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Soyinkas Gefängnistagebuch als historische Quelle zum Nigeria der 1960er Jahre

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Afrikawissenschaften - Komparatistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was der „tote Mann“ von Nigeria erzählt

Entstehung des Tagebuchs – Soyinka in Haft

Soyinkas Bildung und Begrifflichkeiten

Dichter in Opposition – Soyinkas und die Politik

Resümee

Literatur

Einleitung

Das Gefängnistagebuch, das im 20. Jahrhundert zu einem eigenen Genre wurde, ist als belletristisches, zugleich aber autobiografisches Zeugnis auch für Historiker durchaus interessant. Freilich dominiert hier das Interesse, was sich an historischen Anhaltspunkten aus dem Text herauslesen lässt.

Ich will in dieser Arbeit versuchen, den Gang der Ereignisse und die Probleme im Nigeria der sechziger Jahre so nachzuzeichnen, wie sie sich im Spiegel des Gefängnistagebuchs „Der Mann ist tot“ darstellen. Denn mit Wole Soyinka ergreift hier ein afrikanischer Intellektueller das Wort, der Augenzeuge der Umwälzungen und Kontinuitäten in der zweiten Hälfte der 1960er war und sie uns quasi „von innen heraus“ schildert. Gleichzeitig war er politisch engagiert, ohne jedoch nach einem Posten im Regierungsapparat zu streben, ja solche Anträge seitens seiner Genossen gar ablehnte.

Um Soyinkas Darstellung der Ereignisse – das Zeugnis eines weltweit beachteten Literaturnobelpreisträgers (1986), dessen Wort ein breites Publikum erreicht - chronologisch und systematisiert wiederzugeben, verzichte ich weitgehend auf eine vergleichende Quellenanalyse. Als ganze, soll diese Arbeit einen wissenschaftlichen Vergleich von Soyinkas Darstellung mit anderen Arbeiten zur (Vor-)Geschichte der Militärherrschaft und dem Bürgerkrieg in Nigeria erleichtern – vom Ansatz und Umfang her aber, kann dieses Unterfangen hier nicht realisiert werden.

Zunächst will ich auf die politische Gemengelage und Kräfteverhältnisse in Nigeria eingehen, wie sie sich in der Erzählung Soyinkas darstellen. Diese Schilderung in „The Man died“ kreist um den Biafra-Krieg, der zur Zeit, da das Buch geschrieben wurde, in vollem Gange ist. Anschließend komme ich auf die Haftbedingungen zu sprechen, die der Oppositionelle beschreibt. In der zweiten Hälfte versuche ich, Soyinkas Gedanken- und Begriffswelt in Schwerpunkten zu skizzieren und zu kontextualisieren, die in nicht unbedeutendem Maße von europäischen Vorstellungen geprägt ist. Abschließend wende ich mich den politischen Analysen der „radikalen Opposition“ zu, der sich auch Soyinka zurechnete, und die weder in historischen Darstellungen, die sich an „ethnischen Grenzverläufen“ orientieren, Eingang gefunden, noch auf politischer Ebene nachhaltige Wirkung gehabt hat – ein Stück vergessener Geschichte.

Was der „tote Mann“ von Nigeria erzählt

Es ist schwer zu sagen, wann die Krise Nigerias begonnen hat: 1966 mit dem Putsch junger Offiziere am 15. Januar, im April 1967 mit der Sezessions-erklärung „Biafras“, 1963 mit der umstrittenen Volkszählung unter der ersten nigerianischen Zivilregierung, oder bereits in den Jahren vor der Unabhängigkeit[1]. Wole Soyinka liefert in seinen autobiografischen „Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“ ein komplexes Netz von Verweisen und Hinweisen, die häufig durch die Fußnoten der Übersetzer ergänzt und konkretisiert werden[2].

Die Jahre des Umsturzes und der Militärdiktatur, die das politische Leben in Nigeria bis 1999 kennzeichnen sollten, brachen für alle Welt offensichtlich am 15. Januar 1966 an. An diesem Tag wurden Akintola, Premier der Western Region, und Bello, Sardauna von Sokoto, getötet[3], ebenso wie der Premierminister Nigerias, Balewa[4]. Aus diesem blutigen Aufbegehren junger Offiziere entwickelte sich eine Dynamik, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er in Gegen-Putschen, Massakern und einem Bürgerkrieg manifestierte. Diese Zeit bezeichnet Soyinka als „Feuertaufe Nigerias“[5], bezieht dabei aber das Jahr 1965 explizit mit ein.

Schon seit 1960 hat es immer wieder harte Auseinandersetzungen gegeben, die die Legitimität der Zivilregierung unter Premier Balewa sukzessiv untergruben: 1963 wurde gegen führende Mitglieder der v.a. in der Western Region verankerten Action Group, die sich in der parlamentarischen Opposition befanden, ein „Hochverratsprozeß“ eröffnet – darunter fanden sich Awolowo, Tarka und Enahoro[6]. Gewiss finden diese drei Politiker, die während der „Action-Group-Krise“[7] inhaftiert worden waren, bei Soyinka Erwähnung, weil sie vom Militärregime unter Gowon nicht nur freigelassen, sondern sogar in die Regierung aufgenommen wurden[8]. Im Jahr darauf, 1964, führten die Gewerkschaften einen Generalstreik durch, der mit Hilfe der Armee unterminiert wurde[9]. Nach einer umstrittenen Regionalwahl kommt es 1965 im Westen zu blutigen Ausschreitungen[10]. Im Zuge dieser Ereignisse meldete sich Soyinka im Rundfunk von Ibadan zu Wort und protestierte öffentlich gegen das staatliche Regime[11] – dafür, den „Überfall auf eine Radiostation“, wird ihm im November 1965 der Prozess gemacht[12]. Diese Aktivitäten kontextualisiert Soyinka als „Kampf gegen die Tyrannei in den frühen sechziger Jahren“[13], die zu „großen Teilen von Polizisten und Offizieren unterstützt“ worden seien[14].

Besonders für die Western Region stellt sich der Coup vom 15. Januar als Höhepunkt einer radikalen Opposition[15] dar. Denn aufgrund ihrer zentralen Rolle beim Wahlbetrug im Herbst 1965 hat niemand „mehr Vertrauen zu den Gerichten.“[16] Die Opposition, der Soyinka angehörte, kritisierte nicht nur, „daß immer wieder vom Norden gelenkte Regierungen an der Macht waren“[17], sondern auch dass sich Politiker „nie eingestehen, wenn ihre Zeit vorbei ist“[18], wie es der Umstürzler und erste Militärgouverneur des Westens, Fajuyi, formulierte. Im Januar 1966 wurde der „selbsternannte Faschist“ Fani-Kayode im Westen mitsamt seiner NNDP (Nigerian National Democratic Party) gestürzt[19].

