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Behindertensorgen? - Nicht in den USA!

Essay 2002 6 Seiten

Leseprobe

Walter Grode

BEHINDERTENSORGEN - NICHT IN DEN USA ???

Erschienen (ohne Lit.) in den kobinet-nachrichten (Kooperation Behinderter im Internet, Kassel) vom 04.09.02 unter dem Titel >Die Instrumentalisierung von Behinderung<

Wenn Sie, sagen wir einmal, im sommerlichen Biergarten, einem Bekannten begegnen, der Ihnen von seinem eben zu Ende gegangenen hoch interessanten USA-Aufenthalt berichtet, so haben sich nach spätestens fünfzehn Minuten fast immer die Geister geschieden: Amerika, wird entweder geliebt oder gehaßt. Ein Drittes gibt es nicht. Schon allein diese Konstellation verleiht der Unterhaltung Würze. (Kremers 1993)

Ist Ihr Bekannter jedoch ein Behinderter, so rutscht jede Unterhaltung, nach spätestens zehn Minuten ins Melancholische ab. Denn alles was es in den USA gibt, ist pure Behindertenfreundlichkeit Und diese Stimmen haben ja Recht: >Für Rollstuhlfahrer aus Deutschland ist der Aufenthalt in den Vereinigten Staaten wie ein Ausflug in eine bessere Welt. Egal ob Flughafen, Hotels, Restaurants, Kinos, auf der Post oder bei Behörden - alle öffentlichen Gebäude sind problemlos zugänglich.< (Brückner 2000)

Gerät dann, nach allen Lobeshymnen schließlich auch noch die hoch interessante Frage in den Blick , wieso es Amerika, wie schon Goethe wußte, besser habe, so wird in der Regel auf das Trauma der Niederlage verwiesen, das die Vietnam-Veteranen für sich zu nutzen wußten und auf die längst fußkranke Bürgerrechtsbewegung, die sich nun der Rollstuhlfahrer angenommen habe.

Beides mag stimmen, aber es liefert noch keine Erklärung für die Wirkungsmacht der amerikanischen Behindertenbewegung. Zum Erfolg einer gesellschaftlichen Bewegung gehören nämlich immer zwei: Diejenigen, die Veränderungen fordern und diejenigen, die sie zulassen, bzw. verhindern. Gesellschaftliche Integration - und das gilt keineswegs nur für behinderte Menschen, sondern für alle, ist, wenn sie von Dauer sein soll, stets ein Ergebnis von Reziprozität oder, wie wir nicht zuletzt aus der Natur lernen können, eines wechselseitigen Gebens und Nehmens. (Grode 1991)

Behinderte in den USA, so meine These, haben in diesem Zusammenhang ihrer Gesellschaft wesentlich mehr zu bieten als beispielsweise Behinderte in Deutschland oder Frankreich. Aber Obacht, liebe Amerika-Fans: das liegt weniger oder so gut wie gar nicht an der amerikanischen >Independent-Living-Bewegung<, sondern an psychosozialen und soziokulturellen Befindlichkeiten. Ein wenig flapsig, aber vielleicht ganz plastisch formuliert: Bevor sie sich intergieren will, sollte man/frau genau darauf sehen, mit wem sie sich verbindet und welche Bedürfnisse ihr Partner hat.

Gerade wenn wir die Erfolge der amerikanischen Behindertenbewegung bewundern und anerkennen, so sollten wir uns zuvor darauf besinnen, daß wir in Deutschland - und möglicherweise noch in vielen anderen (europäischen) Staaten - in einer gänzlich anderen soziokulturellen Tradition stehen, die ich folgendermaßen kennzeichnen möchte:

Nach Auffassung des japanischen Philosophen Kenichi Mishima ist es einzig das Gedenken an unsere kollektiven Untaten, das uns zu zivilisieren vermag. Und dies gilt wohl auch für alle anderen Erdteile. Nicht nur für uns Deutsche, sondern für fast sämtliche Europäer (siehe Frankreich) war, nicht etwa der Zweite, sondern bereits der Erste Weltkrieg das entscheidende Trauma ihrer jüngeren Geschichte. Kriegsbeschädigte und verkrüppelte Menschen waren zumindest seit 1916/!/ ein frühes Symbol des >Nie wieder Krieg<. Zumindest für die >kleinen Leute< im Umfeld der Sozialdemokratie. (Grode 1998)

Doch schon längs schmiedeten auch die eigentlich Verantwortlichen an prophylaktischen Legenden, und gaben den Arbeiterparteien die Schuld am verlorenen Ersten Weltkrieg. Dieses kollektive Bedürfnis nach Revision der Niederlage führte ganz Europa ab 1933 direkt in die nächste Katastrophe aus Sozialdarwinismus, Rassismus und Vernichtung.(Grode 1994). Und erst seit 1945 sind wir Deutschen, auf unterschiedlichen Wegen, dabei, die Lektion zu lernen, daß die Stabilität der Demokratie sich auch von dem Entsetzen nährt, das ihrer Errichtung vorausgeht.

