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Kohelet und Epikur - ein Vergleich ausgewählter Motive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 23 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung
2.1 Epikur
2.1.1 Die Lust
2.1.2 Die Furcht vor dem Tod
2.1.3 Die Furcht vor den Göttern
2.2. Kohelet
2.2.1 Die Freude
2.2.2 Das Bedenken des Todes
2.2.3 Die Gottesfurcht

3. Vergleich
3.1 Lust und Freude
3.2 Was geht uns der Tod an?
3.3 Gottesfurcht oder keine Angst vor Göttern

4. Einfluß des Epikureismus auf Kohelet?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, ob der Verfasser des Buches Kohelet sich mit hellenistischer Philosophie auseinandersetzt, ist in der Forschung oft gestellt und sehr unterschiedlich beantwortet worden. Dennoch ist man sich weitgehend darüber einig, daß er diese Gedankenwelt kannte,[1] denn in der zweiten Hälfte des 3. Jh. V.Chr. in Palästina, in die die meisten Forscher die Entstehung des Buches datieren,[2] ist ein deutlicher Einfluß des Hellenismus auch im kulturellen Bereich nicht abzustreiten.[3] Es lohnt daher, die Gedanken Kohelets mit denen griechischer Philosophen zu vergleichen.

In der vorliegenden Arbeit geschieht dies im Blick auf Epikur und Kohelet. Es werden Motive dargestellt, die bei eine zentrale Rolle spielen; zunächst einzeln, um die Konzepte für sich genommen zu erfassen. Im nächsten Schritt soll ein Vergleich ihr Verhältnis zueinander klären. In einem letzten Kapitel wird eine Antwort auf die Frage nach einem Einfluß der Philosophie Epikurs auf Kohelet gewagt.

Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, das Buch Kohelet einer Exegese zu unterziehen, betrachte ich dessen jetzige Gesamtgestalt ohne Rücksicht auf mögliche spätere Glossen oder Ähnliches. Lediglich die Epiloge 12,9-11.12-14 werden nicht herangezogen, da hier nahezu allgemein anerkannt ist, daß nicht mehr Kohelet selbst spricht.[4]

2. Darstellung

2.1 Epikur

2.1.1 Die Lust

Epikur proklamiert Lust (h-donh,) als[5] Lebensziel. Er versteht allerdings darunter nicht etwa das Ausleben aller Triebe, sondern sie ist definiert als Freiheit von Schmerz und Angst.[6] Ist diese Freiheit vollständig erreicht, dann empfindet der Mensch eine Glückseligkeit (eudaimoni,a), die der der Götter entspricht.[7] Diese besteht in absoluter Unbewegtheit der Seele; somit ist auch Seelenruhe das Ziel der epikureischen Philosophie, ja sie ist mit der Glückseligkeit gleichzusetzen.[8]

Es ist für dauerhaftes Glück auch keineswegs angebracht, alles zu tun, was Lust erzeugt; vielmehr ist zu bedenken, ob die Folgen eventuell unangenehm sein werden. In diesem Sinne lehnt Epikur z.B. übermäßiges Essen ebenso ab wie Geschlechtsverkehr.[9]

Er betont, dass es kein ständiges Anwachsen der Lust gibt, sondern daß diese schon dann an ihre Grenzen kommt, wenn alles Schmerzvolle beseitigt ist.[10] Begierden, die über das zum Leben Notwendige hinausgehen, müssen daher nicht befriedigt werden, um Lust zu erzeugen. Überhaupt ist all das abzulehnen, was sich nicht mit einem minimalen Aufwand erreichen läßt, weil eben dieser Aufwand den Lustgewinn wieder schmälert. Statt der Epikur vielfach vorgeworfenen Ausschweifung fordert er also vielmehr einen äußerst genügsamen, fast asketischen Lebensstil, um die Menschen von dem Verlangen nach immer mehr zu befreien, das der Lust ebenso entgegensteht wie Furcht oder Schmerz, weil es die Seele daran hindert, zur Ruhe zu kommen.[11]

Auch Tugenden, vor allem die Gerechtigkeit, hält Epikur für unabdingbar, allerdings nicht um ihrer selbst oder um eines tugendhaften Ideals willen, sondern deshalb, weil ihre Mißachtung Angst erzeugt, da die Seele durch ein schlechtes Gewissen oder die Sorge um Aufdeckung von Straftaten belastet wird. Nur ein sicheres Leben ist auf Dauer lustvoll, weil frei von Furcht, und ausschließlich aus diesem Grund ist das Einhalten von Gesetzen notwendig.[12]

Der Mensch kann allerdings bei entsprechendem Verhalten nahezu völlige Sicherheit erlangen, obwohl Epikur die Existenz des Zufalls keineswegs leugnet.[13] Der Zufall kann aber denjenigen nicht an einem lustvollen Leben hindern, der gelernt hat, mit wenigem auszukommen und seine Hoffnung nicht auf die Zukunft zu richten, sondern die Gegenwart zu genießen. Ist die Gegenwart schmerzvoll, so kann der Weise sich durch positive Erinnerung Lust erzeugen und trotzdem erfüllt leben.[14]

Die epikureische Philosophie gründet das Glück also nicht auf materielle oder ideelle Güter, sondern allein auf die Erfahrung von Seelenruhe, die mit höchster Lust identisch ist. Wer sie auch nur einmal in seinem Leben erreicht hat, ist bei seinem Tode nicht zu bedauern, denn sein Leben war erfüllt. Es kommt nämlich nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität von Lusterfahrung an. Längere Dauer macht sie nicht größer.[15]

2.1.2 Die Furcht vor dem Tod

Furcht vor dem Tod ist eines der größten Hindernisse für ein erfülltes Leben. Sie bewegt den Menschen dazu, aus Angst vor der Zukunft die Gegenwart nicht zu genießen und bereitet ihm Sorgen.[16]

