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Vergleich der Revolutionen auf dem Mars in A.N. Tolstojs "Aelita" und in Russland 1917

Seminararbeit 2003 14 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vergleich der Protagonisten

3 Voraussetzungen für die Revolutionen

4 Ablauf der Revolutionen
4.1 Auslösung und erste Erfolge
4.2 Die Rolle des Arsenals
4.3 Gegenschlag und Niederlage

5 Zusammenfassung

6 Literatur

1 Einleitung

Fünf Jahre nach dem Revolutionsjahr 1917 erschien 1922 Tolstojs utopischer Roman „Aélita“, der neben einer hüufig diskutierten Liebesgeschichte von einer (aber geschei­terten) Revolution handelt, in der der Übergang von einem absolutistischen Regime zu einem sozialistischen System geschaffen werden soll. Trotz dieser zeitlichen Nahe gibt es bisher keine Literatur, die eventuell vorhandene Zusammenhange untersucht; mit ande­ren Worten stellt sich die Frage: Hat Tolstoj die russische (Oktober-)Revolution in seinen Roman projiziert?

Diese Arbeit mochte diese Frage mit dem Vergleich der beiden Revolutionen beant­worten. Maßstabe des Vergleichs sind dabei die Protagonisten der Revolutionen, ihre Vor­aussetzungen/Hintergrunde und ihr Ablauf; die Gliederung entspricht dieser Aufzahlung.

2 Vergleich der Protagonisten

Im Jahr 1917 regierte in Russland die letzte große absolutistische Monarchie Europas. Zar Nikolaus II. und die Aristokratie hatte uneingeschrünkte Macht, das Volk spielte in politischen Entscheidungsprozessen keine Rolle. Legitimiert wurde dieses System allein durch die Abstammung, was langfristig zur Folge hatte, dass die herrschenden Familien die Bedurfnisse des ubrigen Volkes aus den Augen verlieren.

Ein weiteres Problem war die Fuührungsschwaüche Nikolaus II. Ünter seiner Herrschaft verlor die Zarenfamilie an Reputation und Respekt, da die Politik meist in den Hünden des Münches Rasputin lag, der seinen Einfluss am Hof zu seinem eigenen Vorteil nutzte.

Die miserable wirtschaftliche Lage, eine absehbare militüarische Niederlage Russlands im Krieg gegen Deutschland und seine Verbundeten sowie das politisch Machtvakuum (insbesondere nach dem Ende der Monarchie hatte die provisorische Regierung kaum Einfluss) nutzte Lenin fuür eine Revolution, die das erste Mal die Verlierer der Monarchie, Bauern, Soldaten und Arbeiter an die Macht bringen sollte. Diese Revolution war von langer Hand im Exil geplant und konnte mit seiner Ruckkehr durchgefuhrt werden.

Als charismatischer Populist hatte er mit seinen Aprilthesen“ ( Friede, Land und Brot“, „Alle Macht den Räten“) auch keine Schwierigkeiten, den Großteil des Volkes auf seine Seite zu ziehen.

Tuskub, der „Hächste Rat der Ingenieure“ und seine Anhanger, die Nachkommen der Magazitlen, repräsentieren die herrschende Klasse des Marses. Diese laßt sich durchaus mit der russischen Aristokratie vergleichen: Auch hier herrscht eine Bevälkerungsschicht, die ihren Herrschaftsanspruch mit ihrer Abstammung begrändet und Industrie und Landwirt­schaft unter Kontrolle hat: Der Stamm Gor, die Nachkommen der Magazitlen (irdischer Einwanderer), herrscht uber die Nachkommen der Aolen (marsianische Ureinwohner). In diesen Kontext lassen sich Anspielungen Tolstojs bezuglich der Erkennungsmerkmale die­ser Stämme integrieren: Wie sich auf der Erde „blaublätige“ Adlige und (politisch) „rote“ Arbeiter und Bauern gegenüberstehen, ist diese farbliche Kennzeichnung auf dem Mars absolut die selbe, sogar nicht nur symbolisch, sondern sichtbar durch die Hautfarbe. Der herrschende Stamm Gor ist blau,

„Магацитлы взяли девственниц Аолов и родили от них голубое племя Гор.“[1] die unterdruckten Aolen haben eine rote Haut:

„Он видел дрожащие лица, умоляющие глаза, полные слез, красные, как редиски, облезлые черепа. Это все были-рабочие, чернь, беднота. “[2]

Die Rolle des Zaren auf dem Mars spielt Tuskub:

Als Kopf des „Höchsten Rates“ hat er die Funktion eines absolutistischen Regierungs­chefs. Damit ist ihm auch das Oberkommando uber die Streitkräfte gegeben. Er wohnt abseits vom Volk in einem schlossahnlichen Anwesen, umsorgt von Dienern. Aber sogar diesen Dienern ist er fremd, geheimnisvoll und furchterregend (z.B. traut sich Ihoska nicht, die geheimen Besprechungen des Rates zu verfolgen[3] ).

