Lade Inhalt...

Medien(system) in der Tschechischen Republik

Hausarbeit 2004 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Tschechische Republik
1.2 Aufgabenstellung

2. Medien in der Tschechischen Republik
2.1 Das duale Rundfunksystem
2.2 Fernsehen
2.3 Hörfunk
2.4 Printmedien

3. Zum Mediensystem
3.1 Der tschechische Zeitungsmarkt
3.2 Pressefreiheit

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Die Tschechische Republik

Die „samtene Revolution“ im Jahre 1989 setzt der Ära des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) durch Massendemonstrationen ein abruptes Ende. Aus der 1990 gegründeten Tschechoslowakischen Föderativen Republik wird daraufhin im Hinblick auf die Teilung des Landes bis 1992 die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR). Aus der Auflösung dieser Föderation gehen 1993 schließlich die Slowakische Republik und die Tschechische Republik als zwei voneinander unabhängige Nachfolgestaaten hervor.[1]

Mit einer Fläche von 78.864 qkm ist die Tschechische Republik etwa 10 Prozent größer als das deutsche Bundesland Bayern und hat mit 10.266.546 Einwohnern, von denen ca. 1,3 Mio. in der Hauptstadt Prag leben, etwa so viele Einwohner wie das Land Baden-Württemberg. Allerdings liegt die Arbeitslosenquote Tschechiens mit ca. 10 Prozent um einiges höher als in der Bundesrepublik Deutschland, wobei das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Jahre 2002 mit 7.250 Euro bei jährlichem Wachstum noch weit hinter dem deutschem Wert bleibt.[2]

Präsident der Tschechischen Republik und damit Staatsoberhaupt ist Václav Klaus der bürgerlich-demokratischen Partei ODS, während Vladimír Špidla der sozialdemokratischen Partei ČSSD als Regierungschef das Amt des Ministerpräsidenten bekleidet. Das Zwei-Kammern-Parlament des Landes besteht aus Senat und Abgeordnetenhaus, in dem sich bis 2006 die Koalitionsregierung aus den Parteien ČSSD, KDU-ČSL (Christlich-Demokratische Union - Tschechische Volkspartei) und US-DEU (Freiheitsunion-Demokratische Union) sowie die Opposition aus ODS und KSČM (Kommunistische Partei Böhmens und Mährens) gegenüberstehen.[3] Der Überblick über die politische Parteienlandschaft Tschechiens spielt insofern eine Rolle für diese Arbeit als einzelne Massenmedien des Landes unter ständigem politischem Einfluss einzelner Parteien bzw. des Parlaments stehen und als Sprachrohr politisch ideologischer Richtungen dienen.

1.2 Aufgabenstellung

Gegenstand dieser Arbeit sind die Massenmedien innerhalb des Mediensystems der Tschechischen Republik, die sich seit 1989 stark verändert haben und sich aufgrund von unklaren gesetzlichen Bestimmungen teils bis heute in einem stetigen Prozess des Wandels befinden. So wird im folgenden zunächst das Rundfunksystem mit seinen landesspezifischen Eigenheiten und Voraussetzungen beschrieben und einzelne Medien näher vorgestellt. Unter den audiovisuellen Medien wird das größere Augenmerk auf das Fernsehen Tschechiens gerichtet wird, während der Hörfunk eher marginale Betrachtung findet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht jedoch die Darstellung sowie die Entstehung und Entwicklung der verschiedenen Printmedien und des Verlagswesens mit hohem ausländischen Kapitalanteil. Anschließend wird anhand von ausgesuchten Vorgängen im Zusammenhang mit der Pressefreiheit die wechselseitige Beziehung und Einflussnahme zwischen Politik und Medien in Tschechien aufgezeigt. Es spielen aber auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle bei der Berichterstattung einzelner Medien, und es ist nicht zuletzt die organisierte Kriminalität, die versucht, sich Einfluss zu verschaffen und mit unlauteren Methoden kritische Publikationen zu verhindern.