Dabei ist diese Furcht nach Epikur völlig unbegründet. Im Gegensatz zu den Mysterien hält er die Seele nicht für unsterblich,[17] mit der Begründung, daß sie körperlich sei, wenn sie auch aus sehr viel feinerem Material besteht als der Rest des Körpers. Epikur geht davon aus, daß eine unkörperliche Seele nicht in der Lage wäre, Dinge zu empfinden.[18]

Mit dem Tod stirbt folglich auch der Seelenkörper, und es ist keinerlei Empfindung mehr möglich. Damit ist ein Leben nach dem Tod ausgeschlossen, und deshalb ist es auch nicht nötig, den Tod zu fürchten, denn auch Schmerz kann darin nicht mehr erfahren werden. Epikur geht so weit zu sagen, daß der Tod uns nichts anginge und nichts mit uns zu tun habe, weil wir nicht mehr existieren, wenn er da ist. Daher braucht der Lebende keinen Gedanken an den Tod zu verschwenden, denn dieser hat ja mit dem Leben nichts zu tun, und es gibt auch keine Wechselwirkungen zwischen beiden, wie etwa Strafen oder Lohn in einem Leben nach dem Tod.[19]

Dennoch rät Epikur davon ab, den Tod freiwillig zu suchen. Das Leben, sagt er, ist immer lebenswert, denn insgesamt überwiegt immer die Lust gegenüber dem Schmerz, da starker Schmerz nicht lange dauert und langanhaltender Schmerz nicht stark ist. Statt also den Tod zu fürchten oder zu suchen, ist das Leben hochzuschätzen, und zwar in ständigem Streben nach dem, was es lebenswert macht, nämlich der Lust.[20]

2.1.3 Furcht vor den Göttern

Epikur macht eine Reihe von spekulativen Aussagen über die Götter, die z.B. ihre Gestalt und ihre Sprache betreffen.[21] Im Sinne seiner Philosophie ist es jedoch nur wichtig zu wissen, daß die Götter bzw. das Göttliche glückselig und unbewegt sind, denn aus diesen beiden Aussagen resultiert, daß man Götter nicht fürchten braucht.[22] Denn Glückseligkeit bedeutet ja nach Epikur Unbewegtheit der Seele; diese kann aber nur dann charakteristisch für die Götter sein, wenn sie nicht mit der Erhaltung oder Lenkung der Welt beschäftigt sind, denn das würde Mühe für sie bedeuten.[23] Weder Gunst noch Zorn ist von ihnen zu erwarten, denn sie haben mit der Welt genausowenig zu tun wie der Tod mit dem Lebenden. Auch die Annahme einer Erschaffung der Welt leugnet Epikur; vielmehr ist die Welt immer schon dagewesen. Die Götter leben nicht in ihr, sondern zwischen den vielen Welten, die es im unendlichen Raum gibt.[24] Epikur erscheint es als unlogisch, daß ein glückseliges Wesen zu irgendeinem Zeitpunkt die Erschaffung der Welt gewollt haben sollte, denn ein solcher plötzlicher Wunsch ist mit der Unbewegtheit der Seele nicht zu vereinbaren.[25]

Davon abgesehen beweist die Ungerechtigkeit in der Welt, daß die Götter nicht in sie eingreifen, und die Tatsache, daß sie in vielem nicht zweckgemäß oder für den Menschen angenehm ist, widerspricht der Annahme einer Schöpfung, vor allem einer Schöpfung um des Menschen willen.[26]

Es ist also nicht zu erwarten, daß durch göttliches Walten das Leben der Menschen beeinflußt wird; weder ist Strafe zu fürchten, noch Zuwendung zu erhoffen. Sein Glück soll der Mensch nicht von den Göttern erbitten, sondern es selbst in die Hand nehmen.[27]

Das alles schließ allerdings für Epikur keineswegs die Teilnahme am Kultus aus. Er sieht es im Menschen selbst begründet, daß dieser ein Bedürfnis hat, ein Wesen zu verehren, daß das Lebensziel, die Glückseligkeit, vollkommen innehat. Daher kann es auch angebetet werden, natürlich nicht, um im Gebet etwas zu erreichen, sondern um der bloßen Verehrung willen. Darüber hinaus propagiert Epikur die Teilnahme am allgemeinen Kult, um in der menschlichen Gesellschaft keinen Anstoß zu erregen, da dies wieder der Lust im Wege stünde.[28]

Furcht vor den Göttern ist aber in einem falschen Verständnis des Göttlichen begründet und muß den Menschen ausgetrieben werden, damit sie glücklich sein können. Dazu dient unter anderem die Naturwissenschaft, die die Welt rational erklärt und damit Epikurs These vom Nichteingreifen der Götter stützt.[29]

2.2. Kohelet

2.2.1 Die Freude

Im Buch Kohelet steht zwar die Nichtigkeit des Weltganzen deutlich im Vordergrund (lb,x, lkoh),[30] und der fehlende Lohn für die Arbeit des Menschen wird beklagt. Dennoch führt dies für Kohelet nicht zur Resignation, sondern zum Aufruf zur Freude (hxmf), die als das einzige positive Gegenstück zur Mühe und Ungerechtigkeit in der Welt erscheint. Er betont dabei aber die Unverfügbarkeit dieses Gutes; wer Freude festhalten will, erfährt ihre Vergänglichkeit,[31] und weder Arbeit noch Reichtum können sie garantieren.[32] Deshalb hält Kohelet seine Leser nicht dazu an, sich durch mühevolle Vorsorge eine Grundlage für Freude zu schaffen, sondern er erkennt, daß der Genuß des Vorhandenen wertvoller ist und auf Dauer mehr Freude bietet. Denn wer versucht, seine Begierden zu befriedigen, kann sein Ziel doch nicht erreichen, und trotz großer Güter kann ihm die Freude versagt bleiben.