Diese Furcht ist auch begrändet, wie sich später herausstellt, als Tuskub die Stadt vernichten und Los und Gusev umbringen lassen will. Allerdings ist seine Macht schon mit Gerüchten angreifbar: Erste Unruhen entstehen, als in der Stadt erzählt wird, Gor plane offenen Widerstand.

Also wird Tuskub als Feindbild dargestellt, dem der Leser auch durch seinen Charak­ter Antipathie entgegenbringt. Im Vergleich zum Zaren hat er jedoch eine deutlich festere Machtposition, die ihm bis zu seiner Rede vor dem „Hüchsten Rat“ die Kontrolle über die Aolen sichert und es nur schwachen, geheimen Widerstand gibt. Gleichzeitig wird die Hoffnung geschurt, dass ein Aufstand erfolgreich verlaufen kännte.

Dem „Hüchsten Rat“ gegenuber steht eine augenscheinlich desorganisierte und unent­schlossene Arbeiterklasse, deren Fuhrer Gor allerdings schon langfristig einen Aufstand vorbereitet.

Akut wird der Beginn eines Aufstandes mit der Ankündigung Tuskubs, die Stadt mitsamt der Arbeiterklasse vernichten zu wollen. Gor tritt erstmals üffentlich mit der These auf, Tuskub sei ein Lugner und manipuliere das Volk mit Drogen. Nachdem Tuskub nicht von seiner Meinung abweicht, droht Gor mit den Worten ,,- Хорошо. Смерть? Пусть - смерть!“[4]

Trotz dieses öffentlichen Auftritts ist Gor noch nicht als Fuhrer der Arbeiterbewegung legitimiert, hat aber den Ubergang von der Theorie der Arbeiterbefreiung zur Praxis ein­geleitet. Der Schritt zum Anfuhrer gelingt, als Gusev zum Sturm auf das Arsenal aufruft und Gor gleichzeitig der Menge prüsentiert. Gor akzeptiert („Вождь нашелся,“), und hült gleich im Anschluß zwolf Reden.[5]

Mit der Ankunft Los’ und Gusevs verbinden die unterdrückten Arbeiter die Hoffnung auf eine Rückkehr des sogenannten „Goldenen Zeitalters“, dessen Repräsentanten die Ma- gazitlen einst waren. Tuskub dagegen furchtet die Erdlinge und lehnt eine Zusammenar­beit und Integration ab; schließlich will er sie sogar durch seine Tochter Aelita tüten lassen.

Los’ hat als apolitischer Wissenschaftler neben Aelita lediglich Interesse an den techni­schen Müglichkeiten der Marsianer. Im Aufstand spielt er als Individualist keine fuhrende Rolle.

Gusev dagegen ist ein dynamischer, spontaner und patriotischer Kämpfertyp. Aus die­sem Grund ist er schon vor dem Abflug von der Erde an einem Anschluss des Marses an die Sowjetunion interessiert. Zu diesem Zweck hat er Waffen und eventuell Propagan­damaterial im Gepäck. Sofort nach seiner Ankunft in Soazera macht er heimlich einen Rundflug, um die politischen Gegebenheiten zu erkunden.

Auch während der Revolution erweist er sich als einer der hervorstechenden Kämp­fer, Redner und Agitator. Dass die Marsianer ihm vertrauen, wird besonders deutlich, als einige Marsianer in höchster Not zu ihm schreien:Спаси, спаси, спаси нас, Сын Неба!“[6]

Junger (1969) vertritt in diesem Zusammenhang die These, Tolstoj lege hier nicht mehr soviel Wert auf die Intelligenz, Ehrlichkeit und Liebe wie in vorigen Werken, sondern auf „einfache Kampfer der Revolution“[7]. Herausragende Eigenschaften sind nun

- Mut
- Unerschrockenheit
- die Fahigkeit, leidenschaftlich das Leben zu lieben
- die Kraft, alles Unmägliche mäglich zu machen:

