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Probleme und Positionen der Geschichtswissenschaft in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung des Historikers Walter Goetz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 19 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Universität und Revolution
1.1 Walter Goetz 1918/19 in Leipzig
1.2. Die Haltung der deutschen Professoren im November 1918
1.3. Die Haltung der Universität Leipzig

2. Das Selbstverständnis der Historiker im Kaiserreich
2.1. Die Entwicklung bis 1914
2.2. Der wissenschaftliche ‘Kriegseinsatz’ 1914-18

3. Methoden der Weimarer Historiographie
3.1. Zurück zur reinen Wissenschaft - Historiographie nach Walter Goetz
3.2. Nationale Notwendigkeit - Die Geschichtswissenschaft nach Georg von Below
3.3. Stagnation der Disziplin

4. Der Weimarer Kreis
4.1. Das Bekenntnis zur Verfassung
4.2. Der Nationsbegriff
4.3. Der Staatsbegriff
4.4. Demokratieverständnis

5. Schluß

Literatur

Einleitung

”In Wahrheit blickt die deutsche Geschichtswissenschaft (...) auf eine Zeit des Versagens gegenüber der Nation zurück.”[1]

Diese Feststellung von Walter Goetz[2] über die Historiographie seiner Zeit unterstreicht die kritische Sicht des Verfassers auf die Leistungen seiner eigenen Zunft während und nach dem ersten Weltkrieg. Die politische und gesellschaftliche Landschaft Deutschlands hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts rapide und grundlegend gewandelt; seit nunmehr sechs Jahren war das Deutsche Reich Republik. Die Historiker hingegen, so Goetz in seinem Aufsatz, seien noch immer “so eng mit der Monarchie und mit dem Kultus des Hohenzollernschen Hauses verbunden, daß ihr die sachliche und persönliche Loslösung von diesen festgewurzelten Gedankengängen (schwerfiele).”[3]

Was waren das für Gedankengänge, wann etablierten sie sich und inwieweit bestimmten sie die Einstellungen, das Denken und Handeln der deutschen Geschichtswissen-schaftler während der Weimarer Republik?

Bei der Beantwortung dieser Fragen kommen in der vorliegenden Arbeit allgemeine Entwicklungen und Positionen der Historikerschaft zur Sprache, vor deren Hintergrund der oben zitierte Leipziger Wissenschaftler Walter Goetz näher untersucht und zu ihnen in Bezug gesetzt wird. Es ist von vornherein festzustellen, daß Goetz dabei nicht repräsentativ für die Mehrheit der Zunft stand. In seinem Engagement für die Republik, seinem offen artikulierten Bekenntnis zur Demokratie befand er sich in klarem Widerspruch zu den Ansichten der meisten seiner Kollegen, und ging mitunter auch über die Positionen der sogenannten Vernunftrepublikaner hinaus. Insofern kann das Ziel der Arbeit nicht sein, diese ohnehin offensichtlichen Gegensätze nochmals herauszustellen. Vielmehr wird versucht, in seinen Handlungen und vor allem seinen politischen wie wissenschaftlichen Schriften Grundbegriffe und Einstellungen zu extrapolieren, die Goetz von der überwältigenden Mehrheit der Historiker nicht unterschieden, sondern die er mit ihnen teilte.

Sein beständiger und überzeugter Einsatz für die Weimarer Republik über die gesamte Dauer ihres Bestehens wird in keiner Weise in Frage gestellt.[4] Deutlich soll aber gemacht werden, daß er dabei mit einem - wie zu zeigen sein wird - noch im Kaiserreich verhafteten Gesellschafts- und Staatsverständnis operierte, das ihn wie fast alle seiner Kollegen daran hinderte, die in Deutschland entstandene Massendemokratie politisch zu erfassen und das es ihm erschwerte, überhaupt einen Begriff gesellschaftlicher Moderne zu entwickeln[5].

Diese Schwierigkeit, das ihn umgebende System adäquat zu beschreiben, wirkte sich nicht nur auf seine Beurteilung des Weimarer Parteienstaates und seine politische Arbeit aus. Sie führte auch dazu, daß Goetz die Ende der 20er Jahre immer stärker werdende nationalsozialistische Bewegung nicht einzuschätzen wußte, und sie mit den falschen Mitteln zu bekämpfen suchte.

Die Diskrepanz zwischen seinem politischen Wirken, seinen politischen Überzeugungen einerseits, und seinen begrifflichen wie strukturellen Prädispositionen anderseits soll dabei in vier Abschnitten herausgearbeitet werden.

(1) Zunächst im Verhalten von Walter Goetz während und nach der Novemberrevolution 1918, seiner Arbeit im Leipziger Bürgerausschuß und später in der Deutschen Demokratischen Partei. Die Besonderheit dieses Engagements wird deutlich vor dem Hintergrund der Entwicklung an den deutschen Universitäten allgemein wie der Alma Mater in Leipzig im besonderen.
(2) Die Herkunft und Etablierung der weltanschaulichen Positionen deutscher Historiker wie ihres Selbstverständnisses werden dann in einem Rekurs erläutert, der die Prägungen des Kaiserreiches behandelt, und mit einer Beschreibung des politischen Engagements zwischen 1914 und 1918 schließt. Die Instrumentalisierung universitärer Wissenschaft, die während des Krieges ungeahnte Ausmaße angenommen hatte, setzte sich auch in der Weimarer Republik fort und wurde von Walter Goetz - wie in obigem Zitat - vehement kritisiert.
(3) Aus der Erkenntnis eines Versagens der Historiographie forderte er ein Konzept historischer Wissenschaft, das den neuen gesellschaftliche Realitäten angepaßt sein müsse. Sein Disput mit dem Freiburger Mediävisten Georg von Below über die Erkenntnismöglichkeiten und die Methode in der Geschichtswissenschaft steht dabei paradigmatisch für eine offenkundige Krise der Disziplin. In der Analyse beider Argumentationen wird geklärt, inwieweit sich hier tatsächlich eine neue wissenschaftliche Perspektive eröffnete, oder ob durch die oft konstatierte ‘Krise des Historismus’ nicht zuvörderst ein methodischer Zirkelschluß entstand, der neue Ansätze verhinderte.
(4) Um die Prädispositionen, denen die Historiker in ihrer Disziplin wie ihrem politischen Engagement unterlagen, zu verdeutlichen, werden in einem abschließenden Exkurs über den ‘Weimarer Kreis’ zentrale Begriffe herausgearbeitet, die das Denken auch der republikanisch gesinnten Geschichtswissenschaftler determinierten und sie in vieler Hinsicht mit den überzeugten Gegnern der Republik verbanden. In der Programmatik einer vermeintlich entpolitisierten nationalen Harmonie[6], der letztlich auch Goetz anhing, wird die Unmöglichkeit deutlich, die Realitäten des 20. Jahrhunderts - Massendemokratie und Industriegesellschaft - mit den Vorstellungen einer tief im Kaiserreich verwurzelten bildungsbürgerlichen Elite zu vereinbaren.

