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Theodizee in der Literatur. Entwurf einer Unterrichtsreihe (Leistungskurs Klasse 11, Gymnasium Sachsen)

Unterrichtsentwurf 2005 41 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Sachanalyse
1.1 Die Theodizeefrage
1.1.1 Die Theodizeefrage
1.1.2 Unterscheidung moralischer und natürlicher Übel
1.1.3 Lösungsansätze
1.1.4 Das Scheitern aller Antwortversuche?
1.2 Die Theodizeefrage in der Literatur
1.2.1 Synchrone und diachrone Betrachtung
1.2.2 Literatur als Möglichkeit einer authentischen Theodizee
1.3 Werke
1.3.1 Friedrich Dürrenmatt: Weihnacht
1.3.2 Bertolt Brecht: Hymne an Gott
1.3.3 Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis
1.3.4 Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes
1.3.5 Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür
1.3.6 Wolfgang Borchert: Gottes Auge
1.3.7 Dorothee Sölle: Iwan und Aljoscha
1.3.8 Ingeborg Schultz: 2. Mose 31,11.12
1.3.9 Dan Pagis: Predigt

2. Didaktisch-methodischer Teil
2.1 Didaktisches Bedingungsfeld
2.1.1 Alter der Schüler
2.1.2 Kirchlich-religiöse Voraussetzungen und Einstellungen der Schüler
2.2 Bedeutung des Themas, Lernziele
2.3 Gliederung der Unterrichtsreihe
2.3.1 Gliederung
2.3.2 Konkretisierung der Gliederung
2.4 Entwurf einer Unterrichtsstunde
2.5 Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung
2.6 Alternativen: Freiarbeit, Stationenarbeit

ANMERKUNGEN

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Friedrich Dürrenmatt: Weihnacht
Anhang 2: Bertolt Brecht: Hymne an Gott
Anhang 3: Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis
Anhang 4: Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes (Auszug)
Anhang 5: Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will” (Auszüge)
Anhang 6: Wolfgang Borchert: Gottes Auge
Anhang 7: Dorothee Sölle: Iwan und Aljoscha
Anhang 8: Ingeborg Schultz: 2. Mose 31,11.12
Anhang 9: Dan Pagis: Predigt
Anhang 10: Entwurf einer Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung

1. Sachanalyse

1.1 Die Theodizeefrage

1.1.1 Die Theodizeefrage

Folgende Voraussetzungen werden als gegeben betrachtet:

1. Es gibt einen Gott.
2. Gott ist allmächtig. Demnach hat Gott die Macht, Leid zu verhindern.
3. Gott ist gütig. Es ist also Gottes Wunsch, Leid zu verhindern.
4. Es gibt auf der Welt Leid und Übel.

Zwischen den Voraussetzungen 1.-3. und 4. besteht ein offensichtlicher Widerspruch 1. Die Theodizee (Begriff nach Gottfried Wilhelm Leibniz 2: “theou dike” = griechisch für “Gerechtigkeit Gottes” 3 ) fragt deshalb nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Existenz von Übel und Leid in seiner Schöpfung: Warum lässt Gott Leiden zu oder verursacht es sogar? 4

1.1.2 Unterscheidung moralischer und natürlicher Übel

Um Lösungsansätze für die Frage nach der Rechtfertigung des Leids finden zu können, ist eine vorherige Differenzierung nötig, welche Art von Übeln existieren: Man unterscheidet zwischen moralischem Übel, das sittlich zurechnungsfähige Menschen anderen willentlich zufügen, und natürlichem Übel, das durch natürliche Prozesse unabhängig vom menschlichen Tun hervorgerufen wird (z.B. Naturkatastrophen) 5.

1.1.3 Lösungsansätze

a) Atheismus

Die Theodizeefrage ist insofern von eminenter Bedeutung, als dass die Nichtlösung des Problems Gott in Frage stellt 6. Demnach ist der Atheismus eine Antwortmöglichkeit auf die Theodizee: Das Problem wird gelöst, indem die Existenz Gottes negiert wird. Atheismus ist nicht selten auch eine direkte Folge der Nichtlösbarkeit der Theodizeefrage.

b) Leid als Gotteserfahrung

Leid kann als privilegierter Ort innigster Gotteserfahrung betrachtet werden 7. Kritik: Leiden als Form der Gotteserfahrung geht von einer sadomasochistischen Form der Gott-Mensch-Beziehung aus, die sich mit dem Glauben an einen gütigen Gott nicht vereinbaren lässt.

c) Leid als Schule des Lebens

Leid und Übel können als eine der individuellen Erziehung und Reifung dienende “Schule des Lebens” interpretiert werden 8. Kritik: Leiden als hilfreicher Bestandteil eines Reifeprozesses setzt dessen positive Verarbeitung durch den Leidenden voraus, damit ein Nutzen für das weitere Leben gewonnen werden kann. Das Leiden vor allem von Kindern und Jugendlichen hat jedoch häufig auch auf längere Sicht negative Folgen für die Betroffenen.

d) Leid als Strafe für individuelle Sünden

Leid kann als göttliche Strafe für einzelne menschliche Sünden betrachtet werden 9. Kritik: 1. Das Leid tritt mitunter in einer Intensität auf, die durch individuelle Sünden schwer zu rechtfertigen ist 10. 2. Vor allem das Leid von Kindern, die vor dem Erreichen der sittlichen Reife nicht sündigen können, sowie von unschuldigen Tieren würde im Rahmen dieser Antwortmöglichkeit die Vorstellung von einem gütigen Gott unmöglich machen 11.

e) Leid als Strafe für die Ursünde

Das Leid ist die Strafe Gottes für die von den ersten Menschen begangene Ursünde im leidfreien Paradies 12. Kritik: Eine solche kollektive Vergeltungslogik entspricht nicht der Vorstellung von einem gütigen Gott 13.

