Lade Inhalt...

Die Fischer-Kontroverse - eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 35 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Fischer-Kontroverse
2.1. Die Thesen Fritz Fischers zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges
2.2. Die Thesen anderer Historiker zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges

3. Die Wirkungen der Kontroverse in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auf die politische Kultur der BRD
3.1. Die Wirkungen auf die wissenschaftliche Analyse vergangener Zeiträume
3.2. Die Wirkungen auf die öffentliche Meinung
3.3. Die Wirkungen auf den Bildungssektor der Bundesrepublik

4. Fazit

5. Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

Am 2. Dezember 1999 verstarb der Historiker Fritz Fischer. In einem Nachruf der Berliner Morgenpost würdigte man ihn folgendermaßen: "Die meisten Historiker denken nur über die Geschichte nach. Nur wenige aus der Zunft haben auch Geschichte gemacht. (...) Untrennbar mit seinem Namen verbunden ist der erste große Historikerstreit der Bundesrepublik, die 'Fischer-Kontroverse'."[1]

Aus dieser Einschätzung heraus ergaben sich für meine Arbeit zwei Aspekte einer Untersuchung: Zum einen [meiner eigenen Ausbildung im anderen deutschen Staat und den vorhandenen Kenntnissen über den Historikerstreit geschuldet[2] ] in einem ersten Teil das Erarbeiten des Gegenstandes und der verschiedenen Positionen innerhalb dieser Kontroverse selbst. Hier wurde die enorme inhaltliche Ausdifferenzierung der Debatte auf die aus meiner Sicht wesentlichen Streitpunkte reduziert. Diese betreffen den Anteil der deutschen Verantwortung am Ersten Weltkrieg (Kriegsschuld) und die Frage einer Kontinuität, die vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus führt. In den grundlegenden Aspekten haben sich Wandlungen innerhalb der Ansichten vollzogen, ein abschließender Konsens steht aber nach wie vor noch aus.

In einem zweiten Teil erfolgt eine Erforschung der Spuren dieser wissenschaftlichen Debatte in der historischen Theorie und in der politischen Kultur der Gesellschaft der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit hinein. Im Rahmen der Betrachtung der politischen Kultur der BRD habe ich die Bereiche der Historiographie, der öffentlichen Meinung anhand ausgesuchter Medienberichte sowie den Bildungssektor ausgewählt, weil sich hier ein spürbarer Wandel als Folge der Kontroverse abzeichnen müsste.

Um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen, beschränke ich mich hierbei exemplarisch auf [aus meiner Sicht] typische Sichtweisen in verschiedenen Zeiträumen. An diesen Positionen sollen Veränderungen und Wirkungen in der politischen Kultur über einen Vergleich erschlossen werden. Der Schwerpunkt liegt dabei in den Reflexionen der Theoriebildung im Bereich der Geschichtswissenschaft in der BRD seit den 60er Jahren.

Auf die Reaktionen in verschiedenen sozialen Gruppen und Schichten der Wirtschaft, wie Unternehmer, Großindustrielle oder in der Politik, wie Haltungen verschiedener Parteien wird hingegen nicht eingegangen.

Die dazu notwendige Erörterung soll einerseits aus der inhaltlichen Analyse der Fischer-Kontroverse in den 60er Jahren erwachsen, andererseits aber aus einem zeitlichen Perspektivenwechsel heraus an ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen in Längsschnitten bis in die heutige Zeit vorgenommen werden. Damit eröffnet sich gleichzeitig der Leitgedanke dieser Hausarbeit:

Die Fischer-Kontroverse - eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung?

Der historische Hintergrund in der Zeit der Kontroverse mit Ereignissen auf innerdeutschem wie auf globalem Gebiet mit der Blockkonfrontation wird in dieser Arbeit vorausgesetzt und ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Nur an einigen Stellen verweise ich auf für diese Zeit bedeutsame Ereignisse.

