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Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen Gleichschaltung, Weltkrieg und kaltem Krieg (1933 - 1948)

Ein Beitrag zur historischen Friedens- und Konfliktforschung - Das Verantwortungsproblem

Doktorarbeit / Dissertation 1990 279 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

0. Vorwort

Anmerkungen zum Vorwort
1. Wissenschaft und Technik für Aufrüstung und Krieg
1.1. Zwischen "Gleichschaltung" und Anpassung, Verfolgung und Vertreibung
1.2. Die Militarisierung von Wissenschaft und Technik
1.3. Ingenieure und Technikwissenschaftler wider den Krieg

Anmerkungen und Quellen zum 1. Kapitel
2. Entmilitarisierung - Alliierte Siegermächte und das wissenschaftlich-technische Potential der Deutschen nach dem Kriege
2.1. Zwischen Verbot und Wiedergeburt - die technisch-wissenschaftlichen Vereine nach
2.2. Das Alliierte Kontrollgesetz Nr. 25 zur Regelung und Überwachung der naturwissenschaftlichen Forschung
2.3. Militärische Forschung und Entwicklung im Dienst der Siegermächte

Anmerkungen und Quellen zum 2. Kapitel
3. Das Verantwortungsproblem und die Bestrebungen um eine national einheitliche Technikerbewegung als Moment der deutschen Friedensregelung
3.1. Akademischer Nachwuchs für die Friedenswirtschaft
3.2. Der Erste Deutsche Technikertag
3.3. Die Spaltung der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister Berlins vor dem Hintergrund zunehmender internationaler Spannungen
3.4. Ingenieure und Wissenschaftler in der Volkskongressbewegung für Einheit und gerechten Frieden

Anmerkungen und Quellen zum 3. Kapitel
Quellen- und Literaturverzeichnis
1. ungedruckte Quellen
1.1. Archivalien
1.2. Befragungen
2. gedruckte Quellen und Literatur

Tabellenverzeichnis

Thesen: Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen Gleichschaltung, Weltkrieg und kaltem Krieg (1933 - 1948) - ein Beitrag zur historischen Friedens- und Konfliktforschung

Aus den Gutachten:

Günter Paulus

Laurenz Demps

Walter Becker

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0. Vorwort

Die griechische Mythologie stellt die Göttin der Wissenschaft, Pallas Athene, in Waffen, mit Helm, Speer und Schild (Schützerin Athens in Krieg und Frieden) und gelegentlich mit einer Eule (röm. Minerva) dar. Das war ein Wissenschaftsverständnis, das sich über Jahrhunderte halten konnte. Den lateinischen Ausspruch "Si vis pacem, para belum" bezeichnete Karl Marx als eines der Dogmen bigotter Politik, die größtes Unheil angerichtet hätten. Dieses Unheil wurde unter Mitwirkung von Wissenschaft und Technik ständig vergrößert. In beiden Weltkriegen waren Ingenieure und Wissenschaftler mehrheit­lich bereit, im Interesse ihres Vaterlandes De­struktiv­kräfte zu entwickeln, deren Funktion im Töten und Zer­stören lag. Mit der Erfindung der Atombombe zum Ausgang des Zwei­ten Welt­krieges wurde eine Massenvernichtungswaffe geschaffen, mit der es tech­nisch mög­lich wurde, die Gattung Mensch auszurotten.

Weltweit sind gegenwärtig nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 500000 und zwei Millionen Wissenschaftler und Ingenieure in der Rüstungsforschung, -entwicklung und -produktion beschäf­tigt. Beinahe zwangsläufig stellt sich daher die Frage nach der Friedens­verantwortung der Wissen­schaftler und Ingenieure. - Diese Frage ist aber in ihrer ethischen und poli­tischen Bestimmung nicht neu, sie erhält jedoch in einer waffen­starrenden Welt, die längst die overkill-Kapazität überschritten hat, eine besondere Brisanz. Allein für die Rüstungsmaschinerie der USA wurden seit Kriegsende mehr als 70 verschiedene Atomwaffentypen ent­wickelt: von Atom­minen und Minisprengköpfen für die Artillerie bis zu den Vielfach-Sprengköpfen für U-Boot- und Interkontinental-Raketen und den Megatonnen-Bomben für die Bomber der strategischen Luftflot­te. Fast 60 000 Nuklearwaffen wurden allein in den USA für die nuklearen Waffenkammern produziert. In der Sowjetunion gibt es kaum weniger. Deutsche Wissenschaft­ler und Ingenieure haben ihren Teil dazu beigetragen, dass es soweit kommen konnte. Was haben sie aber dagegen unternommen, dass es soweit kam?

Wenn von der Verantwortung der Ingenieure und Wissenschaftler zur Verhinderung des militärischen Missbrauchs von Wissenschaft und Technik die Rede ist, so scheint die Lösung auf den ersten Blick darin zu bestehen, dass sich diese soziale Gruppe der Ge­sell­schaft mit ihrem spezifischen Platz in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung den Militärs nur verweigern bräuchte, um ihnen damit die wissenschaftlich-technischen Vor­aussetzungen für die Rüstung zu entziehen. In der Tat knüpft diese Vorstellung an pazifistische Ideen zur Befriedung der Ge­sellschaft an. Doch in der bisherigen Geschichte fand dieser Gedanke bislang weder unter den Politikern und Militärs noch unter den im mili­tärischen Bereich tätigen Ingenieuren und Wissenschaftlern Widerhall.

Größere Aufmerksamkeit finden dagegen in den 80er Jahren Vor­schläge zur Abrüstung und Rüstungskonversion, die durch ein ver­ändertes politisches Kräfteverhältnis in der Welt reale Chancen er­hielten. Rüstungskonversion im materiellen wie im personellen Sinne wirft jedoch Probleme auf, die - selbst wenn der staat­liche Wille zu ihrer Realisierung vorhanden ist - nicht unter­schätzt werden dürfen. Konversion ist mit sozialen Folgeerscheinungen und hohen finanziellen Aufwendungen verbunden, die verträglich zu bewälti­gen sind. Nicht ausgeräumte und neue politische Konflikte stellen zudem Abrüstung und Rüstungskonversion immer wieder in Frage.

Solange es in der Welt grundlegende politische Interessenge­gensätze gibt und Politiker bereit sind, diese Interessenge­gensätze gestützt auf oder mit­tels militärischer Macht auszu­tragen, werden sich immer Menschen finden, die ihre spezifischen Fähigkei­ten in den Dienst der einen oder anderen Interes­sengruppe stellen. Auch Ingenieure und Wissen­schaftler unter­scheiden sich hierin nicht von anderen Menschen. Das Problem der Verhinderung des Missbrauchs von Wissenschaft und Technik trägt also einen viel allgemeineren Charakter und lässt sich nicht auf die Taten und "Unta­ten" der Männer und Frauen von Wissen­schaft und Technik redu­zieren, die sie scheinbar durch ihre Mitwirkung an der Rü­stung und im Militärwesen begingen.

Friedensengagement ist stets historisch kon­kret, existiert nie außerhalb sozialer und poli­tischer Prozesse. Neben der all­ gemeinen staatsbürgerlichen Pflicht zur Friedensbewahrung kön­nen Wissenschaftler und Ingenieure eine spezifische Verantwortung wahrnehmen. Sie ergibt sich aus ihrer Sachkenntnis auf einem bestimmten Spezialgebiet, ist verbunden mit einer notwendige Kompetenzerweiterung, mit der sachkundig über die Anwendungsmöglichkeit der Ergebnisse der eigen Arbeit geurteilt und öffentlich potentielle Gefahren missbräuchlicher Nutzung angezeigt werden. Zudem können Wissenschaftler und Inge­nieure mit ihrem Sozial­prestige, das sie in der Gesellschaft genießen, auch politisch wirksam werden, um einen Missbrauch von Wissenschaft und Technik zu verhindern.

Untersucht werden deshalb die Möglichkeiten und Bedingungen zur Verhinderung des militärischen Missbrauchs von Wissenschaft und Technik bei der Durchsetzung politischer Interessen im Span­nungs­bogen zwischen Kriegsvorbereitung - Krieg - Kapitulation - Nicht-Krieg-und-noch-nicht-Frieden und dem Kalten Krieg. Das waren Zeiten, in denen Friedensverantwortung kaum gefragt, verboten, verdrängt und, kaum neu erwacht, zum Gegenstand machtpolitischer Auseinandersetzungen wurde. Das wirft Fragen auf, die der Histori­ker alleine nicht beantworten kann: Es geht um den moralischen und politischen Stellenwert des Friedens, es geht um Schuld und Verantwortung der Wissenschaftler und Ingenieure für den Missbrauch von Wissenschaft und Technik. Wer entscheidet darüber, ob eine Erfin­dung friedlichen Zwecken zugeführt oder zur Perfektion des be­reits vorhandenen Waffenarsenals genutzt werden soll? Ist die militärische Nutzung von wissenschaftlich-tech­nischen Ent­wicklun­gen a priori friedensgefährdend? Welche Mög­lichkeiten haben Wis­senschaftler und Ingenieure im gesamtgesellschaftlichen Bedin­gungsgefüge, den Missbrauch von Wissenschaft und Technik zu ver­hindern? Und wie wurde diese Verantwortung wahrgenommen? Hat die Entwicklung und Perfektionierung der Kriegstechnik Fort­schritte für die Menschheitsgeschichte gebracht?

Der innere Frieden als Untersuchungsgegen­stand wurde nur dort behan­delt, wo er in Verbindung zum äußeren Frieden steht. Um zu klären, wie trotz Systemkonflikt zwischen Ost und West in einer Zeit des Kalten Krieges nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa die bisher längste Friedensperiode erhalten werden konnte, obwohl sich auf deutschem Boden das konzentrierteste Militärpo­tential der beiden politischen Weltsysteme gegenüberstand, und wie sich gerade deutsche Wissenschaftler und Ingenieure in dieses Gefüge einpassten, um ihre Friedensverantwortung wahrzunehmen, müssen die Wurzeln dieser Entwicklung aufgedeckt werden. Sie reichen bis in das Vorfeld des Zweiten Weltkrieges. Ein Verständ­nis der Nach­kriegsentwicklung und die Erklärung der Entstehungs­be­dingungen der Friedensbewegung ist ohne diesen historischen Rück­griff nicht möglich, so dass sich der Verfasser entgegen ur­sprünglichen Vor­stellung dafür entschieden hat, in einem ersten Kapitel die Mitschuld deutscher Wissenschaftler und Ingenieure für den Missbrauch von Wissenschaft und Technik bzw. die Wahrneh­mung ihrer Verantwortung zur Verhinderung dieses Missbrauches vor und während des Zweiten Weltkrieges zu umreißen.

Wissenschaftler und Ingenieure nahmen wichtige Stellungen in Wirtschaft und Industrie des Dritten Reiches ein. Aber sie nutz­ ten sie mehrheitlich nicht, um sich gegen Kriegsgefahr und Krieg zur Wehr zu setzen. Mehrheitlich standen sie - sich politisch neutral gebend und nationalpatriotisch-konser­vativ denkend - unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Kräfte, die 1933 die Macht übernommen hatten. Ihr patriotischer Glaube konnte selbst durch den Krieg nicht erschüttert werden. Es trifft zu, wie 1939 der britische Physiker und Wissenschaftshistoriker John Desmont Bernal begründete, warum Intellektuelle ihren Einfluss gegen Krieg und Kriegsgefahren nicht besser zur Geltung brachten. Er schrieb: "Gegen den Krieg kann man nur dann erfolg­reichen käm­pfen, wenn man seinen gesellschaftlichen und ökono­mischen Charak­ter voll verstanden hat, und von einem solchen Verständnis sind die Wissenschaftler noch weit entfernt. Anderer­seits wird es unmöglich sein, die konstruktiven und die destruk­tiven Aspekte der Wissenschaft voneinander zu trennen, solange nicht die Staatsbürger und ihre gewählten Körperschaften die Funktion, welche die Wissenschaft heutzutage im Frieden und im Kriege hat, und die Rolle, die sie bei richtiger Organisation spielen könnte, viel besser verstehen."/1/

Die Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg unter der Kriegsmaschinerie zu leiden hatten, begriffen, dass Wissenschaft und Technik weit davon entfernt waren, der Menschheit zum Wohl und Segen zu gereichen. Der Wert von Wissenschaft und Technik selbst wurde in Zweifel gezogen, und schließlich waren die Inge­nieure und Wissenschaftler gezwungen, diesen Aufschrei zur Kenn­tnis zu nehmen. Im Nachkriegsdeutschland führte dies beson­ders unter den durch das Kriegserlebnis geprägten Intellektuel­len allmählich zu der Einsicht, dass die Anwendung von Wissen­schaft und Technik für den Krieg die schlimmste Prostitution ihres Berufes sei. Mehr als andere hat das Problem von Wissenschaft und Krieg Wissenschaftler und Ingenieure bewogen, über ihre eigenen Untersuchungen, Ent­deckungen und Entwicklungen hinauszublicken und sich für den Gebrauch, den die Gesellschaft von diesen Ent­deckungen macht, zu interessieren. Es ist dem Historiker Karl- Heinz Ludwig zuzustimmen, der im Zusam­men­hang mit der Rolle der Inge­nieure während des Zweiten Welt­krieges schrieb: "Technische Ar­beit und technisch-wissenschaft­liche Ge­meinschaftsarbeit müssen sich in ihrer eigen- und in ihrer fremd­bestimmten historischen Funktion ständig selbst kri­tisch über­prüfen, um sich als schöpfe­rische Tätigkeit in Überein­stimmung mit gesellschaftlichen Auf­ gaben des tech­nischen, ökono­mischen und sozialen Fortschritts qualifizieren und zugleich ethisch verant­worten zu können."/2/

In Ost- und Westdeutschland geschah dies gleicher­maßen und doch auf unterschiedliche Weise, da in Deutschland der insbeson­dere zwischen den USA und der Sowjetunion ausgetragene Systemkon­flikt auf die individuellen und gesamtgesellschaftlichen Wertvor­stel­lungen durchschlug. Aufzuwerfen ist die Frage, warum es trotz der während der Zeit des Faschismus diskreditierten und durch den Alliierten Kontrollrat verbotenen technisch-wissenschaftlichen Ver­eine und einer systematisch verfolgten Wiederaufrüstung nicht zu der Wiederholung des nach 1918 in Deutschland verhängnisvollen Zyklus des Missbrauches von Wissenschaft und Krieg in einem neuen Krieg kam? War es möglicherweise gerade die Aufspaltung der Welt durch den Kalten Krieg, welche der Reproduktion eines schon einmal durchlebten Zyklus den Weg verstellte?

In der DDR war es bis zum Herbst 1989 nicht opportun diesen Gegenstand frei von dogmatischen Paradigmen zu erforschen. Den­ noch haben gerade die Wissenschaftshistoriker der DDR solide Vorleistungen auf dem Gebiet der historischen Friedensforschung erbracht, an die der Verfasser anknüpfen und aufbauen konnte.

Der Umbruch, der seit November 1989 in diesem Land vonstatten ging, erfordert es, die Ver­gangenheit einer Gesell­schaft, die sich Sozialismus und Frieden auf die Fahnen schrieb, grund­sätzlich neu zu durchdenken und neu zu bewerten. Dabei gibt es Anzeichen dafür, dass DDR-Historiker dazu neigen, eher den "real existierenden Sozialismus", wie er sich in 40 Jahren herausgebil­det hat, einer grundlegenden und differenzierteren Analyse und Kritik zu unterwerfen als die Friedens- und Sicherheitspolitik der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR. Bedenkt man, dass heute selbst in der UdSSR von Historikern die sowjetische Sicher­heitskonzeption der frühen Nachkriegszeit und der 50er Jahre kritisch neubewertet wird, so wird es schon allein aus diesem Grunde schlüssig, dass die 1945 bis Anfang der 50er Jahre maßgeb­lich durch Stalin bestimmte Friedens- und Sicherheitspolitik der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, ebenfalls einer kri­tischen Neubewertung bedarf.

Mag man sich darüber streiten, ob die DDR bald nur noch eine "Fußnote in der Geschichte" sein wird, so bleibt die Frage legi­tim, wie und wo das Enga­gement von namhaften Natur- und Technik­wissenschaftlern sowie von oft namen­los gebliebenen Ingenieuren und Technikern dieses Landes als friedensbewahrend in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einzuordnen ist. Welche Erfahrungen ihres Friedensengagements müssten in all ihrer Widersprüchlichkeit für die Nachwelt bewahrt und auf­gear­beitet werden? Es ist bezeich­nend, dass bis heute keine Ge­schichte der Friedens­bewegung der DDR geschrieben wurde. Eine evolutionäre Theorie des Friedensengage­ments der naturwissen­schaftlich-technischen Intelligenz gibt es ebenfalls nicht. Es besteht die Gefahr, dass angesichts der poli­tischen Ver­änderungen in Ost­europa der Friedens- und Abrüstungs­problematik in der Öf­fentlich­keit immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch das, was an Friedensengagement mobilisierend wirkte und nicht schlechthin nur als systemstabilisierend von SED und Staat instrumentalisiert wurde, darf nicht in Ver­gessenheit geraten.

Die Darstellung des zweiten und dritten Kapitels erfolgt des­ halb bewusst aus einer Sicht, die auch Verständnis und Auf­klärung über die Vorgeschichte der DDR mit vergleichenden Bezügen zur Vorge­schichte der Bundesrepublik Deutschland bringen soll. So werden vor allem Entwicklungslinien der Persönlichkeiten von Wissen­schaft und Technik nachvollzogen, die später in der Frie­densbe­wegung der DDR aktiv wurden oder mit ihr im Zusammenhang standen. Erstmalig wurden hierzu die Nachlässe von Hans Heinrich Franck, dem 2. Präsidenten der Kammer der Technik, und von Walter Friedrich, dem langjährigen Vorsitzenden des Friedensrates der DDR, im Zentralen Archiv der Akademie der Wissenschaften zu Berlin studiert.