f) Leid als Konsequenz der Willensfreiheit

Der Mensch ist für eine Liebesbeziehung mit Gott geschaffen. Da die Liebe des Menschen zu Gott von diesem nicht erzwungen werden kann, sondern aus freien Stücken gewollt werden muss, ist es notwendig, dass der Mensch die Freiheit hat, sich Gott zu- oder abzuwenden, also das Gute oder das Böse zu wählen. Als Folge dieser Freiheit ist der Mensch dazu in der Lage, gegen Gottes Willen zu handeln, also Leid und Übel zu verursachen. Die Verantwortung für das Übel hat somit nicht Gott, sondern der Mensch, der Gottes Geschenk der Freiheit willentlich missbraucht. Gott könnte das Leiden zwar verhindern, der Preis dafür wäre aber der Verzicht auf die menschliche Freiheit 14. Kritik: Die Willensfreiheit erklärt nur die Existenz moralischer, nicht die der natürlichen Übel.

g) Leid als Mangel an Gutem

Leid und Übel sind nicht Bestandteil der guten Schöpfung, sondern Mangel an Gutem (privati boni). Sie sind somit nicht von Gott geschaffen 15. Kritik: Unabhängig davon, ob Leid Mangel oder Seiendes ist, bleibt die Tatsache, dass Menschen leiden. Die Privationslehre löst nicht die Frage, wie es zum Mangel an Gutem in der von Gott geschaffenen Welt gekommen ist 16.

h) Versuche zur Erklärung natürlicher Übel

Für das Überleben der Schöpfung notwendige Naturgesetze können auch zu Leid führen. Da die Naturgesetze aufeinander abgestimmt sind, können sie nicht ohne weiteres aufgehoben werden, ohne dass dies weitreichende Folgen hätte. Gott hat jedoch offensichtlich die Möglichkeit, die grauenvollsten Übel abzuwenden, da die Welt immerhin noch nicht zerstört ist 17. Kritik: Wenn Gott durch Wunder eingreifen kann, um in Einzelfällen Leid zu verhindern, ist die Frage zu stellen, warum er dies nicht öfter und wirksamer tut 18 bzw. welche Kriterien er als gerechter Gott anlegt, um zu entscheiden, ob einzugreifen ist oder nicht.

i) Dualistische Erklärungsversuche

Das Leid ist die Folge des Kampfes zwischen zwei gegensätzlichen überweltlichen Prinzipien, dem Guten und dem Bösen. Nicht Gott als das Gute, sondern Satan als die widergöttliche Macht ist für das Leiden verantwortlich. Kritik: Gott hat als der Allmächtige die Fähigkeit und als der Gute den Willen, sich über die widergöttliche Macht zu stellen. Demnach löst der Dualismus die Theodizeefrage nicht gemäß ihren Voraussetzungen 19.

j) Prozesstheologische Erklärungsversuche

Die Schöpfung der Welt durch Gott wird als immerwährender Prozess verstanden, in dem Gott das ursprüngliche Chaos in immer geordnetere Zustände verwandelt. Die heutige Welt muss demnach als nicht perfekte Entwicklungsstufe der Schöpfung betrachtet werden. Das Leid wird nicht durch Gott, sondern von seinen Geschöpfen verursacht, die von Gott nur durch dessen Überreden zum Guten verändert werden können. Kritik: Die Vorstellung, Gott sei bei der Perfektionierung seiner Schöpfung auf den Willen des Menschen angewiesen, entspricht nicht der Voraussetzung eines allmächtigen Gottes 20.

k) Erlösung im Paradies

Das irdische Leid wird durch die Hoffnung auf die Erlösung im zukünftigen leidfreien Paradies relativiert. Kritik: Die Hoffnung auf das Paradies kann das Leid zwar unter Umständen erträglicher machen, erklärt es jedoch nicht. Das menschliche Leid als Bewährungsprobe und somit als Voraussetzung für ein leidfreies Leben in der Ewigkeit zu erklären, ist nicht mit der Annahme eines gütigen Gottes vereinbar 21.

l) Kreuzestheologie

Gott leidet als Vater mit seinem gekreuzigten Sohn. Geht man von einem dreieinigen Gott aus, so leidet Gott selbst als der Sohn am Kreuz. Kritik: Der Glaube an einen (mit-)leidenden Gott löst das Theodizeeproblem nicht. Er verändert aber das Verständnis von einem sadistischen Gott 22.

1.1.4 Das Scheitern aller Antwortversuche?

Trotz oder gerade wegen der Vielzahl der Antwortmöglichkeiten auf die Theodizeefrage ist ihre grundsätzliche Beantwortbarkeit zu bezweifeln. In der göttlichen Schöpfung sind Elemente enthalten, die mit menschlicher Vernunft nicht zu erklären sind, da die Welt nicht auf den Menschen und seine Nützlichkeitserwägungen hin konzipiert wurde 23. Somit ist es nach Kant nicht die Aufgabe der Philosophie, Gottes Willen zu erkennen 24. Dass die Antwort auf die Frage nach dem Leid nur Gott zusteht, zeigt auch das von Jahwe getadelte Verhalten der Freunde Hiobs 25, wobei durchaus anzufragen ist, ob nicht der Mensch das Recht darauf hat zu erfahren, warum er leidet.

Weiterhin stellt sich die Frage nach der praktischen Relevanz theoretischer Überzeugungen 26. Es ist zweifelhaft, ob dogmatische Aussagen über die Existenz des Leids angesichts real erfahrenen Unglücks angemessen sind.

Letztendlich besteht die Gefahr einer bloßen theologischen Diskussion über die Theodizeefrage auch darin, dass sie den die Antwort bei Gott suchenden Menschen daran hindert, konkretes Leid zu bekämpfen, und ihn stattdessen dazu bringt, die Existenz des Leids als unabänderliche Gegebenheit hinzunehmen: “Die Theodizee bietet den Armen einen Sinn für ihre Armut und den Reichen einen Sinn für ihren Reichtum” 27, so P. L. Berger.

