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Wie Hitler das reden lernte...

Seminararbeit 2004 13 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle der Propaganda im Dritten Reich

3. Lingua Tertii Imperii (LTI)

4. Ausgangssituation der rhetorischen Hitlers Fähigkeiten vor der Erteilung von Unterricht

5. Der Rhetoriklehrer: Paul Devrient

6. Maßnahmen zur Verbesserung von Hitlers rhetorischen Fähigkeiten
6.1. Lampenfieber
6.2. Stimmbildung
6.3. Gestik
6.4. Inhalt
6.5. Exkurs: Hitlers „Bettelrhetorik“

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Missbrauch der Rhetorik im Dritten Reich und zwar im Besonderen mit dem Missbrauch der Rhetorik durch Hitler selbst.

Hitlers „Kunst der Massenführung“ schrieb Goebbels 1936, „ist so einmalig und einzigartig, dass darauf kein Schema und kein Dogma passt. Es wäre absurd zu denken, dass er eine Redner- oder Sprachschule besucht hätte; er ist ein Genie der Redekunst, das ganz eigen gewachsen ist, ohne Zutun von irgendeiner anderen, womöglich gar bewussten Seite.“[1] Auch heute noch denken viele, dass Hitler ein Naturtalent gewesen sei, was nicht zuletzt ein Verdienst der Propaganda von damals sein mag. Hitler hatte mit Sicherheit besondere rhetorische Fähigkeiten, die ihn vom Werbeobmann seiner Partei schließlich zum Führer aufstiegen ließen, ein Naturtalent im eigentlichen Sinne war er aber nicht. Tatsächlich nahm Hitler doch Rhetorikunterricht, so wie es viele bedeutende Politiker aller Zeiten getan haben. Er tat dies aber nicht, weil er etwa Zweifel an seiner Redekunst gehabt hätte, sondern auf dringendes Anraten seines Hals-Nasen-Ohren-Arztes der ihm attestierte, dass seine Stimmbänder gefährlich strapaziert und das Innere seiner Nase deformiert seien. Am Ende jedoch half der Rhetorikunterricht Hitler nicht nur seine Stimme effizienter zu nutzen, sondern auch sein Publikum besser zu manipulieren.

In den folgenden Kapiteln möchte ich zunächst einmal das „Drumherum“ darstellen, um dann anschließend die rhetorische Ausgangssituation und den Unterrichtserfolg gegenüberzustellen.

Mit Sicherheit hätte Hitler wohl auch ohne Rhetorikunterricht die Macht ergreifen können, aber definitiv hätte er die Massen nicht in diesem Maße beeinflussen und glauben machen können, dass seine absurden und unmenschlichen Forderungen, entscheidende Wahrheits- und Geschichtsfälschungen und Rechtfertigungen für verbrecherische Taten gut und absolut notwendig seien.

2. Die Rolle der Propaganda im Dritten Reich

Ich möchte in diesem Kapitel auf die Propaganda im Dritten Reich eingehen, denn ohne sie wäre die Rhetorik nicht dermaßen erfolgreich gewesen und umgekehrt wäre die Propaganda nicht ohne die Rhetorik ausgekommen. Unter dem Wort „Propaganda“ findet man im Fremdwörterlexikon die Erklärung: „ systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o.ä. Ideen und Meinungen [mit massiven (publizistischen) Mitteln] mit dem Ziel, das allgemeine [politische] Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen.“[2] Genau in diesem Sinne bediente sich auch das Dritte Reich der Propaganda. Oft wird die Erfindung des Radios für den durchschlagenden Erfolg der Propaganda angeführt. Das ist natürlich richtig, wenn man bedenkt, dass jeder Bürger mit einem solchen ausgestattet wurde, damit er auch den Reden des „Führers“ fern der Heimat lauschen konnte. Allerdings war es nicht das einzige Propagandamittel: Sämtliche Medien wurden vereinnahmt. Im Kino liefen Filme, die Hitler als Helden und Retter darstellten, wie z. B. der Film „Hitler über Deutschland“ der am 23.Oktober 1932 in den Luitpold-Lichtspielen in München uraufgeführt wurde. Die Zeitungen konnten es sich nicht leisten eine andere Meinung als die des Führers, die ja mittels Propaganda auch zur Öffentlichen wurde, zu vertreten und so waren, auch wenn es in jeder Stadt ein Parteiblatt gab, alle Zeitungen gleichgeschaltet und entschieden sich lediglich in den Nuancen ihrer Radikalität voneinander. Aber es gab nicht nur diese Spielarten der Propaganda. Propaganda im Dritten Reich bedeutete auch geschickte Inszenierungen die den Eindruck einer breiten Zustimmung seitens der Bevölkerung vorgaukeln sollten. Oft war dem aber gar nicht so. Zum Beispiel bei der berühmten Sportpalast Rede von Goebbels, waren lediglich ein paar Hundert Parteifunktionäre eingeladen worden, dem Volk, das draußen an den Lautsprechern zuhörte erschien es aber bei dem tosenden Applaus als wären es Tausende von Menschen die Goebbels zujubelten. Das Hauptstilmittel in allen Übertragungsmedien der Propaganda blieben aber die tausendfachen Wiederholungen dessen, was sich in das öffentliche Bewusstsein einbrennen sollte. Leider mit Erfolg!