Gleichermaßen bleibt der Systemvergleich der verschiedenen Positionen in den Sachfragen der Auseinandersetzung nur marginal in meiner Ausarbeitung bestehen.[3] Dies trifft auch auf die zeitlich nach der Fischer-Kontroverse einsetzenden weiteren breiten Diskussionen zum Holocaust, der Rolle der Wehrmacht oder dem Erbe des Kommunismus zu, die nicht reflektiert werden.[4] Der Blickwinkel aus anderen Ländern auf die Kontroverse wird ebenfalls ausgespart, da aus meiner Sicht bereits die Veröffentlichungen in der BRD ein ausreichendes Spektrum an Positionen und Sichtweisen in diesen Debatten verkörpern.[5]

Neben den Werken von Fritz Fischer und seinen Schülern stütze ich mich dabei auf verschiedene Veröffentlichungen von ausgewählten Kritikern sowie auf Sammelbände und Aufsätze, die den Gegenstand der Debatte des Historikerstreits wiedergeben oder ihn aus verschiedenen Zeiträumen heraus reflektieren. Weiterhin wurden ausgesuchte Artikel von Zeitungen aus deren Archiven über das Internet herangezogen und eine Vielzahl verschiedener Geschichtslehrbücher auf eine Berücksichtigung der Kontroverse bzw. auf ihre Auswirkungen hin untersucht und in einer Anlage in einem tabellarischen Vergleich angefügt.

Diese Literaturauswahl ist aus meiner Sicht jedoch exemplarisch, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit noch stellt sie eine vollständige Bibliographie zum Thema selbst dar. In zahlreichen Werken, wie z.B. Jäger, Wolfgang, wurden umfangreiche Literaturverweise eingearbeitet, die bei einer Vertiefung der Thematik Verwendung finden können.[6] In dieser Hausarbeit habe ich mich jedoch auf die angeführten ausgewählten Grundstrukturen der Kontroverse und ihre Wirkungen beschränkt und auf eine detaillierte Ausdifferenzierung verzichtet.

2. Die Fischer-Kontroverse

2.1 Die Thesen Fritz Fischers zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges

Den Thesen des Historikers Fritz Fischers sei ein kurzer Exkurs zur Geschichte der Kriegsschuldfrage vorangestellt, um die Brisanz seiner Aussagen besser erfassen zu können. Eine ausführliche Darstellung kann hierzu u.a. im Buch von Wolfgang Jäger nachgelesen werden.[7]

Die Kriegsschuldfrage wurde bereits seit dem Ersten Weltkrieg von Historikern thematisiert. Sie diente im Sinne einer "Überfallthese" aus deutscher Sicht vor allem propagandistischen Zwecken. Bereits hier, wie auch zu späteren Zeitpunkten, orientierten sich die wissenschaftlichen Analysen vor allem auf die Ereignisse im unmittelbaren Vorfeld des Krieges, auch als Julikrise 1914 bezeichnet.

Die Siegernationen schrieben dem Deutschen Kaiserreich im Versailler Vertragswerk eine Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zu. Dagegen debattierten in der Zeit der Weimarer Republik heftig deutsche Historiker, Politiker und die Öffentlichkeit die Frage von deutscher Schuld und Unschuld. In jenem Zusammenhang wurde eine regelrechte "Unschuldskampagne" geführt, die sich im Geschichtsbewusstsein der Menschen der Weimarer Republik verankerte. Damit wurde der Nährboden für die Entfaltung des Nationalsozialismus mit vorbereitet.[8] In dieser Zeit, der Nationalsozialismus eingeschlossen, waren Friedrich Meinecke, Gerhard Ritter, Hans Rothfels, Hans Herzfeld, Egmont Zechlin, Erwin Hoelzle, Theodor Schieder oder Werner Conze bereits als Historiker eingebunden, die nach 1945 die Geschichtswissenschaft in den Westzonen und in den Anfangsjahren der BRD prägend beeinflussten.[9]

Sie verfolgten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die historischen Auseinandersetzungen mit der deutschen Vergangenheit vor allem in der Betonung einer Diskontinuität, eines Sonderweges in der deutschen Geschichte vor allem im Zeitraum 1933 - 1945. Zum einen sollte dies eine Antwort auf internationale Historikerthesen sein, die eine Kontinuität in der deutschen Geschichte bis hin zum Nationalsozialismus herausgearbeitet hatten. Zum anderen sollte mit dieser Diskontinuität die Zeit von 1933 bis 1945 "(...) ein den deutschen Traditionen fremdes, westeuropäisches Phänomen darstellen"[10] und der deutschen Öffentlichkeit Sicherheit im Umgang mit ihrer Geschichte gewährleisten. Hier wurde zwischen den beiden Weltkriegen deutlich differenziert.