„jene Züge, die Tolstoi als Eigenheiten des russischen Nationalcharakters schätzte, (...)“.'[8] Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Britikov (1970): „Человек из народа, человек действия, Гусев стал новым героем и в научной фантастике.“[9]

Fär eine selbständige Erhebung der Massen fehlt eine ausreichende Not und insbe­sondere der Charakter der Arbeiter, um eine Motivation hervorzurufen, mit der eine Revolution gewonnen werden kann. Bereits nach einigen wenigen verlorenen Kämpfen und Tuskubs Machtdemonstrationen geben die Marsianer auf, obwohl sie vom Tod be­droht werden. Bestes Beispiel dafär ist der anfanglich begeisterte Fährer und Planer Gor, der persänlich schon kapituliert, als er vom taktischen Räckzug Tuskubs erfahrt.

В вас огнем пляшет веселье. Вы мечтательны, страстны и беспечны.

Вам, сынам земли, когда-нибудь разгадать загадку. Но мы - стары, В нас пепел. Мы упустили свой час,“[10]

In diesem Kontext wird auch deutlich, dass Gor keine Elite repräsentiert wie von der leninistischen Theorie verlangt. Auch sein freiwilliger Konsum von Havra[11] (zusammen mit allen anderen Arbeitern) macht in obigem Zusammenhang deutlich, dass er als Fährer nicht geeignet ist. Alternativen zu Gor als lokaler Identifikationsfigur gibt es nicht.

Auch Gusev spielt in diesem Kontext eine eher negative Rolle:

Mit seiner Vorgeschichte in der Russischen Revolution und seiner Arbeitsauffassung kann man ihn mit gutem Gewissen als Berufsrevolutionär bezeichnen. Mit Sicherheit ist er aufgrund seiner Wirkung auf die Öffentlichkeit („«Теперь мы не умрем,,. Мы станем счастливы,,. Сын Неба принес нам жизнь,»“[12] ) ein guter Agitator; zum Revolutionär wie Lenin fehlt ihm aber ein Konzept. Schon am Anfang der Revolution wird kein Wert auf Gors Pläne gelegt (,,- Разговаривать здесь собрались, товарищи, или воевать? Если разговаривать - мне некогда, прощайте,“[13] ), und auch spater wirken Gusevs Befehle und Aktionen wie Affekthandlungen.

Stscherbina (1954) erklärt dieses Phänomen wie folgt: Gusevs Charakter und Verhalten spiegelt Tolstojs Unwissenheit über den Ablauf der Oktoberrevolution wider, indem er nur die „elementaren Kräfte der Revolution verkörpert.“[14]

In Gor und Gusev zusammen vereinen sich also die positiven Eigenschaften Lenins, fär den Verlauf der Revolution nicht unerheblich sind aber die zusatzlichen negativen Eigen­schaften wie u.a. Ungeduld (Gusev) und mangelnde Diszplin und Durchsetzungsvermägen (Gor).

3 Voraussetzungen für die Revolutionen

Der Hauptgrund fur die Revolution in Russland war die soziale Lage:

Nach den Reformen von 1861, mit denen die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, ent­stand plötzlich eine Bevölkerungsmehrheit von armen Bauern, deren Freiheit zu immensem Steigen der Geburtenziffern führte, was seinerseits dazu führte; „Millionen uberzöhliger Esser wurden nicht mehr satt.“[15]

Das Land verarmte, da die Herrscher den erwunschten industriellen Fortschritt und die Kriege auf Kosten der Bauern finanzierten. Die Folgen waren fatal för Russland: Die Gesellschaft teilte sich in zwei Schichten, zwischen denen der Graben immer größer wurde: Die Aristokratie auf der einen Seite und die Bauern (und eine geringe Anzahl Arbeiter) auf der anderen Seite. Mit dem Anfang der Misere, die sich in großen Hungerepidemien, einer agrarischen Dauerkrise, wiederkehrenden Katastrophen und Massenelend[16] entwickelte, hatte die Bauernbewegung einen großen Zulauf.

Noch einer der Faktoren, der fur den Zerfall des alten Regimes verantwortlich war, war der Verlauf des Weltkrieges. Noch im ersten Jahr des Krieges (S.55,56) ging der gesamte Offizierkorps Russlands verloren, gefolgt von vielen weiteren Menschenverlusten. Damit knöpfte Russland an die Niederlagen aus dem russisch-japanischen Krieg 1904/05 an, auf den wie auch schon 1861 Reformen folgten, die diesmal aber nicht von den Herrschern, sondern vom Volk gewollt waren.