So war es die Opposition, die einem „anderen militärischen Einschreiten zuvorkam, das die feudalistische Mafia-Allianz zwei Tage später hatte stattfinden lassen wollen.“[20] Zu dieser reaktionären „Allianz“ gehörten unter anderen die getöteten Politiker Akintola und Bello - Balewa hatte diese Pläne gebilligt[21]. Das Eingreifen der Armee breitete sich als „Aufstand im Westen“ aus – „Bis auf Ibadan war jede Stadt gefallen.“[22] – und „wäre im Laufe weiterer zwei Wochen vollendet worden.“[23] Doch das politische Establishment versammelte sich in Kaduna und holte zum „militärischen ‚Gegenschlag’“ aus, „der darin bestand, den Notstand auszurufen und gnadenlos jeglichen Widerstand gegen die verhaßte Tyrannei auszurotten.“[24]

Im Ergebnis dieses Kräfteverhältnisses hatte man mit Generalstabschef Ironsi einen „Repräsentanten des Establishments“[25] an der Spitze der Militärregierung. Seine politische Haltung sollte sich in den folgenden drei Monaten klar zu Ungunsten der Opposition ändern[26], und auch auf regionaler Ebene stand es in der Verwaltung nicht zum Besten. Soyinka beschreibt Fajuyi die schlechten Aussichten anhand der übrigen Militärgouverneure: „‚Der zeremoniöse Stutzer, der den Osten verwaltet [Ojukwu], oder dieser Polo spielende Trunkenbold aus dem Norden [Hassan]? Und von eurem Mann im Mittleren Westen halte ich auch nicht viel.’“[27] „Einzig der Westen blieb den Idealen der Revolution [vom 15. Januar] treu verhaftet. Dort wurde die Wiedergutmachung kompromißlos und in aller Öffentlichkeit durchgeführt.“[28] Beiden ist klar, dass die radikale Opposition noch nicht sehr weit damit gekommen ist, so Soyinka, „etwas herzustellen, was auch nur annähernd einem sozialistischen Staat ähneln könnte“[29]: „‚... wir haben doch gerade erst angefangen!’“[30]

Im Mai 1966 erließ Ironsi das sogenannte „Unification Decree“, Decree No. 34, mit dem er „die teilweise Autonomie der einzelnen Regionen aufhob“[31]. Soyinka sieht darin einen mehrerer Wege, die „korrupte und aufufernde Bürokratie zu bekämpfen, den Tribalismus auszumerzen und ein für alle verbindliches Nationalgefühl zu erzeugen“[32]. Damit stellte sich Ironsi gegen die „feudalistischen Monopolherren im Norden und jene dünkelhaften Funktionäre im ganzen Land, die die Auflösung der dem Prestige förderlichen und überbezahlten Posten im öffentlichen Dienst befürchteten.“[33] Damit evozierte der Militärgouverneur aber auch „ernstgemeinte Befürchtungen [...] eine[r] Vorrangstellung für die Ibo“[34], die „der alte Norden“[35] derart schürte, dass es im Norden noch im Mai zu Pogromen gegen Ibo kam[36]. Der „Massenmord [Ende Mai 1966] war das Mittel zum Zweck, Untersuchungen über unrechtmäßige Bereicherung zu unterbinden.“[37] Diese mörderische machtpolitische Taktik der Einschüchterung und Eskalation wurde im September 1966 wiederholt, und diesmal nicht nur im Norden, und nicht nur gegen Ibo, sondern auch gegen die Oppositionellen vom Januar, „um die Gefahr der ewigen überregionalen Einmischung in die Angelegenheiten dieser Brutstätte aller reaktionären Verschwörungen ein für allemal zu bannen“[38] – Soyinka beziffert die Toten auf 50.000[39].

Spätestens zu diesem Zeitpunkt distanzierte sich Ironsi von jener radikalen Opposition in der Armee und in der Bevölkerung, die sich im Januar an die „Zerstörung des Vergangenen“[40] gemacht hatten. Fajuyi charakterisiert Ironsis Haltung so: „er macht sich nicht gerne die Leute, die einen Namen haben, zum Feind.“[41] Es kursieren sogar „Gerüchte über bevorstehende Gerichtsverfahren, sogar Andeutungen über geheime Hinrichtungen der Anführer des Staatsstreichs vom Januar 66.“[42] Ende Juli 1966 kam es dann zum erfolgreichen Gegen-Putsch der alten Kräfte – mehrere hundert Offiziere und Soldaten, darunter auch Ironsi und Fajuyi, wurden getötet, andere mussten fliehen[43]. Entgegen der üblichen Darstellung (29.7.), beharrt Soyinka darauf, dass der Putsch bereits am 27. Juli 1966 begonnen hatte[44]. Der Oberstleutnant Gowon, ernennt sich am 31.7. zum Oberbefehlshaber der Armee und Regierungschef Nigerias[45]. Gowon entlässt die Mitglieder der Action-Group aus dem Gefängnis, während die Ibo nach den Massenverhaftungen vom Frühsommer 1967[46] auch in der „Untersuchungshaft“ - das heißt schlicht ohne Urteil inhaftiert - als ethnische Gruppe durch unmenschliche Haftbedingungen und weiße Folter diskriminiert werden[47].

Die Progrome, und ihre Nicht-Ahndung, hatten einen „Exodus der Ibo“[48] zur Folge: etwa 1,5 Millionen Menschen flohen[49]. Soyinka weist darauf hin, dass die blutigen Ausschreitungen im Herbst 1966 nicht „‚spontan’ stattgefunden“[50] haben. Die Situation hatte derart institutionalisiert, dass etwa die Ermittlungen gegen zwei Soldaten wegen der Ermordung des „Ibo-Photographen Emmanuel Ogbona“[51] eingestellt wurden und also, so formuliert es Soyinka in einem Brief vom September 1967, „eine Gruppe innerhalb der Nation stillschweigend als außerhalb der Gesetze stehend erklärt wird“[52], indem Gowon „die Gerichte außer Kraft“[53] setzte.