1. Universität und Revolution

1.1 Walter Goetz 1918/19 in Leipzig

”Wir halten nicht zu dem Zertrümmerten, sondern zu dem Werdenden. Wir stellen uns rückhaltlos dem Volk, seinem Willen und seinen Vertretern zur Verfügung. (...) Wir wollen mitwirken, daß die Wurzeln des geistigen und wirtschaftlichen Lebens im großen Wandel der Dinge, den wir gutheißen, nicht Schaden leiden, sondern neue Kraft gewinnen.”[7]

Als Walter Goetz diesen Aufruf gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern unterschrieb, handelte er in seiner Heimatstadt Leipzig bereits dahingehend: Zwei Tage zuvor hatte er die Bildung eines Ausschusses initiiert, der die Interessen des Bürgertums innerhalb der revolutionären Wirren vertreten und sichern sollte, eine bürgerliche Gegenbewegung die sich “zur Aufgabe setzte, sich sowohl dem Terror der ‘unabhängigen’ Sozialdemokraten als auch der frivolen Gleichgültigkeit bürgerlicher Kreise entgegenzustellen.”[8] Diese von Goetz formulierte Zwischenstellung des Ausschusses entsprach insofern den Tatsachen, als ein großer Teil des deutschen Bürgertums durch den Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches und der als akut erlebten Bedrohung durch eine bolschewistische Revolution entweder paralysiert war, oder jede Zusammenarbeit mit den neuen sozialdemokratischen Machthabern als Verrat an der Nation wertete. Andererseits bedeutete das politische Ziel, “eine bürgerlich-demokratische, auf Parteien fußende Regierungsform zu etablieren”[9], in der Praxis zunächst nichts anderes, als eine Machtübernahme des Arbeiter- und Soldatenrates mit allen Mitteln zu verhindern. Tatsächlich sprach Walter Goetz der Novemberrevolution und den in ihr entstandenen Machtorganen die Legitimation ab, und deckte sich in dieser Ansicht mit dem konservativen Bürgertum, den reaktionären Nationalisten - kurzum: mit allen, die das Kaiserreich hatten erhalten wollen.[10] Auch seine Schilderung vom Ende der Leipziger Räterepublik, die bei ihm mitunter wie eine absurde Episode anmutet, läßt den Schluß zu, daß er diesem linken ‘Terror’ alles andere als positiv gegenüberstand.[11] Aber anders als viele der ‘Vernunftrepublikaner’, die wie Friedrich Meinecke die Revolution als “schändlichstes Verbrechen”[12] verurteilten, sah er deren Ursachen bereits früh auch in strukturellen Problemen des Kaiserreiches begründet, und setzte sich durch seine grundsätzliche Bereitschaft, ein neues - bürgerlich-demokratisch geprägtes - System zu unterstützen, von der großen Mehrheit der deutschen Professorenschaft wie des Bürgertums überhaupt deutlich ab.

In der Konsequenz trat er in die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei ein und wurde im Juni 1920 in den Reichstag gewählt, wo er acht Jahre lang tätig war. In dieser Partei fand er sich zusammen mit anderen republikanisch orientierten Professoren wieder.[13] Seine Sicht auf die Arbeit der DDP ist insofern bezeichnend, als er sie für eine Gruppierung hielt, die eben keine Partei- und Interessenpolitik betrieb, sondern vielmehr das gesamtgesellschaftliche Wohl im Auge hatte. Seine Ideen einer Integration der Arbeiterschaft in einem bürgerlichen Volksstaat suchte er hier ebenso zu verwirklichen, wie er es bereits vor der Jahrhundertwende als Anhänger von Friedrich Naumann im nationalsozialen Verein in München getan hatte.[14]

1.2. Die Haltung der deutschen Professoren im November 1918

Zweifellos aber befand sich Walter Goetz mit seinem politischen Engagement für eine neue staatliche Ordnung in der Minderheit. Der November 1918 sah nicht nur eine “eisige Reserviertheit der Hochschullehrer”[15] gegenüber der Revolution, auch die Vorstellung einer demokratischen Republik stieß bei den Meisten auf Ablehnung. In einer Konstellation, die sich personell bereits in ganz ähnlicher Struktur während des ersten Weltkriegs etabliert hatte - hier standen gemäßigte Anhänger eines Verständigungsfriedens einer mehrfach größeren Gruppe von Annexionisten gegenüber, die auch angesichts der immer aussichtsloser werdenden Lage des Reiches weiter einen Siegfrieden propagierten[16] - bildeten sich zwei Strömungen heraus: Auf der einen Seite die Minderheit der (Vernunft)Republikaner, liberale Gelehrte, die sich mit dem neuen Staat arrangierten oder ihn aktiv unterstützten. Auf der anderen Seite eine orthodoxe Mehrheit aus Monarchisten, Nationalkonservativen und Reaktionären, die die Republik rundweg ablehnten. Zwischen diesen beiden Gruppierungen, die sich mitunter deutlich exponierten, existierte ein breites Mittelfeld von Hochschullehrern, das zumindest in der Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar blieb. Außer Frage steht jedoch, daß diese größte Gruppe eher in Richtung der Republikgegner tendierte - und ihr latenter Einfluß auf die Stimmung an den Universitäten sowohl nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches als auch am Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme ist wahrscheinlich kaum zu überschätzen.

Ursache für diese weitgehende Ablehnung war vor allem eine über Jahrzehnte gewachsene Affinität der Hochschullehrer zum bestehenden Wilhelminischen Staat: Bereits vor dem Ende des 19. Jahrhundert war die deutsche akademische Welt insgesamt in die Rolle eines konservativen und offiziösen Establishments geraten. Die Geschichtswissenschaft war dabei insofern besonders eng an die frühere staatliche Ordnung gebunden, als sie durch ihre ‘objektiven Erkenntnisse’ der geschichtlichen Zusammenhänge die Basis zur Legitimation des Obrigkeitsstaates zu erbringen hatte, war in ihrer Geschichtsauffassung verknüpft “mit der besonderen Entwicklung Deutschlands zu einem Staat, der die Interessen von Obrigkeit und gehobenem Bürgertum verband.”[17]

In der Weimarer Republik blieb die Historiographie von Professoren dominiert, die der neuen Ordnung feindlich gegenüberstanden. Liberale oder gar sozialdemokratische Hochschullehrer bildeten eine kleine Minderheit, denn auch ohne den Druck eines kaiserlichen Obrigkeitsstaates sorgten autoritäre Universitätsstrukturen und ein konservatives Ordinarienkartell dafür, daß Geschichtswissenschaft als Beruf weiterhin vor allem “eine Domäne national gesinnter Männer blieb”[18]

Diese dominierende Mehrheit einte bei allen Unterschieden ein konservativer Nationalismus, der das Kaiserreich in der Rückschau als Garant deutscher Größe - und als Hort unabhängiger Wissenschaft ansah.

Konsequenterweise verweigerten die Universitäten nun vielfach jede Kooperation mit der Republik - mit dem Argument, die akademische Freiheit und Unabhängigkeit der Forschung zu verfechten. Federführend waren dabei diejenigen, denen es vor 1918 am wenigsten darum gegangen war, die bürokratische Monarchie an ihrem Einfluß auf die Universitäten zu hindern.[19] So blieben die deutschen Hochschulen tatsächlich “Inseln einer reaktionären republikfeindlichen Politik,”[20] allerdings mit dem nachdrücklichen credo der unpolitischen Wissenschaftsinstitution.

1.3. Die Haltung der Universität Leipzig

Auch an der Leipziger Universität sahen die Professoren ihre Unabhängigkeit und ihre Existenz durch die neue Republik bedroht. Dabei wußten sie in ihrer Ablehnung auch die Mehrheit der Studentenschaft hinter sich, die bereits früh gegen den Arbeiter- und Soldatenrat Front machte.[21]

Ausdruck fand diese Ablehnung bereits in der Weigerung des Hochschulsenats, dem von Walter Goetz mitgegründeten Leipziger Bürgerausschuß beizutreten - das Argument war die Notwendigkeit politischer Neutralität.[22] Der damalige Universitätsrektor Friedrich Kittel verteidigte vier Jahre später angesichts der anstehenden Hochschulreform erneut diese Haltung: “(...) Die Wissenschaft ist keine politische Angelegenheit und die Universität keine politische Anstalt. Politisierung der Wissenschaft und Lehre und Auswahl ihrer Vertreter nach ihrem politischem Glaubensbekenntnis wäre eben deshalb ein Unterfangen, das der Wissenschaft das Lebensmark zerstören müßte.”[23] Daß gerade die historische Forschung an den deutschen Universitäten seit Jahrzehnten einem solchen Glaubensbekenntnis unterlegen hatte, nämlich der bedingungslosen Zustimmung zum hierarchisch geordneten Obrigkeitsstaat des Kaiserreiches, wurde in der Geschichtswissenschaft kaum thematisiert - Walter Goetz bildete auch hierin eine Ausnahme.