2. Medien in der Tschechischen Republik

2.1 Das duale Rundfunksystem

Ähnlich wie in Deutschland Mitte der 1980er Jahre bildet sich in Tschechien nach der politischen Wende aufgrund der Öffnung von Sendefrequenzen ein duales Rundfunksystem heraus. Dies besteht aus einem Nebeneinander von öffentlich-rechtlichen bzw. staatlichen Rundfunkanstalten einerseits und privaten Rundfunkveranstaltern auf der anderen Seite, die jeweils unterschiedlich organisiert und finanziert sind. Grundlage hierfür ist ein neues Rundfunkgesetz, das 1991 verabschiedet wird, und die Voraussetzung für die Zulassung sowie Einführung des privaten Rundfunks schafft und die Vergabe von Sendelizenzen an private Betreiber regelt. Da das Gesetz jedoch keinerlei verbindliche Regeln oder Richtlinien in Bezug auf unabhängige Kontrollgremien und mögliche Sanktionen vorsieht, bleibt es unausgegoren und reformbedürftig.[4] Gerade die Liberalisierung der Wirtschaft mit der Einführung der freien Marktwirtschaft macht jedoch verbindliche Regelungen notwendig, um Meinungsfreiheit sowie Ausgewogenheit der Berichterstattung zu gewährleisten, und um durch öffentlich-rechtliche Programme für die Grundversorgung der Bevölkerung in den Bereichen Information, Bildung, Unterhaltung und Kultur zu sorgen. Da sich private Rundfunkanstalten auch in Tschechien im wesentlichen aus Werbeeinnahmen finanzieren, orientieren diese sich jedoch hauptsächlich an Gewinnmaximierung und Zuschauer- bzw. Höreranteilen, was sich unvorteilhaft auf die Qualität des Programms auswirkt.[5]

2.2 Fernsehen

In der Tschechischen Republik existieren zwei staatliche Fernsehsender mit den Namen „Česká Televize 1“ und „Česká Televize 2“ (abgekürzt „ČT 1“ und „ČT 2“). Daneben gibt es drei private TV-Sender, die sich fast ausschließlich über Werbeeinnahmen finanzieren, da sie keinen Anteil der von den Zuschauern eingezogenen Rundfunkgebühren erhalten. Die erste private Fernsehstation des Landes „TV Nova“ wird 1994 gegründet und ist mit Hilfe hoher amerikanischer Investitionen bis heute Tschechiens erfolgreichster und beliebtester TV-Sender mit den höchsten Einschaltquoten.[6] Um diese Quoten zu erhalten und noch weiter zu erhöhen werden jedoch stundenlange Blöcke einfach produzierter Import-Fernsehserien aus amerikanischer Produktion gezeigt, die teilweise sprachlich und technisch katastrophal bearbeitet und dadurch qualitativ minderwertig sind. Die Spitzenmeldungen der Nachrichten des Senders orientieren sich hauptsächlich an Katastrophen und Verbrechensmeldungen, während eine geänderte Nachrichtenstruktur dafür sorgt, dass über politische Ereignisse nur marginal berichtet wird.[7] Stattdessen gibt das Programm eher reißerisch gestaltete Soft News im Stile der Boulevard Presse her.

Der zweite private Fernsehsender Tschechiens heißt „Prima“, welcher zu Anfang als regionale TV-Station den Sendebetrieb aufnimmt, Ende der 1990er Jahre aber auch eine flächendeckende Frequenz bekommt, und im ganzen Land zu empfangen ist. Auch „Prima“ finanziert sich, ebenso wie der dritte große private Sender des Landes „Kabel Plus“, privatwirtschaftlich aus Werbeeinnahmen. „Wichtig für alle Sender sind die Werbeeinnahmen, die enorm gestiegen sind. Während 1993 Printmedien und Fernsehen zusammen für Werbung über vier Milliarden Tschechische Kronen (ČZK) einnahmen, waren es 1998 mit 14,6 Milliarden schon dreieinhalbmal soviel. Allein das Fernsehen erzielte 1998 Erlöse von über neun Milliarden ČZK.“[8] Denn auch die öffentlich-rechtlichen Sender „ČT 1“ und „ČT 2“ können neben den Einnahmen aus den Rundfunkgebühren nicht auf die Erlöse der Werbung verzichten. Die Kontrolle über die Finanzen sowie die Organisation des staatlichen Fernsehens unterliegt dabei indirekt dem tschechischen Parlament durch den von diesem eingesetzten Fernsehrat. Durch diese Verquickung von Politik und Medien ist der Fernsehrat stark beeinflusst von einzelnen Politikern sowie dem Parlament, und es fehlt ein weiteres möglichst eigenständiges Kontrollorgan, um die Unabhängigkeit der Sender zu gewährleisten. Da dies nicht gegeben ist, kommt es immer wieder zu einer Situation von Misswirtschaft und Skandalen, welche im dritten Teil dieser Arbeit anhand von ausgesuchten Vorfällen näher beschrieben wird.