Darüber hinaus gibt es Freude nur als Teilerfahrung; inmitten des nichtigen und vergänglichen Ganzen ist sie der qlx des Menschen,[33] der seinerseits nirgendwo als lb,h, bezeichnet wird.[34] Sie ist der dem Menschen zugemessene „ Anteil am Ertrag seiner Arbeit“[35], darf aber keineswegs als Lohn verstanden werden, da sie nicht proportional zur Arbeit geschenkt wird. So wird zwar ihre Wertschätzung überaus hochgehalten, aber es ist auch deutlich, daß es Freude als Lebensprinzip nicht geben kann, denn sie ist immer nur ein Teil menschlichen Lebens.

Kohelet spricht oft im Zusammenhang mit Essen und Trinken von der Freude[36] ; gedacht ist dabei aber wohl nicht an Festgelage, sondern an die normale, tägliche Nahrung, denn Freude besteht in der Zufriedenheit mit dem, was man hat. Deshalb wird auch wenig Besitz mit Ruhe höher geschätzt als durch Mühe erarbeiteter Reichtum.[37]

Aber auch, wenn der Mensch bewußt Verzicht übt, kann er doch Zufriedenheit nicht in sich selbst erzeugen, sondern er bekommt sie von Gott geschenkt.[38] Dieses Geschenk wird sogar als Antwort Gottes auf das menschliche Suchen nach ihm bezeichnet, obwohl Kohelet sonst grundsätzlich bedauert, daß der Mensch Gott eben nicht erreichen kann, auch nicht durch Weisheit.[39]

Der Gedanke an Tod und Vergänglichkeit des Lebens, der Kohelet sonst sehr beschäftigt, belastet den nicht, der sich freut. Daß der Fröhliche nicht viel an die Kürze seines Lebens denkt, bedeutet aber nicht, daß er den Rat Kohelets mißachtet, den Tod zu bedenken. Nur bekümmert ihn der Gedanke daran nicht, weil die Freude ein starkes Gegengewicht darstellt.[40]

Gegenüber dem, der sich nur abmüht, aber nicht freut, hat die Totgeburt ein besseres Los[41], und daran zeigt sich, daß ausschließlich die Freude das Leben lebenswert macht.

Dennoch sind Genuß und Freude für Kohelet nicht zu trennen von dem Wissen um Tod und Ungewißheit der Zukunft, und wer eine gedankenlose Heiterkeit an den Tag legt, ist ein Tor.[42] Auch die Unberechenbarkeit des göttlichen Handelns ist grundsätzlich mitzubedenken. Denn nur, wer sich dessen bewußt ist, daß er weder seinen Reichtum im Tode mitnehmen noch die Zukunft genau planen kann, wird sich an Wenigem genügen lassen. Aus diesem Grund empfiehlt Kohelet gerade dem Jüngling, für den der Tod noch fern ist, seines Schöpfers zu gedenken, und schließt an den Aufruf zur Freude eine lange Bilderrede über die kommenden schlechten Tage an.[43] Echte Freude ist nur für den möglich, der durch den Gedanken an Tod und schlechte Tage genügsam ist und sich Gott gegenüber vorsichtig verhält.

2.2.2 Das Bedenken des Todes

Kohelet beklagt den Tod als Ende all dessen, was ein Mensch sich in seinem Leben aufbaut.[44] Er ist das Ende alles Guten und aller Freude im Leben, und er bietet keine Gerechtigkeit für die, denen es schon im Leben nicht gemäß ihren Taten ergangen ist: Gottlose und Gerechte sterben gleichermaßen und werden von der Nachwelt vergessen – und selbst hier kann es vorkommen, daß ein Gottloser in Ehren bestattet wird, ein Gottesfürchtiger aber nicht.[45] Sogar Mensch und Vieh trifft der Tod gleichermaßen, und es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß mit der Seele, dem Odem des Menschen etwas anderes geschieht als mit dem des Tieres.[46] Demnach ist eine Vorstellung von einem postmortalen Gericht bei Kohelet auszuschließen.[47]

Aber obwohl im Tod keine ausgleichende Gerechtigkeit zu erwarten ist, preist Kohelet den Tag des Todes doch höher als den der Geburt,[48] denn danach kann es keine weitere Ungerechtigkeit geben, und auch jede Unterdrückung hat in ihm ihr Ende. Tote und vor allem Ungeborene haben in dieser Hinsicht ein besseres Los als die Lebenden.[49]

Dennoch geht Kohelet nicht so weit, daß er Selbstmord propagieren oder den Tod auch nur wünschen würde. Ganz im Gegenteil ruft er gerade deshalb zum Bedenken der eigenen Sterblichkeit auf, damit der Mensch den Wert des Lebensgenusses erkennt. Es ist kein Zufall, daß sich Passagen über den Tod unmittelbar neben Aussagen über Freude und Genuß finden.[50] Kohelet beobachtet, wie sehr sich Menschen abmühen, um in ihrem Leben Reichtum oder Ähnliches zu erarbeiten, den sie im Tod doch hinter sich lassen müssen, so daß er jemandem zufällt, der ihn nicht verdient hat. Darüber geht den Menschen Zeit verloren, in der sie mit weniger Habe wenigstens Ruhe gehabt hätten. So ist für Kohelet der Gedanke an den Tod zwar schmerzlich und unangenehm, verdeutlicht aber, daß es außer in der Gegenwart keine Möglichkeit zu Freude und Genuß gibt. Wer durch Bedenken des Todes zu dieser Erkenntnis gelangt ist, erfährt im Leben weniger Ungerechtigkeit und hat weniger Arbeit als der, der diesen Gedanken ausschaltet. Damit ist zwar nicht garantiert, daß auch Genuß und Freude hinzukommen, aber es ist wahrscheinlicher als bei ständiger Plackerei. In diesem Sinne kann Kohelet aussagen, daß der Lebende vor dem Toten den Vorteil hat, daß er um seinen bevorstehenden Tod weiß.[51] Durch dieses Wissen ist der Lebende dazu aufgerufen, seine Zeit nicht zu verschwenden und blind an den Glücksmomenten vorbeizugehen, sondern die Gegenwart zu genießen, so oft es möglich ist, bis der Tod auch diesen Vorteil ausgeräumt hat.

