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NATIONALSOZIALISTISCHE VOLKSGEMEINSCHAFT - Rassenideologische Modernisierung durch Abtrennung und Zerstörung gesellschaftlicher Peripherien

Wissenschaftlicher Aufsatz 1994 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Walter Grode

RASSENIDEOLOGISCHE MODERNISIERUNG DURCH ABTRENNUNG UND ZERSTÖRUNG GESELLSCHAFTLICHER PHERIPHERIEN

(in: Ders. "Nationalsozialistische Moderne". (Frankfurt a.M. 1994), Einleitung)

>DER NATIONALSOZIALIMUS ALS MODERNE GEGENUTOPIE<

Stimmen zur Studie"Nationalsozialistische Moderne". Rassenideologische Modernisierung durch Abtrennung und Zerstörung gesellschaftlicher Peripherien.

"Walter Grode, Jahrgang 1949, Politologe in Hannover, hat sich bisher vor allen Dingen mit Aspekten der Euthanasie beschäftigt und faßt hier Studien zur NS-Moderne in einem großflächigen Essay zusammen. Er gibt insgesamt einen datenreichen, zupackenden und gelungenen Überblick über die NS-Vernichtungspolitik von den Konzentrationslagern über die Judenpolitik bis zur Sozialpolitik, Euthanasie und dem Rassenkrieg im Osten. Das alles hat man auf knappem Raum kaum so konsis gesehen. Das Ganze wird zudem theoretisch eingebettet in die "Moderne"-Debatte. Der Autor wendet sich gegen Aly/Heim bzw. Roth auf der einen Seite, gegen Zitelmann auf der anderen Seite. Er arbeitet in Anlehnung an Burrin, letztlich auf Hannah Arendt zurückgehend, die Ambivalenz von Moderne und Antimoderne im Nationalsozialismus heraus und sieht mit Z. Bauman im Nationalsozialismus Möglichkeiten der Moderne bis in die Gegenwart und weitere Zukunft angelegt."

Jost Dülffer (Das Historisch-Politische Buch, Heft 5+6 / 1995)

">Man mag bisher der Meinung gewesen sein, die nationalsozialistischen Beispiele für medizinische Unkultur seien durch den Totalitarismus des NS-Regimes bedingte und daher nicht wiederholbare Einzelphänomene gewesen. Die Enthüllung der medizinischen Verbrechen in den Vereinigten Staaten, wo während der Zeit des Krieges bis in die siebziger Jahre hinein Menschen in geheimen medizinischen Experimenten mit radioaktivem Material bestrahlt wurden, lehrt uns jedoch, daß der Mißbrauch der Medizin nicht auf ein Unrechtssystem beschränkt zu bleiben braucht.< (S. 176) - mit diesem Beispiel zielt der Hannoveraner Politikwissenschaftler Walter Grode mitten in jene affektgeladen geführte Diskussion um den gesellschaftlichen Charakter des Dritten Reiches, welche im Jahre 1987 von Rainer Zitelmann angestoßen wurde. War das nationalsozialistische Deutsche Reich und die in ihm begangenen Massenverbrechen, mit dem Genozid an den Juden an der Spitze, Ausfluß spezifischer Konstellationen und Belastungen der Deutschen Geschichte? Oder gingen sie gar auf den durchdringenden Willen eines einzigen Mannes, Adolf Hitler, zurück? Denn wäre jegliche Gefahr einer Wiederholung mit der Zerschlagung des Deutschen Reiches 1945 und dem Tode des Diktators gebannt. Waren aber >die Todesfabriken des Holocaust eine der Moderne stets inhärente Möglichkeit< (S. 14), dann kann sich vergleichbares durchaus wieder ereignen.