3. Lingua Tertii Imperii (LTI)

Die L ingua T ertii I mperii, also die Sprache des Dritten Reichs ist in manchen ihrer Merkmale auch heute noch in der modernen deutschen Sprache spürbar. Ihr Wortschatz und Ausdrucksweise wurde im wesentlichen durch Hitlers „Mein Kampf“ fixiert. Das Hauptziel der „Sprachreform“, im Dritten Reich war ursprünglich, Begriffe, die ausländisch schienen zu verdeutschen, so wurden z.B. Ortsnamen mit deutschen Endungen versehen oder komplett umbenannt- dreisterweise auch solche, die gar nicht in Deutschland lagen. Auf diese Weise kam „Lodz“ in Polen zu seinem Namen „Litzmannstadt“, benannt nach seinem Eroberer im ersten Weltkrieg. Im starken Gegensatz dazu wurden aber auch deutsche Worte durch Fremdworte ersetzt, weil sie klanghafter erschienen, z.B. klang „diffamieren“ stärker als das deutsche „schlecht machen“. Außerdem sollten Fremdworte, die im herkömmlichen Sinn, mit einem schlechten Gefühl belegt waren umgefärbt werden in ein positives Gefühl. „Fanatisch“ war ein solches Wort, allerdings ist die Umfärbung nicht dauerhaft gelungen, was man daran sieht, dass es heute wieder negativ belegt ist. Eine weitere Abart waren die vielen Abkürzungen: „HJ“(Hitlerjugend), „BDM“(Bund deutscher Mädel) und wie sie alle heißen, auch sie waren Mittel zur Massengewinnung, da sie eine Art Geheimsprache darstellen, was das Zugehörigkeitsgefühl jener, die sie verstanden, noch verstärkte. Hitler schöpfte den Einfluss der Sprache auf ihre Benutzer vollends aus, indem er sich ein Repertoire von Schlüsselwörtern zulegt, die er millionenfach wiederholte und mit denen er jede seiner Reden üppig spickte und die uns übrigens auch heute noch unangenehm nachklingen, jeder kennt die gemischten Gefühle, die man empfindet bei der Nutzung von Wörtern wie „kämpferisch“, „Vaterland“ und „Führer“ und das selbst wenn es sich nur um einen Fremden-„Führer“ handelt. Sie fragen sich jetzt sicher, was dieses und das vorhergehende Kapitel in einer Seminararbeit über „wie Hitler das reden lernte“ zu suchen haben, ganz einfach: Ich möchte zeigen, dass die Kunst der Rede und ihr Erfolg auch noch von anderen Faktoren abhängen als der Rede selbst und ich möchte an dieser Stelle behaupten, dass Hitler die Propaganda als „Bühne“ nutzte, die dafür sorgte, dass keinem sein „Talent“ verborgen blieb und die Sprache als „Vorhang“ um seine wahren Absichten zu verschleiern.

4. Ausgangssituation von Hitlers rhetorischen Fähigkeiten

Hitler, der von allen Seiten als Naturtalent bezeichnet wurde, wirkte vor allem durch sein Charisma und durch den Rhythmus, die Melodik, die Dynamik, die Betonungsstruktur und seine Stimmlage und –Farbe. Er war anhand dieser Mittel fähig den emotionalen Bereich seiner Zuhörer anzusprechen. Außerdem verfügte er über die Gabe , durch den zwei ein halb Oktaven umfassenden Frequenzbereich seiner Stimme die logischen Denkfunktionen seiner Zuhörer zu hemmen und damit diese in beliebige Richtung zu beeinflussen.

