Lade Inhalt...

Jugendkultur - Eine Herausforderung für die Sozialarbeit

Diplomarbeit 2003 77 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugendkultur im gesellschaftlichen Wandel
2.1 Jugendkultur - eine Frage der Definition
2.1.1 Definition der Begriffe Jugend und Kultur
2.1.2 Die Kultur der Jugend unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklungen
2.1.3 Jugendkultur, Subkultur oder jugendlicher Lebensstil?
2.2 Jugendliche Lebensstile im Rhythmus der Musik
2.2.1 Eine Nachkriegsgeneration in Bewegung - der Rock’n’Roll in den 50er Jahren
2.2.2 Im Rausch der Sinne - Flower-Power und Hippies in den 60er und 70er Jahren
2.2.3 Von der Sozialkritik zum Lebensstil - Hip-Hop als Jugendbewegung in den 80er und 90er Jahren
2.2.4 Das Computerzeitalter - Techno als Phänomen der 90er Jahre
2.3 Musik - Ausdrucksmittel und Lebensgefühl

3. Streetwork als lebensweltnahe Sozialarbeit
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Die Entwicklung der Straßensozialarbeit
3.2.1 Die Streetworkansätze in den USA
3.2.2 Die frühe Form der Straßensozialarbeit in Deutschland
3.2.3 Die Jugendkulturen der 80er und 90er Jahre als Handlungsgrundlage für Streetworkprojekte

4. Streetwork in Berlin am Beispiel GANGWAY e.V.
4.1 Die Gründung von GANGWAY e.V.
4.2 Fachliche Standards in der Straßensozialarbeit
4.2.1 Zum Selbstverständnis von Streetwork
4.2.2 Die gesetzlichen Grundlagen
4.2.3 Adressaten, soziale Problemlagen, Aktions- und Sozialräume
4.2.4 Die Ziele der Straßensozialarbeit
4.2.5 Tätigkeitsbereiche und Angebote
4.2.6 Rahmenbedingungen
4.2.7 Qualitätssicherung und Querschnittsfunktionen

5. Musik - ein Instrumentarium in der Straßensozialarbeit

5.1 Mikrokosmos Marzahn-Hellersdorf

5.2 Das Team Marzahn-Hellersdorf

5.3 Das Praxisfeld SOUNDLAB-BERLIN

5.3.1 Notwendige technische und personelle Voraussetzungen zur Realisierung eines DJ-Workshops

5.3.2 Dienstleistungsorientierung im Umgang mit Jugendkulturen

5.3.3 Niederschwellige Projektarbeit

5.3.4 Zielgruppe

5.3.5 Die sozialen, kognitiven und beruflichen Lerneffekte

5.3.6 Projektübergreifende Arbeit

6. Fazit

7. Abbildungsverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

10. Glossar

11. Anhang
11.1 CD-ROM
11.2 Danksagung
11.3 Eigenständigkeitserklärung

This is my church

This is where I heal my hurts

It's in natural grace

Or watching young lives shape

It's in minor keys

Solutions and remedies

Enemies becoming friends

When bitterness ends

This is my church

This is where I heal my hurts

It’s in the world I’ve become

Contained in the hum

Between voice and drum

It’s in change

The poetic justice of cause and effect

Respect, love, compassion

For tonight God is a DJ

Faithless (1998)[1]

1. Einleitung

Das Studium an der „Alice-Salomon-Fachhochschule“ (ASFH) in Berlin, ermöglicht über den Studienschwerpunkt „Abweichendes Verhalten“ (d.h. Kriminalität und Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen) den Zugang zum Bereich der Jugendarbeit. Entsprechend dieses Themengebietes entwickelte sich das Interesse an der Jugendsozialarbeit, was sich auch in der Wahl der Praktikumsstellen widerspiegelte.

In den zwei durchgeführten Praktika konnten unterschiedliche Formen der Jugendsozialarbeit näher kennen gelernt werden. Ein Praktikum wurde in der Berliner Jugendstrafanstalt (JVA) absolviert. Während der Vollzugszeit sollen die verurteilten Jugendlichen durch eine geeignete Erziehung zu einem künftig rechtschaffenden und verantwortungsbewussten Lebenswandel geführt werden. Als Erziehungsmittel benennt das Gesetz Ordnung, Arbeit, Unterricht, Leibesübungen, sinnvolle Freizeitbeschäftigung und Förderung beruflicher Leistungen (§ 91 Jugendgerichtsgesetz).

Im Gegensatz zu den Gegebenheiten und Methoden in der JVA wurden in dem Praktikum bei GANGWAY e.V. Handlungsoptionen im Umgang mit Jugendlichen aufgezeigt, die weniger restriktiv und mehr bedürfnisorientiert sind. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt hier in der Unterstützung und Integration von jugendlichen Gruppierungen, die nicht von anderen bestehenden sozialen Einrichtungen erreicht werden. Dass sich die Arbeit bei GANGWAY e.V. vor allem an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert, ist ein wichtiger Ansatz, den es näher zu betrachten lohnt.

Musik, vor allem populäre Musik, ist für viele Jugendliche Mittel zur Identifikation, Abgrenzung zur Erwachsenenwelt und Lebensinhalt zugleich. Letzterer Aspekt wird besonders deutlich, führt man sich die große Resonanz der über das Fernsehen verbreiteten Live Casting Shows wie „Popstar“, „Star search“ oder auch „Deutschland sucht den Superstar“ vor Augen. Jugendliche im Alter von 15 bis 28 Jahren singen und tanzen vor laufenden TV-Kameras und betonen vor oder nach ihrem Auftritt überzeugend, dass Musik das Wichtigste in ihrem Leben sei. Zudem, so die jungen Akteure, böte sich die Chance auf eine Zukunftsperspektive als Sänger. Außerdem sei die Musik geeignet, eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Aber ganz so einfach, wie es über die Medien suggeriert wird, ist es nicht. Es wird ein Starkult inszeniert, und die Zuschauer können verfolgen, wie binnen kürzester Zeit ein Jugendlicher zu einem Star geformt wird. Ob er als ein solcher bestehen kann, bleibt zunächst offen. Es scheint also, als ob sich Jugendliche von den Massenmedien vereinnahmen lassen. Durch die professionelle Vermarktung der Teilnehmer lassen sich bereits erste diesbezügliche Tendenzen erkennen. Letzten Endes entscheiden jedoch die Konsumenten, ob, wann und inwieweit die Vermarktung erfolgreich ist bzw. sein kann.

Wenngleich nun der Eindruck entstehen mag, dass die Jugendlichen und ihre Kultur ein Instrumentarium der Massenmedien sind, so ist die Jugendkultur jedoch zunächst vor allem ein Spiegel der Gesellschaft. In Zeiten von globalen Spannungen, wie Terrorismus, Krieg, religiösen Konflikten und nationalen Krisen, wie Massenarbeitslosigkeit, verhärteten sozialen Unterschieden und sich auflösenden traditionellen familiären Bindungen, versuchen Jugendliche, sich zu orientieren und eine eigene Biographie zu gestalten. Auf der Suche nach dem eigenen Ich, nach Anerkennung und Geborgenheit haben einerseits die Bezugsgruppen (Peer-Group), wie z.B. die Clique, als Sozialisationsinstanz einen wichtigen Einfluss auf dem Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenenstatus. Andererseits bieten die ausdifferenzierten und pluralisierten Jugendkulturen mit ihren jeweils eigenen Norm- und Wertevorstellungen, ihrem eigenen Kleidungsstil und ihrer eigenen Musikkultur einen idealen Raum zur Selbstverwirklichung

In der vorliegenden Arbeit soll am abschließenden praktischen Beispiel SOUNDLAB-BERLIN aufgezeigt werden, wie sich durch ein geeignetes musikkulturelles Angebot, die in der Jugendsozialarbeit (konkret hier in der Straßensozialarbeit) tätigen Sozialarbeiter bzw. Streetworker der Herausforderung „Jugendkulturen“ stellen können.

Mit Jugendlichen bzw. Heranwachsenden arbeiten zu wollen, erfordert Flexibilität und niederschwellige Angebote. Gerade in Hinblick auf Populärmusik als einen Schwerpunkt der Jugendkultur können die Sozialarbeiter häufig mit neuen und unbekannten kulturellen Inhalten konfrontiert werden. Wer sich in der Sozialen Arbeit ein Grundverständnis für die Bedeutung von Jugendkulturen angeeignet hat, vermag aus diesem Potential konkrete Anregungen für seine tägliche Arbeit schöpfen. Insbesondere die Musik, die in allen Jugendkulturen an zentraler Stelle steht, lässt sich hervorragend als kreatives Medium für soziokulturelle Projekte nutzen. Dies ist, wie das Beispiel SOUNDLAB-BERLIN zeigt, in vielfältiger Weise möglich, sei es in Form von Workshops beziehungsweise Musicals oder aber auch internationalen Jugendaustauschprogrammen. Musik kann somit ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den Jugendlichen und den sie betreuenden Sozialarbeitern darstellen. Durch musikkulturelle Angebote werden bei den Jugendlichen Lerneffekte erzielt, die gerne angenommen werden, da sie ihrer Lebensweise sehr nahe kommen, vor allem aber weil sie die Zukunftschancen erhöhen oder sich zumindest positiv auf das Lebensgefühl auswirken können.

Im folgenden Kapitel 2 wird die Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Jugendkulturen in den letzten knapp einhundert Jahren vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen beschrieben. Begriffe wie Jugendphase, Jugendkultur bzw. jugendlicher Lebensstil werden diskutiert und näher erläutert. Ausgesuchte bedeutende Jugendkulturen werden einer näheren Betrachtung unterzogen, dabei werden die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen, die Wesensmerkmale, die Gemeinsamkeiten der Mitglieder dieser Jugendkulturen sowie insbesondere die mit der jeweiligen Jugendkultur verbundenen Musikkulturen herausgearbeitet.

Bevor am Beispiel SOUNDLAB-BERLIN Musik als Instrumentarium der Straßensozialarbeit vorgestellt wird, erfolgt eine nähere Beschreibung der Etablierung von Straßensozialarbeit in Deutschland aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen und sich der sich daraus ableitenden Handlungsoptionen (Kapitel 3). Die Arbeitsweise des größten freien Trägers in der Berliner Straßensozialarbeit „GANGWAY e.V. - Straßensozialarbeit in Berlin“, ist Thema von Kapitel 4. Die Darstellung der bei GANGWAY e. V. herrschenden Standards ermöglicht, ein Verständnis für die Straßensozialarbeit in Berlin zu entwickeln. Auf der Basis dieser Standards lässt sich die konkrete Umsetzung des Projekts SOUNDLAB-BERLIN im Bezirk Marzahn-Hellersdorf erklären (Kapitel 5). Im abschließenden Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Diplomarbeit zusammengefasst.

2. Jugendkultur im gesellschaftlichen Wandel

„Diese Jugend von heute!“ „Ihr Kulturbanausen!“ Diese Ausrufe sind wohl vielen bekannt und zeigen u.a., dass die Begriffe „Jugend“ und „Kultur“ in unserem täglichen Sprachgebrauch selbstverständlich eingesetzt werden. Jugend und besonders deren Kultur können verknüpft werden zu dem Begriff der Jugendkultur, die von den gesellschaftlichen Veränderungen stark beeinflusst wird. Musik als ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur unterstreicht bzw. „vertont“ die Wandlungen einer Gesellschaft und vor allem der darin lebenden Jugendlichen. Anhand prägnanter Beispiele aus verschiedenen Zeitepochen sollen die Entwicklungen innerhalb der Jugendkultur erläutert werden.

2.1 Jugendkultur - eine Frage der Definition

„Jugendkulturen sind diejenigen Teile einer nationalen oder übernationalen jugendlichen Population, die für das Jugend-Selbstverständnis einer bestimmten Epoche oder eines ungefähr angebaren Zeitraums Leitbilder setzen und auch von den Erwachsenen und ‚Erziehungsberechtigten’ als diejenigen wahrgenommen werden, die aufgrund ihrer scharf konturierten Eigenarten mit oft herausforderndem Charakter für die ältere Generation in besonderer Weise Irritationen darstellen.“ (Baacke 1993: 210)

Neben Dieter Baacke beschäftigen sich viele weitere namhafte Soziologen, wie z.B. Wilfried Ferchhoff und Ralf Vollbrecht (vgl. nachfolgende Kapitel) mit jugendlichen Verhaltensweisen mit dem Resultat, dass in der Fachliteratur drei Termini verwendet werden, die letztendlich ein und dasselbe beschreiben. So stehen die Begriffe Subkultur, Jugendkultur und jugendlicher Lebensstil für nichts anderes als die Umschreibung der Verhaltensweisen der Jugendlichen innerhalb der Gesellschaft. In den nachfolgenden Kapiteln soll deshalb näher auf die Dynamik des gesellschaftlichen Wandels eingegangen werden, die als mögliche Ursache für die Problematik einer einheitlichen Definitionsfindung zu sehen ist. Zuvor werden die Begriffe Jugend und Kultur definiert, um darauf aufbauend die historische Entwicklung der Jugendkulturen sowie den Wandel der Gesellschaft im 20. und 21 Jahrhundert mit seinen Folgen für die Jugendlichen detailliert zu erläutern.

2.1.1 Definition der Begriffe Jugend und Kultur

Der Begriff der „Jugend“[2] wird als biologische, entwicklungspsychologische und sozialkulturelle begründbare Lebensphase beschrieben (Ferchhoff 1999: 67-68).

Der Beginn bzw. das Ende dieser Lebensphase ist kein punktuelles Ereignis, das für alle Jugendlichen identisch ist. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Lebensphase, deren Länge durch verschiedene Kriterien gekennzeichnet wird. Der Beginn kann aus biologischem und entwicklungspsychologischem Blickwinkel mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife bzw. der Pubertät gesehen werden. Doch dies ist nur eine Erklärungsmöglichkeit, um den Beginn der Lebensphase zu kennzeichnen. Im sozialen Ansatz wird als Kriterium, z.B. die Beendigung der allgemeinen Schulpflichtzeit (1. Stufe des deutschen Bildungssystems) genannt, die in der Regel im Alter von 15 bzw. 16 Jahren erreicht wird (Friedl 2001: 11-12).

Zur Festlegung des Endes der Jugendphase wird, neben den juristischen, biologischen und psychologischen Aspekten, die ökonomische Verselbständigung herangezogen. Dazu zählen der Eintritt in das Erwerbsleben, d.h. die Gründung eines eigenen Haushaltes sowie die Heirat bzw. Gründung einer eigenen Familie (Ferchhoff 1999: 68). Anhand dieser Kriterien wurde, ausgehend von früheren jugendsoziologischen Ansätzen, das Ende des Jugendalters mit ca. 25 Jahren angegeben. Im soziologischen Ansatz ist die Bestimmung des Endes des Jugendalters stark von den gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen geprägt. So führten z.B. in den 60er Jahren neue bildungspolitische Maßnahmen zu einem Wandel innerhalb des Ausbildungssystems. Die verbesserte Möglichkeit, die 2. und 3. Stufe des Bildungssystems zu absolvieren (d.h. Berufsausbildung/Abitur und Studium), wirkte sich folglich erheblich auf die Länge der Jugendphase aus. Daher konnte die zuvor genannte Altersgrenze von ca. 25 Jahren um gut zehn Jahre überschritten werden. Entsprechend wies Ferchhoff dem Begriff der Jugend mangels fest definierbarer Altersgrenzen eine gewisse Relativität zu (Ferchhoff 1999: 71).

Die neuere jugendsoziologische Forschung beschreibt den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen auch als Postadoleszenz (Ferchhoff 1999: 69). So kann beispielsweise ein Jugendlicher aufgrund der verlängerten Schul- und Ausbildungszeiten bereits seinen eigenen Haushalt führen und weitestgehend sein Leben eigenständig gestalten, ohne dass es einer pädagogischen Betreuung bedarf. Trotzdem kann zudem nach wie vor eine materielle Abhängigkeit vom Elternhaus bestehen. Der umgekehrte Fall wäre, wenn der Jugendliche bereits erwerbstätig ist, jedoch noch im elterlichen Haus wohnt, so dass er ökonomisch aber keinesfalls lebenspraktisch unabhängig ist.

Fern jeder jugendsoziologischen Theorie wird heutzutage noch immer der 18. Geburtstag als Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, oftmals mit dem Kommentar: „Nun bist du endlich erwachsen!“, gefeiert[3].

Wie wird nun der Begriff der „Kultur“ erklärt? Laut Schwendter sei Kultur „[...] der Inbegriff alles nicht Biologischen in der menschlichen Gesellschaft“. Dazu zählen alle „[...] Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse usw. in einer konkreten Gesellschaft[4] “ (Schwendter 1993: 10). Diese Erklärung enthält keinen Hinweis über die Kultur der Jugend, sondern umschreibt einen möglichen soziologischen Erklärungsansatz, der für alle Mitglieder einer Gesellschaft geltend gemacht werden kann. Wie verhält es sich nun mit den Jugendlichen innerhalb einer solchen Gesellschaft? Hilfreich ist an dieser Stelle ein historischer Rückblick ins 20. Jahrhundert.

2.1.2 Die Kultur der Jugend unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklungen

1913 wurde der Begriff der Jugendkultur erstmalig in Deutschland geprägt. Damals sorgte ein Treffen der Wandervereine für das Aufkommen eines gemeinsamen spezifischen jugendlichen Lebensgefühls, welches sich deutlich von dem der Erwachsenenwelt unterschied. Das Wandern diente Anfang des 20. Jahrhunderts der Absonderung von der Familie. Einhergehend entwickelte sich eine eigene Interessens- und Ideengemeinschaft mit eigener Sprache, eigenen Anstandsregeln und eigenem Musik- und Kleidungsstil (Hartwig 1980: 66). Diese Jugendbewegung, in der erstmalig versucht wurde, sich von der Bevormundung durch die Erwachsenen zu befreien und eine eigene jugendgemäße Lebensform im Einklang mit der Natur zu schaffen (Brockhaus 1993: 411, 961), kann als eine Begleiterscheinung, wenn nicht gar als Gegenbewegung des Wandels der Gesellschaft hin zur Industriegesellschaft gesehen werden, der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte (Berger et al 1975: 14). Die Jugendbewegung zersplitterte dann nach dem 1. Weltkrieg zunächst in zahlreiche Jugendverbände und politische Jugendorganisationen. Im Nationalsozialismus wurde an ihre Stelle die Staatsjugend („Hitlerjugend“) gesetzt und so jede weitere freie Entwicklung unmöglich gemacht. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dann versucht, wieder an jugendkulturelle Bedürfnisse und vor allem an die individuelle Entwicklung neu anzuknüpfen. Statt der Gleichschaltung von Lebensstilen stand nach dem Ende des nationalsozialistischen Systems die Ausbildung von eigenen Lebenslagen wieder im Vordergrund. Es bildeten sich neue Jugendverbände verschiedener Ausrichtungen (Brockhaus 1993: 412). Mit zunehmendem industriellen Fortschritt formte sich eine Gesellschaft, deren klassische Merkmale nach Beck Wachstum, Wohlstand, Rationalisierung, Säkularisierung, Demokratisierung, Emanzipation sowie Vervielfältigung (Pluralisierung) der Lebensstile sind. Diese Kennzeichen werden unter dem soziologischen Fachterminus „modernere Gesellschaft“ zusammengefasst (Beck 1986: 26).

Heutzutage kann davon ausgegangen werden, dass es keine Jugendlichen mehr gibt, die Wandern als eine Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt empfinden. Stattdessen setzen sie sich riskanten, selbstgefährdenden Aktivitäten (Mutproben), wie S-Bahn-Surfen oder Autorennen aus oder beteiligen sich an illegalen Handlungen, indem sie öffentliche Transportmittel besprühen (Limbourg - Mutproben: 3; online). Worauf lassen sich diese veränderten Formen der Abgrenzung seit Beginn des 20. Jahrhunderts nun zurückführen? Für die Beantwortung der Frage können verschiedene soziologische Ansätze herangezogen werden.

Zunächst müssen Jugendliche - heute mehr denn je - bestimmte Entwicklungsaufgaben auf dem Weg vom Jugend- zum Erwachsenenstatus bewältigen. Dazu gehören:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die zu bewältigenden Aufgaben können auch als Identitätsfindung mit entsprechender Wahl der Lebensform umschrieben werden. Die Lebensform ist aber stark abhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen gravierend verändert - entsprechend verändern sich auch Normen, Wertordnungssysteme und die Bedürfnisse der Individuen und damit auch die Form der Abgrenzung. Laut Beck sei die moderne Gesellschaft durch die Risikogesellschaft abgelöst worden (Beck 1986: 26). Ein Kennzeichen, das die Risikogesellschaft auszeichnet, ist die Individualisierung von Lebenslagen, die die Chancen der individuellen Lebensgestaltung erhöht. Mit den erhöhten Chancen steigt aber auch das Risiko des Scheiterns. Die Modernisierungsprozesse wirken sich aufgrund der sozialen Unterschiede nicht homogen auf die Mitglieder einer Gesellschaft aus, d.h. es entstehen sowohl Vor- als auch Nachteile. Beck stellt fest, dass die Struktur der sozialen Ungleichheit eine anhaltende Stabilität aufweise, während die veränderten Lebensbedingen andererseits für eine Niveauverschiebung in der Gesellschaft sorgen würde. Höheres Einkommen, bessere Bildungschancen sowie kürzere Wochenarbeitszeiten sind die Grundlagen eines größeren individuellen Gestaltungsspielraums. So bietet sich z. B. durch einen höheren Bildungsstand die Möglichkeit, eine größere Auswahl an Berufen zu finden (vgl. Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kennzeichen der Risikogesellschaft Quelle: Tafelbild Leistungskurs Sozialwissenschaften VHS-Kolleg Schöneberg, 1997

Besonders prägnant sind die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen für die Jugendlichen. Sie reagieren in ihrer sensibelsten Phase, die der Neuorientierung vom Jugendlichen zum Erwachsenen, am stärksten auf den Wandel einer Gesellschaft. Ulrich Beck erklärte den gesellschaftlichen Wandel 1986 mittels eines 3-dimensionalen Individualisierungsmodells.

Die erste Dimension des Individualisierungstheorems von Beck umfasst den Prozess der Freisetzung. Darunter wird die Herauslösung des Individuums aus den historisch vorgegebenen Sozialformen und Sozialbindungen verstanden. Traditionelle gesellschaftliche Klassen und Schichten (etwa die Arbeiterklasse) lösen sich auf. Ebenso sind Familien- und Nachbarschaftsstrukturen von Auflösungsprozessen betroffen, etwa auf Grund von Scheidung und Mobilität[5]. Durch die Herauslösung aus den traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen ist das Individuum gezwungen, ein eigenständiges Leben zu führen (Beck 1986: 211 ff). Jedes Individuum plant und entwickelt sein eigenes Biographiemuster unter den Rahmenbedingungen einer bestehenden Gesellschaftsform. Diese ist einem stetigen Wandel unterworfen, d.h. sie wird streng genommen modernisiert. Doch die technisch-ökonomische Weiterentwicklung, auf der die moderne Gesellschaft basiert, verursacht tiefgreifende Folgen, die den Modernisierungsprozess reflexiv werden lassen, d.h. der Prozess wird selbst zum Thema und Problem. Statt der modernen Industriegesellschaft, die von der Auflösung und Ablösung bestehender traditioneller Lebensformen geprägt ist, prägt nun die Risikogesellschaft die Lebensgestaltung (Beck 1986: 26).

Die zweite Dimension des Individualisierungstheorems beschreibt den Verlust von traditionellen Sicherheiten in Bezug auf das Handlungswissen, leitende Normen und Werte (auch Entzauberungsdimension genannt). Der rasante Wandel der Gesellschaft, dem die Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten verstärkt ausgesetzt worden sind, führt zu einer extremen Veränderung der Lebensformen speziell in der Gruppe der 16- und 17-jährigen, da diese Altersphase geprägt von radikalen Umbrüchen (Schulabschluss, soziale Neuorientierung etc.) ist.

Die dritte Dimension des Individualisierungstheorems beschreibt die Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension. So durchlebt das Individuum zunächst die Phase der Herauslösung aus den traditionellen Bindungen mit einhergehendem Stabilitätsverlust, um sich dann schließlich wieder neu einzugliedern. Dieser Prozess wird als Möglichkeit zur Neustrukturierung der sozialen Bindungen verstanden. Beck sieht darin nur den Austausch der einstmaligen traditionellen Bindungen gegen die Kontrolle des Lebenslaufes durch Institutionen. Neben der Beeinflussung durch die Konsumexistenz werden die Lebenslaufmuster vom Arbeitsmarkt, Bildungssystem und dem System der sozialen Sicherung gesteuert (Beck 1986: 211).

Heitmeyer stellte in Anlehnung an Beck s Annahme von der existierenden Risikogesellschaft eine Theorie zur wachsenden Orientierungslosigkeit von Jugendlichen auf. Laut Heitmeyer entstehe diese Orientierungslosigkeit aufgrund steigender Individualisierungs- und Desintegrationsprozesse. Unter Desintegration versteht er, dass Jugendliche Auflösungsprozessen in der Gesellschaft unterliegen. Diese Prozesse unterteilt er in drei Bereiche (Heitmeyer 1993: 133 ff):

- Die Auflösung von Beziehungen zu anderen Personen und Lebenszusammen-hängen,
- die Auflösung der Verständigung über gemeinsame Werte- und Normenvorstellungen und
- die Auflösung der Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen und der Verlust identitätsstiftender Arbeit.

Auffallend sind die Parallelen zu Becks Individualisierungstheorem besonders in den ersten beiden Bereichen. Beide Soziologen sprechen von der Auflösung des Bestehenden bzw. der Auflösung geltender Werte und Normen. Diese Auflösungsprozesse führen ausgehend von der Risikogesellschaft zur Orientierungslosigkeit und zu Handlungsunsicherheiten. Als Resultat der veränderten Bedingungen baut sich häufig Frustration unter den Jugendlichen auf, die in Form von Autoaggression und Aggression gegen andere ausbricht, z.B. im Fall von Rechtsextremismus und Kriminalität. Laut Heitmeyer seien Jugendliche infolgedessen die „Verlierer der Modernisierungsprozesse“ (Heitmeyer 1993: 133 ff).

Jugendliche leben in einer Gesellschaft mit der Wahl und dem Zwang zur fortlaufenden Neuorientierung und Entscheidungsfindung zur Gestaltung der eigenen Biographie. Beck bezeichnet diesen Prozess als Individualisierung. Wie sich letzen Endes die eigene Biographie entwickelt, wird durch Sozialisationsinstanzen, wie Familie und Schule und vor allem auch durch die kulturellen Bedingungen und Veränderungen der Gesellschaft, in der der Jugendliche aufwächst, beeinflusst.

2.1.3 Jugendkultur, Subkultur oder jugendlicher Lebensstil?

In Anlehnung an die in Kapitel 2.1.2 beschriebenen Auflösungs- bzw. Individualisierungsprozesse soll im Folgenden die unterschiedliche Verwendung der Begriffe Jugendkultur, Subkultur und jugendlicher Lebensstil näher betrachtet werden. Insbesondere wird Bezug auf die soziokulturellen Theorien von Baacke, Ferchhoff und Vollbrecht genommen, denn ihre Ansichten berücksichtigen die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte. Auch außerhalb der Fachliteratur fällt die uneinheitliche Verwendung der drei Begriffe für die Umschreibung der Lebensweisen Jugendlicher auf. Eine Differenzierung ist an dieser Stelle notwenig, um aufzuzeigen, dass die soziologischen Ansätze, die zur Begriffsfindung führten, sich im Einzelnen unterscheiden.

Rolf Schwendter beschrieb in seinem Buch „Theorie der Subkultur (1993)“: „[...] Subkultur ist ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet“ (Schwendter 1993: 11). Subkulturen seien „Gegenpole“ zum gesamtgesellschaftlichen Wertsystem und schützten vor der vollständigen Anpassung an dieses (Schwendter 1993: 23). Sie seien, gerade im Hinblick auf die Jugend[6], jedoch nicht als Generationsrevolte zu verstehen, sondern als eine notwendige Übergangserscheinung zur Erwachsenwelt. Schwendter verbindet dennoch die Entstehung von Subkulturen primär mit einem politisch, gesellschaftskritischen Hintergrund. So führe eine materielle Unzufriedenheit zur Abgrenzung von der Gesellschaft und zur Neubildung einer Subkultur, die anhand bestimmter Kennzeichen (z.B. politische Gesinnung, Kleidung etc.) differenziert werden könne (Schwendter 1993: 11).