Die Sozialstruktur auf dem Mars ist somit weitaus unterentwickelter als in Russland im Jahr 1917, hat aber Ahnlichkeiten mit der russischen vor 1861. Diese gesellschaftli­che Ruckstöndigkeit bemerkt auch Gusev als er mit Los’ auf dem Mars landet. Herrscher öber den ganzen Planeten ist eine Oberklasse, (die von den Nachfahren der Atlantiden, den „Magazitlen“ abstammt) und eine zahlenmaßig dominante Arbeiter- und Unterdriick- tenklasse, die immer auf dem Mars lebte (s. dazu die erste Erzöhlung Aelitas[17] ). Auf eine Mittelschicht, die dafìir sorgen wurde, dass ein fließender Ubergang zwischen den Schichten vorhanden ist (und damit weniger markante Gegensatze = weniger Konflikt­potential), gibt es keine expliziten Hinweise. Lediglich ein Arbeiter pro Jahr wird nach einem Gewinnspiel in die Selbststandigkeit entlassen[18].

Die Unterdrückung der Arbeiter auf dem Mars ist an folgenden Punkten deutlich gemacht:

Auf dem Mars werden die Arbeiter durch Drogen gefügig gemacht. Einmal pro Monat, wie in einem geheimnisvollen Ritual, werden auf Geheiss der Regierung die sogenann­ten Chawra-Blatter angezündet, deren Rauch die Arbeiter einatmen müssen. Dadurch entsteht unter ihnen ein Gefühl der Zufriedenheit; eine Revolution wird unwahrscheinlich.

„-Они дышат драгоценным дымом. Вы видите клубы дыма? - это курятся листья Хавры, Это драгоценный дым. Он называется Дымом Бессмертия. Кто вдыхает его - видит необыкновенные вещи: кажется, будто никогда не умереть,(...)“[19]

Wie in Russland ist es auch auf dem Mars so, dass die Mehrzahl des Volkes fur die Unterzahl arbeitet, die sich auf deren Kosten ein schönes Leben leistet.

„Появлялись центральные площади: уступчатые дома, ползучая, пестрая зелень, отсвечивающие солнцем стекла, нарядные женщины,(...). Низко проносились золотые лодки, скользили тени от их крыльев, смеялись за­прокинутые лица, сверкали капли воды на зелени, на цветах.“[20]

Eine weitere Ahnlichkeit mit Russland findet sich in der Historie bezuglich vergangener Kriege[21]: Auch auf dem Mars finden sich überall die Ruckstande eines Krieges, der 30 Jahre vor der Ankunft Los’ und Gusevs stattfand. Diese umfassen verwustetes Land, verlassene Bauernhüfe und Felder, das alte, verlassene Soazera und viele Ruinen. Auf die Grunde und Parteien dieses Krieges finden sich keine weiteren Hinweise, außer dass Tuskubs Armee von Profiteuren und Gewinnern dieses Kriegs unterstützt wird.

Deutlichster Gegensatz zum Russland Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Technik, die auf dem Mars extrem weit entwickelt ist. Hier existieren Flugschiffe, (Fernseh-)Spiegel, eine geniale Rüstungstechnik und eine zentrale Energieversorgung für den ganzen Plane­ten.

4 Ablauf der Revolutionen

4.1 Auslösung und erste Erfolge

Nachdem Tuskub dem „Höchsten Rat“ seine Entscheidung mitgeteilt hat, die Arbeiter und die Stadt zugunsten der Oberklasse zu vernichten, herrscht öberall blankes Entsetzen. Die Arbeiterklasse ist bis auf Gor wie gelöhmt und scheint sich mit ihrem Untergang abge­funden zu haben. („У длинной фабричной стены волновалась, точно потревоженный муравейник, многотысячная толпа марсиан, )

Hier wird deutlich, dass die Revolution auf zwei Ebenen ausgelost werden muß: Die erste Ebene sind Gor und Gusev, die direkt und offensiv auf Konfrontationskurs zu Tus­kub geht, wöhrend die zweite Ebene, die Arbeiter, aufgrund ihrer notorischen Lethargie und hoffnungslosigkeit ins geistige Koma zu fallen scheint. Erst als sie von Gusev wachge­rüttelt werden und ihnen Gor als Führer demonstiert wird, glauben sie an eine mögliche Rettung durch einen Aufstand. Kurzfristige Erfolge wie die Eroberung des Arsenals und Tuskubs taktischer Ruckzug stellen sich ein.

