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>Ausgrenzung und Normalität<. Anmerkungen zur >Singer Debatte< vor dem Hintergrund der faschistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik

Wissenschaftlicher Aufsatz 2005 7 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Walter Grode

>AUSGRENZUNG UND NORMALITÄT<.

ANMERKUNGEN ZUR >SINGER-DEBATTE< VOR DEM HINTERGRUND DER FASCHISTISCHEN AUSGRENZUNGS- UND VERNICHTUNGSPOLITIK

(Notiz: Auch und gerade, wenn man - wie der Autor - der Auffassung ist, die Heil- Sonder- und Behindertenpädagogik müsse sich nicht nur den utilitaristischen Positionen des australischen Biomediziners Peter Singers öffnen, sondern sämtlichen Entwicklungen in der modernen Human- und Gentechnologie, weil durch sie und die heutigen individuellen Lebenspraxen die gesellschaftliche Akzeptanz von behinderten Menschen eher erhöht als vermindert wird (vgl. www.heilpaedagogik-online.com / Forum vom 12.03.03), so war die Situation während des Nationalsozialismus eine diametral andere, die mit der heutigen nicht vergleichbar ist. Der folgende Beitrag erschien1991 im Heft 185 von >Das Argument< (Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften).

Läßt man sich trotz begründeter Warnungen (vgl. u.a. Feuser 1989; Schumann 1989) dennoch auf die Argumentationslinie von Johann S. Ach und Andreas Gaith (1990) ein, so sprechen in der Tat insbesondere mögliche gesellschaftliche Folgen und das angedeutete Faschismus-Argument eher für als gegen die Diskussion der Thesen Singers. Zumal die faktisch stattfindende Praxis der passiven "Euthanasie", die wachsende Akzeptanz und die real bereits stattfindende Diskussion durch einen Diskussions-Boykott nicht mehr eingedämmt werden können.

Charakteristisch für die bisherige Auseinandersetzung ist dabei die Aufdeckung von argumentativen Parallelen und historischen Denkstrukturen zwischen den "Euthanasie"-Diskursen der zwanziger und dreißiger Jahre mit der "Singer"-Debatte (vgl. Grode 1988). Damit darf es allerdings nicht sein Bewenden haben, denn dann wäre die Diskussion abgeschnitten von Fragestellungen, die über das faschistische "Euthanasie"-Programm hinausweisen: insbesondere abgeschnitten von der Frage nach dem Verhältnis von Normalität und Destruktion, von "Alltag und Barbarei" (Peukert 1987).

Deshalb ist es m.E. notwendig die Diskussion zu verallgemeinern und nach dem generellen Vermächtnis von Innen und Außen zu fragen, nach Mechanismen, die offenbar gesellschaftliche Ausgrenzung geradezu vorprogrammieren und Solidarität verhindern. Für eine solche Perspektive ist es förderlich das Faschismus-Argument nicht als Begründung gegen, sondern für eine Diskussion um die "Euthanasie" heranzuziehen. Denn insbesondere am Beispiel der sozialen Verfolgung von Minderheiten auf der einen und der Befindlichkeit der Bevölke-rungsmehrheit im Nazismus auf der anderen Seite, lassen sich einige grundsätzliche Tendenzen herausarbeiten.

Der Blick auf die Geschichte der NS-Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik zeigt, daß sich die Maßnahmen des NS-Staates gegen soziale Randgruppen zwar unmittelbar gegen die definierten Zielgruppen - seien es nun Opfer der Zwangssterilisation, Homosexuelle oder "Arbeitsscheue und Gemeinschaftsfremde" - richteten, als perspektivisches Ziel aber durchweg die Bevölkerungsmehrheit ausersehen war. Dies hatte nicht nur Konzequenzen für die Minderheiten, sondern auch für die Befindlichkeit und die Reaktionen der Bevölkerungsmehrheit.

Diese These soll im folgenden an zwei Beispielen der Verfolgung von Randgruppen verdeutlicht werden, die - im Unterschied zu den Opfern der "Euthanasie" - noch in einen relativ unmittelbaren Kontakt zur Bevölkerungsmehrheitstanden: den Opfern der Zwangssterilisationen und den der Aktionen gegen "Asoziale und Gemeinschaftsfremde".