Aus rhetorischer Sicht war er zu Beginn allerdings ein erbärmlicher Redner: Er sprach heiser, hatte eine schlechte Haltung, die zur Folge hatte, dass schmerzhafte Quetschlaute entstanden. Er atmete stoßweise und die Anspannung von Halsmuskeln und Stimmbändern führte dazu, dass sein Gesicht dunkelrot anlief, durch die Überanstrengung war der ganze Körper verkrampft und jede Bewegung wirkte krampfhaft. Seine Gebärden schienen wie die von einem Besessenen: Auf- und Abgehen, Händefuchteln, Augenrollen, dazu eine nasse Aussprache. Seine Sprache war Schriftsprache und klang dem entsprechend hölzern. Er sprach meistens nicht sondern schrie seine Botschaft an das Volk heran. Seine Vorträge waren zu langatmig und meist verstand das Volk ihn gar nicht. Kritiker bemängeln des weiteren, dass er sich „undeutsch“ ausdrücke, was unter anderem auch damit zusammenhängt, dass Hitler einen ganz neuen Sprachstil etablieren wollte, worauf ich aber im einzelnen in einem vorangegangenen Kapitel schon hingewiesen habe.

Ein weiteres Stilmittel, das er sich bis zum Ende beibehielt, war die Ironie und das Scherzen über seine Gegner, in seinen Reden. Dies kann man nun so oder so auslegen: Es deutete sicherlich die maßlose Selbstüberschätzung an (zumindest aus der historischen Distanz) verfehlte aber sicher auch nicht die entkrampfende, erleichternde Wirkung auf die Zuhörer.

Geübte Redner können aus Hitlers Fehlern sehr schnell die Schwächen heraus lesen, vor allem in den unangemessen großen Gesten erkennt man die Hemmungen und die eigene Unsicherheit Hitlers. Er schien sich ständig verfolgt zu fühlen. Es fiel ihm offensichtlich auch schwer die innere Ruhe zu bewahren und ein Gefühl von Einigkeit mit sich und seinen Zuhörern herzustellen.

5. Der Rhetoriklehrer: Paul Devrient

Paul Devrient wurde 1890 in Wandsbeck geboren, und trat 1916 sein erstes Engagement in Mainz als Operntenor an. Er war in den zwanziger und dreißiger Jahren sehr erfolgreich und besang neben seinen Auftritten in Hamburg, München, Köln, Barcelona, London und New York auch Schallplatten. Außerdem arbeitete er von 1929 bis 1933 als Schauspiel- und Rhetoriklehrer. Er wurde Hitler von seinem Hals-Nasen-Ohren-Arzt empfohlen und 1932 engagiert. Während der Wahlkampfzeit reiste er an der Seite von Hitler durch mehr als 100 Städte und gab ihm in Hotelzimmern und Gastwirtschaften Unterricht. Devrient war an der Politik allgemein und an der Politik seines Schülers absolut nicht interessiert. Als Bühnenkünstler vermischte er allzu oft die Bühne mit der Realität und sah seinen Unterrichtserfolg nur im Hinblick darauf wie viele „Vorhänge“ Hitler im Theater wohl gehabt hätte und ob er sich bühnengerecht verhielt oder nicht. Devrient ging es um die Art und Weise und niemals um den Inhalt und aus diesem Grund versuchte er Hitler beizubringen, was er an namhaften Kollegen besonders schätzte: die souveräne Beherrschung des Publikums.

Nach 1945 lebte Paul Devrient sehr zurückgezogen, seine Stimme war verbraucht und er hatte kein Geld mehr. Er lebte von kleineren Fernsehengagements.

Devrient hielt seine Tagebücher lange Zeit versteckt, da er unter der unsinnigen Vorstellung litt, mit seinem Unterricht Hitler zur Macht verholfen zu haben.