Die Debatte um eine alleinige deutsche Kriegsschuld auch am Ersten Weltkrieg schien in der Mitte der fünfziger Jahre beendet. Fast alle Historiker vertraten die Auffassung einer "Schlitterthese"[11] bzw. das keinem Staat eine Alleinschuld oder Kontinuität, die zu einem Weltkrieg führte, angelastet werden könne.

Hier lösten die Arbeiten des Hamburger Historikers Fritz Fischer eine heftige, teilweise polemisch geführte Kontroverse aus. Mit seinen Thesen wurde der bestehende Konsens aufgebrochen. Sie führten nicht nur in der historischen Forschung, sondern auch in breiten Teilen verschiedener sozialer Schichten zu intensiven Debatten, die die politische Kultur der BRD beeinflussten und mit veränderten.[12] Nach einem Aufsatz Ende der 50er Jahre wurde vor allem mit der Veröffentlichung seines Werkes zur Weltkriegsforschung "Griff nach der Weltmacht" (1961) eine breite Welle der Kritik ausgelöst. Auf die Bündelung zahlreicher Ereignisse jener Zeit, die zu einer solchen Wirkung führten, wird in dieser Arbeit aus Platzgründen nicht weiter eingegangen.[13]

Die Grundauffassungen Fritz Fischers betrafen zum einen die Rolle der deutschen Politik im Vorfeld und im Verlauf des Ersten Weltkrieges, kurz Kriegsschuldfrage genannt, die am Beispiel der Julikrise 1914 analysiert wurde, zum anderen die Frage der Kontinuität in der deutschen Geschichte.[14] Fritz Fischer ging davon aus, dass die deutsche Staatsführung, einschließlich ihres Reichskanzlers Bethmann-Hollwegs, durch den Einfluss von militärischen, ökonomischen und politisch-konservativen Gruppierungen planmäßig und bewusst auf einen Krieg zugesteuert war[15]. Anhand verschiedener bisher unbekannter bzw. vernachlässigter Quellen (Septemberprogramm 1914[16], im nachfolgenden Buch „Krieg der Illusionen“ der Kriegsrat von 1912[17]) sah er einen Zusammenhang zwischen der deutschen Politik vor und während des Weltkrieges. Das Ziel der deutschen Politik schon vor 1914 sei nach Fischer das Vorherrschaftsstreben des Deutschen Kaiserreiches in Europa gewesen. Seine Thesen stützte er neben neuen Quellen aus Archiven vor allem mit einer an sozialen und ökonomischen Sachverhalten orientierten Forschung.[18] In seinen Studien erklärte er die außenpolitischen Zielstellungen aus der inneren Struktur und den verschiedenen Interessen im deutschen Kaiserreich heraus.

In diesem Kontext erarbeitete er eine Sichtweise kontinuierlicher deutscher Politik hinsichtlich bestehender Kriegsziele. Dieses Weltmachtstreben bildet gleichzeitig auch das Bindeglied zwischen dem Kaiserreich und dem Nationalsozialismus. Diese Gedanken wurden in seinen weiteren Werken "Krieg der Illusionen" (1969), "Bündnis der Eliten" (1979) bis hin zur Aufsatzsammlung "Hitler war kein Betriebsunfall" neuakzentuiert, vertieft und ausgeweitet. Anzumerken sei in diesem Zusammenhang, dass Fritz Fischer zu Beginn der Kontroverse in eine fast isolierte Position unter den deutschen Historikern gedrängt wurde bis hin zu Versuchen der Beschränkung seiner Tätigkeit[19] und ihm nur wenige Verfechter seiner Ansichten, wie Imanuel Geiss, zur Seite standen.