In diesem innergesellschaftlichen Zivilisierungsprozeß hatten Kriegsversehrte und haben Behinderte eine äußerst wichtige Symbolfunktion:: Sie signalisieren: >Egal, wie krank, alt und versehrt Du auch immer sein magst, Du wirst von dieser Gesellschaft getragen!< Die Folge war und ist, daß Behinderte der Bevölkerungsmehrheit - auch und gerade weil ihnen selbst und der übrigen Gesellschaft dies gar nicht bewußt war - einen großen Teil des selbst erzeugten Normierungs- und Anpassungsdrucks nehmen. Integration von Behinderten bedeutet in diesem Verständnis also auch immer (die Möglichkeit von) Emanzipation. (Grode 2001)

Die USA hingegen waren bis in die 60 Jahre hinein frei von solchen nationalen Traumta, wie sie sich insbesondere Deutschland in nationalistischem Autismus zugefügt hatte.. Nicht nur unversehrt, sondern politisch und ökonomisch gegenüber Europa ungeheuer gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, schien hier, in >Gottes eigenem Land<, das in der amerikanischen Verfassung verankerte >Recht auf Glück< überall verwirklicht. Notwendig war nurmehr, es in alle Welt zu tragen (Vgl. Fukuyama 1992 mit Winter1991)

Es war deshalb kein Zufall, daß der amerikanische Mythos genau in dem Augenblick auch im Inneren zerbrach, als er sich nach außen hin selbst entlarvte: Die amerikanische Krieg in Vietnam, und der Aufstand der Schwarzen, der heute als >Bürgerrechtsbewegung< verharmlost wird, gehören zusammen Beide >Aufstände der Habenichtse< hinterließen tiefe Wunden im nationalen Gefühlshaushalt.

Was das Verhältnis zu Südostasien angeht, so wurden die Gewichte inzwischen wieder ins Lot gerückt: Denn Amerika hat ja nachträglich tatsächlich Vietnam besiegt und zwar ökonomisch: Um wieviel besser geht es heute jedem durchschnittlichen US-Veteranen, mißt man sein Schicksal an dem der vietnamesischen Zivilbevölkerung

Im Nicht-Ökonomischen war und ist dieser >Erfolgsnachweis< nach wie vor weit schwieriger. Denn der Vietnam-Krieg und seine Folgen führten ja nicht nur in den USA, sondern in vielen reichen Staaten des Nordens, zur Entstehung einer Bürger- und Menschenrechtsbewegung, deren langfristige Wirkungen gar nicht hoch genug einschätzt werden könnten. Sie propagierte vom Grundsatz her, die Gleichheit aller Menschen, eine Vorstellung, die noch heute oder sollten wir sagen: gerade heute, dem US-amerikanischen Selbstverständnis völlig fremd ist.

Denn was aus nordamerikanischer Perspektive noch heute allein notwendig ist, ist allenfalls (!) >die Gleichheit vor dem Gesetz<. Doch schon vor mehr als einhundert Jahren hat Anatole France einem solchen formalistischen Blickwinkel in unnachahmlich sarkastischer Weise den Spiegel vorgehalten: >Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit<, so schrieb er damals, >verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.< (Nitsche/Kröber 1979)

Ich möchte die gesellschaftliche Problematik, die hinter den in den USA (angeblich) nicht vorhandenen >Behindertensorgen< steckt, bewußt zuspitzen, auch wenn mir dies nicht einmal in Ansätzen so prägnant und treffend gelingt, wie besagtem französischen Schriftsteller:

Um das in dem Gleichheitsversprechen der weltweiten Menschen- und Bürgerechtsbewegung steckende humane Potential prophylaktisch zu unterlaufen, bietet man in den USA , die ja weltweit eine >moralische< Führungsrolle beanspruchen, den sozial weißen Mittelschicht-Behinderten, die das amerikanische Prinzip des >survival of the fittest< tief verinnerlicht haben, >stellvertretend< optimale Entfaltungsmöglichkeiten, obwohl bzw. gerade weil es doch eigentlich um viel mehr gehen müßte: um die Bürgerrechte der ganz normalen Schwarzen, die Menschenrechte der spanischen Einwanderer und die Überlebensrechte der Dritten. Vierten und Fünften Welt!