Auch hier sind wieder eindeutige Parallelen zwischen Mars und Russland erkennbar: Hier sind Lenin und seine Bolschewiki bereits seit langer Zeit als Gegner der Aristokratie bekannt und verbrachten eine lange Zeit im Exil. Mit der Ruckkehr Lenins (~ dem Er­scheinen Gusevs in Soazera) können die Arbeiter/Bauern durch ihre Föhrer mobilisiert werden wodurch ein Aufstand der „Massen“ erst möglich wird.

4.2 Die Rolle des Arsenals

In dieser Phase spielt das Arsenal eine wichtige Rolle, die Parallele zur Oktoberrevoluti­on ist unverkennbar: Mit dem Winterpalais, Sitz der Provisorischen Regierung, wird ein Symbol der Macht fur Unterdrnckung eingenommen. Die Relevanz dieses Erfolges laßt sich nicht nur an der Schlusselstellung des Winterpalais’ in der Russischen Revolution verdeutlichen, in der Französischen Revolution spielt die Einnahme der Bastille diese hi­storische Rolle. (Auch wenn die strategische und militörische Bedeutung von Historikern[22] widerlegt ist, kann die symbolische nicht bestritten werden. Noch heute ist das Datum der Einnahme in Frankreich Nationalfeiertag). Im irischen „Easter Rising“ spielte die Post in Dublin diese Rolle. Als revolutionarer Leser Tolstojs (was im Russland der 20er Jahre wohl auf die meisten Russen zutraf) identifiziert man sich vor diesem Hintergrund mit den marsianischen Revolutionären und dem Ablauf ihrer Revolution.

4.3 Gegenschlag und Niederlage

Mit dem gewaltigen Gegenschlag durch Tuskubs Luftgeschwader wird ein großer Teil der Stadt zerstärt, inklusive des Arsenals.23 Die militarische Macht der Aufständischen reicht nicht aus, um die Stadt zu verteidigen. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass die Revolution nicht so enden wird, wie vom Leser erhofft.

Die Bestätigung findet sich, als sogar Gusev aufgibt:„-HgeM!“24 Auf ihrer Flucht be­merken Los und Gusev eben noch wie Gor von zwei Soldaten erschlagen wird, Symbol dafur, dass die Revolution auf dem Mars blutig niedergeschlagen wurde.

Der absolute Tiefpunkt wird erreicht, als Tuskub seine Pläne in die Tat umsetzt und Soazera vernichtet.

„В это время, издалека, по бесчисленным туннелям пошел грохот. Задрожал карниз под ногами, дрогнула стена. Посыпалиеьв тьму камни. Волны грохота прокатились и, уходя, затихли. Это был седьмой взрыв. Туе куб сдержал свое слово.“20

Der Fehler Gors und Gusevs bestand hier in der Unterschätzung der militarischen Stärke der Armee Tuskubs. Gusevs Erfahrungen, dass nach kurzem Widerstand die rus­sische Armee zu den Revolutionären übergelaufen war, hatten auf dem Mars schon von vornherein nicht erwartet werden durfen. Da in Russland die Armee nach dem Fall des ad­ligen Offizierskorps fast nur noch aus kriegsunerfahrenen Angehörigen der unteren Gesell­schaftsschichten bestand, ist dieser Sachverhalt selbstverstandlich. Fur den Mars dagegen werden nur blauhautige Soldaten erwähnt, ein Hinweis darauf, dass die Revolutionäre hier einer Truppe gegenuberstehen, die im Vergleich zur russischen Armee besser ausgebildet[23] [24] [25] und erfahrener ist, und zusätzlich - bei einem Sieg der Revolutionäre - ihre hohe gesell­schaftliche Stellung verliert. Daraus folgt eine dementsprechend höhere Motivation, die eine fur einen ungeliebten Herrscher kämpfende russische Armee sicher nicht aufbringen konnte.