Der ansonsten überaus zurückhaltende Autor bezieht trotz all der vordergründigen Distanz, mit der er den Verlauf dieser Diskussion nachzeichnet, letzten Endes dann doch unmißverständlich Position: >Das wohl extremste Beispiel für den neuen Zivilisationsbruch, ist das Verhalten nahezu einer gesamten Männergeneration im ehemaligen Jugoslawien. Der exessive Terror, der von ihnen gegenüber ihren wehrlosen Opfern schier grenzenlos ausgelebt wird, ähnelt auf frappierende Weise dem Verhalten des Personals in den NS-Konzentrationslagern.< (S. 158)."

Enrico Syring (Neue Politische Literatur, Heft 3/1994)

"Auch fünf Jahrzehnte nach dem Ende des "Dritten Reiches" sind sich Forscher und Experten bei wichtigen und grundlegenden Erklärungs- und Deutungsproblemen des Nationalsozialismus nicht einig. So ist der Begriff der Modernisierung - er stammt aus den amerikanischen Sozialwissenschaften - umstritten. Mit Modernisierung soll der politisch-kulturelle und sozial-ökonomische Prozeß erfaßt werden, der im Verlauf von zweihundert Jahren zuerst die westlichen und dann nahezu alle traditionellen Gesellschaften auf der Erde in moderne verwandelt hat. War auch der Nationalsozialismus ein Teil dieser Moderne?

Schon vor dreißig Jahren wurde die Meinung vertreten, das NS-System sei wegen seines Bruchs mit den alten Traditionen aus Kaiserreich und Weimarer Republik sozial-revolutionär gewesen und damit ein >Stoß in die Modernität< (Ralf Dahrendorf). Andere betonten die irrationale Flucht der Nationalsozialisten in die irrationale Ablehnung des Modernen.

In der vorliegenden Darstellung des hannoverschen Politologen Walter Grode wird der Nationalsozialismus als moderne Gegenutopie begriffen, deren Konzept Modernisierung durch Destruktion war. Der Autor verweist auf den politisch-pseudoreligiösen Glauben an die mögliche Perfektionierung der "Volksgemeinschaft" hinsichtlich allgemeiner Volksgesundheit, sozialer Hygiene und rassischer Homogenität. Die, die diesem inhumanen Ideal nicht entsprachen, wurden ausgegrenzt und ausgemerzt, im übrigen eine ungeheuerliche Zahl, wie <die neuesten Forschungsergebnisse beweisen.

Grode folgt diesen Ergebnissen und stellt die Verschränkung von Moderne und Vernichtung dar am Beispiel der Konzentrationslager, der Judenvernichtung, der Judenvernichtung, der Sozialpolitik und des Genozids an den "Asozialen", der Euthanasiepolitik und des Rassenkriegs. Die entscheidende Frage des Autors aber lautet, ob der Moderne ein prekäres "Kippverhältnis" inhärent ist, bei dem Zivilisationsbruch und Barberei, Modernisierung und Zerstörung nebeneinander stehen. Besteht die Gefahr, daß insbesondere nach dem Zusammenbruch des durch den Ost-West-Konflikt festgefügten politischen Koordinatensystems das "Dritte Reich" in anderer Kostümierung und unter anderen ideologischen Vorzeichen sich wiederholt? Oder erleben wir das im Augenblick schon mit Blick auf Jugoslawien? Hannah Arendt, die Deuterin der Verwerfungen unseres Jahrhunderts, hat vom Groll der technisierten Welt gegen das gesprochen, was Menschen nicht gemacht haben und nicht machen können und von dem sie doch immer abhängig bleiben. Die zivilisatorische Allmacht richtet ihren Groll gegen das Fremde, weil in ihm die Begrenztheit der menschlichen Macht ihre ständige Mahnung erfährt. Als sehr konzentrierte Darstellung der nationalsozialistischen Realität und Inhumanität ist die Arbeit Grodes ein sehr lesenswerter Überblick. Der Verlag (Peter Lang, Frankfurt/M., Bern, New York) will aber anscheinend mit seiner absurden Preisgestaltung (64.- DM) verhindern, daß das (inzwischen vergriffene, W.G.) Buch Leser gewinnt."