2.2.3 Die Gottesfurcht

Gott ist für Kohelet eine außerordentlich ferne Größe; er rechnet nicht damit, daß Menschen von sich aus an ihn herankommen können, obwohl sie zeitlebens danach streben. Dennoch ist Gott nicht so fern, daß er nicht in die Welt eingreifen würde. Nahezu deterministisch stellt sich Kohelet das göttliche Handeln vor: Er bestimmt alles Geschehen von Anfang her, auch das Ergehen des Einzelnen, und er ist dem Menschen unermeßlich weit überlegen, so daß dieser sein Los als unabänderlich akzeptieren muß.[52]

Zwar findet sich die Aussage, daß Gott den ihm Gefälligen besser behandelt als den Sünder,[53] aber dabei ist keineswegs an eine direkte Verbindung zwischen persönlichem Handeln und Ergehen gedacht, denn die Ungerechtigkeit ist allgegenwärtig. So kommt Kohelet zu dem Schluß, daß Gottes Wege für den Menschen nicht durchschaubar sind, daß aber gerade deshalb auf jeden Fall mit seinem Eingreifen in das Weltgeschehen gerechnet werden muß. Zwar ist es Gott selbst, der den Menschen nach Weisheit und Ewigkeit streben läßt, aber er läßt sich nicht von ihm finden. Sogar der Begriff des Schicksals (hrqm) findet sich bei Kohelet,[54] und immer wieder ermahnt er die Menschen dazu, nicht zu viel Hoffnung auf die Zukunft zu setzen, da jede Planung durch den Zufall durcheinander gebracht werden kann und damit sinnlos ist.[55]

Aufgrund dieser Unwägbarkeit rät Kohelet zu großer Vorsicht im Bezug auf Gott. Gelübde, Schwüre, selbst Gebete sind nicht unbedacht vorzunehmen, denn Gott sieht und weiß alles, was der Mensch tut, ist aber in seinem Handeln nicht beeinflußbar.[56] Aus diesem Grund schwingt in dem Begriff der Gottesfurcht bei Kohelet weniger Ehrfurcht als Konnotation mit, sondern „das Bewußtsein der Endlichkeit und Abhängigkeit, der eigenen Nichtigkeit“[57], was letztlich nichts anderes bedeutet als Angst vor dieser offenbar ungerechten Macht.

Begründet ist uneingeschränkte Macht Gottes in der Tatsache, daß er die Welt geschaffen hat, worauf Kohelet immer wieder hinweist. Allerdings erkennt er, daß die Schöpfung für den Menschen keineswegs zweckmäßig eingerichtet ist, und nennt sie auch nicht gut, sondern nur schön.[58] Das stellt aber den Schöpfungsakt keineswegs in Frage, sondern bedeutet lediglich, daß sowohl Gutes als auch Schlechtes von Gott kommt. Sämtliche Lebensbedingungen des Menschen gehen auf die Schöpfung zurück; auch die mühsame Arbeit ist von Gott verordnet worden.[59]

Dennoch ist es möglich, eine positive Gotteserfahrung zu machen, und zwar in der Freude. Obwohl die Schöpfung als Ganze undurchschaubar und Gott dem Menschen nicht verfügbar ist, ist die Möglichkeit, das Leben zu genießen, ohne Zweifel eine Gabe Gottes. Dies ist der Teil des Weltganzen, der dem Menschen von Gott zugedacht ist, und der in der Lage ist, ihn für alle sonstige negative Welterfahrung zu entschädigen, denn sie ist Antwort des Gottes, der in allen anderen Bereichen fern und zu fürchten ist.[60]

Beantwortet werden dabei die Grundfragen Kohelets: Die Frage nach dem Lohn für die Mühen des menschlichen Lebens und nach dem Sinn im göttlichen Handeln. Wenn sich also der Mensch freut, macht er die Erfahrung, daß es in der Schöpfung Gutes und Geordnetes gibt und daß es sich zu leben lohnt. Gott erscheint ihm dann nicht mehr als undurchschaubare Schicksalsmacht, sondern ist für den Menschen wieder erreichbar, weil er als Geber des momentanen Guten erfahren wird.[61]

Deshalb kann von solcher Freude auch nicht ausgesagt werden, daß sie nichtig sei, denn sie schafft als Teilerfahrung doch einen kurzen Einblick in die Ordnung der Welt und weckt das Vertrauen, daß auch in dem undurchschaubaren Ganzen irgendein Sinn stecken mag. Das Streben des Menschen nach Erkenntnis, die sonst von Gott verweigert wird, wird an dieser Stelle doch erfüllt.[62]

Gottesfurcht bedeutet letztlich für Kohelet, daß der Mensch Gutes und Schlechtes als Gabe Gottes versteht und sich nicht mit dem erfolglosen Versuch belastet, dieses zu ändern und jenes hervorzurufen. Dennoch bleibt ein Spielraum für das menschliche Handeln, denn Kohelet ruft dazu auf, die Freude nicht zu versäumen und das Unglück nicht heraufzubeschwören.[63]

3. Vergleich

Man kann sowohl die Botschaft Kohelets als auch die Epikurs mit dem Ausdruck carpe diem zu umschreiben versuchen.[64] Die Darstellung hat gezeigt, daß dieser Aspekt zwar bei beiden eine Rolle spielt, aber erstens eine starke Reduktion bedeutet und zweitens die gravierenden Differenzen zwischen ihnen restlos verwischt. Im Folgenden sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten genauer beleuchtet und im Rahmen des Gesamtkonzeptes beider Lehren erläutert werden.

