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Jean-Paul SARTRE 'Was ist Literatur ?' (1948)

Referat (Ausarbeitung) 2002 5 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Jean-Paul SARTRE „Was ist Literatur ?“ (1948)

→ Kapitel 2 „Warum schreiben ?“:

- Basistext für Literaturwissenschaftler + Literaturliebhaber
- In Auseinandersetzung mit der Ästhetik Kants, entwickelt Sartre seine eigene Ästhetik des Schreibens. Das ist für ihn ein freier Appell des Schriftstellers an die Freiheit des Lesers, woraus sich das grundlegende Engagement der Literatur ergibt.
- (Nachwort) selten sei ein Buch so oberflächlich gelesen und mißinterpretiert worden

1. hinter den verschiedenen Bestrebungen der Autoren ist eine tiefere + unmittelbarere Wahl, die allen gemeinsam ist. Diese Wahl soll aufgeklärt werden.

2. Durch die menschliche Realität ist „SEIN“ möglich, nur durch den Mensch manifestieren sich die Dinge. Die Menschen sind die „Detektoren des Seins“, „nicht dessen Produzenten“, sie „enthüllen“ die Welt. Bsp.: Dank uns enthüllt sich der seit Jahrtausenden tote Stern.

Der Mensch ist in der Lage, die Beschaffenheit der Welt zu enthüllen und zu verändern. Gegenüber der Welt bleibt er jedoch unwesentlich, da sie bereits vor ihm da war und auch, unabhängig von seinen Enthüllungen und Veränderungen, weiter bestehen wird.

3. Hauptmotiv des künstlerischen Schaffens: Bedürfnis sich wesentlich zu fühlen. Bsp.: Wenn ich etwas , was ich enthüllt habe, z.B. das Feld/ Meer/ Miene, auf Leinwand/ Schrift fixiere, mit dem Geist Ordnung einbringe → fühle ich mich wesentlich gegenüber meiner Schöpfung, da ich sie hervorbringe. Aber: nicht gleichzeitig enthüllen + hervorbringen möglich. Der geschaffene Gegenstand ist nie vollendet, da man immer noch verändern kann. Bsp.: Malerlehrling fragt den Meister: „Wann darf ich mein Gemälde als beendet betrachten ?“ → „Wenn Du es mit Überraschung wirst betrachten können + dir sagen: Das hab ich gemacht !“.

4. → also: nie, denn dafür müßte man sein Werk mit den Augen eines anderen betrachten + enthüllen können. Wenn wir etwas unter vorgeschriebenen Verfahren anfertigen, kann es passieren, daß man das Werk als fremd + damit objektiv wahrnimmt. Bei Werken, die nach unseren eigenen Regeln, Maßen, Kriterien entstanden sind, finden wir uns selbst wieder: „wir sind es, die die Gesetze erfunden haben, nach denen wir es beurteilen [...]“. Wir legen unsere Liebe in ein Werk, bekommen es vom Werk aber nicht zurück. Die Werke sind für uns nie objektiv. Wenn wir unser Werk wahrnehmen, durchlaufen wir gedanklich die Entwicklungsschritte, wir schaffen es neu. Im künstlerischen Schaffen versucht der Mensch wesentlich zu werden, d.h. durch Schaffen von etwas zuvor nicht dagewesenem nach eigenen Regeln. Das Resultat/ Produkt ist dem Produzenten gegenüber unwesentlich, da er nichts finden kann, was er nicht selbst hineingebracht hat.

5. Beim Schreiben ist das besonders deutlich: Ein Text existiert nur in der Lektüre, außerhalb der Lektüre „gibt es nur schwarze Striche auf dem Papier“. Der Schriftsteller kann nicht lesen, was er schreibt. Denn beim Lesen erwartet man, man sieht voraus. Der Autor sieht weder etwas voraus, noch vermutet er etwas: er entwirft. Er stößt immer nur „auf sein Wissen, seine Entwürfe, kurz, auf sich selbst; er stößt immer auf seine eigene Subjektivität.“ Bsp.: wählt er ein Adjektiv, so tut er dies wegen eines zu erwartenden Effekts; er kann nur abwägen, nicht empfinden. Wenn das Werk für seinen Autor einen Schein von Objektivität annimmt, liegt es daran, daß Jahre vergangen sind + er nicht mehr drin ist + das Werk sicher nicht mehr schreiben könnte.