Einige Aspekte seiner Thesen, die er in seinen späteren Werken weiterentwickelte, noch zugespitzter formulierte und aus meiner Sicht auch radikalisierte, sind auf der heute bekannten Quellenbasis in dieser formulierten Schärfe nicht mehr haltbar.[20]

Die Beurteilung der Person des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg wird in der Geschichtswissenschaft heute differenzierter vorgenommen, als dies Fritz Fischer getan hatte. Die durchaus bestehenden Grundtendenzen in der Geschichte stellen gleichermaßen keinen Fastautomatismus dar, der zwangsläufig zu prognostizierten Resultaten führt. Die gewollte Überbetonung nationaler Strukturen wurde von Fritz Fischer kaum mit den Entwicklungen in anderen Staaten in Bezug gesetzt, worauf er aber in seinen Werken stets hinwies.

Neben den von Fritz Fischer dargelegten ‚konservativen‘ Kontinuitäten und einem Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft bestanden andere gegenläufige Entwicklungen. Sie erfüllten ebenfalls den Anspruch einer Kontinuität und wiesen Alternativcharakter auf. Hierzu würde ich die Interessenlage der Wirtschaft in der Zeit der Weimarer Republik stärker ausdifferenzieren. Einige relativ junge Industrieunternehmen aus der Elektroindustrie (z.B. AEG und General Electric) hatten intensive, relativ stabile Handelskontakte aufgebaut, die durch ein Kriegsrisiko nicht gefährdet werden sollten. Persönliche Einstellungen, wie es das Beispiel des Unternehmers Hugo Junkers zeigte, waren von Handelsinteressen und nicht primär durch Weltmachtstreben geprägt. Das sind weitere Aspekte, die die nachfolgende Gegenüberstellung mit den wichtigsten Kritikern und ihren Ansichten, aber auch mit den Wirkungen der Kontroverse in der Forschung erforderlich machen.

2.2. Die Thesen anderer Historiker zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges

Die zuvor kurz angerissenen Thesen lösten in der Wissenschaft, aber auch in der Öffentlichkeit heftige Debatten aus. Im Begleitwort der Ausgabe des Buches "Griff nach der Weltmacht" 1977 hatte Fritz Fischer selbst von "über dreihundert Rezensionen und Aufsätzen" gesprochen.[21] Eine exemplarische Auswahl von Historikern wie Gerhard Ritter und Egmont Zechlin, ihren Kritikpunkten an den Auffassungen Fritz Fischers soll die Intensität der Kontroverse in ihrer ersten Phase bis Mitte der 60er Jahre verdeutlichen, ohne bereits schon einen Vorgriff auf die nachfolgende Betrachtung der Wirkungen vorwegzunehmen. Andere mögliche Vertreter, wie Wolfgang J. Mommsen, Karl Dietrich Erdmann oder Andreas Hillgruber variieren mehr oder weniger innerhalb dieses Spektrums bzw. akzentuieren hierzu ihre Interpretationen und Ursachen der Kriegsschuld und Kontinuität anders. Auf die Debatten späterer Zeiträume um sozialwissenschaftliche Zugänge (Hans Ulrich Wehler, Thomas Nipperdey) oder spezifische Quellen (Riezler-Tagebücher) wird deshalb hier nicht eingegangen.

Der wohl bekannteste und in seiner Zeit maßgebende Historiker der deutschen Geschichtswissenschaft dürfte Gerhard Ritter (1888 - 1967) gewesen sein. Als Zeitzeuge des Ersten Weltkrieges war er gleichzeitig der entschiedenste Kritiker der Thesen Fritz Fischers. In der Historischen Zeitschrift veröffentlichte er 1962 einen Aufsatz "Eine neue Kriegsschuldthese?".[22]

Gerhard Ritter orientierte sich in seinen bisherigen Studien vor allem an Quellen der Diplomatie, des Militärwesens und an Persönlichkeiten in dieser Zeit, wie z.B. Reichskanzler Bethmann Hollweg oder Kaiser Wilhelm II.. Ökonomische und soziale Aspekte und ihre Zusammenhänge mit politischen Interessen spielten bei seinen Untersuchungen nur eine nachgeordnete Rolle.