Dieter Aschenbrenner (Lutherische Monatshefte, 6/1995)

Walter Grode

RASSENIDEOLOGISCHE MODERNISIERUNG DURCH ABTRENNUNG UND ZERSTÖRUNG GESELLSCHAFTLICHER PHERIPHERIEN

(in: Ders. "Nationalsozialistische Moderne". (Frankfurt a.M. 1994), Einleitung)

Das vielleicht größte Paradox des antimodern-modernen Nationalsozialismus liegt offenbar darin, daß er die Moderne denunzierte und die Ängste der tatsächlichen oder vermeintlichen Modernisierungsverlierer auf das Phantom einer jüdischen Rasse projizierte, um sodann der jüdischen Bevölkerung mit juristischen und bürokratischen Mitteln und allem >jüdischen<1 innnerhalb der >Volksgemeinschaft< mit einer modernen Sozialtechnologie zu Leibe zu rücken.

Der Nationalsozialismus identifizierte die Juden mit Modernismus, Kapitalismus und Verstädterung. Soziale Schichten, die von den krisenhaften Veränderungen betroffen waren, sahen in dieser Entwicklung ebenso wie religiöse Fundamentalisten und Konservative einen Bruch mit der Tradition, die Zerstörung des traditionellen Lebensstils und die Vernichtung der Werte, die Deutschland Stabilität und seine grundlegende Besonderheit verschafft hatten. Die Juden galten als die Pioniere der Veränderung und des Bruchs mit der Tradition; sie wurden als die eigentlichen Nutznießer des >Weimarer Systems< betrachtet.

Zudem hatte sich bereits seit der Jahrhundertwende in Opposition zu Industrialisierung und Säkularisierung eine >völkische Bewegung< herausgebildet, die in ihren Schriften die Verantwortung für die >Zersetzung< des deutschen Lebensstils weitgehend oder sogar in erster Linie den Juden zuschrieb. Auch hieran konnten die Nationalsozialisten mit ihrer antimodernen Gegenutopie, die ich als "Nationalsozialistische Moderne" kennzeichnen möchte, unmittelbar anknüpfen.

"Nationalsozialistische Moderne" in diesem Sinne, heißt weder Effektivierung des seit Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Modernisierungsprozesses in Deutschland, noch seine De-Konstruierung. Dennoch war sie ein Produkt, eine Möglichkeit dieses Prozesses. Seit 1933 wurde aus diesem stets möglichen Sonderweg eine >Straße des Führers<.

Daß aus dieser antimodernen Utopie ein nationalsozialistisches Konzept der Modernisierung durch Destruktion wurde, lag in dem wahnhaft-utopischen Charakter des Projekts, eine "ideale" und zudem antihistorische Gemeinschaft herbeizwingen zu wollen. Deshalb war in der neuen nationalsozialistischen Welt, die die Natur (und die Nation) zur neuen politischen Religion gemacht hatte und beseelt war vom Glauben an Perfektion und quasi-paradiesische Vollkommenheit, an eine allgemeine Volksgesundheit, an soziale Hygiene und rassische Homogenität, kein Platz für politische, rassische und soziale Außenseiter.

Was auf diesem Wege zur Gemeinschaft störte, real oder vermeintlich, wurde zum Gegenstand des Ausgrenzungs- und letztendlich des Vernichtungswillens. So richtete sich die Politik der gewaltsamen Geburtenverhütung (Sterilisation, Kastration, Abtreibung, Eheverbot) nicht nur gegen psychisch Kranke und geistig Behinderte, sondern auch gegen Körperbehinderte, Alkoholsüchtige, Hilfsschüler, Wohlfahrtsempfänger, Fürsorgezöglinge, Strafgefangene, Prostituierte, Homosexuelle, Schwarze, Juden, Sinti und Roma, slawische Fremdarbeiterinnen.