1.2 Die Theodizeefrage in der Literatur

1.2.1 Synchrone und diachrone Betrachtung

In der Literatur, die sich mit der Theodizeefrage auseinandersetzt, können verschiedene Aspekte betrachtet werden, z.B.

- die Situationen, in denen sich sowohl die Schriftsteller als auch ihre Erzählfiguren mit der Theodizeefrage auseinandersetzen (z.B. Krieg, tragische Liebe, Naturkatastrophe, Völkermord),
- der Umgang der Schriftsteller und Protagonisten mit dem ihnen widerfahrenen Leid (z.B. Absage an Gott, Ertragen des Leids, Gottesverfluchung, Rebellion gegen Gott),
- sowie die unterschiedlichen Erklärungsansätze für das Leid, die die Schriftsteller in ihren Texten aufnehmen (siehe Kapitel 1.1.3).

In der literaturhistorischen Betrachtung der Bearbeitung der Theodizeefrage in poetischen Texten lassen sich fünf grundlegende Stationen festmachen:

- Das Hiob-Buch: Hiob, der sich zwar seiner Sündhaftigkeit bewusst ist, aber dennoch keine Rechtfertigung für das ihm widerfahrene Leid erkennen kann, fügt sich einerseits demütig seinem Schicksal, setzt sich jedoch auch mit Gott auseinander. Dieser Umgang mit dem Leid wird von Gott ausdrücklich gerechtfertigt, während die Theologie der Freunde Hiobs, die einen Tun-Ergehen-Zusammenhang zwischen Sünde und Strafe vertreten, verworfen wird 28.
- Das Erdbeben von Lissabon: Am 1. November 1755 wurde Lissabon von einem Beben erschüttert, durch das mehr als sechzigtausend Menschen ums Leben kamen. Die Katastrophe schlug sich auch in der zeitgenössischen Literatur nieder, brachte sie doch den Glauben an einen gütigen Schöpfer ins Wanken. So schrieb Goethe später, das Erdbeben von Lissabon habe seinen Glauben an Gott zutiefst erschüttert. Der junge Kleist beschäftigte sich in seiner Novelle “Das Erdbeben von Chili”, die auf das Erdbeben in Lissabon anspielt, mit dem Problem, dass Gott es zulässt, dass die Natur Fromme und Unfromme gleichermaßen vernichtet. Kleist selbst scheiterte an der Frage und beging Selbstmord. Gegen die angesichts der Katastrophe schwer verständliche Ansicht Leibniz’, die Schöpfung sei zwar Vollkommen, jedoch fehle dem Menschen die Einsicht in die Sinngebung des jeweiligen Übels, wandte sich der französische Philosoph und Dichter Voltaire in seinem “Poème sur le désastre de Lisbonne.” 29
- Religionskritik im 19. Jahrhundert: Die Unvereinbarkeit leidvoller Geschichts- und Wirklichkeitserfahrungen mit der traditionellen Gläubigkeit ließ, unter dem Einfluss der zunehmenden philosophischen Religionskritik, die gewohnten Gottesbilder der Dichter des 19. Jahrhunderts zerbrechen 30.
- Heimkehrerliteratur: Der Protest und die Anklage gegen den unbegreiflichen Gott, der das Leid und den Tod unzähliger Soldaten und Zivilisten im Krieg nicht verhindert hat, wurde in der Nachkriegsliteratur zur literarischen Form der Redeweise über Gott 31. Die Schlacht von Stalingrad wurde zum Symbol eines schweigenden, verborgenen Gottes.
- Literatur nach Auschwitz: Auschwitz als Metapher für das unvorstellbare, von Menschen selbst verursachte Leid Unschuldiger wird zum Ausgangspunkt zeitgenössischer theologischer (Hans Jonas u.a.), vor allem aber literarischer Reflexionen der Theodizeefrage (Elie Wiesel, Nelly Sachs, Paul Celan u.a.) 32.

1.2.2 Literatur als Möglichkeit einer authentischen Theodizee

Wenn Kant eine theologisch-dogmatische Theodizee zum Scheitern verurteilt, bedeutet das für ihn jedoch nicht, dass es nicht die Möglichkeit einer authentischen Theodizee gäbe 33. Eine solche Theodizee darf, so Hempelmann und Brändle, nicht distanziert und ohne Betroffenheit über das Leid, sondern muss vom Leid reden.34. Sich mit literarischen Texten auseinanderzusetzen, in denen Dichter ihre Erfahrungen mit Gott in einer Welt voller Übel verarbeitet haben, kann, abhängig vom jeweiligen Text, die Möglichkeit einer authentischen “Arenatheologie” anstelle einer theoretischen “Tribünentheologie” 35 eröffnen.

1.3 Werke

1.3.1 Friedrich Dürrenmatt: Weihnacht

In der 1942 verfassten Parabel fragt der36 anonymisierte Erzähler, der somit für eine ganze Generation von Katastrophen Betroffener spricht, nach einer religiösen Sinndeutung für das herrschende Leid. Das christliche Weltbild, personifiziert durch ein lebloses Christkind, erscheint ihm als antiquiert und nutzlos (“Alter Marzipan.”): Die alte Religion ist angesichts der apokalyptischen Erfahrungen (“Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen.”) nicht in der Lage, eine befriedigende Antwort auf die Sinnfrage zu geben.

1.3.2 Bertolt Brecht: Hymne an Gott

Brechts “Hymne an Gott” entstand unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, einem für den Dichter prägenden Geschehnis. Der Sprecher des Gedichts erkennt im Leiden der Menschen einen grausamen Sinn und zieht daraus den Schluss, dass Gott zwar abwesend und unauffindbar sein mag, es ihn aber dennoch geben müsse 37: “Aber wie kann das nicht sein, das so betrügen kann?” Brecht zeichnet in seinem zynisch als “Hymne” betitelten Gedicht das Bild eines grausamen und den Menschen betrügenden Gottes.