6. Es ist falsch, daß man nur für sich schreibt, denn „das wäre das schlimmste Scheitern.“ Bsp.: wenn der Autor allein existierte + niemand würde seine Schriften lesen können, so müßte er aufhören zu schreiben + verzweifeln. Der Vorgang des Schreibens schließt den des Lesens ein und erfordert zwei verschiedene Handelnde. → Kunst gibt es nur für und durch andere.

7. Die Lektüre ist eine Synthese aus Wahrnehmen + Schaffen. Der „Leser ist sich bewußt, daß er enthüllt + schafft, [...].“ Lektüre ist kein mechanischer Prozeß, der garantiert, daß alle Zeichen so auf den Leser wirken, wie Licht auf das Photopapier. „Wenn er müde, dumm, zerstreut, benommen ist, werden ihm die meisten Beziehungen entgehen.“ Man kann ein ganzes Buch lesen, ohne daß der Sinn des Werks deutlich wird.

Innerhalb des Werks gibt es „vielerlei Schweigen“, die Abwesenheit von Wörtern. Es ist das „Unausdrückbare“. Der Leser muß in ständiger Überschreitung der geschriebenen Dinge alles erfinden. Er wird vom Autor nur gelenkt. → „Lektüre ist gesteuertes Schaffen.“ Bsp.: Das Warten einer Person ist mein Warten, das ich ihm leihe; ohne meine Ungeduld, blieben nur matte Zeichen. → Das Werk existiert nur auf der genauen Ebene der Fähigkeiten des Lesers.

8. Der Künstler kann sich nur über das Bewußtsein des Lesers als seinem Werk wesentlich begreifen. → jedes literarische Werk ist ein Appell. „Der Schriftsteller appelliert an die Freiheit des Lesers, daß sie an der Produktion seines Werkes mitarbeite.“ „Das Buch dient nicht meiner Freiheit: Es braucht sie.“ Das Buch ist nicht wie das Werkzeug ein Mittel zum Zweck: „es bietet sich der Freiheit des Lesers als Zweck dar.“

Der Appell an die Freiheit des Lesers enthält Totalitätsanspruch, da seine Freiheit nur dann anerkannt wird, wenn die Möglichkeit gegeben ist im Kunstwerk das Ganze, das Universum neu zu schaffen.

Kant irrte, als er das Kunstwerk als „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ bezeichnete. Denn das würde bedeuten, daß irgendein Gegenstand aufgrund seines regelmäßigen Aufbaus dazu aufforderte, ihm einen Zweck zu unterstellen, obwohl wir ihm keinen zuschreiben können. Kants Ziel sei die Gleichstellung von Schönheit der Kunst und Naturschönheit. Aber: „Die Naturschönheit ist in nichts mit der Kunstschönheit zu vergleichen. Das Kunstwerk hat keinen Zweck, darin stimmen wir mit Kant überein“, es ist ein Zweck. Das Bewußtmachen des absoluten Zwecks, ist der „Wert“ des Kunstwerks und ruft die „ästhetische Freude“ hervor.

9. Durch geschickte Manipulationen der Emotionen wäre der Leser unfrei und der Anspruch nicht erfüllt. Der Autor sollte z.B. nicht versuchen zu erschüttern; „wenn er (..) verlangen will, (so) darf er die zu erfüllende Aufgabe nur vorschlagen.“ Der Schriftsteller appelliert an die Freiheit des Lesers, das Kunstwerk mit seiner ganzen Person mit ihren Leidenschaften, ihren Vorurteilen, ihren Sympathien, ihrem sexuellen Temperament, ihrer Werteskala, neu zu schaffen. Mit Gefühlen wie weinen & lachen, schafft man den ästhetischen Gegenstand neu. „ Lektüre ist ein freier Traum: In jedem Augenblick kann ich aufwachen, und ich weiß es; aber ich will es nicht.“

Die Lektüre ist die Ausübung der Hingabe.