3.1. Lust und Freude

Der Begriff der Lust bei Epikur ist oben definiert worden als Freiheit von Schmerz und Angst. Diese negative Formulierung findet sich bei Kohelet nicht, aber die hxmf, zu der er aufruft, entspricht doch in etwa der h-donh, bei Epikur. Bei beiden ist eine Zufriedenheit gemeint, in der Störfaktoren wie Sorge und Mühe zumindest in den Hintergrund treten, so daß das Leben als glücklich empfunden werden kann. Ähnlich ist auch, daß beide in der Freude eine gewisse Nähe zum Göttlichen sehen. Nach Epikur kann der Philosoph an die Glückseligkeit der Götter herankommen, nach Kohelet wird Freude immerhin als Antwort Gottes auf das Suchen des Menschen nach Sinn erfahren.[65]

Der Gedanke der Seelenruhe spielt ebenfalls bei beiden eine Rolle. Diese kann nur durch Genügsamkeit erreicht werden, weil das Verlangen nach mehr nie zu wirklicher Bedürfnisbefriedigung führt. Der empfohlene Lebensstil ist also sowohl bei Kohelet als auch bei Epikur ein genügsamer, bei Epikur fast schon ein asketischer, während Kohelet vor allem übermäßige Arbeit ablehnt.

Kohelet stößt sich vor allem daran, daß der Mensch keinen Lohn für seine Mühe zu erwarten hat, und er mißt dem Zufall sehr große Bedeutung dabei zu, menschliche Pläne zu durchkreuzen. Epikur dagegen geht davon aus, daß bei vernünftiger Planung der Zufall nahezu ausgeschlossen werden kann.[66]

Ähnliche geschätzt wird bei beiden die Gerechtigkeit. Kohelet empfiehlt den Mittelweg zwischen Weisheit und Torheit, damit man sich unnötige Mühe bzw. Strafe erspart.[67] Nach Epikur bereitet Ungerechtigkeit Furcht vor Entdeckung und verhindert aus diesem Grund die Seelenruhe; außerdem bietet das Einhalten von Gesetzen jedem Einzelnen Sicherheit vor anderen Menschen und ist deshalb zu empfehlen. Gerechtigkeit wird also nach beiden nicht etwa um ihrer selbst willen erstrebt, sondern nur im Interesse des Lebensgenusses.

Ein grundlegender Unterschied ist zeigt sich an einer anderen Stelle: Ganz anders als Kohelet sieht Epikur das Lebensglück des Menschen in ihm selbst begründet und von außen nicht gefährdet. Deshalb erscheint ihm ein Leben in fast beständigem Glück durchaus möglich. Kohelet sieht nur einzelne Glücksmomente, die von Gott geschenkt werden und schon deshalb hoch geschätzt werden müssen, weil sie selten und unverfügbar sind. Das heutige Glück kann morgen schon vorbei sein.

Auch Epikur führt diesen Gedanken an, um seine Schüler davon abzubringen, den Genuß des Lebens auf die Zukunft zu verschieben. Bleibt man aber auf dem Weg der Philosophie, dann „läuft die Freude von Anfang an mit der Erkenntnis mit“[68], und das kann Kohelet nicht vertreten.

Im Gegensatz zu Epikur, der bei einer schmerzvollen Gegenwart die Erinnerung an vergangene schöne Tage empfiehlt, rät Kohelet deshalb dazu, im Glück immer schon an dessen Unbeständigkeit zu denken – nicht, um es zu entwerten, sondern um es überhaupt richtig schätzen zu können.

Carpe diem gilt demnach für Epikur grundsätzlich als Anleitung zum Glücklichsein; bei Kohelet bedeutet es, die Glücksmomente als solche wahrzunehmen und nicht zu verpassen, wenn sie von Gott geschenkt werden.[69]

3.2 Was geht uns der Tod an?

Kohelet hält es offenbar für unmöglich, daß ein Mensch, der den Gedanken an den Tod von sich schiebt, sich wirklich an Wenigem genügen läßt. Allein der Gedanke, daß der Tod jederzeit eintreten kann, läßt vom Planen der Zukunft absehen und befreit dazu, den Genuß des Lebens nicht auf die Zukunft zu verschieben, sondern in der Gegenwart zu suchen. Wer seinen Tod nicht bedenkt, neigt dazu, sich für Güter abzuplagen, die er doch zurücklassen muß, wenn er stirbt.

Epikur dagegen versucht, dieses Bestreben durch die Vernunft auszuschalten, indem er lehrt, daß nur solche Begierden natürlich sind, die man leicht befriedigen kann, und daß die anderen auch unerfüllt bleiben können, ohne daß die Lust dadurch geschmälert würde. Nach seiner Auffassung steht der Gedanke an den Tod der Seelenruhe im Wege, weil er Angst macht – Angst vor Schmerz und vor jenseitiger Strafe. Daher soll sich kein Lebender auch nur mit dem Gedanken an den Tod beunruhigen.[70]

Diese Angst will auch Kohelet ausschalten, indem er den Gedanken an Lohn oder Strafe im Jenseits negiert. Er stellt den Tod als radikalen Gleichmacher dar, in dem der Gerechte vor dem Gottlosen keinen Vorteil hat – und das vertritt auch Epikur. Das Bedenken des Todes soll also keineswegs Angst erzeugen, sondern aufzeigen, daß sich übermäßige Arbeit und Frömmigkeit nicht auszahlen.

Es ist für Kohelet auch unerläßlich, diesen Gedanken beizubehalten, da Gott „dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gegeben“[71] hat. Der Mensch kann also gar nicht anders, als über sich hinaus zu fragen und nach etwas Dauerhaftem zu streben, das es nach Kohelet aber nicht gibt. Die Menschen verschwenden ihre Zeit mit dem sinnlosen Versuch, sich durch späteren Ruhm oder die Weitergabe von Besitz oder Ähnliches zu verewigen, und allein die Erkenntnis, daß all dies nicht von Dauer ist, kann sie davon abbringen.[72]

Epikur erkennt dasselbe Streben als Hindernis für die Freude in der Gegenwart, wenn er sagt, daß das Leben erst dann genußreich ist, wenn man „die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit wegnimmt“[73]. Von Gott gegeben kann diese Sehnsucht seiner Auffassung nach nicht sein, und nur deshalb kann er ein solches Unternehmen überhaupt für möglich halten.

