sondern es steht schon in einer Beziehung zum Gegenüber. Das Es sagen, und das Ich sagen ist erst ein zweiter Schritt[31]. In ihm wird eine Trennung vollzogen. Während das Ich in der Ich – Du Beziehung das Du als Ergänzung versteht, ist das Es in der Ich – Es Beziehung eine Grenze, ich grenze mich als Subjekt vom Es ab. Jeder ist ein Eigenwesen, das aus diesem Besonderssein heraus exsistiert.

Für sozialpädagogische Praxis liegt hier ein äußerst bedeutsamer Gedanke, denn gerade in dieser Arbeit treten immer wieder Trennungen auf.

Der Klient ist anders und fremd. Ich bin so, er, sie, es ist so. Der Sozialpädagoge hilft dem Klienten einerseits sein „So sein“ zu lenken, es in eine Richtung zu entwickeln in der er mit seinem „So sein“ in der Gesellschaft akzeptiert wird und andererseits das „so sein“ der Gesellschaftsmitglieder zu akzeptieren. Es wird ein Modus geschaffen, indem die „So seienden“ miteinander umgehen können.

Sicherlich kann man anführen, dass in der Sozialpädagogik zentrale Inhalte Beratung, Gespräche, Begegnungen und wie z.B. in der Erlebnispädagogik Gemeinschaftserfahrungen sind, aber so meine Kritik, letzen Endes dienen sie nur der Entwicklung des eigenen „So seins“

Würde man Buber folgen, lägen die Schwerpunkte anders. Nicht mehr das „So sein“, die Grenzziehung, die Entfaltung aus sich heraus stände im Vordergrund sondern das Teilhaben am sein, das Ziel zum anderen „Du“ sagen zu können, ohne „Es“ zu meinen. Der Sozialpädagoge müsste hier als Beispiel voran gehen. Er hätte als Aufgabe sowohl jedem einzelnen den Blick für das „Du“ zu öffnen, als auch selber den anderen als ein „Du“ zu begegnen und sie auch als ein „Du“ anzunehmen. Dieses kann nur als ein ständiges Streben funktionieren, als ein Ideal welches man erreichen will, nicht als Methode. Der Sozialpädagoge muss versuchen in jeder neuen Begegnung sich in seiner Ganzheit, mit seinem ganzen Wesen und nicht nur mit seinem fachlich geschulten Verstand, einzubringen und zwar mit dem Ziel den anderen in seiner Ganzheit anzusprechen und nicht nur als Klienten X mit der Problemlage Y. Zwar wird jedes Du zwangsweise wieder zum Es und es ist sicherlich nicht davon auszugehen, dass sich eine unmittelbare Beziehung in jeder Begegnung und in jedem Dialog verwirklichen lässt, aber wenn das Es einmal ein Du war hat Es das Potential wieder zum Du zu werden[32].

Diese Latenz der Ich – Du Beziehung sehe ich als die wichtigste Quelle von Verantwortung für den Nächsten. Sicher kann Verantwortung auch aus Maximen heraus rational begründet werden, wie es ja durchaus in der Sozialpolitik geschieht, aber hier gehört sie der Eswelt an, indem sie über Zweckhaftigkeit und Analyse begründet wird. Die Verantwortung die aus dem Wissen um die Mitmenschlichkeit heraus entsteht, ist frei von diesen Zwecken, der andere ist ein Teil von mir, eine Ergänzung, von dem her ich erst werde.

Zwei, meiner Meinung nach zentrale Elemente, habe ich als Aufgaben einer dialogischen Sozialpädagogik zu formulieren versucht. 1. Die Abwendung vom Kollektiv 2. Die Hinwendung zur unmittelbaren Beziehung. In beide Richtungen, sowohl in Hinblick auf die Gesellschaft, als auch in Hinblick auf die Person müsste der Pädagoge seine Haltung verändern. Aber nicht nur in der Struktur und der Methode sozialpädagogischer Praxis müsste eine Veränderung eintreten, sondern auch in den Zielen die Sozialpädagogik erreichen will. Diese Ziele versuche ich unter Punkt 8 heraus zu arbeiten.

8. Ziele der relationalen Sozialpädagogik

Ausgehend von dem relationalen Menschenbild Bubers, bei dem der Mensch erst an seinem Gegenüber zum Menschen wird, sich erst aus der Wechselbeziehung heraus entwickelt und der Analyse der modernen Gesellschaft als eine wuchernde „Eswelt“ müssen sich konsequenterweise die Ziele einer relationalen Sozialpädagogik von denen der heutigen Sozialpädagogik unterscheiden.