2. Das Selbstverständnis der Historiker im Kaiserreich

Die Ursachen für das Beharren auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Weimarer Gelehrten lagen dabei weniger in einer durchdacht kalkulierten Abwehrhaltung gegen die Republik, sondern im Selbstverständnis der Professoren und in den Traditionen ihrer wissenschaftlichen Methoden begründet. Beides hatte sich bereits lange vor 1918 entwickelt und etabliert.

2.1. Die Entwicklung bis 1914

Analog zu ihrer immer festeren Bindung an das von Bismarck geschaffene Reich wurde auch das vormals starke politisches Engagement der Professoren, das 1848 noch in der Revolution und dem Paulskirchen-Parlament deutlich zutage getreten war, immer schwächer. Die Historiker stammten fast ausnahmslos aus dem Großbürgertum, aus gehobenen Beamtenfamilien oder protestantischen Pfarrhäusern.[24] Sie sahen in der 1871 geschaffenen Staatsform die Erfüllung des deutschen Einheitsgedankens, die Herstellung eines Allgemeinwohls durch die politische Integration aller Gruppen und Schichten. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit bezogen sie mehr und mehr die gesamte geschichtliche Entwicklung Deutschlands auf die nun bestehende Ordnung, ohne dabei ihren eigenen gesellschaftlichen Standpunkt zu reflektieren.[25] Unter der Maxime Leopold von Rankes, zu beschreiben “wie es wirklich gewesen ist”[26], entwickelten die Historiker der Kaiserzeit eine Deutungshoheit auf die geschichtliche Wahrheit. Daraus resultierte nicht nur der Anspruch, politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge historisch erkennen und erklären zu können, sondern auch die Befähigung, diese Erkenntnis anzuwenden, aus ihr Handlungsleitlinien für die Gegenwart zu entwickeln. So entwickelte sich ein bildungsbürgerliches Elitedenken, das die Historiker zu geistigen Führern der Nation machte.

Da die Gegenwart in den meisten Belangen ihrer Vorstellung eines Allgemeinwohls entsprach - auch wenn es tatsächlich vor allem das Wohl bestimmter Gesellschaftsschichten war - gerieten ihre ‘objektiven Erkenntnisse’ auch nicht in Konflikt mit dem bestehenden System. So konnten die Historiker das Bild des unabhängigen und von keiner politischen Anschauung geprägten Wissenschaftlers entwickeln, das ihnen vor allem in der bürgerlichen Öffentlichkeit des Kaiserreiches hohes Ansehen und damit einen nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Einfluß sicherte.[27]

2.2. Der wissenschaftliche ‘Kriegseinsatz’ 1914-18

Als im August 1914 der Weltkrieg begann, waren auch die Historiker von Kriegsbegeisterung erfüllt. Walter Goetz meldete sich wie viele seiner Kollegen freiwillig zum Militäreinsatz, der durch seine Berufung an die Leipziger Universität zunächst beendet wurde. In seiner ersten Vorlesung hob er die heilsame Wirkung des Krieges hervor:

“[Die Vorkriegszeit war durch] die Zersetzung des Partei- und Volkslebens, die kirchliche Spaltung, die Zügellosigkeit in öffentlichen Äußerungen, (...) Strebertum und Banausentum, Chauvinismus, Materialismus und die Abkehr von großen Zielen gekennzeichnet. (...) Der Kriegseintritt Deutschlands ist eine plötzliche Kundgebung der Größe, die auf der inneren Kraft und Wucht unseres Volkes [beruht].”[28]

Die Professoren sahen es nun als ‘nationale Aufgabe’ an, ihre Disziplin in den Dienst der deutschen Kriegsziele zu stellen. Mit dem in der Vorkriegszeit entwickelten Anspruch, Zugriff auf die objektiven geschichtlichen Zusammenhänge zu haben, widmeten sie sich den Fragen und Belangen der militärischen Auseinandersetzung. Aber gleich ob es um die Klärung der Kriegsschuld, die politischen Ziele der feindlichen Nationen oder mögliche Friedensperspektiven ging - die Historiker lieferten meist lediglich apologetische Propaganda ab, freilich ausführlich begründet und wissenschaftlich verbrämt.[29] Als mit fortschreitender Dauer des Krieges Zweifel an einem deutschen Erfolg stärker wurden, brach die einheitliche Front der Hochschullehrer auseinander, und es entstanden die beiden Gruppen der Annexionisten und der Gemäßigten, zu denen sehr bald auch Walter Goetz zählte.[30] Trotzdem sie nun mitunter diametral entgegengesetzte Positionen innehatten, bestanden die Professoren jeweils darauf, ihre aus wissenschaftlicher Analyse erworbene Erkenntnis als objektive Wahrheit zu bezeichnen.

Wie sehr sie sich durch diese politische Instrumentalisierung ihrer Wissenschaft im Verlaufe des Krieges diskreditierten, ist schwer festzustellen. Aber das hohe Ansehen und der Einfluß zumindest auf die bürgerlichen Schichten erscheint auch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches nur geringfügig abgeschwächt.[31] Und da die Professoren ihre politischen Anschauungen weiterhin vom Katheder aus und in zahllosen Artikeln “mit dem ganzen Gewicht ihrer fachlichen Zuständigkeit als Historiker”[32] vertraten, muß man ihnen eine erhebliche Relevanz für die geistige und politische Entwicklung auch in der Republik zusprechen. Fest steht, daß das im Kaiserreich entwickelte Selbstverständnis der historischen Wissenschaft den Krieg überdauerte und zu Beginn der Weimarer Republik stärker denn je zum Tragen kam: Die Historiker sahen sich nun mehrheitlich mit einer politischen und gesellschaftlichen Realität konfrontiert, die ihrem Staatsverständnis nicht entsprach, und entwickelten daraus eine konsequente Abwehrhaltung gegenüber der Republik.

3. Methoden der Weimarer Historiographie

Walter Goetz nahm diese ablehnenden Tendenzen auch als Krise der historischen Wissenschaften wahr, und forderte von seiner Zunft eine Auseinandersetzung mit den eigenen Methoden und Einstellungen, um sich von überkommenen Traditionen zu lösen und eine neue, objektivere Wissenschaft zu ermöglichen. In einem Vortrag aus dem Jahr 1919 formulierte er seine Thesen einer Historiographie, die allzu sehr mit den Strukturen des Kaiserreiches verbunden sei. Aus diesem Vortrag entstand eine langer Disput mit dem Freiburger Mediävisten Georg von Below, der sich schon vor und während des Weltkrieges als entschiedener Vertreter annexionistischer und später alldeutscher Standpunkte exponiert hatte.[33]

In der Debatte dieser beiden Professoren spiegelte sich nicht nur die Krise einer Historiographie, die sich methodisch wie thematisch mittlerweile in Konkurrenz zu anderen, jüngeren Disziplinen wie der Soziologie befand, welche ihr mit neuen Ansätzen mitunter den Anspruch auf gesellschaftliche Deutungshoheit streitig machten.[34] Sie offenbarte auch, daß die Historiker trotz ihrer Zweiteilung in Republikanhänger und -gegner weiterhin mit einem gemeinsamen Selbstverständnis und den gleichen Begriffen operierten und sich in methodologischer Hinsicht kaum voneinander unterschieden.