Im April 1967 deklariert der Militärgouverneur des Ostens, Ojukwu, die Unabhängigkeit seiner Region[54] unter dem Namen „Biafra“: „Der Schmerz über die Ereignisse im Norden hatte den Radikalismus des Ostens nach innen gekehrt“[55]. Ojukwus Truppen dringen in den Mittleren Westen ein, der Krieg beginnt im Juni - im November hat die Zentralregierung den Mittleren Westen vollständig zurückerobert. Im Gefolge der Mobilmachung, kommt es im Sommer 1967 zu Massenverhaftungen von Ibo und Sympathisanten, so dass die Gefängnisse überquellen[56]: „Es genügte, die Terrormaßnahmen mißbilligend zu betrachten.“[57] Ein Polizeibeamter beschreibt den Staatsterror dieser Zeit im Dezember 1969 wie folgt: „Es hat sich eben damals alles etwas verselbständigt.“[58]

Spätestens mit dem Biafra-Krieg verwandelt die Militärjunta unter Gowon Nigeria in „das größte Sicherheitskräftesystem des Kontinents“[59], das Soyinka zu Anfang seiner „Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“ mit der Diktatur des griechischen Obristenregimes vergleicht[60]. Dem Gefängniswärter Ambrose stellt sich die Situation 1968 so dar: „Jeder kann aus politischen Gründen eingesperrt werden. Sie [Soyinka] können morgen schon Premierminister sein.“[61]

Im übrigen bietet der Kriegszustand Gelegenheit, individuellen Karrieregelüsten mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen – Soyinka erwähnt ein Beispiel aus dem öffentlichen Dienst, wo eine „inoffizielle Jagd“[62] veranstaltet wurde. Pogrome bleiben auch die folgenden Monate eine kapitale Handlungsoption: im August 1968 kommt es in Kano zu Ausschreitungen gegen Leute aus dem Süden, bzw. gegen Fremde überhaupt, denn auch Menschen aus dem Tschad (das heißt vor allem Soldaten) waren betroffen. „Das gegen sie vorgebrachte Argument lautete, daß sie sich der Positionen bemächtigt hätten, die vorher von Ibo eingenommen worden waren.“[63] In Kaduna, der Hauptstadt der Western Region, konnte das Progrom vom Militärgouverneur durch die Verhängung des Ausnahmezustands verhindert werden[64].

Zu Beginn habe die Militärdiktatur ihre Gründe gehabt, doch seit dem Bürgerkrieg hat sie in Soyinkas Augen jede Legitimität eingebüßt, weil die nur mehr dem persönlichen „Zuwachs an Macht auf Kosten des allgemeinen Leids“ diene.[65] Bereits in den Jahren 1968/69 trifft Soyinka auch auf Sicherheitsbeamte, die mit der Staatsführung hochgradig unzufrieden sind[66] bzw. jedes Vertrauen in deren Stabilität verloren haben[67]. Nun, dies schreibt er im Dezember 1971, werden „die schlimmsten Exzesse der Zivilregierung von vor 1966 bei weitem“ übertroffen[68]. Das Maß „an dummer Arroganz, Unterdrückung, Korruption“[69] veranschaulicht der Autobiograf am Beispiel der Hochzeit von „Yakubu Nero Gowon, der sich inmitten der reaktionären Elemente der Nichtstuerklasse unseres Landes die Zeit vertrieb, während das ganze Land in Flammen stand.“[70] Dabei kritisiert Soyinka vor allem die „feudal-dynastische Mentalität [... und den] trunkene[n] Größenwahn der Macht“[71]. Und weil er sich öffentlich und wiederholt gegen den Krieg aussprach, wird er im August 1967 für gut zwei Jahre inhaftiert – ohne Urteil oder Haftbefehl[72].

Aber schon vor Juni 1967 muss die persönliche Diktatur Gowons unverhohlen Form angenommen haben, denn Soyinka berichetet als Augenzeuge davon, „wie auf einer Straßenkreuzung Gowons Autokolonne anhielt, seine Leibwächter hinaussprangen und einen Autofahrer im Rinnstein zusammenschlugen, weil er nicht schnell genug auf die Warnung der Sirenen reagiert“[73] und die Straße frei gemacht hatte.

Im Oktober 1969 wird Soyinka wird nach 27 Monaten zu einem Zeitpunkt aus der Haft entlassen, als die militärische Niederlage der Sezession im Osten bereits unausweichlich war – Ojukwu ging 1970 ins Exil[74]. Gowon selbst wird 1975 durch einen Putsch gestürzt, aber noch 1983 muss Soyinka konstatieren, dass sich an der politischen Verfassung Nigerias seit Anfang der sechziger Jahre nichts geändert hat.

Entstehung des Tagebuches – Soyinka in Haft

Wole Soyinka, 1934 in Westnigeria als zweites von sieben Kindern eines Schulrektors geboren, arbeitete in den 1960er Jahren als Dramaturg und Dozent in Ife, Ibadan, Lagos, bevor er 1967 eine Professur an der Universität von Lagos angetragen bekam. Die Stelle konnte er aufgrund seiner Inhaftierung durch das Gowon-Regime nicht antreten. Nach seiner Freilassung im Oktober 1969 wurde er zum Professor in Ibadan berufen. 1972, dem Jahr der Erstveröffentlichung seines Gefängnistagebuchs, verließ er Nigeria und lebt heute in Kalifornien (USA).[75]

Am Tag seiner Verhaftung, dem 17. August 1967[76], war Soyinka – politisch betrachtet – längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Bereits 1965 musste er sich vor Gericht für den „Überfall auf eine Radiostation“ verantworten. Nach umstrittenen Regionalwahlen im Westen Nigerias hatte er gegen die Zivilregierung unter Balewa protestiert.

Außerdem hatte er mit den Aufständischen vom 15. Januar in engem Kontakt gestanden. Gleichwohl er sich vom Staatsapparat fernhielt, teilte er die Anschauungen der Entschlossensten: Agbam, Alale, Banjo[77], Fajuyi, Ifeajuna, ... Diese nämlich hatten, sofern sie noch am Leben waren, ihre Aktivitäten auch 1967 noch nicht aufgegeben.

Soyinka selbst war es unmöglich, angesichts des Bürgerkriegs nicht zu intervenieren. So traf er sich am 6. August 1967 nicht nur mit dem Sezessionistenführer Ojukwu[78], sondern verlangte noch als er bereits in Händen der „Abteilung E“ war, den Regierungschef Gowon zu sprechen[79].

Die offizielle Begründung für insgesamt 27 Monate „Untersuchungshaft“, davon 24 in Isolationshaft[80], lautete, Soyinka habe „Flugzeuge für Ojukwu kaufen wollen“[81] und sei „‚in die Spionagetätigkeiten für den Rebellenführer Odumegwu-Ojukwu gegen die Militärregierung verstickt“[82], wie Informations-minister Enahoro Ende Oktober 1967 verlautbarte. Tatsächlich dürfte sein entschiedenes öffentliches und publizistisches Auftreten gegen die mili-tärischen Auseinandersetzung in Nigeria ausschlaggebend gewesen sein.