1.3.3 Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis

Wolfdietrich Schnurre verarbeitet in der 1946 entstandenen Kurzgeschichte seine Gotteserfahrungen zu einer zynischen “Kahlschlagtheologie” 38. Der Ich-Erzähler erfährt in einem Brief von Gottes Tod. Auf dem Weg zu dessen Beerdigung fragt er einige Personen, die allesamt überrascht von Gottes Ableben sind, allerdings größtenteils gleichgültig reagieren. Auch der Pfarrer, dem der Erzähler unterwegs begegnet, reagiert unwissend bezüglich des von ihm zu Bestattenden. Auf dem Friedhof wird Gott (“n graues Hemd trägt er, ist hager, und an seinem Mund und im Bart ist etwas Blut festgetrocknet”) im Beisein weniger beerdigt.

1.3.4 Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes

Der galizische Lehrer Mendel Singer, ein gottesfürchtiger und frommer Jude, zieht mit seiner Familie nach Amerika, seinen geistig behinderten Sohn zurück lassend. Nach einer Zeit unverhofften Glücks für seine Familie wird Mendel von mehreren schweren Schicksalsschlägen getroffen: Einer seiner Söhne fällt, ein anderer gilt als verschollen, seine Frau stirbt und die Tochter verfällt dem Wahnsinn. Mendel rebelliert gegen Gott. Zum Ende des Romans hin erscheint jedoch sein in Russland zurück gelassener und inzwischen geheilter Sohn; ein positives Ende wird angedeutet.

Die Rebellion Mendels gegen Gott ist, so Kuschel, eine “Szene ohnegleichen in der Literatur” 39, vor allem in sprachlich-kompositorischer Hinsicht. Mendels Freunde konfrontieren ihn mit verschiedenen Erklärungsmustern für sein Leid (ein nur Gott bekannter Sinn, ein Verschulden Mendels, das Leiden Mendels als auszeichnende Prüfung, die Relativierung des Leids angesichts des von Mendel erfahrenen Glücks sowie die Ansicht, dass Gott seinen Schöpfungsplan nicht ausschließlich für Mendel ändert) 40. Mendel hingegen bezeichnet Gott als grausamen und bösen “Isprawnik”, der den Menschen willkürlich bestraft. - Der versöhnliche Schluss des Romans deutet an, dass das Leid sowohl Mendels als auch das seines in Russland zurückgelassen und nunmehr geheilten Sohns ein, so Göggel, bewegender und unverzichtbarer Faktor eines Reifungsprozesses beider darstellt 41.

Der Roman ist im Zusammenhang mit der Biografie seines Autors zu lesen, der unter Geldsorgen, Alkoholismus und der tragischen Schizophrenieerkrankung seiner Frau litt. Im Roman finden sich somit Parallelen zu Roths Leben; dem Happy End von “Hiob” wird eine biografische Ersatzfunktion zugeschrieben 42.

1.3.5 Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

Wolfgang Borchert, im Zweiten Weltkrieg der Todesstrafe wegen der Verbreitung politischer Witze nur knapp entkommen und anschließend zu Fuß aus der Kriegsgefangenschaft geflohen, schuf in nur drei Jahren schwerer Krankheit eines der bedeutendsten Gesamtwerke eines deutschen Dichters des 20. Jahrhunderts, ehe er 1947 an den Folgen des Krieges einen Tag vor der Uraufführung seines wichtigsten Werkes, “Draußen vor der Tür”, verstarb.

Der aus dem Krieg heimgekehrte Beckmann kann angesichts des in Stalingrad erfahrenen Leids sein Leben nicht mehr ertragen und springt in die Elbe. Der Fluss jedoch spült ihn wieder ans Ufer, sodass Beckmann, in Begleitung des Ja-Sagers, seines personifizierten alter ego, mehreren Figuren begegnet, von denen er sich Erlösung von seinen Erinnerungen und seiner Verantwortung erhofft. Da ihm niemand helfen kann, schreit er schließlich seine Anklage hinaus, die ungehört verhallt.

Eine jener Figuren, denen Beckmann im nächtlichen Hamburg begegnet, ist der “liebe” Gott, “der alte Mann, an den keiner mehr glaubt.” Ihm gegenüber steht der Tod, allegorisch dargestellt durch einen Beerdigungsunternehmer, der nun den Rang des “neuen Gottes” eingenommen hat. Borchert entwirft im “alten Mann” das Bild eines machtlosen, jämmerlichen Gottes, der das Leid in der Welt zwar ändern will, aber nicht kann, und der in weinerlichem Tonfall das Schicksal seiner “Kinder” beklagt, die sich von ihm abgewandt haben. Beckmann wirft Gott vor, ein “Märchenbuchliebergott” mit “zuviel dünne[r] Theologentinte” zu sein. Er fordert: “Sei lebendig, sei mit uns lebendig, nachts, wenn es kalt ist, einsam und wenn der Magen knurrt in der Stille - dann sei mit uns lebendig, Gott.”

1.3.6 Wolfgang Borchert: Gottes Auge

In der Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert wird “der liebe Gott” durch ein Fischauge dargestellt, das vom Ich-Erzähler, einem Kind, für den Tod des Großvaters verantwortlich gemacht wird. Das - naturgemäße - Schweigen des Auges verweist auf das Bild eines nicht machtlosen - wie in “Draußen vor der Tür” -, sondern aus welchen Gründen auch immer schweigenden Gottes.

1.3.7 Dorothee Sölle: Iwan und Aljoscha

Dorothee Sölle beschäftigt sich mit Dostojewskis Romanfiguren Iwan und Aljoscha, die in dessen Werk “Die Brüder Karamasow” einen Disput über die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens führen. Sölle konzentriert sich in ihrer Betrachtung auf Aljoscha, der nicht wie sein in seiner Empörung metaphysisch orientierter Bruder gegen Gott und die unverrückbaren Bedingungen menschlichen Lebens rebelliert, sondern der seinen Blick auf die Leidenden richtet und sich wie Christus mit ihnen solidarisiert. Sölle fordert in diesem Zusammenhang zum einen die Veränderung der sozialen Bedingungen, unter denen Menschen vom Leid betroffen werden, zum anderen aber auch das Wachen, Beten und Trösten für die Menschen, deren Leid nicht zu bezwingen ist.