Dieter Baacke plädiert für die Abschaffung des Begriffes Subkultur (Baacke 1993: 123ff). Stattdessen befürwortet er die Verwendung des Begriffes Jugendkultur, da die Definition der Subkultur suggeriere, dass es sich um kulturelle Sphären handle, die unterhalb der akzeptierten elitären Kultur lägen. Die Annahme, dass Subkulturen nur präzise in bestimmten sozialen Schichten lokalisierbar seien, sei von zweifelhaftem Wert, weshalb der Gebrauch des Begriffes Subkultur vermieden werden solle. Ein weiteres Argument Baackes gegen den Begriff ist die Hypothese, Subkulturen seien Teilsegmente einer Gesellschaft, die anhand konkreter Merkmale exakt einer Subkultur zugeordnet werden könnten. Diese Tatsache sei nur bedingt haltbar, denn eine raster-ähnliche Zuordnung sei nicht möglich. Nicht jeder Angehörige einer Subkultur könnte alle Merkmale bzw. Identifikationskennzeichen „vorweisen“, um ihn danach einzuordnen. Ein „Schubladendenken“ sei heutzutage unzeitgemäß und lasse keinen Spielraum, für all diejenigen, die weder der einen noch der anderen Gruppierung zugeordnet werden wollen.

Ralf Vollbrecht hält ebenfalls den Subkulturbegriff für nicht mehr anwendbar, da dieser zu stark mit der Klassenzugehörigkeit in Verbindung stehe. Anstelle dessen solle eher von Lebensstilkonzepten gesprochen werden, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts müsse das Herkunftsmilieu außer Betracht bleiben, wenn es um die Jugendforschung gehe. Vielmehr interessiere der „[...] sicht- und messbare Ausdruck der gewählten Lebensführung [...]“, der von “[...] materiellen und kulturellen Ressourcen und den Werthaltungen [...]“ abhängig sei (Vollbrecht 1997: 24). Individualisierung, Globalisierung, der Einfluss von Massenmedien mit einhergehender Kommerzialisierung hätten in den 80er Jahren für eine Pluralisierung der Lebensstile gesorgt, was ebenfalls für die Verwendung des Begriffes jugendlicher Lebensstil spräche. Vollbrecht versteht die Pluralisierung der Lebensstile als einen Anstieg der „Lebenschancen“, d.h. die Optionsmöglichkeiten steigen. Aber auch das Risiko erhöhe sich, den steigenden Druck zur Entscheidungsfindung nicht mehr bewältigen zu können. Gleichzeitig würden die Trennlinien zwischen den verschiedenen Jugendkulturen sowie innerhalb der bestehenden Kultur einer Gesellschaft immer unschärfer.

Wilfried Ferchhoff hat die Vielzahl der jugendkulturellen Lebensstile, Erscheinungsformen aber auch Revivals in fünf Typen zusammengefasst (Ferchhoff 1999: 252-282):

1. Religiös-Spirituelle: Das Bedürfnis und die Sehnsucht nach dem „Aufgehobensein“ stehen bei dieser jugendkulturellen Szene im Vordergrund, verbunden mit einer sinnsuchenden, parapsychologischen, okkultisch-magischen Bewegungswelle (z.B. Sekten, Okkultismus, Esoterik, Satanismus). Bedingt durch die gesellschaftliche Entwicklung, d.h. die Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile, drängt es immer mehr Jugendliche zu erlebnisintensiven und risikoreichen Ausdrucksweisen (z.B. Autorennen, S-Bahn-Surfen u.a. mit Nervenkitzeln behaftete Abenteuer).
2. Kritisch-Engagierte: Sie richten sich nach den ehemaligen Zielen der 68er Bewegung. So suchen die Jugendlichen vornehmlich „[...] nach natürlichen, einfachen Lebensformen, moral-ökonomischen Perspektiven und solidarischen Kooperationen im Rahmen freigewählter Gemeinschaften [...]“ (Ferchhoff 1999: 262). Die Ablehnung von konsumorientierten Welten und Kommerz (z.B. ökologisch bewusstlebende Jugendliche) verbindet sich mit einem Zukunftspessimismus in Bezug auf die Gesellschaft. Charakteristische Elemente dieser Szene sind „[...] Kreativität, diskursive Kommunikation, kritisch-analytisches Denken, freiwillige Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen und soziale Verantwortung [...]“ (Ferchhoff 1999: 264).
3. Körper- und Action-Orientierte: Sie präsentieren die Gruppe der männlichen, gewaltbereiten und auch -praktizierenden Jugendlichen. So geht es in erster Linie um die Revierverteidigung. Die zumeist in Cliquen auftretenden jugendlichen Gruppierungen symbolisieren übertriebene männliche Kameradschaft mit teilweise extremistischem Hintergrund (z.B. Hooligans, Motorrad-Gangs, Skinheads usw.).
4. Manieristisch-Postalternative: Diese Szene wird vertreten durch konsumorientierte Jugendliche und Heranwachsende. Hauptmerkmal ist das Wahren des äußeren Erscheinungsbildes. Übertriebenes Konsumverhalten mit einhergehender Vergnügungssucht prägen diese so genannten „Yuppies“. Durch die Konzentration auf das Äußere und die bewusst gewahrte Coolness können evt. vorhandene soziale Brennpunkte vorübergehend ausgeblendet werden.
5. Institutionell-Integrierte: Sie repräsentieren die größte Anzahl der Jugendlichen. Sie sind auffällig unauffällig, d.h. die von ihnen erwarteten Rollenansprüche und -erwartungen werden in Gleichklang mit ihren eigenen Interessen gebracht. Anders ausgedrückt, es handelt sich um „normale“ familien-orientierte Jugendliche.
6. Milieu- und Szenenvermischungen: Dies beschreibt die „Wanderung“ der Jugendlichen durch die beschriebenen jugendkulturellen Lebensstile, d.h. es lässt sich keine eindeutige Zuordnung vornehmen. Hintergrund ist die zuvor schon erwähnte Pluralisierung der Lebensstile und die Entstrukturierung der Lebensphase Jugend, die eine Fülle von Übergängen mit sich bringt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Beschreibung von jugendlichen Verhaltensweisen innerhalb einer Gesellschaft sich noch am ehesten durch die Begriffe Jugendkultur oder jugendlicher Lebensstil spezifizieren lassen. Der überholte Begriff der Subkultur sollte stattdessen ersetzt werden, da wie oben beschrieben, Subkulturen nur dann entstehen, wenn soziale Benachteiligung vorliegt. Das ist heutzutage nicht mehr haltbar, da die Klassen und Schichten (etwa die Arbeiterklasse[7] ) sich auflösen und nicht mehr als Kriterium herangezogen werden können. Basierend auf dem gesellschaftlichen Wandel ist es unabdingbar geworden, die inzwischen nicht mehr relevanten Jugendforschungstheorien, welche auf den Untersuchungen der Nachkriegsgeneration beruhten, durch neue aktuelle Ergebnisse auszutauschen. Kritisch verwiesen werden soll an dieser Stelle auf Rolf Schwendters Buch zur „Theorie der Subkultur (1973)“. Sicherlich hat Schwendter mit seinen Veröffentlichungen über die verschiedenen jugendkulturellen Ausprägungen in der soziologischen Definitionsfindung einen wesentlichen Beitrag geleistet. Doch selbst in der 1993 erschienenen vierten Neuauflage, d.h. zwei Jahrzehnte später, wird immer noch im Zusammenhang mit den zu den Subkulturen zählenden ethnischen Gruppen die der „Neger“ genannt (Schwendter 1993: 9). In Anbetracht dieser politisch unkorrekten Äußerung wurden für die Bearbeitung der Diplomarbeit neuere Ansätze zur Definitionsfindung von Jugendkultur herangezogen. Aufgrund der zuvor beschriebenen theoretischen Abhandlungen zur Definitionsfindung von Jugend und Jugendkultur werden demzufolge in den nachfolgenden Kapiteln statt Subkultur die Begriffe Jugendkultur und jugendliche Lebensstile verwendet. Diese repräsentieren die Vielfalt und das Lebensgefühl Jugendlicher im 21. Jahrhundert. Beide Begriffe betonen die Eingeständigkeit kultureller Systeme. Die Betonung liegt sowohl bei der Jugendkultur als auch beim jugendlichen Lebensstil nicht auf dem Aspekt der Kultur, sondern auf dem jugendspezifischen Habitus, der eine notwendige Übergangserscheinung zum Erwachsenenstatus ist. Erst durch die Medien wird dem kulturellen Aspekt eine durchschlagende Bedeutung verliehen (Baacke 1993: 124). Wie diese Entwicklung vonstatten ging, wird im Kapitel 2.2 erläutert.

2.2 Jugendliche Lebensstile im Rhythmus der Musik

Statt durch soziologisch gemeinsame Merkmale (z.B. Bildungs- und Alterszugehörigkeit) lassen sich heutzutage Jugendkulturen in Deutschland primär anhand eigener geschaffener Symbolsysteme identifizieren. Dazu zählen neben der Sprache, Kleidung und Gestik vor allem die Musik. Verfolgt man die Entwicklung der Jugendkulturen, so hat sich die Musik als ein wichtiges Identifikationsmerkmal herausgebildet. Vollbrecht behauptet sogar, dass die Grenzen von Jugendkulturen häufig entlang spezifischer Musikrichtungen verlaufen (Vollbrecht 1995: 35). Musik kann als Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt dienen und in Kombination mit Kleidermoden, Formen der Körpersprache, Tanz und Interaktionsformen für die Herausprägung von Stilelementen verantwortlich sein (Hartwig 1980: 72).

1910 wurde erstmals von Musik als unverzichtbarem Zubehör zum jugendlichen Lebensstil im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der „Wandervögel“ (vgl. Kapitel 2.1.2) gesprochen (Kommer 1997: 212-213). Bei dieser Jugendbewegung handelte es sich noch um eine Kultur „von“ Jugendlichen. Im Gegensatz dazu unterliegen die neuzeitlichen Jugendkulturen der allgemeinen Vermarktung und werden demzufolge als Kulturen „für“ Jugendliche bezeichnet (Kommer 1997: 215). Wie es zu diesem Entwicklungsprozess gekommen ist, wird anhand der verschiedenen Musikrichtungen von den 50er Jahren bis heute erläutert. Dabei können nicht alle Strömungen näher beschrieben werden, sondern es soll nur Bezug auf diejenigen genommen werden, welche die Entwicklung der Jugendkulturen besonders nachhaltig beeinflusst haben. Der Schwerpunkt ist dabei vor allem auf die Techno-Bewegung als die zur Zeit populärste Musikrichtung der Jugendkultur im 21. Jahrhundert gesetzt worden.

Zunächst soll der Begriff Musik näher eingegrenzt werden. Wenn von Musik im Folgenden gesprochen wird, so ist damit Populärmusik[8] gemeint, die mehrheitlich von der Gruppe der Jugendlichen konsumiert wird. Populärmusik ist ein seit Kriegsende von der Musikindustrie erfolgreich kontrolliertes Feld (Wicke - Rockmusik; online).

2.2.1 Eine Nachkriegsgeneration in Bewegung - der Rock’n’Roll in den 50er Jahren

Wird auf die Anfänge nach Kriegsende zurückgeblickt, so ist es unabdingbar, eine Jugendbewegung in Deutschland zu beschreiben, deren Name fast nur noch von der Vor- und Nachkriegsgeneration verwendet wird: Die „Halbstarken“. Wer sind die Halbstarken? Wie kam es, dass die zuvor im Nationalsozialismus gleichgeschaltete Jugend[9] plötzlich wieder erwachte und sich gegen die Erwachsenen förmlich aufbäumte? Ein Blick nach Westen, genauer gesagt zu den Vereinigten Staaten von Amerika (USA), führt zu den Wurzeln der deutschen Bewegung.

In den späten 40er Jahren wendeten sich immer mehr weiße Jugendliche in den Großstädten der USA von der damaligen populären Musik, der Schlagermusik, ab. Grund dafür waren die unzeitgemäß und unglaubwürdig wirkenden Texte, da z.B. zum wiederholten Male von der ewigen Liebe gesungen wurde, obwohl der Interpret mehrfach geschieden war. Mit diesen Inhalten konnten und wollten sich die Heranwachsenden nicht mehr identifizieren. Über das Medium Radio drang nun eine neue Musikrichtung über den Äther, die das echte Lebensgefühl der Jugendlichen zum Ausdruck brachte. Es war der Rhythm’n’Blues, vornehmlich von afroamerikanischen Musikern gespielt, mit dem sich nun viele Jugendliche identifizieren konnten. Die Musikbegeisterung führte dazu, dass Konzerte und Platten bald allein nicht mehr ausreichten, sondern die Jugendlichen selbst zu elektronisch verstärkten Gitarren, Schlagzeug und Mikrophon griffen und ihre eigene Musik zu spielen begannen. Daraus entstand eine neue Musikform- der Rock’n’Roll[10], welcher bis heute noch nachhaltig die Musikszene prägt (Jerrentrup 1997: 62).

In den 50er Jahren schwappte die Rock’n’Roll-Welle aus den USA auch auf Deutschland über, das noch unter den Folgen des 2. Weltkrieges litt. Mit der neuen musikalischen Strömung entfaltete sich ein neues Lebensgefühl, das eine ganze Generation nachhaltig beeinflussen sollte. Den von Sitte und Anstand geprägten Vorstellungen der Älteren stand nun eine Jugend mit neuem Kleidungsstil (Lederjacke, Jeans, Petticoat) und gereiftem Geschlechterrollenverständnis gegenüber (Farin 2001: 44-45). Statt wie „die Alten“ das Leben eintönig mit oft mühseliger Arbeit verbunden und einer unbegründeten Unterordnung (Farin 2001: 52) verlaufen zu lassen, richtete sich der Blick vieler „Halbstarker“ nach Westen. Amerika als Symbol von Freiheit und dem Gefühl des Aufbruches zu neuen Ufern sorgte mit seinen Einflüssen in den 50er Jahren schneller für eine Loslösung „[...] von Nationalgefühlen und der düsteren deutschen Vergangenheit als die politische Bildung der gleichen Zeit“ (Baacke 1997: 38).

Im Westen Deutschlands sorgte das Wirtschaftswunder (herbeigeführt durch die amerikanische Finanz- und Außenpolitik) für eine Erweiterung der materiellen Spielräume bei den Eltern und Jugendlichen. Der beginnende finanzielle Wohlstand wirkte sich stimulierend auf das Kaufverhalten der Jugendlichen aus. Wie Ferchhoff betont, sei die veränderte gesellschaftliche Lage maßgeblich „verantwortlich“ für die Entwicklung einer eigenständigen Jugendkultur und Jugendkulturmusik gewesen (Ferchoff 1997: 218). Die jugendlichen Heranwachsenden, die sich, wie bereits erwähnt, verstärkt gegen die autoritären Ordnungs- und Moralvorstellungen der Erwachsenenwelt stellten, wurde schließlich Ende der 50er Jahre von der deutschen Industrie vereinnahmt. Zur Vermeidung einer steigenden „Amerikanisierung“, die u.a. durch Songs mit sexuellen Wünschen und Begierden für negative Schlagzeilen sorgte (z.B. in dem Song „Tutti Frutti“ von „Little Richard“) wurde eine Gegenoffensive gestartet. Deutsche Teenagerstars sollten mit ihren eigenen Songs die immer deutlicher hervordringenden sexuellen Hintergründe entschärfen und die Rock’n’Roll Musik in der Bundesrepublik Deutschland „salonfähig“ machen. Bekanntester Vertreter war hierbei Peter Kraus, der den Stil von „gestotterten“ oh- und ah-Silben („Sugar, sugar baby - oh, oh“) mit „Schluckauf“- Intonationen prägte (Ferchoff 1997: 218). Die einhergehende Teenagerkultur entwickelte sich nach und nach zu einem Teenager-Starkult. So wurden von der deutschen Industrie Produkte passend zum Star angefertigt, z.B. Teenager-Zeitschriften, -Mode, -Musik und -Filme. Dadurch wurde ein unendlicher Konsummarkt eröffnet, welcher dafür sorgte, dass die deutsche „Halbstarken-“ bzw. Teenager-Kultur in einer Modeerscheinung endete. Im Zuge der Vermarktung sorgte eine Ausweitung der Musik in Richtung „deutsche Schlagermusik“, vertreten durch Rex Gildo, Peter Alexander, Freddy Quinn u.a., für die Vereinnahmung der ursprünglichen Teenager-Musik durch die Erwachsenen. Dieses Phänomen sollte sich von nun an weiterverbreiten und in jeder (Musik-)Epoche wiederkehren (Spatschek et al 1997:18).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Jugendkultur der „Halbstarken“, die unter einem deutlichen amerikanischen Einfluss stand, zu Beginn der 50er Jahre eine Wende einleitete. Eigene Stilausprägungen, wie Mode und Musik, tauchten wie bereits beschrieben, erstmalig bei den „Wandervögeln“ auf (vgl. Kapitel 2.2.1). Doch mit Beginn der „Halbstarkenbewegung“ kamen die entscheidenden Impulse zu stilistischen Ausprägungen nun nicht mehr aus ihrem persönlichen, sozialen und regionalen Umfeld. Mode und Musik als die typischen Stilmerkmale einer Jugendbewegung wurden kommerziell durch neue Übertragungsmedien wie Radio und Fernsehen gezielt an die Jugendlichen vermittelt (Farin 2001: 53). Von nun an wurden die Ausprägungen und Erscheinungsformen von Jugendkulturen, d.h. insbesondere die Musik und Kleidung, von der Musik- und Modeindustrie vereinnahmt und gemäß deren kommerziellen Interessen kontrolliert und manipuliert.

2.2.2 Im Rausch der Sinne - Flower-Power und Hippies in den 60er und 70er Jahren

Die nächste große Musikwelle, die einen neuen Kult auslöste, rollte Ende der 60er Jahre wiederum von den USA ausgehend auf die Bundesrepublik Deutschland zu. Der Vietnam-Krieg[11], der 1968 seinen Höhepunkt erreicht hatte, sorgte für eine Polarisierung in der amerikanischen Bevölkerung. Während die einen den Krieg befürworteten, begannen die Gegner, getreu dem Motto „Freiheit, Frieden, Harmonie und Liebe“, sich gegen den Krieg zu wenden. Das Leitmotiv war die Befreiung. Dies umfasste darüber hinaus die Befreiung von der Familie, vom Gesetz, vom Staat bis hin zur Befreiung des Körpers. Die Ursprünge der so entstandenen Hippie-Bewegung lassen sich bis in die 50er Jahre zurückverfolgen (Ulbrich; online). In dem Wort Hippie steckt die Ableitung des aus dem amerikanischen Slang stammenden Wortes „hip“, das soviel wie „erfahren“ oder „weise“ bedeutet[12]. Diese Gruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden wurde auch oftmals als „Blumenkinder“ bezeichnet. Grund dafür war neben dem äußerst bunten Kleidungsstil (bodenlange Gewänder, Schlaghosen, Stirnband) das Verzieren der lang getragenen Haare mit selbstgebastelten Blumenkränzen. Die Symbolkraft der Blume lag dabei in der Reinheit, Unschuld und Schönheit. Diese Präsentation der Unschuld und vor allem Friedlichkeit kam besonders bei Demonstrationen zum Ausdruck. Die Teilnehmer so genannter „Flower-Power“- Demonstrationen kennzeichneten sich u.a. durch das Schmücken mit Blumen, die in die Gewehrläufe der amerikanischen Ordnungskräfte gesteckt wurden. Neben der äußerlichen Differenzierung von der Erwachsenenwelt kam die psychische Abgrenzung hinzu. Teilweise unter Zuhilfenahme bewusstseinserweiternder Drogen veränderte sich dadurch die Lebensweise vieler Jugendlicher. So wurden neue spirituelle Wege, oftmals auch in anderen Ländern, gesucht. Indien bot, z.B. mit seinen Ashrams ideale Orte der Wieder- oder Neufindung. Die Flucht in andere Kulturkreise wurde auch in der Musik aufgenommen, besonders indische Elemente ließen sich in diversen Songs wiederfinden (z.B. bei der Band „The Beatles“).

In Europa hatte die beginnende Hippiebewegung einen anderen Hintergrund. 1968 entlud sich die allgemeine Unzufriedenheit über die bestehenden sozialen Verhältnisse in Massenprotesten, zumeist angeführt durch Studenten (Bauß 1977: 44). In der Bundesrepublik Deutschland machte sich eine nach dem Wirtschaftwunder beginnende Rezession bemerkbar. Die Vergangenheit wurde aufgearbeitet (Nürnberger-Prozesse) und die entstandene Wohlstandsgesellschaft, in der nur Geld, Status und Ansehen zählte, erstarrte politisch (Reimer 1993: 35). Für die Jugendlichen brachen düstere Zeiten an, denn sie sahen nach der Epoche des Wiederaufbaus keine Möglichkeit zur Individualisierung und Selbstverwirklichung (Ulbrich; online).

Im Vergleich zur „Hippie-Metropole“ San Francisco entstand in der Bundesrepublik Deutschland eine eher abgeschwächte äußere Erscheinungsform. Zwar trugen die Jugendlichen ebenfalls Schlaghosen und lange Haare, jedoch selten Blumen im Haar. Die sich zur Hippie-Bewegung bekennenden Jugendlichen erhielten in Deutschland sogar eine neue Bezeichnung. Sie wurden als „Gammler“[13] (Ferchhoff 1997: 229) bezeichnet. In den Augen Erwachsener gehörten in diese Kategorie alle Jugendlichen, deren äußeres Erscheinungsbild nicht den gepflegten und anständigen Vorstellungen der älteren Generation entsprach.

Ein gemeinsames Element hatte die Hippie-Bewegung in der ganzen Welt als verbindendes Merkmal vorzuweisen. Es war die Musik, die ihr Lebensgefühl ausdrückte. Musikalische Größen wie Janis Joplin, „The Doors“, Bob Dylan, Jo Cocker sowie Jimi Hendrix schufen mit ihrer Musik einen gemeinsamen „Spirit“, der bis heute nicht an Bedeutungskraft verloren hat. Der Einsatz unterschiedlicher Geräusche wie Hupen, Vogelgezwitscher, Motoren usw. und die Zuhilfenahme der Hammond-Orgel (besonders in den Songs der Band „The Doors“), der Quadrophonie-Effekt und die E-Gitarre ermöglichten die Entstehung des psychedelischen Rock (auch Acid-Rock genannt). Dieser steht für eine Wende in der Musik. Er bot nicht nur eine Bewegungsgrundlage, d.h. die Möglichkeit zum Tanzen, sondern funktionierte „[...] als Lieferant von Atmosphäre und als ästhetische Erlebnisstimulanz [...] (Jerrentrup 1997: 69-70). Damit änderte sich auch das Erleben von Musik, was sich beispielsweise in der Länge der Konzertdauer ausdrückte. So konnten einige Konzertveranstaltungen durchaus über mehrere Tage gehen[14] (z.B. das legendere Woodstock-Konzert 1969). Es gab aber auch andere Musiker wie Scott McKenzie, „The Mamas and The Papas“ und die „Beach Boys“, die das positive Lebensgefühl an der amerikanischen Westküste besangen. 1967 unterstrich Scott McKenzie mit seinem Song “If you're going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair”[15] das Lebensmotto der so genannten Blumenkinder im Sonnenstaat Kalifornien. Letztendlich ist kein anderer Zeitraum soviel infrage gestellt worden, wie dieses Jahrzehnt des Aufbruchs, Ausbruchs und Aufstandes. Jerrentrup versteht dieses Jahrzehnt im Hinblick auf die Musik als die experimentierfreudigste Zeit, die es seitdem kein zweites Mal mehr gegeben habe (Jerrentrup 1997: 69).

2.2.3 Von der Sozialkritik zum Lebensstil - Hip-Hop als Jugendbewegung in den 80er und 90er Jahren

In den späten 60er Jahren entstand in den Straßen der Ghettos von New York eine neue Musikform. Diese wurde nicht in den neu entstandenen Tanzlokalen (Diskotheken) gespielt, sondern dort, wo soziale Brennpunkte zu finden waren - direkt auf den Straßen der Ghettos von New York. Das notwendige Equipment (Verstärker, Lautsprecherboxen, Plattenspieler, etc.) wurde dazu an einschlägigen Treffpunkten aufgebaut und ein „Disc-Jockey“ (DJ) spielte Musik unter Zuhilfenahme von zwei miteinander verschalteten Plattenspielern ab. Dabei wurde die Plattenauflagetechnik so genutzt, dass eine Schallplatte im Hintergrund fortlaufend gespielt und relative kurze Passagen der zweiten Platte hinzugemischt wurden. Begleitet wurde der DJ durch einen „Master of Ceremony“ (MC), der über diese neue Soundkulisse rhythmisch einen Text improvisierte. Die Art und Weise der Improvisation glich einem Sprechgesang, weshalb für diese Musik die Fachbezeichnung „Rap“ in die Musikgeschichte eingehen sollte. Basierend auf diesem neuen Musikstil bildete sich binnen kürzester Zeit die Hip-Hop-Jugendbewegung, die sich heutzutage durch verschiedene Elemente auszeichnet.

So gehören neben der Musik das „Graffiti“ und „Writing“ sowie der „Breakdance“ zu den Elementen[16] der Hip-Hop-Jugendkultur. Beim „Writung“ geht es in erster Linie um Namen von Personen, die möglichst oft und auf gut sichtbaren Plätzen gezeichnet oder gesprüht werden. „Graffitis“ können im Gegensatz zum „Writing“ große komplette Bilder oder sogar Geschichten darstellen, die vornehmlich an Häuserfassaden oder U-Bahnen aufgesprüht werden. Begleitend zur Musik entwickelte sich der „Breakdance“ zum unverkennbaren Hip-Hop-Tanzstil, der in den 80er Jahren schließlich zur Discoattraktion vermarktet wurde (Spatschek 1997: 103).

Die eigentliche Entwicklung von Hip-Hop führt auf einen sozialkritischen Hintergrund zurück. So beschrieb der improvisierte Sprechgesang zum damaligen Zeitpunkt mit seinen politischen und sozialen Kommentaren die angespannte und oftmals triste Lage der Ghettobewohner von New York, die zwischen Kriminalität, ethnischen Konflikten und Armut lebten. Entsprechend muss an dieser Stelle „Afrika Bambaata“ benannt werden. Er schaffte es, anfangs mit seiner Musik und später mit eigenen Projekten, eine „Schwarz-Weiß-Integration“ auf den Straßen bzw. in den Ghettos von New York aufzubauen (Spatschek 1997: 106), um damit die ethnischen Konflikte zu entschärfen. In den nachfolgenden zwei Jahrzehnten strömten so viele DJ- und MC-Neuzugänge auf den Musikmarkt, dass Anfang der 80er Jahre schließlich der absolute Höhepunkt des Hip-Hop erreicht wurde. Unterstützt durch eine gezielte kommerzielle Vermarktung war ein Anstieg der Popularität von Hip-Hop zu verzeichnen, der auch über die Grenzen von Amerika hinaus reichte. Jedoch hatte sich in den USA bereits zu diesem Zeitpunkt die Bedeutung von Hip-Hop gravierend geändert. Anstelle des sozialkritischen Charakters reduzierte sich diese Bewegung von nun an mehr und mehr auf eine Massenware (Spatschek 1997: 106).

In Deutschland begeisterten sich Anfang der 80er Jahre innerhalb kürzester Zeit immer mehr Jugendliche für die neue Musik, das Graffiti und vor allem für den Breakdance. Anders als in den USA existierten in Deutschland weder vergleichbare ethnische Konflikte, noch gab es die amerikanische Form der Ghettos. Infolgedessen bildete sich eine eigene Form der Hip-Hop-Kultur aus. So dominierte schließlich der Spaß an der Musik anstelle der Nutzung als gesellschafts-kritisches Ausdrucksmittel, wie in den USA (Spatschek 1997: 122). Auf musikalischer Ebene konzentrierte sich der Spaß am Hip-Hop vor allem auf die Künste des MC’s oder DJ’s. Als Rapper oder als DJ waren die Jugendlichen nun in der Lage, ihr Lebensgefühl in ihrer Musik widerzuspiegeln. Zudem bekamen sie in ihrem Umfeld Anerkennung und konnten sich u.U. sogar von der Masse der Anhänger durch die neu gewonnene Popularität hervorheben. In der deutschen Hip-Hop-Bewegung beschränkte sich die Popularität nicht nur auf die männlichen Jugendlichen. Mitte der 90er Jahre erzielten verstärkt Rapperinnen, wie beispielsweise „Tic Tac Toe“ oder Sabrina Setlur, beachtlichen Erfolg.

