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Das Euthyphron Dilemma - Göttlicher Wille als Fundament der Moral?

Essay 2000 10 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Euthyphron“ - der Dialog

3. Das Euthyphron-Dilemma
3.1 Das Problem der Inhaltsleere
3.2 Das Problem der grausamen Moral
3.3 Das Problem der Unabhängigkeit
3.3.1 Der Status moralischer Werte

4. J.L. Mackies Lösung des Dilemmas

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abstract

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit dem Euthyphron-Dilemma, das auf Platons gleichnamigen Dialog zurückgeht. Das Dilemma ergibt sich, wenn etwas als „gut“ oder „gerecht“ genau deshalb bezeichnet werden soll, weil es dem göttlichen Willen entspricht. Daraus folgt, dass entweder alles göttliche Wollen per definitionem moralisch zu nennen ist oder dass der göttliche Wille sich von vorneherein nur auf moralisch Zulässiges erstrecken kann. Die Annahme einer Einheit von göttlichem Willen und moralischem Wert führt zu dem Problem der Inhaltsleere moralischer Aussagen und der Möglichkeit einer grausamen Moral.

Wer andererseits göttlichen Willen auf moralisch Zulässiges beschränkt, führt von Gott unabhängige moralische Kategorien ein. Beide Alternativen erweisen sich im Sinne eines konsistenten Moralsystems als ungeeignet. Auch die anschließend diskutierte Lösung John Leslie Mackies bleibt für den Versuch eine Moral auf göttlichen Willen zu begründen unbefriedigend.

1. Einleitung

„Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.“

Alfred North Whitehead[1]

Man braucht nicht soweit zu gehen wie A.N. Whitehead um festzustellen, dass eine ganze Reihe von noch heute diskutierten philosophischen Fragestellung bei Platon ihren Ursprung hat. Zu diesen von Platon aufgeworfenen Problemen, die im Laufe der Geschichte nichts an ihrer Relevanz verloren haben, zählt auch das Euthyphron-Dilemma. Es tritt immer dann auf, wenn moralische Wertungen durch Verweis auf den göttlichen Willen legitimiert werden sollen

Im Euthyphron-Dialog wird auch damit auch prinzipiell die Frage gestellt, ob es gerechtfertigt sein kann, sich in Fragen der Moral auf göttlichen Willen zu berufen. Eine Fragestellung, die damals wie heute brisant erscheint.

Sokrates der Fragensteller wird als Gotteslästerer und Verderber der Jugend zum Schierlingsbecher verurteilt und auch heute gibt es Kräfte, die den moralischen Verfall beklagen und für eine stärkere Rolle der Religion auf dem Feld der öffentlichen Moral plädieren. Vor diesem Hintergrund erscheint es in jedem Fall notwendig die Möglichkeit einer Moralbegründung durch Gott genauer zu untersuchen.

Im Folgenden wird deshalb zunächst die Stichhaltigkeit der sokratischen Argumentation geprüft. Danach folgt eine Betrachtung der einzelnen Aspekte des Dilemmas.

2. Euthyphron – der Dialog

Der Euthyphron-Dialog gehört zur Gruppe der Definitionsdialoge in Platons Frühwerk.[2] Sokrates versucht als Protagonist in jedem dieser Dialoge mit seinem Gesprächspartner das Wesen einer bestimmten Tugend zu definieren.

Mit dem Seher Euthyphron trifft sich Sokrates ungewöhnlicherweise vor der Halle des Basileus, dem Gerichtsgebäude des antiken Athens. Er selbst muss sich dort wegen der schon erwähnten Anschuldigung der Gotteslästerung verantworten. Euthyphron hingegen tritt als Kläger gegen seinen Vater auf. Dieser hatte einen Sklaven, der einen anderen Sklaven erschlagen hatte, gefesselt in eine Grube werfen lassen, in der der Sklave dann starb bevor er vor Gericht gestellt werden konnte. Euthyphron klagt deswegen seinen Vater wegen Mordes an. Sokrates zeigt sich verwundert, doch Euthyphron erklärt, dass es seine Frömmigkeit zweifelsfrei erfordere Klage gegen seinen Vater zu erheben. Daraufhin bittet Sokrates Euthyphron ihn über das Wesen der Frömmigkeit zu belehren und der eigentliche sokratische Dialog beginnt.