Territorial konzentriert sich der Autor vor allem auf den Bereich der sowjetischen Besatzungs­zone und den Berliner Raum. In diesem Zusammenhang ein Wort zur ausdrücklichen Bezugnahme des Autors auf Berlin in einer Zeit, in der man des Hauptstadt-Rummels der Honeckerära überdrüssig wurde und sich alle Aufmerksamkeit auf den südlichen Raum der DDR zu richten schien. Zur Dar­stel­lung der Geschichte der sozialen und politischen Entwicklung der wis­senschaftlich-tech­nischen Intelli­genz im sächsischen Raum und auch in Mecklen­burg-Vorpommern liegen Dissertationen vor, auf die in dieser Arbeit bezug genom­men wurde. Neben dem indu­striel­len sächsischen Ballungsraum nahm Berlin als ein weiteres Zentrum von Wissenschaft und Technik und politischer Machtkonzen­tration unbestreitbar eine besondere Stel­lung ein, da sich hier der System­konflikt am augenscheinlichsten manifestierte. Die unter­schied­lichen Vor­stellungen über eine zukün­ftige Friedens­ordnung Deutschlands wurden hier auf engstem Territorium ausgefochten.

Einige Eigenarten und Besonderheiten der Entwicklung des tech­nisch-wissenschaftlichen Lebens in Berlin wurden bisher völ­lig ignoriert und drohen, in Vergessenheit zu geraten. Das be­trifft z. B. die Rolle, die die Technische Universität Berlin-Charlot­tenburg für die sowjetische Besatzungszone spielte, ebenso, wie die Geschichte der Gewerkschaft der Techniker und Werk­meister, die in der jüngeren Geschichtsschreibung über den FDGB nicht vorkommt. Erstmalig konnte ich Einsicht in noch erhaltene Unter­ lagen der Gewerkschaft der Techniker und Werk­meister Groß-Berli­ner FDGB nehmen. Diese Quellen, die erst jüngst zugänglich wur­den, befanden sich im Bezirksgewerkschafts­archiv des FDGB Berlin in der Wallstraße. Mit ihnen wurde es möglich, die Stellung der Technikwissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Werkmeister Berlins, die im FDGB organisiert waren, zur Berlin-Krise von 1948/49 - in der eine latente Kriegsgefahr bestand - zu unter­ suchen und zu bewerten.

Der Autor kommt nicht umhin, in einigen Passagen der Arbeit einige Zusammenhänge darzustellen, die vom unmittelbaren Gegen­ stand des Themas wegzuführen scheinen. Ausgehend von der These, dass jedes Friedensengagement weitgehend durch die Umstände geprägt wird, die das soziale und politische Umfeld der Akteure ausmachen, stellt sich der Gesamtzusammenhang letztlich immer wieder her. Zugleich werden Sichtweisen auf bislang kaum beach­tete Be­reiche eröf­fnete und Anregungen gegeben - für Forschungs­gebiete, die bisher in der Historiographie noch brach lagen.

Mit der Analyse der gesell­schaftlichen Entwicklung auf dem östlichen Territorium Deutschlands konnte unter Zu­hilfenahme der vergleichenden Methode der Dar­stel­lung mit anderen deutschen Territorien das Umfeld für die Entstehungsbedin­gungen der Frie­densbewegung der DDR und das Enga­gement der wis­senschaftlich- technischen Intelligenz in ihr erklärt und eingeordnet werden. Ihre Friedensverantwortung ließ sich dabei nicht auf Friedens­bewegung im engeren Verständnis des Begriffes - als organisierte oder spontane Massenaktion für bestimmte Friedens­ziele - redu­zieren. Die vielschichtigen und heterogenen nationalen und Frie­densbestrebungen, die nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland artikuliert wurden, entsprangen einem politischen Kräfteverhält­nis, das weitestgehend durch die Besatzungsmächte bestimmt wurde. Anderseits versuchten Ingenieure und Wissenschaftler dabei ihre Empfindungen und Erfahrungen einzubringen, die aus dem Kriegser­lebnis resultierten. Darum wurde der Versuch unternommen, mit biographischen Skizzen von namhaften Wissenschaftlern und Ingenieuren und mit einer exemplarischen Darstellung ausgewählter Rüstungsforschung und -entwicklung mit ihren Folgen in einer konkret-historischen politischen Situation aufzuzeigen, was Menschen dieses Berufsstandes bewog, sich für den Frieden zu engagieren.

Diskreditiert wurden die Bemühungen um eine Friedenslösung für Deutschland ebenso wie das Engagement für die Erhaltung des Weltfriedens dadurch, dass sie seit 1947/48 zunehmend durch die SED auch zum In­strument ihrer Politik ge­macht wurde, womit die Frie­densidee ihren parteipolitisch neutralen Anspruch verlor. Dies war auch ein Grund dafür, weshalb sie in den Westzonen nicht den erhofften Wiederhall fand. Studien von zum Teil erstmalig genutzt­ ten Quellen im Archiv des Nationalrates der Nationalen Front und bisher nicht öffentlich zugängliche Archivalien des Präsidiums der Kammer der Technik, die der Autor einsehen konnte, belegen diese Ansicht.

Die vorliegende Schrift kann - obwohl sie schwerpunkt­mäßig nicht so angelegt ist -auch als ein Beitrag zur Aufarbei­tung der Vorgeschichte der Friedensbewegung der DDR verstanden wer­den, mit der es möglich wird, historische Erfah­rungen für Formen, Methoden und Ziele für ein Friedensengagement in der Gegenwart anzu­bieten. Von dem ur­sprünglichen Vorhaben, den Platz der wissen­schaftlich- technischen Intelligenz in der Friedensbewegung der DDR darzu­stellen, musste abgegangen werden, da nach der bisherigen Quellen­lage, aber auch durch die Krise, in die die DDR-Zeitge­schichts­schreibung - insbeson­dere die der DDR-Geschichte geraten ist - das Projekt zum Scheitern ver­urteilt wäre, wenn nicht eine der bisher üblichen Schönschrei­bungen her­auskommen sollte. Die mir durch das Stadtarchiv Berlin gewährte Möglichkeit, in Akten des Berliner Friedensrates einzu­sehen, lässt bereits darauf schließen, dass die Friedensbewegung der DDR mit ähnlichen Problemen behaftet war, die auch das sozia­listische Experiment scheitern ließen. Tota­litäre Tendenzen in Friedenskam­pagnen taten der Sache Ab­bruch. Der Versuch, eine spezielle Arbeitsgruppe der technischen Intel­ligenz im Deutschen Friedens­komitee bzw. im Friedensrat zu bil­den, scheiterte. Als man Anfang der 60er Jahre meinte, dass die Friedens­bewegung bewusstseinsbildende Funktion erfüllt habe, unter­ grub die SED ihr die soziale Basis, indem die 1950 vielfach spontan entstan­denen re­gio­nalen Friedenskomitees administrativ aufgelöst wurden.

Verschiedene Problemstellungen, die Gegen­stand dieser Arbeit sind, gehörten vor kurzer Zeit in der DDR noch zu Tabubereichen. Zu nennen ist beispielsweise die Betei­ligung deutscher Ingenieure und Wissenschaftler an Entwicklungen auf dem Gebiet der Rüstung in der Sowjetunion. Weiterhin ist das Problem der sogenannten Westar­beit zu nennen. Es umfasst den ganzen Bereich der zum Teil mit konspi­rativen Methoden organisierten Versuche, in der Zeit des Kalten Krieges nationale und friedenspolitische Vorstellungen der SED über alle gesellschaftlichen Organisationen und Gremien (Kammer der Technik, FDGB, Deutsches Friedenskomitee usw.) in die West­zonen bzw. in die BRD und nach Westberlin zu tragen und dort Verbündete zu gewinnen.

In der vorliegenden Arbeit werden Biographien einiger Persön­lichkeiten von Wissenschaft und Technik herangezogen, die Protagonisten der Friedensbewe­gung der DDR waren, zum Teil aber nicht in die Geschichtspropaganda der SED passten und deshalb als Unper­sonen behandelt wurden. Gerade aus der Friedensbe­wegung kamen Persönlichkeiten wie Robert Havemann - langjähriger Vor­ sitzender des Berliner Friedenskomitees -, die gegen die Erstar­rungen eines entarteten, stalinistischen und zu­nehmend büro­kratisierten Sozia­lismus opponierten. Andererseits war die Frie­densbewegung ein Hauptfeld der geistigen und politischen Ausein­andersetzung zwischen den Systemen, und es konnte z. B. vom Autor bisher nicht ergründet werden, ob Heinz Barwich - Atomphysiker und einst Vizepräsident des Deutschen Friedensrates - eines ihrer Opfer war.

Der Verfasser dieser Schrift räumt ein, dass verschiedene hier angebotene Sichtweisen einer weiteren Diskus­sion und plura­li­stischen Meinungsbildung bedürfen. Zu vieles ist bisher in der Historiographie unausgesprochen oder einfach noch nicht er­ forscht, als dass hier schon immer gleich eine abgerundete verall­gemeinernde Wertung getroffen werden konnte. Angesichts der Kom­plexität der untersuchten Problematik und der Neubewertung vieler internationaler Ereignisse an Hand neuer Quellen und einer verän­derten Sichtweise auf die Geschichte ist sich der Autor dessen bewusst, dass verschiedene Aspekte, die in dieser Arbeit in einer äußerst dynamischen Zeit untersucht und zu Papier gebracht wur­den, schon morgen relativiert oder korri­giert werden könnten. Doch wie jede Wissenschaft, so ist auch die Historiographie einem ständigen Erkenntnisprozess unter­worfen, und man kann die Suche nach der historischen Wahrheit kaum beflügeln, wenn man warten wollte, bis sie gefunden sei.

Bedanken möchte ich mich bei den Wissenschaftlern und Archi­varen, die mir durch kritische Hinweise und zur Verfügungsstellung von bislang kaum genutzten Quellen neue Möglichkeiten der Er­kenntnis erschlossen, wodurch die vorliegenden Untersuchungserge­bnisse vorgelegt werden konnten. Besonders bin ich meiner Frau zu Dank ver­pflichtet, die manche Belastung im Interesse des Ab­schlusses dieser Arbeit auf sich nahm.

Anmerkungen zum Vorwort

/1/ Bernal, J. D.: Die soziale Funktion der Wissenschaft. Hrsg. von Helmut Steiner. Nach dem Originaltitel von 1939. Berlin 1986, S. 201.

/2/ Ludwig, K.-H.: Widersprüchlichkeit der technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit im Dritten Reich. In: Technikge­schichte. Heft 3/1973, S.253.

1. Wissenschaft und Technik für Aufrüstung und Krieg

Nur wenige der mit der Volkszählung vom 16. Juni 1933 statistisch erfassten 202 574 Ingenieure und Techniker in Deutschland konnten zum Beginn der 30er Jahre voraussehen, dass das faschistische Regime die qualitative und quantitative Substanz der einst zu Weltgeltung gelangten deutschen Wissenschaft und Technik bald weitestgehend untergraben wird und dass ihre Leistungen selbst zum Zerstören und zum Töten missbraucht würden.

Tabelle 1: Zahl der Ingenieure und Techniker im Deutschen Reich nach der Volkszählung vom 16. Juni 1933

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

/1/

Das massenhafte soziale Elend unter den Werktätigen während der Weltwirtschaftskrise verschonte die technische Intelligenz nicht und machte sie empfänglich für die demagogischen Versprechungen der Führerschaft der NSDAP. Mehrheitlich erkannten sie nicht, dass die von den Nazis propagierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Bestandteil der Vorbereitungen eines zweiten Weltkrieges waren. Dies war schwierig, da sich die Nazis hinter der Maske der Friedfertigkeit verbargen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Masse der Ingenieure und Wissenschaftler den Frieden als Wert achteten und friedvoll waren. Um sie für die Rüstung zu gewinnen, konnten die Nationalsozialisten zunächst ihre Kriegsziele nicht offen verkünden. Mit einer perfektionier, ten Friedensdemagogie konnte die Führerschaft der NSdAP die Aufrüstung Deutschlands als lebensnotwendig und friedensfördernd für die Zukunft des Deutschen Reiches propagieren. Offen gestand Hitler 1938 ein:

"Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war."/2/

1.1. Zwischen "Gleichschaltung" und Anpassung, Verfolgung und Vertreibung

Gerade die heranwachsende junge Intelligenz wurde während der Weltwirtschaftskrise von einer großen Zukunftsungewißheit erfasst. Von den etwa 40000 Studenten der Technischen Hoch- und Fach, schulen schlossen Anfang der 30er Jahre etwa 8000 Studenten jährlich ihre Studien ab. Durchschnittlich fanden - wie aus einem Zeitzeugenbericht vom März 1931 hervorgeht - nur etwa 20 v. H. Absolventen eine Stellung. 10 v. H. studierten weiter, 20 v. H. nahmen irgendeine Tätigkeit außerhalb ihres Berufes an. Der Rest von etwa 50 v. H. blieb ohne jedes Einkommen. Diplom-Ingenieure, die keine eigene Wohnung besaßen, kein warmes Essen mehr kannten und die sich glücklich schätzten, wenn sie mit gleich welcher Arbeit - als Geschirrspüler, als Zigarrenverkäufer oder als Eintänzer - einige Reichsmark verdienen konnten, waren keine Seltenheit./3/

Diese Situation erleichterte es den Nazis, mit ihrem Programm zur "zivilen" Arbeitsbeschaffung und mit interessanten technisch- wissenschaftlichen Aufgabenstellungen vor allem in den Technischen Hochschulen, aber auch in den technisch-wissenschaftlichen Vereinen und in der Industrie politischen Einfluss zu gewinnen. In die höchsten technischen Bildungsstätten drangen die Nazis frühzeitig über die Studentenorganisationen ein. Beispiels, weise stimmten bei den Studentenwahlen an der Technischen Hoch, schule Berlin-Charlottenburg im Wintersemester 1930/31 rund 62 Prozent der Studenten für Vertreter des NSDStB. Von den 410 Hochschullehrern und Assistenten dieser Hochschule bekannten sich 1932 siebenunddreißig öffentlich zur NSDAP. Dieser Anteil wuchs rasch. Bis 1941 traten an dieser TH etwa zwei Drittel der Hochschullehrer der NSDAP bei. Rund ein Drittel der Hochschullehrer widerstand bis 1944 der Vereinnahmung durch die NSDAP./4/ An den anderen Technischen Hoch- und Fachschulen Deutschlands sah es ähnlich aus./5/

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden Gesetze zur Reglementierung der Hochschulen erlassen, und es gab zunehmende staatliche Eingriffe in das akademische Leben. An den Universitäten und Technischen Hochschulen wurden nicht nur sämtliche Wahlämter vom Rektor abwärts mit Männern besetzt, die von der Nazipartei benannt wurden, sondern auch als hohe Verwaltungsbeamte reine Nazifunktionäre eingesetzt, die nur selten etwas von Wissenschaft verstanden und im allgemeinen so erzogen waren, dass sie auf jede intellektuelle Betätigung verächtlich herabblickten. Dabei ging einer der großen Vorzüge des deutschen Wissenschaftlers, sein Gefühl, in der Gemeinschaft eine wichtige und geachtete Persönlichkeit zu sein, mehr und mehr verloren. Begonnene wissenschaftliche Arbeiten liefen noch so lange auf Grund ihrer eigenen Trägheit weiter, bis irgendein rassischer oder politischer Grund gefunden wurde, um die jeweiligen Wissenschaftler oder Techniker oder ihre Arbeit zur Zielscheibe von Angriffen zu machen. Die erste Auswirkung bestand in der Zerstörung des spontanen Charakters der wissenschaftlichen Arbeit; Originalität wurde gefährlich./6/

Die Hochschulautonomie ging verloren, ohne dass sich die Hochschullehrerschaft ernsthaft dagegen wehrte. Es war für die Nazis nicht sonderlich schwer, die Loyalität oder zumindest den Gehorsam der Wissenschaftler und Ingenieure zu gewinnen. Eine der Ursachen hierfür mag im Charakter und in der Ausbildung dieser Intellektuellen liegen. Sie waren allzu sehr in ihrer Arbeit versponnen, allzu sehr mit der Maschinerie des Staates und der Industrie verbunden und allzu sehr von einem ihnen leicht aufzupfropfendem Patriotismus erfüllt. Außerdem wurden ihre Reihen sehr geschickt gespalten, indem Juden und Sozialisten zu Angriffsobjekten der Nazis ausersehen wurden. Die Berufung vieler Wissenschaftler und Ingenieure auf die Politikfreiheit von Wissenschaft und Technik diente häufig nur der Bemäntelung ihres "Patriotismus" oder eines nationalistischen Konservatismus, dessen Manipulierbarkeit und Integrationsfähigkeit sich unter der Nazi-Diktatur verhängnisvoll auswirkte. Bereits am 3.März 1933 setzten sich 300 Hochschullehrer in einem Aufruf zur Reichstagswahl für das faschistische Regime ein. 1934/1935 hatte die NSDAP die deutschen Hochschulen unter voller Kontrolle.