Da die Funktion der DJ’s in der Hip-Hop-Kultur enorm an Popularität gewonnen hat, soll die Bedeutung dieser Position nochmals an dieser Stelle betont werden. Fungierte der DJ bis zur Entstehung des Hip-Hop vornehmlich als Ansager und Kommentator von Schallplatten in Funk, Fernsehen und Discotheken, so kann man ihn heute als einen Musikkünstler bezeichnen. Die Nutzung einer besonderen Form des Abspielens der Schallplatten, dem „Scratchen“, d.h. das Kratzen mit der Nadel auf der Platte, bei dem diese rhythmisch vor und zurück gedreht wird, erzeugt einen bestimmten Soundeffekt, der letztlich den typischen Sound von Hip-Hop ausmacht. Egal, welcher stilistischen Mittel sich bedient wird (z.B. Soul, Funk, Blues und Jazz), die Kreativität der Rapper (MC’s) und der DJ’s zeichnet den Hip-Hop aus. Für viele Jugendliche nehmen die DJ’s aufgrund ihrer Fertigkeiten und Popularität eine Vorbildfunktion ein.

Wie in allen anderen Jugendkulturen kennzeichnen neben der Musik auch äußere stilistische Erscheinungsformen die Hip-Hop-Anhänger. Dazu zählen das „Basecap“ (Schirmmütze), Turnschuhe und Hosen[17], die viele Außentaschen haben und z.T. einige Nummern zu groß getragen werden. Die modischen Stile haben sich seit dem ersten Auftreten bis heute verändert, doch für die Jugend des 21. Jahrhunderts ist ein Aspekt nach wie vor von größter Bedeutung - sämtliche Kleidung muss von den führenden Markenherstellern stammen. Das wiederum kann besonders bei sozial benachteiligten Jugendlichen Probleme hervorrufen, da sie sich oftmals die überteuerten Markenprodukte nicht mehr leisten können (Kirche-in-Gaarden; online).

Ein weiteres Kennzeichen der Hip-Hop-Kultur sind die permanent untereinander ausgefochtenen Konkurrenzkämpfe in Form von organisierten Wettbewerben. Jeder versucht dabei, seine Fähigkeiten zu beweisen, sei es auf dem „Skateboard“, im „Sprühen“ (d.h. beim „Graffiti“ bzw. „Writing“) oder als DJ oder MC. Letzten Endes bieten die Elemente des Hip-Hop vielfältige Wahlmöglichkeiten, d.h. der Jugendliche kann selbst entscheiden, sich darin zu verwirklichen, indem er die eigenen Fähigkeiten unter Beweis stellt.

Unter dem Einfluss von Kommerz hat sich im letzten Jahrzehnt die Hip-Hop-Jugendkultur in Deutschland zu einer Massenkultur entwickelt. Nur noch wenige Jugendliche nutzen die Möglichkeit, durch Hip-Hop ihre Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen handeln die Inhalte von der Liebe, sexuellen Träumen, vom Marihuana-Konsum, dem Unmut über die Schule und dem Generationskonflikt zwischen den Eltern und Kindern[18]. Kurzum, die Inhalte von Hip-Hop-Musik thematisieren mehrheitlich die Problematiken Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsenenstatus im 21. Jahrhundert.

2.2.4 Das Computerzeitalter - Techno als Phänomen der 90er Jahre

Bereits Mitte der 70er Jahre ebnete die deutsche Gruppe „Kraftwerk“[19] den Weg für ein neues musikalisches Zeitalter. Durch den Einsatz von elektronischen Instrumenten, wie dem Synthesizer und dem Drum-Computer, gelang es ihnen, eine neue Art der Klangerzeugung zu erschaffen, deren Tragweite zunächst nur von wenigen erkannt wurde. Es sollte noch ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Gruppen wie „Depeche Mode“ oder „New Order“ diese neue Musikform aufgriffen, um daraus den „Synth-Pop“ zu entwickeln. Mitte der 80er Jahre überflutete eine Erfolgswelle von synthetisch produzierter Musik vor allem Großbritannien und Deutschland. Von nun an begannen sich immer mehr Jugendliche für diese Art der Musik zu begeisterten, von denen einige es nicht nur bei dem passiven Akt des Hörens belassen wollten. Ihnen sollten nur wenige Jahre später die Erfolge in der Digitaltechnik helfen, den Traum von der eigenen elektronisch produzierten Musik zu realisieren. So lösten die Weiterentwicklungen im Bereich der Mikroelektronik erhebliche Preisstürze aus, die u.a. auch die Hersteller von elektronischen Musikinstrumenten zu spüren bekamen. Vor allem der Synthesizer und der Drum-Computer waren nun für eine breite Masse zugänglich geworden. Mit der Verbreitung des „Personal Computers“ (PC) für die private Nutzung Mitte der 80er Jahre (Glossar - EDV Lexikon; online) konnte nun jeder, der Interesse an der neuen Musikrichtung hatte, die neuen Computertechniken nutzen, um selbst Musik mit Hilfe geeigneter Software „herzustellen“. Statt mühsam über mehrere Jahre hinweg das Spielen eines Musikinstrumentes lernen zu müssen, verhalfen die neuen Computerprogramme binnen weniger Minuten zu ersten musikalischen Eigenkompositionen. So entstand auf der Basis der elektronischen Klangerzeugung in kürzester Zeit eine Flut neuer Musikstile. Heutzutage wird die Vielzahl der Musikstile, deren gemeinsames Charakteristikum die vorrangige Verwendung elektronischer Produktionsinstrumente ist, unter dem Oberbegriff „Techno“ zusammengefasst (Kingir 2002: 28).

1989 wurde die Techno-Musik durch die „Loveparade“ auf der Straße der Öffentlichkeit präsentiert. 150 junge Menschen folgten damals „Dr. Motte“, dem Gründer der „Loveparade“, um mit Musik als Kommunikationsmittel zu demonstrieren. Unter dem Motto: „Friede, Freude, Eierkuchen“ verfolgte „Dr. Motte“ die Idee, für und nicht gegen etwas zu demonstrieren. So plädierte er an die Jugendlichen, für Frieden, Liebe, Einheit und gegenseitigen Respekt einzustehen. Für die Gegner bzw. Kritiker der Techno-Musik stellten die ausgelassen feiernden jungen Menschen alles andere als Demonstranten dar. Sie sahen in den zu lauten monotonen Rhythmen tanzenden und zudem oftmals sehr bunt gekleideten Jugendlichen nur eine vorübergehende Modeerscheinung. Daher prophezeiten sie der Techno-Bewegung ein schnelles Ende oder hofften wenigstens auf ein Ablösen durch eine andere, weniger „seelenlose“ Musikrichtung (Jerrentrup 1997: 83). Doch es sollte anders kommen. Zählten in den Anfängen nur wenige Jugendliche zu den mittlerweile so gegnannten „Ravern“, stieg die Popularität der Techno-Musik innerhalb weniger Jahre enorm an. Die in vielen Ohren eintönigen Rhythmen entsprachen genau dem Musikgeschmack und Empfinden der Jugendlichen. Demzufolge verzeichnete die Loveparade 1999, d.h. ein Jahrzehnt später, eine neue Besucherrekordzahl von rund 1,5 Millionen (Loveparade - History; online). Unter dem Motto „Music is the key“[20] feierten junge Menschen aus aller Welt friedlich auf Berlins Straßen zur Techno-Musik.

Was zeichnet die Techno-Musik aus, dass sie von einer Randerscheinung zur Basis für eine neue Jugendbewegung im 21. Jahrhundert avancieren konnte? Eine mögliche Erklärung kann in der Vielfältigkeit der einzelnen Musikrichtungen gesehen werden. Mag auch für den Laien kaum ein hörbarer Unterschied bestehen, so lassen sich die einzelnen Musikrichtungen durch bestimmte Merkmale kennzeichnen. Gängigerweise dient als Unterscheidungsmaß zwischen den verschiedenen Stilarten die Geschwindigkeit[21], mit der die Musik abgespielt wird, die Anzahl der Bass-Schläge pro Minute (bpm). Des weiteren vereint die Techno-Musik bestimmte Elemente aus anderen Musikstilen, wie Jazz, Blues, Funk oder ethnische Einflüsse aus Süd-Ost-Asien. Damit wird auf musikalischer Ebene ein vielfältiges Spektrum angeboten, von gleichförmigen bass-lastigen schnellen Klängen bis hin zum Entspannungserlebnis durch ruhige abwechslungsreiche Melodien. Das Klangerlebnis kann in riesigen Hallen mit Tausenden von Gleichgesinnten über mehrere Tage erlebt werden oder in der freien Natur zu neuen Sinneserfahrungen führen; beide Extremvarianten sind beim Techno möglich. Entscheidend dafür war die Entstehung der Gegenbewegung „Trance“. 1992 entstand diese neue Form der Techno-Musik als Kontrast zu den schnelleren und härter klingenden Tönen (Spatschek 1997: 57). Die üblicherweise langsameren Rhythmen von ca. 100 Bpm, die bewusst mit Geräuschen aus der Natur (Vögelzwitschern, Wasserfall, Meeresrauschen, etc.) verbunden werden, sollen für eine entspannte Atmosphäre sorgen. Deswegen wird diese Musik auf den Parties bevorzugt im „Chill-out“-Bereich eingesetzt, um dort den Tänzern die Möglichkeit zur Entspannung vom so genannten „Main floor[22] “ anzubieten. Dieser Ende der 80er Jahre entstandene Stil wird inzwischen auch als „Ambient“ bezeichnet und häufig in vielfältiger Weise in anderen Techno-Stilen verwendet.

Der „Goa-Trance“ als eine Stilart des Techno ist besonders auf die visuellen und akustischen Sinnesempfindungen ausgerichtet. Hier lassen sich Trance-Elemente, ethnische und psychedelische Einflüsse aus der Hippie-Ära der 60er und 70er Jahre wiederfinden. Vornehmlich indische Spiritualität und Kultur prägen diesen Stil. So werden typische Symbole des Hinduismus oder anderer ost-asiatischer Religionen verwendet, um den Veranstaltungen die notwendige exotische Note zu verleihen (Kingir 2002: 29). Bevorzugt feiern die Anhänger jährlich von März bis Oktober im Freien auf „Open-Air-Parties“. Die Teilnehmer der bis zu einer Woche andauernden Veranstaltungen, deren Höhepunkt zumeist das Wochenende bildet, setzen sich aus mehreren Generationen zusammen. Gemeinsam wird in diesem Zeitraum versucht, das Gefühl von Einheit, Solidarität und Loyalität „zu leben“. Nicht die Musik steht allein im Vordergrund, sondern der Lebensstil, d.h. die Partyveranstalter stellen nur den Raum bzw. die Lokalität und Musik zur Verfügung. Die Goa-Gemeinde kann dann diese Gegebenheiten zur individuellen Selbstinszenierung nutzen. Jeder kann letzten Endes so sein wie er will, solange es keinem schadet (Kingir 2002: 31). Die Anhänger der Goa-Musik verstehen sich als offene Gemeinschaft mit großer Toleranz in Bezug auf Ethnizität, Alter und Geschlechterrollen (Kingir 2002: 29). Von einer einstmals kleinen Gemeinde stieg die Teilnehmerzahl inzwischen auf 10.000 pro Party[23] an. In der durch Individualisierung und Auflösung von traditionellen Bindungen gekennzeichneten Gesellschaft ist das Erleben von Zusammenhalt und Zugehörigkeit nur noch bedingt möglich. Diese Szene bietet die Option zur Bildung einer Gemeinschaft, die sich über die Musik und das damit verbundene Lebensgefühl identifiziert - sei es auch nur für ein Wochenende (Kingir 2002: 29-30).

Ein weiterer derzeit beliebter Stil innerhalb der Techno-Szene ist „House“. Dieser Stil vereint die Wiederentdeckung alter Musik aus den 60er/70er Jahren. Anfang der 80er Jahre wurde in Chicago „down at the house“[24] diese Musik in einem Club namens „Warehouse“ erstmalig gespielt. Ihren absoluten Höhepunkt erreichte die House-Musik Mitte der 90er Jahre. Für viele Jugendliche stellt sie eine Alternative zu den anderen Techno-Stilen dar, da diese Musik viele bekannte Elemente aus dem Jazz, Blues und Funk enthält. In den USA und in Europa bildete sich eine eigenständige House-Kultur, die sich bewusst von den sonstigen entstandenen Techno-Stilen abgrenzt (Spatschek 1997: 55). Die House-Musik wird, obwohl sie sich in den Stilausprägungen von Techno unterscheidet, derzeit mit zur populärsten Stilrichtung von Techno gezählt.

Wie auch immer die verschiedenen Stilausprägungen von Techno im einzelnen bezeichnet werden oder welche stilistischen Mittel ergänzend eingesetzt werden, Techno ist eine deutsche Erfindung, die sich heutzutage größter Popularität erfreut. Die Präsentation der Musik ist ähnlich wie beim Hip-Hop von den Fähigkeiten des DJ’s abhängig. Die fast ausschließlich am Computer produzierte Musik kann nicht durch die klassischen Instrumente wie Schlagzeug, Gitarre usw. präsentiert[25] werden. Demzufolge tritt, wie auch in der Hip-Hop-Jugendkultur, anstelle der traditionellen Musikband der DJ in den Vordergrund. Die Besonderheit bei der Techno-Musik ist nicht die Kunst des „Scratchens“ (vgl. 2.2.3), sondern die Entwicklung eigener Musikkreationen. Darüber hinaus haben sich viele DJ’s seit dem Aufkommen der Techno-Musik zu Musikproduzenten mit eigenem Label weiterentwickelt. Die Produktionen variieren zwischen Collagen oder Verfremdung unterschiedlicher bekannter Melodie- bzw. Rhythmuselemente bis hin zu eigenen Kreationen. „Sven Väth“ und „Westbam“ gehörten zu den bekanntesten DJ’s dieser Zeit (Spatschek 1997: 58).

Die Techno-Bewegung wird als Kultur der Ästhetik verstanden, denn die Jugendlichen legen besonderen Wert auf die körperliche Erscheinungsform. Betrachtet man rückblickend die Bilder der letzten Love-Parade im Juli 2003, so fallen einem vielleicht wieder bunte Plüsch-Röcke, -hosen oder -mützen ein, die den typischen Techno-Anhänger kennzeichnen sollen. Nicht zu vergessen ist die Trillerpfeife, die der Raver nutzt, um damit fröhlich und ausgelassen den Takt der Musik zu improvisieren. Tätowierungen, Piercings sowie die Präsentation von nackten muskulösen Oberkörpern ergeben das Bild einer körperbewussten Jugend (Nolteernsting 1997: 281). Aber nicht alle Jugendlichen unterwerfen sich diesem ästhetischen Erscheinungsbild. So fällt besonders der Kleidungsstil so vielfältig aus und untersteht dabei keinen besonderen Zwängen, so dass z.B. auch ein Revival[26] der Hippie-Generation auf den seit mehreren Jahren zelebrierten Goa-Parties möglich wurde. Sofern überhaupt die Notwendigkeit oder das Bedürfnis zum Tragen von speziellen Kleidungsstücken vorliegt, werden diese hautsächlich erst auf den Parties getragen (Kingir 2002: 29). Das wiederum ist ein Vorteil der Techno-Bewegung. Jeder kann dazugehören, ohne dass dafür im Alltag spezielle äußere Kennzeichnen notwendig sind. Nur die Begeisterung für die Musik zählt. Die Mehrheit der Jugendlichen genießt völlig normal gekleidet den Sinn und Zweck von Techno-Veranstaltungen, nämlich Musik hören, erleben und dazu tanzen, bis der nächste Tag beginnt.

Der immer wieder im Zusammenhang mit der Techno-Musik erwähnte Drogenkonsum zählt inzwischen zu einer Begleiterscheinung der Techno-Kultur. So stieg mit der Popularität der Techno-Musik auch der Drogenkonsum erheblich an (Schmolke 2000: 49). Synthetisch hergestellte Drogen, wie Ecsatsy, Speed, LSD oder Kokain erhielten sogar den Beinamen „Partydroge“. Dennoch ist die Einnahme von Drogen in der Musikszene kein neues Phänomen. Bereits in 60er und 70er Jahren wurden synthetische Drogen auf den Parties konsumiert (Schmolke 2000: 5). Die Einnahme von Drogen ist zwar eine negative Begleiterscheinung der Techno-Bewegung, aber sie ist auch kein Einzelphänomen, das ausschließlich dieser Jugendkultur anhaftet. Sprengler bemerkte dazu treffend, dass der Drogenkonsum zum typischen Ausprobierverhalten der Jugendlichen gehöre (Sprengler 1985: 166 ff). Dieser Ansatz ist eine mögliche Erklärung für die Einnahme synthetischer Drogen bei Techno-Veranstaltungen. Eine weitere Theorie lehnt sich an die von Beck beschriebene Risikogesellschaft an (vgl. Kapitel 2.1.2). Das gesellschaftliche Umfeld, das immer mehr zur „Erlebnisgesellschaft“ geworden ist, führte bei Jugendlichen zu besonders risikobehaftetem Verhalten (vgl. Kapitel 2.1.3). Die Bewältigung altersgerechter Entwicklungsaufgaben, die heute um ein Vielfaches komplizierter und ambivalenter als noch vor wenigen Jahrzehnten geworden ist (Ferchhoff 1999: 252-282), spiegelt sich unter anderem in der Drogenproblematik innerhalb der jugendkulturellen Szenen wider. Daher erleben viele Techno-Fans die Tanzveranstaltungen, die z.T. über mehrere Tage gehen können als „Verzauberung des Alltags“ (Nolteernsting 1997: 280). Die Musik, die nach mehrstündigem Genuss wie eine Droge selbst zu wirken beginnt, scheint die notwendige Ausgleichsfunktion zum Alltag zu bieten (Spatschek 1997: 148).

Ebenso bieten die Techno-Parties ein gemeinschaftliches Erlebnis, das gleichzeitig als politisches Instrumentarium fungieren kann. Im Allgemeinen wird jugendlichen Techno-Fans ein mangelndes politisches und soziales Bewusstsein unterstellt. Das mag auch stimmen, wenn die Techno-Bewegung z.B. mit der Flower-Power Bewegung der 70er Jahre verglichen wird. Passende adäquate Beispiele, wie die Studentenbewegung der 70er Jahre (Borowsky 1983: 79-85), kann die Techno-Kultur nicht vorweisen. Doch vollkommen desinteressiert sind die Jugendlichen nicht. Denn welche andere Jugendbewegung außer die der Techno-Kultur schafft es heutzutage noch, über eine Million Menschen zur einer Großdemonstration zu bewegen? Einige mögen noch immer nach dem eigentlichen Sinn der jährlich stattfindenden Loveparade suchen, die in ihren Augen nicht zur „klassischen“ Demonstration gezählt werden kann. Aber sie wird jedes Jahr als Demonstration angemeldet. Wirft man einen näheren Blick auf die jährlich wechselnden Mottos, so lassen sich durchaus tiefere Beweggründe finden. Verschiedene Themenschwerpunkte wie „The Future is Ours (1990)“[27] oder „Access Peace (2002)“[28] zeigen Ansätze von politischem Bewusstsein, auch wenn die Gegner der Techno-Bewegung nach wie vor daran zweifeln. Fakt ist, dass die Techno-Anhänger sich durch ein soziales Bewusstsein auszeichnen, das im Gegensatz zu anderen Jugendkulturen nicht explizit hervorgehoben wird. Laut Spatschek können folgende Merkmale zu den wichtigsten sozialen Verhaltsweisen von Techno-Anhängern gezählt werden (Spatschek 1997: 95ff):

- Soziale Ungleichheiten unter den Jugendlichen bleiben unberücksichtigt.
- Die Nationalität spielt keine tragende Rolle.
- Frauen werden bei Tanzveranstaltungen respektvoller behandelt (weniger „plumpe Anmachen“).
- Konstruktiver und offener Umgang mit Homosexualität.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Techno-Kultur es längst geschafft hat, soziale Ungleichheiten zu relativieren. Sie entzieht sich dabei den dogmatisch geprägten Bildern, wie eine „politische Jugend“ zu sein hat und bietet den Raum für die Bildung eigener neuer Gemeinschaften. Aus diesem Grund empfinden viele Jugendliche die Techno-Kultur als besonders attraktiv.

2.3 Musik - Ausdrucksmittel und Lebensgefühl

Musik ist für Jugendliche allgegenwärtig geworden. Sie begleitet Jugendliche, und nicht nur sie, durch den Alltag. Ob nun im Kaufhaus, Auto oder in Restaurants, fast überall ist Musik präsent.

Populärmusik ist für Jugendliche nicht nur einfach Musik, sondern sie kann über das bloße Konsumieren hinaus emotionale Bindungen schaffen. Diese können sowohl zwischen Hörer und Interpret (z.B. das Verlieben in den Interpreten oder die Verzweiflung vorwiegend weiblicher Fans beim Auflösen einer männlich besetzten Pop-Band) als auch unter den Hörern selbst aufgebaut werden (z.B. Identifikation bzw. Verbundenheit über den gleichen Musikgeschmack). Die Musik verleiht Jugendlichen in ihrer emotionalsten Phase, d.h. beim Übergang zum Erwachsenenstatus, das Gefühl nicht allein zu sein. Musik wird heutzutage aber auch als eine Abgrenzungsform von der Erwachsenenwelt gesehen. Darüber hinaus ermöglicht sie die Abgrenzung gegenüber anderen jugendkulturellen Ausprägungen. Musik ist das Kommunikationsmittel, die Peer-Group (Bezugsgruppe) sowie auch die jugendkulturelle Szene sind die Sozialisationsinstanzen und letztere wird gleichzeitig zum Heimatort auf dem Weg des Jugendlichen zu seiner eigenen Identität (Baacke 1993: 248-250). Schon frühzeitig beginnt dieser Weg zu starten. Wann und worin er endet, ist gänzlich unbekannt, da neben den Charaktereigenschaften die gesellschaftlichen Faktoren für jeden einzelnen unterschiedlich prägend sind. Dieser Identifikationsprozess wird durch Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur maßgeblich geformt. Jeder Jugendliche durchlebt im Laufe seiner Jugendphase verschiedene Stile oder Szenen. Dies bedeutet, es gibt nicht nur eine Richtung, sondern bedingt durch die musikalische Vielfalt kann es heute Pop oder Rock, morgen Techno und übermorgen Hip-Hop sein. In einer Vielzahl von Stilen, Trends und Strömungen können und müssen sich Jugendliche heute immer wieder neu orientieren. Jugendliche Musikkulturen repräsentieren dabei das Lebensgefühl einer Generation, d.h. in der jeweiligen Musik bündelt sich die Suche nach der eigenen Identität und oftmals auch die Suche nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Die freie Auswahl einer Musikrichtung (z.B. Pop, Rock oder elektronische Musik) und die damit verbundene Lebensart gehen einher mit dem Zwang, nicht auf überlieferte Konzepte setzen zu können, sondern sich seine eigene Lebensbiographie gestalten zu müssen (vgl. Kapitel 2.1.2). Dies geschieht jedoch vor dem Hintergrund eines raschen gesellschaftlichen Wandels. Merkmale dafür sind die Relativierung der traditionellen Werte sowie die tendenzielle Auflösung der Familien, Schichten und kulturellen Milieus. Demzufolge ist die Pluralisierung der Lebensformen und der daraus resultierenden Jugendkulturen nur unter Berücksichtigung dieser Veränderungen zu verstehen (Beck 1986: 26).

Die Vielfalt der Jugendkulturen ist auch ein Katalysator für die gesellschaftliche Entwicklung, d.h. sie ist Ausdruck der Entwicklungsdynamik bzw. der Grad der Lebendigkeit einer Gesellschaft (Mischke - Populäre Musik; online). Wachsende Denk- und Handlungsmöglichkeiten äußern sich im Kreativ- und Experimentierbedarf Jugendlicher, der sich positiv in Form aktiver gesellschaftlicher Mitgestaltung auswirken kann. Durch das delinquente Verhalten Jugendlicher kann sich eine Gesellschaft aber auch mit ihrer „Schattenseite“ (steigende Arbeitslosigkeit, fehlende Ausbildungsplätze, Schließung sozialer Einrichtungen etc.) auseinandersetzen. Letzten Endes sind Jugendkulturen gesellschaftlicher Katalysator und Spiegelbild zugleich.

Die Entstehung von Jugendkulturen ist somit eine Herausforderung und Aufgabe für die Soziale Arbeit (Krause 1992: 103). Im Umgang mit jugendlichen Gruppierungen gilt es, die Herausforderung anzunehmen und die durch sie nach außen getragene gesellschaftliche Reflexion als ein entsprechendes Aufgabengebiet zu behandeln. Warum Streetwork als lebensweltnahe Sozialarbeit ein zeitgemäßes und zieladäquates Instrumentarium ist, das in der Arbeit mit jugendlichen Gruppierungen den notwendigen Handlungsbedarf erfüllen kann, wird in den folgenden Kapiteln erläutert.

3. Streetwork als lebensweltnahe Sozialarbeit

Für Jugendliche wirken sich der gesellschaftliche Wandel in der Chance (und in dem Zwang) zur Individualisierung ihrer Lebensführung aus. Dabei müssen Jugendliche ihre Fragen für sich lösen. Demzufolge führen heutzutage fast nur noch individuelle Maßnahmen zum Erfolg in der Jugendarbeit. Aber nicht nur der Einzelne steht im Vordergrund, sondern wenn soziale Konzepte neu entworfen werden, müssen sie zudem ihre Gültigkeit auch für kleinere Gruppen haben. In diesem Sinn versuchen Streetworker durch zahlreiche lebensweltnahe jugendkulturelle Angebote Jugendliche wieder zu erreichen.

3.1 Begriffsdefinition

Ähnlich wie in dem zuvor beschriebenen Kapitel 2.1.3 stellt sich zunächst wieder eine begriffliche Definitionsproblematik in den Vordergrund. Dabei geht es vorrangig nicht um die Frage, ob nun der englische Begriff „Streetwork“ oder die im Jahre 1979 nach einer Fachtagung der aufsuchenden Sozialarbeit gemeinsam beschlossene deutsche Bezeichnung „Straßensozialarbeit“ verwendet werden soll. Aufgrund der differenzierten Entwicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit haben sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute unterschiedliche Begrifflichkeiten etabliert. Diese werden zudem abhängig von der Region verwendet. Vorwiegend im süddeutschen Raum wird so die Bezeichnung „Mobile Jugendarbeit“ verwendet, in Hamburg dagegen der Begriff „Straßenarbeit“ und in Berlin ist von „Streetwork“ die Rede. 1997 beschloss die „Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit (BAG)“, Streetwork und Mobile Jugendarbeit zu einem Sammelbegriff zu vereinen (vgl. Kapitel 4.2). In den letzten Jahren hat sich ein weiterer Ansatz deutlicher herauskristallisiert. Es ist der Ansatz der „Aufsuchenden Jugendsozialarbeit“. Obwohl sich hinter allen Begriffen eigene Arbeitsweisen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausrichtungen verbergen, scheint in der Praxis keine scharfe Trennung möglich zu sein (Fülbier et al. 2001: 589). So beruht die Gemeinsamkeit der „Straßensozialarbeit/Mobilen Jugendarbeit“ und der „Aufsuchenden Jugendsozialarbeit“ auf einem niederschwelligen Konzept lebensweltorientierter Sozialarbeit. In Kapitel 4.2.1 findet eine detaillierte Auseinandersetzung mit diesem Prinzip statt. Zuvor sollen die geschichtlichen Hintergründe bzw. die früheren Ansätzen der Straßensozialarbeit näher beschrieben werden.

3.2 Die Entwicklung der Straßensozialarbeit

Wenn es um die Beschreibung der heutigen Form von Straßensozialarbeit geht, so sollte zunächst ein Blick auf die aus den USA stammende Ursprungsform geworfen werden. Dort wurde die so genannte aufsuchende Sozialarbeit unter der Bezeichnung Streetwork zusammengefasst, auf deren Kenntnissen und Erfahrungen letzen Endes die heutzutage in Deutschland praktizierte Straßensozialarbeit beruht.