3.1. Zurück zur reinen Wissenschaft - Historiographie nach Walter Goetz

Goetz entwarf in seinem Vortrag[35] ein Panorama der Historiographie seit Leopold von Ranke. Dessen Definition von Wissenschaft sah er als noch immer existente Größe in der Arbeit des Historikers: “(Den) unerbittlichen Willen zur Unparteilichkeit und zur Erforschung der nackten Wahrheit.”[36] Das Ideal einer Geschichtswissenschaft, frei von Weltanschauungen und politischen Positionen, mußte für ihn Distanz wahren: “(...) eine Wissenschaft der Gelehrtenstuben - also eine ganz reine, dem Leben abgewandte Wissenschaft - kann nicht wohl von politischen Machttendenzen beherrscht sein.”[37] Darin sah er auch das akute Problem der Disziplin seit dem Weltkrieg - die Vermischung von Historiographie mit der Tagespolitik, die speziell seit der Niederlage und dem Beginn der Republik die eigentliche Aufgabe der Geschichtsschreibung erschwerte: “Verstehend hineinzuleuchten in die Ursachen des Unglücks und der Nation das höchste Gut in solcher Lage zu geben: Die Klarheit über sich selbst.”[38]

Goetz sah in der konsequenten Zurückweisung marxistischer Methoden und Positionen in der Historiographie seit Ende des 19. Jahrhunderts geradezu einen Präzedenzfall zu den Notwendigkeiten der Weimarer Zeit: “Zu einer sozialistischen Geschichts-schreibung, wie sie die letzten Zeiten des 19.Jahrhunderts mit sich bringen konnten, kam es innerhalb der deutschen historischen Wissenschaft nicht - gewiß nicht aus Interesselosigkeit gegenüber den neuen brennenden Fragen des Zeitalters, sondern aus einer inneren Kraft, die der Parteinahme für das Ideal einer einzelnen Bevölkerungsschicht mit Recht widerstreben mußte.”[39]

Die gleiche Problematik, wenn auch auf einer anderen Ebene, beklagte er nun angesichts einer Geschichtsschreibung, die sich mehrheitlich zu einer ablehnenden Haltung gegenüber der jungen Republik zusammengeschlossen hatte: ‘Alldeutsche Tendenzen’ unter den Historikern führten zu einer Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft, die eine Generierung objektiver Erkenntnisse verhindere. Dadurch seien der Nation die Ereignisse der jüngsten deutschen Geschichte eben nicht klar begreiflich zu machen. In einem späteren Aufsatz präzisierte er diese Tendenzen anschaulich: “Für jene Forscher danken wir den Zusammenbruch (des Kaiserreiches) nur den Revolutionären des November 1918. Das letzte, nicht aufzuhaltende Ergebnis wird zur Ursache des Ganzen gemacht! Bisher wurde den jungen Historikern gelehrt, die Ursachen der großen Ereignisse bis in die letzten Wurzeln zurückzuverfolgen. (...) Wird die Geschichte (nun) wieder zu jenem Kampfe zwischen Gut und Böse, bei dem der Beschreibende selbstverständlich auf der Seite des Guten steht? Und soll es Geschichtsforschung oder auch Vaterlandsliebe sein, wenn man weder das Weltgeschehen noch das eigene Volk begreift?”[40] Die Reflexion seiner eigenen weltanschaulichen Position ebenso wie die Erkenntnis, daß die Geschichtswissenschaft bereits zeit Jahrzehnten mit den Prädispositionen einer einzelnen Bevölkerungsschicht operierte, unterblieben in beiden Aufsätzen völlig.

3.2. Nationale Notwendigkeit - Die Geschichtswissenschaft nach Georg von Below

Georg von Below erteilte den Forderungen Goetz’ nach objektiverer Geschichts-schreibung in dem Aufsatz ‘Die parteiamtliche neue Geschichtsauffassung’[41] eine klare Absage. Eine objektive Wissenschaft könne sich nicht gänzlich von politischen Werturteilen unabhängig machen, und gerade mit einer scheinbar neutralen, tatsächlich aber höchst subjektiven Schilderung der Historiographie widerspräche die Argumentation von Walter Goetz seinen eigenen Forderungen: “(Sein) scheinbares Streben nach Objektivität ist in Wahrheit ein Kampf gegen einen ihm unwillkommenen Standpunkt.”[42] Aber obwohl er in seinem Aufsatz - wie auch in späteren Schriften - zunächst in Abgrenzung zu Goetz die Schwierigkeit einer von subjektiven Prägungen unabhängigen Geschichtsschreibung beschrieb[43], postulierte er letztlich das Zustandekommen seiner eigenen Positionen als objektive Erkenntnis. Dabei berief er sich erneut auf die besondere Stellung des historischen Wissenschaftlers, die sich vor der Jahrhundertwende etabliert hatte - im scharfen Gegensatz zu den politischen Entscheidungsträgern der Gegenwart: “Natürlich unterscheiden wir den einseitig interessierten, agitatorischen Parteimann und den allseitigen, in der Betrachtung gereiften und geweiteten wissenschaftlichen Forscher, der die Wirklichkeiten, Möglichkeiten und die Verflechtung der Dinge ineinander überschaut.”[44] Im Schlußteil seines Aufsatzes erhob er schließlich den aktiven Widerstand gegen diese ‘extremdemokratische Verfassung’ zur nationalen Aufgabe jedes deutschen Historikers, denn “es ist nur scheinbar ein Übergreifen des Historikers in die Politik, wenn wir diese Feststellungen machen. In Wahrheit berichtigen wir ja nur vom Standpunkt des Historikers jene Behauptungen, die etwas über einen bestimmten historischen Verlauf sagen wollen, und schildern den tatsächlichen Verlauf der Dinge.”[45]

Mit der Behauptung, den tatsächlichen Verlauf der Dinge beschreiben zu können, befand von Below sich letztlich exakt auf der gleichen Position wie Walter Goetz - weil beide von jeweils anderer Warte aus einen argumentativen Zirkelschluß vollzogen hatten: Goetz sprach der historischen Wissenschaft Unabhängigkeit und Objektivität zu, forderte von ihr aber gleichzeitig die Bekämpfung politisch Andersdenkender; von Below pochte auf die zeitgebundene Subjektivität des Historikers, hatte seine politischen Einstellungen aber durch objektive historische Erkenntnis entwickelt: Die Fragestellungen der Historiker würden durch politische Ideale beeinflußt - die historischen Forschungen lenkten ihr “politisches Urteil in sichere Bahnen”[46].

Der Konflikt zwischen den beiden Professoren verdeutlichte somit nicht nur die tiefe Spaltung der Historiker in zwei gegensätzliche politische Lager. Er offenbarte auch die gemeinsame Basis ihrer Ansichten: Die anerkannte, aber letztlich unreflektierte Symbiose von Geschichte und Politik, die sich im Kaiserreich etabliert und gefestigt hatte und die verhinderte, daß sich die Geschichtswissenschaft modernisierte.

3.3. Stagnation der Disziplin

So gehörte zwar die kritische Forderung nach neuen Ansätzen der Historiographie zu den durchaus häufiger auftretenden Topoi der Einleitungen historiographischer Publikationen in der Weimarer Zeit[47]. Tatsächlich aber wurde historische Wissenschaft auch weiterhin unter den Paradigmen des 19. Jahrhunderts betrieben: Primat der Außenpolitik und Betonung des Individuums. Die Themen der Zeitgeschichte, die von der Revolution 1848 bis zum Zusammenbruch 1918 reichten, wurden zumeist unter diesen Prämissen behandelt.[48] Dabei taten die republikfeindlichen Professoren nicht nur alles, um die Kluft zu vergrößern, die das Weimarer Deutschland von seinen vorrevolutionären Vorläufern trennte, sondern sie versuchten auch, diese Vorläufer geschlossener und einheitlicher erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit gewesen waren.[49] Das hatte unter anderem zur Folge, daß der Untergang des Kaiserreiches nach der Argumentation vieler Historiker nicht strukturell zu erklären war. Nicht die fehlende Demokratisierung hatte zur Krise geführt, sondern die Weigerung der Sozialdemokraten und anderer Gruppen, die Kriegsziele weiterhin konsequent zu unterstützen[50] Damit arbeiteten die Historiker mit an der Dolchstoßlegende[51]. Methodisch waren aus dieser Perspektive aber kaum Neuerungen möglich.