1.3.8 Ingeborg Schultz: 2. Mose 31,11.12

In dem unter dem Eindruck des Irakkriegs verfassten Text, der sich auf eine alttestamentliche Bibelstelle bezieht, entwirft die feministische Theologin Ingeborg Schultz das Bild eines unmittelbar mit dem Menschen leidenden Gottes, der als Mensch Gewordener die erschütternden Erfahrungen des Krieges in radikaler Form erlebt. Der Text steht im Kontext der von Dorothee Sölle vertretenen Gott-ist-tot-Theologie, nach der Jesus Gottes Rolle in der Welt übernommen hat und somit als ohnmächtiger Gott mit den Menschen leidet. Nicht der allmächtige und anklagbare, sondern nur der leidende Gott kann in der Erfahrung des Leids helfen 43.

1.3.9 Dan Pagis: Predigt

Der israelische Schriftsteller Dan Pagis (1930-1986) verneint in seiner “Predigt” radikal die Möglichkeit des Hiobbuches, eine Sinndeutung des Leidens der Menschen zu geben: “Aber das Allerfürchterlichste ist, daß es Hiob überhaupt nicht gab, daß er nur ein Gleichnis war.” Im konkreten Leid auf Hiob zu verweisen sei schon deshalb nicht möglich, weil es sich bei ihm um eine papierne Buchgestalt handle 44. In der Konsequenz dieses Textes stellt sich die Frage, inwieweit theologische oder auch literarische Texte eine angemessene Form sind, das Theodizeeproblem zu thematisieren.

2. Didaktisch-methodischer Teil

2.1 Didaktisches Bedingungsfeld

2.1.1 Alter der Schüler

Die Schüler der 11. Klasse sind in ihrem formalen Denken so weit entwickelt, dass sie “aus dem eigenen Bewusstsein heraus Hypothesen, Deduktionen und Theorien” 45 entwickeln können. Sie befinden sich demnach in einer Phase, in der sie sich eine eigenständige Lebensphilosophie schaffen 46. Dementsprechend kann es bei der Behandlung einer für das Weltbild der Schüler so bedeutsamen Frage wie der nach der Theodizee nicht nur um eine reine Wissensvermittlung gehen, sondern auch um eine kritische Diskussion des Themas auf einem der Altersstufe der Schüler angemessenen Niveau. Allerdings ist Vermittlung von Wissen notwendig, damit den Schülern ein sicheres Gerüst für die Entwicklung einer eigenen Meinung gegeben wird.

2.1.2 Kirchlich-religiöse Voraussetzungen und Einstellungen der Schüler

Die Unterrichtsreihe findet in einem Leistungskurs Religion der 11. Klasse statt. Da Religions-Leistungskurse in der Regel nur an kirchlich getragenen Schulen angeboten werden, kann davon ausgegangen werden, dass nahezu alle Schüler des Kurses einen direkten Bezug zum Glauben bzw. zur Kirche haben. Auf alle Fälle ist, da es sich um einen Leistungskurs handelt, bei den Schülern eine hohe Bereitschaft und Sensibilität für den Umgang mit solch existentiellen Fragen wie der nach der Theodizee auch über den bloßen theoretischen Wissenserwerb hinaus vorauszusetzen.

2.2 Bedeutung des Themas, Lernziele

Die heutige Generation zumindest der “Ersten Welt” leidet nicht mehr als die vorangegangenen, nimmt aber in der medial geprägten Welt ein Übermaß an Leiden wahr 47. Die mediale Präsenz fremden Leidens ist neben den eigenen negativen Erfahrungen der Jugendlichen (Umgang mit dem Tod, Armut, Beziehungskrisen der Eltern oder schlicht Liebeskummer) ein bedeutender Grund für einen erschwerten Umgang mit Gott und eine zunehmende Distanzierung von der Kirche sowie vom christlichen Kontext überhaupt 48. Hieraus ergeben sich folgende Lernziele für die Unterrichtsreihe:

1. Die Schüler sollen die theoretischen Aspekte zur Theodizeefrage kennenlernen (dogmatisch-theologisches Fachwissen): Was ist Theodizee? Welche verschiedenen Versuche gibt es, diese Frage zu lösen?
2. Die Schüler sollen die theoretischen Aspekte zur Theodizeefrage auf ihre eigenen Erfahrungen übertragen.
3. Die Schüler sollen die einzelnen Lösungsansätze bewerten. Sie sollen sich zu der Aussage, dass die Theodizee nach menschlichem Ermessen mit theologisch-dogmatischen Aussagen prinzipiell nicht zu beantworten ist, positionieren.
4. Die Schüler sollen die theoretischen Aspekte zur Theodizeefrage in der Literatur kennen
- bezüglich der synchronen und diachronen Betrachtung zur Theodizee in der Literatur,
- bezüglich des geschichtlichen Hintergrunds der verschiedenen Werke (z.B. Nachkriegszeit, Irakkrieg) sowie der Autorenbiografien der ausgewählten Texte vor allem in Bezug auf die Theodizeefrage.
5. Die Schüler sollen ihr theoretisches Wissen auf ausgewählte Texte anwenden.
- Welche Gottesbilder haben die Erzähler, Figuren und Autoren?
- Welche Erfahrungen machen die Erzähler, Figuren und Autoren in Bezug auf das Leid? Woran leiden sie konkret?
- Welche Sinndeutungen geben die Erzähler, Figuren und Autoren dem ihnen erfahrenen Leid?
- Wie erfolgt die Auseinandersetzung der Erzähler, Figuren und Autoren mit dem erfahrenen Leid? (In Bezug auf die Autoren auch: Wie schlagen sich die Erfahrungen der Autoren in der sprachlichen Gestaltung des Textes nieder?)
- Welche Konsequenzen ziehen die Erzähler, Figuren und Autoren aus dem ihnen erfahrenen Leid und aus der Auseinandersetzung bzw. der gewonnenen Sinndeutung?
- Die Schüler sollen anhand der Texte verschiedene Umgangsformen mit dem Leid kennenlernen (z.B. Klage, Bitte, Abwenden von Gott).
6. Die Schüler sollen die behandelten Texte auf ihre eigenen Erfahrungen übertragen. Durch das Kennen von Umgangsformen mit der Frage nach Gott im oder trotz des Leids kann der eigene Umgang mit diesem Problem in für die Schüler existentiellen Krisen wie Liebeskummer oder Erfahrungen mit dem Tod unter Umständen erleichtert werden.
7. Die Schüler sollen aus dem Gelernten Konsequenzen für ihr eigenes Handeln im Umgang mit eigenem (seelsorgerliche Dimension) und fremdem Leid (ethische Dimension: Frage nach nötigem christlichem Handeln, Frage nach “Widerstand und Ergebung”) ziehen 49.