3.2.1 Die Streetworkansätze in den USA

Erste Erfahrungsberichte von aufsuchender Jugendsozialarbeit liegen seit Anfang des 20. Jahrhunderts in den Großstädten der USA vor. Um dem verstärkt auftretenden Problem der Bandendelinquenz wirksamer begegnen zu können, entwickelten Chicagoer Sozialarbeiter und Sozialwissenschaftler neue Handlungsmethoden, welche als „Chicagoer Area Project“ (CAP) bekannt wurden. Diese zeichneten sich besonders dadurch aus, dass die Sozialarbeiter (auch „area-worker[29] “ oder „detached worker[30] “ genannt) die delinquenten Jugendlichen in bestimmten geographisch begrenzten Wohngebieten direkt aufsuchten, um vor Ort mittels Gesprächen eine Einstellungs- und Verhaltensänderung zu erzielen versuchten (Specht 1989: 79). In diesem Zusammenhang beschäftigten sich verschiedene Forscher mit Präventionsmaßnahmen zur Entschärfung delinquent handelnder jugendlicher Straßengruppen (Gangs). Thrasher entwickelte hierzu in Anlehnung an seine Forschungsergebnisse zwei mögliche Alternativen der aufsuchenden Jugendsozialarbeit. Ein möglicher Weg war die Herauslösung eines einzelnen delinquenten Jugendlichen aus seiner Gang. Die zweite Alternative bestand darin, die Gang selbst zu resozialisieren, indem sie als soziales System akzeptiert wird. Darüber hinaus sollten unterschiedliche Streetwork-Ansätze helfen, delinquente Lebensweisen zu vermeiden, indem veränderte Lebensbedingungen, z.B. durch neue Angebote in den Bereichen Bildung, Wohnen, Gesundheit und Freizeit, geschaffen wurden (Specht 1989: 79). Das Konzept wurde im Laufe der Jahre weiterentwickelt und als so genanntes „Transformationsmodell“ bekannt. Der wichtigste Grundsatz besteht darin, dass der Streetworker durch sozialpädagogische Methoden versucht, die durch negative Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichneten Gangs in einen sozial anerkannten Jugendclub umzuwandeln. Auch wenn der Erfolg eines solchen Programms teilweise umstritten ist, da die Probleme nicht dadurch gelöst werden, indem Jugendliche von der Straße geholt und in Jugendclubs betreut werden, lässt sich in den gegenwärtig laufenden Bandenprogrammen der USA dennoch die Bedeutung des einstmaligen Konzeptes wiederfinden. So gilt das „CAP“ in den USA als der Ursprung heutiger Straßensozialarbeit, vor allem im Jugendbereich (Specht 1989: 80).

3.2.2 Die frühe Form der Straßensozialarbeit in Deutschland

Erste frühe Formen von Straßensozialarbeit sind in Deutschland seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bekannt. So gründete der Theologe Johann Hinrich Wichern [31] bereits 1833 eine Anstalt zur Betreuung gefährdeter männlicher Jugendlicher, das „Rauhe Haus“. Der zunächst in einer Hamburger Sonntagsschule tätige Armenlehrer Wichern knüpfte bereits innerhalb dieser Tätigkeit erste Kontakte zu der verarmten proletarischen Bevölkerung, indem er sie in ihren Lebenswelten aufsuchte. Basierend auf den vor Ort gewonnenen Erfahrungen gründete er schließlich ein Rettungshaus für verwahrloste Kinder aus ärmsten Verhältnissen, wodurch gleichzeitig der Zugang zu Bildung und besseren Lebensumständen ermöglicht werden sollte. Dazu entwickelte er das Arbeitsfeld der „Pilgernden Brüder“. Jugendliche, die in einem von ihm neu geschaffenen Gehilfeninstitut zu Handwerksgesellen ausgebildet worden waren, wanderten durch das Land und verbreiteten auf ihren Reisen Wicherns Ideen. Infolgedessen stieg der Zulauf innerhalb weniger Jahre enorm an. Weitere Rettungshäuser wurden gebaut, in denen neben der Verbreitung der Christlichen Verkündigung das soziale Engagement im Vordergrund stand (Ökumenisches Heiligenlexikon; online).

Pfarrer Friedrich Siegmund-Schulze gründete Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin zusammen mit einigen Studenten die „Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ (SAG), mit dem Ziel, eine Brücke zwischen den Besitzenden und Besitzlosen zu schlagen. Dazu entwickelte die Arbeitsgemeinschaft Arbeitsinhalte, bei denen es vor allem um niedrigschwellige Angebote für Bedürftige ging. So gründeten die Mitarbeiter Knabenclubs, schufen Rechtsberatungen und eröffneten die Einrichtung „Kaffeeklappe“, wo sich vorwiegend Kinder und Jugendliche aus dem Ostteil der Stadt treffen konnten (Oelschlägel 1989: 60-61). Mit dem ersten Weltkrieg verschärfte sich die soziale Situation in Berlin und die Mitarbeiter des SAG registrierten vermehrt Kinder und Jugendliche unter den Obdachlosen. Gleichzeitig verzeichneten sie einen Anstieg der Verwahrlosung sowie eine erhöhte Kriminalitätsrate bereits unter den 12- bis 14-Jährigen. Daher begannen die Mitarbeiter von SAG, Jugendliche direkt auf der Straße aufzusuchen, um mit ihnen über ihre Lebenssituation zu reden. Es wurden Clubs geschaffen, deren Konzeption so ausgerichtet war, dass Kinder und Jugendliche diese als Anlaufstellen nutzen konnten, in denen ihnen Halt und regelmäßige Zuwendung erteilt wurden. Darüber hinaus boten die neu erschaffenen Institutionen neben der sozialen Betreuung spezielle, auf die Interessen der Jugendlichen ausgerichtete Freizeitangebote an (Oelschlägel 1989: 64). Betrachtet man die Arbeit der SAG, so lassen sich zur heutigen Straßensozialarbeit bereits erste Parallelen ziehen.

Bis auf einige kleinere Projekte nahm die Straßensozialarbeit in Deutschland bis in die 60er/70er Jahren nur eine untergeordnete Rolle ein. Erst mit der Zunahme von jugendlicher Gewalt auf der Straße in Form von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Sachbeschädigungen, Drogenkriminalität und Prostitution wuchs der Handlungsbedarf wieder. In Anlehnung an die Arbeitsmethoden und Erfahrungen der amerikanischen Streetwork-Konzepte entwickelte sich in Deutschland eine eigenständige Form von Streetwork/Mobile Jugendarbeit, deren feste Etablierung sich erst in den 90er Jahren vollzog.

3.2.3 Die Jugendkulturen der 80er und 90er Jahre als Handlungsgrundlage für Streetworkprojekte

Beck hat die radikale gesellschaftliche Entwicklung Mitte der 80er Jahre als Risikogesellschaft bezeichnet (vgl. Kapitel 2.1.2), die gekennzeichnet ist von Enttraditionalisierung und der Auflösung fester Lebensformen. Jugendliche und Heranwachsende werden in dieser Gesellschaft mit der Pluralisierung von Lebenslagen und der Individualisierung der Lebensführung konfrontiert. Für junge Menschen ergibt sich dadurch zunächst die Chance, die Lebensführung individuell gestalten zu können. Gleichzeitig wächst aber auch das Risiko des Scheiterns (vgl. Kapitel 2.1.3). Für die Jugendarbeit hatte diese gesellschaftliche Entwicklung hinreichende Konsequenzen. Während Jugendkulturen und Cliquen zu den wichtigsten Bezugspunkten des Identitätsfindungsprozesses wurden, die auch vorhandene Sozialisationsdefizite ausglichen, kämpfte die Jugendarbeit damals mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten. Die wenigen jugendbezogenen Projekte konnten die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt mit ihren Handlungskonzepten nicht mehr erreichen, oder sie wurden nicht wahrgenommen. Deshalb sollte eine neue Form der jugendspezifischen Sozialarbeit neue Anknüpfungspunkte schaffen, um durch geeignete Konzepte den Jugendlichen wieder Handlungsoptionen anbieten zu können. Sie sollte, genau wie die Jugend, flexibel sein, den Stellenwert von Jugendkulturen erkennen und sich vor allem in den Konzepten der Jugendhilfepläne widerspiegeln. Für Krause war dies die Stunde der Straßensozialarbeit (Krause 1992: 98 ff). Diese Form der Sozialarbeit hat gegenüber anderen einen entscheidenden Vorteil: Die Streetworker halten sich nicht nur im Büro auf - fern der Realität, sondern sind dort anzutreffen, wo die Jugendlichen ihre zweite Heimat aufgebaut haben, nämlich auf der Straße.

Inzwischen existiert eine Vielzahl von Organisationen, die ihren Tätigkeitsschwerpunkt der Straßensozialarbeit gewidmet haben. Im Folgenden soll als praxisnahes Beispiel GANGWAY e.V., als größter freier Träger[32] in Berlin beschrieben werden.

4. Streetwork in Berlin am Beispiel GANGWAY e.V.

Berlin, als bevölkerungsreichste Metropole Deutschlands, weist im bundesdeutschen Vergleich seit Jahren eine der höchsten Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten sowie einen hohen Ausländeranteil von derzeit 13,3 % auf (SLB - Ausländeranteil Marzahn-Hellersdorf; online). Die daraus resultierenden sozialen Probleme sind besonders in den letzten Jahrzehnten drastisch angestiegen. Unter den Jugendlichen baute sich aufgrund der sozialen Ungleichheiten eine Mischung aus Frustration, Hoffnungslosigkeit, Wut und Aggression auf, die schließlich Anfang der 90er Jahre in einer Welle der Gewalt ausbrach. Die Justiz, aber auch insbesondere unterstützende Hilfeinstitutionen wie das Jugendamt waren auf dieses Gewaltpotential nicht genügend vorbereitet. Entsprechend fehlten geeignete Maßnahmen, um hinreichend reagieren zu können. Ein Konzept musste umgehend geschaffen werden, um sich langfristig der wachsenden Problematik anzunehmen. Dabei galt es, einer Stigmatisierung (alle Jugendliche sind gewaltbereit, drogengefährdet und rechtsradikal) entgegenzuwirken. Sie sind die „Verlierer der Modernisierungsprozesse“ (vgl. Kapitel 2.1.2) die in Problemlagen der Sozialarbeiter bedürfen, die sie und ihre Kultur akzeptieren und versuchen dementsprechend gemeinsam mit ihnen wieder positive Lebensbedingungen zu schaffen.

4.1 Die Gründung von GANGWAY e.V.

Im Juli 1990 wurde GANGWAY e.V. durch Vertreter verschiedener Bezirks- und Immigrationsorganisationen gegründet. Die Notwenigkeit wurde mit den vorangegangenen massiven gewalttätigen Auseinandersetzungen, an denen vorwiegend rechtsradikale Gruppierungen beteiligt waren, begründet.

1987 wurde in Westberlin eine Gewaltzunahme mit rechtsradikalem Hintergrund verzeichnet (vgl. Abbildung 2). Binnen kürzester Zeit erhöhte sich neben der Anzahl der Übergriffe auf in Berlin lebende Ausländer die Anhängerschaft von Parteien mit rechter Orientierung. So schafften die „Republikaner“ (REP) im Januar 1989 den Einzug in das Berliner Parlament (SLB - Wahlergebnisse; online). Wegen dieser negativen politischen Entwicklung verlangte die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und überörtlichen Erziehungsbehörden (BAGLJÄ) auf ihrer 68. Arbeitstagung im April 1990 eine Neuorientierung der politischen Jugendbildung in der Jugendarbeit. Vorrangiges Ziel war die Entwicklung von Konzepten, die sich an Jugendliche mit nationalistischer und fremdenfeindlicher Orientierung wenden sollte. Statt durch Ausgrenzung, die extremistische Einstellung zu fördern, sollten adäquate Formen des Zuganges und der Arbeit mit diesen Jugendlichen entstehen. Vor allem sollte der durch Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und wachsende Konkurrenz entstandenen perspektivischen Verunsicherung entgegen gewirkt werden, die als Hauptursache für die Entstehung extremistischer Strömungen angesehen wird. Die BAGLJÄ hielt die Konzepte der Straßensozialarbeit durch die stadtteilorientierte Arbeit und die erlebnispädagogischen Angebote für geeignet, um nun wieder einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen. Darüber hinaus konzentrierte die Straßensozialarbeit sich schon damals auf unterstützende Maßnahmen, die die Identitätsbildung und Stabilität sozialer Beziehungen wieder hervorheben und positiv beeinflussen könnten. Insgesamt verwies die BAGLJÄ auf die besondere Bedeutung der Straßensozialarbeit, die dort stattfindet, wo Handlungsbedarf ist, nämlich im konkreten Lebensumfeld Jugendlicher (Meierhof 1990: 220).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zunahme der rechtsextremen Gewalttaten von 1986-1999 Quelle: Stefan Wolf, 2001

Seit dem „Mauerfall“ im November 1989 registrierten die zuständigen Behörden einen weiteren erschreckenden Anstieg der Gewalttaten mit rechtsradikalem Hintergrund, an denen nun auch verstärkt Ostberliner Skinheads beteiligt waren. Als Gegenreaktion auf die Übergriffe schlossen sich, vor allem in Westberlin, gewaltbereite Migrantenjugendliche unterschiedlicher Nationalität zu Gangs zusammen (Gangway - Gangs; online). Die daraufhin beginnende Eskalation sowohl unter den verschiedenen Migrantenjugendbanden als auch zwischen Skinheads und Migranten veranlasste den Senat von Berlin, Präventionsmaßnahmen zu entwerfen. Aber erst ein Jahr später, am 26. Juni 1990, wurde das Programm für „Aufsuchende Jugendsozialarbeit/ (Straßensozialarbeit)“ ins Leben gerufen, das sich der gewachsenen Problematik von Jugendgewalt durch Gangs widmen sollte (Senat f. Frauen, Jugend und Familie 1990: 3 ff). Der am 17. Juli 1990 als freier Träger gegründete Verein „GANGWAY - Straßensozialarbeit in Berlin e.V.“ nahm sich den vom Senat in Auftrag gegebenen Plänen an. Die Handlungskonzepte, die sich für die Arbeit von GANGWAY e.V. ergeben, sollen anhand der fachlichen Standards erläutert werden.

4.2 Fachliche Standards in der Straßensozialarbeit

In der Sozialen Arbeit haben sich durch theoretische sowie erfahrungs- und erkenntnisbezogene Wissensbestände fachliche Standards entwickelt. Diese bilden den Bezugsrahmen für die Handlungskonzepte und das Handlungsverständnis in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit. Zudem stellen sie den Bezugspunkt des professionellen Selbstverständnisses der in diesen Feldern arbeitenden Fachkräfte dar (Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002: 308).

1996 wurden die fachlichen Standards für den Bereich Streetwork/Mobile Jugendarbeit für das Land Berlin durch die „Landesarbeitsgemeinschaft Berliner Straßensozialarbeiter/innen“ (LAG) festgelegt. Maßgebend für diesen Entstehungsprozess waren die langjährigen praktischen Erfahrungen des Vereins GANGWAY e.V. Auf bundesweiter Ebene wurden die fachlichen Standards von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit durch den ein Jahr später gegründeten Verein „Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit e.V.“ (BAG) definiert (BAG - Fachliche Standards; online). Die fachlichen Standards von Streetwork/Mobile Jugendarbeit werden folgendermaßen unterteilt:

- Zum Selbstverständnis von Streetwork
- Die gesetzlichen Grundlagen
- Adressaten, soziale Problemlagen, Aktions- und Sozialraum
- Ziele von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit
- Tätigkeitsbereiche und Angebote von Streetwork und Mobile Jugendarbeit
- Rahmenbedingungen von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit
- Qualitätssicherung

Die detaillierten Inhalte dieser fachlichen Standards werden in den Kapiteln 4.2.1 - 4.2.6 am Beispiel GANGWAY e.V.[33] sowie der praktischen Umsetzung anhand verschiedener Beispiele erläutert.

4.2.1 Zum Selbstverständnis von Streetwork

Zum Selbstverständnis von Streetwork gehören die Umschreibung der Aktionsorte, die Ursachen für die Handlungsnotwendigkeit sowie die Arbeitsgrundprinzipien der Streetworker.

Die Mitarbeiter von GANGWAY e.V. wenden sich an Jugendliche / Heranwachsende in Gruppenstrukturen, wie Gangs, Cliquen oder Gruppen, die nicht mehr von den bereits existierenden sozialen Einrichtungen erreicht werden und sich stattdessen regelmäßig im öffentlichen Raum treffen. Die dafür bevorzugten Plätze sind z.B. Parkanlagen, Spielplätze, Einkaufszentren etc. Dort wird versucht, mit den Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. Dieser Prozess gestaltet sich oftmals schwierig, denn am Anfang steht das tiefe Misstrauen gegenüber den Sozialarbeitern im Weg. Jahrelange schlechte Erfahrungen mit Institutionen, wie der Polizei, den Ausländerbehörden oder dem Jugendamt haben dafür gesorgt, dass die Streetworker als Eindringlinge gesehen werden, die die Gruppe nur ausspionieren wollen, um sie dann an eine der genannten Behörden zu verraten[34]. Es gibt aber natürlich auch Cliquen oder Gangs, die den Zugang leichter ermöglichen. Je nach Offenheit kommen verschiedene Methoden der Kontaktaufnahme zum Tragen (Gangway 2001: 57). Die defensive Form, bei der bestimmte Angebote geschaffen werden, durch die die Jugendlichen von sich aus Kontakt zu den Mitarbeitern aufnehmen können, stellt dabei eine Handlungsoption dar. Über den indirekten Weg können die Streetworker durch eine Kontaktperson der Zielgruppe auch vorgestellt werden. GANGWAY e.V. bevorzugt in den meisten Fällen das direkte Ansprechen der Zielgruppe. Wenn der Kontakt zur Gruppe schließlich besteht, dann können folgende Arbeitsprinzipien helfen, ein langfristiges Bestehen der Zusammenarbeit zu ermöglichen:

- Parteilichkeit / Vertrauensschutz / Anonymität / Akzeptanz: Die Streetworker setzen sich für die Belange Jugendlicher ein und berücksichtigen dabei die Biographie des einzelnen und dessen derzeitige aktuelle soziale Lebenslage. Zudem sollten Streetworker durch langfristige und kontinuierliche Arbeit ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Aufzeichnungen oder Akten werden nicht über Jugendliche geführt. Die Mitarbeiter von GANGWAY e.V. haben eine arbeitsvertraglich geregelte Schweigepflicht über Kenntnisse, die sie durch ihre Tätigkeit erlangen. Es gibt grundsätzlich keinen Austausch personen- und gruppenbezogener Daten mit der Polizei. Problematisch bleibt, dass Streetworker in der Bundesrepublik immer noch kein Zeugnisverweigerungsrecht haben (vgl. § 203 Abs. 1 StGB, §§ 53, 53a StPO) - ein Recht, das in vergleichbaren Ländern längst Normalität ist. Kontakt zu Dritten (Eltern, Schule, Beratungsstellen) wird von den Streetworkern nur dann aufgenommen, wenn die Jugendlichen dies ausdrücklich wünschen.
- Niedrigschwellige Angebote: Leichte Zugänglichkeit zu diversen Hilfsangeboten, ohne dass für die Inanspruchnahme das Verfolgen oder Erreichen vorgegebener Ziele Bedingung ist.
- Bedürfnis- / Lebenswelt- und Alltagsorientierung: Jugendliche sollten nicht nur freizeitbezogen betreut werden, sondern vor allem in Hinblick auf die Verbessung der Alltagsgegebenheiten. Zudem sind sie entsprechend ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse, d.h. individuell zu betreuen.
- Freiwilligkeit: Bei den Streetworkern steht die Freiwilligkeit eines jeden Jugendlichen, Angebote bzw. Kontakte wahrzunehmen, im Vordergrund.
- Geschlechtsspezifische Ansätze: Handlungsoptionen werden entsprechend den Bedürfnissen männlicher und weiblicher Jugendlicher angeboten, da diese in den meisten Fällen erhebliche Unterschiede aufweisen können;

Flexibilität, Transparenz und Verbindlichkeit zählen ebenfalls zu den Stärken der Streetwork-Arbeitsprinzipien, die garantieren sollen, dass entsprechend dem Hilfebedarf der Adressaten Angebote entstehen, welche dann schließlich auch wahrgenommen werden können.

4.2.2 Die gesetzlichen Grundlagen

Am 1. Januar 1991 wurde das bis dahin geltende „Jugendwohlfahrtgesetz“ (JWG) vom „Kinder- und Jugendhilfegesetz“ (KJHG) abgelöst, das die rechtlichen Grundlagen zum Selbstverständnis der Jugendhilfe beschreibt. Der Prozess der Umwandlung vom JWG zum KJHG war das Ergebnis einer fast 30 Jahre andauernden Diskussion. Bis zu dieser Änderung basierte das JWG in seinen Grundsätzen noch immer auf dem „Reichsjugendwohlfahrtgesetz“ (RJWG) von 1924. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts sorgten die technischen Fortschritte sowie die einsetzende Globalisierung für gravierende gesellschaftliche Wandlungen, welche folglich auch für den Bereich der Jugendhilfe hinreichende Konsequenzen hatten. Die Schaffung neuer adäquater Gesetzesregelungen war demzufolge die Reaktion auf ein längst zu bearbeitendes Handlungsfeld. Erste Änderungen durch die Anerkennung jugendpflegerischer Aufgaben als Teil der Jugendhilfe wurden zwar bereits 1962 in einer Neufassung des JWG verabschiedet, die Verankerung des Jugendhilferechts als Leistungsgesetz wurde jedoch erst durch die Aufnahme im KJHG anerkannt.

Das KJHG trat als VIII. Buch der Sozialgesetzgebung (SGB) in Kraft und regelt die Rechte von Leistungsberechtigten und deren Recht auf Beteiligung im Prozess der Hilfe. Zudem richtet es sich an die Jugendhilfeträger (öffentliche und freie Träger), die die für die Jugendhilfe notwendigen Aufgaben durch eigens errichtete Infrastrukturen zu erfüllen haben. Die entsprechenden Leistungsbereiche werden im Kapitel 2 des KJHG geregelt. Dazu zählen die Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und der erzieherische Kinder- und Jugendschutz (Abschnitt 1, §§ 11-15 SGB VIII). Die Förderung der Erziehung in der Familie (Abschnitt 2, §§ 16-21 SGB VIII), die der in Tageseinrichtungen und Tagespflege betreuten Kinder (Abschnitt 3, §§ 22-26 SGB VIII) sowie die Hilfen zur Erziehung und Hilfe für junge Volljährige (Abschnitt 4, §§ 27-41) zählen zu den weiteren Leistungsbereichen in der Jugendhilfe. Insbesondere §11 (Jugendhilfe) und §13 (Jugendsozialarbeit) KJHG bilden die gesetzliche Grundlage für das neu entstandene Arbeitsfeld Streetwork/Mobile Jugendarbeit, ohne dieses explizit zu benennen.

Erst 1995 wurde aufsuchende Jugendsozialarbeit und damit auch Streetwork/Mobile Jugendarbeit gesetzlich eingeordnet. Das Berliner Gesetz zur „Ausführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes“ (AG KJHG) sieht in §13 Abs. 3 vor:

„Aufsuchende Jugendsozialarbeit wendet sich insbesondere an allein gelassene, aggressive, resignative, suchtgefährdete oder straffällig gewordene junge Menschen und fördert deren soziale Integration. Die Angebote sind unmittelbar im Lebensfeld der jungen Menschen zu organisieren. Sie umfassen Einzelberatung, Gruppenarbeit, Projektarbeit und Stadtteilarbeit. Das Jugendamt hat Vorsorge zu treffen, dass es diese Angebote bei akutem Bedarf auch kurzfristig ermöglichen kann“.

Somit betont das Berliner AG KJHG durch §13 aufsuchende Jugendsozialarbeit als eigenständiges Leistungsangebot bzw. Feld Sozialer Arbeit und in Verbindung mit §§ 1 und 13 KJHG werden die gesetzlichen Grundlagen der Straßensozialarbeit manifestiert. Die Durchsetzung bzw. Anerkennung des AG KJHG gestaltet sich gerade in Berlin schwierig, da Streetworkprojekten noch immer nicht der gleiche Stellenwert beigemessen wird wie anderen etablierten Jugendhilfeeinrichtungen (LAG - Vernetzung; online). Durch Vernetzung verschiedener Anbieter Sozialer Arbeit, z.B. in Form von Arbeitsgemeinschaften kann durch konstruktive Zusammenarbeit und gemeinsames Planen größtmögliche Effektivität erreicht werden (vgl. § 78 KJHG und § 95 BSHG (Bundessozialhilfegesetz)).

4.2.3 Adressaten, soziale Problemlagen, Aktions- und Sozialräume

Streetwork findet in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen Anwendung. KARUNA e.V. entwickelt als freier Träger in Berlin Drogenpräventionsmaßnahmen und kümmert sich zudem um jugendliche Obdachlose. SUBWAY e.V. als weiterer Jugendhilfeträger arbeitet ausschließlich mit männlichen jungen Strichern und jugendlichen Obdachlosen. Das Konzept von GANGWAY e.V. beruht im Gegensatz zu KARUNA e.V. und SUBWAY e.V. auf stadtteilorientierter Arbeit, d.h. die Bereiche Drogen- und Wohnungslosenhilfe und Prostitution gehören nicht zu den Arbeitsbereichen. Erwachsene werden ebenfalls nicht zu den Adressaten gezählt, stattdessen richten sich die unterstützenden Projekte vorwiegend an Jugendliche, die in selbstgewählten Gruppenstrukturen, wie Cliquen oder Gangs, vorwiegend auf öffentlichen Plätzen zu treffen sind. Die Forschungsergebnisse der Humboldt-Universität in Berlin im Jahr 2000 (HU Berlin - Lebenssituation; online), die die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Berlin-Friedrichshain untersuchten, zeigten dass „die Straße“ zum bevorzugtesten Aufenthaltsort von Jugendlichen zählt (47 %). 16 % der Befragten messen im Vergleich, dem Besuch von Jugendfreizeiteinrichtungen (JFE) und der Schule weniger Bedeutung bei (vgl. Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bedeutung verschiedener Orte der Freizeitgestaltung Quelle: Humboldt-Universität zu Berlin, 2000

Jugendlichen werden heutzutage nicht mehr ausreichend von bestehenden sozialen Einrichtungen erreicht. Viele von ihnen sind auch nicht mehr an diesen Institutionen, wie Jugendfreizeithäusern und Jugendclubs interessiert, da aufgrund der Arbeitsmuster dieser Jugendfreizeiteinrichtungen nicht die gesamte Vielfalt an jugendkulturellen Szenen berücksichtigt werden kann. Gerade in Berlin, wo sich aufgrund der multikulturellen Vielfalt die unterschiedlichsten sozialen Handlungsmöglichkeiten anbieten, gehören Töpferkurse und Seidenmalerei heutzutage nicht mehr zu den zeitgemäßen Freizeitaktivitäten (Keppler 1997: 115 ff). Abbildung 4 zeigt, dass zur beliebtesten Freizeitaktivität das Treffen mit Freunden zählt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Rangliste der tatsächlich ausgeübten Freizeitaktivitäten Jugendlicher im Bezirk Friedrichshain Quelle: Humboldt-Universität zu Berlin, 2000

Die Unzufriedenheit über den Mangel an befriedigender Arbeit und positiver Identität, sowie die Benachteiligung durch die gesellschaftlichen Umstände kann in den Zusammenkünften mit Freunden minimiert bzw. anderweitig ausgeglichen werden. Statt sich unerwünscht zu fühlen, erzeugt die Bezugsgruppe das Gefühl der „Dazugehörigkeit“, Akzeptanz und des Zusammenhaltes (Krafeld 1992: 8). Besonders erstgenanter Aspekt spielt in den Cliquen oder Gangs eine wesentliche Rolle mit der Folge, dass Jugendliche lieber unter sich bleiben. Damit wollen sie nicht nur die Abgrenzung von den Erwachsenen betonen. Vorrang hat vor allem in Berlin die strikte, nach Nationalitäten eingehaltene Separation, die selten eine multikulturelle Vermischung erlaubt. Derzeit leben über 440.000 Personen ausländischer Herkunft (entspricht einem Anteil von 13,3%) aus über 180 Ländern in der Stadt. Abbildung 5 kennzeichnet die prozentuale Verteilung des Ausländeranteils in den 12 Berliner Bezirken. Menschen türkischer Nationalität bilden dabei die größte Migrationsgruppe mit über 122.000 Personen (SLB - Bevölkerung; online).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Nationalitätenanteil in Berlin - gegliedert nach Bezirken Quelle: Statistisches Landesamt Berlin, 2003

In der Statistik werden Menschen anderer Herkunft, die im Besitz eines deutschen Passes sind, nicht erfasst, womit die tatsächlichen Zahlen nach oben korrigiert werden müssten, allen voran die große Zahl der in Berlin lebenden Russlanddeutschen, die als Aussiedler formell Deutsche sind. Im Gegensatz zu Personen türkischer Nationalität, welche überwiegend in den Bezirken Friedrichshain/Kreuzberg, Mitte und Neukölln leben, wohnen Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen UdSSR vorwiegend in Marzahn-Hellersdorf. Viele dieser Jugendlichen, die z.T. selbst nicht nach Deutschland wollten, kaum deutsch sprechen und sich vor allem nicht als Deutsche fühlen, stehen dadurch oftmals vor enormen Integrationsproblemen (Gangway - 10 Jahre; online).