Die sog. "Euthanasie" 2 bezog - neben deutschen, jüdischen, polnischen und russischen Psychiatriepatienten - jüdische und >asoziale< KZ-Häftlinge, Bewohner von Arbeits- und Bewahrungshäusern, Fürsorgeeinrichtungen und Altersheimen, körperlich und psychisch kranke Fremdarbeiter mit ein.

Den Massenmorden der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion fielen gleichermaßen Partisanen, Kommunisten, Juden, Sinti und Roma, >Asoziale< und psychisch Kranke zum Opfer.

In der Ausgrenzung und Vertreibung der Juden, der Sinti und Roma, der psychisch Kranken und geistig Behinderten, der >Gemeinschaftsfremden< und der >Fremdvölkischen< gab es so starke Berührungspunkte und Verbindungslinien, daß es durchaus gerechtfertigt erscheint, sie als Gesamtkomplex zu betrachten.

Alle diese Ausgrenzungs- und Vernichtungsaktionen deuten auf einen gemeinsamen Kern: die Schaffung und Aufrechterhaltung einer modernen Volks-, Leistungs- und Kriegsgemeinschaft. Erreicht werden sollte dies stets durch die gewaltsame Abtrennung der als krank denunzierten rassischen, politischen, sozialen und später auch der geographischen Peripherie vom "gesunden Kern" des deutschen Zentrums. Durch diese Konzeption der Modernisierung durch Vernichtung sollte das eigentliche Zentrum von "Ballast" befreit und mit neuer Energie gespeist werden.

Wer einmal auf der Seite des >Jüdischen<, des politisch oder sozial >Gemeinschaftsfremden< eingestuft worden war, für den gab es in der Regel kein Entrinnen, der geriet unweigerlich in den Sog des Konzentrationslagersystems. Ansonsten aber wurden die rassen- und sozialbiologischen Grenzen zwischen >krank< und >gesund< vom Zentrum her, stets neu gezogen und während des Krieges wurde z.B. zugunsten der Kriegswirtschaft die neue Kategorie der >Fremdvölkisches< eingeführt. So waren diese Grenzen für die >Volksgenossen< zwar stets erkennbar, aber nie sicher. Stets hatten sie sich zumindest als >nicht-jüdisch< zu bewähren.

Der Nationalsozialismus leitete damit einen "deutschen Sonderweg" im Umgang mit gesellschaftlichen Randgruppen ein. Indem er nicht nur alle als >jüdisch< abgestempelten Elemente, sondern darüber hinaus sämtliche nicht integrierbaren Gruppen gewaltsam aus seinem Konzept ausschloß, ebnete er insbesondere der zweiten Generation der NS-Planungs- und Funktionseliten den Weg, die sich auf das "Social engineering" auf der Grundlage der rassistischen Gesellschaftsbiologie verlegt hatte. Auf diese Weise wurden im staatgewordenen Rassismus der Nationalsozialisten die inhumanen Entwicklungspotentiale der Wissenschaften vom Menschen und der ihnen zugeordneten Professionen freigesetzt.

Besonders augenfällig wird die an dem, von einigen Historikern (inzwischen für die gesamte Zeit des Nationalsozialismus und für sämtliche Ausgrenzungs- und Vernichtungsaktionen) "entdeckten", nationalsozialistischen Projekt der Herstellung einer idealen Volksgemeinschaft durch die gewaltsame Lösung der "sozialen Frage". Fast alle der diskriminierten Gruppierungen fanden sich früher oder später in den Konzentrationslagern. Die farbige Kennzeichnung der Häftlingskategorien in diesen Lagern war der wohl der sichtbarste Ausdruck für das Ineinandergreifen der verschiedenen Verfolgungsmaßnahmen.