10. Der Autor braucht die Freiheit der Leser, um sein Werk existieren zu lassen. Außerdem verlangt er gegenseitiges Vertrauen.

11. Beziehungen zwischen bspw. Bäumen, Laub, Gras, Erde in einer Landschaft würden ohne den Betrachter nicht existieren. Der Schein der Zweckmäßigkeit (Anordnungen der Färbungen, Harmonie der Formen) existiert, obwohl man keine Erklärung dafür geben kann. Die Naturschönheit appelliert nie an unsere Freiheit, da wir frei sind, eine Farbe mit einer anderen oder den Baum + das Wasser zu verbinden. Die für einen Augenblick wahrgenommene Anordnung der Dinge ist nicht „wahr“ und so kommt es, daß man sie auf der Leinwand oder in der Schrift festhält. Man bleibt als Betrachter seines Werks zwischen Subjektivität + Objektivität stehen, ohne die objektive Anordnung betrachten zu können.

12. „Der Baum + der Himmel harmonieren in der Natur nur durch Zufall“; dagegen sind Helden im Roman in einem best. Turm, einem best. Gefängnis und es handelt sich um die Reproduktion von unabhängigen Kausalreihen (um zum Turm zu kommen, muß man durch Park)und zugleich um den Ausdruck einer tieferen Zweckmäßigkeit (Park, um best. Seelenzustand zu unterstreichen).

Der Mensch ist frei, ein Kunstwerk neu zu schaffen, wobei er ja seine ganze Person einbringen muß. Daher ist das Schreiben ein „Appell an die Freiheit des Lesers“. Sartre nennt es hier auch einen „Pakt der Hingabe“.

13. Cezanne: Baum im Vordergrund. Es erscheint zunächst als Ergebnis einer kausalen Verkettung, dies ist aber eine Illusion. Durch eine tiefere Zweckmäßigkeit steht der Baum an einem best. Platz, da das übrige Bild verlangte, daß diese Form + diese Farben in den Vordergrund gestellt würden.

Vermeer van Delft: hier glaubt man, es sei ein Photo. Die Zweckmäßigkeit liegt hier eher in seiner materialen Imagination. D.h. der Stoff der Dinge ist die Daseinsberechtigung. Mit dem Realismus sind wir dem absoluten Schaffen am nächsten, „weil wir in der Passivität der Materie selbst auf die Freiheit des Menschen stoßen.“

14. Das Kunstwerk beschränkt sich nie auf den dargestellten Gegenstand. Bsp.: der rote Weg von van Gogh, der in den Kornfeldern verschwindet, verfolgen wir weiter, als er gemalt wurde. „Jedes Gemälde, jedes Buch ist eine Vereinnahmung der Totalität des Seins; jedes von ihnen bietet diese Totalität der Freiheit des Betrachters dar. Genau das ist das Endziel der Kunst: diese Welt vereinnahmen, indem man sie so vorführt, wie sie ist, aber als wenn sie ihre Quelle in der menschlichen Freiheit hätte.“

15. Der Autor zielt wie alle Künstler darauf, bei seinen Lesern eine ästhetische Freude hervorzurufen. Tritt dies ein, ist es ein Zeichen dafür, daß das Werk vollendet ist.

Diese Freude ist das gleiche, wie das ästhetische Bewußtsein des Lesers. Die Anerkennung des Appells, ist die Anerkennung des Werts.

Nur wenn der geschaffene Gegenstand seinem Schöpfer als Gegenstand erscheint, kommt er in den Genuß des von ihm geschaffenen Gegenstandes und damit zur ästhetischen Freude. Ein Sicherheitsgefühl entsteht, wenn man sich gegenüber einem als wesentlich verstandenen Gegenstandes wesentlich fühlt.

Die Welt ist ein Wert, eine der menschlichen Freiheit gestellte Aufgabe. Es handele sich dabei um eine „ästhetische Modifikation des menschlichen Entwurfs“ + nie um eine Forderung an unsere Freiheit. Die ästhetische Freude bedeutet, daß man vereinnahmt und verinnerlicht, was das „Nicht- ich par exellence ist.“

Die Funktion der Freiheit besteht darin, das Universum zum Sein kommen zu lassen.