2.3 Hörfunk

Auch im Bereich des Hörfunk macht das 1991 eingeführte duale Rundfunksystem neben den drei öffentlich-rechtlichen Programmen mit Namen „Ceský Rozhlas“ privat-kommerzielle Radiostationen möglich. Und da die staatlichen Sender zu dieser Zeit als wenig glaubwürdig gelten, und viele Bürger nach vertrauenswürdigen Informationsquellen suchen, ist die Nachfrage nach der Vergabe von Sendelizenzen zur Gründung neuer Radiosender groß. „Allerdings konnten die Privaten den anfänglichen Anspruch, einen großen Informationsgehalt zu bieten, nicht gerecht werden. Kommerzielle Angebote nahmen auf Kosten der Information zu, denn durch die Liberalisierung der Wirtschaft wurde der Werbemarkt belebt und davon profitierten die privaten Anbieter.“[9]

Landesweit gibt es mittlerweile etwa 130 regionale und lokale Radiostationen, die sich in der „Assoziation der Betreiber privaten Hörfunks“ zur Vertretung ihrer Interessen zusammenschließen.[10] Einige der etablierten gesamtstaatlichen kommerziellen Rundfunkstationen mit lokaler Sendung, deren Programm hauptsächlich aus unterhaltenden Elementen besteht, sind „Radio Kiss“, „Radio Twist“, „Evropa 2“ und „Eldorádio“. Mit dem Sender „Frekvence 1”, finanziert vom französischen Konzern Europe 1, ist auch die Etablierung eines privaten überregionalen Nachrichtensenders gelungen, während sein Konkurrent „Radio Alfa“ der selbstauferlegten Bedingung eines hohen Wortanteils im Programm nicht standhalten kann und den Sendebetrieb aus Mangel an Werbeeinnahmen schließlich einstellen muss (dieser Sender ist nicht zu verwechseln mit der landesweit sendenden Station „Radio Nova-Alfa”). Überregional und landesweit zu empfangende Sender sind auch „Radio Impuls“, „Radiožurnál“, „Radio Praha“, der sein Informations- und Unterhaltungsprogramm in verschiedenen Sprachen sendet, „Radio Vltava“ und der 1995 entstandene „Tschechische Rundfunk 6“.[11] Bis vor zehn Jahren einer der meist gehörten und ehemals verbotenen Sender ist „Voice of America“ („Hlas Ameriky“), der mittlerweile nicht mehr von Sendemasten aus Westeuropa kommt, und sich nach wie vor reger Beliebtheit bei den Hörern erfreut. Die „Deutsche Welle“ hingegen schließt im Rahmen allgemeiner Einsparungen ihre tschechische Redaktion im Jahr 2000 und hinterlässt damit aus deutscher Sicht eine große Lücke in der tschechischen Medienlandschaft.

2.4 Printmedien

Der Zeitungsmarkt der Tschechischen Republik, wie er sich heute darstellt, ist zu einem großen Teil erst während und nach der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre entstanden. Doch nicht nur die tschechische Zeitungslandschaft sieht heutzutage ganz anders aus als noch 1995 oder gar zu sozialistischen Zeiten, auch das Leseverhalten der Tschechen hat sich stark verändert. „In den Jahren nach 1995 hat die Leserzahl der Zeitungen abgenommen, die der nationalen Zeitungen allein um ein Drittel (bis 1999). Dagegen stieg im selben Zeitraum die Zahl der Leserinnen und Leser kostenlos verteilter Werbezeitungen mit einem minimalen Anteil politischer Nachrichten um zwei Drittel.“[12]