Mit Kriegsbeginn und der deutschen Herrschaft in Polen kam es zu einer weiteren Radikalisierung der Lösungsperspektiven. Das Beispiel der deutschen "Euthanasiepolitik" in Polen zeigt, daß dort die Vernichtung geradezu zur Vorbedingung der nationalsozialistischen Modernisierung wurde. Diese Handlungsspielräume der rassistischen Gesellschaftsbiologen waren jedoch durch den Kriegsverlauf entscheidend eingeengt. Denn sobald sich die Aussichten auf einen schnellen Sieg über die UdSSR verschlechterten, kam Hitler wieder auf seine ursprüngliche Prophezeiung zurück, daß er, im Falle eines Scheiterns seiner Kriegspläne, Rache an den Juden nehmen würde. Das führte zuerst in der Sowjetunion zurück, zu einer Politik der rassenideologischen Destruktion, die allerdings durchaus mit "traditionellen" Herrschaftskonzepten vereinbar war und schließlich zur systematischen Deportation und industriellen Vernichtung der mittel- und westeuropäischen Juden.

Unter diesem Blickwinkel läßt sich der Zeitraum von 1933 bis 1941 als die Phase der bürokratisch-juristischen und sozialtechnologischen Formung des NS-Volkskörpers interpretieren: Hier hinein gehören insbesondere die Vernichtung der politischen Opposition; die Boykotte, >Arisierungen< und Zwangsauswanderung der jüdischen Bevölkerung; die Maßnahmen gegen soziale Außenseiter und schließlich der Genozid an den psychisch Kranken und geistig Behinderten.

Im Unterschied zu diesen Maßnahmen zur rassenbiologischen und sozialtechnologischen Homogenisierung des >Volkskörpers< bis hin zum "Euthanasieprogramm", gehörten Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung inhaltlich und zeitlich nicht mehr zur Phase der "Nationalsozialistischen Moderne". Diese war beendet, sobald Hitler Zweifel an einem schnellen Sieg überkamen und statt des "ganz großen Wurfs", lediglich noch das rassenideologische Kern- und Restprogramm der Vernichtung des jüdischen Volkes realisiert werden konnte.

Nicht erst jüngere soziologische Untersuchungen zur Ambivalenz der Moderne, lassen Zweifel aufkommen, ob die Möglichkeit des Zivilisationsbruch ein für allemal gebannt ist. So bestand und besteht offenbar eine grundlegende innere Verknüpfung von NS-Völkermord, Moderne und Zivilisation. Diese Perspektive, die von neueren Untersuchungen zur Psychologie des Völkermordes und zum Verhältnis von "Holocaust" 3 und Moderne gestützt wird, erschüttert unser Bild der Moderne in seinen Grundlagen. Denn nach wie vor sind wir es gewohnt, die Moderne als einen Zivilisationsprozeß zu deuten, in dem Gewalthandeln tabuisiert ist, Affektkontrolle und Selbststeuerung herrschen und in dem der "Einbruch" von Destruktivität den Rang einer Normabweichung besitzt. Es scheint jedoch vielmehr so, als seien nicht nur die Konzentrationslager, sondern auch die Todesfabriken eine der Moderne stets inhärente Möglichkeit. Und vielleicht war sogar der "Holocaust" das Resultat eines einzigartigen Zusammentreffens im Grunde normaler und gewöhnlicher Faktoren.

So stand selbst die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik dem ubiquitären Phänomen der "zivilisierten Aggression" - die sich gegen alles zu richten scheint, was Menschen nicht gemacht haben und nicht machen können und von dem sie doch immer abhängig bleiben - sehr viel näher, als wir es heute wahrhaben wollen. Und vielleicht ist es die innere Dynamik unserer hochentwickelten Zivilisation selbst, die den Groll gegen alles Fremde erst ständig von neuem erzeugt und unterhält. Dann wären es nicht die Mißerfolge der Modernisierung allein, sondern vielleicht noch mehr die zivilisatorischen Fortschritte und Erfolge, die für das Ansteigen der xenophoben Gewalt verantwortlich zu machen sind.