Weder die Familie noch die Schule können letzten Endes adäquate Unterstützung anbieten, wie es die selbstgewählte Gruppenstruktur der Clique oder Gang vermag. GANGWAY e.V. nimmt demzufolge jugendliche Cliquen oder Gangs in dieser Bedeutung wahr und setzt am vorhandenen Selbstregulierungs- und Selbstorganisationspotential der gewählten Gruppenstruktur an. Statt die Gruppen aufzulösen, versuchen die Mitarbeiter von GANGWAY e.V., soziale Gruppenarbeit im Sinne des § 29 KJHG zu leisten. So werden die Jugendlichen an ihren Treffpunkten im öffentlichen Raum aufgesucht. Das können Einkaufzentren, Diskotheken, Parkanlagen etc. sein, welche allgemein unter dem Begriff „Straße“ als nicht pädagogisch betreuter Sozial- bzw. Aktionsraum zusammengefasst werden. In den vor Ort stattfindenden Gesprächen geht es in erster Linie nicht um „das Wegholen“ von der Straße und die Integration in andere soziale Einrichtungen. Vielmehr bieten die Streetworker Unterstützung an oder zeigen Alternativen auf, die helfen sollen, lebenswertere Bedingungen zu schaffen. GANGWAY e.V. versucht in diesem Rahmen, die Lebenssituation durch Jugendsozialarbeit zu verbessern (Gangway - 10 Jahre; online).

Seit der Gründung von GANGWAY e.V. ist die Zahl der Mitarbeiter stetig gestiegen. Heute sind 45 Streetworker in 14 Teams in insgesamt neun Berliner Bezirken tätig. Jedes Team umfasst dabei mindestens drei, nach Möglichkeit vier Mitarbeiter beiderlei Geschlechts. Aufgrund des hohen Ausländeranteils in Berlin wird darauf geachtet, dass in Bezirken mit einem besonders hohen Prozentsatz an Jugendlichen nicht deutscher Herkunft ein Mitarbeiter eingesetzt wird, der entweder die notwendigen Sprachkenntnisse vorweisen kann oder ggf. die gleiche Nationalität wie die Mehrheit der zu betreuenden Jugendlichen besitzt. Die paritätisch besetzen Teams (Männer und Frauen) ermöglichen zudem eine geschlechterspezifische Arbeit.

Das Gesetz sieht im § 9 KJHG Abs. 3 vor:

Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind [...]

3. die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.

§3 Abs. 2 AG KJHG definiert dahingehend noch einmal genauer:

Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Problemlagen von Mädchen und Jungen sind Leistungen so zu gestalten, dass sie der Verwirklichung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern dienen und helfen, Benachteiligungen abzubauen. Dazu sind [...] geschlechtsspezifische Leistungen zu entwickeln und anzubieten.

Die Erfahrungen, die GANGWAY e.V. in der täglichen Arbeit gemacht hat, zeigen, dass geschlechterspezifische Projekte notwendig geworden sind. Junge Frauen bilden die Minderheit in den Gruppen, Cliquen oder Gangs. Innerhalb dieser Gruppierungen wird ihnen oftmals nur die „frauentypische“ Rolle zugeschrieben. Eigenständige Funktionen bleiben den männlichen Gruppenmitgliedern überlassen, sie entscheiden, was getan wird. Den jungen Frauen obliegt dann nur noch die Wahl der Teilnahme an den Aktivitäten. Zudem werden junge Frauen durch das elterliche Haus stärker reglementiert. Im Gegensatz zu den männlichen Gruppenmitgliedern müssen sie früher zu Hause sein und auch eher Pflichten im Haus übernehmen. Obwohl der Individualisierungsdruck bei jungen Frauen wesentlich stärker ist als bei den jungen Männern[35], will GANGWAY e.V. die Arbeit nicht ausschließlich auf junge Frauen reduzieren (Gangway 2001: 62-63). Es sind einzelne separate Projekte geplant, wie z.B. eine Frauenfußballmannschaft im Bezirk Schöneberg, doch die geschlechtsspezifische Arbeit an sich findet direkt in der gemischten Gruppe statt.

GANGWAY e.V. arbeitet grundsätzlich stadtteilbezogen, d.h. der Kontakt zu Jugendlichen wird im Stadtteil gesucht. Dies kann an festen bekannten Plätzen, aber auch da Jugendliche ihre Treffpunkte z.T. wechseln und sich dabei nicht um Stadtteile oder Bezirksgrenzen kümmern, an verschiedenen Orten sein. Die Streetworker sind ebenso wie ihre Zielgruppe, mobil und nicht an feste Plätze gebunden. In der Regel bevorzugen Jugendliche jedoch feste Treffpunkte, die sie dann als ihr Revier bezeichnen und u.U. auch vor Fremden verteidigen. Anfang der 90er Jahre kam es immer wieder zu schweren Kämpfen zwischen rivalisierenden Gangs, nur weil einzelne Mitglieder einer Gang es gewagt hatten, das Revier der anderen zu betreten (z.B. zwischen den „Black Panther“, „Barbaren“ oder „Fighters“). Für Streetworker geht es in erster Linie nicht nur um die Reviere der Jugendlichen. Sie interessieren sich vielmehr für den gesamten Lebensraum, der in der soziologischen Fachsprache als „Sozialraum“ oder „Lebenswelt“ bezeichnet wird. Hagemeier definiert diesen folgendermaßen (Hagemeier - Definition Sozialraum; online):

„Der Sozialraum ist ein Ort, an dem innerhalb bestimmter sozialstruktureller Verhältnisse alltägliches Leben konkret, überschaubar und identitätsbildend stattfindet. Der Begriff überschneidet sich in großen Teilbereichen mit dem Begriff "Lebenswelt" und beschreibt den eigensinnigen Möglichkeitsraum von Individuen und Gruppen mit vielfältigen Handlungsalternativen, die durch die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - mehr oder weniger - eingeschränkt werden. In gegenseitiger Bedingtheit beeinflussen die Menschen den Sozialraum und der Sozialraum die Menschen."

Die sozialräumliche Strukturierung der einzelnen Berliner Bezirke, deren jeweilige Anzahl von Bezirk zu Bezirk variiert[36], stellt in der Kinder- und Jugendhilfeplanung eine tragende Rolle dar. Bevor die Kontaktaufnahme also stattfinden kann, müssen Streetworker zunächst mittels der so genannten Sozialraumfeldanalyse genaue Kenntnisse über den Stand und die Entwicklung der sozialstrukturellen Verhältnisse eines (Stadt-)Gebietes in Erfahrung bringen (Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002: 909). Neben einer Übersicht über die Wohnstandorte verschiedener Bevölkerungsgruppen und ihre Lebensverhältnisse zählt ebenso die Infrastruktur zur statistischen Analyse. Demzufolge wurden die (Stadt)-Gebiete in kleinräumige Ebenen eingeteilt. Die Einwohnerzahl, die ein Sozialraum idealerweise umfassen sollte, liegt bei 3000-5000. Statistisch wird diese Bevölkerungsgruppe hinsichtlich mehrerer Aspekte analysiert (Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002: 909):

1. soziale Position, d.h. der Anteil von Angehörigen einer sozialen Schicht, wie z.B. Arbeiter, Studenten usw.
2. soziale Segregation, gibt Auskunft über den Grad der sozialen Entmischung, gemessen an deutlich überdurchschnittlichen Anteilen bestimmter Bevölkerungsgruppen, wie z.B. kinderreiche Familien, Ausländer usw.
3. administrative Intervention, worunter alle Fallzahlen der Hilfe- und Kontrollinstitutionen, wie z.B. Sozialhilfeempfänger oder Fälle der angewendeten Jugendgerichts- und Erziehungshilfe verstanden werden.

Mit den erfassten und ausgewerteten Daten werden die Teilgebiete nach dem Grad der Problemanfälligkeit eingeteilt. Sozialräume mit einem hohen Segregationsprozentsatz sowie einer überdurchschnittlichen administrativen Intervention werden zu den am stärksten belasteten Gebieten gezählt. Im Allgemeinen wird in diesen Fällen von „sozialen Brennpunkten“ gesprochen. Andere Gebiete, bei denen nur ein zu untersuchender Aspekt eine hohe Prozentzahl aufweist, werden in die Kategorie „gefährdeter Sozialraum“ eingeordnet.

Für die Streetworker von GANGWAY e.V. sind demnach Kenntnisse hinsichtlich der sozialökonomischen Struktur der zu betreuenden Stadtteile unabdingbar, um daraus mögliche Handlungsperspektiven für einen eingegrenzten Raum präzise und wirkungsvoll entwickeln zu können.

4.2.4 Die Ziele der Straßensozialarbeit

Je nach Umsetzbarkeit unterscheidet GANGWAY e.V. seine Ziele in kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Im Vordergrund steht der Jugendliche, für den individuelle, positive Lebensbedingungen entwickelt werden sollen. GANGWAY e.V. will die Adressaten nicht nur im persönlichen Umfeld, sondern auch hinsichtlich ihrer gesamt-gesellschaftlichen Position unterstützend begleiten. Darunter wird die berufliche (Wieder-)Eingliederung des einzelnen in die Gesellschaft verstanden. Ein eigenständiges Team hat sich dieser Herausforderung bei GANGWAY e.V. angenommen. In Anbetracht der hohen Arbeitslosenzahlen und des gravierenden Mangels an Ausbildungsplätzen versucht das „Jobteam“, Ausbildungs- und Berufsperspektiven für die Jugendlichen zu entwickeln. In Kooperation mit dem Berliner Arbeitsamt werden neben Bewerbungstrainings und Jobbörsen, weiterführende Informationen rund um die Ausbildungsplatz- oder Berufssuche angeboten[37]. In persönlichen Gesprächen werden individuelle Beratung angeboten und werden darüber hinaus nützliche Infos zur Wohnungssuche, zur Rechts- und Schuldnerberatung gegeben. Auf Wunsch werden die Jugendlichen auch zu den Ämtern, wie der Berufsberatung oder zum Sozialamt, begleitet.

Bevor dieses Ziel angestrebt werden kann, müssen viele der Jugendlichen zunächst wieder motiviert werden. Misserfolge bei der Arbeitssuche, fehlende Anerkennung im alltäglichen Umfeld (elterliches Haus, Schule) und eine langanhaltende Perspektivlosigkeit haben dafür gesorgt, dass Jugendliche heutzutage ihrer Zukunft keine Bedeutung mehr beimessen. So schwänzen viele die Schule mit der weit verbreiteten Einstellung „Es lohnt nicht zur Schule zu gehen, denn ich bekomme meinen gewünschten Ausbildungsplatz sowieso nicht“[38]. Die Hoffnung und das Gefühl der Chancengleichheit sind im täglichen Kampf um einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz häufig verloren gegangen, weshalb die Streetworker auf die Förderung des Selbsthilfepotentials setzen. Insbesondere müssen dabei die vorhandenen Fähigkeiten des einzelnen gefördert werden. Um zukünftige Konflikt- bzw. Krisensituationen besser handhaben zu können, legen die Streetworker ebenso Wert auf den Ausbau der sozialen Kompetenzen. Die Entwicklung von alternativen Problem- und Konfliktlösungsstrategien im Alltag und im Vorfeld von Gewalt und Straffälligkeit sollen zusätzlich helfen, die Kriminalitätsrate zu senken. Zwecks Vermeidung von Gewalttaten, Beleidigungen, Diskriminierungen, Abschalten oder auch Wegsehen in Konfliktsituationen wird gerade in Berlin in diesem Zusammenhang die Toleranz und Akzeptanz von anderen Lebensformen und -kulturen gefördert. Gleichzeitig soll damit, der Stigmatisierung von Jugendlichen entgegenwirkt werden. Deshalb sind die Streetworker bemüht, frühzeitig jugendlichen Bedarf zu erkennen, um daraus entsprechende Interessenvertretung für und mit Jugendlichen realisieren zu können. Die von GANGWAY e.V. angebotenen niederschwelligen Konzepte erlauben den Adressaten eine leichte Zugänglichkeit zu den unterstützenden Maßnahmen, ohne dass dafür Vorbedingungen erfüllt werden müssen. In der Regel bedarf es für die Umsetzung der gesetzten Ziele viel Zeit, Geduld und organisatorisches Geschick gerade bei der Suche nach der Orientierung und der Unterstützung in verschiedenen Lebensfragen. Ob nun zusätzliche Jugendhilfe, wie Jugend- und Sozialhilfe, beantragt, ein Ausbildung- oder Arbeitsplatz gefunden, oder die Wohnsituation verbessert, ein familiäres Problem gelöst oder die Gesundheitsfürsorge in Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen wie dem Jugendamt, geregelt werden soll, - oft liegt „die“ perfekte Lösung nicht sofort parat.

4.2.5 Tätigkeitsbereiche und Angebote

Die Angebotstruktur reicht bei GANGWAY e.V. von Gruppen-, über Projekt- bis hin zur Einzelfallarbeit. Die vielfältigen Tätigkeitsbereiche der Streetworker werden laut LAG in folgende drei Bereiche untergliedert:

- infrastrukturelle Tätigkeiten (vgl. Abbildung 6),
- unmittelbare adressatenbezogene Hilfeangebote (vgl. Abbildung 7) und
- Querschnittsfunktionen.

Die Angebote der infrastrukturellen Tätigkeiten, wie Abbildung 6 dargestellt, beziehen sich auf die Aufenthaltsorte der Adressaten von GANGWAY e.V. Die Öffnung von Räumen (d.h. Erschließung und Erhaltung), die Verbesserung der Infrastruktur (Ressourcennutzung) sowie die Vernetzung von Jugendhilfe und ressortübergreifenden Institutionen zählen zu den Angeboten der Streetworker.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Infrastrukturelle Tätigkeiten Quelle: GANGWAY e.V. Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung, 2001

Ein weiterer Tätigkeitsschwerpunkt in der Straßensozialarbeit sind die unmittelbaren adressatenbezogenen Angebote. Das Handlungsspektrum lässt sich in fünf Kategorien aufteilen: Beziehungsarbeit, Beratung/Begleitung/Vermittlung, Gruppen- und Projekt-arbeit sowie Moderation und Konfliktberatung. Die Inhalte dieser Bereiche dienen vorrangig dem Vertrauensaufbau. Ziel ist es, der sozialen Ausgrenzung von Jugendlichen entgegenzuwirken. Die Streetworker müssen, bevor sie den Jugendlichen ein auf sie zugeschnittenes sozialpädagogisches Angebot unterbreiten können, bestehende Angebote anderer Institutionen kennen. Die Sozialraumanalyse hilft den Streetworkern entsprechende Kenntnisse über bestehende Jugendhilfeeinrichtungen zu erhalten. Schließlich kann und will die Straßensozialarbeit nicht alle Angebote der Jugendhilfe ersetzen. Kooperation statt Konkurrenz, dies kann letztlich den Jugendlichen nur zu gute kommen. So existiert zwischen GANGWAY e.V. und den Jugendhilfeinstitutionen der verschiedenen Stadtteile, in denen die Streetworker z.Z. tätig sind, eine enge Kooperation. Auch die Kontaktpflege zählt zu den Aufgaben der Streetworker. Ein informeller und formeller Austausch zwischen Arbeitsgemeinschaften, Kiezrunden und den Runden Tischen der öffentlichen und freien Träger sorgt dafür, dass Jugendhilfe effektiv eingesetzt werden kann. Die Streetworker haben die Funktion eines Vermittlers inne. Wenn sich eine Vertraulichkeit zwischen den Jugendlichen und dem Streetworker aufgebaut hat, so könnte sich auch eine Vertrauensbasis zwischen den Jugendlichen und anderen Institutionen entwickeln. So ist es vorstellbar, dass ein Jugendlicher deshalb eher von sich aus den Kontakt z.B. zum Jugendamt sucht und sich vom Sachbearbeiter die für ihn passenden Unterstützungsleistungen der Jugendhilfe anbieten lässt, ohne dass es hier einer langwierigen Beziehungsarbeit bedarf. Das Misstrauen gegenüber öffentlichen Behörden könnte demnach über gegenseitiges Vertrauen schneller abgebaut werden. Abbildung 7 stellt zusammenfassend die unmittelbaren personenbezogenen sozialen Angebote von GANGWAY e.V. dar.

Wie in der Abbildung 7 dargestellt, richten sich die sozialen Angebote von GANGWAY e.V. auch an den Bereich der Freizeit- und Erlebnispädagogik. Besonders in den letzten Jahren organisierten die Mitarbeiter vermehrt internationale Austauschfahrten, bei denen kulturelle Begegnungen und das soziale Lernen in der Gruppe im Vordergrund standen. Mit der Bezugsgruppe[39], Gang oder Clique, in der ein relativ homogenes Interessenmuster herrscht die Freizeit zu verbringen, hat so sehr an Bedeutung gewonnen (Keppler 1997: 116-117), dass sie als Sozialisationsinstanz nicht vernachlässigt werden darf. GANGWAY e.V. widmet deshalb verschiedene Projekte dem Austausch von Gruppen, deren Gemeinsamkeit in den Identifizierungsmerkmalen der Jugendkultur liegt. Wie die Arbeit mit jugendlichen Gruppierungen aussehen kann, soll im Kapitel 5 anhand des Praxisfeldes „SOUNDLAB-BERLIN“ aufgezeigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Unmittelbare personenbezogene soziale Angebote von GANGWAY e.V. Quelle: GANGWAY e.V. Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung, 2001

4.2.6 Rahmenbedingungen

Um eine effektive und effiziente Arbeit garantieren zu können, benötigt die Straßensozialarbeit geeignete Rahmenbedingungen. Darunter fallen alle Voraussetzungen und Umstände, für deren Vorhandensein oder Bereitstellung der Träger bzw. Geldgeber verantwortlich ist. Folgende Rahmenbedingungen benötigt der freie Träger GANGWAY e.V. für die erfolgreiche Umsetzung seiner Arbeit:

- Personelle Rahmenbedingungen: Besonderes Augenmerk erhält die bedarfsorientierte Team-Konstellation, auf die bereits im Kapitel 4.2.1 näher eingegangen wurde. Pro Team ist ein Stellenvolumen von mindestes 2,5 Mitarbeitern zu gewährleisten. Abhängig von dem zu betreuenden Sozialraum sollte das Team gemischt-geschlechtlich und multiethnisch sein. GANGWAY e.V. versucht, unbefristete bzw. langfristige arbeitsvertragliche Bedingungen zu garantieren. Als fachliche Qualifikationen müssen die Streetworker das Studium der Sozialarbeit oder vergleichbare Erfahrungen vorweisen. Eine tarifgemäße Bezahlung erfolgt nach BAT IVa. Die tariflich festgelegten Arbeitszeiten von 38,5 bzw. 40h/Woche unterliegen keinem strengen Tagesplan bzw. Wochenablauf. Der bedarfsgeregelte Einsatz hat sich aufgrund der langjährigen Erfahrungen auf die Nachmittags- und Abendstunden verlagert. Entsprechend der Wünsche der Jugendlichen und unter Berücksichtigung von einzuhaltenden Terminen, in der Jugendgerichtshilfe, der Schule oder in anderen öffentlichen Einrichtungen und Institutionen werden die Arbeitszeiten der Streetworker bestimmt.
- Materielle Rahmenbedingungen: Kommunikationsmöglichkeiten können die Teams in ihren unentgeldlich von den Bezirksämtern zur Verfügung gestellten Stadtteilbüros gewährleisten. Dort finden entweder Einzelgespräche statt, oder verwaltungsnotwendige Tätigkeiten können dort erledigt werden. Die flexible Arbeitsweise der Streetworker wird zudem durch eine relativ unbürokratische Handhabung unterstützt. Ein so genanntes monatliches „Handgeld“, über das jeder Streetworker verfügen kann, unterstützt spontane Aktivitäten mit den Jugendlichen. So können kurzfristig über dieses Bargeld Konzert-, Kino- oder Cafébesuche finanziert werden. Darüber hinaus verfügt GANGWAY e.V. über einige Kleinbusse, die im Bedarfsfall für gemeinsame Gruppenaktivitäten genutzt werden können.
- Strukturelle Rahmenbedingungen: Die interne Vernetzung der Teams, wie terminliche Koordinationen oder der fachliche Austausch mit Kollegen, findet in wöchentlichen Bezirksteambesprechungen in der Zentrale von GANGWAY e.V. statt. Besonders die Anfragen externer Kooperationspartner, wie Schulen, Hochschulen, (Weiter)-Bildungsinstitutionen und Medien, werden dabei bezirksübergreifend geregelt und delegiert.
- Fachliche Begleitung/Reflexion: Die Teilnahme an Aus- und Weiterbildungsangeboten, Fortbildungsreisen und Supervision sichert die Weiterentwicklung der Methoden in der Straßensozialarbeit. Diese werden fortwährend durch den „Berliner Arbeitskreis Streetwork“ überprüft (ABS 1995; online).

Die erfolgreiche Umsetzung von Streetworkprojekten ist von mehreren Faktoren abhängig. Das Engagement der Mitarbeiter, die Team-Koordination und die Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen Institutionen sind die Basis für die Entstehung und Realisierung von sozialen Maßnahmen (vgl. Kapitel 4.2.3). Der Erfolg eines jeden Projektes „steht und fällt“ mit der Nutzung durch die Adressaten, d.h. die Jugendlichen entscheiden, ob und wann sie die Angebote wahrnehmen wollen. Die wichtigste Komponente ergibt sich aus den o.g. Rahmenbedingungen. So können Streetworkprojekte letzten Endes nur dann realisiert werden, wenn die dafür benötigten Gelder zur Verfügung stehen. Der freie Träger GANGWAY e.V. erhält seine finanziellen Mittel anteilig aus Zuwendungen der Bezirke und des Landes (Gangway - Personal und finanzielle Ausstattung; online). Durch die Tatsache, dass die Haushaltssituation in der Bundesrepublik Deutschland schon seit mehreren Jahren durch einen Abwärtstrend gekennzeichnet ist, ist der Finanzierungsaspekt zu einem brisanten Thema geworden. Seit der jüngsten Veröffentlichung im Oktober 2003 wurde deutlich, dass die bereits angespannte Finanzsituation im sozialen Bereich sich in der nächsten Zeit nicht verbessern, sondern verschärfen wird. Die in diesem Zusammenhang oft verwendete Redewendung „den Gürtel enger zu schnallen“ trifft vor allem für das Land Berlin zu. Im Bundesländervergleich weist das Land Berlin seit 1991 die höchste Verschuldungsrate auf (BMF - Verschuldung der Länder: 27; online). Dass demzufolge mit Kürzungen im Berliner Haushalt zu rechnen ist, deren Folgen in absehbarer Zeit deutlich zu spüren sein werden, ist angesichts der Neuverschuldung des Bundes, ausgelöst durch die schwache Wirtschaftslage der letzten drei Jahre keine bloße Vermutung mehr (Spiegel - Schulden Miesere; online). Welche Konsequenzen die Finanzmisere verursachen wird oder bereits hat, soll anhand der Berliner Haushaltssystematik für den Bereich Jugendarbeit näher erläutert werden. Der Berliner Haushaltsplan gliedert sich neben den Mitteln für das Personal und die öffentlichen Investitionen in drei Teile, den A-, T- und Z-Teil (Berliner Haushalt; online).

- Der A-Teil des Haushaltes fasst die konsumtiven Ausgaben zusammen. Dazu zählen die Ausgaben für die bauliche Unterhaltung der öffentlichen Gebäude, des Straßenlandes und der öffentlichen Grünflächen. Ebenso werden die Schul-, Hort- und KITA[40] -Beköstigung sowie die Schulbücher aus diesen Mitteln finanziert.
- Der T-Teil des Haushaltes beinhaltet die Sach- und Dienstleistungen an den Bürger. Diese Leistungen werden von freien Trägern oder Einrichtungen für den Bürger erbracht und vom Bezirk bezahlt. Dazu zählen u.a. Unterbringungskosten in Heimen, Hilfen zur Ausbildung oder betreutes Wohnen im Jugendhilfebereich. Hier besteht seitens des Bürgers auch ein Rechtsanspruch. Die Höhe der Ausgaben ist jedoch steuerbar, weil der Bezirk mit dem Dienstleister darüber verhandeln kann.
- Der Z-Teil des Haushaltes beinhaltet die Bargeldleistungen an den Bürger. Dazu zählen u.a. Sozialhilfeleistungen, Wohngeld oder BAföG. Der Anspruch auf diese Leistungen ist durch Gesetze geregelt. Die Höhe der Ausgaben ist für den Bezirk nicht steuerbar, weil in jedem Fall ein individueller Rechtsanspruch besteht.

§ 48 Abs. 2 AG KJHG sieht vor, dass der angemessene Anteil für die Jugendarbeit mindestens 10 % der für die Jugendhilfe bereitgestellten Mittel zu betragen hat. Diese 10 % standen in den letzten Jahren kaum einem Berliner Bezirk zur Verfügung, d.h. die tatsächlich bewilligten Beträge lagen deutlich unterhalb der Mindestgrenze (Berndt 2002: 48). Wenn nun von weiteren Kürzungen für das Haushaltsjahr 2004 gesprochen wird, dann bleibt zu zweifeln, ob die Mittel für den Bereich Jugendarbeit in nahegelegener Zukunft in angemessener Höhe zur Verfügung stehen werden (TAZ - Eichel; online). Am Beispiel der heiklen Finanzsituation wird deutlich, wie weit entfernt letzten Endes die Theorie von der Praxis ist. § 48 Abs. 2 AG KJHG, der eigentlich eine hinreichende Finanzierung der Jugendarbeit garantieren soll, verliert seine Wirkung in Anbetracht der derzeitigen katastrophalen Haushaltslage. Um den notwendigen Bedarf trotzdem decken zu können, ist es nicht nur unumgänglich, sorgfältig die Finanzierung neuer Projekte zu prüfen, sondern auch nach Finanzierungsalternativen zu suchen. Wie diese im Einzelnen aussehen können, wird in Kapitel 5.3.6 beschrieben.

Im Bereich der Straßensozialarbeit werden die Jugendlichen die Leidtragenden sein, die die unmittelbaren Konsequenzen als erste erleben werden. Im Falle von Rationalisierungen und evtl. Projektstreichungen als Folge der bundesdeutschen Kürzungspolitik könnten ihnen damit unter Umständen die Vertrauenspersonen wieder entzogen werden. Die Stellung der Jugendlichen, in einer solchen Situation ist zu bedenken: Ein Verhältnis basierend auf gegenseitigem Vertauen hat sich nach einem längeren Prozess des Kennlernens und der Zusammenarbeit aufgebaut. Die Streetworkangebote werden von den Jugendlichen wahrgenommen, und erste Erfolge stellen sich ein. Die Jugendlichen beginnen wieder Hoffnung zu schöpfen, sei es durch die Vermittlung von einem Ausbildungsplatz oder die Konfliktlösung bei häuslichen Problemen. Dann erfahren die Jugendlichen, dass sie wieder auf sich gestellt sind, da weitere Angebote mangels Geldern gestrichen werden müssen. Die einzigen, die sich dann ihrer wieder annehmen werden, sind die Polizeiangehörigen (Berndt 2002: 43-44). Verständlich, wenn Jugendliche sich nach solchen möglichen Erfahrungen wieder zurückziehen und an ihrer Zukunft zu zweifeln beginnen. Werden Hilfemaßnahmen von heute auf morgen eingestellt, dann wird damit nicht nur die bis dahin geleistete Arbeit zerstört, sondern auch der Glaube an die Streetworker und deren Engagement und daran, dass sie Unterstützung durch die Gesellschaft und Politik erhalten können.

4.2.7 Qualitätssicherung und Querschnittsfunktionen

Streetworkprojekte sind keine synthetisch hergestellten Produkte, deren Qualität sich anhand eindeutiger Maßstäbe messen lässt. Dennoch ist die Qualität eines Handlungsablaufes (Konzeptes) ein wichtiger Bestandteil der Straßensozialarbeit.