5 Zusammenfassung

Die Voraussetzungen fur eine Revolution auf dem Mars sind noch äberzeugender als die, die zur Revolution in Russland fährten. Sowohl auf dort als auch in Russland geht es um die Befreiung der unterdruckten Arbeiter-/Bauernklasse mit Hilfe einer Revolution. Am Ende zeigt sich aber, dass die Revolution auf dem Mars nicht moglich ist, weil kein Fährer existiert, der tatsächlich eine Revolution fuhren kann. Dazu kommen noch die mangelnden Charaktereigenschaften und Ausstattung der marsianischen Arbeiterklasse, die weder die militärische noch psychische Kraft haben, eine Revolution gegen einen weitaus starkeren Gegner als den in Russland durchzustehen.

Ebenfalls zu den Voraussetzung einer Revolution gehärt ein theoriekonformes Feind­bild. Dieses wird analog zur russischen Aristokratie/Industriellenklasse systematisch auf­gebaut und repräsentiert vom „Hächsten Rat“ -insbesondere Tuskub- und der Oberklasse, die sich ebenfalls aus Industriellen und Großgrundbesitzern zusammensetzt. Besonders die Vorgehensweise Tuskubs soll die Boshaftigkeit des Systems verdeutlichen: Dieser will mit seinen Anhängern nach der Vernichtung der Stadt mit dem von den Arbeitern ge­schaffenen Luxus ein ruhiges Leben auf dem Land führen.[26]

Die Sympatien der Leser bleiben trotz der präzisen Beschreibung der Marsschonheit Aelita nur auf Gusev gerichtet. Der Held Tolstojs uberzeugt den Leser mit seinen Vor­stellungen und Hoffnungen einer Revolution. Mit unermuädlichem Geist und ohne organi­satorische Kompetenz versucht er immer wieder, die Marsianer zu uäberzeugen, dass alle zusammen es doch noch schaffen konnen, Tuskub zu besiegen. Mit ihm hat Tolstoj das Bild eines ’Vorzeige-’Russen geschaffen, der den russischen Patriotismus reizt und mit dem man sich als Leser identifiziert.

Identifikation mit den Marsianern ist dagegen nur am Anfang des Werkes gewollt, so­lange ihre Charakterschwache nicht gezeigt wird.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass der Roman „Aelita“ von seinem Autor dazu genutzt wird, die russische Revolution und Russland (repräsentiert von Los’ und Gusev) positiv darzustellen.

6 Literatur

BRITIKOV, Anatülij F.: Russkij sovetskij naucno fantasticeskij roman. Nauka, Lenin­grad 1970.

Geyer, Dietrich: Die Russische Revolution - Historische Probleme und Perspektiven. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968.

Jünger, Harri: Alexej Tolstoi - Erkenntnis und Gestaltung. Akademie-Verlag, Berlin 1969.

Stscherbina, Wladimir R.: Alexei Tolstoi - kritisch-biographische Skizze. Hermann Bohlaus Nachfolger, Weimar 1954.

Tolstoj, Aleksej N.: Sobranie socinenij, Tom VII: Aelita. „Nedra“, Moskva 1929.

[...]


[1] Tolstoj, A.N. (1929), S. 86.

[2] Tolstoj, A.N. (1929), S. 140.

[3] Tolstoj, A. N. (1987), S. 83.

[4] Tolstoj, A. N. (1929), S. 122.

[5] Tolstoj, A. N. (1929), S. 141.

[6] Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.

[7] Ebenda, S. 65.

[8] Ebenda.

[9] Ebenda, S. 62.

[10] Tolstoj, A. N. (1929), S. 148.

[11] Tolstoj, A. N. (l98ľ), S. 145.

[12] Tolstoj, A. N. (1929), S. 145.

[13] Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.

[14] Ebenda, S. 59.

[15] Geyer (1968), S.24.

[16] Geyer (1968), S.24.

[17] Tolstoj, A.N. (1929), S. 80.

[18] Tolstoj, A.N. (1929), S. 91.

[19] Tolstoj, A.N. (1929), S. 91.

[20] Tolstoj, A.N. (1929), S. 114.

[21] Tolstoj, A.N. (1929): S. 147.

[22] Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.

[23] Tolstoj, A. N. (1929), S. 150.

[24] Tolstoj, A. N. (1929), S. 152.

[25] Tolstoj, A. N. (1929), S. 156.

[26] Tolstoj, A. N. (1929), S. 119.

Details

Seiten
14
Jahr
2003
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108799
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Schlagworte
Vergleich Revolutionen Mars Tolstojs Aelita Russland Aneignung Kosmos

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Titel: Vergleich der Revolutionen auf dem Mars in A.N. Tolstojs "Aelita" und in Russland 1917