Primär war die Zwangssterilisationspolitik im NS ohne Zweifel eine Gewaltmaßnahme, die sich vor allem gegen alle Frauen richtete, die unter das Verdikt des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" fielen. So waren die Zwangssterilisationen zwar einerseits ein Teil eines gleichermaßen gegen Frauen und Männer gerichteten vielfältigen Instrumentariums zur "Ausmerzung" von ethnisch und eugenisch "Minderwertigen" zum Zweck der "Aufartung". Unterschiedliches bedeutete dagegen die Sterilisation für Frauen und Männer vor allem unter zwei Aspekten, die sie als soziale Maßnahme charakterisieren: Die sterilisationspolitische Tren-nung von Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung hieß in erster Linie "Freigabe männlicher Sexualgewalt gegenüber 'minderwertigen' und zwangssterilisierten Frauen" (Bock 1986, 394). Hinzu kam die Gewalt des körperlichen Eingriffs, die sich in der Gesamtzahl von 5.000, darunter zu 90% Frauen, unmittelbar oder mittelbar durch die Sterilisation Getöteten spiegelt. In diesem Sinne kennzeichnet Gisela Bock die Sterilisationspolitik für Frauen "nicht als Vorstufe, sondern als Beginn und erste Etappe der Massenmorde" (Bock 1986, 380).

Doch ging die Zielrichtung dieser Maßnahmen perspektivisch weit über den Personenkreis der unmittelbar betroffenen Frauen hinaus. Wenn beispielsweise die Unfähigkeit zu Kinder-erziehung zum Diagnosebegriff wurde (vgl. Bock 1986, 413), so tangierte dies nicht allein "einwilligungsunfähige" Personen im Zugriffsfeld des Vormundschafts- und Pflegerechts, sondern berührte zentral allgemeine gesellschaftliche "Normalisierungspraktiken im Alltag" (Haug 1986, 105): Dieses Grundmotiv der NS-Sterilisationspolitik führte dazu, daß "Rabenmüt-ter" und "Schlampen" physische Gewalt und Gebärverbot riskierten. Diese Drohung hatte im Sinne eines "Do it yourself der Ideologie im Alltag" (Haug 1986, S. 8) auf das rollenspezifische Verhalten der "normalen" Frauen vielleicht einen größeren Einfluß auf die Domestizierung der Frauen im NS, als alle Bräute- und Mütterschulungen (vgl. Bock 1986, 416).

Eine nicht unähnliche Problematik des Verhältnisses von Normalität und Ausgrenzung, von Innen und Außen ergibt sich aus der Untersuchung der faschistischen Maßnahmen gegen sog. "A-soziale". So war in den Jahren 1937 und 1938 von SS und Polizei eine Serie von Maßnahmen zur "Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" inszeniert worden, deren hauptsächliches Ziel es gewesen war eine möglichst große Zahl von sog. "asozialen Elementen" in die Konzentrations-lager einzuweisen (vgl. Broszat 1965 81ff.; Buchheim 1966, 189ff.; Kühnrich 1983, 57).

Erfaßt wurden im wesentlichen Personen, die als "Gewohnheitsverbrecher" und/oder "Asoziale" eingestuft worden waren. Unter diesen "Gewohnheitsverbrechern" nahmen die "Spitzbuben und Betrüger" mit fast 80% den ersten Rang ein. Ihre Eigentumsdelikte bestanden hauptsächlich in Mundraub, mehrmaligen Fahraddiebstählen, nicht zurückgezahlten Schulden von wenigen Mark, Mietschulden und ähnlichem (vgl. Siemen 1982, 95). Zum Kreis der Personen, die wegen ihrer "Asozialität" in "Schutzhaft" genommen wurden gehörten Bettler, Landstreicher, Zigeuner, Landfahrer, Arbeitsscheue, Müßiggänger, Prosttuierte, Querulanten, Raufbolde, Verkehrssünder, Psychopathen und Geisteskranke (vgl. Broszat 1965, 81).