Die Qualität der Tätigkeit in der Straßensozialarbeit wird anhand von drei Kennzeichen unterschieden: Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und sozialer Aspekt. In der Praxis fließen in die Bewertung eines Konzeptes neben den funktionalen und wirtschaftlichen Faktoren besonders die sozialen Gesichtspunkte mit ein. Um die Qualität eines Konzeptes einschätzen zu können, können verschiedene Kriterien herangezogen werden. GANGWAY e.V. überprüft das Zusammenwirken seiner materiellen, strukturellen und personellen Gegebenheiten (vgl. Rahmenbedingungen Kapitel 4.2.5) und nutzt diese als Bewertungsgrundlage zur Einschätzung der Qualität seiner Arbeit. Das Zusammenspiel dieser, sich gegenseitig bedingender Komponenten wird in der analytischen Betrachtungsweise in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität aufgeteilt.

Die Entscheidung über die Qualitätsrichtlinien ist abhängig von den Interessenslagen. GANGWAY e.V. berücksichtigt drei Ebenen.

Ein Kriterium für die Qualität in Bezug auf die Adressatenebene liefert der Grad der Bedürfnisbefriedigung. Auf personeller Ebene stellt die Professionalität der Straßensozialarbeiter das Qualitätskriterium dar. Die dritte Ebene bilden die Kostenträger. Unter Qualität wird dabei die möglichst effiziente Erbringung einer definierten Leistung verstanden, wobei das Leistungsniveau idealerweise gesellschaftlich ausgehandelt wird. Streetworker werden oft auch als „soziale Feuerwehr“ genutzt, d.h. sie sollen an sozialen Brennpunkten erscheinen und dort umgehend den „Brand“ (d.h. das Problem) löschen. Das ist natürlich völlig unrealistisch und kann so niemals in die Tat umgesetzt werden. Diese Ansicht wird von einigen Jugendämtern, der Polizei oder den Anwohnern vertreten (Gangway - Qualitätsentwicklung; online). Meistens sind es Anwohner, die die Polizei alarmieren, um die nach ihrer Auffassung auffällig gewordenen Jugendlichen von deren vertrauten Plätzen zu vertreiben. Während die Polizei Problemsituationen nur temporär lösen kann, steigt die Erwartungshaltung an die Streetworker um so mehr, wenn sie sich der Jugendlichen annehmen. So soll ein gesellschaftlicher Nutzen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene erkennbar sein. Vor diesem Hintergrund müssen Streetworkprojekte entsprechende Qualitätskriterien erfüllen. Diese sollten möglichst präzise beschreiben, wie anhand konkreter Ziele und Angebote, unter Berücksichtigung der verschiedenen oben genannten Interessenlagen eine Handlungsorientierung zu erfolgen hat. Die Qualität der Arbeit wird am Grad der Zielerreichung gemessen.

Die Qualitätssicherung wird über Leistungs- und Angebotsbeschreibungen, Reflexion und (Jahres-)Planung, Selbstevaluation und die Dokumentation der Arbeit verwirklicht. In Abbildung 8 werden in einem Schaubild die Querschnittsfunktionen, d.h. die Arbeitsanteile eines Streetworkerteams, die nicht zur unmittelbaren Arbeit mit Jugendlichen gezählt werden, dargestellt. Darunter fallen Tätigkeitsbereiche, wie die Öffentlichkeitsarbeit und die Organisation und Verwaltung sowie die soeben beschriebene Qualitätssicherung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Querschnittfunktionen zur Sicherung der Qualität von Streetwork Quelle: GANGWAY e.V. Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung, 2001

Die Öffentlichkeitsarbeit als ein Teilbereich der Querschnittsfunktion hat in den letzen Jahren einen besonderen Stellenwert erhalten. GANGWAY e.V. präsentiert sich über einen eigenen Webauftritt. Unter http://www.gangway.de können Interessierte sich stets über aktuelle Projekte, die verschiedenen Teams und deren Arbeitsbereiche oder rechtliche Grundlagen informieren. Für die Aktualisierung des Inhaltes der Webseiten ist nicht nur die Geschäftsleitung verantwortlich, sondern jedes Team kann in Eigenverantwortung über neue Themen berichten. Die Ergänzung aktueller Daten wird durch ein „Content Management System“ ermöglicht. Die Mitarbeiter haben dadurch die Möglichkeit, projektrelevante Daten selbständig zu aktualisieren oder zu ergänzen, auch ohne die dafür notwendigen HTML-Kenntnisse zu besitzen. Die Internet-basierte Öffentlichkeitsarbeit hat den Vorteil, dass Informationen über die Straßensozialarbeit einer breiten Mehrheit öffentlich zugänglich gemacht werden können. Die Internet-Präsentation nutzt GANGWAY e.V. zudem als Medium zur Darstellung seiner Qualitätssicherung. Dazu zählen insbesondere die Dokumentation von Fachtagungen, Projektentwicklungen, Fachartikel, (Print-)Veröffentlichungen, die Leitungs- und Angebotsbeschreibungen und die Jahresberichte der einzelnen Teams.

Die Erstellung von Jahresberichten, in denen die Projekt- und Gruppenarbeit eines Teams über ein Jahr dokumentiert wird, ist nur eine von vielen Methoden zur Qualitätssicherung der Arbeit. Eine weitere Möglichkeit ist die qualitative Analyse der verschiedenen Streetwork-spezifischen Leistungsangebote und Methoden. Zusätzlich können mit Hilfe der statistischen Datenerhebung quantitative Aspekte der Leistungs- und Tätigkeitsangebote erfasst und überprüft werden (z.B. Dokumentation der Arbeitszeiten). Die Teamreflexion ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Qualitätssicherung des freien Trägers GANGWAY e.V. (z.B. Fallbesprechung, Führen eines Teamtagebuchs).

Die bereits erwähnten Tätigkeitsbereiche werden in Abbildung 9 graphisch dargestellt. Diese Übersicht dient der Präsentation der derzeitigen prozentualen Verteilung der einzelnen Tätigkeitsbereiche eines Streetworkers. Mit 60 % umfasst der Hauptanteil der Tätigkeiten die Arbeit mit Jugendlichen. 11 % der Aktivitäten eines Streetworkers entfallen auf organisatorische und verwaltungstechnische Aufgaben. Dazu zählen Projektvorbereitungen, Telefonate oder Briefwechsel mit unterschiedlichen Ämtern bzw. Behörden und die Materialverwaltung, wie z.B. Kleintransporter, Veranstaltungstechniken oder das Zeltmaterial.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Prozentuale Verteilung der verschiedenen Tätigkeitsbereiche eines Streetworkers Quelle: GANGWAY e.V. Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung, 2001

Qualität kann nicht, wie bereits am Anfang des Kapitels beschrieben, nach einem allgemeingültigen Maßstab bemessen werden. Demzufolge verfügt jeder Straßensozialarbeiterverein über ein Standardpapier, das jedoch keine Spezifizierung von Qualitätskriterien leisten kann, sondern lediglich eine Orientierungshilfe bietet. So sind die benannten Methoden nur ein System von Bausteinen der Qualitätssicherung, die unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedingungen in den entsprechenden Projekten angewendet werden können.

5. Musik - ein Instrumentarium in der Straßensozialarbeit

Musik ist ein wichtiges Thema für Jugendliche und kommt deshalb immer häufiger auch in der Jugendsozialarbeit zum Tragen. Es geht dabei jedoch nicht um die passive, d.h. ausschließlich „rezeptive“ Nutzung von Musik, sondern um die aktive. In den letzten Jahren hat die Verwendung von Musik speziell im Bereich der Arbeit mit Jugendlichen enorm, an Popularität gewonnen. Musik als Medium in der Sozialen Arbeit zu nutzen, eröffnet eine unkonventionelle Zugangsmöglichkeit zu Jugendlichen. Vor allem zu denjenigen, die sich nicht ohne weiteres von konventionellen Angeboten Sozialer Arbeit (mehr) ansprechen lassen (vgl. Kapitel 4.2.2). Die Musik kann insofern ein Bindeglied darstellen, das vorrangig Jugendliche anspricht, ohne den „sozialen Aspekt“ in den unmittelbaren Vordergrund zu rücken. Darüber hinaus werden mehr die zeitgemäßeren jugendkulturellen Bedürfnisse angesprochen. Nachfolgend wird am Beispiel des durch das Team Marzahn-Hellersdorf initiierte Straßensozialarbeiterprojekt „SOUNDLAB-BERLIN“ dargestellt, wie Musik in der Jugendsozialarbeit, insbesondere in der Straßensozialarbeit, Anwendung finden kann. Bevor darauf näher eingegangen wird, wird der Bezirk hinsichtlich der bestehenden sozialräumlichen Problematiken beschrieben.

5.1 Mikrokosmos Marzahn-Hellersdorf

Am 1. Januar 2001 fusionierte der Bezirk Marzahn mit dem Bezirk Hellersdorf zu dem Großbezirk Marzahn-Hellersdorf. Durch die Fusionierung befindet sich im Großbezirk die größte Plattenbausiedlung der Bundesrepublik Deutschland. Einstmals geschaffen, um die Wohnungsnot in Ost-Berlin zu lindern, verfiel der ehemalige „Stolz der DDR“, der die sozialistische Lebensweise in den Plattenbauten manifestieren sollte (Häußermann 2000: 168), zum sozialen Brennpunkt. Lebten vor der deutsch-deutschen Wiedervereinigung noch Schichtarbeiter, Professoren, Verkäufer und Kombinatsdirektoren aufgrund der sozialistischen Ideologie, die von der Auflösung der Klassen und Schichten ausging (Hannemann 1996: 101), „in der Platte" Tür an Tür, so änderte sich nach der Wiedervereinung die soziale Lage innerhalb der Großraumsiedlung binnen weniger Jahre.

Anfang der 90er Jahre begannen sich mehrere Problemfelder abzuzeichnen. So verschlechterten sich die Wohnverhältnisse. Die nach dem Prinzip „besser, billig, schneller“ entstandene Großraumsiedlung zeigte große Verfallsschäden, die auf Bausubstanzen von minderer Qualität gegenüber West-Berliner Großraumsiedlungen zurückzuführen sind (Schretzenmayr - Wohnungsbau: 45; online). Bedingt durch große Entlassungswellen, die unmittelbar nach der Maueröffnung bzw. verstärkt in den ersten Treuhand-Betrieben ab 1990/91 erfolgten, begannen vor allem junge, qualifizierte Arbeitskräfte, Richtung Westen abzuwandern (Jäger - Konzentration sozialer Randgruppen; online), so dass viele Wohnungen leer standen. Es folgte eine soziale Entmischung der Bewohner durch die Abwanderung finanzkräftiger Mieterschichten einerseits und den Zuzug bzw. die Zuweisung von sozialen Randgruppen andererseits, wie etwa Sozialhilfeempfängern aus zu großen, d.h. zu teuren Wohnungen und Aussiedlern - vorwiegend aus Osteuropa.

Die steigende Arbeitslosigkeit führte in den letzten Jahren zu einer vermehrten Verarmung der Wohnbevölkerung bzw. zum sozialen Abstieg. Zu der psychischen Belastung, die durch die Arbeitslosigkeit eines Elternteils für die Familien hervorgerufen wird, kommt oft eine Ausgrenzung der Kinder in der Schule und im Freundeskreis hinzu, da sie z.B. an Freizeitaktivitäten (Kino, Disco) und Klassenfahrten nicht teilnehmen können, weil das Familieneinkommen nicht reicht. Die aus der Arbeitslosigkeit und steigenden Verarmung resultierenden Problemlagen sind (Jäger - Konzentration sozialer Randgruppen; online):

- Resignation oder Rückzug der älteren Arbeitslosen, die ihren Funktionsverlust (fehlende Arbeit, Verlust von sozialen Kontakten) nicht ausreichend verarbeiten können. Die Folgen sind vermehrter Alkoholmissbrauch oder Gewalt in der Familie.
- Jugendliche ohne Lehrstellen erwerben nach dem Schulabschluss keine marktfähige Berufsqualifikation. Bedingt durch die schlechte Wirtschaftslage, bei der die Zahl von Arbeitsplätzen sinkt, bleibt für Ungelernte oft nur die Annahme schlecht bezahlter Jobs ohne Aufstiegsperspektiven (z.B. Fast-Food-Unternehmen). Die Zahl der jugendtypischen Kriminalitätsdelikte, wie Sachbeschädigung, Autodiebstahl, Einbrüche, Bandengewalt usw. stieg in den letzten Jahren erheblich an (SLB - Gewalttaten; online) .
- Häufig neigen die „Modernisierungsverlierer“ dazu, als Lösung ihrer Probleme „Abschiebungen“ von Ausländern in ihre Heimatländer zu fordern. Der gesammelte Frust über soziale Missstände richtet sich gegen Ausländer und Asylbewerber aber auch gegen andere Randgruppen. Dabei ist es nicht notwendig, dass der Einzelne persönlich negative Erfahrungen mit Ausländern gemacht hat. Vorurteile (z.B. „Ausländer nehmen Deutschen die Arbeit weg“ (Heitmeyer 1997: 144)), führen zu einer strikten Ablehnung einer weiteren ethnischer Durchmischung in den Großsiedlungen und zur Forderung nach der Vertreibung von hier lebenden Ausländern (i.d.R. Vietnamesen als ehemalige DDR-Vertragsarbeiter) sowie in offener Gewalt gegen Ausländer.
- Die zunehmenden sozialen Unterschiede führen zu einer Differenzierung in den Lebens- und Konsumstilen. Als Folge stellt sich Neid auf den Konsum der Erfolgreichen ein, was zur Abgrenzung unter den jugendlichen Gruppierungen führt.
- Der Zuzug neuer Mietergruppen, vor allem Aussiedlern aus Osteuropa, führt zu sozialen Konflikten, die sich oft entlang einer ethnisch definierten Gruppenzugehörigkeit äußern.

Im Hinblick auf die im Kapitel 4.2.2 beschriebene Sozialraumfeldanalyse kann der Bezirk als „sozial gefährdet“ bzw. können einige Sozialräume sogar als „soziale Brennpunkte“ eingestuft werden. Ein Grund dafür ist das verstärkte Auseinanderdriften der Lebenslagen und Lebenschancen. Dies vollzieht sich nicht zuletzt auch nach dem Muster der Ghettoisierung, d.h. ganze Stadtteile driften „nach oben“ oder „nach unten“ ab. Diese Entwicklung betrifft insbesondere die Jugendlichen. Von den ca. 25300 Einwohnern im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist jeder Dritte jünger als 26 Jahre (vgl. Abbildung 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Altersaufbau in Marzahn und Hellersdorf am 31.12.02 Quelle: Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, 2002

Der durch die „Wende“ im Jahr 1989 hervorgerufene gesellschaftspolitische Umbruch verursachte vielfältige, aber auch komplizierte Wirkungen auf die Sozialisation von Jugendlichen. Viele haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass fast nirgendwo für sie Platz ist, im räumlichen, sozialen wie auch im lebensperspektivischen Sinne. Jugendarbeit, wie sie die gesellschaftlichen Organisationen in Schule und Freizeiteinrichtungen anboten, wurde seit der „Wende“ schrittweise abgebaut. Heutzutage sorgen die finanziellen Engpässe in den öffentlichen Haushalten (vgl. Kapitel 4.2.5) für weitere Schließungen von Jugendeinrichtungen. So bleiben Jugendliche häufig sich selbst bzw. dem Einfluss von Peer-Groups überlassen.

Das größte Problem im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist die seit der „Wende“ gestiegene Gewalt und Kriminalität. Besonders die fremdenfeindliche Gewalt ist ein schwerwiegendes Problem. Im Jahr 2002 sind in Berlin ca. 41 % der fremdenfeindlichen Gewalttaten in Marzahn-Hellersdorf begangen worden (Senatsverwaltung für Inneres - Verfassungsschutzbericht: 29; online). Dies ist insoweit bemerkenswert als dass in diesem Bezirk der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung deutlich geringer ist, als im Berliner Gesamtdurchschnitt. Der Ausländeranteil in Marzahn-Hellersdorf beträgt zur Zeit 3,1 %. Damit hat der Bezirk den niedrigsten Ausländeranteil aller Berliner Bezirke (SLB - Ausländeranteil Marzahn-Hellersdorf; online). Die Statistik erfasst jedoch nicht die Anzahl der Spätaussiedler und Einbürgerungen (vgl. Kapitel 4.2.2). Würde die geschätzte Zahl von ca. 46000 berücksichtigt werden, würde sich damit der Prozentsatz von 3,1 auf 21,4 % erhöhen (Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf - Demographische Daten: 13; online).

Inzwischen sind Wohnblöcke saniert, Bolz- und Spielplätze geschaffen und viele großflächige Grünanlagen angelegt worden. Aber hinter der verschönerten Fassade bleiben die sozialen Probleme bestehen. Diejenigen, die über höhere finanzielle Ressourcen verfügen sind inzwischen teilweise ins Umland gezogen, was wiederum zu einer Verschärfung des sozialen Gefälles führt und sich vor allem in den fremdenfeindlichen Gewalttaten äußert.

5.2 Das Team Marzahn-Hellersdorf

Anfang der 90er Jahre begann das Team mit seiner Arbeit im Bezirk Marzahn[41], um durch geeignete Maßnahmen, der verstärkt aufgetretenen Bandendelinquenz entgegenzuwirken.

Das Team besteht aus zwei gemischt-geschlechtlichen Kleinteams mit jeweils zwei Mitarbeitern und seit November 2003 leistet eine Praktikantin aus St. Petersburg (RUS) temporäre Unterstützung. In der Teamarbeit hat sich eine Zuordnung von Verantwortlichen zu bestimmten Jugendgruppen und zu bestimmten Projekten bewährt, wobei darauf geachtet wird, dass alle Teamkollegen mit allen Gruppen arbeiten (können) und in den Arbeitsstand der jeweiligen Projekte und Arbeitsgruppen involviert werden[42]. Das Team führt wöchentliche Sitzungen durch, deren Ergebnisse in Protokollen erfasst werden. Seit der Fusionierung der Bezirke Marzahn und Hellersdorf erhielt die bezirksübergreifende Projektarbeit einen höheren Stellenwert, d.h. der Erfahrungsaustausch mit Kollegen von verschiedenen Trägern aus Marzahn-Hellersdorf bekam eine gesonderte Bedeutung zu. So entstehen immer häufiger Projekte in Kooperation mit anderen Bezirken, die vornehmlich an den Bedürfnissen Jugendlicher orientiert sind (Gangway - Jahresbericht: 2).

Maßgeblicher Initiator von SOUNDLAB-BERLIN war Uwe Heide, der seit 1994 im Team Marzahn-Hellersdorf arbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Straßensozialarbeiter ist Uwe Heider Mitbegründer verschiedener Partyveranstalter. Er widmet sich der Produktion von elektronischer Musik und legt als DJ unter dem Namen „HeeliX“ in diversen Clubs auf (Heider - HeeliX; online).

5.3 Das Praxisfeld SOUNDLAB-BERLIN

1997 legte das Team Marzahn-Hellersdorf ein Konzept zur Gründung eines DJ-Workshops bei der Geschäftsführung von GANGWAY e.V. vor. Hintergrund war das enorme Interesse einzelner Jugendlicher aus den vom Team Marzahn-Hellersdorf betreuten Cliquen, das „DJ’ings“[43] auf der Grundlage aktueller jugendkultureller Stilrichtungen (Techno, House) zu erlernen. Ferner äußerten die Jugendlichen den Wunsch, selbständig Parties zu organisieren. Diese Motivation ergab sich aus dem Bedürfnis, Veranstaltungen, bei denen vorwiegend elektronische Musik gespielt wird, von Jugendlichen für Jugendliche zu gestalten[44].

1998 erhielt das Projekt den Namen SOUNDLAB-BERLIN. Inzwischen werden in regelmäßigen Abständen (dreimal pro Woche) öffentliche DJ-Workshops in wechselnder DJ-Besetzung ausgerichtet. Mittlerweile haben einige Mitglieder von SOUNDLAB-BERLIN sich einen Namen als eigenständiges Veranstalterteam (insbesondere von Techno- und House-Parties) in diversen Berliner Clubs gemacht. Außerdem gibt es ein Dekorations-, Einlass- und Barteam. So haben diese Jugendlichen seit der Gründung vor fünf Jahren das Management, d.h. die Planung und Organisation von Partyveranstaltungen, in Eigenverantwortung übernommen. Das Veranstalterteam legt besonderen Wert darauf, dass die Parties nicht den kommerziellen Musikgeschmack bedienen (z.B. Pop-Musik der Interpreten Janette Biedermann, Daniel Küblböck, etc.). SOUNDLAB-BERLIN zählt ca. 10 feste Mitglieder (neun Deutsche und ein Ukrainer), die zwischen 18 und 23 Jahre alt sind. Der soziale Status reicht von Schülern und Azubis bis hin zu Arbeitssuchenden. Treffpunkt für den DJ-Workshop ist das „Schalasch“[45], dessen Räume vom „Dialog e.V.“ zur Verfügung gestellt werden. Dort hat die Gruppe den „Aurora Club“ gegründet, in welchem bis Mitte 2002 wöchentlich Parties für Jugendliche veranstaltet wurden und heute noch in unregelmäßigen Abständen stattfinden. Die Parties wurden komplett aus eigener Kraft finanziert und organisiert. Der Gewinn aus den Partieveranstaltungen kam dem „Aurora Club“ zugute. Derzeit wird der „Sky Club“[46] als fester Partyveranstaltungsort genutzt, wo die DJ’s von SOUNDLAB-BERLIN professionell elektronische Musik auflegen. Der „Aurora Club“ dient hingegen z.Z. für die Durchführung der oben erwähnten DJ- Workshops.

Die Öffentlichkeitsarbeit ist ein weiterer Aspekt des Projektes SOUNDLAB-BERLIN, und wird inzwischen ebenfalls von Jugendlichen in eigener Verantwortung gepflegt, d.h. die Internet-Redaktion und Datenaktualisierung werden in gemeinsamer Arbeit von den Jugendlichen durchgeführt (www.soundlab-berlin.de).

In den folgenden Kapiteln wird die Initiation dieses Musikprojektes und die sich daraus ergebenden Handlungsoptionen für die Straßensozialarbeit sowie die Möglichkeit zu weiterführenden Entwicklungen beschrieben. Basierend auf der Idee der Schaffung eines jugendkulturellen Angebotes in Form eines DJ-Workshops ist heute, fünf Jahre später, ein eigenständiger Partyveranstalter entstanden, der inzwischen losgelöst von GANGWAY e.V. besteht.

5.3.1 Notwendige technische und personelle Voraussetzungen zur Realisierung eines DJ-Workshops

Zu den wichtigsten Vorbereitungen zählt die Auswahl einer geeigneten Räumlichkeit. Hierbei ist einerseits auf die Umgebung (Anwohner) zu achten, denn der Lautstärkepegel kann u.U. erheblich ansteigen. Für dieses besondere soziokulturelle Musikprojekt ist andererseits von entscheidender Bedeutung, das es dort stattfindet, wo sich ein Bedarf für Straßensozialarbeit zeigt. Vorrangig gilt es daher, ein solches Projekt in Stadtteilen (Sozialräumen) mit unzureichend ausgeprägter sozialer Infrastruktur zu initiieren, d.h. dort, wo es für Jugendliche nicht genügend Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt (Sportvereine, Jugendfreizeitzentren) oder der Bedarf nicht entsprechend gedeckt ist (vgl. Kapitel 5.1) und wo Jugendlichen als einzige Alternativwahl der Treffpunkt auf der Straße bleibt. Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf haben sich in den letzten Jahren die infrastrukturellen Bedingungen erheblich verbessert, d.h. vor allem Bolz- und Spielplätze sind geschaffen worden. Diese sind jedoch keine echte Alternative zu konventionellen Jugendfreizeiteinrichtungen, denn schließlich können und wollen sich Jugendliche nicht immer nur auf Spiel- oder Sportplätzen treffen[47]. Bevor SOUNDLAB-BERLIN die Räumlichkeiten des „Aurora Clubs“ im Schalasch (vgl. Kapitel 5.3) nutzen konnten, fanden die ersten DJ-Workshops (im Oktober 1997) in Ermangelung an geeigneten Räumlichkeiten, in den Büroräumen von GANGWAY e.V. statt. Dort wurde auch das notwendige Equipment für den DJ-Workshop (i.d.R. werden zwei Plattenspieler/CD-Player, ein Mischpult, ein Verstärker und Boxen benötigt[48] ) zur Verfügung gestellt.

Im Hinblick auf die personellen Anforderungen müssen die Projektverantwortlichen eine Doppelqualifikation, d.h. sozialpädagogisches und musiktechnisches Fachwissen, erbringen (Spatschek 1997: 169). In aller Regel kann davon ausgegangen werden, dass diese nicht unbedingt vorliegt. In diesem Fall wäre es also unabdingbar, ergänzende professionelle Unterstützung hinzuzuziehen. Uwe Heider verfügt aufgrund seiner Erfahrungen als DJ und als Streetworker über die notwendigen Qualifikationen (vgl. Kapitel 5.2). Demnach bestand keine Notwendigkeit zur personellen Erweitung hinsichtlich der musiktechnischen Kompetenz. Dennoch wurde ein junger DJ namens „In-exess“ auf Honorarbasis für zwei Jahre zur professionellen Unterstützung für den DJ-Workshop engagiert. Der Grund für diese Entscheidung war die Idee, ein soziokulturelles Musikprojekt zu schaffen, bei dem Musik von Jugendlichen für Jugendliche gemacht wird. So erhalten diese bei einer Anleitung durch einen kompetenten DJ ihrer Altersklasse eher das Gefühl von Authentizität und Ernsthaftigkeit eines Projektes, das an ihren jugendkulturellen Interessen ausgerichtet ist (Spatschek 1997: 169). Es geht also nicht in erster Linie um eine sozialpädagogische Maßnahme, d.h. das Erreichen bestimmter sozialpädagogischer Ziele „durch die Hintertür“, sondern vielmehr um das Aufgreifen und die Anerkennung einer rein jugendlichen Domäne. Da Musik das Thema unter Jugendlichen ist, stellt sie ein hervorragendes Medium dar, um Adressaten zu erreichen, die nicht mehr von existierenden Jugendfreizeiteinrichtungen angesprochen werden oder die sich nicht angesprochen fühlen. Mittels solcher Musikprojekte kann eine Basis für mögliche Hilfsangebote geschaffen werden. Ob und wann diese von Jugendlichen angenommen werden, entscheiden diese für sich selbst. Für sie ist zunächst nur der Spaß am „Auflegen“ vordergründig.

5.3.2 Dienstleistungsorientierung im Umgang mit Jugendkulturen

Peer-Groups und jugendkulturelle Szenen haben heutzutage als Sozialisationsinstanzen enorm an Bedeutung gewonnen (Baacke 1993: 248-250). Die Vermittlung von Orientierungen und Werten obliegt demzufolge nicht mehr nur den Sozialisationsinstanzen Familie und Schule. Auch die Soziale Arbeit hat diesbezüglich mehr und mehr an Bedeutung verloren, d.h. das historische Verständnis von Sozialarbeit als „dritte Sozialisationsinstanz“ findet heutzutage kaum noch Halt (Krafeld 1992: 94). Im Hinblick auf die Bedeutung der jugendkulturellen Szenen erhält auch das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit einen neuen Stellenwert. Die durch die gesellschaftlichen Veränderungen hervorgerufene Pluralisierung und Individualisierung von jugendlichen Lebenslagen erfordert demzufolge auch eine Neuorientierung in der Sozialarbeit. So müssen Handlungskonzepte entworfen werden, die die Jugendlichen in ihrem Individualisierungsprozess unterstützend begleiten, statt nur Orientierungen zu vermitteln (Spatschek 1997: 177). In Bezug auf die jugendkulturelle Szenearbeit (speziell in der Straßensozialarbeit) erfordert dies in erster Linie die soziale und personale Akzeptanz Jugendlicher sowie die Schaffung von Entfaltungsräumen für deren Orientierungsprozesse auf dem Weg zum Erwachsenen. Das soziokulturelle Musikprojekt SOUNDLAB-BERLIN knüpft an diesen Ansatz an, d.h. es bietet Raum für jugendkulturelle Ausdrucksmöglichkeiten (in diesem Fall auf Musik bezogen), ohne dabei primär pädagogisch zu intervenieren. Das Projekt fungiert demnach im Sinne einer Dienstleistung. Zu den Grundlagen einer dienstleistungsorientierten (Jugend)Sozialarbeit zählen (Spatschek 1997: 178):

- Orientierung an der Selbstorganisation statt Angebots- oder Trägerdefinierung
- Cliquenorientierte statt altersabhängige oder problemgruppenorientierte Arbeit
- Sozialräumliche Orientierung und weniger aktivitätenorientierte Ausrichtung
- Alltagsorientierung
- Keine einrichtungszentrierte Arbeit
- Gegenwartsorientierung
- Keine Kontinuitätserwartungshaltung

SOUNDLAB-BERLIN orientiert sich am Arbeitsprinzip „Dienstleistungsorientierung“. Im Vordergrund der Arbeit steht die Unterstützung der Interessen Jugendlicher, speziell das Interesse am gemeinsamen Musikmachen, und im Hintergrund steht die sozialpädagogische Arbeit. SOUNDLAB-BERLIN stellt Jugendlichen daher im Sinne eines Dienstleistungsunternehmens die technischen, personellen und räumlichen Ressourcen zur Verfügung, in denen sie ihre jugendkulturellen Bedürfnisse ausleben können.