Der 1937 aus seinem Lehramt an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vertriebene und von den Gefolgsleuten der NSDAP gemaßregelte Chemiker Hans Heinrich Franck stellte im März 1949 aus Anlass der 15O-Jahrfeier dieser technischen Lehr- und Bildungsstätte rückblickend fest: "Die Fanfaren der 'Machtübernahme' fanden ein schnell sich steigerndes Echo. Preußischer Konservatismus war sich oft ein Prellbock gegen die anstürmenden Nazipraktiken und Parolen. Aber die für die Rüstung anlaufende Technik, die damit gestellten Aufgaben und die beruflichen und persönlichen Möglichkeiten ließen die Professoren die rücksichtslosen Eingriffe in die Selbstverwaltung ertragen und machten sie mit einigen Aus, nahmen zu folgsamen Trabanten einer Wehr- und Waffenideologie, die ihre Krönung in einem Kavallerieoffizier als Rektor und in der Wehrtechnischen Fakultät fand. Hier war der Bankrott eines auf seine bürgerliche Kultur stolzen Zeitalters deutlich."/7/

Mit Beginn des Sommersemesters 1933 wurde an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg der aktive Nazi Achim von Arnim zum Ordentlichen Professor für "Wehrverfassung" gemacht; ein Jahr darauf avancierte er zum ersten nationalsozialistischen Rektor der Technischen Hochschule. Schlüsselfigur des Aufbaus der Rüstungstechnik an der Hochschule war Karl Becker, Ordinarius für technische Physik, ab 1935 für Wehrtechnik, Physik und Ballistik. Becker war zugleich als General am Heereswaffenamt tätig, dessen Leitung er 1938 übernahm. Sein Reich war die im Herbst 1933 gebildete "Fakultät für Allgemeine Technologie", die 1935 in "Wehrtechnische Fakultät" (WTF) umbenannt wurde, womit sie ihre eigentliche Bestimmung deutlich offenbarte./8/

Zusammenfassend müssen verschiedene sich gegenseitig bedingende Ursachenkomplexe für die relativ bruchlose Integrationsbereitschaft der Natur- und Technikwissenschaftler sowie der Ingenieure und Techniker in das politische System des Faschismus genannt werden: Die prinzipielle Indifferenz der meisten Angehörigen der technischen Intelligenz gegenüber gesellschaftlichen und politischen Problemen - verbunden mit einer politisch konservativen Einstellung - verbaute vielen das Erkennen der eigentlichen, unmenschlichen Absichten der Nazis. Von Arbeitslosigkeit und wachsender berufsständischer Verunsicherung betroffen, hofften viele Ingenieure und Wissenschaftler auf neue Aufgabenstellungen, die ihnen nicht nur Arbeit sondern ebenso eine höhere gesellschaftliche Anerkennung und die Zurückdrängung einer sich bereits in der Zeit der Weimarer Republik ausbreitenden Technikkritik bringen sollte. Die Hoffnungen bestätigten sich nur in dem Maße, wie sie mit den Aufrüstungsplänen der Nationalsozialisten über, einstimmten. Hinzu kam, dass noch im Verlauf des Jahres 1933 immer mehr jüdische Wissenschaftler, aber auch Ingenieure ihren Beruf nicht mehr ausüben durften.

Am 7. April 1933 erließ die nationalsozialistische Reichsregierung das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Insbesondere mit dem sogenannten Arierparagraphen schuf sie sich eine pseudorechtliche Regelung, mit dem sie den Antisemitismus zur Staatsdoktrin erhob. Mit den Begriffen "Arier" und "arisch" gelangten neue und fiktive Normen in die Gesetzgebung und Praxis der Gesellschaft, die bis dahin nur in der Demagogie der Nazifaschisten und anderer reaktionärer Kräfte existierten. Bereits Mitte 1933 waren nach Angaben des Londoner Academic Concil über 750 Wissenschaftler als politische Gegner des Naziregimes oder als "Nichtarier" in Deutschland entlassen worden. Im weiteren wurden insgesamt über 2 000 Gelehrte - etwa ein Drittel der hauptamtlichen deutschen Hochschullehrer - ihrer Ämter enthoben oder zur "freiwilligen" Aufgabe ihrer Positionen genötigt, weil sie "nicht geeignet" oder "nicht arisch" waren./9/ Viele der entlassenen Wissenschaftler, oft Spitzenvertreter ihrer Fachgebiete, verließen das Land.

Zwischen 1931 und 1938 emigrierten nach Ermittlungen von Wolfgang Schlicker etwa 3120 Angehörige des Lehrkörpers von deutschen Universitäten und Hochschulen ins Ausland. Unter diesen Emigranten befanden sich 451 Vertreter der experimentellen Naturwissenschaften und 384 Technikwissenschaftler. Allein von den Physikern, die einst in Deutschland wissenschaftliche Erkenntnis, se mit Weltgeltung hervorbrachten, wurden etwa 25 Prozent vertrieben./10/ Zu ihnen gehörten solche berühmten Gelehrten wie Max Born, Peter Debye, Max Delbrück, Albert Einstein, James Franck, Erwin Schrödinger, Leo Szilard und Eugen Wigner, die sämtlich Nobelpreisträger waren oder es später wurden.

Als am 2. Mai 1933 Angehörige der faschistischen Terrororganisationen SA und SS in allen Teilen Deutschlands schlagartig die Gewerkschaftshäuser und -einrichtungen überfielen, gingen sie auch gegen den Bund der technischen Angestellten und Beamten (Butab) vor. Diese traditionsreiche berufsständische Gewerkschaftsorganisation, in der vor allem Techniker und nichtgraduierte Ingenieure organisiert waren und in der u. a. Gewerkschaftsfunktionäre wie Max Günther, Erich Händeler, Arthur Queißer, Otto Schweitzer und Hermann Waschow wirkten, ging 1919 aus einer Verschmelzung des Deutschen Techniker-Verbandes mit dem Bund technisch-industrieller Beamter (Butib) hervor. Noch im April 1933 gab der Gesamtvorstand des Butab in Berlin eine Loyalitätsbekundung gegenüber der Reichsregierung ab. Man hoffte, sich dadurch den Übergriffen der Nazis entziehen zu können. Doch vergeblich, die führenden Gewerkschaftsfunktionäre wurden, soweit man ihrer habhaft werden konnte, inhaftiert. Die Gewerkschaftsvermögen wurden beschlagnahmt. Ein Großteil dieser Gelder floss in die Rüstung. Die Mitglieder der einstigen Gewerkschaftsorganisation wurden zwangsmäßig in den Deutschen Techniker-Verband der Nationalsozialistischen Angestellten-Gewerkschaft (NSA) über, führt. 1935 wurde die NSA in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) eingegliedert./11/ In ihr waren Unternehmer und Beschäftigte zur "Sicherung des Arbeitsfriedens" zusammengefasst.

Die Technische Nothilfe (Teno), die schon während der Weimarer Republik teilweise zu einem staatlichen Instrument zur Wahrung von Unternehmerinteressen umfunktioniert wurde, nutzen die Nationalsozialisten nicht nur gegen Arbeiter im eigenen Land, sondern sie setzten sie vor allem ein, um ihre Annexions- und Eroberungsfeldzüge technisch abzusichern. Die Technische Nothilfe entstand 1919 als freikorpsähnliche militärische Formation, deren erste Nothelfer aus Heeres- und Marineingenieuren sowie technischem Hilfspersonal bestand. In der Zeit der Weimarer Republik wirkte die Teno mehrfach im engen Zusammenspiel mit Polizei und Reichs, wehr, um Streikkämpfe der Arbeiter abzuwürgen. Weiterhin kam sie bei Katastrophenfällen zum Einsatz. Außer bei Brand- und Überschwemmungskatastrophen übernahm die Teno dann bald den Gas- und Luftschutzdienst. Schließlich trat die Teno erstmals bei der Annexion Österreichs 1938 in Erscheinung, um "für den Fall jüdisch-marxistischer Störversuche" Gewehr bei Fuß zu stehen. Auch in der Tschechoslowakei sammelten 1938/39 sogenannte Technische Kommandos "erste Erfahrungen bei der Instandsetzung kriegswichtiger Betriebe", die dann im zweiten Weltkrieg im großen Stil ausgewertet und angewandt wurden. Die Technischen Kommandos schlossen sich der Wehrmacht an. Zuerst ein Instrument der Polizei, geriet die Technische Nothilfe, zunehmend militarisiert, am 10. September 1943 unter das Kommando von SS-Gruppenführer Schmelcher und schließlich ganz in den Befehlsbereich der berüchtigten Schutzstaffel Heinrich Himmlers./12/

Die Vorstände der technisch-wissenschaftlichen Vereine und Ingenieurorganisationen stellten sich nach 1933 frühzeitig auf Nationalsozialismus und Militarismus ein. Sie ließen sich relativ widerstandslos "gleichschalten", wenn dies auch nicht in der ursprünglich von Feder beabsichtigten Inszenierung geschah. Zum Zwecke der Unterordnung der technisch-wissenschaftlichen Vereine unter ihre Ziele gründete die NSDAP nämlich 1931 den Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure (KDAI) und schuf eine Ingenieur-Technische Abteilung (I.T.A.) der Partei, die unter Führung des Ingenieurs und "Wirtschaftstheoretikers" der NSDAP Gottfried Feder stand./13/ Diese neuen Organisationsformen wurden jedoch von den traditionsbewussten Technikern, Ingenieuren und Architekten nicht im erwarteten Maße angenommen. Deshalb löste man Ende Mai 1934 den KDAI auf, aber nur, um ihn im Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik (NSBDT) aufgehen zu lassen./14/ Der NSBDT, der zunächst unter Führung von Fritz Todt stand und nach dessen Tod im Jahre 1942 von Albert Speer angeführt wurde, ordnete sich als Dachverband alle technisch-wissenschaftlichen Vereine unter. Die Mitglieder und Führungskräfte der alten Vereine, die sich der ab 1934 forcierten Gleichschaltung nicht unterwerfen wollten, wurden von ihren Posten entbunden oder aus, geschlossen.

Offen bekannten sich die Vereinsspitzen zum neuen Regime und bekundeten - wie dies z. B. beim einflussreichen Verein Deutscher Ingenieure mit seinen 28 140 Mitgliedern im Frühjahr 1933 geschah - ihre vorbehaltlose Bereitschaft, "die technischen-wissenschaftliche Arbeit in den Dienst der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung zu stellen" und erklärten den Arierparagraphen des Berufsbeamtengesetzes für verbindlich./15/ Frühzeitig und im Widerspruch zu den Festlegungen des Versailler Vertrages stellte der VDI die Möglichkeiten des Vereins für wehrtechnische Aufgaben zur Verfügung. Diese Entwicklung schilderte VDI-Direktor Dr. Ude in seiner Stuttgarter Rede vom 31.Januar 1942: "Die unmittelbare Beschäftigung mit wehrtechnischen Aufgaben wurde aufs neue kurz nach der Machtergreifung 1933 in die Wege geleitet. Bereits bei den vorbereitenden Maßnahmen zur Aufrüstung hatte der VDI Gelegenheit, wenn auch in getarnter Form, seine Kräfte in den Dienst der Wehrmacht zu stellen. Im Einvernehmen mit dem Heereswaffenamt wurden über die neugeschaffene Fachstelle CW-Lehrgänge für die Fertigung von Heeresgerät eingerichtet. Diese Lehrgänge erstreck, ten sich auf Geschosse, MG-Teile, Leichtmetallzünder und Stahlhülsen. Es wurden innerhalb der nächsten Jahre nach 1934 25 Lehrgänge in 15 verschiedenen Städten durchgeführt. Die Beteiligung war freiwillig, die gesamte organisatorische und fachliche Vorbereitung zur Durchführung lag in den Händen des VDI. Nach Beendigung dieses Auftrages hat der damalige Chef des Wehrmachtamtes, General Keitel, dem VDI den Dank für diese Arbeit ausgesprochen und sie gewürdigt. Die in diesen Lehrgängen geschulten Ingenieure bildeten den Stamm für die Durchführung weiterer Auf, gaben, die seit Beginn des Krieges auf wehrtechnischem und wehr, wirtschaftlichem Gebiet dem VDI übertragen wurden."/16/

Die nationalsozialistische und militärische Ausrichtung des VDI erfolgte mit einer derartigen Perfektion, dass ihm 1937 auf seiner Jahreshauptversammlung in Kiel von Dr.-Ing. Fritz Todt bescheinigt wurde, dass er als stärkste Säule des NSBDT den Weg der "inneren Umstellung im Laufe der zurückliegenden drei Jahre erfolgreich und im richtigen Tempo" gegangen sei. Er habe es verstanden, sich mit seinen Einrichtungen "in ganz hervorragendem

Maße an den großen Aufgaben zu beteiligen, die gerade das Dritte Reich der Technik gestellt hat."/17/

In ähnlicher Form verlief die Entwicklung in allen anderen Ingenieurverbänden./18/ So bekannte z. B. der Verband Deutscher Diplom-Ingenieure (VDDI) unmittelbar nach der Machtübernahme, dass er seit seiner Gründung im Jahre 1909 auf dem Führerprinzip aufgebaut und seitdem an vorderster Front "im Kampf gegen Liberalismus, Reaktion und Marxismus"/19/ gestanden habe. Er folge "begeistert und geschlossen dem Rufe unseres Führers im Ringen um die Ehre und Freiheit der Nation"/20/ Der VDDI, der 1933 etwa 10000 Mitglieder zählte, schloss sich unmittelbar nach Januar 1933 der Gruppe um Feder an, geriet aber in den folgenden Jahren, letztlich wegen seiner hartnäckigen Versuche, eine führende Rolle unter den technischen Verbänden zu spielen, mit der NSDAP in Konflikt und löste sich schließlich 1938 auf.

Im Januar 1934 hatte der VDDI einen Arierparagraphen in seine Satzung aufgenommen. Seitdem fand man in der Liste seiner Gründungsmitglieder keinen Namen prominenter jüdischer Ingenieure und Hochschullehrer mehr. Gestrichen wurde z. B. der Name Georg Schlesingers, der schon zuvor seine Professur an der Technischen Hochschule in Berlin verloren hatte. Seit 1904 hatte Schlesinger an dieser Hochschule den Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe inne. In seiner Vorlesungsreihe "Fertigung, Fabrikbetriebe und Fabrikorganisation" kombinierte er technische und betriebswirtschaftliche Fragestellungen und schuf schon 1918 eine "Arbeitsstelle für industrielle Psychotechnik", die später zu einem eigenen Institut ausgebaut wurde. Seine Studien zum amerikanischen Taylorsystem regten beispielsweise 1925 in dem Zwickauer Horch-Automobilwerken umfangreiche Rationalisierungen an, die eine Produktionssteigerung der Automobilproduktion von 1,8 auf 10 Stück pro Tag zur Folge hatte.

Widersprüchlich stellte sich die Lage in der Privatindustrie dar. Zum Teil beugte man sich devot der antisemitischen und "antimarxistischen" Personalpolitik des nationalsozialistischen Regimes, brachte ihr aber unter Umständen auch erheblichen Wider, stand entgegen. Das modernste und leistungsfähigste Potential angewandter Naturwissenschaft und Technik befand sich nämlich in den Forschungseinrichtungen der wissenschaftsintensiven Konzerne. Dort ließ man sich von übergreifenden Naziaktivisten nicht ohne weiteres hineinregieren. Zum einen war die Personalpolitik der Konzerne schon von jeher darauf ausgerichtet, bei den hier beschäftigten Ingenieuren, Technikern und Wissenschaftlern unbedingte Konformität mit den Interessen der Unternehmensführung zu sichern. Andererseits waren die Interessen einiger Konzerne nicht so absolut auf die Nazipartei festgelegt, dass sich für diesen oder jenen hochbegabten und nicht zu sehr "belasteten" Fachmann, dem das Berufsbeamtengesetz ein Verbleiben in staatlichen Institutionen oder höheren Bildungseinrichtungen unmöglich gemacht hatte, nicht noch einen Unterschlupf in einer industriellen Forschungsstätte finden ließ. Dies hatte nichts mit aktivem Antifaschismus, viel aber mit einer Strategie geschickter Profitsicherung zu tun./21/

Letztlich wurde mit der dritten Entlassungswelle in den Jahren 1937/38 jenen jüdischen Industrieforschern und Ingenieuren die Existenz unmöglich gemacht, welche noch als Mitarbeiter jüdischer Firmen oder als selbständige Beratende Ingenieure oder aber als stille Teilhaber von Firmen hatten überleben können./22/

Wolfgang Mock untersuchte in einem vom VDI unterstützten Forschungsprojekt die Umstände und Lebensverhältnisse der jüdischen Ingenieure, die aus Deutschland und Österreich nach Großbritannien emigrierten. Dabei schätzte er die Zahl der deutschsprachigen Ingenieure, die aus Wirtschaft, Industrie und Hochschulen vertrieben, vor den faschistischen Judenverfolgungen fliehen konnten und in die USA, nach Großbritannien, Palästina, in das britische Empire und nach Südamerika emigrierten auf 2500./23/ Unvergleichlich höher muss die Zahl jener jüdischer und "marxistischer" Ingenieure und Wissenschaftler gewesen sein, die nicht emigrieren konnten. Sie wurden zunehmend aus der Gesellschaft ausgegrenzt und führten in den Jahren nach 1933 mit ihren Familien ein Leben auf Abruf. In den meisten Fällen folgte den Demütigungen der Abtransport in die Zuchthäuser und Konzentrationslager, wo viele den Tod fanden. 81 Prozent der deutschen Juden wurden in den faschistischen Konzentrationslagern ermordet oder erlagen den Torturen der SS-Schergen in diesen Lagern./24/ Unter ihnen waren Menschen jeden Alters und Geschlechts sowie aller Berufsgruppen.