3. Das Euthyphron-Dilemma

Der Seher definiert Frömmigkeit folgendermaßen:

Euthyphron: Ich möchte sagen: Fromm ist das, was alle Götter lieben, und das Gegenteil davon, das was alle Götter hassen, gottlos.[3]

Sokrates zeigt sich zufrieden, gibt aber zu bedenken, dass eine Bezeichnung eine bloße Eigenschaft wiedergeben kann

„Wenn mit einer Sache etwas vorgenommen wird oder sie etwas erfährt, so wird nicht mit ihr etwas vorgenommen, weil sie etwas ist mit dem etwas vorgenommen wird, sondern weil mit ihr etwas vorgenommen wird, ist sie etwas mit dem etwas vorgenommen wird.“[4]

Als Beispiele erläutert er, dass ein „Gesehenes“, ein „Getragenes und ein „Geliebtes“ jeweils nur deshalb ein solches ist, weil es eben gesehen, getragen oder geliebt wird.

Gleichzeitig führt Sokrates aber an, dass etwas Schönes begehrt und geliebt werden kann ohne dass das Wesen seiner Schönheit darin bestehen muss, dass es begehrt und geliebt wird. Euthyphron stimmt ihm in allem zu, woraufhin ihn Sokrates berechtigterweise fragt:

„Wird das Fromme von den Göttern geliebt, weil es fromm ist, oder ist es fromm, weil es geliebt wird?“[5]

Diese Frage stellt das eigentliche Euthyphron-Dilemma da. Beide Antwortmöglichkeiten werden im weiteren Verlauf in Erwägung gezogen, aber keine erweist sich für den frommen Euthyphron als haltbar.

Im Verlauf der Philosophiegeschichte wurde dies nicht nur als ein Problem der Definition von Frömmigkeit betrachtet, sondern allgemein auf die Problematik moralische Werte durch göttlichen Willen zu begründen, bezogen. Die Frage kann daher auch lauten: Ist etwas gut, weil Gott es will oder will Gott etwas, weil es gut ist?

Im Folgenden werden die Probleme, die das Euthyphron-Dilemma aufwirft einer genaueren Betrachtung unterzogen.[6]

3.1 Das Problem der Inhaltsleere

Zunächst besteht für Euthyphron die Möglichkeit etwas genau dann als „gut“ oder „fromm“ zu bezeichnen, wenn es dem göttlichen Willen entspricht. Damit wäre Gott die Richtschnur jedes moralischen Urteils. Gleichzeitig hätte dies aber zur Folge, dass die zu definierende Eigenschaft zu einem bloßen Synonym von „von Gott gewollt“ wird. Damit wäre moralischen Begriffen jeglicher intrinsischer Wert entzogen. Sie würden nur noch angeben in welcher Beziehung eine bestimmte Tat zum Willen Gottes steht.

Man könnte so zwar weiterhin Handlungen in die Kategorien „Gottes Willen entsprechend“ oder „Gottes Willen nicht entsprechend“ einteilen, dies würde aber keineswegs gleichzeitig erklären, warum eine bestimmte Handlung einer anderen vorgezogen werden soll. Geltung hätten moralische Gebote nur durch Verweis auf die göttliche Autorität, die einen Verstoß ahndet.

Eine Legitimation wie etwa „Gott will das Gute“ wäre gleichbedeutend mit „Gott will was er will“ und somit aussagelos. In der Praxis aller theistischen Weltreligionen wird allerdings sehr wohl das Vertrauen der Menschen auf Gott in irgendeiner Weise begründet, etwa damit dass Gott das „Gute“ repräsentiere. Eine Argumentation, die wie gesagt unzulässig wäre wenn dies eben nur bedeuten würde, dass Gott will was er will.

Somit wäre es auch nicht möglich Aussagen über die moralische Qualität Gottes zu treffen. Daraus folgt, dass auch die Unterscheidung zwischen Gott und dem Teufel nur insoweit zu machen ist, dass der Teufel offensichtlich andere Maßstäbe als Gott anwendet und dass es in der gegebenen Situation für den Gläubigen günstiger ist die Maßstäbe Gottes anzuwenden. Die Notwendigkeit göttliche Gebote zu befolgen, liegt infolgedessen einzig und allein in der Macht Gottes begründet. Es wäre dann allerdings nichts anderes als konsequent sich bei jeder Entscheidung zu überlegen, ob der Nutzen einer Übertretung oder Gottes Strafe schwerer wiegt. Sich zum Beispiel zu überlegen, ob der Nutzen eines Raubmordes, die zu erwartende göttliche Strafe nicht vielleicht überwiegt, wäre somit keineswegs an sich falsch.