Die Ablehnung der Thesen Fritz Fischers wird an seiner Polemik in den nachfolgenden Aussagen sichtbar: "Wer die Quellen nüchtern-sachlich liest, kann für so künstliche Deutungen nur ein Kopfschütteln aufbringen. (...) statt dessen häuft er die Scheinargumente (...) für die der Ausdruck 'parteiisch' mir noch zu milde erscheint (...) nach alledem lohnt es kaum noch, sich mit der Schlußbetrachtung Fischers über die 'Schuld am Weltkrieg' auseinanderzusetzen (...)."[23] Neben diesen Vorverurteilungen kritisierte Gerhard Ritter vor allem den ökonomischen Bezug der Fischerthesen "Um dieser These willen wird auch die deutsche Wirtschaft in eine seltsam flimmernde Beleuchtung gerückt. (...) Wünsche deutscher Industrie- und Handelskreise, die höchstens sekundär eine Rolle spielten (...) Was aber wird als Beweis für eine so schwerwiegende, ja aufregende Behauptung angeführt? Nichts als einige Aufsätze deutscher Bankdirektoren ...zwischen 1900 und 1912 über die Aufgaben des deutschen Bankwesens im Fall eines Kriegsausbruchs."[24] In dem Zusammenhang wurde von Gerhard Ritter ebenso die Quellenauswahl in Zweifel gezogen, die zu falschen Einschätzungen Bethmann-Hollwegs und anderer Personen bei Fritz Fischers Werken führte, um auf dieser Grundlage die Kernthesen der Kriegsschuld und Kriegsziele einschließlich einer Kontinuität in der historischen Entwicklung fast völlig in Frage zu stellen, die zu einer "Selbstverdunkelung deutschen Geschichtsbewußtseins" führen.[25]

[...]


[1] Berliner Morgenpost (Hrsg.): Griff nach der Weltmacht.Historiker Fritz Fischer gestorben. Zitiert nach: http://archiv.berliner-morgenpost.de/bin/bm/e?u=/bm/archiv1999/991203/feuilleton/story10607.html, 03. 12. 1999, 16.04.2000

[2] In meiner DDR-Ausbildung zum Diplomlehrer Geschichte/Geographie an der Berliner Humboldt Universität im Zeitraum von 1981 bis 1985 war diese Kontroverse kein Gegenstand von Vorlesungen oder Seminaren. Erst in Fortbildungen in den 90er Jahren erfuhr ich flüchtig von diesem Historikerstreit. Grundlage der DDR-Ausbildung war zu diesem Thema: Klein, Fritz: Deutschland von 1897/98 bis 1917. Deutschland in der Periode des Imperialismus bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. In: Lehrbuch der deutschen Geschichte. Beiträge. Hrsg. von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Streisand, Joachim. 12 Bd., Bd. 9. Berlin (Ost) 19774. Spezielle Abhandlungen von Willibald Gutsche zur westdeutschen Historiographie waren hingegen nicht Gegenstand.

[3] An der Stelle wird auf verschiedene Aufsätze im Sammelband von: Aisin, Boris AronoviC/ Gutsche, Willibald (hrsg.): Forschungsergebnisse zur Geschichte des deutschen Imperialismus vor 1917. Berlin (Ost) 1980 verwiesen.

[4] Hier seien als Stichworte nur die Goldhagendebatte, die Auseinandersetzungen zur Wehrmachtsausstellung, das Schwarzbuch des Kommunismus und die Untersuchung totalitärer Systeme genannt.

[5] Vgl.: u.a. Hallgarten, George W. F.: Deutsche Selbstschau nach 50 Jahren: Fritz Fischer, seine Gegner und Vorläufer. In: derselbe: Das Schicksal des Imperialismus im 20. Jahrhundert. Drei Abhandlungen über Kriegsursachen in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt/Main 1969, S. 57 – S. 135

[6] Vgl. hierzu: Jäger, Wolfgang: Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914 - 1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In: Berding, Helmut; Kocka, Jürgen; Wehler, Ulrich (Hrsg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Göttingen 1984. Dabei bieten vor allem die Ausführungen in den Anmerkungen weiterführende Informationsquellen dar, denen in dieser Arbeit jedoch nicht nachgegangen wird oder Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918. In: Leuschner, Joachim (hrsg.): Deutsche Geschichte. Bd. 9, Göttingen 19886

[7] Vgl. hierzu: Jäger: a.a.O., S. 14 sowie S. 20 ff. sowie dort die Ausführungen unter der Anmerkung 1

[8] Vgl. ebenda: S. 45 ff.