Soyinka wird in Ife verhaftet und unter Protest nach Lagos gebracht – und zwar in die berüchtigte Dodan-Kaserne, den Amtssitz Gowons. In „dieser sechsstöckigen Festung“[83] finden auch die Verhöre statt[84].

Nach den Verhören[85] wird er noch im August 1967[86] in das Gefängnis Kiri-Kiri (Lagos) überführt. Dort wurde der prominente Gefangene in einem Block mit 10-12 Zellen untergebracht, wo unter 30 Häftlingen etwa 20-25 „politische“ einsaßen. Privilegien konnten sich nur zwei Offiziere und „ein früheres NNDP-Mitglied“[87] erhoffen.[88]

Aus dem Gefängnis heraus, kann er noch Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen, dementiert Gerüchte etc. und erhebt politische Anklagen. In einem Brief vom September 1967, der aber den Militärs in die Hände fällt, geißelt er die „unzähligen Greuel des Völkermords“[89] und fordert Reformen. In der Folge, so legt es Soyinka dar[90], sollte er ermordet werden. Von Unterstützern gewarnt, konnte er jedoch genügend Zeit gewinnen, indem er ein lange Unterredung mit dem Gefängnisdirektor führte, der „nach meinem Dafürhalten von dem Komplott nichts gewußt“[91] hatte. Daraufhin wurde er „in den Hochsicherheitstrakt“[92] verlegt, und die Regierung erklärte, er habe „einen Fluchtversuch unternommen“[93], streite das aber ab – seine Glaubwürdigkeit sollte offenkundig unterminiert werden.

Die internationale Presse berichtet über die Verhaftung Soyinkas[94] – der Informationsfluss liegt jedoch hauptsächlich in Händen des Regimes. Nur anfangs gelingt es Soyinka, Nachrichten nach draußen zu schmuggeln.[95] Doch als er dann zum Jahreswechsel 1967/68 von Lagos nach Kaduna verlegt wird, wo er sich vollkommen isoliert in einem eigenen Hof mit zwei Zellen wiederfindet[96], ist jeder Kontakt abgeschnitten, so dass bis 1969 über seinen Tod gemutmaßt wurde[97]. Im März 1969 befand sich der Oppositionelle seit „achtzehn Monaten“[98] in Haft, „seit fünfzehn Monaten hier in Kaduna in Einzelhaft in Kaduna.“[99]

Im Dezember 1968 besucht ihn der bereits zitierte Sicherheitsbeamte Mallam D., der Soyinka von dessen vermeintlich bevorstehender Freilassung erzählt[100]. Nachdem im Januar klar geworden war, dass er weder unter die „partielle Weihnachtsamnestie“[101], noch unter die „Neujahrsamnestie“[102] fiel, begann Soyinka erneut mit einem Hungerstreik, der mindestens 21 Tage währen sollte[103]. Seinen ersten Hungerstreik hatte Soyinka noch in Polizeigewahrsam im August 1967 begonnen, um dagegen zu protestieren, dass er „mit Werkzeuge[n] von Sklavenhändlern“[104] angekettet wurde. Mit dieser Maßnahme legt die Staatsmacht ihre Mittelalterlichkeit derart offen, dass Soyinka ein „Gefühl der Unwirklichkeit“[105] beschleicht. Außerdem wurden Gefangene, denen im übrigen kaum medizinische Versorgung gewährt wurde[106], zu Arbeiten herangezogen, die Privatinteressen von „höheren Gefängnisbeamten“[107] bedienten.

Geschrieben hat Soyinka seine „Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“ zwischen den Zeilen anderer Bücher[108] und auf sonstigem Material, das er sich in der Isolation beschaffen konnte[109]. Es erscheint als Buch 1972. Der Titel – „The Man died“ - ist einem Telegramm entnommen, das ihn im Dezember 1971 vom Tod des Journalisten Segun Sowemimo unterrichtete, welcher auf Geheiß des Militärgouverneurs des Westens misshandelt worden war[110]. Damit zeigt Soyinka an, dass die Willkürherrschaft des Militärs nicht mit dem Biafra-Krieg ihr Ende gefunden hatte.

Soyinkas Bildung und Begrifflichkeiten

Soyinka, der gewiss zu den bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts in Nigeria gehört, verbrachte seine Kindheit in einem „Pfarreigehöft“[111]. 12jährig, geht er nach Ibadan, um seinen Bildungsweg fortzusetzen, der an der Volksschule begann, der sein Vater vorstand[112]. 1952 schreibt er sich an der University of Ibadan in die Studiengänge Griechisch, Englisch und Geschichte ein und nimmt zwei Jahre darauf ein Studium der Literatur- und Theaterwissenschaft in Leeds (England) auf[113]. 1960, dem Jahr der Unabhängigkeit Nigerias, kehrte Wole Soyinka mit seinem Sohn nach Ibadan zurück und arbeitet nicht nur am Theater, sondern auch beim Fernsehen.[114]

Zahlreiche Spuren der klassischen europäischen Bildungsgeschichte, die er während seiner Studien rezipierte, finden sich auch in den Verweisen in Soyinkas Gefängnistagebuch. Zu den ersten Bücher, die ihn im Gefängnis allerdings nicht erreichen, gehört ein Sammelband „Four Greek Poets“[115]. Im weiteren Verlauf bezieht sich Soyinka auf Kant, Jaspers und Hannah Arendt[116] ; er läßt außerdem Kenntnisse der englischen Klassiker, William Blake[117], und des europäischen Mittelalters, Frischlin[118], erkennen.