Das Eröffnen der „Duwelt“ für die Schüler und Klienten ist das was über allen anderen Zielen als Überschrift steht, alle anderen Ziele führen darauf hin.

„So steht es vor den Nachgeborenen, sie zu lehren, nicht was ist und nicht was sein soll, sondern wie im Geist, im Angesicht des Du, gelebt wird. Und das heißt: es steht bereit, ihnen allezeit selbst zum Du zu werden, und die Duwelt aufzutun; nein, es steht nicht bereit, es kommt immerdar auf sie zu und rührt sie an.“[33]

a. Charaktererziehung

b. Urhebertrieb und Verantwortung

c. Verbundenheit und Freiheit

d. Hinführen zur Person

Die Person wird sich ihrer selbst als eines am Sein Teilnehmenden als eines Mitseienden bewusst, während das Eigenwesen sich seiner selbst als eines so und nicht anders seienden bewusst ist.

Literaturverzeichnis

1. Buber, Martin, Reden über Erziehung, 10. Aufl., 2000, Gütersloh
2. Buber, Martin, Ich und Du, 11. Auflage (1995), Stuttgart
3. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe Qs.2, 1996, Bonn
4. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kinder- und Jugendhilfegesetz, Achtes Buch Sozialgesetzbuch, 9Aufl., 1999, Berlin, Bonn
5. Mollehauer, Klaus, Einführung in die Sozialpädagogik, Probleme und Begriffe der Jugendhilfe mit einem Nachwort von C. Wolfgang Müller, 10. Auflage, 1993, Weinheim & Basel
6. Peukert, Detlev / Münchmeier, Richard K., Historische Entwicklungsstrukturen und Grundprobleme der deutschen Jugendhilfe, in : Sachverständigenkommission 8. Jugendbericht (Hg.) Jugendhilfe –Historischer Rückblick und neuere Entwicklungen. Materialien zum 8. Jugendbericht, Bd.1
7. Roth, L.: Die Erfindung des Jugendlichen 1983 , München
8. Weber, Max, Schriften zur Soziologie, 1995, Ditzingen
9. Wolf, Siegbert, Martin Buber zur Einführung, 1992, Hamburg
10. Spencer, Herbert, Die Gesellschaft ist ein Organismus, in Principien der Sociologie.

Bd. 2 (1879/1892)

[...]


[1] Mollenhauer, Klaus, 1993 S. 13

[2] Weber, Max.: , Ditzingen, 1995 S. 160

[3] Spencer, Herbert, Die Gesellschaft ist ein Organismus, in Principien der Sociologie. Bd. 2 (1879/1892) S. 59.

[4] A.a.O. S. 58

[5] Roth 1982, S.137

Peukert, Detlev / Münchmeier, Richard K. 1990, S.9

[7] A.a.O. S. 41

[8] Vereinbarung zwischen dem Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt am Main und dem Betrieb Kommunale Kinder-, Jugend- und Familienfürsorge, 2001, S. 2

[9] Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend, 1996, Heft 2, S. 6

[10] Mollenhauer, Klaus, 1993 S. 13

[11] Weber, Max, 1995, S. 306

[12] Buber, Martin, 1963, Köln, entnommen: Wolf, Siegbert 1992, S. 91 f.

[13] Stamm, Theo, Riescher, Gisela, Hofmann, Wilhelm, 1997, S.417

[14] a.a.O. S. 417

[15] Mollenhauer, Klaus, 1993 S. 74

[16] A.a.O. S. 62

[17] A.a.O. S. 22

[18] Buber, Martin, Ich und Du (1995) S. 9

[19] Buber, Martin, Reden über das Erzieherische, erschienen in: Reden über die Erziehung, (2000) S.29

[20] Fend H., Entwicklungspsychologie des Jugendalters, (2000), S. 148

[21] Buber, Martin, Ich und Du, S. 36

[22] a.a.O. S.37

[23] Buber Martin, Über Charaktererziehung, erschienen in: Reden über die Erziehung, (2000) S.77

[24] Plessner, Helmuth, Vorwort zur Deutschen Ausgabe, Berger / Luckmann, die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 1998, S. XI

[25] Buber, Martin, Ich und Du (1995) S. 11

[26] Buber Martin, Über Charaktererziehung, in: Reden über die Erziehung, (2000) S.77

[27] Buber Martin, Ich und Du (1995), S. 44

[28] A.a.O.S.11

[29] A.a.O. S. 12

[30] A.a.O.S.16

[31] A.a.O. S.27

[32] A.a.O. S.17

[33] A.a.O. S.40

Details

Seiten
24
Jahr
2002
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108582
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
Kategorien Sozialpädagogik Vordiplom

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Titel: Kategorien der neuzeitlichen und relationalen Sozialpädagogik