Insgesamt gibt es in Tschechien acht überregionale Tageszeitungen, dazu kommen verschiedene Wochenzeitungen und etliche Zeitschriften und Magazine – die auflagenstärksten werden im folgenden vorgestellt. Die Tageszeitung mit der höchsten Auflage von 458.523 Exemplaren (2003) ist die 1990 gegründete Boulevardzeitung „Blesk“ (deutsch: Blitz), die sich anhand der Aufmachung, der Themenauswahl und des journalistischen Stils am ehesten mit der deutschen Boulevardzeitung „Bild“ vergleichen lässt. Nach wie vor gerne gelesen wird auch die Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“ (deutsch: Junge Front heute), hervorgegangen aus der früheren Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes. Als bis vor kurzem meist gelesenes Blatt ist sie im Volksmund besser bekannt unter der Abkürzung „Dnes“ (deutsch: Tag) und hat eine Auflage von 309.858 Exemplaren (2003). Ebenfalls Wurzeln aus der Zeit von vor 1989 hat die Tageszeitung „Pravo“ (deutsch: Recht). Sie ist eine aus dem früheren kommunistischen Zentralorgan „Rudé Právo“ entstandene linksgerichtete Zeitung und sympathisiert heutzutage mit der demokratischen Linken des Landes. Als einzige tschechische Tageszeitung ganz ohne ausländischen Kapitalanteil hat die „Pravo“ eine Auflage von 189.362 Exemplaren (2003). Ebenfalls aus der „Rudé Právo“ geht die einzige kommunistische Tageszeitung der Tschechischen Republik „Haló noviny” (deutsch: Hallo Zeitung) hervor, die in einer Auflage von etwa 15.000 Exemplaren erscheint.[13] Die Zeitung „Lidové noviny“ (deutsch: Volkszeitung) ist aus einem 1988 gegründeten Untergrundblatt entstanden und steht als traditionsreiches Blatt den bürgerlich demokratischen Parteien nahe. Im Jahr 2003 erreicht das Blatt eine Auflage von ca. 70.000 Exemplaren. Weitere wichtige Zeitungen sind die „ZN Zemske noviny“ (deutsch: Heimatzeitung), die „Hospodářské noviny“ (deutsch: Wirtschaftszeitung) und die Regionalzeitungen „Večerník Praha“ sowie „Deníky Bohemia/Moravia“; letztere mit einer Auflage von ca. 600.000 Exemplaren (2003).[14]

Zu den wichtigsten Wochenzeitungen Tschechiens gehört das im Umfeld der bürgerlichen Parteien beheimatete Blatt „Respekt“ mit 16.974 Exemplaren Auflage (2003), dicht gefolgt von der „Mladý svet“. Ein an das Konzept des deutschen „Spiegel“ angelehntes tschechisches politisches Wochenblatt heißt „Týden“ (deutsch: Woche). Es ist mit 62.115 Exemplaren (2003) das auflagenstärkste und übertrifft damit die ebenfalls sehr beliebte Zeitschrift „Reflex“ noch um fast 4.000 Exemplare. Die meistgelesene fremdsprachige Wochenzeitung in Tschechien, die in deutscher Sprache erscheint, ist die „Prager Zeitung“.[15]