Die Gründe für die Einweisungsaktionen von "Asozialen" in die KZ lagen in erster Linie in der Absicht den im Zuge der Kriegsvorbereitung eingetreten Arbeitskräftemangel, insbesondere im landwirtschaftlichn Sektor zu beheben und darüber hinaus die allgemeine Arbeitsdisziplin zu stärken (vgl. Grode 1987, 47/48). Hinzu kam, daß die "Asozialen" genau jenem Menschentypus zu entsprechen schienen, mit dem die SS der Öffentlichkeit und dem Ausland gegenüber immer wieder das Bestehen des KZ-Systems zu rechtfertigen versuchte (vgl. Grode1990, 32). Schließlich scheint überdies die Vermutung begründet, als hätten die Einweisungen dieser Personengruppe den Nebenzweck gehabt, die auf den "Mobilmachungsfall" hin in den Vorkriegsjahren errichteten KZ, insbesondere Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald und Mauthausen, die für die bisherige Hauptkategorie der politischen Häftlinge zu groß waren, vorübergehend aufzufüllen (vgl. Pingel 1979, 71).

Unter die Rubrik "Maßnahmen gegen Gemeinschaftsfremde" fiel auch die "Aktion Arbeitsscheu Reich" im Jahre 1938. In einer Studie über diese Aktion verweist Wolfgang Ayaß noch einmal aus-drücklich auf den schon oben erwähnten Arbeitskräftegesichtspunkt. Wichtiger als die Arbeitsleistung der gefangenen "Arbeitsscheuen" ist dabei für ihn allerdings der abschreckende Effekt auf die Gesamtbevölkerung, den er im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten der allgemeinen Dienstpflicht, "unmittelbar nach der Juniaktion der Kriminalpolizei" (Ayaß 1988, 70) erblickt. Das Ziel war also vor allem die "Stärkung der nationalen Arbeitsdisziplin" der Bevölke-rungsmehrheit.

Gleichermaßen erkennbar ist in diesen Aktionen gegen "Asoziale" und "Arbeitsscheue" eine kontinuierliche Ausdehnung der Erfassungskategorien des "Abnormen", die schließlich auf dem Höhepunkt des Krieges noch weiter ins "Normale" vorgetrieben wurden:

>Erhoben werden sollen ... unter anderem Arbeitsplatzwechsel, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, eheliche Treue, gesteigerte Sinnlichkeit, Schulden, Unterstützung durch die Fürsorge und häufige Belästigung von Parteistellen und Behörden.< (zit. n. Haug 1986, 102)

Im Zuge dieser bereits 1938 beginnenden Ausdehnung und Verschmelzung der Erfassungs-kategorien wurde die "Asozialität" zur "Gemeinschaftsunfähigkeit" im Rahmen der faschisti-schen "Volksgemeinschaft" umgearbeitet. Die Konstituierung der "Volksgemeinschaft", der die überwiegende Bevölkerungsmehrheit freiwillig und nicht etwa gezwungenermaßen angehören wollte, verlief ihrerseits wiederum insbesondere über ideologische Praxen (vgl. Projekt Ideologie-Theorie 1980). Diese Praxen waren sowohl "von oben" inszeniert (vgl. Behrens 1980, 81ff.), als auch durch Selbsttätigkeit "von unten", als eine Art "Selbstpsychiatisierung" (Haug, 1986, 106) bestimmt. Moral, Gesundheit und Schönheit waren hier die "Hauptstützpunkte", die wiederum eng verknüpft waren mit der Sexualität, als zentralem "Übungsfeld der Selbst/ Beherr-schung" (Haug 1986, 126).

Die Individuen unterwarfen sich diesen Praxen jedoch nicht nur aus freien Stücken. Die Notwendigkeit des Lebens in der Klassengesellschaft mit ihren Marktgesetzen und ihren ideologi-schen Ordnungen zwangen sie dazu. Durch den Nachweis des Schönen, Gesunden, Adretten, Empfehlenswerten, kurz des "Nicht-Jüdischen" gaben sie das "Gebrauchwertversprechen ihrer Ware Arbeitskraft" (Haug 1987, 161).

Der Blick auf das Verhältnis von "Asozialen und Gemeinschaftsfremden" zur Bevölkerungs-mehrheit im Nationalsozialismus verweist somit auf den dialektischen Zusammenhang von Normalität und Ausgrenzung, von Zwang und Selbstzwang. Ein Zusammenhang der umso mehr fortbesteht, als Marktgesetze und Konsumverhalten die individuellen Beziehungen weiter domi-nieren.