3.3 Gottesfurcht oder keine Angst vor Göttern?

Im Buch Kohelet findet das Suchen nach Sicherheit vor dem strafenden Handeln Gottes deutlich Ausdruck; dennoch warnt er vor allzu großer Gerechtigkeit. Grund dafür dürfte wieder die Erkenntnis sein, daß sich übermäßige Anstrengungen nicht lohnen. Gottes Strafe für Vergehen ist zwar zu fürchten, aber das Wohlergehen des Gerechten ist nicht automatisch zu erwarten. So ist Vorsicht geboten, vor allem im bezug auf Gelübde und Gebete, denn deren positive Wirkung ist nicht garantiert, aber ein nicht erfülltes Gelübde kann leicht Strafe nach sich ziehen.[74]

Genau dies ist eine Sorge, von der Epikur die Menschen befreien will, und an dieser Stelle ist der Gegensatz zwischen beiden am größten. Denn nach Epikur braucht der Mensch mit dem Eingreifen des Göttlichen in die Welt nicht zu rechnen; beide haben nichts miteinander zu tun. Sein abstrakter Gottesbegriff macht die Annahme unmöglich, daß Götter überhaupt handeln, und die Schöpfung ist ganz und gar ausgeschlossen.[75]

Kohelet kommt von einem anderen Gottesverständnis her, von dem er sich aber offensichtlich weit entfernt hat. Für ihn ist Gott nicht mehr der personale Retter Israels, den man bitten und einschätzen kann, sondern eine ferne Schicksalsmacht. Dennoch bezweifelt Kohelet Gottes Handeln und sein Eingreifen in den Lauf der Welt in keiner Weise, wenn es auch nicht berechnet werden kann. Er hält auch den Gedanken an die Schöpfung fest, obwohl er das Problem der mangelhaften Zweckmäßigkeit der Schöpfung für den Menschen durchaus sieht. Er löst es durch den Verweis auf die Undurchschaubarkeit und Unverfügbarkeit Gottes, die jedoch genau die Furcht vor ihm hervorruft, die Epikur ausschalten will.[76]

Für Epikur wäre der von Kohelet gefürchtete Gott gar kein Gott, denn dessen strafendes und lenkendes Handeln steht ja der glückseligen Ruhe entgegen, die nach seiner Definition das Göttliche kennzeichnet. Auch die Schöpfung leugnet er daher vehement.

Folglich kann die Lust oder Freude nach Epikur auch nicht von Gott geschenkt sein, sondern muß im Menschen selber gründen. Dann ist aber auch jeder selbst dafür verantwortlich, sich Lust zu verschaffen, und so kann Epikur das Streben nach ihr zum Lebensprinzip erheben. Für Kohelet bleibt nur der Aufruf, Freude zu genießen, wann immer sie geschenkt wird, auch wenn sie noch so kurz sein mag oder sich nur in Kleinigkeiten manifestiert wie dem täglichen Essen und Trinken. Durch die Abhängigkeit von Gott hat niemand sein Glück selbst in der Hand, ist aber gut beraten, es aktiv aufzunehmen, wenn es geschenkt wird.[77]

Damit liegt es für beide nahe, den Zusammenhang von Sicherheit und Freude zu thematisieren. Für Epikur wird Sicherheit durch das Einhalten von Gesetzen ebenso begünstigt wie durch Freundschaften und das Meiden von politischen Ämtern. Bei Kohelet findet sich zwar dieselbe Wertschätzung von persönlichen Beziehungen, und auch er sieht im Streben nach Sicherheit den Weg zum Glück eingeschlagen, aber es kann nach seiner Überzeugung letztlich keine Sicherheit für den Menschen geben, da das undurchschaubare Handeln Gottes jederzeit als Schicksal oder Zufall alle Pläne zunichte machen kann. Nicht einmal die Beobachtung des Wetters kann eine gute Ernte gewährleisten, und auch die Fähigkeiten des Menschen müssen ihn nicht notwendig weiterbringen.[78]

Dennoch folgt für Kohelet gerade aus seinem Glauben an das Eingreifen Gottes auch ein Trost, den Epikur nicht bieten kann: Wenn es dem Menschen nicht gut ergeht, ist er nicht selbst dafür verantwortlich, sondern Glück und Unglück kommen gleichermaßen von Gott.[79] Damit braucht der Mensch sich nicht vergeblich darum bemühen, Unglück abzuwenden, womit er es nur vergrößern würde.[80]

4. Einfluß des Epikureismus auf Kohelet?

Es ist nicht sinnvoll, darüber zu[81] spekulieren, ob Kohelet direkten Kontakt mit den Texten Epikurs hatte. Um die Kenntnis epikureischer Gedanken bei Kohelet vermuten zu können, ist der zeitliche Abstand zwischen beiden auf jeden Fall groß genug, aber das Buch Kohelet läßt sich auch für sich genommen verstehen und ist nicht vom Epikureismus abhängig. Allerdings kann man nach Spuren einer gedanklichen Auseinandersetzung mit Epikur suchen. Das soll hier mit „Einfluß“ gemeint sein.[82]

Ein so verstandener Einfluß scheint mir jedoch nicht zu leugnen zu sein, wenn man bedenkt, wie sehr sich Kohelet von der traditionellen jüdischen Weisheit unterscheidet. Schon allein die Tatsache, daß er sehr wenig Anweisungen zum konkreten Handeln erteilt und für diese zunächst eine systematische Grundlage entfaltet, rückt ihn eher in die Nähe der griechisch-hellenistischen Philosophie und unterscheidet ihn von der sonstigen biblischen Literatur.[83]

Im Gegensatz zu ihr ist die Frage nach dem Glück und seinem Urheber für Kohelet das zentrale Thema. Diese Akzentverschiebung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Auseinandersetzung mit hellenistischer Philosophie entstanden, denn dort ist es die wesentliche Aufgabe, Anleitung zum Glück zu bieten, wie die Untersuchung Epikurs zeigt.