3. Zum Mediensystem

3.1 Der tschechische Zeitungsmarkt

Sind die Medien und Verlage in der ehemaligen Tschechoslowakei noch fast komplett in staatlich sozialistischer Hand, so bringt die Liberalisierung der Wirtschaft hin zur freien Marktwirtschaft nach 1989 auch die Öffnung auf dem Mediensektor für private Investitionen aus dem In- und Ausland mit sich. Der Kapitalmangel der tschechischen Wirtschaft und das Fehlen von Gesetzen zur Beschränkung ausländischer Investitionen macht es internationalen Medienkonzernen leicht, große Teile des tschechischen Zeitungsmarktes zu übernehmen. Vor allem zwei große deutsche Verlagshäuser, die „Neue Presse Verlags GmbH“ aus Passau und die „Rheinisch-Bergische Druckerei- und Verlagsgesellschaft“ aus Düsseldorf haben stark in den tschechischen Pressemarkt investiert und nach und nach große Teile der Printmedien aufgekauft. Über Tochtergesellschaften wie der „Vltava-Labe-Press“ (VLP) kauft die „Neue Presse Verlags GmbH“ einen Großteil der tschechischen Regionalzeitungen auf, und hält mit diesen einen Marktanteil von 27 Prozent am tschechischen Zeitungsmarkt. „Insgesamt hat sie über 40 Titel mit einer Auflage von über 300.000 Exemplaren erworben. Damit verfügt sie über 75 Prozent der Gesamtauflage aller tschechischen Regionalzeitungen.“[16] Der „Rheinisch-Bergischen Druckerei“ gehören mit ihrer Tochtergesellschaft „MaFra“ dagegen zwei große überregionale Tageszeitungen, die auflagenstarke „Mladá fronta Dnes“ und die traditionsreichen „Lidové noviny“. Sie hält damit einen Gesamtmarktanteil von 32 Prozent. Diese beiden deutschen Verlage vereinen dadurch zusammen fast 60 Prozent des Zeitungsmarktes der Tschechischen Republik in ihrem Besitz. Der Schweizer Medienkonzern „Ringier“ hingegen hält mit seiner Boulevardzeitung „Blesk“ und der Wochenzeitschrift „Reflex“, welche beide im Laufe der 1990er Jahre aufgebaut und etabliert werden, und weiteren Beteiligungen an erfolgreichen Zeitschriftentiteln einen Marktanteil von 21 Prozent.[17] Bis im Jahr 2000 ist auch der Axel-Springer-Verlag als Anteilseigner in der Ringier-Gruppe an diesen Zeitungstiteln beteiligt, zieht sich dann aber aus geschäftspolitischen Gründen komplett aus dem tschechischen Pressemarkt zurück und überlässt „Ringier“ seine Anteile. Andere westdeutsche Verlage wie Burda und Bauer verlegen auch in Tschechien ihre europaweit erfolgreichen Frauenzeitschriften wie „Anna“ und „Burda-Moden“ (Burda) oder die Jugendzeitschrift „Bravo“ (Bauer), und sichern sich dadurch ihren Marktanteil.[18]

3.2 Pressefreiheit

In demokratischen Staaten dient die in der Verfassung verankerte Pressefreiheit der Freiheit der Meinungsäußerung in Presse, Funk und Fernsehen zur freien Meinungsbildung in einer freiheitlich-demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Außerdem garantiert sie das Grundrecht, ungehindert Presseerzeugnisse herzustellen und zu verbreiten sowie die Freiheit der Presse gegenüber dem Staat.[19]

In der Tschechischen Republik soll die Pressefreiheit des staatlichen Fernsehens „Česká Televize“ innerhalb eines dualen Rundfunksystems durch den Fernsehrat gewährleistet werden. Dieser wird ursprünglich als eigenständiges Kontrollinstrument eingerichtet, um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens von Wirtschaft und Politik zu sichern. Da der Fernsehrat jedoch allein vom tschechischen Parlament berufen und abgesetzt werden kann, unterliegt das staatliche Fernsehen direkt der staatlichen Kontrolle des Parlaments und ist diesem somit untergeordnet. „Diese Abhängigkeit vom Parlament und damit von den Parteien wurde immer größer, die Kompetenzen und die Selbstverantwortlichkeit des Fernsehrates immer mehr eingeengt. Nach den gegenwärtigen Bestimmungen kann ein Mehrheitsbeschluß des Parlaments praktisch jede Entscheidung des Fernsehrates widerrufen, jederzeit einzelne Mitglieder oder den ganzen Rat entlassen.“[20]