5.3.3 Niederschwellige Projektarbeit

Ein wichtiges Grundprinzip bei der Konzeption von Streetworkprojekten ist die Niederschwelligkeit. Dies bedeutet, dass Angebote ohne die Erfüllung bestimmter Zulassungsvoraussetzungen wahrgenommen werden können. Darunter wird vor allem eine kostenlose Teilnahme und keine Beschränkung hinsichtlich des Alters, der schulischen Bildung, der Nationalität und des Geschlechts verstanden. Darüber hinaus umfasst der Begriff Niederschwelligkeit in der Arbeit mit jugendkulturellen Szenen die Angebotsorientierung an jugendlichen Lebenswelten. Weicht das Angebot zu weit von der Lebenswirklichkeit Jugendlicher ab, dann erhöht sich das Risiko, dass es nicht wahrgenommen wird. Daher muss die niederschwellige Projektarbeit auf die spezifischen Organisationsmuster, Lebensorientierungen, Handlungs- und Ausdrucksformen eingehen, d.h. sie muss letztlich lebensweltnah sein (Spatschek 1997: 179).

Das soziokulturelle Projekt SOUNDLAB-BERLIN arbeitet mit dem Medium Musik, welches auch den Jugendlichen vertraut ist. Somit bietet sich die Möglichkeit, Zugangsbarrieren abzubauen, denn statt ein unbekanntes Feld zu betreten, verhilft das Medium Musik zu einem sicheren, selbstbewussteren Auftreten, d.h. eventuelle Unsicherheiten können weitestgehend minimiert werden. Die Teilnehmer der Workshops kommen zudem in den Genuss, ein technisches Equipment verwenden zu können, welches sich viele sonst aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht leisten könnten[49].

Ein weiterer Vorteil bei einem solchen Projekt ist die völlige Selbstbestimmung bezüglich der inhaltlichen Gestaltung. Im Gegensatz zur Lerninstitution Schule existieren hier keine Lehr- bzw. Lernpläne. Die Teilnehmer des Workshops lernen über die Musik, sich mit Problemsituationen auseinander zusetzen, ohne dass es einer „lehrerähnlichen“ Intervention durch den betreuenden Streetworker bedarf. Im Hinblick auf die cliquenorientierte Projektarbeit bietet SOUNDLAB-BERLIN die Chance, sich gemeinsam in ein Themengebiet einzubringen, d.h. mit der Clique (oder Teilen der Clique) Musik zumachen, ohne sich dafür von der Bezugsgruppe trennen zu müssen.

5.3.4 Zielgruppe

Die Entwicklung in den Sozialräumen von Marzahn-Hellersdorf gestaltet sich recht unterschiedlich, wobei in einzelnen Sozialräumen Jugendliche mit rechten Orientierungen und Verhaltensmustern in zeitlichen Abständen verstärkt auftreten. Diese Jugendlichen fallen häufig durch gegen Ausländer oder linke Gruppierung gerichtete verbale und nonverbale Gewalt auf. Hier handelt es sich überwiegend um nicht organisierte Jugendliche, die für Straßensozialarbeiter durch kontinuierliche Beziehungsarbeit relativ einfach zu erreichen sind. In der Vergangenheit haben rechte Organisationen und Parteien immer wieder versucht, ihren Nachwuchs aus dieser Zielgruppe zu rekrutieren, was bei vielen Jugendlichen zumindest zeitweise gelang. Allerdings sind sie dann für die Angebote der Sozialarbeit nicht mehr oder nur noch schwer zugänglich. In ihr altes Umfeld zurückgekehrt, kommen für diese Jugendlichen sozialpädagogische Hilfeangebote und Unterstützung fast immer zu spät. Viele Jugendliche entwickeln auch deshalb keine langfristige Lebensplanung mehr, weil sie ihre Gesamtsituation überfordert (Berlin - Marzahn-Hellersdorf; online).

Tabelle 1a und 1b geben einen Überblick über die soziodemographischen Daten der vom Team Marzahn-Hellersdorf betreuten Jugendlichen im Jahr 2001. Überwiegend männliche Jugendliche (75 %) stehen im regelmäßigen Kontakt zu den Straßensozialarbeitern. Anhand der Tabelle 1a ist deutlich zu erkennen, dass keiner der 16- bis 27-jährigen über die höhere Schulausbildung verfügt. 47 % besuchen die Hauptschule, 3 % die Sonderschule und 5 % besitzen keinen Schulabschluss (vgl. Tabelle 1a). Die finanzielle Situation der betreuten Jugendlichen ist eher als schwach einzustufen. Nur 5 % sind in der Lage, sich selbst zu versorgen. Die Mehrheit (75 %) ist finanziell von den Eltern abhängig, was einerseits durch das Besuchen der Schule und andererseits durch mangelnde berufliche Stellungen zu erklären ist. 99 % der Jugendlichen sind Deutsche, wobei 10 % als Aussiedler vorwiegend aus Osteuropa stammende (vgl. Tabelle 1b).

Tabelle 1: Statistische Beschreibung der betreuten Jugendlichen (Schätzwerte) (Quelle: GANGWAY.eV. Jahresbericht Team Marzahn/Hellersdorf 2001)

1a)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1b)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1997 startete im Oktober die erste Workshopgruppe mit acht Teilnehmern unter-schiedlicher Herkunft, Altersklassen und unterschiedlichem sozialen Status. Einige Jugendliche konnten bereits auf erste praktische Kenntnisse im DJ’ing zurückblicken, aber für die Mehrheit stellte dieser Workshop ein neues Themenfeld dar. Trotz der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen bildeten die Teilnehmer des Workshop in kurzer Zeit eine Einheit, die über das Medium Musik zusammengehalten wurde. Die Anzahl der Workshopgruppen ergibt sich aus der Nachfrage seitens der Jugendlichen. Spätaussiedler aus Osteuropa, die sich zudem sich nur sehr schwer über die Sozialarbeit erreichen lassen, sowie Jugendliche, aufgewachsen in Marzahn, trafen in den Workshops aufeinander und konnten nun gemeinsam über das Medium Musik kommunizierten. Der Dialog untereinander, ohne Berücksichtigung von ethnischer und sozialer Zugehörigkeit wurde möglich, ein Phänomen, was auf der „Straße“ vorher undenkbar war (Gangway - Konzept !respect!; online). Welche weiteren Lerneffekte sich aus der Durchführung von soziokulturellen Musikprojekten für Jugendliche ergeben können, soll im Folgenden beschrieben werden.

5.3.5 Die sozialen, kognitiven und beruflichen Lerneffekte

SOUNDLAB-BERLIN ist ein Projekt zur Realisierung von bedürfnisorientierter Jugendarbeit. Bei der konzeptionellen Planung des Musikprojektes stand von Anfang an die sozialpädagogische Intervention durch den Streetworker im Hintergrund. In erster Linie richtet sich das Projekt an die Bedürfnisbefriedigung jugendkultureller Interessen. Dennoch lassen sich darüber hinaus auch Ziele ableiten, die sich besonders auf die sozialen, kognitiven und beruflichen Kompetenzen auswirken können. Insbesondere gilt es, die individuellen Fähigkeiten und die Kreativität zu fördern. Diese werden gerade heutzutage im täglichen Kampf mit den Alltagsproblemen unterdrückt, vernachlässigt und nicht ausreichend gefördert. Durch fehlende Räume zur freien Entfaltung sowie den Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten werden Jugendlichen oftmals im Vorfeld die Türen zu den Freizeitaktivitäten verschlossen. Daher wissen nur wenige um die eigenen Potentiale. SOUNDLAB-BERLIN versucht daher in Zusammenarbeit mit Jugendlichen deren Kreativitätspotential zu erkennen und zu fördern. Darüber hinaus können aber weitere Handlungskompetenzen gefördert werden, über die der Einzelne bereits verfügt oder die er erlernen kann. Obwohl vielen Jugendlichen der tägliche Umgang mit der Bezugsgruppe vertraut ist, mangelt es oft an der praktischen Umsetzung, wenn es z.B. um die Teamarbeit geht. Verantwortung zu übernehmen oder sich auch anzupassen, sind innerhalb der Peer-Groups längst vertraute Strukturen. Wenn nun aufgrund geänderter Zuständigkeiten derjenige, der sich bis dahin nur anpassen musste, nun selbst Verantwortung übernehmen soll, erfordert dieser Umstand ein massives Umdenken und vor allem Toleranz und Akzeptanz, die nicht unbedingt jedem geläufig sind. Grundsätzlich sollte auf beiden Seiten versucht werden, einem gleichberechtigten Prinzip zu folgen. Im Team ist der Einzelne aufgefordert, sich mit den Meinungen und Einstellungen der anderen auseinander zu setzen und diese auch ernst zu nehmen. Bei einem gemeinsamen Interessensgebiet (hier Musik und Kreativität) kann die Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe einfacher sein als im Fall einer rein persönlichen Angelegenheit (Freundschaft, Liebe, Familie, etc.), bei der auch immer Emotionen freigesetzt werden (Streit, körperliche Auseinandersetzungen, Weglaufen von zu Hause). Durch Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme kann so eher ein kooperatives Ergebnis erreicht werden. Das gilt besonders bei möglicherweise bestehenden unterschiedlichen Leistungsständen hinsichtlich des individuellen Talents oder des Vorwissens. Nicht selten entstehen dadurch Vorurteile, dass die Fähigkeiten Einzelner manchmal als „Angeberei“ bei den weniger Talentierten verstanden werden. Daher ist es wichtig, dass jeder den Einsatz, den ein Einzelner für die Gruppe bringt, anerkennt und würdigt. Die Fähigkeit zur Ausübung und Annahme von Kritik ist ein äußerst sensibler Punkt, besonders bei Jugendlichen, die jede Form von Kritik als einen persönlichen Angriff deuten. Meist aus jahrelanger Erfahrung kennen viele Jugendliche Kritik nur als Ausdruck der Ablehnung der eigenen Fähigkeiten. Das Erlernen des Unterschiedes zwischen persönlicher und sachbezogener Kritik hilft Jugendlichen im Alltag, Konfliktsituationen eher zu meistern. Vor allem müssen Jugendliche dabei lernen, gemeinsam oder allein innerhalb eines gewissen Handlungsspielraums zu agieren, ohne dabei die Rechte anderer zu verletzen. Diesbezüglich bietet der Workshop ein gutes Experimentierfeld (Gangway - Konzept für !respect!; online).

Die wohl wichtigste soziale Kompetenz ist die Übernahme von Verantwortung. Auf dem Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenenstatus leben Jugendliche mit der Wahl und dem Zwang zur fortlaufenden Neuorientierung und Entscheidungsfindung zur Gestaltung der eigenen Biographie. Daher ist es wichtig, dass sie die weitreichende Dimension des Prinzips der Verantwortungsübernahme verstehen lernen. Dabei müssen sie lernen, diese aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gruppe zu übernehmen.

Zu den kognitiven Lerneffekten können all diejenigen gezählt werden, die die Wahrnehmung, das Gedächtnis und das Denken schulen. Es ist klar, dass SOUNDLAB-BERLIN sich nicht als Ausbildungsinstitution für professionelle Fachkräfte versteht. Dennoch können bestimmte Grundlagen im Hinblick auf Rhythmusgefühl und vor allem, da die DJ-Workshopgruppen im Wesentlichen mit digitalem Equipment arbeiten, die Nutzung der technischen Mittel erlernt werden. Hier geht es in erster Linie um die Verkabelung der einzelnen Geräte und die Nutzung des Mischpultes und Verstärkers. Es hat sich in den letzten Jahren eine Renaissance der DJ-Kultur entwickelt. Aus dem Auflegen von Schallplatten ist eine eigenständige musikalische Kunstform entstanden, die weit davon entfernt ist, sich nur mit der reinen Wiedergabe von Musik zu beschäftigen. Den DJ’s geht es vielmehr um eine Erweiterung und somit um eine kreative Nutzung des Mediums Plattenspieler quasi als Instrument. Darüber hinaus lernen Jugendliche den Umgang mit dem Computer, d.h. insbesondere dessen Einsatzmöglichkeiten bei der Erstellung von Internetpräsentationen. Da sich SOUNDLAB-BERLIN inzwischen als unabhängiger Partyveranstalter mit einer festen Anzahl von DJ’s versteht, gehört die Öffentlichkeitsarbeit, speziell die eigene Werbung im Internet, zu einem wichtigen Themengebiet. Einige Jugendliche haben diesbezüglich den Aufbau einer Internetpräsentation sowie die Aktualisierung der Daten eigenverantwortlich übernommen. Durch die so erworbenen Computerkenntnisse kann sich ein Interesse an der Informationstechnologie entwickeln, was sich auf den Prozess der Berufsfindung positiv auswirken kann. Durch das Projekt SOUNDLAB-BERLIN eröffnen sich somit u.U. einerseits die Chance auf eine Karriere als DJ oder andererseits eine verbesserte Einstiegsmöglichkeit in die zukunftsorientierten Berufsfelder der Informationstechnologie.

5.3.6 Projektübergreifende Arbeit

SOUNDLAB-BERLIN hat sich in den letzten fünf Jahren als Partyveranstalter etabliert[50]. GANGWAY e.V. unterstütze von 1997-2000 das Projekt

- personell über das Team Marzahn-Hellersdorf,
- finanziell, z.B. durch die Vorfinanzierung der Raummiete, Versicherungen oder Partyflyer etc. und
- materiell, z.B. durch die Bereitstellung des DJ-Equipments oder eines Kleintransporters, mit dem das Equipment transportiert werden kann.

Im Herbst 2000 wurde der Kauf einer eigenen Veranstaltungstechnik möglich, da die „Bürgerstiftung Berlin“ als Sponsor gefunden wurde (Bürgerstiftung - Sponsor; online). Durch diesen Sponsor sowie zusätzliche Einnahmen aus den verschiedenen Partyveranstaltungen im „Aurora Club“ (vgl. Kapitel 5.3.) wurde SOUNDLAB-BERLIN schließlich im Jahr 2001 finanziell autark von GANGWAY e.V. Seitdem das Veranstalter-, Einlass-, Bar- und Dekorationsteam 2001 das Management größtenteils eigenverantwortlich übernommen hat, entfällt auch die personelle Betreuung durch GANGWAY e.V. Uwe Heider, der selbst als DJ und Organisator zur Crew von SOUNDLAB-BERLIN gehört, arbeitet dort nicht mehr in erster Linie als Streetworker. Eine Kooperation mit bzw. Betreuung durch GANGWAY e.V. von ihm ihn existiert nur noch sporadisch und wird insbesondere dann aktuell, wenn nationale bzw. internationale Großprojekte (z.B. Jugendaustausch) geplant sind, die im unmittelbaren Zusammenhang mit der Straßensozialarbeit stehen. Im Folgenden sollen die wichtigsten Stationen von SOUNDLAB-BERLIN beschrieben werden, die zeigen, welche unterschiedlichen Formen der jugendkulturellen Arbeit von Jugendlichen für Jugendliche realisiert worden sind.

Ein Projekt, das sowohl das Medium Musik als auch das Medium Internet verband, war das „Flatnetradio“, das wöchentlich freitags von 17 bis 23.00 Uhr eine DJ-Radiosendung live über das Internet sendete. Junge Nachwuchstalente konnten so bspw. über das Medium Internet ihre Musik einem breiten Publikum weltweit bekannt machen. Neben der Musik präsentiert SOUNDLAB-BERLIN interaktive Klanginstallationen. Die Jugendlichen produzieren unter der Verwendung von verschiedenfarbigen Scheinwerfern in Begleitung mit elektronischer Musik Effekte, die im Vorprogramm des Musicals „Engel wie wir“ im BKA-Luftschloss zur Schau gestellt wurden. Dieses Musical, das von GANGWAY e.V. finanziert und von Tanja Ries und Ben Becker gefördert wurde, ist von Jugendlichen für Jugendliche entstanden.

Das Team Marzahn-Hellersdorf zählt, wie bereits erwähnt, die jungen russischen Spätaussiedler zu der zubetreuenen Zielgruppe. Den Problemen, bspw. Fremdenfeindlichkeit zwischen einheimischen Jugendlichen und jungen Spätaussiedlern, die zudem oftmals nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen, versuchte SOUNDLAB-BERLIN, durch ein besonderes Jugendaustauschprogramm entgegenzuwirken. Über das „Schalasch“ (vgl. Kapitel 5.3) erhielt SOUNDLAB-BERLIN Kontakt zu dem russischen Psychologen Alexander Fajn. Dieser leitet in St. Petersburg das Institut „Podrostka“[51]. In Kooperation mit GANGWAY e.V. wurde ein Jugendaustauschprogramm entworfen, das mit folgenden Zielen verbunden ist (Gangway - Konzept !respect!; online):

- Aufzeigen von Strategien für Konfliktlösungen
- Verständnis für fremde Kulturen im eigenen Land wie auch im Ausland entwickeln
- Toleranz und Fairness im Umgang miteinander durch die gemeinsame Gruppenarbeit

Ein solches Austauschprogramm sollte Erfahrungsbereicherung führen, die sich dann letzten Endes positiv auf das Zusammenleben von Aussiedlern und Deutschen in Marzahn auswirkt. Aufgrund eines Fördermittelantrages erhielt SOUNDLAB-BERLIN 2001 von „respectABel“[52] die notwendigen Gelder für eine 8-tägige Reise nach St Petersburg (RUS), um vor Ort das Streetwork- Partnerprojekt „Geroi“ am Institut „Podrostka“ zu besichtigen (Gangway - Geroi; online). Gerade in Bezug auf das gegenseitige Verständnis und die gemeinsame Lebensgestaltung im Bezirk sollten die Grenzen der Toleranz und Akzeptanz mit dieser Reise neu definiert werden. Ebenso galt es, den Erlebnishorizont zu erweitern und Jugendliche mit unterschiedlichen Lebensstilen zusammenzuführen, um ein gemeinsames Musikprojekt in Form einer eigenen Musik-CD zu verwirklichen. Während des achttägigen Aufenthaltes waren für die 14-köpfige Crew von SOUNDLAB-BERLIN sowohl Begegnungen mit den Betreuern des Projektes „Geroi“ als auch Stadtführungen durch St. Petersburg vorgesehen. Die Besucher bekamen somit auch die katastrophale Situation der Straßenkinder zu Gesicht. Enorme Probleme, wie Kinderprostitution, „Klebstoffschnüffeln“ und fehlende Betreuung durch soziale Einrichtungen hinterließen bei den Besuchern aus Deutschland einen nachhaltigen Eindruck. Im Vergleich zur Situation der russischen Straßenkinder, wovon einige z.B. in der Kanalisation von St. Petersburg leben müssen, verloren die eigenen Probleme in Berlin erheblich an Bedeutung (Gangway - Mobile Schule; online).

Das direkte Zusammentreffen Jugendlicher aus Berlin und St. Petersburg fand über das Medium Musik statt. Die letzten Sprachbarrieren verschwanden als die Crew von SOUNDLAB-BERLIN einen DJ-Workshop sowohl für junge russische DJ’s aus St. Petersburg als auch für interessierte Jugendliche ohne Vorkenntnisse veranstaltete. Ziel war es, neben dem Erlernen der Technik des Plattenauflegens eine gemeinsame Mix-CD zu produzieren, über deren Verkauf Gelder für das Projekt „Geroi“ gesammelt werden können. Im Beisein der Straßenkinder des Projektes „Geroi“ verbrachten die Jugendlichen einen Nachmittag hinter den Plattenspielern, während die Vorbereitungen für eine Party im angesagten Petersburger „MAMA Club“ liefen. Der Auftritt der DJ’s von SOUNDLAB-BERLIN stellte den Höhepunkt der Reise dar. Die über Werbeplakate angekündigte Party wurde zum Riesenerfolg. Ein sonst eher schwer zu begeisterndes Publikum feierte zu den elektronischen Klängen und bestürmte im Anschluss die DJ’s mit der Bitte um ein Autogramm (Gangway - Party im Mama-Club; online). Das Konzert wurde im Internet live über „Flatnetradio“ übertragen (vgl. oben), und ein von den Jugendlichen geführtes Online-Tagebuch informierte die in Berlin gebliebenen Jugendlichen über die Erfahrungen und Eindrücke in St. Petersburg.

Beeindruckt von den Impressionen in St. Petersburg, beschloss die SOUNDLAB-Crew in Berlin angekommen, die Initiative „Junge Berliner helfen Petersburger Kids“ zu gründen. Durch Benefizveranstaltungen in Kooperation mit GANGWAY e.V., Spendenaufrufe an Marzahner Schulen und im Internet wurde Geld zur Unterstützung des Projektes „Geroi“ gesammelt. Der Erfolg der Bemühungen durch die Berliner Crew zeigte sich im Juni 2002, als deren Wunsch in Erfüllung ging und acht junge Leute aus St. Petersburg (4 Kinder, 2 DJ’s und 2 Streetworker) zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kommen konnten. In einer gemeinsamen Aktion beteiligten sich DJ’s aus St. Petersburg und Berlin an der Ausrichtung eines Umzugswagens auf dem „Karneval der Kulturen“ in Berlin.

6. Fazit

Die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte führten zu einem Wandel der Bedeutung von traditionellen Sozialisationsinstanzen, wie Familie oder Schule. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und steigendem sozialen Gefälle bleibt die Betreuung durch das elterliche Haus vermehrt außen vor. Der Druck und die Angst, den noch sicheren Arbeitsplatz zu verlieren, erfordern heutzutage einen höheren beruflichen Zeitaufwand, der nur noch wenig Spielraum für Erziehungsfragen und elterliche Fürsorge lässt. Gleichzeitig führen die steigenden finanziellen Engpässe der öffentlichen Haushalte in Berlin zu erheblichen Kürzungen innerhalb der öffentlichen Betreuungskapazitäten. Zum einen werden an den Schulen die Lehrkräfte „wegrationalisiert“, wodurch der Klassenverband häufig auf eine nicht mehr ausreichend zu betreuende Größe wächst. Zum anderen müssen zunehmend Jugendfreizeiteinrichtungen aufgrund der Berliner Sparpolitik schließen, andere Jugendfreizeiteinrichtungen können in Ermangelung an ausreichenden Betreuerkapazitäten nur eine verminderte Anzahl an Jugendlichen betreuen. Demzufolge entfallen für Jugendliche im zunehmenden Maß die sozialen Einrichtungen, weshalb sie häufiger sich selbst bzw. dem Einfluss von Peer-Groups überlassen werden. Die Veränderung der Bedeutung der Familienkonstellationen, die sich verhärtenden Arbeitsbedingungen, die weniger Raum für die Familie lassen, aber auch die Freizeitgesellschaft mit ihren unzähligen Optionen, die nur bei ausreichender Zahlungsfähigkeit genutzt werden können, führen verstärkt bei Jugendlichen und Heranwachsenden zu mangelndem Selbstvertrauen oder sogar genereller Perspektivlosigkeit. Vielerorts entsteht ein soziales Klima, das sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung und Lernchancen von Jugendlichen auswirkt: Einerseits fühlen sich Jugendliche auf Grund der gestiegenen Konkurrenz um Ausbildungsplätze häufig unter Druck gesetzt, andererseits fehlen ihnen realitätsbezogene Lebens- und Berufsorientierungen. Durch die steigende Armut nimmt die psychische Belastung bei Jugendlichen zu, d.h. Jugendliche werden immer häufiger zu Opfern der anhaltenden Wirtschaftskrise.

Noch vor der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse hieß es im 11. Kinder- und Jugendbericht, basierend auf einer international vergleichenden Studie, dass die Ursachen für die Leistungsprobleme der deutschen Jugendlichen in den Lebenswelten der Jugendlichen, d.h. in ihren Familien und Freundes- und Beziehungskreisen, läge. Demzufolge sei es notwendig, die Familien- und Jugendpolitik als Bildungspolitik zu begreifen und mehr Zeit für Bildung - nicht im Sinne einer Verlängerung der Schulzeiten, sondern im Sinne einer Förderung und Anerkennung der außerschulisch erworbenen Kompetenzen - zu investieren. In Deutschland ergaben Schätzwerte für das Jahr 2001, dass 15 % der Jugendlichen die Schule schwänzten, rund 25 % mussten mindestes einmal eine Klassenstufe wiederholen, rund 20 % der Schüler hatten keinen Hauptschulabschluss, und rund 10 % der Jugendlichen waren bereits arbeitslos. Angesichts dieser Zahlen, so die einhellige Meinung der Experten, bestünde dringender Handlungsbedarf (Richter: 3; online).

Berlin, die bevölkerungsreichste Stadt, weist seit Jahren die höchste Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate auf, besonders in Großraumsiedlungen, die einst geschaffen wurden, um der damaligen Wohnungsnot entgegenzuwirken. Speziell in der größten deutschen Großraumsiedlung Marzahn-Hellersdorf leben immer mehr Familien mit unterschiedlichsten Problemlagen, denen letzten Endes keine ausreichende soziale Infrastruktur zur Verfügung steht. Durch eine steigende Ghettoisierung entwickelte sich der Bezirk zum sozialen Brennpunkt. Die Unzufriedenheit insbesondere der dort lebenden Jugendlichen äußerte sich verstärkt in Bandendelinquenz mit rechtsradikalen Tendenzen, die vorrangig gegen Spätaussiedler aus Osteuropa oder Migranten anderer Nationalitäten hervorbrachen.

Die Behörden, d.h. die Polizei sowie die Jugendämter, die sich mit dem gewachsenen Problem überfordert sahen, wendeten sich an den Streetworkerverein GANGWAY e.V. Dieser zeichnet sich, durch die Betreuung jugendlicher Gruppierungen, die nicht mehr von anderen bestehenden sozialen Einrichtungen erreicht werden, aus. Insbesondere berücksichtigen die Streetworker von GANGWAY e.V. die jugendkulturellen Bedürfnisse und versuchen, mit den Cliquen, die die „Straße“ als ihre zweite Heimat betrachten, gemeinsam wieder positive Lebensbedingungen zu schaffen. Das Erkennen und Aufnehmen von jugendkulturellen Interessen sowie die Akzeptanz von jugendlichen Lebensstilen zeigt sich vor allem in den soziokulturellen Projekten von GANGWAY e.V., die die unterschiedlichsten jugendspezifischen Interessenlagen abdecken. Am Beispiel des beschriebenen Praxisfeldes SOUNDLAB-BERLIN wurde erklärt, inwieweit Musik, die zum wichtigsten Identifikationsmittel Jugendlicher zählt, genutzt werden kann, um Jugendliche zu erreichen. Uwe Heider, der Initiator von SOUNDLAB-BERLIN, bestätigte in einem Fachgespräch, dass die Streetworker überzeugt waren, eine positive Resonanz von Jugendlichen zu erhalten, wenn Musik und Streetwork zu einem Projekt vereint würden. Doch womit niemand so wirklich gerechnet hatte, war das außerordentliche Engagement der Jugendlichen. Dank ihres Einsatzes und Interesses konnte sich aus einem DJ-Workshop ein eigener Partyveranstalter etablieren, der inzwischen finanziell unabhängig von GANGWAY e.V. ist. Insbesondere beeindruckte das gesteigerte soziale Engagement der Jugendlichen, welches sich nach den über das Jugendaustauschprogramm in St. Petersburg gewonnenen Erfahrungen in Form einer spontanen Hilfsaktion äußerte. Die Jugendlichen sammelten eigenständig Gelder und Sachmittel, die sie dann Weihnachten 2001 den Straßenkindern des Partnerprojektes „Podrostka“ zukommen ließen. Die Jugendlichen von SOUNDLAB-BERLIN zeigten mit dieser Aktion ein gesteigertes soziales Bewusstsein, das zudem auf eine erhöhte Toleranz- und Akzeptanzschwelle gegenüber anderen Kulturen schließen lässt. Aber auch im Umgang mit den Gruppenmitgliedern bewiesen die Jugendlichen, dass sich durch die gemeinsame Arbeit viel erreichen lässt. Die Entwicklung von gegenseitiger Rücksichtnahme und Teamarbeit führten zu dem Erfolg, dass sich SOUNDLAB-BERLIN inzwischen einen Namen unter den Partyveranstaltern gemacht hat. Am 5. November 2003 feierte SOUNDLAB-BERLIN mit rund 300 Jugendlichen sein 5-jähriges Bestehen im „Sky-Club“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Akzeptanz von Jugendkulturen und vor allem die Nutzung von jugendspezifischen Interessenlagen Voraussetzung ist, wenn versucht werden soll, an Jugendliche heranzutreten. Musik ist dabei nur ein Element, das gern von Jugendlichen angenommen wird. So angesprochen können die Jugendlichen Selbstvertrauen in die persönlichen Fähigkeiten entwickeln, eigene Potentiale entdecken, soziales Verständnis für die eigene und fremde Kultur entwickeln und vor allem lernen, Verantwortung zu übernehmen. Besonders im Hinblick auf den „bi-kulturellen“ (russische Spätaussiedler/einheimische Deutsche) Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist eine weitere Aufgabe für die Straßensozialarbeit, die in diesem Bezirk ansässigen jugendlichen Russlanddeutschen anzusprechen, die noch seltener als deutsche Jugendliche, Jugendeinrichtungen in Anspruch nehmen. Mittels des soziokulturellen Projektes SOUNDLAB-BERLIN ist es gelungen, auch Problemgruppen für diese Arbeit zu interessieren. Da junge Spätaussiedler besonders an elektronischer Musik interessiert sind, ist der Zugang entsprechend leichter, als über den Versuch der Kontaktaufnahme auf der Straße.