Zusätzlich dazu sollen sich die Schüler methodische Kompetenzen vor allem hinsichtlich des Umgangs mit literarischen Texten, aber auch in Bezug auf verschiedene Arbeitsformen (Einzelarbeit, Gruppenarbeit u.a.) aneignen. In diesem Zusammenhang ist, so Ott, auch die Anleitung zur Kommunikation von Bedeutung 50.

2.3 GLIEDERUNG DER UNTERRICHTSREIHE

2.3.1 G liederung

1. Stunde: Hinführung zum Thema mit drei Texten (Bertolt Brecht “Hymne an Gott”, Wolfdietrich Schnurre “Das Begräbnis”, Friedrich Dürrenmatt “Weihnacht”)
2. Stunde: Theodizee, Theodizee in der Literatur
3. Stunde: Joseph Roth “Hiob”
4. Stunde: Wolfgang Borchert “Draußen vor der Tür”: Hörspiel (1)
5. Stunde: Wolfgang Borchert “Draußen vor der Tür”: Hörspiel (2)
6. Stunde: Wolfgang Borchert “Draußen vor der Tür”, ders. “Gottes Auge
7. Stunde: Dorothee Sölle “Iwan und Aljoscha”, Ingeborg Schultz “2. Mose 31,11.12” (1)
8. Stunde: Dorothee Sölle “Iwan und Aljoscha”, Ingeborg Schultz “2. Mose 31,11.12” (2)
Dan Pagis “Predigt” in Vorbereitung auf Stunde 9
9. Stunde: Abschlussdiskussion zur Darstellbarkeit der Theodizeefrage in der Literatur
10. Stunde: Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung

2.3.2 Konkretisierung der Gliederung

a) Hinführung mit 3 Texten (1.)

Die drei Texte, die von den Schülern in Vorbereitung auf die Stunde zu Hause gelesen werden, dienen als Einstieg in das Thema. In der Stunde wird die Klasse in drei Gruppen geteilt; jede Gruppe diskutiert einen der Texte unter konkreten, vom Lehrer vorgegebenen Aspekten (z.B. Erkennen der Gottesbilder in den Texten). Die Schüler sollen anhand der in der Gruppendiskussion deutlich gewordenen Bezüge zur Frage nach dem Leid zum Thema hingeführt werden. Anschließend werden erste Eindrücke, Erfahrungen und Lösungsvorschläge zur Rechtfertigung Gottes gesammelt.

b) Theodizee, Theodizee in der Literatur (2.)

Das unter 1.1 und 1.2 kurz dargestellte theoretische Grundwissen zur Theodizee und zur Behandlung der Theodizeefrage in der Literatur wird vom Lehrer in einer den Schülern explizit als solchen angekündigten Vorlesung behandelt. Die Schüler üben somit in Vorbereitung auf ein späteres Hochschul- oder Universitätsstudium das sinnvolle Mitschreiben längerer Vorträge. Dies ist angesichts der Schwierigkeit beginnender Studenten, effektiv Vorlesungsmitschriften zu führen, notwendig. Zu Beginn der folgenden Stunde wird eine benotete und unangekündigte Kurzkontrolle zum in der Vorlesung behandelten Stoff geschrieben, bei der die Schüler ihre Aufzeichnungen verwenden dürfen. Somit wird die Verwertbarkeit der von ihnen geführten Mitschriften überprüft.

c) Joseph Roth “Hiob” (3.)

Ein zehnminütiger Schülervortrag informiert die Klasse über den Inhalt des gesamten Buchs. Anschließend wird der Textausschnitt gelesen und behandelt. Dieser eignet sich nach der Darstellung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten in der vorangegangenen Stunde besonders, da die Freunde Mendels mehrere unterschiedliche Antworten auf dessen Frage nach der Berechtigung seines Leidens geben.

d) Wolfgang Borchert “Draußen vor der Tür”, “Gottes Auge” (4.-6.)

Die Schüler informieren sich zu Hause über die Biografie Wolfgang Borcherts in Zusammenhang mit den Zeitumständen. Anschließend hören sie das Theaterstück “Draußen vor der Tür” als Hörspiel (ca. 80 Minuten), da hier die Intensität des Stückes am deutlichsten zu spüren ist. In der darauf folgenden Unterrichtsstunde werden die Ausschnitte, in denen der “liebe Gott” auftritt, im Vergleich mit der Kurzgeschichte “Gottes Auge” behandelt.

e) Dorothee Sölle “Iwan und Aljoscha”, Ingeborg Schultz “2. Mose 31,11.12” (7.-8.)