Schon im sogenannten Methodenstreit ab 1893 um die typologisierenden Ansätze von Karl Lamprechts ‘Deutscher Geschichte’ machte die Historiographie Front gegen solche ‘materialistischen’ Geschichtsauffassungen.[52] Dabei wurde ihr zwar die Kritik durch die unsaubere Arbeitsweise und generalisierenden Thesen Lamprechts erleichtert[53], eine Auseinandersetzung mit kulturgeschichtlichen Überlegungen fand aber praktisch nicht statt.

In der konsequenten Abwehrhaltung neuen Ansätzen gegenüber, die sich bis zur Kritik an der als ‘Dilettantendisziplin’ stigmatisierten Soziologie verfolgen läßt, wurde die Krisis des bürgerlichen Geschichtsdenkens, vielleicht des späten Bürgertums allgemein sichtbar. Möglicherweise lag die starke Skepsis der Historiker gegenüber der neuen Disziplin auch in ihrer Unfähigkeit, die eigenen, nur soziologisch faßbaren Bedingungen ihres Denkens zu reflektieren. Fest steht, daß das Ende des Kaiserreiches und der politische Systemwechsel zu keiner wirklichen Neuorientierung der Fachhistorie führte.[54] Selbst die eher republikanisch orientierten Historiker wie Walter Goetz waren nicht in der Lage, gesellschaftliche Realität neu zu begreifen und diese in ihre Ansätze einfließen zu lassen, auch wenn er sich Ende der Zwanziger Jahre als Herausgeber der Propyläen-Weltgeschichte zumindest thematisch sozialgeschichtlichen Fragen öffnete[55]. Die Gründe für diese Unfähigkeit lagen in ihren Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, die wie ihre Methoden und Fragestellungen noch in der Kaiserzeit wurzelten.

In einem abschließenden Exkurs über den Weimarer Kreis und Walter Goetz’ Engagement sollen diese Vorstellungen anhand von zentralen Begriffen deutlich gemacht werden.

4. Der Weimarer Kreis

4.1. Das Bekenntnis zur Verfassung

Am 23. und 24. April 1926 kamen in Weimar etwa fünfzig Hochschullehrer zusammen, um gemeinsam “über die Aufgaben der Hochschullehrer im öffentlichen Leben und die Pflichten zu beraten, die der Ernst der Zeit den Hochschullehrern auferlegt.”[56] Initiiert unter anderem von Friedrich Meinecke und Hans Delbrück verkörperte diese Tagung, die in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt und unter dem Namen ‘Weimarer Kreis’ bekannt wurde den Versuch, Professoren unter einer gemeinsamen Maxime zusammen-zubringen: dem Bekenntnis zur bestehenden Staatsordnung. Dabei sollte es ausdrücklich gleichgültig sein, ob dieses Bekenntnis aus zögerlicher Einsicht resultierte, oder hervorging “aus einer aufrichtigen Begeisterung für die hohen ethisch-politischen Ideale einer Selbstregierung der Völker”.[57] Hinter dieser Sammlung unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Republiktreue stand zum einen die Überlegung, ein Gegengewicht zu schaffen zu der erdrückenden Mehrheit von Professoren, die den bestehenden Staat ablehnten: “Wir sollten eine Bresche brechen in den anderen Wall, der zwar unsichtbar aber sehr fest, aus Vorurteilen und Verkennungen aller Art angehäuft, eine große Zahl unserer Kollegen verhindert, dem heutigen Staate freudig und überzeugt zu dienen.”[58] Zum anderen war das Ziel, die deutsche Nation um den Staat zu sammeln, “über alle sozialen Klassen und religiösen Bekenntnisse hinweg, (...) um die Wiedererhebung und Befreiung des deutschen Volkes (...) zu erreichen.”[59] Walter Goetz nahm an der Tagung teil und unterschrieb ihre Entschließung, auf dem folgenden Treffen im April des folgenden Jahres hielt er einen Vortrag.[60] In seinen Erinnerungen aber taucht der Kreis republiktreuer Hochschullehrer nirgendwo auf, obwohl er selbst noch kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung die letzte Tagung in Leipzig organisierte. Womöglich ist der Grund dafür die umfassenden Erfolglosigkeit der Organisation: Der einzige großangelegte Versuch, reichsweit ein schriftliches Bekenntnis der deutschen Professoren zur Weimarer Verfassung durchzusetzen, scheiterte 1927.

Die Idee einer Integration möglichst vieler Hochschullehrer hatte die Konsequenz, daß die Definition der Republiktreue jeglicher Trennschärfe entbehrte: “Die Schwierigkeit einer Stellung zwischen rechts und links (...) verringerte beträchtlich die Überzeugungskraft ihrer politischen Schriften.”[61] Diese schwache Definition war möglicherweise notwendig, weil selbst die Weimarer Vernunftrepublikaner keine enthusiastischen Demokraten waren. “Sie fanden sich einfach resignierend mit dem ab, was sie für unvermeidlich hielten.”[62] Viel gravierender aber war die in der Einladung und dem Tagungsvortrag Friedrich Meineckes postulierte Programmatik einer nationalen Sammlung, einer vermeintlich ‘entpolitisierten’ nationalen Harmonie, die zwar dem offiziellen idealistischen Politikverständnis der meisten deutschen Hochschullehrer im Kaiserreich und in der Weimarer Republik entsprach, die aber letztlich jede Auseinandersetzung mit den Realitäten der Massendemokratie verhinderte: Die politischen Begriffe, mit denen die Mitglieder des Weimarer Kreises operierten, waren identisch mit denen der Republikgegner. Sie konnten die Republik nicht adäquat beschreiben.

4.2. Der Nationsbegriff

Die deutschen Historiker hatten über Jahrzehnte die Nation immer wieder vor allem als Kulturbegriff gefaßt. Angesichts des Defizits revolutionärer und emanzipatorischer Tradition stellte sich ein Nationalgefühl in ihren Augen durch die großen Leistungen des ‘deutschen Geistes’ auf den Gebieten der Kunst und der Wissenschaft her. Politisch generierte es sich hauptsächlich in der romantischen Verklärung einer mitunter weit zurückliegenden Vergangenheit, die aber mit den tatsächlich existenten politischen Verhältnissen kaum in Verbindung stand. Während des Weltkrieges kulminierten diese Vorstellungen in der Abgrenzung zu den feindlichen westeuropäischen Demokratien, allen voran Frankreich. Im Gegensatz zu dessen ‘revolutionären’ Nationsbegriff stand das deutsche Verständnis von Nation als “dem idealistischen Pflichtgedanken und dem romantischen Individualitätsgedanken verbunden.”[63]

Auch die gemäßigten Historiker in Weimar sahen die Idee der deutschen Nation nicht durch die Republik verwirklicht. Angesichts einer immer stärkeren Zersplitterung gesellschaftlicher Gruppen setzten sie die ‘Volksgemeinschaft’ als integrierenden Begriff nationaler Einheit, der auch auf den Vorträgen des Weimarer Kreises mehrfach bemüht wurde[64] Bezeichnenderweise tauchte der Begriff ‘Gesellschaft’ praktisch nirgendwo in ihren Schriften auf. Mit den Schlagwörtern Volksgemeinschaft oder Volksgeist versuchten sie so, die Nation als eine Einheit zu veranschaulichen, die de facto nicht mehr existierte, bzw. in Deutschland so nie existiert hatte. Die Vorstellung von einer einheitlichen, vor allem von politischen Gegebenheiten unabhängigen Nation resultierte aus einem Begriff der staatlichen Gemeinschaft, der aus dem Kaiserreich stammte und in dem sie sich ebenfalls mit den Gegnern der Republik trafen.