Diese Überlegungen zeigen, welche für einen Gläubigen schwer annehmbaren Folgen diese Alternative mit sich bringt.

3.2 Das Problem der grausamen Moral

Ein weiterer Aspekt wurde bisher noch nicht betrachtet. Wenn etwas deshalb „gut“ ist, weil Gott es befiehlt, ist umgekehrt auch jede Handlungsweise „gut“ solange Gott sie befiehlt.

Ein göttliches Gebot muss nur auf irgendeine Art und Weise zweifelsfrei als ein solches identifiziert werden, ist dann aber unbedingt gültig. Dabei gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Gott nicht auch grausame Dinge befehlen könnte. Die alttestamentarischen Gebote Ehebrecher und Homosexuelle zu töten (Deut. 22:22 und Lev. 20:13) können dabei als Beispiele dienen. Solche Gebote nicht oder nur abgeschwächt zu befolgen, ließe sich in keiner Weise rechtfertigen. Auch sich beispielsweise zu weigern seine eigenen Kinder zu opfern wäre moralisch klar falsch zu nennen, wenn Gott solches befehlen würde.

Sicher mag es Fanatiker geben, die diese Schlussfolgerungen akzeptieren, die meisten Gläubigen würden eine solche Interpretation wohl aber ablehnen.

Grausame Willensentschlüsse Gottes können aber beispielsweise nicht deshalb für unmöglich erklärt werden, weil sie mit der gerechten Natur Gottes nicht vereinbar wären. Dies würde das Problem nur verschieben. Denn wenn Gerechtigkeit als moralischer Wert wiederum durch Gott selbst definiert werden soll, schließt sich der Zirkel. „Gerecht“ hieße dann nichts anderes als „dem Willen Gottes entsprechend“.

Anders verhielte es sich nur, wenn Gerechtigkeit zum unabhängigen Wert erklärt werden würde. Es bleibt dann aber die Frage, warum nicht auch „gut“ unabhängig von Gott definiert werden kann.

Dieser Fall wird im Folgenden diskutiert.

3.3 Das Problem der Unabhängigkeit

Wenn behauptet wird, dass etwas von Gott befohlen wird, gerade weil es „gut“ ist, tritt das Problem der Unabhängigkeit der Werte auf. Offensichtlich ist „gut“ dann eine moralische Kategorie, die ihren Wert nicht allein durch Gott erhält. Moralische Werte besitzen demnach einen intrinsischen Wert, den Gott zwar erkennt, aber nicht verleiht.

Das „Gute“ oder die „Gerechtigkeit“ sind ihrem Wesen nach nicht von Gott abhängig. Gott selbst verliert damit seine absolute Notwendigkeit innerhalb des Moralsystems. Auch wenn Gott und seine Befehle „gut“ sind, ändert dies nichts an der prinzipiellen Eigenständigkeit moralischer Wertungen.

Göttliche Befehle dürften dann nicht einfach befolgt werden, sondern müssten erst auf ihre moralische Richtigkeit hin überprüft werden. Es wäre sogar möglich göttliches Handeln selbst zu bewerten und gegebenenfalls zu verurteilen.

Diese Konsequenzen machen auch diese Alternative für den frommen Seher Euthyphron unmöglich. Er entzieht sich daraufhin dem nach ihm benannten Dilemma, in dem er erklärt:

„Ein andermal also, mein Sokrates; denn jetzt muss ich rasch anderswohin und es ist für mich hohe Zeit, weg zu gehen.“[7]

3.3.1 Der Status moralischer Werte

Wenn moralische Werte unabhängig von Gott sind, stellt sich natürlich die Frage, welchen ontologischen Status diese Werte dann eigentlich besitzen. Platon selbst vertritt in späteren Schriften mit seiner Ideenlehre die These, dass moralische Werte objektiv existent sind. Die Idee des Guten existiert nach Platon in der Welt der Ideen und erst die „Ideenschau“ ermöglicht uns objektiv moralisch zu urteilen[8].

Die andere Position vertritt John Leslie Mackie, der bereits mit dem ersten Satz seines Buchs „Ethik - Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen“ programmatisch aussagt: „Es gibt keine objektiven Werte“. Nach Mackie sind moralische Aussagen nicht objektiv begründbar, sondern entsprechen subjektiven Werturteilen.

Werte haben ihm zufolge den Charakter von Maßstäben, deren jeweilige Angemessenheit subjektiv beurteilt werden muss.