Ebenso intensiv wie die Beschäftigung mit der Literatur, dürfte die Auseinandersetzung mit der Philosophie des Alten Kontinents ausgefallen sein. Zu den wichtigsten Begriffen, Instrumenten Soyinkas gehört der der „Nation“. Der Zustand der, und die Aussichten für die nigerianische Nation, ist in vielen seiner Kritiken der Maßstab: Ironsis Korruption „wird die Nation mit in den Schlamassel reißen“, so Soyinka am 26.7.1966[119] ; „Die Wahrheit ist einfach diese, daß sowohl früher wie heute die Nation durch Verrat gedemütigt wurde; dieser wurde von Kräften gefördert [...] die sich nur durch organisierten Terror am Leben erhalten konnten.“[120] ; „eine wahre nationale, moralische und revolutionäre Alternative: Victor Banjos Dritte Kraft.“[121]: „die Einnahme eines Stützpunktes der Rebellen [... ein] Hochzeitsgeschenk! [...] nur der trunkene Größenwahn der Macht konnte einen derart schwülstigen Auswurf über das gesamte Opfer der Nation auskotzen.“[122]

Was heißt das hier, „Nation“? Zunächst einmal wendet sich das Nationalgefühl gegen den „traditionellen“ Tribalismus, der auch in Nigeria ein Charakteristikum afrikanischer Korruption darstellt. Mit den übrigen progressiven Kräften und vor allen Ethnien den Ibo[123], stellte er sich gegen das Fundament der alten Eliten, die bereits von der Kolonialmacht Großbritannien gestützt worden waren. Mit diesem Begriff aber wird auch die Grenze zu den neuen, „unabhängigen“ Herren undeutlicher – so wird er denn auch Gegenstand der Reflexion: Soyinka fragt sich, „ob es die Nation, die sie zu kennen meinen, nicht bloß in ihrem Kopf gibt.“[124] Hier zeigt sich, dass er ein Kollektivsubjekt bezeichnen will, das die Geschichte – ganz im Marx’schen Sinne – gestaltet. „[W]eil sich der menschliche Faktor als bestimmende Größe am ehesten nachweisen läßt,“[125] tendiert Soyinka dahin, den „Begriff ‚Nationen’ durch den der ‚Völker’ zu ersetzen“[126] – diese theoretische Überlegung realisiert er im Fortgang seiner Aufzeichnung allerdings nicht. Schon kurz darauf führt er die Permanenz „alle[r] kolonialistischen Überbleibsel“[127], zu der er auch die „elitäre Form“ der Armee und der Gesellschaft zählt, auf das „Fehlen einer nationalen Selbstbesinnung“ zurück. Letztlich fasst „die Nation“, auch im Sprachgebrauch seiner Mitstreiter[128], nichts weiter als die Allgemeinheit, die gesamte Bevölkerung, diejenigen, die von den Vorgängen im politischen, polizeilichen/militärischen und juristischen Apparat – der klar zu benennende Grenzen besitzt - berührt werden. Demnach teilt Soyinka im Verhör auch das Urteil eines Sicherheitsbeamten nicht, dass die Gründung eines Komitees für ein internationales Waffenembargo „eine recht illoyale Sache“[129] gewesen sei.

Allein aber dass der Krieg im Namen der nationalen Einheit geführt wird, macht diesen gebräuchlichen Begriff zu einem unumgänglichen Problem. Und ist die Nation bzw. der Nationalstaat nicht nur von „(ein[em] weiße[n]) Gott zusammengefügt“[130], müsste man nicht auf „Befreiung von dieser aufwendigen, verdummenden, uns einzwängenden Bürde“[131] drängen? Angesichts der internationalen Machtbeziehungen während des Kalten Krieges[132] sieht sich Soyinka genötigt, den Nationalstaat „als pragmatische Notwendigkeit hinzunehmen.“[133] Doch „[d]er Krieg bedeutet in diesem Zusammenhang eine Untermauerung des Verbrechertums, ein Verinnerlichen jener Wertmaßstäbe, die den Konflikt verursachten“[134].

In der Folge setzt er die beiden Begriffe gleich: „nur eine einzige gemeinsame Definition für ein Volk und eine Nation [...]: eine Einheit von Menschen, die sich durch eine gemeinsame Ideologie verbunden fühlen.“[135] Nur was, wenn dieser – eventuell kleinste – gemeinsame Nenner darin bestünde, dass „eine Gruppe innerhalb der Nation stillschweigend als außerhalb der Gesetze stehend erklärt wird“[136] ?! Das ist für Soyinka nicht akzeptabel, denn er ist davon überzeugt, dass „auch inmitten eines Krieges absolute ethische Maßstäbe existieren müssen“[137]. Diese Maßstäbe bauen sich im Spannungsfeld von Institution/Macht und Individuum auf. Soyinka konstatiert, seine Einzelhaft betreffend: „Es geht nicht darum, ob ich es aushalten kann oder nicht. Die Kernfrage muß lauten: Darf man von mir verlangen, daß ich es ertragen soll?“[138]

Die jeweilige Antwort auf diese Frage ist auch in der Bewertung des Biafra-Krieges von eminenter Bedeutung, denn eines ist Soyinka „[b]estimmt nicht“[139]: Pazifist. Auch ein Krieg kann, „die Grundlagen des Denkens erschüttern und neu gestalten. Nur so ist es möglich, daß jedes Individuum Anteil hat an der sozialen Umwälzung und einen Sinn in den erbrachten Opfern zu sehen vermag.“[140]

In diesem Sinne, auf die Anteilnahme und Einsichtnahme jedes Einzelnen gerichtet, begrüßt Soyinka auch prinzipiell das von Ironsi etablierte Rotationsprinzip für Militärgouverneure. In concreto, in der nigerianischen Politik 1966, besteht für ihn allerdings ebenso die Notwendigkeit, dass die wenigen nicht korrupten, wie Fajuyi, bleiben.[141] Im Zwiespalt zwischen Theorie und Pragmatik, gibt Soyinka immer letzterer den Vorrang – denn es kommt ihm vor allem auf Veränderung der unerträglichen Wirklichkeit an.

Dichter in Opposition – Soyinka und die Politik

Ausgehend von der Nation, der Allgemeinheit, die von unzähligen Individuen gebildet wird, von ihrem Wohl, vergießt Soyinka bittere Tränen über die nigerianische Gegenwart und entwickelt daraus seine scharfzüngige, unbestechliche Kritik an den aufeinander folgenden Machthabern.

Den herrschenden Cliquen attestiert der Dramaturg „arglistige, niedrige, parteiische und engstirnige Ziele“[142], die in ihrer Bedeutung eine „ungeheure Bedrohung für das Nationalgefühl“[143] in dem Sinne darstellen, dass das „Vakuum, was die ethische Grundlage betrifft [...] wird mit einer neuen militärischen Ethik ausgefüllt werden, der der Unterdrückung.“[144] Er bekräftigt dies in universeller Perspektive im Dezember 1971: „In jedem Volk, das sich freiwillig der ‚täglichen Demütigung durch die Furcht’ unterwirft, stirbt der Mensch.“[145]

Wenn Soyinka die Macht und ihre Knechte als bloße „Parodie des ‚Homo dignus’“[146] beschreibt, läßt sich seine politische Zielrichtung erkennen – die in m.E. stark von der europäischen Aufklärung geprägt ist: Wahrheit, das ist ihm kein „dehnbares Wort“[147] ; die „Idee einer gottgewollten Macht“[148] zieht ihn nicht an.