6. Maßnahmen zur Verbesserung von Hitlers rhetorischen Fähigkeiten

Wie vielen bedeutenden Staatsmänner blieb es auch Hitler nicht erspart Rhetorikunterricht zu nehmen. Wie oben erwähnt tat er dies auf Anraten seines Hals-Nasen-Ohren Arztes. Er engagierte den Opernsänger Paul Devrient, der damals an der Spitze seines Erfolges stand. Der Arme hatte allerdings seine liebe Not Hitler etwas beizubringen, da dieser sich für ein Naturtalent hielt und dies auch immer wieder von außen bestätigt bekam. Dennoch gelang es Devrient Hitler den letzten Schliff zu geben.

6.1. Lampenfieber

Hitler hatte wie jeder normale Mensch Lampenfieber, hinzu kam aber auch noch, dass er sich selbst während der Rede nur schwer konzentrieren konnte und durch seine Zuhörer irritiert fühlte. Diese Umstände führten wiederum dazu, dass er sich verkrampfte und in seine alten Fehler verfiel. Deswegen übten Devrient und er das Autogene Training. Hitler fand diese Methode recht praktisch um einzuschlafen, vor den Auftritten praktizierte er sie allerdings nicht.

Eine weitere Methode, die mehr dazu diente, die Konzentration während der Rede zu halten und sich nicht von den Zuschauern irritieren zu lassen, war die Maskottchentechnik. Die Maskottchentechnik funktioniert wie folgt: Man legt einen Gegenstand, dem man positive Gefühle entgegen bringt vor sich auf das Rednerpult; Hitler tat dies mit dem silbernen Hundehalsband, das er zu seinem Geburtstag für seinen Hund bekommen hatte; dieser Gegenstand gilt als Fixpunkt, d.h. immer wenn man unsicher wird, sollte man diesen Gegenstand fixieren und so, dadurch dass man einen Großen Teil des Auditoriums ausblendet, in die eigene Mitte zurückfinden, am Ende der Übung sollte man in der Lage sein, auch ohne diesen Gegenstand, sozusagen vor dem inneren Auge an diese Stelle zurückzufinden. Diese Technik ist eine beliebter und viel praktizierter Bühnentrick, den auch heute noch viele Prominente praktizieren.

6.2. Stimmbildung

Vorrangiges Ziel Devrients war zunächst Hitler den richtigen Gebrauch seiner eigenen Stimme beizubringen. Hitler, der sich über die herkömmlichen Methoden wie die des Demosthenes, der Kieselsteine in den Mund nahm und die Tonleiter rauf- und runtersummte belustigte, erkannte bei einem Mikrofonausfall, dass er die Hilfe bitter nötig hatte, weil ihn trotz seines Geschreis keiner in den hinteren Reihen hören konnte und er nach einer viertel Stunde heiser war. Das erleichterte die Arbeit für Devrient enorm. Er brachte Hitler einen „Resonator“ mit. Das ist ein Gerät mittels dessen man die Obertöne heraushören kann, es sollte Hitler zeigen wie unschön seine Stimme klang. Dann begannen sie mit Atemübungen um die richtige Atmung beim Sprechen zu finden und die Stimmbänder in die richtige Spannung zu bringen. Devrient riet Hitler frequenzmäßig im Bereich des Brustregisters zu bleiben um keine gemischten Gefühle beim Zuhörer zu erzeugen. Interessant ist, dass ein anderer Wissenschaftler behauptet, dass genau dieses ständige Wechseln der Frequenz, die Denkfunktion der Großhirnrinde gelähmt habe und den emotionalen Bereich des Hirnstammes stärker aktivierte und so Hitler die Möglichkeit gab seine Zuhörer in die gewünschte Richtung zu beeinflussen.

6.3. Die Gestik

Hitlers Gesten waren zu groß und wirkten zu aufgesetzt. Allerdings sah er keineswegs selbst ein, dass die Gestik dazu da ist das Gesagte zu unterstreichen. Mit Mühe konnte Paul Devrient ihn überzeugen eine sinngemäßere Gestik zu üben, die mit kleinem Bewegungsspielraum auskommt und ehrlich wirkt. Hierzu ließ er Hitler eine Rede stumm nur mittels Gesten deklamieren. Bei dieser Rede kam es zu einem Zwischenfall, und zwar kam während dieser Übung das Zimmermädchen herein. Hitler war aber so konzentriert, dass er es gar nicht bemerkte, das Mädchen erschrak und ging wieder hinaus. Übe diese Begebenheit wird deutlich, dass es Hitler oft so ergeht, dass er vor lauter Konzentration sein Umfeld gar nicht mehr wahrnimmt und seine Reden dadurch an Spannung verlieren, dass er unfähig ist auf sein Publikum einzugehen.