Unter diesen Voraussetzungen schlägt Mackie auch eine Lösung des Euthyphron-Dilemmas vor.[9]

4. Mackie Lösung des Euthyphron-Dilemmas

Mackie geht, wie oben bereits erwähnt von der Annahme aus, dass moralische Werte keine objektive Gültigkeit besitzen. Er behauptet jedoch keineswegs dass moralische Urteile grundsätzlich aussagelos wären. Man könnte beispielsweise alle Handlungen, die der menschlichen Lebensführung angemessen sind, mit dem Attribut „gut“ bezeichnen.

Weiterhin wird angenommen, dass Gott weiß welche Handlungen in diesem Sinne „gut“ sind und welche nicht, während die Menschen in ihrer Beschränktheit dies nicht wissen können. Es wäre dann möglich, dass göttliche Befehle dazu dienen den Menschen zu der ihnen angemessenen Lebensweise zu verhelfen.

„Die Vorstellung von Gott als einem willkürlichen Tyrannnen ist ersetzt durch die Annahme, er fordere von seinen Geschöpfen nur die ihnen angemessene Lebensform. Wir können dann Gott gut nennen und meinen genau dieses.“[10]

Auf diese Weise könnte Euthyphrons Dilemma vermieden werden. Etwas wäre „gut“, weil Gott es will und gleichzeitig will Gott es, weil es „gut“ ist.

In dieser Welt wäre Gott aber nicht mehr als ein guter moralischer Ratgeber an dessen „Ratschläge“ sich zu halten, keinerlei objektive Notwendigkeit besteht.

5. Fazit

Das Euthyphron-Dilemma bleibt für eine Ethik, die sich allein auf Gott beruft, ungelöst. Gott als alleinige Quelle der Moral anzuführen, zieht wie oben ausführlich dargelegt wurde, eine Reihe von Problemen nach sich.

Euthyphron der Seher sollte sich am Ende zumindest nicht mehr sicher sein, ob es moralisch richtig ist, wenn er gegen seinen Vater vor Gericht zieht. Platon hat in der Figur des Euthyphron, die Gefahr dargestellt, die darin liegt sich absolut sicher zu sein das moralisch Richtige zu tun. Schnell unterliegt man in einem solchen Fall der Verblendung.

Das Euthyphron-Dilemma warnt uns in diesem Sinne auch ganz allgemein davor unsere Ansichten und Einstellungen nur oberflächlich zu durchdenken.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Euthyphron zitiert nach: Platon – Sämtliche Dialoge; Hamburg: Felix Meiner Verlag 1988.

Sekundärliteratur:

Arrington, R. (1998): Western Ethics; Oxford: Blackwell Publishers.

Dtv-Atlas Philosophie (1998): München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Friedländer, P. (1964): Platon; Berlin: Walter de Gruyter.

Kraut, Richard, ed. (1992): The Cambridge Companion to Plato; Cambridge: Cambridge University Press.

Mackie, J.L. (1977): Ethics - Inventing Right and Wrong; Harmondsworth: Penguin Books.

- dt.: Ethik – Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen; Stuttgart : Reclam 1981.

Quinn, Philip (1978): Divine Commands and Moral Requirements ; Oxford: Oxford University Press.

Szlezák, T. (1993): Platon lesen; Stuttgart: Frommann-Holzboog Verlag.

Whitehead, A.N. (1929): Process and Reality New York: Macmillan.

- dt.: Prozess und Realität; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979.

Zehnpfennig, B. (2001): Platon zur Einführung; Hamburg: Junius Verlag.

[...]


[1] Whitehead (1929) S.91

[2] vgl Friedländer (1964) S.75 Seite 1

[3] Platon: Euthyphron, 9d Seite 2

[4] A.a.O.: 10b

[5] A.a.O.: 10e

[6] die Unterteilung des Euthyphron-Dilemmas in drei Teilprobleme stammt aus Quinn (1978): Kap.3 Quinn spricht von dem „emptiness problem“, dem „problem of abhorrent commands“ und dem „independence problem“. Seite 3

[7] Platon: Euthyphron,16c Seite 5

[8] Besonders eindrücklich im Sonnengleichnis, Politeia 507b ff

[9] vgl. Mackie (1977): Kap.10 Seite 6

[10] Mackie (1977): S.295

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Seiten
10
Jahr
2000
Dateigröße
353 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109099
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
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Schlagworte
Euthyphron Dilemma Göttlicher Wille Fundament Moral

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