4.3. Der Staatsbegriff

Der preußisch-deutsche Staat von 1871 galt den meisten Historikern noch in der Weimarer Republik als Erfüllung des Nationsstrebens, trotz der Halbheit des Erreichten im Sinne einer fehlenden Demokratisierung. Auch Walter Goetz, der schon vor 1918 immer wieder die Notwendigkeit demokratischer Reformen anmerkte, hatte nicht über das bestehende System hinausgedacht. “Im Grunde seiner Seele war er national und kaisertreu gesonnen. (...) [Die politische Ordnung] wurde von ihm nicht in Frage gestellt und konnte wohl auch nicht aufgrund von Erziehung und persönlichen Interessen angezweifelt werden..”[65] Aus dem Prozeß der Reichseinigung entwickelte sich im Bürgertum unter Bismarck die Vorstellung eines Staates, der durch Integration aller Gruppen und Schichten für ein Allgemeinwohl sorgen konnte. “(Dieser) Staat hatte so einen besonderen Akzent, er war es, der Dauer gegen die Wirrnisse der Gesellschaft sicherte, der das Gemeinwohl über Egoismen und Klasseninteressen stellte und darum sozialer Staat war, der - paradox - die Freiheit des Individuums vor der Überwältigung durch gesellschaftliche Mächte schützte, der Kultur und Bildung pflegte.”[66] Ein solches Staatsverständnis, in dem Politik nicht zuerst der Konflikt unterschiedlicher Interessen war, sondern überparteilich wirkte, funktionierte in der Weimarer Republik nur noch als Anachronismus.

Zudem determinierte es die Sicht auf die nun politische Macht ausübenden Gruppen: Demokratische Parteien, die als Interessengruppen wirkten und ihr Ziel anscheinend nicht darin sahen, ein höheres Allgemeinwohl anzustreben. Daraus resultierte eine weitgehende Abneigung auch der vernunftrepublikanischen Historiker gegenüber dem parlamentarischen System der Republik.

4.4. Demokratieverständnis

Bereits im Kaiserreich hatte Walter Goetz versucht, die Arbeiterschaft für den Wilhelminischen Staat zu gewinnen. Die Bismarcksche Reichskonstruktion sollte vor einer drohenden, nicht zu vermittelnden Trennung bewahrt werden. Mit Hilfe kultureller Aktivitäten sollten die Arbeiter auf das kulturelle Niveau der Bürger gehoben werden, um eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden gesellschaftlichen Schichtungen herzustellen. Auch in der Weimarer Republik setzte er der für ihn chaotischen Demokratie der Massen eine Integration derselben durch die besitzenden und gebildeten Klassen entgegen. In dieser Vorstellung fungierte das Bildungsbürgertum als erziehende Instanz des Proletariats.[67]

Das deckte sich zum Einen mit dem traditionellen Selbstverständnis der Historiker, als geistige Führer der Nation zu dienen, zum Anderen mit dem Staatsverständnis des Kaiserreiches, das ein Gemeinwohl nicht über Konflikte, sondern über harmonische Integration herstellen sollte. Hinter dem Versuch der Nivellierung gesellschaftlicher Gegensätze in der Weimarer Republik verbarg sich letztlich ein Demokratieverständnis, das den gegebenen Verhältnissen nicht entsprach und im eigentlichen Sinne das Ideal der Überparteilichkeit anstrebte.[68] Walter Goetz’ Arbeit in der Deutschen Demokratischen Partei bestand so auch vor allem aus Gesprächen unter vier Augen, weniger aus einem parlamentarischen Engagement.[69] Das vormoderne, letztlich elitär-oligarchische Moment in seiner Vorstellung von Demokratie hatte er mit den anderen Professoren des Weimarer Kreises gemein. Oft wurde der Begriff auch ersetzt oder ergänzt durch den der Führerschaft, denn eine Selbstorganisation der Massen erschien undenkbar. “Die Geschichte zeigt es auf jeder Seite, daß die Masse an sich handlungsunfähig ist. Sie bedarf der Leitung, sie sehnt sich (...) nach ihrem Führer. Der Ruf nach einem Führer ist wie ein geschichtliches Gesetz.”[70]

So kämpften die republikanisch gesinnten Historiker der Weimarer Zeit nicht für Demokratie in einem modernen Sinne, sondern primär darum, die in ihren Augen geteilte Nation wieder zu vereinen, gleich unter welcher staatlichen Ordnung. “Das schlechthin notwendige ist der Staat als solcher, nicht die Staatsform.”[71] Zumindest die Einigung des deutschen Volkes sollte wenige Jahre später in Erfüllung gehen - unter Umständen, denen die Mehrheit der Historiker durchaus zustimmte. Denn als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, glaubten die meisten Professoren, daß nun auch wesentliche ihrer eigenen politischen Ziele realisiert oder ihrer Realisierung zumindest einen wesentlichen Schritt näher gekommen waren.[72] Die Mitglieder des Weimarer Kreises hatten sich die Form der nationalen Einigung sicher anders vorgestellt, und so hatte Walter Goetz zugleich Recht und Unrecht, als er 1924 schrieb: “Täusche ich mich nicht, so wächst bereits eine jüngere Generation heran, (...). Und diese junge Historikerschar, wird in dem neuen Deutschland, wie es auch sei, ihr Vaterland und ihren Staat erkennen.”[73]

5. Schluß

Die demokratisch gesinnten deutschen Historiker, mit ihnen Walter Goetz, konnten den Aufstieg Hitlers nicht behindern. “Es war eine vollkommen vergebliche Sache, an der Universität gegen den Nationalsozialismus aufzutreten, denn ein erheblicher Teil der Dozentenschaft, neigte den Idealen dieser (...) Partei zu oder hatte keinerlei Lust, sich gegenüber der sichtbar aufsteigenden Macht die Finger zu verbrennen.[74] Goetz, in den letzten Jahren Weimars zusammen mir Friedrich Meinecke die treibende Kraft unter den republiktreuen Professoren, war zwar zum Zeitpunkt der Machtergreifung bereits emeritiert, hatte aber noch zeitweise Repressalien aufgrund seines politischen Engagements zu ertragen. Nach dem Ende des Dritten Reiches beteiligte er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters - er war 1945 bereits 78 Jahre alt - am Neuaufbau der historischen Wissenschaft in Deutschland.

Er hatte früher als die meisten anderen Historiker die Notwendigkeit demokratischer Reformen im Kaiserreich erkannt, und befand sich später mit seiner zustimmenden Haltung zur Republik in der Minderheit an den Hochschulen. Aber obwohl sein Bekenntnis zum System von Weimar mit Sicherheit ehrlich war, kam er in seinen Vorstellungen, Begriffen und Methoden nicht über die Zeit des Kaiserreiches hinaus.[75] Dessen Prägungen dominierten die historische Wissenschaft auch nach 1918 in allen Bereichen, sie verhinderten eine Neuorientierung und Modernisierung der Disziplin nachhaltig. Walter Goetz’ Engagement in der Politik war davon ebenfalls beeinflußt, und wirkte wiederum auf sein Verständnis von Geschichte zurück.[76] Trotz seiner politisch entgegengesetzten Haltung zu den meisten Universitätshistorikern teilte er mit diesen in weiten Teilen das gleiche Verständnis von Staat, Nation und Geschichte[77]

Die Krise der Weimarer Republik war also zugleich eine Krise der historischen Wissenschaft. Sie war bereits nach 1871 mit der immer stärkeren Anpassung an den preußischen Obrigkeitsstaat entstanden, und kulminierte schließlich in der problemlosen Gleichschaltung der Disziplin 1933.[78] Auch Historiker wie Goetz, die diese Krise erkannten und zum Teil benannten, konnten sie nicht lösen, waren zu sehr durch ihre ‘gedanklichen Prädispositionen’[79] an die Zeit vor der Republik gebunden. Sie entsprachen damit ungewollt der Forderung, die Georg von Below schon 1916 an die Historiker richtete:

“Mehr als die meisten anderen Wissenschaften verlangt die Geschichte eine reiche und zugleich geschlossene, ausgesprochene Persönlichkeit. (...) Heute aber, bei den mancherlei Versuchungen zur Untreue, wird vollends die Mahnung an den Historiker am Platz sein, sich treu zu bleiben und die eigene Lebensgeschichte nicht durch Brechung der Linie zu mindern.”[80]

Literaturverzeichnis

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[...]