Hitlers bekannteste Geste, der Gruß, wurde auch erweitert. Hitler erkannte an, dass verschiedene Situationen verschiedene Grußgesten erforderten. Devrient ließ ihn auf „verschiedenen Anlässen“ grüßen. Diese Grußübung zeigt, dass insbesondere der Hitlergruß den Anlass zu spiegeln hatte um die Aufmerksamkeit des Zuschauers selbst in der tragischsten Situation auf Hitlers Person zu lenken.

Ebenfalls ein wichtiger Teil der Gestenschulung sind die Augen. Hitler, der zu diesem Zeitpunkt schon viel gelernt hatte, beging einen typischen Rednerfehler: Während der Rede schielte er immer wieder in die ersten Reihen um Reaktionen seiner Zuhörer einzufangen und blickte so nicht unbedingt in sein Publikum wie es für sein Auftreten am wirkungsvollsten gewesen wäre. Bei Hitler ist dieser Fehler noch fataler als bei anderen Rednern, da von seinen Augen und seinem Blick geradezu „ein magischer Zwang“[3] ausgeht. Devrient rät ihm immer ganz nach hinten zu sehen, um so „mit jedem Satz das Publikum „mit den Augen zu umfassen““ und „ jeden einzelnen Zuhörer dazu zu zwingen, Blicke mit ihm zu tauschen und damit die Gedanken des Zuschauers zu beherrschen“[4]

6.4. Der Inhalt

In der Wahlkampfzeit hielt Hitler inhaltlich eigentlich nur zwei verschiedene Reden, das waren der „Juden-Sermon“ und der „Jammertext“, wie er sie selbst nannte. Er selbst beklagte sich darüber im internen Kreis, dass das Thema beginne ihn zu langweilen und für Kreativität kein Platz sei. Um den Text nicht nur einfach so herunterzuleiern, bediente er sich zwei verschiedner Techniken. Die erste, die auch gleich einen Draht zum Publikum herstellen sollte, war, dass man die Rede mit örtlichen Details spickte. Diese Details in Erfahrung zu bringen, war für Hitler kein Problem, da er im ganzen Reich über sogenannte „ Propagandazellen“, die „örtliche Missstände“ aufdeckten, verfügte. Allerdings wirkte dieses Rezept nicht ewig, zumindest nicht auf ihn selbst: „Ein Redner, sagte er, kann sich nicht von Skandalen am Leben erhalten.“[5]

Hier kam nun Technik Nummer zwei zum Zuge: Die Magnetisierung. Hierzu ist es wichtig, dass der Wiederholungsredner sich eindringlich die Frage vorlegt: Wie würde ich reagieren, wenn ich diese von mir soundso oft wiederholten Worte erstmals als Zuhörer vernähme? Bei einer kritischen, ehrlichen Antwort darauf, kann ihm alles in neuem Licht erscheinen. Er ist wieder magnetisch, das heißt, dass er seine zum 1000sten Mal wiederholten Worte neu erlebt und wieder mitreißend auf seine Zuhörer wirkt.

Hitler fehlte hierzu ein allerdings die Phantasie und die Selbsterkenntnis, deswegen musste Devrient ihm praktisch auf die Sprünge helfen: er schrieb mehrere Worte, die ein Gefühl ausdrücken auf einen Zettel und ließ Hitler mit geschlossenen Augen eines auswählen. Anschließend bat er ihn seine Rede vorzutragen und zu versuchen, ihr die Gefühlsfärbung des ausgewählten Worts zu geben. Das Experiment glückte und Hitler gelang es durch diese Technik, die hypnotische Wirkung auf sein Publikum auszuweiten.