Die Geschichte des tschechischen staatlichen Fernsehens „ČT“ wird während der 1990er Jahre immer wieder von Skandalen und Affären bestimmt, welche zu einem sehr häufigen Wechsel der Führungsetage inklusive des Intendanten führen. Dabei stehen persönliche politische Interessen und Vetternwirtschaft der verantwortlichen Politiker im Vordergrund, mit dem Ergebnis, dass vor allem die bürgerlich-konservativen Parteien wie ODS und ČSSD die Wettbewerbschancen privat-kommerzieller unkritischer Kanäle durch undurchsichtige Mediengesetzgebung zu verbessern und zu fördern suchen. Die jeweiligen Regierungen lassen die journalistische Kontrolle der Politik durch unabhängige Medien nur ungern zu und ersticken kritische Berichterstattung möglichst bereits im Keim.[21] So wird im Dezember 2000 der Intendant des ersten staatlichen Fernsehens „ČT 1“ von dem damaligen Ministerpräsidenten Václav Klaus der Regierungspartei ODS abberufen. Dies führt zu enormen öffentlichen Protesten aufgrund des zu großen Einflusses des Parlaments und der Regierungsparteien auf das Massenmedium Fernsehen. „Die Redakteure von ČT akzeptierten die vage Begründung nicht, Dusan Chmelicek (seit Januar 2000 im Amt) sei ‚ein Mann am falschen Platz’. Vor allem aber protestierten sie gegen die Berufung seines Nachfolgers Jiri Hodak. Er galt als bedingungsloser Gefolgsmann des Parlamentspräsidenten Václav Klaus und dessen bürgerlich-konservativer Partei ODS.“[22] Die Entlassung von 20 gegen Zensur protestierenden Redakteuren, die das Verwaltungsgebäude des Senders besetzt halten und ohne Eingreifen der Polizei eine eigene Nachrichtensendung auf die Beine stellen, leitet einen großangelegten Streik aller Journalisten der Rundfunkstation ein. Aber auch die Bürger Tschechiens wehren sich gegen die Bevormundung der Politiker und gehen am 3. Januar 2001 zu Tausenden auf die Straße, um für die Pressefreiheit und die parteipolitische Unabhängigkeit des Fernsehens zu demonstrieren. Schließlich kommt das Parlament den Forderungen nach, beruft einen neuen Intendanten samt Teilen des Fernsehrats ein und verabschiedet ein neues Rundfunkgesetz, das die Vertretung vielfältiger gesellschaftlicher Kräfte statt Parteienproporz im Fernsehrat begünstigt.[23]

Eine andere Bedrohung der Pressefreiheit in der Tschechischen Republik ist die organisierte Kriminalität, wie sich Anfang 2004 einmal wieder zeigt. Am 17. Januar diesen Jahres wird der Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Respekt“ Tomáš Němeček von zwei Unbekannten überfallen und zusammengeschlagen, ohne bestohlen zu werden. Der Verdacht, dass dieser Überfall kein gewöhnliches Verbrechen ist und sich nicht gegen den Privatmann Němeček richtet, sondern vielmehr der Einschüchterung der ganzen Redaktion seines Blattes dient, liegt daher nahe. Schließlich deckt „Respekt“ in regelmäßigen Abständen Missstände im Land auf und berichtet ohne Scheuklappen über die tschechische Unterwelt und Mafia.[24] Solch investigativer Journalismus und kritische Berichterstattung sorgen allerdings nicht zum ersten Mal für kriminelle Angriffe auf Vertreter der freien Presse. Der bemerkenswerteste Fall der letzten Jahre ist der der Journalistin Sabina Slonková, die für die „Mladá fronta Dnes“ schreibt, und die korrupten Machenschaften eines Politikers im Außenministerium aufdeckt. Da der für ihre Ermordung angeheuerte Killer sich der Polizei stellt, wird der Anschlag verhindert, und der Auftraggeber büßt nun eine langjährige Haftstrafe im Gefängnis ab. Trotz dieser und einiger weiterer krimineller Vorfälle im Zusammenhang mit der Bedrohung der freien Presse hat sich die Situation im Land erheblich verbessert. Immerhin stufen die „Reporter ohne Grenzen“ die Tschechische Republik in ihrem Jahresbericht zur Pressefreiheit in insgesamt 164 Ländern von Platz 41 im letzten Jahr auf Platz 14 in diesem Jahr ein.[25]