Wenn Johannes S. Ach und Andreas Gaidt am Schluß ihres Beitrags (1990) also vollkommen zutreffenend feststellen, daß die Hauptschwierigkeit Strategien gegen Neo-Eugenik und Bevöl-kerungspolitik politisch und effizient werden zu lassen, darin liegt, daß "hier Herrschafts-interesse in Form einer realen individuellen Optionssteigerung auftritt" (1990, 775), so verweist dies insbesondere auf die nichtaufhebbare - jedoch produktiv wendbare - Problematik des Umgangs mit Fremden. Der spezifisch faschistische Umgang lag seinerzeit darin, diese Spannung nicht aushalten zu wollen, und stattdessen [ohne Diskussion (!)] die Widersprüche zwischen "gesund" und "krank", zwischen "Volksgemeinschaft" und den "Fremdvölkischen", - allgemein betrachtet - zwischen Innen und Außen, physisch zu vernichten.

Dieser Problematik eines nur gewaltsam aufhebbaren Spannungsverhältnisses gilt es sich bewußt zu bleiben, ganz gleich, ob die Diskurse um die "aktive Sterbehilfe", um gentechno-logische Eingriffe in das Erbgut oder um das Lebensrecht behinderter Menschen geführt werden.

Literaturverzeichnis

Ach, J.S. und A. Gaith, 1990: Kein Diskurs über Abtreibung und >Euthanasie<? Zur Rechtferti- gung der Singer-Debatte. In: Das Argument 183, 769-776.

Ayaß, W., 1988: >Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin<. Die Aktion >Arbeitsscheu Reich< 1938. In: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, 6, 43-74.

Behrens, M., 1980: Ideologische Anordnung und Präsentation der Volksgemeinschaft am 1. Mai 1933. In: Projekt Ideologie-Theorie, 1, 81-106.

Bock, G., 1986: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen.

Broszat, M., 1965: Nationalsozialistische Konzentrationslager. In: H. Buchheim u. a., Anatomie des SS-Staates, Olten, Freiburg i.Br., Bd. II, 9 - 160.

Buchheim, H. 1966: Die Aktion "Arbeitsscheu Reich". In: Gutachten des Instituts für Zeit-geschichte. Stuttgart, Bd. II, S. 189-195.

Feuser, G., 1989:: "Der Streit um Leben und Tod" - Stellungnahme zur Diskussion über das Lebensrecht behinderter Menschen. In: Behindertenpädagogik 28, 301-308.

Grode, W., 1987: Die "Sonderbehandlung 14f13" in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Ein Beitrag zur Dynamik faschistischer Vernichtungspolitik, Frankfurt/M. (siehe www.wissen24.de)

ders., 1988: Das Selbstbestimmungsrecht der Patienten. Zur historischen Kontinuität von spezifischen Denkstrukturen in der Debatte um die "aktive Sterbehilfe". In: Behinderten-pädagogik 27, 286-295. (siehe www.wissen24.de)

ders., 1990: Faschistische Vernichtungspolitik und Modernisierung: Die Produktion der idealen Volksgemeinschaft durch die "Endlösung der sozialen Frage". In: Informationen (Studienkreis: Deutscher Widerstand), 31, 31-33.

Haug, W.F., 1986: Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts - Die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus - Materialanalysen. Berlin. (vgl. www.wissen24.de/vorschau/23093.html)

ders., 1987: Antisemitismus als Bewährungsprobe der Ideologietheorie. In: ders.: Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur, Berlin, Bd. 2, 141-166.

Kühnrich, H., 19833: Der KZ-Staat. Die faschistischen Konzentrationslager 1933 bis 1945, Berlin/ DDR.

Peukert, Detlev J.K. 1987: Alltag und Barbarei. Zur Normalität des Dritten Reiches. In: D. Diner (Hrsg.), Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Frankfurt/M, 51-61.

Pingel, F., 1979: Häftlinge unter SS-Herrschaft, Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager, Hamburg.

Projekt Ideologie-Theorie 1980: Faschismus und Ideologie (Argument-Sonderbände 60 u. 62) Berlin.

Schumann, M., 1989: Vom Sozialdarwinismus zur modernen Reproduktionsmedizin und zur pränatalen Diagnostik - Gibt es eine Kontinuität? In: Behindertenpädagogik 28, 134-157.

Siemen, H.L., 1982: Das Grauen ist vorprogrammiert. Psychiatrie zwischen Faschismus und Atomkrieg, Gießen 1982.

Details

Seiten
7
Jahr
2005
Dateigröße
344 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109399
Note
Schlagworte
Normalität< Anmerkungen Debatte< Hintergrund Ausgrenzungs- Vernichtungspolitik

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