1.2. Die Militarisierung von Wissenschaft und Technik

Seit 1933 wurde systematisch alles, was sich in der Sphäre von Wissenschaft und Technik unmittelbaren Rüstungszwecken unter, ordnen ließ, durchgreifend von den faschistischen Machthabern militarisiert und auf die Kriegsvorbereitung ausgerichtet. Die Großindustrie setzte sich im Verein mit der neuen Regierung für die Aufhebung aller Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten Rüstungsbeschränkungen ein. Beispielsweise verabschiedete der Reichsverband der Deutschen Eisenindustrie am 16. Januar 1933 eine Denkschrift, die dem Chef des Heereswaffenamtes Generalleutnant Alfred von Vollard-Bockelberg zu den Genfer Verhandlungen über die internationale Regelung von Kriegswaffenherstellung und -handel übergeben wurde. Darin wurde gefordert:

"Auf Grund der prinzipiellen Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands in Rüstungsfragen - nicht etwa erst in Verfolg einer Verständigung über Kontrollkonventionen - muss das Kriegsgerätegesetz aufgehoben werden.

Die deutsche Privatwirtschaft muss auf Grund eingehender Erwägungen jede Kontrolle von Kriegswaffenherstellung und Kriegswaffenhandel grundsätzlich ablehnen."/25/

Am 14. Oktober 1933 verließ Deutschland schließlich die Abrüstungskommission, da es volle Handlungsfreiheit für seine Wiederaufrüstung anstrebte. Fünf Tage später erfolgte sein Aus, tritt aus dem Völkerbund. Die staatlichen Rüstungsaufträge der Reichsregierung Hitlers erlangten schon 1934 eine überragende Bedeutung gegenüber der sogenannten zivilen Arbeitsbeschaffung. Im April 1934 wurde untersagt, unmittelbar und sogar vor Jahren begonnene öffentliche Arbeiten fertigzustellen, wenn ihre militärische Bedeutung nicht klar erwiesen war./26/

Führende Politiker der NSDAP im Ingenieursstand wie Feder, Speer und Todt spielten eine dominierende Rolle bei der ideologischen Ausrichtung der Natur- und Technikwissenschaftler, der Ingenieure sowie Techniker auf die Kriegsziele Hitlerdeutschlands. Spitzenunternehmer, die oft auch in den Vorständen von wissenschaftlich-technischen Vereinen saßen, unterstützten diesen Kurs bekanntlich massiv materiell und ideell. Kanonenkönig Krupp beispielsweise, der der Vorsitzende eines im Mai 1933 gegründeten Kuratoriums "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft" war, zählte mindestens seit 1943/27/ zu den Vorstands, mitgliedern des VDI, dem größten technisch-wissenschaftlichen Vereins im NSBDT. Dem Rüstungsbeirat des Reichwehrwirtschaftsministeriums gehörten Vertreter der wichtigsten Konzerne, die einst den guten Ruf der deutschen Industrie und Technik mitbegründeten, an. Genannt seien hier Robert Bosch, Konrad von Borsig, Wilhelm Keppler, Carl Krauch, Paul Reusch, Hermann Röchling, Carl Friedrich von Siemens, Fritz Springorum, Fritz Thyssen und Albert Vögler./28/

In diesen Kreisen war man sich dessen voll bewusst, dass Hitler und seine engsten Gefolgsleute Kurs auf einen Krieg nahmen. Dem Rüstungsbeirat gehörten jene einflussreichen Vertreter aus Wissenschaft und Technik an, die als Unternehmer und intellektuelle Manager, als Geldgeber, konzeptionelle Denker und Strategen im faschistischen Machtapparat, in Rüstungsindustrie und "Wehrforschung" halfen, den Krieg zielstrebig vorzubereiten und zu führen. Unter ihnen waren Hauptkriegsverbrecher, die - soweit sie gefasst wurden und man sie nicht als unersetzliche Industrieführer und Rüstungsfachleute unter den Schutz verschiedener Alliierter Sonderkommandos stellte - nach dem 2. Weltkrieg von internationalen Militärtribunalen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen den Frieden verurteilt wurden.

Der Fall Röchling sei hier exemplarisch geschildert: Im August 1936 richtete dieser Industrielle, der 1934 vom Verband Deut, scher Ingenieure mit der Grashof-Gedenkmünze ausgezeichnet worden war/29/, eine geheime und persönliche Denkschrift an Hitler mit "Gedanken über die Vorbereitung zum Kriege und seine Durchführung". Darin bekannte er prophetisch: "Der kommende Krieg wird in erster Linie ein Krieg der Technik sein, wobei höchste Technik, höchster Mannesmut und größte Kraft zur Ertragung von Entbehrungen vielleicht den Sieg ermöglichen..." Schließlich forderte Röchling unmissverständlich: "Jeder aus der Etappe, jeder aus der Heimat muss auch an der Front seine Haut zu Markte tragen."/30/

Der Verfasser dieser Denkschrift war Geschäftsführer der Röchlingschen-Eisen-und-Stahlwerke. Er saß in den Aufsichtsräten der Stahlwerke Röchling-Buderus, der Heinrich Lenz AG, der Commerzbank, der Brown-Boweri AG in Mannheim, der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG in Magdeburg und in den Grubenvorständen Hastenbach und Carl Alexander in Basweiler. Er gehörte zudem den Vorständen der großen Industrieorganisationen und der technische- wissenschaftlichen Vereine, so denen des Reichsverbandes Deut, scher Industrie und des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute, an. Als Wehrwirtschaftsführer trug Röchling für die Umstellung fast der gesamten deutschen Eisen- und Stahlindustrie auf Kriegsproduktion Verantwortung. Er gehörte also zu den 87 Monopolvertretern, die dem von Göring gebildeten Wehrwirtschaftsrat angehörten. Sie wurden im Dezember 1938 zu Wehrwirtschaftsführern mit weitreichenden Befugnissen ernannt. Während des zweiten Weltkrieges dachte Röchling nicht daran, "an der Front seine Haut zu Markte" zu tragen. Er übernahm als Vorsitzender der Reichsvereinigung Eisen im Wirtschaftsstab Ost, einer ebenfalls Hermann Göring unterstellten kriegswirtschaftlichen Spezialorganisation zur Ausplünderung okkupierter Gebiete in Polen und der Sowjetunion, die "Patenschaft" über die Eisen- und Stahlproduktion jener Territorien.

Im besetzen Frankreich wirkte Röchling in den Departements Moselle und Meurthe et Moselle als "Reichsbeauftragter" der Eisenindustrie. Das berüchtigte Konzentrations- und Arbeitslager Etzenhofen wurde unter der Bevölkerung das "Privat-KZ Röchling" genannt. Hermann Röchling wurde im Juli 1948 von dem Generaltribunal der französischen Regierung wegen Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Im Berufungsverfahren wurde dieses Urteil im Januar 1949 auf zehn Jahre Gefängnis erhöht./31/

Doch nicht alle exponierten Vertreter, die der technischen Intelligenz zuzurechnen sind, unterstützten den Kriegskurs des faschistischen Regimes. Einer von ihnen war der Mitbegründer und erste Vorsitzende des Normenausschusses der Deutschen Industrie (NADI) und einstige VDI-Direktor (1920 - 1932), Waldemar Hellmich. Zunächst erhoffte sich Hellmich vom Nationalsozialismus eine neue Sinngebung für das technische Schaffen/32/, trat aber schon nach ersten Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus von seinem Direktorenposten zurück und leitete dann in Süddeutschland einen Industriebetrieb.

Mehrheitlich wurde jedoch die wissenschaftlich-technische Intelligenz durch Wehrdienst und Dienstverpflichtungen in der Rüstungsindustrie einer dem Frieden dienenden Arbeit entfremdet. Bereits im ersten Kriegsjahr zog die Wehrmacht etwa ein Drittel aller Wissenschaftler zum aktiven Militärdienst ein. Für alle laufenden Forschungen, die nicht "kriegswichtig" waren, hatte dies entscheidende Konsequenzen. Die Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Konstrukteure wurden fast ausschließlich an ihrem Beitrag für die Rüstung gemessen.

Da man für die Kriegsführung vor allem Soldaten brauchte, wurden auch immer weniger junge Männer zum Studium zugelassen (Vgl. Tabelle 2). Die Anzahl der Studenten wurde drastisch vermindert, ganz abgesehen davon, dass die Universitäten und Hoch, schulen jüdischen Studenten verschlossen blieben. Jede effektive Ausbildung der zugelassenen Studenten wurde mehr und mehr unmöglich gemacht. Arbeitsdienst und Wehrpflicht beanspruchten Jahre potentieller Arbeit, und auch während der eigentlichen Ausbildung lag der Nachdruck gänzlich auf der "Stählung" von Körper und Charakter und nicht auf der Entwicklung der Intelligenz. Intellektuelles Streben, insbesondere jeder Versuch zu kritischer Objektivität, wurden zu definitiven Schranken für das Vorwärts, kommen./33/ Besonders verstärkt widmete man sich der Ausbildung von Wehrtechnikern und Ingenieur-Offizieren. Ebenso wurde die Ausbildung von Diplomingenieuren für die Rüstungsbetriebe und Rüstungskommandos an allen Fakultäten der Technischen Hochschulen vorangetrieben./34/ Was hier als nationale Verantwortung der Ingenieure und Wissenschaftler verstanden wurde, nämlich sich mit dem beruflichen Können und Wissen für die Rüstungsziele und die Kriegspolitik der NSDAP einzusetzen, sollte sich später als verantwortungslos und Unglück für das deutsche Volk und für die von ihm unterjochten Völker Europas erweisen.

Tabelle 2: Studierende an Technischen Hochschulen und Bergakademien im Deutschen Reich von 1929/30 bis 1941

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Nachdem im Winter 1941/42 die Blitzkriegsstrategie gescheitert war, wurde versucht, dem staatsmonopolistischen Lenkungsmechanismus auf dem Gebiet der Rüstung und Rüstungsforschung mehr Effizienz abzuzwingen. In enger Zusammenarbeit mit den führenden Vertretern des Kapitals engagierten sich hier vor allem die Reichsminister für Bewaffnung und Munition Todt und Speer. Ein Ergebnis dieses Zusammenwirkens bestand z. B. darin, dass neben den traditionellen Bereichen der Schwerindustrie mehr und mehr die chemischen und elektrotechnischen Konzerne eine höhere rüstungsstrategische Wertigkeit und damit lukrative Aufträge erhielten. Es gab eben nur die drei Industriezweige, die groß genug und hinreichend monopolisiert waren, um sich wissenschaftliche Forschung dieser Größenordnung leisten zu können. Die Wissenschaftler und Ingenieure verweigerten sich nicht. Im Vorfeld des 2. Weltkrieges wurde übrigens von den Regierungen aller entwickelter Industrienationen Wissenschaft und Technik als nützliches militärisches Hilfsinstrument angesehen. In Hilterdeutschland wurde Wissenschaft und Technik schließlich ausschließlich diesem Zweck untergeordnet.

Der einst unter der Präsidentschaft Beckers gegründete Reichsforschungsrat hatte den Erwartungen der Naziführerschaft nicht entsprochen. Karl Becker beging 1940 Selbstmord. Im Juni 1942 wurde unter dem Druck der sich verschlechternden militärischen Lage auf Initiative Speers ein zweiter Reichsforschungsrat gebildet. Mit Göring an der Spitze und unter energischem Einfluss der forschungsintensiven Industriekonzerne sollten die Forschungsergebnisse der führenden Männer der deutschen Wissenschaft und Technik für die Kriegsführung zusammengefasst zu höchsten Ergebnissen führen. Die Forschungsgruppenleiter wurden zum großen Teil aus dem ersten Forschungsrat übernommen./36/ Dem Schutz der Zivilbevölkerung vor den im Herbst und Winter 1942 immer stärker werdenden Bombenangriff widmete man sich kaum.

Manfred von Ardenne, der am 2. Januar 1945 durch Göring in den Reichsforschungsrat berufen wurde, berichtet in seiner Autobiographie über seine vergeblichen Bemühungen, Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung anzuregen. Unter dem Eindruck der Bombardements im zweiten Halbjahr des Jahres 1942 hatte er eine Denkschrift mit konkreten Vorschlägen zur Bildung eines wissenschaftlichen Rates verfasst: "Dabei stimulierte mich," so von Ardenne, "das starke Interesse des später im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli 1944 hingerichteten Generalmajors Thiele und des Chefs der Berliner Rüstungskommandos, Generalmajor Hillert. Diese beiden Generäle, die sich vielfach für die Milderung des hereinbrechenden Unglücks verwandten, erhofften von einem wissenschaftlichen Rat neue Einflussmöglichkeiten auf die 'Nach mir die Sintflut-Weisungen der letzten Hitlerzeit."/37/

Ardennes und auch ähnlich geartete Bemühungen von anderen Forschern - wie z. B. von Max Planck - zur Schaffung eines Einflussinstrumentes in Richtung Vernunft, Menschlichkeit, Zivilbevölkerungsschutz scheiterten jedoch. Hier spiegelte sich nicht schlechthin die Missachtung von Wissenschaft und Technik durch die Gefolgsleute der NSDAP, sondern deren bewusste Missachtung des Menschen wider. "Und," so resümiert von Ardenne, "gegen diese waren Gesuche, Empfehlungen und Denkschriften, wissenschaftliche Räte und Kommissionen, war das ganze Instrumentarium zur Beschwörung der Vernunft machtlos, sinnlos, ja vielleicht sogar gefährlich, weil es selbst bei scharfer subjektiver Distanz objektiv in mancher Situation immer noch etwas Loyalität des Verhaltens ein, schließen konnte."/38/ Manch ein Wissenschaftler sah deshalb das "Ausweichen" auf Gebiete der Grundlagenforschung als Möglichkeit an, sich den gesellschaftlichen Zwängen der Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik für den Krieg zu entziehen.

Ab September 1943 setzte sich der Reichforschungsrat gegenüber der Wehrmacht für die Entpflichtung von 5000 Naturwissenschaft, lern und Ingenieuren ein. Noch hegte man nämlich Hoffnungen, dass von ihnen entwickelte "Wunderwaffen" kriegsentscheidende Wirkungen ausgehen könnten. Bis Ende 1943 waren jedoch lediglich 25 Prozent der angeforderten Wissenschaftler und Techniker von der Wehrmacht entlassen worden./39/

Ansporn zum "Durchhalten" sollten z. B. einem von Kriegsmüdigkeit gezeichneten deutschen Volk die mit viel Propagandalärm umgebenen "Vergeltungs-Waffen“ sein. Nachdem die englische Luftwaffe im August 1943 die Raketenschmiede Peenemünde an der Ostsee weitgehend zerstört hatte, bauten die nationalsozialistischen Machthaber den Kohnstein, eine Hügelkette bei Nordhausen in Thüringen, zum Zentrum der Produktion der sogenannten V 2-Waffen und des Strahlflugzeuges Me 262 aus. Tief unter der Erde wurde hier fieberhaft die Entwicklung und Produktion dieser Kriegswaffen vorangetrieben. Seit Ende 1943 wurden 35 Rüstungsforschungsstellen von Universitäten, wissenschaftlichen Institutionen, Rüstungskonzernen und Firmen in diesem Komplex angesiedelt und organisatorisch in der Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau zusammengeschlossen. Das Forschungs- und Entwicklungspotential er, reichte hier einen sehr hohen Konzentrationsgrad. Im Frühjahr 1945 waren im Mittelbaukomplex etwa 7750 Wissenschaftler und Techniker tätig./40/

60 000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager "Mittelbau Dora" presste die SS in den bombensicheren Stollen zur Arbeit. Mehr als 20 000 Menschen kamen in diesem Lager ums Leben. Als "Geheimnis, träger" sollten die Häftlinge, die aus verschiedenen Ländern kamen, nach Anweisung der Lagerkommandantur das Lager "nur über den Schornstein" wieder verlassen dürfen./41/ Ähnlich sah es in anderen unterirdischen Produktionsanlagen aus. Der Unmenschlichkeit der SS-Soldateska stand die Brutalität, mit der die Flugzeugindustriellen "ihre" KZ-Häftlinge behandelten, in nichts nach. Die Lebensverhältnisse in den Stollen bei Gusen zum Bei, spiel, wohin Messerschmitt den Hauptteil der Produktion von Me- 262-Flugzeugen verlagern ließ, waren - wie der Historiker Olaf Groehler schreibt - nach Zeugenaussagen "schlimmer als die Hölle, waren schlimmer als der Steinbruch von Mauthausen; die Zivilisten bei Messerschmitt waren schlimmer als die SS"./42/

Und in nichts unterschieden sich diese Verhältnisse, von denen bei Heinkel in Oranienburg oder in Barth, von denen bei BMW, Dornier oder Siemens. Im März 1944 wurden 36 000 KZ-Häftlinge von der Flugzeugindustrie ausgebeutet, ihre Anzahl sollte auf 90 000 erhöht werden. Ein Großteil davon rekrutierte sich aus ungarischen Juden, von denen die Industrie 12 000 anforderte, die von der SS ab 27. Juni 1944 "gebündelt" zu je 500 "Stück" "abgegeben" wurden. Für die Verlagerung der Flugzeugindustrie in bomben, sichere unterirdische Stollen und Hallen wurden zunächst 100 000 KZ-Häftlinge eingesetzt. Die bedeutendsten unterirdischen Fabrik, anlagen befanden sich, wie schon erwähnt, im Kohnstein (Mittel, werk GmbH) sowie für die Produktion der Me 262 von Messerschmitt in Kahla und Kammsdorf, für Junkers in Staßfurt, für AGO bei Aschersleben, für Henschel bei Berlin, für Daimler-Benz bei Heidelberg und für BMW bei Markirch./43/

Die Entscheidung zur Produktion der V-Waffen war bereits gefallen, nachdem der Atomphysiker Werner Heisenberg im Frühsommer 1942 vor Speer, Milch und anderen Führern der NSDAP erklärte, dass es aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sei, in kürzerer Frist eine deutsche Atombombe herzustellen. Wegen der immer komplizierter werdenden Kriegslage und der wirtschaftlichen Situation Deutschlands wurde entschieden, dass die Anstrengungen der Wissenschaftler auf den Bau einer "Uranmaschine" zu konzentrieren seien./44/ Der Verzicht der Wehrmachtsführung auf die Weiterarbeit an einer Atomwaffe ersparte den am Uranproblem arbeitenden deutschen Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern eine schwere moralische Entscheidung, vor die sie durch einen Befehl zur Herstellung einer einsatzfähigen Atombombe gestellt worden wären. Am 7.Juli 1943 setzte Hitler das A 4-Programm an die Spitze der Dringlichkeitsstufen des deutschen Rüstungsprogramms. "Apparat 4" nannten die Entwickler simpel die von der Nazipropaganda als "Wunderwaffe" offerierte V 2.

Nach 1942 - nachdem die Wehrmachtsführung das Interesse an der militärischen Nutzung der Atomenergie verloren hatte - wurden in der Gruppe um Heisenberg die Versuche mit dem Kernreaktor fortgesetzt. Dies geschah vor allem aus dem Motiv heraus, wie Heisenberg bekundete, die Forschungsergebnisse für die Zeit nach dem Kriege zu nutzen./45/ Heisenbergs Haltung war also zwiespältig. Er war sich offenbar über das Ausmaß der Gefahr nicht bewusst, als er die Leitung des deutschen "Uranprojektes" übernahm und sich nicht verweigerte. Ihm kam entgegen, dass die Wehrmachtsführung nicht voll den militärischen Wert einer Atombombe ermessen und kalkulieren konnte. Er verstand es, dem Gremium den ungeheuren Entwicklungsaufwand und die Kosten so drastisch zu schildern, dass unter den komplizierten Kriegsbedingungen Abstand von der Arbeit an der Bombe genommen wurde. Heisenberg empfand zwar die Vorstellung, dass Hitler die Atombombe in die Hand bekommen könnte, als grässlich./46/ Aber nicht alle am deutschen Uranprojekt Beteilig, ten dachten so.

Aufzeichnungen von Gesprächen der in englischer Gefangenschaft befindlichen deutschen Atomwissenschaftler/47/ vom 6.August 1945 zufolge äußerten sich die Anwesenden sehr unterschiedlich zu dieser Frage. Während Otto Hahn als einer der Entdecker der Urankernspaltung tief erschüttert von der Nachricht des us-amerikanischen Atombombenabwurfes über Hiroshima war und spontan äußerte: "Damit habe ich nichts zu tun!"/48/, äußerte sich Prof. Walther Gerlach, der seit 1944 im Reichsforschungsrat Bevollmächtigter für Kernphysik des Reichsmarshalls Göring war, bekümmert, dass es Deutschland im Gegensatz zu den USA nicht gelungen sei, die Atombombe herzustellen/49/. Otto Hahn, der selbst nicht am Uran-Projekt des Heereswaffenamtes beteiligt war, bekannte in seiner Autobiographie: "Ich hätte unter allen Umständen abgelehnt, an einer Atombombe mitzuarbeiten."/50/ Walther Gerlach gehörte 1957 zu den Mitunterzeichnern der Göttinger Erklärung, die am 13. April 1957 vom Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen, Prof. Dr. Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, im Namen von 18 deutschen Atomwissenschaftlern veröffentlicht wurde, und in der die Unterzeichner ihre Sorge und ihre Bedenken zu den Plänen einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr zum Ausdruck brachten.

Warum damals Natur- und Technikwissenschaftler das hitlerdeutsche Kernwaffenprojekt überhaupt angingen, versuchte David Irving aus den Gesprächen vom 6. August 1945 folgendermaßen zusammenzufassen: "Abgesehen von ihrer natürlichen Wissbegier und dem Wunsch 'dabei zusein', wenn große Entdeckungen gemacht wurden, gab es noch andere Gründe. Mattauch erklärte es: Wir waren froh, weil es uns die Möglichkeit gab, unsere jungen Männer vor der Einberufung zu schützen und die wissenschaftliche Forschung auf die Weise fortzusetzen, an die wir gewöhnt waren. Und als einer der jungen betroffenen Physiker gab von Weizsäcker an, dass er die Aufträge für militärische Forschungen im Jahr 1939 vom Heereswaffenamt angenommen habe, weil seine anderen Forschungen ihn nicht vom Wehrdienst befreit hätten."/51/

Dieses Erklärungsmuster bleibt jedoch insofern unvollständig, da zumindest die aktiven Parteigänger der NSDAP unter diesen Wissenschaftlern den Willen hatten, dem "Führer" eine "Wunderwaffe" mit bis dahin unbekannter Wirkung für den "Endsieg" in die Hände zu geben. Ihren Beleg findet diese These in der Erklärung Dr. Bagges, die Irving einige Seiten zuvor zitierte. Bagge warf in der Gesprächsrunde von Fram Hall ein: "Ich halte es für wider, sinnig, dass von Weizsäcker erklärt, er habe nicht gewollt, dass die Arbeit Erfolg hat: Das mag für seinen Fall zutreffen, aber nicht für uns alle."/52/ In Kriegszeiten konnten Wissenschaftler und Ingenieure natürlich stets davon überzeugt werden, dass die Sache ihres Landes gerecht sei und dass sie sich daher ohne Gewissensbisse der Verbesserung der Kriegskunst verschreiben könnten. Das war bereits im Ersten Weltkrieg so, und man verhielt sich im Zweiten Weltkrieg nicht anders, zumal es die Nationalsozialisten mit ihrer raffinierten Propaganda und Demagogie immer wieder verstanden, den Krieg als erforderlich und gewinnbar darzustellen. Die Entscheidung zur Teilnahme an der Rüstungsforschung und -entwicklung zur Vervollkommnung der Kriegstechnik wurde dabei den Ingenieuren und Technikern durch die Alternative erleichtert, entweder Gefängnis oder aber einen noch unerfreulicheren direkten Militärdienst in Kauf nehmen zu müssen. Hinzu kam, dass die Wissenschaftler nicht damit zufrieden waren, an materiellen Zerstörungen mitzuwirken, sondern dass sie sich verpflichtet fühlten, Wissenschaftler und Ingenieure sowie Wissenschaft und Technik der Feindesländer zu verunglimpfen. Jedes Quäntchen von wissenschaftlichem Internationalismus war verlorengegangen./53/

Dem deutschen Volk blieb im Gegensatz zum japanischen Volk die grausame Erfahrung mit der Atombombe als Mittel der "Kriegsentscheidung" erspart. Noch während des Zweiten Weltkrieges musste der deutsche Kernreaktor wegen der zunehmenden angloamerikanischen Luftangriffe auf Berlin nach Haigerloch bei Stuttgart umgesetzt werden. Das für den Reaktor benötigte Schwere Wasser versiegte bald, denn am 27. März 1943 gelang es britischen Kommandotrupps und norwegischen Widerstandkämpfern das im von Deutschland okkupierten Norwegen gelegene Kraftwerk Norsk Hydro, das Schweres Wasser für die deutsche Atomforschung herstellte, zu sprengen./54/ Der im württembergischen Haigerloch wiedererrichtete, nie kritisch gewordene deutsche Atomreaktor wurde Mitte April 1945 durch eine us-amerikanische Spezialeinheit demontiert und abtransportiert./55/

Die V-Waffen, sowohl die Flügelbomben vom Typ Fi 103 ("V 1") wie die A 4-Raketen ("V 2"), erzielten - obwohl militärtechnisch bedeutsam - aus einer Reihe von Gründen nicht die erstrebte militärische Wirkung, zumal sie kaum gegen militärische Objekte eingesetzt wurden. Die Fi 103 war eine reine Terrorwaffe, die dazu bestimmt war, Panik und Einsetzen vor allem unter der britischen Zivilbevölkerung zu verbreiten. Nach einer missglückten Generalprobe am 12. Juni 1944 befahl die faschistische Führung am 16. Juni 1944 den Fernbeschuss Londons. 244 Projektile wurden gestartet. Bis zum 22. Juni 1944 waren es 1 000 Stück. Insgesamt wurden bis zum 29. März 1945 10 492 Projektile gegen Ziele in Südengland und gegen London verschossen. Über 3 000 fielen sofort nach dem Start durch technische Mängel aus. Von den übrigen 7 488 wurden 1 847 von britischen Jagdflugzeugen, 1 878 von Flakartillerie und 232 von Ballonsperren abgefangen. 2 419 fielen auf London, der Rest auf Südengland. Insgesamt wurden von den Flugkörpern 6 363 Engländer getötet und 17 981 verletzt. Dank der wirksamen britischen Luftverteidigung, die sich mit großem Erfolg rasch auf die Abwehr dieser Waffe einstellte, sowie durch ein ausgedehntes Warnsystem blieben die Auswirkungen dieser Angriffe begrenzt. Ab Ende 1944 wurden auch Antwerpen (8 696 Stück) und Lüttich (3 141 Stück) beschossen./56/

Mit der A 4, der sogenannten V 2, die vom Heereswaffenamt unter Leitung von Walter Dornberger und Wernher von Braun in Peenemünde entwickelt worden war und dann im Kohnstein und in anderen Betrieben produziert wurde, besaß die Wehrmacht eine Waffe, gegen die es 1944/45 noch keine Abwehr gab. Von diesen blind wirkenden ballistischen Raketengeschossen, die wahl- und nahezu lautlos ihre Opfer heimsuchten, wurden vom 8. September bis 13.Oktober 1944 21 auf Paris gezielt, von denen 19 ihr Ziel erreichten, 1 403 richteten sich gegen London und Südengland, von denen zwischen dem 8. September 1944 und 27. März 1945 1 054 einschlugen, und 2 050 gegen Antwerpen, Brüssel und Lüttich, die ab 13. Oktober 1944 in das Terrorbombardement einbezogen wurden.

Bis zum 5. April 1945 gingen 1 675 Raketen in Belgien nieder. Von 3 474 Projektilen erreichten nur 2 748 das Zielgebiet. Jede fünfte Rakete fiel aus. Weitere 10 bis 12 Prozent aller V 2- Raketen mussten bereits vor dem Abschuss wegen technischer Mängel an die Mittelwerk GmbH im Kohnstein zurückgegeben werden. Fast ein Drittel dieser Raketen fiel demnach für den vor allem gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Einsatz aus./57/ Wie hoch dabei der Anteil zu bemessen ist, den Häftlinge trotz strengster Überwachung durch Sabotage und anderen Formen des Widerstandes an diesen hohen Ausfallquote hatten, wurde jüngst in der Veröffentlichung, auf die schon Bezug genommen wurde, von den Historikern Erhard Pachaly und Kurt Pelny untersucht./58/ Vielen Belgiern und Engländern rettete der Widerstand der Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora das Leben. War die Anwendung der V-Waffen zwar nicht mehr von kriegsentscheidender Bedeutung, so wurde sie doch von den Engländern zum Anlass genommen, um die Luftkriegsführung gegen das Hinterland Hitlerdeutschlands zu verschärfen.

Die militärischen Entwicklungen deutscher Wissenschaftler und Konstrukteure auf anderen militärtechnischen Gebieten - z. B. bei Luftwaffe und Marine sowie in der Elektronik - beeinflussten trotz beachtenswerter Ergebnisse den Kriegsverlauf nicht mehr./59/ Im Juli 1944 waren noch 14600 Mann in der Rüstungsforschung dienst, verpflichtet und deshalb vom Fronteinsatz befreit./60/ Die Versuche, in letzter Minute mit Hilfe eines massiven Kriegseinsatzes von Wissenschaft und Technik das Blatt zu wenden, blieben selbst in der Führerschaft der NSDAP umstritten und letztlich aussichtslos.

Auf kriegstechnischem Gebiet gewannen die Verbündeten der Antihitlerkoalition eine erdrückende Überlegenheit. Beispiels, weise konnte die konsequente Entwicklung des Radars in Großbritannien, die sich auf Forschungen von Watson-Watt gründete, breit, gefächert eingesetzt, einen erheblichen Teil des Aggressionspotentials der faschistischen Luftwaffe und U-Bootflotte lahm legen. In Deutschland waren entsprechende Arbeiten, unter anderem von Manfred von Ardenne, nicht beachtet worden./61/

Selbst Ansätze, im letzten Aufgebot die Rüstungskooperation unter eine maßgebliche Verantwortung der Ingenieure zu stellen, waren nichts weiter als ein hoffnungsloser technokratischer Versuch, den Untergang des Dritten Reiches aufzuhalten. So forderte der Leiter des nationalsozialistischen Hauptamtes für Technik und Reichswalter des NS-Bundes Deutscher Technik (NSBDT), Reichsminister Albert Speer, in einem Appell zum Jahresbeginn 1944 die "Männer der Technik" auf, "Schulter an Schulter mit dem bewährten Rüstungsarbeiter ... die befohlenen Ziele durch äußerste Pflichterfüllung" für das kommende Jahr zu erreichen, um die "entscheidende Probe" für die "unbesiegbare Front und den Führer zu bestehen"./62/

Am 9. Juni 1944 verkündete Speer vor Industriellen ein straf, fes Reglement. Zukünftig sollten 21 Hauptausschüsse die Endfertigung der Rüstung verantworten und 12 Ringe, die die hierzu notwendigen Zulieferungen zu gewährleisten hatten, umfassend die wichtigste Rüstungs- und Kriegsproduktion steuern. Dieser Organisationsmechanismus konnte sich - nach Speers Angaben - auf die "ehrenamtliche" Mitarbeit von etwa 6000 Technikern und Ingenieuren aus den Rüstungsbetrieben gründen. Ihnen wurde im Interesse der deutschen Kriegsführung u. a. der "bedingungslose Erfahrungsaustausch ohne Rücksicht auf Schutzrechte" abgefordert./63/

Der Verein Deutscher Ingenieure, der zum Beginn des 6. Kriegsjahres erneut "auf die Aufgabe, die die Kriegslage fordert", ausgerichtet wurde, unterstützte diesen Kurs bedingungslos. Er erfasste - wie es VDI-Vorsitzender Hanns Benkert, zugleich Vorstandsmitglied der Siemens-Schuckertwerke AG, ausdrückte - mit 60000 Mitgliedern (vgl. Tabelle 3) "eine ganze Armee von Ingenieuren", die den Auftrag hatte, "neben den Ringen und Ausschüssen des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion in die Breite zu gehen."/64/

Tabelle 3: Mitglieder des Vereins Deutscher Ingenieure 1930 - 1944

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Während so den Ingenieuren und Technikern scheinbar "höchste Verantwortung" für den Ausgang des Krieges übertragen wurde, trafen einen Monat nach der Rede Speers vor den Industriellen namhafte Beamte und Militärs des nationalsozialistischen Staatsapparates mit führenden Vertretern der Industrie im Strasbourger Hotel "Rotes Haus" zusammen, um zu beraten, wie man das militärwissenschaftliche und rüstungstechnische Potential der deutschen Industrie und, in enger Verbindung damit, Führungskräfte der NSDAP über den drohenden Zusammenbruch hinwegretten könne.

Aus einem Agentenbericht jener Zeit an das US State Department ist zu entnehmen, dass am 10. August 1944 in dem genannten Strasbourger Hotel zwei Sitzungen stattfanden./66/ In der zweiten Sitzung, die von Dr. Bosse vom Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion geleitet wurde und an der nur ein enger Kreis von Eingeweihten, nämlich Vertreter von Heco, Krupp und Röchling teilnahmen, wurde zum Ausdruck gebracht, dass der Krieg praktisch verloren sei. Er müsse aber so lange fortgesetzt werden, bis eine Garantie der Einheit Deutschlands erlangt werde. Es sei erforderlich, dass die großen Werke in Deutschland kleine technische Dienststellen und Büros aufbauen, die völlig unabhängig erscheinen und in keiner ersichtlichen Beziehung zu den Werken stehen. Diese Büros sollten Pläne und Pausen von neuesten Waffen erhalten, ebenfalls alle Unterlagen, die sie benötigen, um ihre Forschungen fortzusetzen. Weiterhin plante man, diese Büros in großen Städten zu errichten, wo sie leicht verborgen werden könnten, oder in kleinen Städten in der Nähe von Elektrizitätswerken, wo vorgegeben würden, sie beschäftigten sich mit der Ausnutzung von Wärmeenergie. Die Existenz dieser Büros sollte nur einem engen Kreis von Industriellen und Führungskräften der NSDAP bekannt sein.

Man rechnete damit, dass nach dem Zusammenbruch die höchsten Führer der NSDAP als Kriegsverbrecher verurteilt würden. Dennoch sollten eine Reihe weniger bekannte, aber vertraute Mitglieder der NSDAP in Zusammenarbeit mit den Industriellen als technische Spezialisten oder als Angehörige von Forschungs- und Entwicklungsbüros in verschiedenen Fabriken Deutschlands untergebracht werden, um sie zu gegebener Zeit wieder in politische und wirtschaftsleitende Ämter bringen zu können./67/ Tatsächlich tauch, ten nach 1945 zahlreiche "Beauftragte" verschiedener Konzerne auf, um eine politische Karriere in neu gebildeten demokratischen Parteien zu starten.

So wandte sich beispielsweise der Siemens-Oberingenieur Georg Mierwald aus Werdau in Sachsen im Juli 1945 mit dem Wunsch an die Berliner Zentrale der LDPD, eine demokratisch-liberale Volkspartei auf Ortsebene zu bilden. In einem Organisationsbericht der LDPD des Landesverbandes Sachsen hieß es dazu: "Zwickau ... bittet dafür zu sorgen, dass nicht von Berlin aus - wie in letzter Zeit mehrfach geschehen - Bescheinigungen zur Gründung von Ortsgruppen ausgestellt werden, die sich hinterher als ausgesprochene Fehlgriffe erweisen. So wurde für Werdau ein Oberingenieur Mierwald von Siemens eingesetzt, der jetzt als Gestapo-Agent und Nazi-Spitzel verhaftet worden ist."/68/

Ein anderer "Beauftragter" war Carl-Hubert Schwennicke. Er studierte 1926 bis 1931 Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaften in Berlin. Seit 1933 war er bei der Siemens & Halske AG als Sachbearbeiter für Personalwesen sowie als Direktionsassistent und seit 1936 als Referatsleiter tätig. Unter dem Wehrwirtschaftsführer und Direktor von Witzleben wurde er schließlich 1942 als handlungsbevollmächtigter Leiter des Angestelltenreferates bei der Siemens & Halske AG und den Siemens-Schuckert- Werken AG eingesetzt. Am 6. August 1946 gelang es ihm, sich an die Spitze des Landesverbandes der Berliner LDPD zu setzen, nachdem er zuvor bereits Stellvertreter des Vorsitzenden im Landesverband war./69/

Zusammenfassend kann man feststellen, dass während des Krieges von den meisten Ingenieuren und Techniker die Aufgaben erfüllt wurden, die Ihnen das Regime im Rüstungsbereich und der Wehrforschung zuordnete. Manche von ihnen waren sogar in politikwirksamen wissenschaftlich-technischen Gremien tätig und halfen direkt, die Eroberungspolitik Hitlerdeutschlands mit ihrem spezifischen Wissen und Können zu stützen. Allerdings lassen sich auch in diesem Falle keine pauschalen Schlüsse ziehen. Das Maß der moralischen Schuld oder Mitschuld lässt sich dort, wo es nicht von strafrechtlicher Relevanz war, nur schwer bestimmen.

Um die Wehrmacht mit hochmoderner Kampftechnik auszurüsten, tolerierten oder billigten manche einflussreichen Rüstungsfachleute alle Mittel, mit denen dieses Ziel erreicht werden konnte. Wernher von Braun wusste z. B. um die Lebensbedingungen im KZ Mittelbau Dora, wo Häftlinge die von ihm und seinem Entwicklerstab konstruierten V-Waffen produzierten, ohne dass er seinen Einfluss gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen für die KZ- Häftlinge und gegen die Züchtigungsmethoden, die die SS praktizierte, geltend machte.

Für viele Ingenieure und Wissenschaftler war es dagegen schwierig, sich einer Verantwortung gegen ein verbrecherisches System bewusst zu werden, das sie in ihrer Mehrheit zu jener Zeit selbst nicht voll durchschauten bzw. dem sie ideologisch verfallen waren. Manch einer, der sich vor den Konflikt zwischen Ethik und Pragmatismus oder Anpassung gestellt sah, entschied sich im Interesse des eigenen Überlebens zugunsten eines pragmatischen Handelns. Die moralische Verantwortlichkeit wurde in diesem Falle auf die Politiker abgeschoben. Unter der Schutzbehauptung eines angeblich unpolitischen Wissenschaftlers und Technikers konnte man mit einem ruhigerem Gewissen leben. Auf Grund des Verlaufes und Ausganges des Krieges fühlten sich jedoch einige Ingenieure und Wissenschaftler verpflichtet, ihre Verantwortung zu über, denken und Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Andere wiederum wollten unbehelligt bleiben, wiesen jede politische und ethische Verantwortung für das Geschehene von sich. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand bei ihnen nicht statt. Manch einer nutze sich bietende Gelegenheiten, um in unverdächtiger Stellung als technischer Berater zu fungieren oder Arbeitsangebote im Ausland wahrzunehmen.

1.3. Ingenieure und Technikwissenschaftler wider den Krieg

Über Kriegsgegnerschaft und Widerstand von Technikern, Ingenieuren sowie von Natur- und Technikwissenschaftlern während der Zeit des Faschismus gibt es bislang keine geschlossene Überblicksdarstellung. Dies hängt u. a. mit dem Defizit der DDR- Historiographie bei der Erforschung der Mittelschichten als soziale Körper in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen./70/ Eine weitgehende Erforschung dieser Seite der gesellschaftlichen Wirksamkeit bleibt jedoch für das historische Selbstverständnis der technischen Intelligenz von Belang, zumal das Wirken für die Beendigung des Krieges und ein vorbehaltloses Friedensengagement in jener Zeit mehr und mehr zum wesentlichen Inhalt des Antifaschismus wurde. Da der Widerstandskampf gegen Faschismus und Krieg sehr vielfältig motiviert war und zudem nicht vorrangig sozialstrukturell determiniert wird, lässt es sich ermessen, wo die Klippen bei der Erforschung dieses Gegenstandes liegen. Anderseits gibt es vor allem von Wissenschaftshistorikern der DDR Untersuchungen auf diesem Gebiet./71/

Dabei scheint es sich zu bestätigen, dass es unter mit elitärem Selbstverständnis behafteten Mitgliedern der etablierten technisch-wissenschaftlichen Vereine weniger aktive Antifaschisten als unter den einstigen Gewerkschaftsmitgliedern des Butab gab. Die widerspruchs- und widerstandslos hingenommene Gleichschaltung der Vereine mag nur ein Beleg dafür sein. Dagegen lassen sich unter den gewerkschaftlich organisierten Technikern und Ingenieuren, die schon in der Zeit der Weimarer Republik antifaschistisch gesinnt waren, jene Persönlichkeiten finden, die durch Solidarität mit Verfolgten und Gleichgesinnten sowie mit konspirativen Mitteln und Sabotage gegen Faschismus und Krieg aktiv wurden.

Ende der 20er Jahre gelang es beispielsweise den Ingenieuren Max Günther (SPD) und Fritz Rossignol (KPD) im Berlin-Brandenburgischen Bund der technischen Angestellten und Beamten zwischen sozialdemokratisch und kommunistisch orientierten Ingenieuren und Technikern eine antifaschistische Einheitsfront zu bilden. Die von Rossignol organisierte kommunistische Gruppe im Butab zählte 1928 in Berlin 120 Mitglieder. Als sich Rossignol gegen eine von der KPD geforderte Abspaltung dieser Gruppe und deren Aufnahme in die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) aussprach und im Interesse der Gewerkschaftseinheit an der Mitarbeit im Butab festhielt, wurde er von linkssektiererischen Kräften der KPD 1929 aus der Partei ausgeschlossen./72/

Nach dem Verbot des Butab wurden Max Günther und Fritz Rossignol mehrfach von den Nazis verhaftet. Sie beteiligten sich trotzdem immer wieder an verschiedenen Widerstandsaktionen. In der illegalen Arbeit hielten die erprobten Gewerkschaftsfunktionäre zusammen, die als Ingenieure und leitende Angestellte oft in recht wichtigen Funktionen der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet waren. Die Gruppe verteilte antifaschistisches Druckmaterial, das zum Teil durch den Inhaber der Deutschen Getriebe G. m. b. H. Mylius aus dem Ausland beschafft wurde und half Angehörigen von verhafteten Antifaschisten und rassistisch Verfolgten. Sie gewährte Fluchthilfe und verbarg zum Tode verurteilte Häftlinge. Ohne die in der Weimarer Zeit in Gemeinschaft und Vertrauen geknüpften Kontakte wäre diese Form des antifaschistischen Engagements unter den Bedingungen der Illegalität kaum realisierbar gewesen.

Anfang 1943 trat der religiöse Sozialist Bernhard Göring an Max Günther heran. Göring war einst Sekretär des Gewerkschaftsführers der Angestellten Siegfried Auffhäuser und hatte nun in Berlin unter den Gewerkschaftern eine zentrale Widerstandsgruppe gebildet. Die Aktionen, die diese Gruppe unternahm, wurden mit dem früheren Vorsitzenden des AfA-Bundes Siegfried Auffhäuser, der ins Ausland emigrieren musste, abgestimmt. So besaß Bernhard Göring zuverlässige Informationen über die Putschvorbereitung gegen Hitler. Er bat Günther, an diesen Aktionen mitzuwirken. Günther erklärte sich bereit und bezog dabei die noch aktiven Butab-Leute und den kommunistisch orientierten Kreis um Rossignol ein. Günther berichtete darüber in der Deutschen Volkszeitung vom 20.Juli1945: "Obwohl ich Bedenken bezüglich der Pläne der höheren Militärs hatte ..., gab ich die gewünschte Zusage, denn es erschien mir ... wichtiger, eine Aktion zum Sturze Hitlers, gleichgültig von welcher Seite sie komme, zu unterstützen."/73/

Günther unterrichtete die kleine Gruppe Berliner Funktionäre des verbotenen Butab und den ehemaligen Vorsitzenden der Fachgruppe Metallindustrie. Rossignol informierte die illegal arbeitende Ingenieur-Gruppe der KPD. Der ebenfalls mit ihnen in Verbindung stehende Direktor der Leipziger Köllmann-Werke Dr. Wolf, gang Heinze benachrichtigte einen anderen Kreis Berliner und Leipziger Intellektueller. Anfang Juli 1944 erhielt Günther von Bernhard Göring die Information, dass die Aktion gegen Hitler unmittelbar bevorstehe. Alle Eingeweihten wurden daraufhin in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Sie kamen jedoch nicht zum Zuge, da das Attentat gegen Hitler bekanntlich scheiterte./74/

Insgesamt bleibt jedoch festzustellen, dass nur wenige Vertreter der wissenschaftlich-technischen Intelligenz als konsequente Hitlergegner auftraten. Die Mehrheit der Ingenieure und Wissenschaftler passte sich dem System an oder resignierte vor wachsender Gewaltherrschaft und Rechtlosigkeit. Dass sich diese soziale Gruppe im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen jedoch besonders passiv oder reaktionär verhalten hatte, ist nicht belegt. Viele Intellektuelle unterschätzten in den ersten Jahren nach 1933 noch die Stabilität der Diktatur und den möglichen Spielraum des geistigen Widerstandes. Bald mussten sie aber erkennen, dass offen bekundeter Antifaschismus in jenen Jahren lebensgefährlich werden konnte. Manche sahen in der inneren Emigration die einzige Möglichkeit des Auflehnens gegen das totalitäre Terrorregime.

Im Ausland konnten deutsche Emigranten mit anderen Mitteln gegen Krieg und Faschismus vorgehen. Das umstrittenste Beispiel hierfür ist wohl die direkte oder vermittelnde Mitwirkung aus Deutschland vertriebener Wissenschaftler und Ingenieure am Bau der amerikanischen Atombombe. Vor allem die Sorge, dass die deutsche Wehrmacht zuerst diese Massenvernichtungswaffe in die Hände bekommen könnte, um sie kriegsentscheidend einzusetzen, motivierte die Beteiligten am Manhattan-Projekt.

Die im Lande verbliebenen Antifaschisten mussten sich den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen zumindest soweit anpassen, dass sie sich nicht vorsätzlich den Gefahren von Verrat und Denunziation aussetzten. Dies war nicht leicht, wenn sie trotzdem ihren humanistischen Idealen treu bleiben und etwas gegen den Krieg unternehmen wollten. Und sie konnten sich aus dem System nicht herauslösen, wollten aber ihre Menschenwürde bewahren. Obwohl viele Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler und Architekten wussten, wofür sie arbeiteten, konnten sie sich aus existenziellen Gründen nicht verweigern. Auf die Vielschichtigkeit dieses Problems macht z. B. der Architekt Hermann Henselmann in seinem autobiographischen Buch "Drei Reisen nach Berlin" aufmerksam: "Ich musste, obwohl Antifaschist, dennoch für die Faschisten bauen. Ich half beim Bau von Werken zur Erzeugung von synthetischem Benzin in Ruhland und Zeitz. Sie wurden Produktionsanlagen auf der Grundlage damaliger Spitzenleistungen von Wissenschaft und Technik. An ihnen waren die führenden deutschen Baukonzerne ebenso beteiligt wie die AEG, Junkers und die IG Farben. Ich arbeite mit etwa zehn Kollegen im Entwurfsbüro und in engem Zusammenwirken mit allen Spezialisten. Wir waren nicht dumm genug, um nicht zu wissen, dass diese Anlagen der Kriegsvorbereitung dienten. Wir sollten Mitmacher, aber nicht Mitwisser sein. Selbst unser Chef Werner Issel, ein bedeutender Industriebauer, der zum Beispiel das Großkraftwerk Klingenberg in Berlin als Architekt geschaffen hatte, war alles andere als ein Nazi und kannte meine Einstellung, obwohl oder gerade weil sein Sohn ein äußerst engagierter SS-Mann war. Hin und wieder versuchte ich mich diesem Teufelskreis zu entziehen. Ich arbeitete eine Zeit, lang für Berliner Wohnungsbaugenossenschaften..."/75/

Mancherorts führte die Auflehnung gegen Faschismus und Krieg politisch und weltanschaulich unterschiedlich orientierte Menschen zusammen, wie in den Darlegungen weiter oben bereits gezeigt wurde. Als weiteres Beispiel sei hier auf die von dem Ingenieur Robert Uhrig geleitete Berliner Widerstandsorganisation verwiesen. Diese Berliner Gebietsorganisation, die sich vor dem Krieg gebildet hatte, knüpfte Verbindungen zu verschiedenen Widerstandsgruppen, deren parteipolitische und soziale Zusammensetzung nicht homogen war. Robert Uhrig wirkte mit Arbeitern, Handwerkern, Angestellten, Ärzten, Künstlern, Wissenschaftlern sowie Vertretern der technischen Intelligenz zusammen. So hatte er z. B. Kontakt zu einer Gruppe von Ingenieuren und Technikern der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik AG. Eine weitere Beziehung der Uhrig-Gruppe gab es zu dem bei der C. Lorenz AG in Berlin Tempelhof tätigen Mathematiker Dr. Josef Naas./76/

Naas hatte während des Krieges einige parteilose Intellektuellen um sich gesammelt, zu denen u. a. Dr. Karl Deutsch, Physiker bei der AEG, und Dr. Alfons Kauffeldt, Angestellter bei der Firma Telefunken, gehörten. Letzterer hielt die Verbindung zu Robert Uhrig aufrecht. In maßgeblichen Stellungen und mit vielfältigen Einblicken in die Rüstungsindustrie Hitlerdeutschlands konnten diese antifaschistischen Intellektuellen Informationen über die Produktion, die Rohstofflage, die Stimmung unter den Angestellten und aus Kreisen führender Wirtschaftsfunktionäre zusammentragen, die für die mündliche und schriftliche Aufklärung im Widerstand genutzt wurden./77/

Bedenkt man, dass ein hohes Maß der Rüstungsproduktion durch die "Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte" der Konzentrationslager und durch Kriegsgefangene geleistet wurde, so verdienen die Widerstandsaktionen unter den Häftlingen besondere Beachtung. Die Front zog immer mehr Arbeitskräfte aus dem Lande ab. Und nachdem die Blitzkriegsstrategie gescheitert war, fehlten immer mehr Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Munition. Der Riesenkonzern IG Farben erkannte als einer der ersten den profitbringenden Wert der Häftlingsarbeitskraft bei einem Einsatz in den konzerneigenen Betrieben. Andere Unternehmen folgten und griffen diese Erfahrung schnell auf. Der Einsatz von KZ-Häftlingen in der unmittelbaren Rüstungsproduktion begann 1942, wurde 1943 gesteigert und brach bis zum Ende des Krieges nicht ab. Verantwortlich für den Häftlingseinsatz war die SS./78/ Selbst zu qualifizierteren Arbeiten setzte man Häftlinge ein. Dies geschah z. B. in der Mittelwerk GmbH im Kohnstein, die u. a. die A 4-Rakete entwickelte und produzierte. Speer notierte unter dem 30. September/1. Oktober 1943 im "Führerhauptquartier": "... Die Abgabe von technischen Führungskräften aus den Gefängnissen für die A 4 KZ Lager hält der Führer für durchaus richtig. Es soll dieser Weg weiter verfolgt werden."/79/ In allen Bereichen und Abteilungen des Mittelwerkes - wie Montage, elektrische Geräte, Zellenbau, Presserei, Oberflächenschutz und Maschinenfertigung - wurden die Arbeiten unmittelbar an den Raketen fast nur von Häftlingen ausgeführt. In den Abteilungen Werkserhaltung, Lager, wesen, Magazine und Transport arbeiteten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ebenfalls ausschließlich Häftlinge. Die Häftlinge arbeiteten an modernsten technischen Anlagen. Deshalb traf die Werksleitung besondere Maßnahmen hinsichtlich des zu erwartenden Widerstandes der Häftlinge.

Trotzdem konnte im KZ-Mittelbau Dora eine internationale Widerstandsorganisation unter Leitung des ehemaligen kommunistischen Abgeordneten des preußischen Landtages Albert Kuntz wirksam werden. Kuntz stützte sich in seiner Arbeit auf den Jagdflieger Oberleutnant Jelewoi aus Odessa, der unter dem Namen Semjon Grinko im Lager lebte. Die französische Organisation vertrat Paul Blassy, die polnische Janko Pobureny und Zbysek Dubinski. Eine Hauptaufgabe des Widerstandes war die Sabotage. Elektroingenieure und Schwachstromtechniker wurden sofort von der Widerstandsgruppe erfasst. Sie erhielten einen Arbeitsplatz bei der Montage der Steuervorrichtung am Ende des Torpedos und hatten die Anweisung, die Produktion mit allen Mitteln zu verlangsamen bzw. so zu stören, das kein Verdacht aufkommen konnte. Die Sabotageakte an den V-Geschossen durften keinem Zufall überlassen werden, wenn sie wirksam sein sollten, ohne dass die Beteiligten von der SS ermittelt und hingerichtet werden konnten. So wurde erst nach der Kontrolle der Waffen die Spannung in den Kreisen der Empfangsapparate verändert, die Leitungen der Energieversorgung beschädigt und ähnliches. Als von Peenemünde und Bleißen (einer anderen Raketenfabrik) alarmierende Gerüchte und später scharfe Beschwer, den über den ständig zunehmenden Ausschuss eintrafen, wurde das KZ Mittelbau-Dora mit Spitzeln und Agenten durchsetzt. Dennoch gab die Widerstandsorganisation den ungleichen Kampf nicht auf. Die Sabotage an der V 1 leitete der Franzose Caruana. Bei der Schlussmontage weiterte er unauffällig die Mündung der Einspritzdüse, so dass die Reichweite der fliegenden Bombe unberechenbar wurde. Sowjetische Kriegsgefangene leisteten Sabotage an der V 2. Beim Montieren der Rakete veränderten sie kaum merklich den Neigungswinkel der Schwanzflügel, was die Treffsicherheit der Rakete verringerte.

Im Sommer 1944 kam der technischen Verwaltung des Mittelwerkes unter den Direktoren Rickhey, Sawatzki und Rudolph der Verdacht, dass die Beschwerden aus Bleißen und Peenemünde über Fehler, Mängel und Ausfälle der zugelieferten Waffen ihre Ursache in Sabotageaktionen haben könnten. Darauf wurde der Spitzeleinsatz unter den Häftlingen intensiviert. Im November 1944 gelang der SS schließlich der Einbruch in die illegale Widerstandsorganisation. Verhaftungen, Verhöre, Misshandlungen folgten. In der Nacht vom 22. zum 23. Januar 1945 wurde der Leiter der Widerstandsgruppe Albert Kuntz ermordet./80/

Es lassen sich hier nur einige Beispiele für Formen des Widerstandes gegen Faschismus und Krieg in Deutschland zeigen. Es wird jedoch deutlich, dass Ingeneure und Techniker ebenfalls an dieser gefährlichen und illegalen Front standen, weil sie ein anderes Verständnis von Nationalpatriotismus hatten, als die Masse der Vertreter der technischen Intelligenz, die über den technischen Ablauf der Rüstungsproduktion wachten bzw. an der Entwicklung, Konstruktion und Produktion der Waffen beteiligt waren, ohne dabei zu erkennen, in welche Richtung diese Entwicklung führen musste.

Ein anderes Verständnis von Nationalpatriotismus hatte auch Fritz Georg Houtermans. Mit für einen Außenstehende nichtssagendem Telegramm leitete er Informationen an einen Hauptgegner Hitlerdeutschlands weiter, die wahrscheinlich einen unmittelbaren Einfluss auf die Beschleunigung des us-amerikanisch-britische Atomprojektes hatte. Die Hintergründe und Zusammenhänge der Houtermans-Botschaft klärte der Wissenschaftshistoriker Friedrich Herneck auf und publizierte sie 1976./81/

Fritz Georg Houtermans war Physiker. Er promovierte 1927 bei James Franck in Göttingen. Nach seiner Promotion arbeitete er mehrere Jahre als Oberassistent von Gustav Hertz am Physikalischen Institut der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, wo er sich 1932 habilitierte. Nach dem 30. Januar 1933 emigrierte Houtermans über England in die Sowjetunion. Von 1935 bis 1937 leitete er in Charkow ein Labor am Ukrainischen Physikalisch-Technischen Institut. In dieser Zeit publizierte er u. a. gemeinsam mit dem sowjetischen Kernphysiker I. W. Kurtschatow über Probleme der Neutronenphysik.

In den Jahren 1936 - 1938, als Stalin politische Schauprozesse gegen einstig Mitkämpfer Lenins und angebliche ausländische Agenten inszenieren ließ, wurde Houtermans unter falschen Anschuldigungen verhaftet und in eine der Gefängniszellen Berijas geworfen. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Freundschafts- und Grenzvertrages vom 28.September 1939 wurde Houtermans nach Deutschland ausgewiesen. Hier fiel er der Gestapo in die Hände und wurde erneut eingesperrt. Dank der Bemühungen namhafter Fachkollegen wurde er nach drei Monaten freigelassen, durfte aber nicht in staatlichen Instituten arbeiten. Auf Vermittlung von Max von Laue fand Houtermans am 1. Januar 1941 eine Anstellung im Privatlaboratorium bei Manfred von Ardenne in Berlin-Lichterfelde, wo er den "Plutonium-Weg" zur Gewinnung von nuklearen Sprengstoffen theoretisch erforschte. Im August 1941 verfasste er einen 39seitigen Geheimbericht "Zur Frage der Auslösung von Kern- Kettenreaktionen", in dem er die Spaltbarkeit und Perspektive des Plutoniums voraussagte./82/

Houtermans war vom Stand der deutschen kernphysikalischen Forschungen unterrichtet und schickte über den Umweg aus der Schweiz an den aus Deutschland vertriebenen Physiker Eugene Paul Wigner, der an der amerikanischen Atomwaffenproduktion unmittel, bar beteiligt war, die telegrafische Nachricht: "Beeilt Euch! Wir sind nahe daran."/83/ Diese bestimmte Nachricht bestärkte Wigner Ende 1942 in der Annahme, dass die deutsche Atombombe spätestens im Dezember 1944 einsatzbereit sein würde. Houtermans, über, schätzte allerdings ebenso wie die amerikanische Aufklärung die tatsächlichen Möglichkeiten zur kriegstechnischen Nutzung der Kernenergie in Hitlerdeutschland.

Der illegale aktive Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime war für die Beteiligten stets ein Handeln unter Lebensgefahr. Auf "Hochverrat" stand die Todesstrafe. Es blieb der Gestapo z. B. nicht verborgen, dass die Uhrig-Gruppe rüstungstechnische Angaben an die Sowjetunion weiterleitete. Beispiels, weise übergab der seit 1938 eng mit Robert Uhrig zusammenarbeitende Sozialdemokrat Leopold Tomschik der Gruppe im Frühjahr 1941 technische Unterlagen aus den BMW-Flugzeugmotorenwerken, die über die Verbesserung und Leistungssteigerung verschiedener Motortypen Auskunft gaben. Tomschik arbeitete als Ingenieur seit Mitte der zwanziger Jahre bei verschiedenen Berliner Firmen. Für seine fachliche Arbeit erhielt er durchweg gute Zeugnisse. Dank seiner beruflichen Qualifikation wurde er 1939 als Konstrukteur im BMW Flugmotorenwerk Brandenburg in Spandau dienstverpflichtet. Zu, nächst konstruierte er Motorenteile bis zur werkstattreifen Zeichnung. Später war er direkt an der Motorenerprobung beteiligt. Er bereitete Versuche im Flugbetrieb vor, führte sie durch und wertete sie aus.

Leopold Tomschik arbeite selbst in der Leitung der Uhrig- Gruppe mit und organisierte obendrein in dem Spandauer Flugmotorenwerk eine antifaschistische Betriebsgruppe. Am 4.Februar 1942 wurde Leopold Tomschik im Zusammenhang mit der Festnahme anderer Mitglieder der Uhrig-Gruppe verhaftet und ins Zuchthaus Brandenburg-Görden verschleppt. Hier ging der 41jährige Ingenieur in der Nacht zum 21. August 1944 - an diesem Tag sollte er hingerichtet werden - in den Freitod./84/

Ingenieure in Verantwortung für die technischen Prozesse waren bei Ausfällen und Havarien in der Rüstungsproduktion zu allererst den Verdächtigungen auf Sabotage und Wehrkraftzersetzung aus, gesetzt. Obwohl die Zahl jener, die den Mut und das politische Verständnis für diese Art von Widerstand aufbrachten, im Vergleich zu denen, die blind dem Führer ins Unglück folgten, gering war, brachten die wenigen mancherorts die Rüstungsmaschinerie ins Stocken. In der Leipziger Hugo Schneider AG (Husag) machten Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter Zünder von Panzerfäusten sowie Minen unbrauchbar. Sie schweißten Lafetten von Flakgeschützen unvorschriftsmäßig. Nachdem ein Be, triebsteil der Köllmann-Werke aus Leipzig nach Hartha verlagert worden war, veranlasste sein Direktor Wolfgang Heinze, die im März 1944 aufgenommene Fertigung von Panzergetrieben weiterzuführen, obwohl diese wegen Typenänderung eigentlich eingestellt werden musste. Es wurden hier also nicht weiterverwendbare Getriebe her, gestellt. Wolfgang Heinze fiel der Verhaftungswelle nach dem 20.Juli 1944 zum Opfer. Am 12. Januar 1945 wurde er hinge, richtet./85/

Viele Widerstandskämpfer mussten in den Tod gehen, weil sie mit ihren beherzten Aktionen für eine schnelle Beendigung des Krieges wirken wollten, um das Leben Tausender zu retten. Die Mordbilanz des Zuchthauses Brandenburg ist ein Beleg dafür. So wurden vom 22. August 1940 bis zum 20. April 1945 in Brandenburg 2042 Menschen hingerichtet. 1807 davon aus politischen Gründen. Von diesen 1807 Opfern wurden 498 wegen Hochverrats, 538 wegen Wehrkraftzersetzung, 654 wegen Kriegsdienstverweigerung, ideellen Landesverrats, Feindbegünstigung und 97 auf Grund faschistischer Ausnahmegesetze zum Tode verurteilt. 363, d. h. etwa 20 Prozent der 1807 Mordopfer waren Ingenieure und Techniker./86/

Tabelle 4: Politischen Morde im Zuchthaus Brandenburg (22. 8. 1940 - 20. 4. 1945)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

/87/

Zu den in der Untersuchungshaft der Polizeigefängnisse, auf den Richtstätten der Zuchthäuser und in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches zu Tode Gemarterten, Erschlagenen und Hinge, richteten gehörten der Chemiker Ernst Fürstenberg, der Architekt Erich Gloeden, Dr. Ing. Paul Hatschek, der Direktor Wolfgang Heinze, der Architekt Herbert Richter-Luckau, der Ing. Dr. Alfred Mehlhemmer, der Ingenieur Leopold Tomschik und Robert Uhrig.

Die Zahl der Wissenschaftler und Techniker, die bewusst und organisiert gegen Faschismus und Krieg auftraten, reichte nicht aus, um ernsthaft den Missbrauch von Wissenschaft und Technik während des Krieges zu verhindern. Manches Leben wurde aber gerettet, da einige Terrorwaffen unbrauchbar gemacht werden konnten oder die Produktion von Waffen und Munition verzögert wurde. Diejenigen Antifaschisten, die überlebten, waren durch ihren Widerstand gegen die Nazibarbarei dazu legitimiert, in die erste Reihe derer zu treten, die sich nach dem Sieg der Antihitlerkoalition über den Faschismus für die umfassende Wahrnehmung der dem deutschen Volk gebotenen Chance zur Errichtung einer dauerhaften Friedensordnung einzusetzen. Zu Ihnen gehörten in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone u. a. Bernhard Göring, Max Günther, Robert Havemann, Hermann Henselmann, Hermann Ley, Jonny Löhr, Josef Naas, Robert Rompe, Fritz Rossignol, Hugo Schrade und Klaus Zweilling. Auch in den westlichen Besatzungszonen gab es diese Kräfte, die aktiv in das politische Leben eingriffen. Durchsetzen konnten sich dabei vor allem die Exponenten des Widerstandes, die bürgerlich-demokratische Strukturen anstrebten, ähnlich, wie sie in der Zeit der Weimarer Republik bestanden. So kam es auch dazu, dass manche Persönlichkeiten, die einst aktiv Widerstand geleistet hatten und von der Gestapo verfolgt wurden, infolge des mit der Spaltung Deutschlands aufbrechenden Systemkonflikts zwischen Ost- und Westdeutschland in einen unversöhnlichen ideologischen Gegensatz gerieten. Andere wiederum, wie z.B. der erste Berliner Oberbürgermeister, Dr.-Ing. Arthur Werner, waren nur zu einem Intermezzo berufen, um den Keimen einer antifaschistischen Demokratie in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, bevor die professionellen Politiker wieder das Steuer übernahmen.

Nicht alle Deutschen hielten die Menschen, die sich während der Nazizeit gegen Faschismus und Krieg wehrten, für geeignet, das deutsche Volk unter Obhut der Siegermächte aus der materiellen und geistigen Katastrophe herauszuführen. Diejenigen, die nach 1945 immer noch von einem sieghaften Ende des Krieges träum, ten und die Feldzüge der Wehrmacht in Gedanken wie ein verlorenes Kartenspiel mit guten Trümpfen in den verschiedensten Varianten erörterten, wärmten die Legende von der fünften Kolonne wieder auf, die schon nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Welt, krieg unter expansionslüsternen Strategen herumgeisterte. Ihre Vorstellung von einer nationalen Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk und gegenüber anderen Nationen war eine andere. Sie wollten ihre Arbeit fortsetzen, die sie am 8. Mai 1945 unter, brechen mussten.

[...]


/1/ Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften, Berlin (AAW): Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 84. - Vermutlich handelt es sich bei diesem im Nachlass befindlichen mehrseitigen Redemanuskript um ein Referat, das Franck auf der ursprünglich für den 30. Juli 1946 geplanten Gründungskundgebung der Kammer der Technik im Berliner Admiralspalast (Staatsoper) halten wollte. Aus der bereits gedruckt vorliegenden Einladung ist ersichtlich, dass Franck über "Aufgaben und Ziele der Kammer der Technik" sprechen wollte. (Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Industriegewerkschaft Eisenbahn, Nr.5/231/779).

/2/ Heidebroek, Enno: Problematik der Ingenieurarbeit und -erziehung. In: Die Technik. Heft 1/1948, S. 2.

/3/ Ebenda.

/4/ Simon, K.: Internationaler Kongress für Ingenieurausbildung in Darmstadt. In: VDI-Zeitschrift. Heft 2/1948, S. 53.

/5/ AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 174. - Kucharski, Walter: Gedanken und Vorschläge zur Wiedereröffnung der Technischen Hochschule Berlin vom 8. 12. 1945.

/6/ Klaus, Werner/Sollmann, Heinz/Stüwing, Dieter: Enno Heidebroek (1876 - 1955). In: Bedeutende Gelehrte der Technischen Universität Dresden. Band 1. Veröffentlichung der Technischen Universität Dresden. Altenburg 1989, S. 58. - Geschichte der Technischen Universität Dresden. Berlin 1988, S. 164 f., S. 172, u. S. 176 f.

/7/ Zit. in: Geschichte der Technischen Universität Dresden. Berlin 1988, S. 177.

/8/ Heidebroek, Enno: Die neue Hochschule (Ansprache zur Neueröffnung der Technischen Hochschule am 18. September 1946). In: Die Technik. Nr. 6/1946, S. 258. - Vgl. auch: Heidebroek, Enno: Problematik der Ingenieurarbeit und ‑erziehung. In: Die Technik. Nr. 1/1948, S. 2.

/9/ Klaus, Werner/Sollmann, Heinz/Stüwing, Dieter: Enno Heidebroek (1876 - 1955)..., S. 50 und 57.

/10/ Geschichte der Technischen Universität Dresden...S. 176. - Bedeutende Gelehrte der Technischen Universität Dresden. Band 1. Veröffentlichung der Technischen Universität Dresden. Altenburg 1989, S. 65.

/11/ Schröder-Werle, Renate: Chronik zur Geschichte der Technischen Universität Berlin. In: Wissenschaft und Gesellschaft..., Zweiter Band, S. 24.

/12/ Eröffnungsansprache von Major-General E. P. Nares nebst Antwort des Rektors der Technischen Universität und Ansprache des Oberbürgermeisters der Stadt Berlin, gehalten am 9. April 1946 (Berlin 1946), S. 6. Zit. in: Rürup, Reinhard: Die Technische Universität Berlin 1879 - 1979: Grundzüge und Probleme ihrer Geschichte. In: Wissenschaft und Gesellschaft..., Erster Band, S. 5.

/13/ AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 174.

/14/ Ebenda, Nr. 81.

/15/ Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform..., S. 516. - Doch nur wenig später, im Mai 1950, wurde Franck unter den Bedingungen einer angeheizten Atmosphäre des Kalten Krieges vom Westberliner Stadtrat Walter May trotz anerkannt fachlicher und pädagogischer Qualifikation von der Technischen Universität wegen "probkommunistischer Tätigkeit" auf Grund seiner aktiven SED-Mitgliedschaft entlassen. Das war 13 Jahre nach der Vertreibung aus seinem Lehramt durch die nationalsozialistischen Machthaber für Hans Heinrich Franck die zweite Entlassung aus politischen Gründen von der gleichen Einrichtung: Ebenda S. 511 und AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 214, Lebenslauf vom 1.November 1954, S. 2.

/16/ ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0146. Selbst die Delegierten von der im britischen Sektor gelegenen Technischen Universität, die am 2. Studententag der britischen Besatzungszone vom 23. bis 25. Januar 1947 teilnahmen, wurden in Hamburg von den dortigen Delegierten zum Osten gehörig gerechnet. (Schürer- Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der britischen Zone. In: Forum. Heft 2/1947, S. 67). Am 10. Januar 1948 wandte sich der Landesverband der Berliner SPD mit den Hinweis an die britische Militärregierung, dass die Technische Universität aufgehört habe "Pflanzstätte geistiger Freiheit" zu sein. Sie sei auf dem Wege, "sich in ihrer geistigen Haltung mehr und mehr der Einstellung der Berliner Bevölkerung ... zu entfremden und eine Hochburg kommunistischer Prägung zu sein". Zitiert in: Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform..., S. 512.