4. Fazit

Fast 15 Jahre nach dem Fall des totalitären kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei und über zehn Jahre nach der Gründung der unabhängigen Tschechischen Republik sind die medienpolitischen Veränderungen im Land noch längst nicht abgeschlossen. Vielmehr befindet sich die Medienlandschaft Tschechiens nach wie vor in einem stetigen Prozess des Wandels, der sich insofern von dem anderer westeuropäischer demokratischer Mediensysteme unterscheidet als sich die Regeln der freien Marktwirtschaft auf dem Mediensektor sehr schnell durchsetzen und dabei jahrelange Traditionen staatlichen Allmachtsdenkens verdrängen müssen. Innerhalb des nach westlichem Vorbild eingeführten dualen Rundfunksystems gewinnt der politisch geförderte privat-kommerzielle Rundfunk dabei auch durch strikte Anpassung an Zuschauerquoten und Werbeaufträge sehr schnell an Macht und Einfluss, während sich der Pressemarkt mehr denn je an Leseranteile und Auflagenzahlen bindet. Dies führt zu inhaltlichem Niveauverlust und Nivellierungstendenzen innerhalb der Massenmedien Tschechiens, da beim Ringen um ein größtmögliches Publikum und bloßer Orientierung an Wirtschaftlichkeit und Marktanteilen zwangsläufig Ausführlichkeit und Qualität der Berichterstattung auf der Strecke bleiben. Aber auch hohe ausländische Kapitalbeteiligungen vor allem auf dem Pressemarkt sorgen dafür, dass Gewinnmaximierung und Verkaufszahlen vor inhaltlichem Niveau eingestuft werden.[26]

Der Zeitungsmarkt der Tschechischen Republik ist, wie in Kapitel 3.1 beschrieben, fast komplett in ausländischer Hand, was laut dem kanadisch-tschechischen Historiker Borivoj Celovsky zu einer ‚Germanisierung der tschechischen Presse’ und einer Bedrohung der nationalen Identität führt.[27] „Man stelle sich folgendes vor - FAZ, Süddeutsche, Handelsblatt, Spiegel, Stern und taz - wären alle im Besitz US-amerikanischer und Schweizer Verlage. Lediglich das "Neue Deutschland" erschiene in einem deutschen Verlag. Mag sein, dass dies dennoch alles gute Zeitungen wären - aber würden die Deutschen das akzeptieren? Welche Diskussion hätten wir hierzulande?“[28] Andererseits stellt sich die Frage, ob nicht gerade die Investitionen erfahrener westlicher Mediengesellschaften mit dem nötigen Kapital im Laufe der 1990er Jahre die erfolgreiche Entwicklung der tschechischen Presse und des Rundfunks sichert. Das Einbringen dringend nötiger Innovationen und die Kreativität zur Entwicklung neuer marktgerechter Medienkonzepte auf westlichem Niveau ist in der Geschwindigkeit wahrscheinlich nur auf diese Art und Weise zu organisieren und zu finanzieren. Bei allen weiter oben genannten Nachteilen lässt sich auch in anderen wirtschaftlichen Zweigen wie beispielsweise der Autoindustrie anhand der Marke „Škoda“ beobachten, wie wichtig das Eingreifen internationaler Konzerne für die erfolgreiche Etablierung einer Marke auf dem neuen freien Markt sein kann. Nach Meinung des Verfassers wird die Thematik des inhaltlichen Einflusses ausländischer Investoren auf dem tschechischen Mediensektor überbewertet. Viel wichtiger ist doch die Frage, wie die Folgen für die einheimische tschechische Wirtschaft aussehen, wenn ein Großteil des Kapitals monopolartig in ausländische Hand gerät.

Eine andere wichtige Frage ist die nach einer Mediengesetzgebung, welche die wechselseitige Beziehung zwischen Politik und Medien des Landes für alle Beteiligten zufriedenstellend regelt. Um die Pressefreiheit und Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien von der Regierung zu garantieren, bedarf es eines Rundfunkgesetzes mit eindeutig formulierten Bedingungen in Bezug auf die Kompetenzen der Medienschaffenden. Die Rechte und Pflichten beispielsweise des für das staatliche Fernsehen zuständigen Fernsehrats sowie die Sendebedingungen der privat-kommerziellen Sendestationen innerhalb des dualen Rundfunksystems müssen klar in einem Rundfunkgesetz definiert sein. Dies wird zu Anfang der Geschichte des jungen Landes versäumt und wird erst allmählich durch etliche Novellierungen des Rundfunkgesetzes immer konkreter. „Man sieht heute darin nicht mehr nur ein Versäumnis, sondern eine bewusste Unterlassung, um im unsicheren Terrain die ursprünglichen Optionen besser unterlaufen zu können.“[29] Inzwischen garantieren jedoch modifizierte Rundfunkgesetze größtenteils die Unabhängigkeit der Massenmedien von unlauteren politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Literatur- und Quellenverzeichnis