ANMERKUNGEN

LITERATUR

Jäckel, E. u.a. (Hrsg.), (1993), Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, 3 Bde., Berlin

Klemperer, V. (1985), L T I (Lingua Tertii Imperii, Sprache der Dritten Reichs). Notizbuch eines Philologen, Fankfurt/M.

Mitscherlich, A./ Mielke, F. (Hrsg1983), Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Frankfurt/M.

Wulf, J. (1983), Presse und Funk im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Frankfurt/M. / Berlin / Wien

[...]


1 Mit den im folgenden verwendeten pfeilförmigen Anführungszeichen verweise ich auf die Übernahme nationalsozialistischer Termini (vgl. hierzu Wulf 1963) und zugleich auf Distanzierungen (vgl. Klemperer 1985, insbes. S. 78ff.).

2 Die erste industriell betriebene NS-Mordaktion, die vom Frühjahr 1940 bis zum Sommer 1941 praktizierte Vernichtung von Insassen der Heil- und Pflegeanstalten, die von den nationalsozialistischen Machthabern als Vernichtung >lebensunwerten Lebens< bezeichnet wurde, ist 1946 vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg im sog. Ärzteprozeß als "Euthanasie" bezeichnet worden (vgl. Mitscherlich/Mielke 1983, S. 183). Der Begriff "Euthanasie" (griech. = schöner Tod) umfaßt jedoch ursprünglich und auch im medizinischen Sinne alle Formen von "Sterbehilfe" und bezieht sich keineswegs auf gewaltsame Lebensvernichtung. Wenn dennoch im folgenden für die nationalsozialistischen Mordaktionen in den psychiatrischen Anstalten die Bezeichnung "Euthanasie" verwandt wird, so geschieht dies, weil der Begriff weitgehend in die Literatur eingegangen ist.

3 Wenn im folgenden des weiteren das Wort "Holocaust" verwandt wird, so geschieht dies ebenfalls im Bewußtsein einer problematischen Wortwahl (vgl. Jäckel u.a. 1993,S. XVIIf.). Im Deutschen verbreitete sich die Bezeichnung erst nach der Ausstrahlung des amerikanischen Fernsehfilms "Holocaust" im Januar 1979. Das Wort selbst stammt aus der Bibel und bezieht sich auf den Sohn Abrahams, der Gott zum Opfer dargebracht werden sollte. Es genügt, die Geschichte zu lesen (Moses I, 22 und 1. Samuel 7, 9), um zu erkennen, daß dieses Wort im Zusammenhang mit der Vernichtung der europäischen Juden nicht nur unangemessen, sondern geradezu anstößig ist. Aber selbst im übertragenen Sinn ist das Wort untauglich, da es inzwischen auch in anderen Bezügen benutzt wird, wie "der atomare Holocaust", "der ökologische Holocaust" und so weiter. Aus diesen Gründen erscheint das Wort durchaus ungeeignet. Andererseits hat es sich in vielen Sprachen durchgesetzt, und es ist ganz unbestreitbar, daß viele andere Begriffe wie etwa "Antisemitismus" einen gleichfalls höchst unsinnigen Ursprung haben und doch allgemein verwandt werden. Inzwischen und zumal nach dem Film von Claude Lanzmann ist zwar auch das Wort "shoa" international üblich geworden. Es kommt jedoch ganz aus der Sichtweise der Opfer und sollte im Land der Täter m.E. nur in begründeten Ausnahmefüllen verwandt werden.

Details

Seiten
10
Jahr
1994
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109458
Note
Schlagworte
NATIONALSOZIALISTISCHE VOLKSGEMEINSCHAFT Rassenideologische Modernisierung Abtrennung Zerstörung Peripherien

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