[9] Vgl. Hallgarten: a.a.O., S. 89 ff. Derzeit erfolgt in diesem Kontext in der Geschichtswissenschaft eine heftige Kontroverse über die Rolle der Historiker im Nationalsozialismus.

[10] Geiss, Imanuel: Der polnische Grenzstreifen. Wilhelminische Expansionspläne im Lichte heutiger Geschichtsforschung. In: Der Monat, Bd. 171, 1962, S. 58 - S. 62, S. 58. Zitiert nach Jäger: a.a.O., S. 107

[11] Die "Schlitterthese" wurde in den Zwanziger Jahren vom ehemaligen englischen Premier Lloyd George entwickelt, nach der zahlreiche Ereignisse plötzlich und für alle unerwartet, jedenfalls nicht bewusst, in einen Weltkrieg einmündeten. Nach 1945 wurde diese These aufgegriffen und weiterentwickelt, um u.a. auch die Diskontinuitätslinie zu stützen. Vgl. hierzu u.a. Jäger: a.a.O., S. 110 f.

[12] Nur einzelne Historiker wie Ludwig Dehio, vertraten bereits vor Fritz Fischer ähnliche Ansichten, die jedoch keine breite Kontroverse auslösten. Vgl. hierzu u.a. Jäger: a.a.O., S. 107 sowie S. 114 - S. 117

[13] Aufgezählt seien hier einige Aspekte der Jahre 1959 – 1963: Sputnikschock, Manifestation der innerdeutschen Teilung, Kuba-Krise, Contergan, Wiederaufrüstung und Spiegelaffäre, Eichmann-Prozess, Notstandsverfassung, Auschwitzprozess.

[14] Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 19842, S. 82 – S. 86. [Im Folgenden Fischer Weltmacht]. Obwohl Fritz Fischer an dieser Stelle betonte, dass dieses Buch nicht den Schwerpunkt in der Diskussion der Kriegsschuldfrage sieht, sondern nur in einer Prüfung der Ziele und der praktischen Politik der deutschen Reichsleitung, führten seine Ausführungen in der Konsequenz zu der Frage des Anteiles und damit der Schuld am Ersten Weltkrieg.

[15] Vgl. ebenda: S. 82

[16] Vgl. ebenda: S. 90 ff.

[17] Vgl. Fischer, Fritz: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 – 1914. Düsseldorf 19872 , S. 231 – S. 288

[18] Vgl. ebenda: S. 17 – S. 6. In den ersten beiden Kapiteln des Buches bzw. im Buch ‚Griff nach der Weltmacht‘, S. 16 – S. 23 und zahlreichen weiteren Verweisen belegt Fritz Fischer den Zusammenhang zwischen Politik und Ökonomie.

[19] Vgl. Hacke, Schäfer, Steinbach-Reimann: Interview mit Hans Mommsen zum Thema: „Neubeginn und Entwicklung der Geschichtswissenschaft in den 1950/60er Jahren“ am 03.02.1999 in Berlin. Entnommen nach: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/hmommsen.htm, 16.04.2000

[20] Vgl. u.a. Hallgarten: a.a.O., S. 62

[21] Fischer Weltmacht: a.a.O., S. 9 Anmerkung *)

[22] Ritter, Gerhard: Eine neue Kriegsschuldthese? Zu Fritz Fischers Buch 'Griff nach der Weltmacht'. Zitiert nach: Lynar, Ernst w. Graf (hrsg.): Deutsche Kriegsziele 1914 - 1918. Eine Diskussion. Frankfurt/Main/ Berlin 1964, S. 121 - 144

[23] Ebenda: S. 142 f.

[24] Ebenda: S. 126 ff.

[25] Vgl. ebenda: S. 144 Eine Antwort auf diese Kritik ist in Fischer, Fritz: Der Erste Weltkrieg und das deutsche Geschichtsbild. Beiträge zur Bewältigung eines historischen Tabus. Aufsätze und Vorträge aus drei Jahrzehnten. Düsseldorf 1977, S. 238 - S. 247 nachlesbar.

Details

Seiten
35
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638106757
ISBN (Buch)
9783638637091
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1091
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Fischer-Kontroverse Fritz Fischer

Autor

Zurück

Titel: Die Fischer-Kontroverse - eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung?