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Rezension zu Ulrich Schlie: Die Nation erinnert sich - Die Denkmäler der Deutschen - München 2002

Rezension / Literaturbericht 2004 3 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Ulrich Schlie: Die Nation erinnert sich. Die Denkmäler der Deut­schen. München 2002.

Kunsthistorisch betrachtet sind Denkmäler Ausdruck des ästhetischen Empfindens ihrer Zeit. Gleichzeitig definieren sie durch ihren Gegen­stand und in ihrer Form eine bestimmte Interpretation der Ereignisse oder der Personen, derer sie gedenken. Besonders deutlich wird dies im Typus des Nationaldenkmals. In Nationaldenkmälern lässt sich able­sen, was die Zeitgenossen für erinnerungswürdige Ereignisse in der nationalen Geschichte hielten, welches Bild sie von der Geschichte ih­rer Nation hatten und aus welchen Bezügen der Nationalstaat seine Legitimation herleitete. Insofern sind Nationaldenkmäler Ausdruck der Selbstdefinition einer Nation und ihrer Suche nach der eigenen Iden­tität.

Von diesen Überlegungen ausgehend schreibt Ulrich Schlie eine Ge­schichte der Denkmäler der Deutschen. In seinem Essay gibt er einen Abriss der politischen Geschichte Deutschlands seit Beginn des 19. Jahrhunderts, beschreibt die prägenden Ereignisse aber auch den Ein­fluss politischer Ideen und ordnet jeder Zeit charakteristische Denkmä­ler zu. Sie bezeugen, so Schlie, die nationale Geschichte und tragen gleichzeitig zu deren Verständnis bei (S.18/19).

Dieser Orientierung an der politischen Geschichte der Deutschen ent­spricht der Aufbau des Buches: Schlie geht klassisch chronologisch vor, er beschreibt zunächst die Entstehung des deutschen Nationalstaats und widmet dann ab 1871 jedem der folgenden deutschen National­staaten ein eigenes Kapitel. Abschluss der Betrachtung bildet ein Ka­pitel über den Umgang mit der Vergangenheit und die damit einher­gehenden Diskussionen um Denkmäler im wiedervereinigten Deutsch­land nach 1990.

Mit dem Anspruch, auf knapp 200 Seiten eine deutsche Geschichte der letzten 200 Jahre zu liefern – selbst wenn die Darstellung sich auf eine politische Geschichte der großen Linien beschränkt – geht die Notwen­digkeit einer starken Auswahl der beschriebenen Ereignisse und auch der ihnen zuzuordnenden Denkmäler einher. In dieser Verknappung auf das, nach Interpretation Schlies, Wesentliche, den Mut zur Auswahl und klaren Urteilen, liegt die Stärke des Buches. Schlie erzählt in lesbarer Sprache eine deutsche Nationalgeschichte und führt als Zeugen seiner Interpretation verschiedenste Denkmäler an: Von der Walhalla als Aus­druck der Sehnsucht nach dem Nationalstaat und als Symbol für den Rückbezug der Zeitgenossen auf germanische, aber auch antike grie­chische Ursprünge der deutschen Kultur vor 1871 zu den den Natio­nalstaat feiernden Denkmälern Wilhelms I. und die weit verbreiteten Bismarck-Türme des Kaiserreichs, spannt Schlie den Bogen der angeführten Denk­mäler und ihrer Aus­sagen. Er zeigt die Bedeutung der in Form und Aussage ambi­valenten und widersprüchlichen Denkmäler der Weimarer Republik, die in erster Linie dem Gedenken an die Gefallenen des ersten Welt­kriegs gewidmet waren und bezieht auch die Staatsbauten Hitlers, die der Nachwelt den Größenwahn des NS-Regimes deutlich vor Augen füh­ren, als Zeugen und Ausdruck der politischen Geschichte ein. Der sehr unterschiedliche Umgang der beiden deutschen Staaten nach 1945 mit der NS-Ge­schichte wird anhand der Parallelen und Differenzen vor allem in den entstandenen Gedenkstätten auf den Geländen der ehemaligen Kon­zentrationslager Dachau und Buchen­wald gut nachvollziehbar.

In dieser Stärke liegt aber auch ein wesentlicher Nachteil der Darstel­lung Schlies: Die Gründe für die Auswahl der Denkmäler werden an keiner Stelle dargelegt. Auch eine Definition, was ein Nationaldenkmal eigentlich ist, geht über „Nationaldenkmal ist, was zu einem National­denkmal gemacht worden ist“ (S. 14) bedauerlicherweise nicht hinaus. So verwundert es dann doch, dass neben Wartburg, Kyffhäuser und Neuer Wache zum einen Hitlers Pläne für die Welthauptstadt Germa­nia, zum anderen aber auch ein der Öffentlichkeit nur begrenzt zugäng­liches Denkmal wie die Bronzebüste Ulrich von Hassells im neuen Auswärtigen Amt zu Nationaldenkmälern erklärt werden.

Schwerwiegender ist jedoch eine weitere definitorische Schwäche der Untersuchung: Schlie schreibt eine Nationalgeschichte, deren Berechti­gung er in der Einleitung ausführlich darlegt und begründet, ohne seine Begriffe von „Nation“ und „nationaler Identität“ zu erläutern. Damit blei­ben die Nation und auch der aus ihr entstehende Nationalstaat un­scharfe Gebilde, die in Schlies sprachlicher Darstellung deutlich perso­nifiziert werden. Da zeichnet sich das Kaiserreich durch die „Züge des Parvenu“ aus: „Unsicherheit, Mangel an Stil, Prestigedenken, auch Auftrumpfen am falschen Ort“. Diese Eigenschaften begründet Schlie mit den „Belastungen, die mit seiner mühsamen Geburt verbunden wa­ren“ und „es auf seinem Weg durch die Geschichte“ begleiteten (S. 39).

Befremdlich wirken die Urteile Schlies über ein­zelne Personen: seine Begeisterung für das „Genie Bismarck“ ist ebenso fragwürdig wie seine Platituden zu Hitler, dessen Beispiel „lehrt, dass der Mensch, der sich zum Gott erhebt, als Teufel enden wird“ (S. 126). Immerhin musste Hitler dafür eine „Höllenfahrt“ antreten.

Grundsätzlich lässt sich fragen, warum sich eine an den Denkmälern der Deutschen abgearbeitete politische Geschichte der Deutschen Na­tion eigentlich an der überkommenen Periodisierung durch System­wechsel orientieren muss. Schlie zeigt in seiner Darstellung deutliche Kontinuitäten und Brüche in der Darstellung der Geschichte durch die Denkmäler auf, die die politischen Entwicklungen durchbrechen. So sind viele der für das Kaiserreich vorgestellten Denkmäler Projekte, die schon im Vormärz ihren Ausgang nahmen. Noch deutlicher wird dies in den Denkmälern der Weimarer Republik. Zum Teil versuchen diese, an vor-republikanische Traditionen anzuknüpfen, auf der ande­ren Seite verweisen einige von ihnen schon sehr klar auf die For­men und Inhalte der NS-Denkmäler. Ähnliches gilt für das Gedenken an die Kriegsgefallenen nach 1945, das in der Form der „Totenburg“ aus der NS-Zeit mit Anfängen schon in der Weimarer Republik (Tannen­berg) bis in die 1950er Jahre fortbesteht. Hier wäre es interessant ge­wesen, nach Brüchen und Linien zu suchen, die sich aus den Denk­mälern selbst ergeben, und sich so aus dem Korsett der politischen Geschichte zu be­freien.

Details

Seiten
3
Jahr
2004
Dateigröße
329 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109221
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Schlagworte
Rezension Ulrich Schlie Nation Denkmäler Deutschen München Grundkurs Teil

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Titel: Rezension zu Ulrich Schlie: Die Nation erinnert sich - Die Denkmäler der Deutschen - München 2002