/17/ Zitiert in: Forum. Heft 1/1947, S. 4.

/18/ Wandel, Paul: Das neue Hochschulstudium. In: Forum. Nr. 1/1947, S. 2.

/19/ Forum. Nr. 1/1947, Deckblatt.

/20/ Forum. Nr. 2/1947, S. 73.

/21/ Forum. Nr. 6/1947, S. 224.

/22/ Forum. Nr. 1/1947, S. 34.

/23/ AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck Nr. 209, Franck an Gerngroß am 10.7.1947.

/24/ Hartkopf, Werner: Die Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Beitrag zu ihrer Geschichte. Berlin 1975, S. 164 ff. - Wissenschaft in Berlin. Von den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945. Berlin 1987, S. 635 ff.

/25/ Staatsarchiv Dresden, Landesregierung Sachsen, Ministerpräsident Nr. 221, Bl. 130, nach: Thöns, Kerstin: Die politische und soziale Entwicklung der Intelligenz des Landes Sachsen von 1945 bis 1949. Dissertation (A). Berin 1987, S. 32. - Vgl. auch: Meister, Bernd: Grundzüge der Politik der SED zur Formierung der technischen Hochschulen in der Übergangsperiode. Phil. Dissertation (B). KMU Leipzig 1985S. 6 - 8, S. 10, S. 11. - Brandt, Peter: Widerauf, bau und Reform..., S. 505 ff. - Geschichte der Technischen Universität Dresden. 1928 - 1988. Berlin 1988, S. 174.

/26/ Köhler, Roland/Kraus, Aribert/Methfessel, Wolfgang: Geschichte des Hochschulwesens (1945 - 1961): Überblick. In: Studien zur Hochschulentwicklung. Heft 69. Berlin 1976, S. 14.

/27/ Stadtarchiv Schwerin, Ministerpräsident, Nr. 1033/1/. - Zit. in: Baudis, Klaus: Die Politik der Landesparteiorganisation der SED in Mecklenburg zur Herstellung und Entwicklung des Bündnisses von Arbeiterklasse und Intelligenz unter besonderer Berücksichtigung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz (1945/46 - 1950). Dissertation (B). Rostock 1987, S.9.

/28/ In der sowjetischen Besatzungszone durften nicht zugelassen werden:

1. alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP, unabhängig davon, in welchem Jahr sie geboren wurden;
2. alle ehemaligen Führer der HJ und des BDM im Range eines Sturmführers oder anderer hoher Ämter (Jungstammführer, Mädelringführerin, Jungmädelringführerin) bzw. Mitglieder dieser Organisationen, die in ihnen eine aktive Tätigkeit entfaltet haben;
3. alle ehemaligen Angehörigen von Ordensburgen und nationalsozialistischen Erziehungsanstalten;
4. alle ehemaligen Mitglieder der SA und SS;
5. alle ehemaligen aktiven Offiziere des Heeres, der Luftwaffe, der Marine und der Polizei. Alle ehemaligen aktiven RAD- und OT-Führer sowie alle aktiven Führer der Speer-Einheiten;
6. alle ehemaligen Reserveoffiziere, die im Range eines Oberleutnants und höher standen;
7. Kinder, deren Eltern angesehene aktive Mitglieder der NSDAP und deren Gliederungen waren, oder gegen deren Eltern von Seiten der Besatzungsmächte besondere Maßnahmen ergriffen wurden (z. B. Verhaftungen), wenn infolge der faschistischen Erziehung dieser Kinder eine Gefahr für die demokratische Entwicklung der Studentenschaft besteht.

Die unter 1 bis 7 Genannten durften jedoch studieren, wenn sie dokumentarisch belegen konnten, dass sie während oder nach dem Kriege gegen den Faschismus gekämpft haben, oder wenn bei den jüngeren Jahrgängen von 1920 an eine Kommission einstimmig zu der Auffassung kam, dass eine Gewähr für die Entwicklung im demokratischen Sinne gegeben ist. Der Prozentsatz der zum Studium zugelassenen ehemaligen Mitglieder der NSDAP durfte nicht mehr als 2, der der ehemaligen Offiziere nicht mehr als 2,5 betragen. Quelle: Böhme, R: Berlin. Gesichte einer Universität. In: Forum. Heft1/1947, S. 15.

/29/ Nikitin, Petr Iwanowitsch: Damals wurde das Fundament der demokratischen und sozialistischen Entwicklung des Hochschulwesens der DDR gelegt. In: Köhler, Roland/Schulz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Erinnerungen sowjetischer Hochschuloffiziere 1943 - 1949. Studien zur Hochschulentwicklung. Nr. 81. Berlin 1977, S. 24.

/30/ Vorläufiges Statut der Studentenschaft der Universität (Hochschule). In: Forum. Heft 1/1947, S. 32. - Vgl. auch: P. W. (Wandel, Paul): Von den Verpflichtungen unserer Hochschulen. In: Forum. Heft 3/1947, S. 203.

/31/ Köhler, Fritz: Frieden, Wissenschaft und die Verantwortung der Gelehrten. Zur demokratischen Bewegung der humanistischen Wissenschaftler in der Bundesrepublik. Berlin 1969, S. 59.

/32/ ZGA: Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Nr. 168, Zit. in: Herrnberger, Ekerhard: Gewerkschaftliche Interessenvertretung an den Universitäten, Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen 1945 - 1953. Zur Herausbildung der Gewerkschaft Wissenschaft. Dissertation (A), Bernau 1989, S. 59 f. - Vgl. auch: Forum. Heft 1/1947, S. 16.

/33/ Forum. Heft 10/1947, S. 365.

/34/ Schürer-Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der britischen Zone. In: Forum. Heft 2/1947, S. 68.

/35/ Ebenda.

/36/ Meinicke, Wolfgang: Zur Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone unter Berücksichtigung von Aspekten politischer und sozialer Veränderungen (1945 - 1948). Dissertation (A). Berlin 1983. S.78f.

/37/ Prokop, Siegfried: Zu Aspekten der Entwicklung der alten Intelligenz während der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung in der sowjetischen Besatzungszone. In: Geistig- kulturelle Beziehungen und Prozesse in der Periode der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung. - Zur Soziologie des Neubeginns nach dem zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Berlin 1986, S. 70.

/38/ Militärgeschichte der BRD. Abriss. Berlin 1989, S. 21 f.

/39/ Schürer-Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der britischen...,S. 67.

/40/ Forum. Heft 2/1947, S. 69

/41/ 70 Jahre Technikerbewegung. 50 Jahre Gewerkschaft. Hamburg o. J. (1954), S. 126 ff.

/42/ Ebenda, S. 110 ff.

/43/ ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145. - Lehmann, G.: Zum kommenden Technikertag: Warum Berufsgewerkschaft? In: Der Techniker. Nr. 6/7 1947, S. 1 - 3.

/44/ Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin. Berlin (BGA): Nr. 1375.

/45/ Der Techniker. Heft 3/4/1947, S. 7.

/46/ Bis heute ist die Entwicklung der knapp fünf Jahre bestehenden Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister nicht aufgearbeitet worden. In der "Geschichte des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes", Berlin 1982, wird sie nicht einmal erwähnt.

/47/ Haßkerl, Angelika: Die Geschichte der Entwicklung und Wirksamkeit der Landeskammer der Kammer der Technik Thüringen 1946/47 bis 1952 und der Bezirksverbände Erfurt, Gera und Suhl 1952 bis Anfang 1959. Dissertation (A). Leipzig 1988, S. 16.

/48/ BGA: Nr. B 47. -Biografie von Fritz Rossignol, Teil II, S. 51.

/49/ Die Befreiung Berlins 1945. Eine Dokumentation. Herausgegeben und eingeleitet von Klaus Scheel. Berlin 1985, S. 198.

/50/ AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 128.

/51/ Hauptausschuss der Kammer der Technik. In: Die Technik. Heft 7/1947, S. 344.

/52/ Ebenda, S. 343.

/53/ Brief Francks an den Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung der Industrie in der sowjetischen Besatzungszone Leo Skrzypczynski, vom 30. 5. 1947. In: AAW: Hans Heinrich Franck, Nr. 210.

/54/ Albrecht, Erich: Gewerkschaften und Entnazifizierung. In: Der Techniker. Heft 3/4 1947, S. 3.

/55/ 70 Jahre Technikerbewegung. 50 Jahre Gewerkschaft. Festschrift zum 4. Deutschen Technikertag in Mannheim am 1. und 2. Mai 1954. Hamburg, o. J. (1954), S. 124.

/56/ Ebenda.

/57/ Stelzner, Egon.: Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 65. -Der einstige Geschäftsführer des Butab Erich Händeler, der nach 1945 als Hauptausschussmitglied der Kammer der Technik und in verschiedenen zentralen Funktionen des FDGB tätig war, legte 1947 unter Nutzung zahlreicher aus der Zeit des Nationalsozialismus stammender Originalquellen der technisch-wissenschaftlichen Vereine eine Schrift vor, die die politische und ideologische Verflechtung dieser Vereine mit dem Naziregime offen legte. Diese Schrift diente als Aufklärungsmaterial über die ideologische Ausrichtung dieser Vereine während der Nazizeit und wurde vom FDGB und von der Kammer der Technik verbreitet. (Händeler, Erich: Zum Wiederaufbau der ehrenamtlichen technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit. Hatten die technisch-wissenschaftlichen Vereine wirklich nur fachliche Ziele? Herausgegeben vom Vorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin/Kammer der Technik. Berlin 1947.) Teilweise stieß diese Broschüre auf Befremden von Ingenieuren und Technikern, da sie "der Bedeutung des VDI nicht gerecht werde". (Gründungsversammlung der KDT- Betriebsgruppe Filmfabrik Agfa-Wolfen am 15. 7. 1949, Protokoll vom 16. 7. 1949 In: Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin (ZGA): Bundesvorstand, Nr. 0145). - Der Bremer Historiker Karl-Heinz Ludwig wertet die Händeler- Broschüre als "politische Zweckschrift, die die gestellte Frage vor allem nach Zitierungen patriotischer Aussprüche von Vereinsführern negativ beantwortet". (Ludwig, Karl- Heinz: Vereinsarbeit im Dritten Reich 1933 - 1945. In: Technik, Ingenieure und Gesellschaft... S. 453 f., Fußnote 60) Ludwig relativiert im Gegensatz zu Händeler die Rolle des VDI als Teilhaber an den Kriegszielen des Naziregimes bzw. als willfähriges Werkzeug des NSDAP, insbesondere des NSBDT, indem er zwischen rein fachlicher Vereinsarbeit und der Politik der Führungsspitze des Vereins unterscheidet. Es kann so jedoch nicht erklärt werden, warum die Alliierten den VDI als stärkste Säule des NSBDT als Organisation nach dem Kriege verboten hatten. Der VDI muss so als Opfer des Regimes erscheinen, was vielleicht - wie im ersten Kapitel aufgezeigt - für viele Mitglieder nicht aber für den Verein und seine Führung insgesamt zutraf.

/58/ Erste Interzonen-Konferenz der technischen Angestellten. In: Der Techniker. Heft 5/1957, S. 1.

/59/ Günther, Max: Die Kammer der Technik. In: Die Technik. Heft 1/1946, S. 3. - Vgl. auch: 4. GTW-Konferenz vom 24. März 1950, Protokoll S. 141. In: BGA: Nr. 1365.

/60/ Günther, Max: Die Satzungen der Kammer der Technik. In: Die Technik. Heft 6/1946, S. 261.

/61/ ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145.

/62/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 160.

/63/ Tätigkeitsbericht der Kammer der Technik für die sowjetische Zone für den Zeitraum von November 1946 bis zum 10. März 1947 an die SMAD, Major Poniskowski, vom 11. März 1947. ZGA: Bundesvorstand, Nr. 1470.

/64/ Pressemitteilung des FDGB über die Braunschweiger Konferenz vom 26. März 1947, ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145. - Vgl. auch: Magü (Günther, Max): Um die deutsche Kammer der Technik. In: Einheit. Heft 5/1947, S. 498.

/65/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.

/66/ Pressemitteilung vom 29. 9. 1947, ZGA: Bundesvorstand, Nr. 2760.

/67/ Hermann Waschow und Herbert Überfeld an Bernhard Göring vom 25. Juli 1947, ZGA: Gewerkschaft der Angestellten, Nr. 2.

/68/ Deutscher Technikertag. In: Der Techniker. Heft 10/1947, S. 1 - 3.

/69/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 137.

/70/ Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...

/71/ 7 0 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.

/72/ Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...

/73/ Forum. Heft 2/1948, S. 56 f.

/74/ Deutscher Technikertag in Berlin. In: Die Technik. Heft 11/1947, S. 511.

/75/ Heidebroek. Enno: Problematik der...

/76/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.

/77/ Der Ingenieur Hermann Lüdemann war der erste Geschäftsführer des 1904 gegründeten Bundes technisch-industrieller Beamter. 1920 wurde er in den Preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1929 angehörte. Zwei Jahre, nämlich 1920 und 1921 übte er das Amt des preußischen Finanzministers aus. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er von 1933 - 1935 in KZ-Haft genommen. Nach dem Kriege begann er seine politische Arbeit als 2. Landesgeschäftsführer der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, wurde danach Parteisekretär der SPD in Berlin. 1946 wurde er schließlich Minister des Innern und Stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig- Holstein. 1947 - 1949 war er Ministerpräsident dieses Landes. Er war bekannt als ein Gegner der Vereinigung von SPD und KPD. Deshalb hatten offenbar auch die Techniker der Industriegewerkschaften des FDGB beschlossen, sich nicht an der von der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister organisierten Kundgebung zu beteiligen. (Aktenvermerk des Organisationsausschusses für den Deutschen Technikertag vom 15. 9. 1947, S. 3. In: Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: IG Eisenbahn 5/231/779. - Zur Person Lüdemanns vgl. u. a.: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in 5 Bänden. Band 1. Theodor Eschenburg. Jahre der Besatzung 1945 - 1949. Stuttgart/Wiesbaden 1983, S. 599).

/78/ Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...

/79/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 144. - Die Ursachen für das Auseinanderbrechen der Interzonalen Technikerkommission müssen von ähnlicher politischer Natur wie für das Scheitern der Interzonenkonferenzen der deutschen Gewerkschaften gewesen sein. In obiger Denkschrift wird hierzu nichts Näheres ausgeführt. Der in beschränkter Auflagenhöhe in Berlin herausgegebene und bis März 1948 vier Mal erschienene "Informationsdienst" der Interzonalen Technikerkommission war im Zentralen Gewerkschaftsarchiv des FDGB nicht aufzufinden. (Fritz Rossignol über Hermann Waschow als Vorsitzenden dieser Technikerkommission befragt, konnte zur Person Waschow und seine Aktivitäten in dieser Kommission keine zweckdienliche Auskunft geben.)

/80/ Hauser, Karl: Ingenieure und Arbeiterschaft. In: Einheit. Heft 10/1947.

/81/ Sirenentöne für Techniker. Telegraf vom 31. März 1949. In: AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 333.

/82/ Max Günther an Arthur Queißer, 14. 1. 1948. In: Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Bundesvorstand, Nr. 0145.

/83/ Denkschrift über den zukünftigen organisatorischen Ausbau der K.d.T. von Professor Dr.-Ing. Enno Heidebroek, Präsident der Kammer der Technik, S. 1 f. In: ZGA: Bundesvorstand, Nr. 1470.

/84/ 70 Jahre Technikerbewegung..., S. 141.

/85/ Ebenda, S. 145. - Vgl. auch: Beschlüsse des Sachverständigen-Ausschusses der Zonalen Techniker-Kommission des deutschen Gewerkschaftsbundes der britischen Besatzungszone zur Errichtung einer Vereinigung für technische Gemeinschaftsarbeit, (Abschrift) In: Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Bundesvorstand, Nr. 0145.

/86/ Max Günther berichtete Anfang 1947 über den Versuch, bereits im Sommer 1945 mit ehemaligen Vorstandsmitgliedern der technisch-wissenschaftlichen Vereine über die Neuorganisation der technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit zu sprechen, "um auch sie von der Unmöglichkeit der bisher eingenommenen Haltung zu überzeugen und ihre Mitarbeit in einer neu zu schaffenden Organisation, nämlich in der Schaffung der Kammer der Technik, zu erwirken. Der Versuch hat einen geradezu deprimierenden Eindruck auf uns gemacht, denn es zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass die Vertreter dieser Vereine gar nicht begriffen hatten, welche katastrophalen Verlagerungen sich in der deutschen Wirtschaft durch den Zusammenbruch vollzogen hatten; noch mehr waren sie weit davon entfernt, aus der Tragödie des deutschen Volkes irgendwelche vernünftigen Schlüsse zu ziehen." Max Günther, Referat-Disposition vom Januar 1947. In: Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik, Berlin: Nr. 2. -Zit. in: Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 36 f.

/87/ Die Diskussion im FDGB und in der Kammer der Technik darüber, was parteipolitische Neutralität sei, fand im Spätsommer 1948 vor dem Hintergrund vereinfachender Anschauungen vom bipolaren Charakter der Welt (Truman-Doktrin und "Zwei-Lager-Theorie" Stalins) und dem Beschluss des Parteivorstandes der SED vom 29. Juli 1948 über die "Säuberung von entarteten und feindlichen Elementen", die "eine sowjetfeindliche Haltung bekunden", ihren Höhepunkt. - Vgl. z. B.: Niederschrift über die Sitzung der Geschäftsführenden Kommission des Hauptausschusses der Kammer der Technik am 7. September 1848. In: Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik, Berlin (APK): Nr. 71.

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Titel: Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen Gleichschaltung, Weltkrieg und kaltem Krieg (1933 - 1948)