Ein Schülervortrag informiert die Klasse über das Kapitel “Die Empörung” aus Fjodor Dostojewskis “Brüder Karamasow”. Im Anschluss daran wird der Text von Dorothee Sölle gelesen und im Zusammenhang mit dem Leben und Werk Sölles, insbesondere der Befreiungstheologie und dem Begriff der “strukturalen Sünde”, behandelt. Der im Text von Sölle angesprochene Gedanke der Solidarität mit den Leidenden wird von den Schülern diskutiert. In der ersten Hälfte der folgenden Stunde werden die von den Schülern gewonnenen Erkenntnisse anhand des Gedichts von Ingeborg Schutz überprüft und gefestigt.

f) Dan Pagis ”Predigt”, Abschlussdiskussion (8.-9.)

In der 9. Stunde findet eine Abschlussdiskussion statt, in der die Schüler vor allem die Frage diskutieren, inwieweit die Theodizeefrage sowohl theologisch als auch literarisch angesichts des real existierenden Leids behandelt werden kann. Allerdings können auf Wunsch der Schüler auch andere offen gebliebene Fragen diskutiert werden. Die Diskussion wird in der zweiten Hälfte der 8. Stunde vorbereitet. Hierbei werden die genauen Themen festgelegt sowie mehrere Schüler ausgewählt, die sich auf die folgende Stunde intensiv vorbereiten und als Hauptdiskutanten (Podium) agieren sollen. Die restlichen Schüler stellen das Plenum dar. Die Beiträge der Podiumsteilnehmer können eventuell vom Lehrer benotet werden. Als Rahmen für die Erörterung der Frage nach der Darstellbarkeit der Theodizee dient das Gedicht “Predigt” von Dan Pagis.

2.4 Entwurf einer Unterrichtsstunde: DOROTHEE SÖLLE “IWAN UND ALJOSCHA” (8. STUNDE)

In den vorangegangenen Stunden sind im Idealfall folgende Lernziele bereits erreicht worden, die für diese Stunde vorausgesetzt werden:

- Die Schüler kennen die theoretischen Aspekte der Theodizee. Sie besitzen ein Überblickswissen zu den verschiedenen Lösungsmöglichkeiten der Frage nach Gott im Leid und wissen um die Problematik der prinzipiellen (Nicht-)Beantwortbarkeit der Theodizee.
- Die Schüler sind im Umgang mit Texten, die die Frage nach dem Leid thematisieren, bereits vertraut. Sie haben in der Arbeit mit anderen Werken bereits erkannt, wie die Theodizee literarisch verarbeitet werden kann.

In der Unterrichtsstunde sollen folgende Lernziele erreicht werden:

- Die Schüler festigen ihre Fähigkeit, Inhalt und Aussage eines ihnen unbekannten Textes zügig zu erfassen.
- Die Schüler festigen ihre Fähigkeit, Inhalt und Aussage eines Textes mit dem biografischen und theologischen Hintergrund des Autors in Verbindung zu bringen.
- Die Schüler festigen ihre Fähigkeit zur gemeinsamen Diskussion eines Themas.

Die Schüler bereiten sich auf die Stunde vor, indem sie sich selbstständig über die Begriffe “Befreiungstheologie” und “strukturale Sünde” sowie über den biografischen Hintergrund von Dorothee Sölle informieren, beispielsweise über das Internet (wikipedia) oder in Nachschlagewerken in der Schulbibliothek.

Die Unterrichtsstunde selbst lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Schülervortrag zu Beginn der Stunde soll den Mitschülern einen kurzen Überblick darüber bieten, worum es in dem Roman “Die Brüder Karamasow” geht, ohne dessen konkreten Inhalt zusammenzufassen, da dies zum einen angesichts des Umfang des Werkes zu zeitaufwendig und zum anderen im Zusammenhang mit dem Text von Dorothee Sölle unwesentlich wäre. Der Vortrag soll aufgrund der mangelnden Relevanz für die Unterrichtsstunde ebenso wenig auf biografische Einzelheiten zum Leben und Schaffen Dostojewskis eingehen. Der vortragende Schüler bezieht sich hauptsächlich auf das Kapitel “Die Empörung” und fasst den Argumentationsgang der beiden Brüder inhaltlich zusammen. Ziel des Vortrags ist es, den Schülern das Verstehen der Verweise Sölles auf den Roman zu erleichtern.

In der anschließenden kurzen Auswertung des Referats sollen zum einen inhaltliche Fehler berichtigt werden, so solche aufgetreten sind, zum anderen werden dem Schüler Hinweise zur methodischen Gestaltung seines Vortrags (Gliederung, Vortragsstil u.a.) gegeben.

Der Text von Dorothee Sölle ist im Folgenden Grundlage einer vom Lehrer verlaufs- und ergebnisoffen geplanten Diskussion, deren Inhalt sich aus der Interessenlage der Schüler und aus dem Diskussionsverlauf ergeben. Der Lehrer lenkt die Diskussion, in dem er mitunter Impulsfragen stellt und indem er auf eine Orientierung der Diskussion am Sölle-Text achtet. Folgende Punkte können in der Diskussion neben anderen eine Rolle spielen:

- Dient die Passion Christi eher als Vorbild für den Umgang mit Leid als das Hiob-Buch, das in seiner Auslegungsgeschichte oftmals als solches dargestellt wurde?
- Wie kann das Mit-Leiden, das Sölle fordert, konkret aussehen?
- Welche Parallelen ergeben sich zwischen dem Text und der von Sölle vertretenen Befreiungstheologie?
- Inwieweit ist die theologische, aber auch die literarische Behandlung der Theodizeefrage angebracht angesichts des real existierenden Leids? Ist praktisch ausgeübte Solidarität nicht viel mehr von Belang als ein theoretischer Diskurs?