Im Gegenzug signalisieren die allseits hofierten amerikanischen Behinderten den saturierten Teilen ihrer Gesellschaft, zwar nicht immer unbedingte Leistungsfähigkeit, wer kann dies schon als Behinderter?, dafür jedoch etwas, was für das dortige gesellschaftliche Klima viel wichtiger ist: unbedingte Leistungsbereitschaft. Sie machen sich damit (ungewollt) zum Partner, um nicht zu sagen zum Komplizen, einer, auch in den USA, sehr schmalen Schicht von wirklich Mächtigen: jenem halben Prozent von Großvermögensbesitzern und ihren angestellten Top-Unternehmern (Grode 1996). Denn auf diese Weise setzen die (von ihrem Standpunkt aus völlig unpolitischen) Behinderten die übrige Gesellschaft - die nur zu gut weiß, wie es sich als obdachloser Rollstuhlfahrer in der Bronx lebt (Vogt 1991) - einem ungeheueren Anpassungs- und Normierungsdruck aus, den keine bewußte Politik, und wäre sie noch so zynisch, je erzeugen könnte. (Birnbaum 1996, Rorthy 1997)

Permanente Selbstanpassung der Mehrheit der Bevölkerung aber wiederum absorbiert genau diejenigen Energien, die notwendig wären, um die eingekapselten sozialen Konflikte der tief zerrissenen amerikanischen Gesellschaft überhaupt nur zu erkennen, geschweige denn auf zivilisierte, und das heißt vor allem gewaltfreie Art auszutragen.

Ich habe die obige Problemlage auch deshalb so zugespitzt, weil sie mehr signalisiert, als den soziokulturellen Bruch, der zwischen europäischen und amerikanischen Behinderten-Traditionen besteht. Sie verweist auf einen immer breiter werdenden Riß, der sich auch bei uns in Deutschland zwischen den Generationen zeigt und zwar völlig unabhängig, ob jemand behindert ist oder nicht. Es ist die Differenz zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungswelten. >Jeder ist seines Glückes Schmied< steht über der einen, und >Jeder stirbt für sich allein< über der anderen. (Grode 2003)

Literatur

Birnbaum, Norman (1996): Neues aus der Wolfsgesellschaft. Das vielgerühmte "Job-Wunder" in den USA bedeutet: Kapitalismus pur, in: die taz vom 13. Juni.

Brückner, Dominik: (2000) >Behindertensorgen? Nicht in den USA!, in: >SoVD-Zeitung<,, Ausgabe August

Fukuyama, Francis (1992): Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München

Grode, Walter (1991): >Eine Erfindung der Brutpflege<. Das Weltbild eines Verhaltensforschers. In. >Lutherische Monatshefte<, Heft 11 / http://www.wissen24.de/vorschau/16113.html

Grode, Walter (1994): >Nationalsozialistische Moderne<. Rassenideologische Modernisierung durch Abtrennung und Zerstörung gesellschaftlicher Peripherien, Frankfurt a.M / demnächst bei: http://www.wissen24.de

Grode, Walter (1996). >Billig wie eine leere Cola Dose<. Falsche Dogmen vom freien Welthandel. In: >Lutherische Monatshefte<, Heft 6 / demnächst bei: http://www.wissen24.de

Grode, Walter: (1998): >Das Opfer ist Gott am Kreuz<. Freund-Feind-Denken oder Eingedenken fremden Leids? In: >Die Zeichen der Zeit / Lutherische Monatshefte<, Heft 9 / demnächst bei: http://www.wissen24.de

Grode, Walter (2001): >Behinderung und Gesellschaft<. Welche behinderten Menschen sind welcher Art von Gesellschaft förderlich? In: >Gemeinsam leben<, Heft 3 / demnächst bei: http://www.wissen24.de

Grode, Walter (2003): >Selbstbestimmt leben und das soziale Modell von Behinderung<. Ein richtiges Ziel auf fragwürdiger Basis. In: >Gemeinsam leben<, Heft 1, sowie in >heilpädagogik-online<, Ausgabe 02/03 / demnächst bei: http://www.wissen24.de

Kremers, Helmut (1993): Amerika, geliebt und gehaßt. In: >Lutherische Monatshefte<, Heft 6

Nitsche, Rainer / Kröber, Walter (1979): Grundbuch der bürgerlichen Gesellschaft, Darmstadt

Rorthy, Richard (1997): Zurück zur Klassenpolitik. Über die Ungerechtigkeit in den Vereinigten Staaten und die Zukunft der Gewerkschaften, in: Die Zeit<, Nr. 30

Vogt, Herrmann (1991): Das amerikanische Modell scheitert. Der Traum vom Schmelztiegel ist schlechte Utopie. In: >Lutherische Monatshefte<, Heft 12

Winter, Rolf (1991): Gottes eigenes Land? Werte, Ziele und Realitäten der Vereinigten Staaten von Amerika, Hamburg

Details

Seiten
6
Jahr
2002
DOI
10.3239/9783640075546
Dateigröße
340 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109373
Note
Schlagworte
Behindertensorgen Nicht

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