[1] Walter GOETZ: Die deutsche Geschichtsschreibung der Gegenwart (Die deutsche Nation, 01.09.1924) In ders.: Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze. Köln/Graz 1957 (S. 415-424), S. 415/416

[2] Walter Wilhelm Goetz, geb. 11.11.1867 in Leipzig, gest. 30.10.1958 in Adelholzen (Bayern). Promotion 1890, Habilitation 1895 in Leipzig; Professor in Tübingen, Straßburg und Leipzig (Leitung des Institus für Kultur- und Universalgeschichte). Emeritierung 1933, nach Ende des 2. Weltkrieges erneute Professur in München.

[3] GOETZ 1924, S. 419

[4]An der Zuverlässigkeit von Walter Goetz in politicis, an dem Engagement für die Weimarer Republik gibt es keinen Zweifel (...).” (WEIGAND, Wolf Volker: Walter Wilhelm Goetz 1867-1958. Eine biographische Studie über den Historiker, Politiker und Publizisten. Boppard am Rhein 1992, S. 245)

[5] Zum schwierigen Begriff der Moderne vgl. Detlev J. K. Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne. Frankfurt a.M. 1987. S.266f

[6] Vgl. DÖRING , Herbert: Der Weimarer Kreis. Studien zum politischen Bewußtsein verfassungstreuer Hochschullehrer in der Weimarer Republik. Meisenheim am Glan 1975, Vorwort, S.V

[7] Aufruf in der Vossischen Zeitung, Berlin, Nr 591, 18.November 1918, unterschrieben von Walter Goetz, Friedrich Meinecke, Hermann Oncken, Albert Einstein und anderen; zit. nach TÖPNER, Kurt: Zusammenbruch und staatlicher Neuaufbau nach 1918 im Urteil deutscher Hochschullehrer. Ein Beitrag zum Zeitgeist der frühen Weimarer Republik. Erlangen, Univ., Diss., 1966, S.441

[8] GOETZ, Walter: Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze. Köln/Graz 1957HimZ, S.56

[9] WEIGAND, S.188

[10] Vgl. ARNDT, Helmut: Die Universität von 1917 bis 1933. Novemberrevolution und Weimarer Republik. In: Alma Mater Lipsiensis. Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. Herausgegeben von Lothar RATHMANN; Leitung des Autorenkollektivs: Siegfried HOYER. Leipzig 1984.

S.229-260, hier S.232; auch SCHLEIER, Hans: Die bürgerliche Geschichtsschreibung in der Weimarer Republik. Köln (Berlin) 1975, S.37.

[11] Vgl. GOETZ, HimZ, S.56/57. Er organisierte u.a. auch einen Ärztestreik, um den Arbeiter- und Soldatenrat zur Aufgabe zu zwingen. Nach Weigand war dieser erfolgreich, Arndt bestreitet das. (Vgl. WEIGAND, S.187/188; ARNDT, S.260); Kittel beschreibt den Arbeiter- und Soldatenrat ähnlich lächerlich, vgl. KITTEL, Rudolf: Die Universität Leipzig im Jahr der Revolution 1918/19. Stuttgart/Leipzig 1930, S.34f

[12] MEINECKE, Friedrich: Nach der Revolution. Geschichtliche Betrachtungen über unsere Lage. München/Berlin 1919, S.60

[13] Vgl. RINGER , Fritz K.: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933. Stuttgart 1983, S.186: “Unter den liberalen Parteien war die DDP das Hauptorgan der republikanisch gesinnten Gelehrten.” Goetz gibt in HimZ, S.57 seine Wahl in den Reichstag für den Herbst 1919 an, was aber aufgrund der Wahltermine nicht möglich erscheint. Vgl.WEIGAND, S.203

[14] Zu Goetz’ Arbeit in der DDP ausführlich WEIGAND; S.219ff. Zu Friedrich Naumann und dem nationalsozialen Verein vgl. Peter THEINER: Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland (1860-1919). Baden-Baden 1983

[15] TÖPNER, S.412

[16] Döring sieht in diesem Konflikt die “entscheidende politische Trennungslinie” bis zum Ende der Republik. (Vgl. DÖRING, S.IV) Thiessenhusen folgt in der Bezeichnung der Gruppen Fritz Fischer und unterscheidet zwischen Annexionisten und Gouvernemental-Liberalen (vgl. THIESSENHUSEN, Karen: Politische Kommentare deutscher Historiker zur Revolution und Neuordnung 1918/19. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung ‘Das Parlament’) Nr.45, November 1969, hier S.5f)

[17] IGGERS,.Georg G.: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen 1996², S.27; vgl. auch RINGER, S.119

[18] SCHÖTTLER, Peter (Hrsg.): Geschichte als Legitimationswissenschaft 1918-1945. Frankfurt a.M. 1997, S.7; vgl. auch TÖPNER, S.413

[19] RINGER, S.77

[20] ARNDT, S.143; allerdings bleibt fraglich, ob diese Inseln tatsächlich von revolutionären Massen umflutet wurden, wie Arndt beständig suggeriert.

[21]Der Ausbruch der Novemberrevolution sah die Mehrheit der Leipziger Studentenschaft sofort im Lager der Konterrevolution.” (ARNDT, S.143) Diese angebliche Gruppe der ‘Konterrevolutionäre’, der letztlich alle Nicht-Sozialisten zugerechnet werden, erscheint allerdings wenig erhellend und schränkt mitunter die Perspektive ein: “Der Gegensatz zwischen liberalen und konservativen Positionen wird als weit weniger bedeutsam angesehen als der zwischen dem diese beiden durch gemeinsame kapitalistische Interessen vereinigenden Lager einerseits und der sozialistischen Bewegung andererseits.” Andreas Dorpalen: Geschichtswissenschaft in der DDR; in: FAULENBACH, Bernd: Deutsche Geschichtswissenschaft zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur. In ders. (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in Deutschland. Traditionelle Positionen und gegenwärtige Aufgaben. S.66-85, hier S.129

[22] ”[ Dies] sei ein politisches Unternehmen, während man dem Leipziger Soldatenrat gegenüber ausdrücklich die Universität als unpolitisches Unternehmen hingestellt habe.” (04.12.1918) UAL, Akten des Akademischen Senats 01.1915-12.1919, Film Nr.180; zit. nach FRIEDRICH, Cathrin: Erich Brandenburg. Historiker zwischen Wissenschaft und Politik. Leipzig 1998, S.89

[23] KITTEL, Rudolf: Die Universität Leipzig und ihre Stellung im Kulturleben. Dresden 1924, S.42

[24] Vgl. THIESSENHUSEN, S.6

[25] Vgl. FAULENBACH, Geschichtswissenschaft, S.70f. Thiessenhusen spricht von “staatstragenden Anerkennern des Bestehenden” (vgl.THIESSENHUSEN, S.4)

[26] Zit. nach IGGERS Geschichtswissenschaft, S.18

[27] Vgl. FAULENBACH, Geschichtswissenschaft, S.67

[28] Vorlesung vom 29. Oktober 1915, zit. nach WEIGAND, S.161

[29] Als Beispiel unter vielen: HINTZE, Otto / MEINECKE, Friedrich / ONKEN, Hermann / SCHUMACHER, Hermann (Hrsg.): Deutschland und der Weltkrieg. Leipzig/Berlin 1915. “In diesem Sinne haben wir es für unsere Pflicht gehalten, mit den Mitteln der Wissenschaft, mit deren Handhabung wir durch lange Friedensarbeit vertraut sind, in der ruhigen und objektiven Art, welche diese Kriegszeit überhaupt gestattet, die umstrittenen Hauptfragen des Krieges zu behandeln.”(HINTZE, Vorwort, S.IV)

[30][Walter Goetz] vollzog wie andere die Wendung vom Propheten des ‘Siegfriedens’ zum Befürworter eines ‘Verständigungsfriedens’ und politischer wie sozialer Reformen im Innern.”(ARNDT, S.229). Allerdings war er sehr früh im Lager der Gemäßigten, vgl. WEIGAND, S.167f

[31] Vgl. FAULENBACH, Geschichtswissenschaft, S.6; auch THIESSENHUSEN, S.53f

[32] THIESSENHUSEN, S.53

[33] Vgl. zu v. Below Otto Gerhard Oexle: Ein politischer Historiker. Georg von Below (1858-1927); in: Notger Hammerstein (Hrsg.): Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900. Wiesbaden 1988

[34] Vgl. THIESSENHUSEN, S.6: “Viele (traten) der 1919 als wissenschaftliche Disziplin an Universitäten eingeführten Soziologie mit äußerster Skepsis (...) gegenüber.