Das „impliziten Prinzipien“[149] für Soyinkas Reflexion über und Intervention in die gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit bildet ein egalitärer Impetus – ein Schlüsselerlebnis soll die vor allem von Frauen getragene Steuerrevolte in Abeokuta (1947) gewesen sein[150]. Der egalitäre (und letztlich aufklärerische) Grundgestus drückt sich aus, nicht nur in seiner regierungsamtlichen Abstinenz[151], sondern auch in seinem Vertrauen zu einer eigenständigen Öffentlichkeit: 1965 macht er den Wahlbetrug im Westen per Radio öffentlich[152], 1967 kritisiert er in Artikeln und Reden die militärische Intervention der Zentralregierung Nigerias[153]. Soyinka zielt dabei immer auf die eigenständige Aktivität der Bevölkerung, auf eine gesamtnigerianische Bewegung und sucht sich Verbündete. In Victor Banjos „Dritte[r] Kraft“[154] findet er die Mitstreiter, um endlich „etwas herzustellen, was auch nur annähernd einem sozialistischen Staat ähneln könnte“[155]. Freilich versucht er auch, bei den Machthabern zu intervenieren – so trifft er sich etwa mit Ojukwu, verlangt Gehör von Gowon und hat wahrscheinlich auch Ironsi persönlich gekannt. Im einem Brief, den er im September 1967 aus dem Gefängnis zu schmuggeln versuchte, fordert der Oppositionelle, dem es auch vor dem Juli 1966 „unangenehm ist, [direkt] im Dienst der Regierung zu arbeiten“[156], eine unabhängige Justiz im Westen und ein Gesetz gegen ethnische Diskriminierung[157].

Außerdem machte sich Soyinka ein eigenes Bild über die Entwicklungen im Land, verfügte er als Intellektueller doch über eine hohe Mobilität. Er versucht im Rahmen seiner Reisen, auch auf die Vorgänge einzuwirken: Kurz vor den Mai-Pogromen 1966 hatte er den Norden bereist und konnte in einem Erfahrungsbericht von Flugblättern berichten, die offen zum Jihad gegen die „‚Ungläubigen aus dem Süden’“[158] aufrufen. Im Frühsommer 1967 reiste er dann nicht nur in den Osten, nach „Biafra“, genauer: Enugu, und wurde auch mit Ojukwu persönlich bekannt[159], sondern versuchte zudem, „die inner- und außerhalb des Landes lebenden Intellektuellen Nigerias zu einer Interessengruppe zusammenzuschließen, die ein totales Waffenembargo für alle Teile Nigerias durchsetzen sollte.“[160]

Vom Gegenteil seines Ideals sieht er sich allerdings umringt – wird doch Nigeria, besonders in Zeiten des Krieges, von einer „feudal-dynastische[n] Mentalität“[161] durchdrungen; das politische Leben prägt ein „trunkener Größenwahn der Macht“[162] und das dazugehörige Lakaientum[163]. Dessen gewahr, lässt sich Soyinka von der „ethnischen“ Tünche nicht blenden und betont, dass die Massaker von individuellen Karrieregelüsten[164] und wirtschaft-lichen Interessen geleitet wurden[165].

Der ungeheuren Macht Einzelner – Politiker, Sicherheitsbeamte, Unternehmer – gegenüberzutreten, da sie ja die Ohnmacht Unzähliger bedingt, war ein Grundanliegen Soyinkas. So war die Intention des Aufstandes vom 15. Januar ausschlaggebend dafür, dass Soyinka diesen für berechtigt hält[166]: die dissidenten Offiziere richteten sich gegen Korruption und Machtfilz[167]. Der Putsch – der mit der Etablierung Ironsis gewissermaßen scheiterte – war vom Westen ausgegangen und einem Putsch der „feudalistischen Mafia-Allianz“ (aus dem Norden und den oberen Rängen der Gesellschaft) zuvorgekommen[168]. Soyinka verstand den Offizierscoup vom Januar, den ein Regierungsbeamter als „Ibo-Putsch“ darstellte[169], als Teil des „Kampf[es] gegen die Tyrannei Anfang der 60er“, der ja von Teilen der Sicherheitskräfte unterstüzt wurde[170], gleichwohl er sich „die Intervention der Armee anders vorgestellt“ hatte[171].

Worauf es aber im Sinne einer Demokratisierung ankommt, ist „dem alten Norden keine Zugeständnisse [zu] machen“[172] – so Soyinka noch vor den Mas-sakern vom Mai 1966. Da die antidemokratischen, korrupten Kräfte dem, wie es Soyinkas Mitstreiter Alale – ein CPP-Dissident aus Ghana[173] - formulier-te, „Profitdenken und tribalistischen Chauvinismus“[174] verhaftet sind, gilt es den Tribalismus zu bekämpfen und einen modernen, transparenten National-staat zu stärken. Folgerichtig begrüßt Soyinka Ironsis „Unification Decree“ vom Mai 1966[175] als Schritt der Erneuerung. Es fällt aber schwer, über die politischen Implikationen hinwegzusehen, die die Position des radikalen Westens in Person Fajuyis weiter schwächt, um den „Repräsentanten des Establishment“[176] zu stärken.

Was die biafranische Sezession anbelangt, so lehnen die Radikalen sie zwar ab[177], bestreiten aber nicht ihre Berechtigung bzw. den Handlungsdruck, der durch die zahlreichen Progrome des Jahres 1966 aufgebaut wurde. Die Sezession Biafras leitet sich, in Soyinkas Analyse, aus den Massakern ab, denn – so beklagte Banjo - es gab „nichts, was eine Solidarität mit den Opfern gezeigt hätte.“[178] So war also das größte Hindernis, „daß seine Nation ein Volk von müßigen Gaffern war“[179]. Die Privilegierten beider Seiten hingegen hatten, in ihrer „moralische[n] Verkommenheit und die ideologische Leere“[180] pflegend, die gleichen Kriegsgründe: die Sezession und die Intervention sind „ein Krieg zum Zweck der Konsolidierung“[181]. Denn selbst im Osten, in „Biafra“ machte 1967 sich allmählich „Unzufriedenheit mit der elitären Selbstgefälligkeit Ojukwus“[182] breit.