Dessen Überzeugung, der Mensch könne selber für sein Glück sorgen, wird von Kohelet stark bekämpft, indem er die im Schöpfungsglauben verankerte These vertritt, daß Glück und Unglück von Gott kommen – und damit auch die Freude. Ein Angriff auf die traditionelle Weisheit ist das ganz sicher nicht, da diese die Herkunft des Glückes von Gott „doch nie geleugnet“[84] hat. Viel eher wendet sich Kohelet mit seiner Lehre von der Unverfügbarkeit des Glücks gegen eine Säkularisierung durch den Hellenismus, die zur Entstehungszeit des Buches in Palästina mit einiger Sicherheit vorauszusetzen ist.[85]

Offenbar war Kohelet aber auch stark angezogen von dem epikureischen Gedankengut, denn es finden sich alle wesentlichen Gedanken Epikurs in seinem eigenen Lehrgebäude, sofern sie ihm nicht entgegenstehen: den Verzicht auf Reichtum und das Erfüllen unnatürlicher Begierden, die Gleichsetzung von Seelenruhe und Glückserfahrung und deren absolute Hochschätzung sowie die Negierung eines postmortalen Gerichts. Sogar die Gerechtigkeit vor Gott (hqdc) ist ihm im Gegensatz zu der älteren alttestamentlichen Weisheit kein Wert, den es sich ohne Einschränkungen zu erstreben lohnt.[86]

In Kohelets Worten über den Tod scheint mir die Lehre Epikurs recht deutlich durchzuscheinen. Denn Kohelet empfindet zwar den Tod gerade wegen seiner Endgültigkeit und wegen seiner gleichmachenden Wirkung als großes Übel,[87] aber er benutzt ihn als das schlagende Argument gegen das Streben nach bleibendem Lohn. Und wie Epikur entwickelt er daraus den Gedanken, daß es die Gegenwart ist, in der das Glück gesucht werden muß. Nur scheint es ihm – gegen Epikur – unmöglich, eine solche Ausrichtung auf die Gegenwart ohne das ständige Bedenken des Todes zu erreichen. In der Tat wäre dann das wesentliche Motiv für die Genügsamkeit ausgeschaltet. Dieses Problem sieht durchaus auch Epikur selbst, wie wir oben gesehen haben.[88]

Deutlich ist jedenfalls, daß bei beiden der Aufruf zur Freude und zum Genuß der schönen Momente im Leben die Konsequenz ist, bei Kohelet zwar – wie oben erläutert – mit der Einschränkung, daß nicht immer die Möglichkeit zur Freude gegeben ist.

Dabei zeigt sich Kohelets eigenständige Reflexion des epikureischen Gedankenguts weiter in der Tatsache, daß er weiterhin Gott als Schöpfer und als den Geber von Freude versteht und damit den Aufruf zum carpe diem gegenüber Epikur einschränkt.[89] Es entsteht also ein eigenes Konzept, dessen Thema aber durch die hellenistische Philosophie vorgegeben ist und dessen Gedanken sich sicher nicht zufällig mit dieser stark berühren.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß Kohelet mit der Lehre Epikurs vertraut war. Ihr Inhalt wurde für ihn selbst zum Thema, das er zwar selbständig durchdachte und in mancherlei Hinsicht zu anderen Ergebnissen gelangte und deshalb teilweise auch als Kritik am Epikureismus verstanden werden kann.

Literaturverzeichnis

Textausgaben und Hilfsmittel

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Kommentare, Monographien und Aufsätze

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Kutschera, F.: Kohelet: Leben im Angesicht des Todes, in: Schwienhorst-Schönberger, L. (Hg.): Das Buch Kohelet. Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie, BZAW 254, Berlin/New York 1997, S. 363-376.

Schilling, K.: Geschichte der Philosophie, Bd. 1, Die alte Welt. Das germanische Mittelalter, München 1943.

Schwienhorst-Schönberger, L.: „Nicht im Menschen gründet das Glück“ (Koh 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weisheit und hellenistischer Philosophie, HBS 2, Freiburg 1994.

Vorländer, K.: Philosophie des Altertums. Geschichte der Philosophie I, München 111978.

Zimmerli, W.: Das Buch des Predigers Salomo, in: ATD 16, Göttingen 31981, S. 121-249.

[...]


[1] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, , L.: „Nicht im Menschen gründet das Glück“ (Koh 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weisheit und hellenistischer Philosophie, HBS 2, Freiburg 1994, S. 275, Anm. 5.

[2] Vgl. Bohlen, R.: Kohelet im Kontext hellenistischer Kultur, in: Schwienhorst-Schönberger, L. (Hg.): Das Buch Kohelet. Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie, BZAW 254, Berlin/New York 1997, S. 252.

[3] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 245 und 274.

[4] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 7.

[5] Alle Stellenangaben für Epikur beziehen sich auf Seiten der deutschen Übersetzung von Gigon, O.: Epikur. Von der Überwindung der Furcht. Katechismus, Lehrbriefe, Spruchsammlung, Fragmente, BAW.GR, Zürich 1949. Im Folgenden wird dies mit dem Kurztitel Epikur bezeichnet.

[6] Vgl. Epikur S. 3, 5 und 49.

[7] Vgl. Epikur S. 103.

[8] Vgl. Epikur S. 44 und 69.

[9] Vgl. Epikur S. 47f. und 54.

[10] Vgl. Epikur S. 3.

[11] Vgl. Epikur S. 6f.

[12] Vgl. Epikur S. 7f.

[13] Vgl. Epikur S. 5 und 54.

[14] Vgl. Epikur S. 55 und 96.

[15] Vgl. Epikur S. 5f. und 9.

[16] Vgl. Epikur S. 4f.