[35] GOETZ, Walter: Die deutsche Geschichtswissenschaft des letzten Jahrhunderts und die Nation (Vortrag vor der Gehe-Stiftung in Dresden im Oktober 1919) In ders.: Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze. Köln/Graz 1957, S.88-111

[36] ebenda, S.94

[37] ebenda, S.90

[38] ebenda, S.104

[39] ebenda, S.100

[40] GOETZ, Walter: Die deutsche Geschichtsschreibung der Gegenwart (Die deutsche Nation, 01.09.1924) In ders.: Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze. Köln/Graz 1957, S.415-424, S.419

[41] v. BELOW, Georg: Die parteiamtliche neue Geschichtsauffassung. Ein Beitrag zur Frage der historischen Objektivität. Langensalza 1920

[42] ebenda S.29

[43] ebanda, S.28f.; Auch in dem Buch Die deutsche Geschichtsschreibung. Von den Befreiungskriegen bis zu unseren Tagen. München/Berlin 1924, S.116: “Eine Verknüpfung von Tatbeständen kann ohne Werturteile nicht vorgenommen werden.

[44] ebenda, S.37

[45] ebenda, S.62/63; Vgl. dazu auch SCHLEIER, Bürgerl., S.65: ” In der verzerrten Begriffswelt der Deutschnationalen galt die eigene Geschichtsschreibung als ‘national’, die pseudoliberale, die ‘demokratische’ dagegen als ‘politisch’ oder gar ‘parteiamtlich’.”

[46] ebenda, S.23

[47] Vgl. FAULENBACH, Geschichtswissenschaft, S.66

[48] Vgl. dazu ausführlich FAULENBACH, Bernd: Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. München 1980, S.42f

[49] Vgl. RINGER, S.205

[50] Georg v. Below prägte für diese den Begriff der “Fermente der nationalen Dekomposition” - Vermassung, Judentum, Partikularismus etc. (Vgl. Georg v. BELOW: Deutsche Reichspolitik einst und jetzt. Tübingen 1922, S.47; auch BELOW, Geschichtsauffassung, S.60

[51] Vgl. dazu ausführlich THIESSENHUSEN, S.22f

[52] Zu Lamprecht vgl. Hans SCHLEIER: Der Kulturhistoriker Karl Lamprecht, der Methodenstreit und die Folgen; in: Karl LAMPRECHT: Alternative zu Ranke. Schriften zur Geschichtstheorie. Leipzig 1988; auch Goetz lehnte Lamprecht ab: “Die Arbeiten [der Lamprecht-Schule] werden nicht als ernsthafte Wissenschaft angesehen”Walter GOETZ: Geschichte und Kulturgeschichte. Leipzig 1910, S.4f

[53] Max Weber kritisierte Lamprecht deswegen scharf: “Er hat es auf dem Gewissen, daß eine gute Sache: die stärkere Hinwendung der historischen Arbeit auf dem Gebiet der Begriffsbildung, für Jahrzehnte kompromittiert ist.” Zit. nach IGGERS, Geschichtswissenschaft, S.27

[54] Vgl. FAULENBACH, Geschichtswissenschaft, S. 66

[55] Vgl. SCHÖNWÄLDER, S.218

[56] Entschließung der Tagung vom 24.04.1926; zit. nach DÖRING, S.485

[57] Einladungsschreiben zur Tagung am 23./24.04.1926; zit. nach DÖRING, S.483/484

[58] Friedrich Meinecke in: Die deutschen Universitäten und der heutige Staat. Referate, erstattet auf der Weimarer Tagung deutscher Hochschullehrer am 23. und 24.April 1926 von Wilhelm Kahl, Friedrich Meinecke, Gustav Radbruch. Tübingen 1926

[59] Einladungsschreiben zur Tagung am 23./24.04.1926; zit. nach DÖRING, S.483/484

[60] Vgl. SCHLEIER, Bürgerl., S.170/171

[61] THIESSENHUSEN, S.34

[62] RINGER, S.183

[63] TROELTSCH, Ernst: Der Geist der deutschen Kultur. In: HINTZE, Otto et al. (Hrsg.): Deutschland und der Weltkrieg. Leipzig/Berlin 1915, S.86

[64] Vgl. u.a. Walter GOETZ: An die alten Freunde!; In: Die Hilfe, Nr.48, 24.Jg., 28.11.1918, S.570; auch Friedrich MEINECKE in: Die deutschen Universitäten, S.19

[65] WEIGAND, S.42

[66] Thomas NIPPERDEY: Die deutschen Professoren und die deutsche Politik. Der deutsche Eigenweg. In: Deutsche Geschichte 1866-1918. Band 1. München 1998 (1990) S.590-601, hier S.592

[67] Vlg. WEIGAND, S.191

[68] Walter Goetz sah denn auch die DDP als ‘überparteilich’, Vgl. WEIGAND, S.214

[69] Vgl. WEIGAND, S.206f

[70] Walter Goetz: Dt. Demokratie, S.17f; zit. nach DÖRING, S.186/187

[71] MEINECKE in: Die deutschen Universitäten, S.26

[72] Vgl. SCHÖNWÄLDER, S.268; auch Hans Rothfels schreibt in der Rückschau: “Es kann nicht bezweifelt werden, das in dem republikanisch-demokratischen Staatswesen wie dem parlamentarischen System gegenüber scharf ablehnende Haltung vieler Historiker ein Punkt der Affinität zur NS-Propaganda bestand.” (Hans Rothfels: Geschichtswissenschaft in den 30er Jahren; zit. nach Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München 1989, S.43/44

[73] GOETZ 1924, S.424

[74] GOETZ, HimZ, S.78

[75]Walter Goetz war Historiker seiner Zeit, und ‘seine Zeit’ war vor allem die Epoche des Deutschen Reiches von 1871.” (WEIGAND, S.371)

[76](Es) bleibt festzuhalten, daß geschichtstheoretische und politische Überlegungen bei ihm eng miteinander verknüpft waren.”(WEIGAND, S.279)

[77] Vgl. RINGER, S.9: “(Es) beeindruckte mich die Einheitlichkeit und nicht die Verschiedenartigkeit im Denken der deutschen Gelehrten.” Bernd Faulenbach spricht von einer ‘ Kollektivmentalität der Historikerzunft’. (Vgl. FAULENBACH, S.79)

[78](So) wurde die akute Krise von 1933 zum letzten Stadium der chronischen Krankheit historischen Forschens in Deutschland” (Arthur Rosenberg: Die Aufgabe des Historikers in der Emigration, S.207; zit. nach Schulze, S.45)

[79] WEIGAND, S.374

[80] von BELOW, Geschichtsschreibung, S.160/161

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2003
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v108778
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Universität Leipzig
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Probleme Positionen Geschichtswissenschaft Weimarer Republik Berücksichtigung Historikers Walter Goetz

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Titel: Probleme und Positionen der Geschichtswissenschaft in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung des Historikers Walter Goetz