Sartres ästhetische Wertkriterien sind moralische Wertkriterien. Bsp.: Forderung nach wechselseitiger Anerkennung des Anderen.

Die Menschheit ist in ihrer höchsten Freiheit gegenwärtig, sie hält eine Welt am Sein, die sowohl ihre Welt, als auch die äußere Welt ist.

16. Schreiben heißt: die Welt enthüllen + der Hingabe des Lesers eine Aufgabe stellen.

Die Dichte einer Erzählung macht nicht die Zahl + Länge der Beschreibungen aus, sondern die Komplexität der Bezüge zu den verschiedenen Figuren.

Der Irrtum des Realismus: das Reale würde sich durch beschauliches Nachdenken offenbaren + man könnte es unparteiisch abmalen. Die Wahrnehmung selbst ist aber parteiisch.

Das Werk darf nicht als erdrückende Masse betrachtet und dargestellt werden, es muß etwas von Hingabe haben. Nicht zwanghaft durch erbauliche Reden oder tugendhafte Figuren; es darf nicht beabsichtigt sein. Mit guten Gefühlen schreibt man keine guten Bücher. Es muß eine Wesensleichtigkeit überall durchscheinen, um daran zu erinnern, daß das Werk keine Naturgegebenheit, sondern Forderung + Geschenk ist.

Zitat: „...obwohl Literatur + Moral zwei ganz verschiedene Dinge sind, erkennen wir im Kern des ästhetischen Imperativs den moralischen Imperativ.“ Der Schreibende erkennt die Freiheit seiner Leser an (Mühe des Schreibens) + der Lesende erkennt die Freiheit des Schriftstellers an (Buch aufschlägt). → das Kunstwerk ist ein Akt des Vertrauens in die Freiheit der Menschen. „Und da Leser wie Autor diese Freiheit nur anerkennen, um zu verlangen, daß sie sich manifestiere, läßt sich das Werk als eine imaginäre Präsentation der Welt definieren, insofern sie die menschliche Freiheit verlangt.[...]niemand könnte auch nur einen Augenblick annehmen, daß man einen guten Roman zum Lobe des Antisemitismus schreiben kann. Denn sobald ich erfahre, daß meine Freiheit unlöslich an die aller Menschen gebunden ist, kann man von mir nicht verlangen, daß ich sie dazu verwende, die Unterdrückung einiger von ihnen zu billigen.“ (52f)

Also kann Literatur nur existieren, wenn auch in der realen Welt das Streben nach Freiheit eine Chance hat. In Diktaturen stirbt die Kunst. „Man schreibt nicht für Sklaven. Die Kunst der Prosa ist mit dem einzigen System solidarisch, wo die Prosa einen Sinn behält: mit der Demokratie.“

Aus dem Wesen der Kunst ergibt sich das gesellschaftliche, ja politische Engagement.

17. Engagiert wofür ? → gekoppelt ist die Frage mit der Frage: „Für wen schreibt man ?“

(→ 3.Kapitel !)

- Kurz nach der Veröffentlichung des Buches 1948, unterschrieb er den ersten Gründungsaufruf der Revolutionären Demokratischen Sammlung, einer Partei, die versuchte den Weg zu einem demokratischen Sozialismus zu finden. Der Versuch der eigenen Partei schlug fehl. 1952-56 näherte er sich in seiner politischen Haltung der Kommunistischen Partei Frankreichs an.
- Die Ausdehnung des ästhetisch-ethischen Imperativs der Literatur auf den Bereich des Politischen im eigenen Handeln zu leisten, wie Victor Hugo, Voltaire u.a.es getan haben, bleibt moralischer Appell. Sartre hielt sich daran und engagierte sich bis zu seinem Tode in allen politischen Kämpfen seiner Zeit.

Details

Seiten
5
Jahr
2002
Dateigröße
344 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109745
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
Schlagworte
Jean-Paul SARTRE Literatur

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Titel: Jean-Paul SARTRE 'Was ist Literatur ?' (1948)