Im Kontext von Streetwork kann diese Form der Jugendarbeit als Ergänzung und Erweiterung der stadtteilorientierten Angebotspalette verstanden werden. Das Aufgreifen einer jugendlichen Domäne in der Sozialarbeit erlaubt einen leichteren Zugang zu jugendlichen Gruppierungen und leistet zudem Unterstützung bei der Bewältigung der Aufgaben, die Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenenstatus zu erfüllen haben.

Music makes the people come together -

Music mix the bourgeoisie and the rebel“[53] Madonna (2000)

7. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kennzeichen der Risikogesellschaft

Abbildung 2: Zunahme der rechtsextremen Gewalttaten von 1986-1999

Abbildung 3: Bedeutung verschiedener Orte der Freizeitgestaltung

Abbildung 4: Rangliste der tatsächlich ausgeübten Freizeitaktivitäten Jugendlicher im Bezirk Friedrichshain

Abbildung 5: Nationalitätenanteil in Berlin - gegliedert nach Bezirken

Abbildung 6: Infrastrukturelle Tätigkeiten

Abbildung 7: Unmittelbare personenbezogene soziale Angebote von GANGWAY e.V

Abbildung 8: Querschnittfunktionen zur Sicherung der Qualität von Streetwork

Abbildung 9: Prozentuale Verteilung der verschiedenen Tätigkeitsbereiche eines Streetworkers.

Abbildung 10: Altersaufbau in Marzahn und Hellersdorf am 31.12.02.

8. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1:

Statistische Beschreibung der betreuten Jugendlichen (Schätzwerte)

9. Literaturverzeichnis

-Baacke, Dieter (1993). Jugend und Jugendkulturen Darstellung und Deutung. Weinheim und München: Juventa.
- Baacke, Dieter (1997). Neue Ströme in der Weltwahrnehmung und kulturelle Ordnung. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch Jugend und Musik. Opladen: Leske + Budrich.
- Bauß, Gerhard (1977). Die Studentenbewegung der sechziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland und in Westberlin. Köln: Pahl Rugenstein.
- Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
- Berger, Peter L. et al (1975). Das Unbehangen in der Modernität. Frankfurt: Reihe Campus.
- Berndt, Elvira (2002). Über die Ambivalenz des Verhältnisses von Jugendsozialarbeit und Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII am Beispiel von Straßensozialarbeit und Sozialer Gruppenarbeit. Diplomarbeit. Technische Universität Berlin.
- Borowsky, Peter (1983). Deutschland 1963-1969. Edition Zeitgeschehen. Hannover: Fackelträger.
- Der Brockhaus in einem Band 5. Auflage (1993). Leipzig: Brockhaus.
- Meierhof, Hans (1990). Überlegungen zur Neuorientierung der politischen Jugendbildung in der Jugendarbeit. Jugendhilfe, 28(7/8).
- Fachlexikon der Sozialen Arbeit (2002). (Hrsg.) Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. Frankfurt am Main: Eigenverlag.
- Farin, Klaus (2001). Generation kick.de. Jugendsubkulturen heute. München: C.H. Beck.
- Ferchhoff, Wilfried (1999). Jugend an der Wende vom 20. zum 21.Jahrhundert. Opladen: Leske + Budrich.
- Ferchhoff, Wilfried (1997). Musik und Jugendkulturen in den 50er und 60er Jahren. Vom Rock’n’Roll der „Halbstarken“ über den Beat zum Rock und Pop. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch Jugend und Musik. Opladen: Leske + Budrich.
- Friedl, Therese (2001). Lebensbedingungen Jugendlicher in Ländlichen Regionen. Eine Untersuchung von Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren im steirischen Bezirk Feldbach. Inauguraldissertation, Karl-Franzens-Universität. Graz.
- Fülbier, Peter et al (2001). Klarheit in der Vielfalt. In: P. Fülbier/ R. Münchmeier (Hrsg.), Handbuch Jugendsozialarbeit. Geschichte, Grundlagen, Konzepte, Handlungsfelder, Organisation. Band 1, Münster: Votum.
- GANGWAY e.V. Straßensozialarbeit in Berlin (2001). Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung. Berlin.
- Hannemann, Christine (1996). Die Platte. Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg.
- Hartwig, H. (zitiert Gustav Wyneken von 1920) (1980). Jugendkultur. Ästhetische Praxis in der Pubertät. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch.
- Häußermann, Hartmut (2000). Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Weinheim und München: Juventa.
- Heitmeyer, Wilhelm (1993). Jugend und Rechtsextremismus. Von ökonomisch-sozialen Alltagserfahrungen zur rechtsextremistischen Gewalt-Eskalation. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Argumente gegen den Hass. Band II: Textsammlungen. Bonn: Eigenverlag.
- Jerrentrup, Ansgar (1997). Populärmusik als Ausdrucksmittel Jugendlicher. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch Jugend und Musik. Opladen: Leske + Budrich.
- Keppler, Siegfried (1997). Die Bedeutung von Cliquen im Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. In: LAG (Hrsg.), Praxishandbuch Mobile Jugendarbeit. Berlin: Hermann Luchterhand.
- Kingir, Mustafa (2002). Die Goa-Szene: Eine Form posttraditioneller Vergemeinschaftung. In: Archiv der Jugendkulturen e.V. (Hrsg.), Journal der Jugendkulturen, 06/Januar, Bad Tölz: Thomas Tilsner.
- Kommer, Sven (1997). Musik in der Jugendbewegung. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch Jugend und Musik. Leske + Budrich: Opladen.
- Krafeld, Franz Josef (1992). Cliquenorientierte Jugendarbeit: Grundlagen und Handlungsansätze. Weinheim/München: Juventa.
- Krause, Fred (1992). Streetwork in Cliquen, Szenen und Jugend(sub)kulturen. In: Jugendhilfe 30(3), Berlin: Hermann Luchterhand.
- Nolteernsting, Elke (1997). Die neue Musikszene: Von Techno bis Crossover. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch Jugend und Musik. Opladen: Leske + Budrich.
- Oelschlägel, Dieter (1989). Von der Straße in den Club. In: Streetcorner - Zeitschrift für aufsuchende Soziale Arbeit 1/89.
- Reimer, Uwe (1993). Die Sechziger Jahre - Deutschland zwischen Protest und Erstarrung (1962- 1972). Frankfurt am Main: Moritz Diesterweg.
- Schmolke, Rüdiger (2000). Bedingungen für eine innovative regionale Drogenpolitik in Deutschland. Eine Policy-Netzwerkanalyse der Partydrogenpolitik in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin. Magisterarbeit (MA), Universität Hamburg.
- Schwendter, Rolf (1993). Theorie der Subkultur. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.
- Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie (Hrsg.) (1990). Konzept für die Einrichtung eines Programms „Aufsuchende Jugendsozialarbeit (Straßensozialarbeit)“. Rundbrief 1/91, Berlin.
- Spatschek, Christian et al. (1997). happy nation?!? Jugendkulturen und Jugendarbeit in den 90er Jahren. Münster: LIT.
- Specht, Wolfgang (1989). Streetwork in den USA im Widerstreit der Konzepte. In: W. Steffan (Hrsg.), Straßensozialarbeit. Eine Methode für heiße Praxisfelder. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
- Sprengler, Peter (1985). Rockmusik und Jugend- Bedeutung und Funktion einer Musikkultur für die Identitätssuche im Jugendalter. Frankfurt am Main: Extrabuch.
- Vollbrecht, Ralf (1995). Die Bedeutung von Stil. Jugendkulturen und Jugendszenen im Licht der neuen Lebensstildiskussion. In: W. Ferchhof (Hrsg.), Jugendkulturen - Faszination und Ambivalenz. Einblicke in jugendliche Lebenswelten. Weinheim und München: Juventa.
- Vollbrecht, Ralf (1997). Von Subkulturen zu Lebensstilen. Jugendkulturen im Wandel. In: SpoKK (Hrsg.), Kursbuch Jugendkultur: Stile, Szenen und Identitäten vor der Jahrtausendwende. Mannheim: Bollmann.

Internet-Quellen

- Arbeitskreis Berliner Streetworkerinnen und Streetworker (ABS) Vorbemerkungen zur Veröffentlichung der statistischen Erhebung. "Bestandsaufnahme der Straßensozialarbeit in Berlin". http://jugendserver.spinnenwerk.de/~lagmobilestrasse/4vorbem.htm, 10.08.2000
- Berliner Haushalt ABC. http://www.pds-prenzlberg.de/extra/2003pdf/03okt.pdf; 03.10.2003
- Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin Übersicht zur demographischen Situation Marzahn-Hellersdorf. http://www.berlin.de/imperia/md/content/bamarzahnhellersdorf/ba-beschlsse/60-70sitz/77.pdf, 22.11.2002
- Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit (BAG) Fachliche Standards. http://www.fh-potsdam.de/~Sozwes/projekte/steffan/archiv_allgemein/bag_standards98.pdf, 12.10.1998
- Bundesfinanzministerium (BMF) Verschuldung der Länder 1990-2000. http://www.bundesfinanzministerium.de/Anlage10153/Tabellen-und-Uebersichten-Bundeshaushalt-2002-Stand-November-2001.pdf, 12.12.2001
- Bürgerstiftung Berlin Sponsor. http://www.buergerstiftung-berlin.de/pdf/Newsletter/Newsletter2003-03.pdf, 05.03.2003
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin 10 Jahre Straßensozialarbeit in Berlin. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=&cat2id=&cat3id=&DocID=332&client=gangway, 28.03.2001
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Das Projekt GEROI. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=20&cat2id=46&cat3id=36&DocID=588&client=gangway, 01.11.2001
-
Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Gangs und Cliquen im Westen von Berlin. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=1&cat2id=2&cat3id=&DocID=119&client=gangway, 22.03.2003
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Jahresbericht 2000 http://www.gangway.de/pdf/jb00mar.pdf, 02.03.2001
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Konzept für !respect! http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=&cat2id=&cat3id=&DocID=541&client=gangway, 26.10.2001
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Mobile Schule für Straßenkinder. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=&cat2id=&cat3id=&DocID=587&client=gangway, 01.11.2001
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Party im MAMA-Club. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=20&cat2id=46&cat3id=36&DocID=598&client=gangway, 03.11.2001
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Personal und finanzielle Ausstattung. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=7&cat2id=13&cat3id=&DocID=10&client=gangway#_Toc5, 19.08.2003
- Gangway e.V. Straßensozialarbeit in Berlin Qualitätsentwicklung. http://www.gangway.de/asp/user.asp?cat1id=&cat2id=&cat3id=&DocID=217&client=gangway, 10.03.2001
- Glossar EDV Lexikon: Personal Computer. http://www.glossar.de/glossar/1frame.htm?http%3A//www.glossar.de/glossar/amglos_p.htm; 29.03.2003
- Heider, Uwe DJ HeeliX. http://www.heelix.de, 30.08.2003
- Hagemeier, Wilfried Definition Sozialraum. http://home.t-online.de/home/WHagemeier/sozial/sozraum.htm, 09.07.2001
- Humboldt-Universität zu Berlin Zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Berlin-Friedrichshain. Abschlußbericht. http://www2.rz.hu-berlin.de/esf/esf/abschlussbericht.pdf, 22.11.2000
- Jäger, Detleff Problemlagen bei einer Konzentration sozialer Randgruppen. http://www.fes.de/fulltext/fo-wirtschaft/00349006.htm#E10E9, 23.04.1998
- Kirche-in-Gaarden Klamottenzwang. http://www.kirche-in-gaarden.de/Jugend/Klamottenzwang/klamottenzwang.html, 01.09.2003
- Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit (LAG) Vernetzung und Kooperation unter praktischen und gesetzlichen Aspekten. http://jugendserver.spinnenwerk.de/~lagmobilestrasse/d-gesetz.htm, 10.08.2000
- Limbourg, Maria Mutproben im Jugendalter. http://www.uni-essen.de/traffic_education/texte.ml/pdf/SchweerMutproben2003.pdf, 25.11.2002
- Loveparade History 1999. http://www.loveparade.de/portal/loveparade/history/d_history_99.html, 30.08.1999
- Mischke, Jörg Pluralismus der ästhetischen Erfahrung oder Wie postmodern ist populäre Musik? http://www2.rz.hu-berlin.de/fpm/texte/mischke.htm, 14.01.2000
- Ökumenisches Heiligenlexikon Johann Heinrich Wichern http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?BiographienJ/Johann_Hinrich_Wichern.htm, 20.12.1999
- Richter, Ingo Der 11. Kinder- und Jugendbericht. http://www.ifis-consult.de/pdf/elf_ju_ber.pdf, 30.01.2002
- Schretzenmayr, Martina Wohnungsbau in der ehemaligen DDR. http://www.orl.arch.ethz.ch/~Schretzenmayr/pdf/133_6.pdf, 19.06.2001
- Senatsverwaltung für Inneres Verfassungsschutzbericht 2002. http://www.berlin.de/imperia/md/content/seninn/verfassungsschutz/jb02_ii.pdf, 13.01.2003
- Spiegel online Schulden Misere: Eichel droht 2004 neuer Negativrekord. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,269858,00.html, 14.10.2003
- Statisches Landesamt Berlin Ausländeranteil Marzahn-Hellersdorf. http://www.statistik-berlin.de/pms2000/sg03/2003/03%2D10%2D02a.html, 02.10.2003
-
Statisches Landesamt Berlin Bevölkerung. http://www.statistik-berlin.de/Kbst/Kbs-02.htm, 18.09.2003
- Statisches Landesamt Berlin Gewalttaten; Abgeurteilte nach der Entscheidung in Berlin 1994 bis 2002. http://www.statistik-berlin.de/statistiken/rechtspflegeoeffsicher/abgeurt.htm, 26.06.2003
- Statisches Landesamt Berlin Statistisches Taschenbuch 2001 http://www.statistik-berlin.de/aktuell/12_bezirke/12_bezirke.htm, 11.12.2002
- Statisches Landesamt Berlin Wahlergebnisse vom 29. Januar 1989. http://www.statistik-berlin.de/wahlen/framesets/tabellen.htm, 29.05.2002
- Tageszeitung (TAZ) Eichel: Miese wachsen weiter http://www.taz.de/pt/2003/10/06/a0047.nf/text, 06.10.2003
- Ulbrich, Katharina Hippiezeit. http://www.hak-steyr.asn-linz.ac.at/zeitzeugen/hippiezeit.htm, 20.06.2002
- Wicke, Peter Rockmusik. Zur Ästhetik und Soziologie eines Massenmediums. „My Gerneration“ Rockmusik und Subkulturen Humboldt-Universität Berlin: Forschungszentrum Populäre Musik http://www2.rz.hu-berlin.de/fpm/texte/medium5.htm, 14.01.2000
- Wicke, Peter Chronologie Rock- und Popmusik 1952-1991 Humboldt-Universität Berlin: Forschungszentrum Populäre Musik http://www2.rz.hu-berlin.de/fpm/texte/chrono.htm, 14.01.2000

Abbildungsquellen

- GANGWAY e.V. Straßensozialarbeit in Berlin (2001). Arbeitsmaterialien zur Qualitätsentwicklung. Berlin.
- Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin Übersicht zur demographischen Situation Marzahn-Hellersdorf. http://www.berlin.de/imperia/md/content/bamarzahnhellersdorf/ba-beschlsse/60-70sitz/77.pdf, 22.11.2002, S. 11
- Humboldt-Universität zu Berlin Zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Berlin-Friedrichshain. Abschlußbericht. http://www2.rz.hu-berlin.de/esf/esf/abschlussbericht.pdf, 22.11.2000, S. 15,16
- Statistisches Landesamt Berlin Die kleine Berlin Statistik- Bevölkerung; Ausländeranteil http://www.statistik-berlin.de/Kbst/graf-024.htm, 11.09.2003
- Wolf, Stefan Staatliche Verbote und rechtsradikale Organisierung in Deutschland http://www.apabiz.de/bildung/materialien/Staatliche%20Verbote%20&%20rechtsradikale%20Organisierung%20in%20BRD.pdf, 16.09.2001, Seite 17

10. Glossar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

11. Anhang

11.1 CD-ROM

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Arbeit: Diplomarbeit im pdf-Format

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Literatur: Online Literaturquellen

11.2 Danksagung

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Diplomarbeit beigetragen haben. Besonderer Dank geht an Bettina Saegling und Sylvia Hidde für das kritische Korrekturlesen.

In erster Linie möchte ich mich besonderes bei Daniela Lücke bedanken, die in den letzten Monaten in jeder Situation an meiner Seite stand. Danke - würde in dem Fall nicht ausreichen. Meine Bewunderung.

Mera Dil Tere Liye Dhadakta Hai.

11.3 Eigenständigkeitserklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich die Diplomarbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel und Quellen benutzt habe.

Ich bin einverstanden, dass meine Diplomarbeit zur Einsichtnahme in der Bibliothek bereitgestellt wird.

Berlin, 26. November 2003

[...]


[1] Übersetzung siehe Glossar

[2] Basierend auf der Komplexität des Begriffes „Jugend wird im Folgenden darauf verzichtet, diesen in Anführungszeichen zu setzten.

[3] Die Rechtsgrundlage der Volljährigkeit wird in § 2 BGB definiert. Volljährigkeit meint jedoch nicht das Ende der Jugendphase, sondern nur die juristische Definition.

[4] Wird in der Diplomarbeit von einer konkreten Gesellschaft gesprochen, so ist damit die komplexe Gesellschaft eines modernen Industriestaates gemeint.

[5] Mobilität meint in diesem Sinne den arbeitsplatzbedingten Wechsel in eine andere Region.

[6] Der Begriff der Subkultur findet nicht nur auf Jugendliche seine Anwendung. Schwendter zählt alle Gruppierungen, die von der bestehenden Norm einer Gesellschaft abweichen, zu einer subkulturellen Erscheinungsform. Eine Unterteilung in progressive, regressive, freiwillige, unfreiwillige, emotionale und rationale Subkultur erlaubt demzufolge die differenzierte Zuordnung, d.h. Gefängnisinsassen oder Obdachlose bilden demnach ebenso Subkulturen, wenn auch nur unfreiwillig (Schwendter 1993: 37 ff).

[7] vgl. Kapitel 2.1.2

[8] Populärmusik ist heutzutage besser bekannt unter dem Begriff Popmusik.

[9] Die Jugendlichen waren in der Zeit des Nationalsozialismus zumeist in der „Hitler-Jugend (HJ)“ und dem „Bund Deutscher Mädel (BDM)“ organisiert und trugen durch eine einheitliche uniformierte Kleidung und Marschmusik den militärischen Charakter des diktatorischen Systems nach außen.

[10] Entstehung von Rock’n’Roll nachzulesen in Chronologie Rock- und Popmusik 1952-1991 (Wicke - Chronologie Rock; online)

[11] Die USA intervenierten ab 1967 in Vietnam.

[12] Mit dem Namen „Hippie“ deuteten Jugendliche eine Geistesverwandtschaft zur Lebensphilosophie der „Hipsters“ an, die sich in den 40er und 50er Jahren als eine Gemeinschaft von Leuten begriffen, die „durchblicken“, also hinter die Kulissen der bürgerlichen Gesellschaft schauen konnten.

[13] Unter „Gammeln“ wurde von der älteren Generation das „Nichtstun“ bzw. „Herumlungern“ verstanden.

[14] vgl. Jerrentrup 1997: 69

[15] Übersetzung v. Verf.: „Wenn du nach San Francisco gehst, achte darauf, einige Blumen in deinem Haar zu tragen“

[16] Diese Elemente oder Stilausprägungen werden oftmals auch als die Nebenprodukte des Hip-Hop bezeichnet, denn sie haben sich erst im Laufe der Zeit ausgeprägt.

[17] Beliebt sind weit geschnittene Hosen mit vielen Taschen, die so tief auf der Hüfte getragen werden, dass man am liebsten dem Jugendlichen behilflich die Hose hochziehen möchte aus Angst, sie könnte von der Hüfte rutschen (z.B. „Baggy-Pants“).

[18] Am 6. Juni 2003, fand das „Open Air“ Festivals „Rock am Ring“ in Köln statt. Neben Rock-Musikern traten auch einige MC’s auf, deren Textrepertoire die oben beschriebenen Problematiken umfasste.

[19] „Kraftwerk“ gilt heute noch als Wegbereiter der Techno-Musik der 80er Jahre (Jerrentrup 1997: 77).

[20] Übersetzung v. Verf. „Musik ist der Schlüssel“

[21] Techno-Musik wird im Gegensatz zu anderen Musikstilen, wie Rock oder Pop, mit einer sehr hohen Taktrate abgespielt.

[22] Übersetzung v. Verf. „Haupttanzfläche“

[23] Je nach Popularität der Party kann die Teilnehmerzahl von ca. 150 - 10.000 schwanken.

[24] Übersetzung v. Verf. „unten im Haus“

[25] Allenfalls dienen klassische Musikinstrumente zur Hervorhebung einzelner Passagen innerhalb eines Musikstückes, besonders bei so genanten „Live-Auftritten“. Hierbei werden zusätzlich improvisatorisch Gitarrenklänge eingespielt.

[26] Viele Besucher der Goa-Parties bevorzugen Kleidung im Stil der 70er Jahre, wie Schlaghosen, bunte Hemden mit psychedelischen Mustern und formen ihre Haare zu Dreadlocks im Stile der

Reggae-Ära.

[27] Übersetzung v. Verf. „Die Zukunft gehört uns“

[28] Übersetzung v. Verf. „Zugang zum Frieden“

[29] Übersetzung v. Verf. „Arbeiter in einem bestimmten Gebiet“

[30] Übersetzung v. Verf. „Unvoreingenommene Arbeiter“ bzw. Arbeiter, die losgelöst von traditionellen Einrichtungen und Stereotypen sind.

[31] Johann Hinrich Wichern, geb. 21.4. 1808, entwickelte den Gedanken der „Inneren Mission“, 1858 Gründung des „Ev. Johannesstifts“ in Spandau zur Erneuerung des Strafvollzugs. Wichern gab damit Anstöße zu einem umfassenden diakonischen Werk.

[32] In der Bundesrepublik Deutschland wird zwischen zwei Jugendhilfeträgerformen unterschieden. Zum einen werden Jugendverbände, freie Vereine und Kirchen, die selbständig und freiwillig, gemäß §§ 3-5 SGB VIII (Sozialgesetzbuch) gemeinnützliche Jugendhilfeaufgaben leisten, zu den „freien Trägern“ gezählt. Im Gegensatz dazu gehören eigens errichtete behördliche Ämter, die Jugendhilfe auf örtlicher und überörtlicher Ebene entsprechend § 69 SGB VIII leisten, zu den „öffentlichen Trägern“. Insbesondere Jugendämter und Landesjugendämter zählen zu den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit: 522-523).

[33] Da GANGWAY e.V. maßgeblich an der Entwicklung der fachlichen Standards für Streetwork / Mobile Jugendarbeit beteiligt war, sehe ich in dieser Arbeit davon ab, die Grundsätze allgemein gültig zu beschreiben.

[34] Während des Praktikums bei GANGWAY e.V. wurde anhand eines konkreten Falls, der Aufbau eines Beziehungsnetzes durch die offensive Kontaktaufnahme mitbegleitet. Dabei verweigerten die Jugendlichen zunächst die Kontaktaufnahme, bis sie schließlich nach einem längeren Zeitpunkt endgültig überzeugt waren, dass die Streetworker nicht für die Polizei arbeiten.

[35] Frauen müssen sich i.d.R. mehr als die Männer lernen sich durchzusetzen bzw. zu behaupten. Dieser Prozess beginnt schon im Kindesalter.

[36] Die detaillierte Sozialraumeinteilung kann bei den jeweiligen zuständigen Berliner Bezirksämtern erfragt werden.

[37] Informationen zum Jobteam sind unter www.jobteam-berlin.de erhältlich.

[38] Diese Aussagen sind mehrfach von Jugendlichen veräußert worden, die im Rahmen des Praktikums bei GANGWAY e.V., während der Begleitung der Mitarbeiter des Teams Friedrichhain kontaktiert worden sind.

[39] Im soziologischen Terminus wird die Bezugsgruppe auch als Peer-Group bezeichnet.

[40] KITA: Kindertagesstätte

[41] Das Kontaktbüro befindet sich in der Marzahner Promenade 24 in 12679 Berlin.

[42] Das Team Marzahn-Hellersdorf betreut neben SOUNDLAB-BERLIN verschiedene Projekte (vgl. www.gangway.de)

[43] DJ’ing (engl.) = die Betätigung als Discjockey.

[44] Fachgespräch zu den Entwicklungsstationen von SOUNDLAB-BERLIN mit Uwe Heider.

[45] Interkulturelles Jugendzentrum „Schalasch“ Kontaktadresse: Chauseestrasse 102, 10115 Berlin (www.schalasch.de).

[46] „Sky Club“ (Electro/Techno/House/Beats) Kontaktadresse: Dircksenstr. 98-100, 10178 Berlin (www.sky-club-berlin.de).

[47] Aus persönlichen Gesprächen mit Jugendlichen ging das Meinungsbild hervor, dass die Mehrheit der Jugendlichen gemeinsam die Freizeit verbringen, am liebsten auf Spiel- oder Sportplätzen. Während der Wintermonate können diese jedoch nicht mehr frequentiert werden. Spätesten dann fehlen Ausweichmöglichkeiten.

[48] Das ist jedoch nur die Grundausstattung. SOUNDLAB-BERLIN verfügt inzwischen über eine hochwertige Ausstattung, die über das Mindestmaß hinaus geht.

[49] Die Preise für Plattenspieler, Mischpult, etc. der gängigsten Marken sind so hoch, dass für viele nur der Traum nach dem Erwerb bleibt.

[50] An dieser Stelle wird darauf verzichtet, alle Parties, die bisher stattgefunden haben, chronologisch und detailliert aufzulisten, da dies bei weitem den Umfang der Diplomarbeit übersteigen würde. Die Informationen können bei Bedarf im Internet unter www.gangway.de nachgelesen werden.

[51] Institut „PODROSTKA“ ist das „Institut des Jugendlichen“, eine nicht-staatliche Organisation, die sich mit Problemen von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, insbesondere mit Straßenkindern und schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen.

[52] „respectABel“ ist das „Berliner Aktionsprogramm für Demokratie und Toleranz - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ (www.respectabel.de).

[53] Übersetzung siehe Glossar

Details

Seiten
77
Jahr
2003
Dateigröße
995 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108635
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
Schlagworte
Jugendkultur Eine Herausforderung Sozialarbeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Jugendkultur - Eine Herausforderung für die Sozialarbeit