6.5. Exkurs: Hitlers „Bettelrhetorik“

Hitlers Partei, die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), wurde von der Industrie nur vorsichtig unterstützt, deshalb musste Hitler immer wieder selbst betteln gehen. Auch hier bot es sich durchaus an die rhetorischen Fähigkeiten auszubauen und zwar diesmal nicht im Monolog, wie es bei den Reden der Fall ist, sondern im Dialog, denn Hitler lag die Rolle des Bittstellers überhaupt nicht und er war dementsprechend unfähig auf das Gegenüber einzugehen: Er war kühl, distanziert, ungeduldig, ironisch und streitlustig. Er drohte dem potenziellen Geldgeber, brüllte ihn an und trieb ihn damit in die Enge. Da Hitler die Rolle des Bittstellers, wie oben erwähnt nicht lag, musste der Besuch schauspielerisch eingeübt werden. Hitler und Devrient übten den Dialog im Rollenspiel, nachdem Hitler für sich selbst eine Rolle geschrieben hatte und bei der Aufzeichnung einige wichtige Aspekte erkannt hatte: Zielstrebigkeit, keine Unsicherheit zeigen; den Geschäftspartner so kurz wie möglich belasten (Ablehnung aufgrund von Ermüdung), Anliegen mehrmals wiederholen usw.. Daran kann man erkennen, dass es vor einem Bittgang oder Gesprächen ähnlicher Art, vor allem wichtig ist zu erkennen was man will und dann die Szene in allen Spielarten durchzuspielen, das hat nicht nur Hitler so gemacht, sondern auch schon viele vor und viele nach ihm.

7. Fazit

Hitler gehörte definitiv zu den großen Rednern unserer Zeit. Dies wurde ihm von allen Seiten attestiert und ist mit Sicherheit auch so. Woran allerdings berechtigter Zweifel besteht ist, ob er nun tatsächlich ein Naturtalent war. Man könnte nun sagen, dass allein die Tatsache, dass er einen Rhetoriklehrer hatte, dem schon widerspricht. Allerdings denke ich, dass die Grenzen fließend sind und dass Hitler auf jeden Fall Attribute besaß, die ihn einzigartig machten und dazu führten, dass er die Massen derartig fanatisieren konnte.

Abgesehen davon habe ich gelernt, dass die Kunst der Rede zu einer gefährlichen Waffe in den richtigen Händen werden kann.

Auf der anderen Seite wird die Rede nicht nur durch denjenigen, der sie anwendet, sondern auch durch die, die sie hören, vor allem, durch die, die sie hören ohne darüber nachzudenken so gefährlich. Hitler selbst hat einmal gesagt : „Die Rede muss volkstümlich gehalten sein, und zwar so volkstümlich, dass selbst der Schwachsinnigste unter den Zuhörern sie versteht“[6]. In „Mein Kampf“ schrieb er: „das Volk ist in seiner überwiegenden Mehrheit so feminin eingestellt, dass weniger nüchterne Überlegung, vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt“[7]. All diese Äußerungen zeigen, dass Hitler sehr wohl auch ohne Unterricht wusste, wie er die Menschen manipulieren konnte, und während der ganzen Zeit seines Aufstiegs und seiner Herrschaft sich darauf konzentrierte diese Manipulation noch weiter zu perfektionieren. Mit der politischen Rede kann man viel Missbrauch betreiben und es gibt nur einen Weg zu verhindern, dass sich derartiges wie im Dritten Reich wiederholt: Beim Zuhören niemals das Nachdenken zu vergessen und sich nicht von Aussagen mitreißen zu lassen, die einem nur deshalb zusagen, weil sie für die eigene Situation bequem erscheinen.

8. Literaturverzeichnis

Duden. Fremdwörterbuch, 7.Auflage, Dudenverlag 2001

Hitler, A. Bilder aus dem leben eines Führers, Altona/Bahrenfeld 1936

Klemperer, V. Die unbewältigte Sprache, Darmstadt 1966

Maser, W. (Hrsg.). Paul Devrient Mein Schüler Adolf Hitler“, München 2003

Stieber, W.. Weißblauer Requisitenteufel, Pfaffenhofen 1969

[...]


[1] Hitler, A.. Bilder aus dem Leben eines Führers, Altona/Bahrenfeld 1936, S.31.

[2] Duden. Fremdwörterbuch, 7.Auflage, Dudenverlag 2001, S.813.

[3] Maser, W. (2003), S. 162

[4] Maser, W. (2003), S. 162

[5] Maser, W. (2003), S. 93

[6] Maser, W. (2003) S. 88

[7] Maser, W. (2003) S. 89

Details

Seiten
13
Jahr
2004
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108891
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Note
1,3
Schlagworte
Hitler Rhetorik

Autor

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Titel: Wie Hitler das reden lernte...