[17] Vgl. Schilling, K.: Geschichte der Philosophie, Bd. 1, Die alte Welt. Das germanische Mittelalter, München 1943, S. 175.

[18] Vgl. Epikur, S. 21f.

[19] Vgl. Epikur, S. 3 und 45.

[20] Vgl. Epikur, S. 3, 46 und 53.

[21] Vgl. Epikur, S. 67 und 77.

[22] Vgl. Epikur, S. 3 und 66f.

[23] Vgl. Gigon, a.a.O., S. XLVII.

[24] Vgl. Epikur, S. 77.

[25] Vgl. Epikur, S. 11 und 71.

[26] Vgl. Epikur, S. 79.

[27] Vgl. Epikur, S. 3 und 56.

[28] Vgl. Epikur, S. 58, 65 und 81.

[29] Vgl. Epikur, S. 4f und 35.

[30] Dieser Gedanke steht wie ein Motto in den Rahmenversen 1,2 und 12,8, vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 12-17.

[31] Vgl. Koh 2,1f.10f.

[32] Vgl. Koh 4,8 und 5,9-12.

[33] Vgl. Koh 5,17; 3,22 und 9,9.

[34] Als Gegenargument wird von vielen Koh 2,24-26 angeführt. Die lb,h –Aussage in V.26 bezieht sich jedoch nur auf diesen Vers, nicht auf die in V.24 genannte Freude, vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 83-87.

[35] Fischer, A.: Skepsis oder Furcht Gottes? Studien zur Komposition und Theologie des Buches Kohelet, BZAW 247, Berlin/New York 1997, S. 75.

[36] So z.B. Koh 2,24; 3.13; 5,17; 8,15; 9,7.

[37] Vgl. Koh 4,6.

[38] Vgl. Koh 2,24; 3,13; 5,18.

[39] Vgl. Koh 5, 19 gegenüber 1,13; 3,11; 8,17 u.ö.

[40] Vgl. Koh 5, 17-19 sowie Kaiser, O.: Gottes und der Menschen Weisheit. Gesammelte Aufsätze, BZAW 261, Berlin/New York 1998, S. 146f.

[41] Koh 6,3.

[42] Vgl. Koh 7,2-6. Daß hier nicht die Freude allgemein abgelehnt wird, dürfte aus den weiteren Belegen deutlich sein.

[43] Vgl. Koh 11,9-12,8.

[44] Vgl. Koh 5,14-16.

[45] Vgl. Koh 8,10.

[46] Vgl. Koh 3,19-21.

[47] Vgl. Fischer, a.a.O., S. 148.

[48] Vgl. Koh 7,2.

[49] Vgl. Koh 4,1-3.

[50] Z.B. Koh 2,20-26; 3,19-22; 5,12-19; 9,7-10.

[51] Vgl. Koh 9,4f.

[52] Vgl. Koh 6,10 und 7,13f. Es ist jedoch nicht gemeint, daß Gott die Welt schlecht geschaffen habe, oder daß das Handeln von Gott und Mensch festgelegt sei. Es geht vor allem darum, daß Gott die Lebensumstände festlegt und daß diese nicht zu ändern sind, vgl. Fischer, a.a.O., S. 107f.

[53] Vgl. Koh 2,25f.

[54] Koh 2,14f.; 3,19; 9,2f.

[55] Vgl. Koh 7,13f. sowie Fischer, a.a.O., S. 103.

[56] Vgl. Koh 4,17-5,6;

[57] Kutschera, F.: Kohelet: Leben im Angesicht des Todes, in: Schwienhorst-Schönberger, L. (Hg.): Das Buch Kohelet. ‚Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie, BZAW 254, Berlin/New York 1997, S. 366f.

[58] Vgl. Koh 3,11 im Gegensatz zu Gen 1,31.

[59] Vgl. Koh 3,10.

[60] Vgl. Koh 5,19.

[61] Vgl. Kutschera, a.a.O., S. 372f.

[62] Vgl. ebd.

[63] Vgl. Fischer, a.a.O., S. 114.

[64] Vgl. z.B. für Kohelet Kaiser, a.a.O., S. 144-148.

[65] S.o. Abschnitt 2.1.1 und 2.2.1.

[66] S.o. Abschnitt 2.1.1 und 2.2.3.

[67] Vgl. Koh 7,16-18.

[68] Epikur, S. 52.

[69] Vgl. Fischer, a.a.O., S. 86.

[70] S.o. Abschnitt 2.1.2.

[71] Koh 3,11.

[72] S.o. Abschnitt 2.2.2.

[73] Epikur, S.45.

[74] Vgl. Kaiser, a.a.O., S. 144.

[75] S.o. Abschnitt 2.1.3.

[76] S.o. Abschnitt 2.2.3.

[77] Vgl. Fischer, a.a.O., S. 108.

[78] Vgl. Koh 9,11f. sowie Kaiser, a.a.O., S. 138f.

[79] Vgl. Koh 7,10.13f. sowie Kaiser, a.a.O., S. 115.

[80] Vgl. Fischer, a.a.O., S. 110.

[81] Da im Rahmen dieser Arbeit exemplarisch auf Epikur und Kohelet eingegangen wird, kann ein Einfluß aus anderer Richtung nicht ausgeschlossen werden. Meiner Meinung nach ist die thematische Entsprechung allerdings groß genug, um dennoch eine Antwort zu wagen.

[82] Ähnlich verfährt Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 245f.

[83] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 327.

[84] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 303.

[85] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 278.

[86] S.o. Abschnitt 3.3.

[87] Vgl. Koh 3,16-20; 5,14f u.ö.

[88] S.o. Abschnitt 3.2.

[89] Vgl. Schwienhorst-Schönberger, a.a.O., S. 331f.

Details

Seiten
23
Jahr
2000
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108966
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
sehr gut
Schlagworte
Kohelet Epikur Vergleich Motive Hauptseminar

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Titel: Kohelet und Epikur - ein Vergleich ausgewählter Motive