- Giesenfeld, Günter: Von Tschechien lernen? Zu den Vorgängen im tschechischen Fernsehen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2000. Wichern-Verlag, Berlin 2001, S. 241 ff.
- Segert, Dieter: Politisches System nach 1989. In: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276/2002. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002, S. 19-24
- Šmid, Milan: Tschechien. In: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.): Internationales Handbuch Medien 2004/2005. Nomos, 27. Auflage, Baden-Baden 2004, S. 661-671
- Šonka, Jaroslav: Medien in der Tschechischen und Slowakischen Republik. Europäische Akademie, Berlin 1999
- Wagnerová, Alena: Tschechiens bedrohte Pressefreiheit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2002. Wichern-Verlag, Berlin 2002, S. 533 ff.
- Lettenbauer, Birgit: Kommentar: Anschlag auf eine Zeitschrift. In: Prager Zeitung 21.01.2004
- http://www.auslaender.rlp.de (Landesbeauftragte für Ausländerfragen Rheinland-Pfalz)
- http://www.auswaertiges-amt.de
- http://www.czech-embassy.de (Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin)
- http://www.dtsg.de (Deutsch- Tschechische und -Slowakische Gesellschaft e.V.)
- http://www.epd.de (Evangelischer Pressedienst)
- http://www.heise.de/tp (Telepolis)
- http://www.osteuropa-infoseite.de
- http://www.pragerzeitung.cz
- http://www.radio.cz/de (Radio Prag)
- http://www.tschechien.de
- http://www.tschechien-portal.info

(Stand der aufgeführten Internetseiten: 01.03.2004)

[...]


[1] Vgl. http://www.osteuropa-infoseite.de

[2] Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. http://www.tagesschau.de

[5] Vgl. Šonka, Jaroslav: Medien in der Tschechischen und Slowakischen Republik. Europäische Akademie, Berlin 1999, S. 5

[6] Vgl. http://www.tagesschau.de

[7] Vgl. Šonka, Jaroslav: Medien in der Tschechischen und Slowakischen Republik. a.a.O., S.5

[8] Segert, Dieter: Politisches System nach 1989. In: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276/2002. BpB, Bonn 2002, S. 24

[9] http://www.tagesschau.de

[10] Vgl. Šonka, Jaroslav: a.a.O., S.4

[11] Vgl. http://www.radio.cz

[12] Segert, Dieter: Politisches System nach 1989. a.a.O., S. 24

[13] Vgl. Šonka, Jaroslav: a.a.O., S.6

[14] Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de

[15] Vgl. ebd.

[16] Segert, Dieter: a.a.O., S. 24

[17] Vgl. Wagnerová, Alena: Tschechiens bedrohte Pressefreiheit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2002. Wichern-Verlag, Berlin 2002, S. 533 ff.

[18] Vgl. http://www.dtsg.de

[19] Vgl. http://www.wissen.de

[20] Giesenfeld, Günter: Von Tschechien lernen? In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2000. Wichern-Verlag, Berlin 2001, S. 242

[21] Vgl. Giesenfeld, Günter: Von Tschechien lernen? a.a.O., S. 242

[22] ebd., S. 241

[23] Vgl. Segert, Dieter: a.a.O., S. 24

[24] Vgl. Lettenbauer, Birgit: Kommentar: Anschlag auf eine Zeitschrift. In: Prager Zeitung 21.01.2004

[25] Vgl. http://www.tschechien-portal.info

[26] Vgl. Segert, Dieter: a.a.O., S. 24

[27] Vgl. http://www.epd.de

[28] http://www.heise.de/tp

[29] Giesenfeld, Günter: a.a.O., S. 241

Details

Seiten
13
Jahr
2004
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108695
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
Schlagworte
Medien(system) Tschechischen Republik Ohnmacht Medien Vergleich

Autor

Zurück

Titel: Medien(system) in der Tschechischen Republik