„Gewiß wird es Sieger geben; aber es werden nicht diejenigen sein, die die Opfer bringen mußten, das Volk Biafras oder das der übrigen Nation. ... Dem Kampfgeist eines Volkes sind schließlich Grenzen gesetzt. Der Krieg wird ihn so geschwächt haben, daß kaum noch Kraft bleibt, um den Kriegs- (und Macht-) Gewinnlern gegenüberzutreten, ...“[183], die der eigentliche Grund für die Verrohung des Volkes sind[184]. Schließlich wird die Fortführung des Biafra-Krieges „eine Untermauerung des Verbrechertums [...] mit der Vorstellung von einer nationalen Identität untrennbar“[185] verbinden und am Ende werden „[m]ilitaristische Unternehmer und vielfältige Gewaltherrschaft“[186] die nigerianische Bevölkerung unterjochen.

Resümee

Wole Soyinkas Gefängnistagebuch, „Der Mann ist tot“, ist als historische Quelle durchaus geeignet. In ihrer erzählerischen Struktur kann man darin auch einen ersten Einstieg in die Thematik finden – gleichwohl zu diesem Zwecke sich wohl eher ein wissenschaftliches Werk anbietet.

Denn Soyinka verwendet in seinen „Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“ auch literarische Techniken, die er nicht unbedingt anzeigt. So berichtet David Paisey, dass Soyinkas Großvater ihn im Herbst 1968 hätte besuchen können[187], während Soyinka selbst von „Geistern [spricht], die mich hier heimsuchen“[188] – und zwar unter der Rubrik „Kaduna 68“!

Außerdem müssen Zusammenhänge, die für das nigerianische Publikum u.U. als bekannt vorausgesetzt werden können, vom Leser erst erschlossen werden. Bei dieser Aufgabe waren die Fußnoten der Übersetzer eine große Hilfe, die so manche erzählerisch-unpräzise Angabe konkretisierten. Die wissenschaftliche Lektüre könnte zudem mit einem Namensregister erleichtert werden.

Freilich hat Soyinka keine wissenschaftliche Arbeit verfasst – belegt sind eine gute Zahl seiner Aussagen nur durch ihn selbst. Soyinka bezieht seine Erkenntnisse direkt aus seinem politischen Umfeld und seinem Leben als engagierter Intellektueller. Aber seine „Erfahrung [... die] unter den fünfzig Millionen Menschen meines Landes einzigartig ist“[189], macht das Buch zu einer wichtigen Primärquelle für Forschungen über die Geschichte Nigerias im 20. Jahrhundert – die nicht nur Details der historischen Gegenwart erinnert, wie sie dem aufmerksamen Zeitgenossen vor Augen gestanden haben; sondern als formulierter Ausdruck einer marginalen Strömung, der „Dritten Kraft“ selbst auch Teil der zu untersuchenden Geschichte ist.

Literatur

Monografien

SOYINKA, Wole: Der Mann ist tot. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. (1972) Übersetzung: U. Enzensberger und Melanie Walz. Ammann Verlag, Zürich, 1987.

ZÜLCH, Tilman, GUERCKE, Klaus (Hg.): Soll Biafra überleben? Dokumente – Berichte – Analysen – Kommentare. Lettner-Verlag, (West-)Berlin, 1969.

Periodika

JERVIS, Steven: Nigeria and Biafra. Africa Today, Vol. XIV, #6, Dezember 1967. S. 16-18.

DIAMOND, Stanley: The End of the First Republic. Africa Today, Vol. XIII, #2, Februar 1966. S. 5-9.

DIAMOND, Stanley: The Biafra Secession. Africa Today, Vol. XIV, #3, Juni 1967. S. 1-2.

SHEPHERD Jr., George W.: Biafra – The Issue is Massacre. Africa Today, Vol. 15, #3, Juni/Juli 1968.

SHEPHERD Jr., George W.: Nixon’s Chance to End the Nigerian/Biafran War. Africa Today, Vol. 15, #6, Dezember 1968. S. 1-3.

Internet (zuletzt besucht am 18.3.2005)

1) The 1966 Coups, Civil War, and Gowon's Government. www.country-studies.com/nigeria/the-1966-coups,-civil-war,-and-gowon's-government.html
2) www.marabout.de/soyinka/soyinka.htm
3) Wole Soyinka Biography. http://nobelprize.org/literature/laureates/1986 /soyinka-bio.html
4) OMOIGUI, Nowa: The Prelude, the bloody Coup of January 1966. www.waado. org/NigerDelta/Nigeria_Facts/MilitaryRule/Omoigui/Prelude-1966Coup.html

[...]


[1] Verfassungsstreit zwischen 1945 und 1956. Vgl. dazu: Förster/Lemke, Nationalismus und Gewerkschaftsbewegung in Nigeria, Hausarbeit am Institut für Afrikanistik, Sommersemester 2004. Insbes. S. 12-13.

[2] Ein Namensregister wäre eine durchaus sinnvolle Ergänzung.

[3] Soyinka, S. 211

[4] ebd., S. 91 in einer Fußnote der Übersetzer

[5] ebd., S. 382

[6] ebd., S. 90

[7] ebd., S. 283

[8] Awolowo Finanzminister, Zülch, S. 258; Enahoro Informationsminister, Zülch, S. 259, „Megaphon für offizielle Lügengeschichten“, Soyinka, S. 125; Tarka Transportminister, Zülch, S. 262

[9] Internet 4)

[10] Fajuyi: „Mord, Brandstiftung, Vergewaltigung, alles.“; Soyinka, S. 206

[11] Zülch, S. 209 f.

[12] Soyinka, S. 108 und 205; Soyinka wurde freigesprochen, S. 208

[13] ebd., S. 82

[14] ebd.

[15] Fajuyi berichtet Soyinka, wie Ironsi ihn „begrüßte“: „Hallo du Radikaler.“, ebd., S. 222

[16] ebd., S. 205

[17] ebd., S. 81

[18] ebd., S. 207 f.

[19] ebd., S. 59

[20] ebd., S. 210

[21] ebd., S. 211

[22] ebd.

[23] ebd., S. 211 f.

[24] ebd., S. 212

[25] ebd., S. 209

[26] ebd., S. 222

[27] Soyinka, S. 223

[28] ebd., S. 231

[29] ebd., S. 232 f.

[30] ebd., S. 223

[31] ebd., S. 215

[32] ebd., S. 216

[33] ebd.

[34] ebd.

[35] ebd., S. 214

[36] ebd., S. 216

[37] ebd., S. 231

[38] ebd., S. 232

[39] ebd., S. 46; Diamond gibt, „The Biafra ...“, S. 2, 30.000 Tote und 1 Mio. Flüchtlinge an; Shepherd hingegen spricht, „Biafra ...“, von mehr als 2 Mio. Flüchtlingen.

[40] Soyinka, S. 209

[41] ebd., S. 222

[42] Soyinka, S. 209

[43] Zülch, S. 252; Soyinka, S. 227

[44] Soyinka, S. 226; Soyinka hatte mit Ironsis Stellvertreter, Generalstabschef Ogundipe, sprechen wollen, und ihn am Morgen des 27.7. angerufen – Ogundipe hatte nicht offen sprechen können und eine schriftliche Eingabe verlangt.

[45] Zülch, S. 252

[46] Soyinka, S. 65

[47] ebd., S. 131 f.

[48] ebd., S. 51

[49] ebd., S. 46

[50] ebd., S. 195

[51] ebd., S. 41

[52] ebd., S. 42

[53] ebd., S. 45

[54] Jervis berichtet, von einer „increasingly repressive atmosphere of pre-independence Biafra“ (S. 17), in der mehrere Zeitungen verboten und Oppositionelle inhaftiert wurden (S. 16).

[55] Soyinka, S. 224

[56] ebd., S. 70

[57] ebd., S. 66

[58] Soyinka, S. 279

[59] ebd., S. 28

[60] ebd., S. 30

[61] ebd., S. 268

[62] ebd., S. 105

[63] ebd., S. 307

[64] ebd.

[65] ebd., S. 34 f.

[66] ebd., S. 300

[67] ebd., S. 268

[68] ebd., S. 35

[69] ebd., S. 34

[70] ebd., S. 302

[71] Soyinka, S. 303

[72] ebd., S. 103; „Normalerweise wird dem Gefangenen der Haftbefehl von einem der dienstälteren Beamten in Begleitung des Direktors geliefert. Der Gefangene unterzeichnet eine Quittung und behält eine Kopie davon. Vielleicht bin ich nie eingekerkert gewesen, denn meine Unterschrift auf einem solchen Dokument fehlt noch immer!“ (ebd.)

[73] ebd., S. 298

[74] ebd., S. 53, in einer Fußnote der Übersetzer

[75] Internet 2)

[76] Zülch, S. 262

[77] Banjo und Ifeajuna wurden auf Befehl Ojukwus hingerichtet; Jervis, 17

[78] Soyinka, S. 53; Datum auf S. 102 in der Erklärung des nigerianischen Informationsministers.

[79] ebd., S. 75

[80] ebd., S. 279; Internet 3) gibt fälschlich nur 22 Monate Haftzeit an.

[81] ebd., S. 303

[82] ebd., S. 101

[83] ebd., S. 57

[84] ebd., S. 48

[85] Soyinka, S. 69

[86] ebd., S. 134

[87] ebd., S. 71

[88] ebd., S. 70 ff.

[89] ebd., S. 43

[90] ebd., S. 104 ff.

[91] ebd., S. 107

[92] ebd., S. 108

[93] ebd., S. 109

[94] ebd., S. 68

[95] ebd., S. 103

[96] ebd., S. 167

[97] Zülch, S. 262

[98] Soyinka, S. 279

[99] ebd.

[100] ebd.

[101] ebd., S. 285

[102] ebd., S. 288

[103] ebd., S. 295

[104] Soyinka, S. 62

[105] ebd., S. 63

[106] ebd., S. 259 f.

[107] ebd., S. 103

[108] ebd., S. 27

[109] ebd., S. 309

[110] ebd., S. 32

[111] Soyinka, S. 258

[112] Internet 2)

[113] Internet 2)

[114] Internet 2)

[115] Soyinka, S.29

[116] Erwähnungen in Soyinka: Kant/Jaspers, S. 119 ; Arendt, S. 42

[117] ebd., S. 345

[118] ebd., S. 124

[119] ebd., S. 225

[120] ebd., S. 40 f.

[121] ebd., S. 128

[122] ebd., S. 303

[123] vgl. Diamond, „The Biafra ...“, S. 1 f.: „[...] the ibo-speaking peoples, had been the most enthusiastic Nigerian nationalists. [...] the Ibo had developed an authentic sense of national mission.“

[124] Soyinka, S. 229

[125] ebd.

[126] ebd.

[127] ebd., S. 238

[128] etwa Banjo in Soynika, S. 235

[129] ebd., S. 74

[130] ebd., S. 237

[131] ebd.

[132] SU, Frankreich, Großbritannien unterstützen Zentralregierung, USA neutral; Jervis, S. 16

[133] Soyinka, S. 237

[134] ebd., S. 238

[135] Soyinka, S. 239

[136] ebd., S. 42

[137] ebd., S. 40

[138] ebd., S. 290

[139] ebd., S. 75

[140] ebd., S. 239

[141] ebd., S. 223

[142] Soyinka, S. 209

[143] ebd.

[144] ebd., S. 238

[145] ebd., S. 35

[146] ebd., S. 134

[147] ebd., S. 111

[148] ebd., S. 82

[149] Internet 2), Fn 0

[150] Internet 2); interessant für eine Sozialgeschichte wäre es, dieses Verhältnis näher zu untersuchen.

[151] Soyinka, S. 208

[152] Internet 2)

[153] Soyinka, S. 39

[154] ebd., S. 128

[155] ebd., S. 232 f.

[156] Soyinka, S. 208

[157] ebd., S. 43

[158] ebd., S. 219

[159] ebd., S. 53

[160] ebd., S. 39

[161] ebd., S. 303

[162] ebd.

[163] ebd., S. 57: „Und sie haben keinen Funken eigener Überzeugung. Oder Einsatzbereitschaft. Außer natürlich, daß sie in den Vorhöfen der Macht ihr Spielchen treiben.“

[164] ebd., S. 105

[165] ebd., S. 231: „Massenmorde waren das Mittel zum Zweck, Untersuchungen über unrechtmäßige Bereicherung zu unterbinden.“

[166] ebd., S. 213

[167] ebd., S. 210

[168] ebd.

[169] Soyinka, S. 197

[170] ebd., S. 82

[171] ebd., S. 211

[172] ebd., S. 214

[173] ebd., S. 234

[174] ebd., S. 231

[175] ebd., S. 215 f.

[176] ebd., S. 209

[177] ebd., S. 230

[178] ebd., S. 236

[179] ebd., S. 228

[180] ebd., S. 239

[181] ebd., S. 237

[182] ebd., S. 224

[183] ebd., S. 237

[184] Soyinka, S. 40

[185] ebd., S. 238

[186] ebd.

[187] Zülch, S. 210

[188] Soyinka, S. 203

[189] ebd., S. 33

Details

Seiten
20
Jahr
2005
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109702
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Soyinkas Gefängnistagebuch Quelle Nigeria Jahre Hauptseminar Quellen Quellenkunde Geschichte Westafrikas

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Titel: Soyinkas Gefängnistagebuch als historische Quelle zum Nigeria der 1960er Jahre