Ob die Grundgedanken des Textes sowie die mit dem Text verbundenen Fragestellungen von den Schülern angemessen erfasst worden sind, wird in der ersten Hälfte der folgenden Stunde überprüft, in der die Schüler einen Text der feministischen Theologin Ingeborg Schultz lesen und bearbeiten, der eine dem Sölle-Text ähnliche Grundaussage aufweist.

Probleme bei der Umsetzung der Stundenplanung können zum einen auftreten, wenn der Schülervortrag länger als die vorgegebene Zeit dauert oder er fehlerhaft ist und somit ausführlicher ausgewertet und korrigiert werden muss, zum anderen wenn die Schüler unerwartet massive Probleme beim Verstehen des Textes und der ihm zugrunde liegenden Problematik haben. Eine dritte Gefahrenquelle liegt in einer möglichen mangelnden Diskussionsbereitschaft der Schüler.

2.5 Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung

Das Erreichen der Lernziele kann in der letzten Stunde der Unterrichtsreihe durch eine Kontrollarbeit überprüft werden (51). Die Schüler haben für die Beantwortung der Fragen 40 Minuten Zeit (fünf Minuten werden für das Austeilen, das Erteilen von Hinweisen sowie das Einsammeln verwendet). Eine optimale Zeiteinteilung wäre: Aufgabe 1 - vier Minuten, Aufgabe 2 und 3 - jeweils 18 Minuten). Die Aufgaben sind (mit Ausnahme von 1b und 1c) in zusammenhängenden Sätzen zu lösen, um die sprachlich-logische Kompetenz der Schüler zu fördern und zu überprüfen.

Das Erreichen folgender im Kapitel 2.2 formulierter Lernziele soll anhand der drei Aufgaben nachgewiesen und bewertet werden:

- Aufgabe 1: Kennen der theoretischen Aspekte der Theodizeefrage
- Aufgabe 2: Kennen der theoretischen Aspekte der Theodizeefrage, Anwenden des theoretischen Wissens auf einen literarischen Text
- Aufgabe 3: Kennen der theoretischen Aspekte der Theodizeefrage, Bewerten der Lösungsansätze zur Theodizeefrage, Anwenden des theoretischen Wissens auf einen literarischen Text, Übertragen des theoretischen Wissens auf eigene Erfahrungen, Übertragungen der behandelten Texte auf eigene Erfahrungen

Das Lernziel, die Schüler sollen aus dem Gelernten Konsequenzen für ihr eigenes Handeln im Umgang mit eigenem (seelsorgerliche Dimension) und fremdem Leid (ethische Dimension) ziehen, lässt sich nicht im Rahmen des Religionsunterrichts, geschweige denn in Form einer schriftlichen Leistungskontrolle überprüfen.

2.6 ALternativen: freiarbeit, stationenarbeit

Alternativ zum erarbeiteten Stundenentwurf ist es auch möglich, dass Thema “Theodizee in der Literatur” in Form von Freiarbeit oder Stationenarbeit zu behandeln. Im Folgenden soll kurz angerissen werden, wie diese Unterrichtsformen in Bezug auf die Thematik angewandt werden können und welche Vorteile sich daraus für die Schüler ergeben.

a) Freiarbeit: Die Schüler suchen sich selbstständig und ohne Hilfe des Lehrers eine der zur Verfügung stehenden Zeit angemessene Anzahl literarischer Werke (Lyrik, Epik, Dramatik) und erarbeiten sie unter vorgegebenen Fragestellungen. Zur Recherche von passenden Texten nutzen sie Bibliotheken, das Internet sowie ihre eigene Leseerfahrung. Als Endergebnis ist eine Präsentation vor der Klasse oder das Anfertigen einer Mappe möglich.

b) Stationenarbeit: Den Schülern werden vom Lehrer verschiedene Werke sowie zu jedem Text Aufgabenstellungen vorgegeben, von denen sie sich eine bestimmte Anzahl aussuchen können. Je nach Art der Aufgabenstellungen ist auch hier eine Präsentation vor der Klasse oder die Verschriftlichung der Arbeitsergebnisse möglich.

Der Lehrer macht es von den Bedingungen in der Klasse (Lernklima, Wissens- und Fähigkeitsstand, Disziplin der Schüler) abhängig, ob und in welcher Weise er Hilfestellungen bei der selbstständigen Arbeit gibt und in den Arbeitsprozess eingreift.

Sowohl die Unterrichtsreihe in Form von Frei- als auch Stationenarbeit kann durch eine Abschlussdiskussion abgerundet werden. Eine Leistungsüberprüfung in Form einer schriftlichen Arbeit ist in beiden Fällen möglich.

Beide Formen der Erarbeitung des Themas weisen u.a. folgende Vorteile auf:

- Sowohl Frei- als auch Stationenarbeit können in dem vorgegebenen Zeitraum von 10 Unterrichtsstunden absolviert werden. Die Schüler entscheiden selbst, wie sie ihre Zeit einteilen. Somit wird die Fähigkeit des optimalen Zeitmanagements gefördert.
- Beide Formen lassen Gruppenarbeit zu, wodurch wird die Teamfähigkeit der Schüler gefördert wird.
- Das eigenständige Arbeiten sowie die Recherchefähigkeit wird erheblich gefördert. Beide Kompetenzen sind im Hinblick auf ein späteres Studium von ernormer Bedeutung.
- Durch die selbstständige Erarbeitung der Texte und die eigenständige Entwicklung eines Problembewusstseins bezüglich des Themas wird die Nachhaltigkeit des Stoffs gefördert.

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Texte

- Borchert, Wolfgang: Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will. In: ders.: Das Gesamtwerk. Reinbek: Rowohlt, 2004. S. 99-165
- Borchert, Wolfgang: Gottes Auge. In: ders.: Das Gesamtwerk. Reinbek: Rowohlt, 2004. S. 306-308
- Brecht, Bertolt: Hymne an Gott. In: Silvio Vietta (Hrsg.): Lyrik des Expressionismus. Tübingen: Niemeyer, 19994. S. 179
- Dürrenmatt, Friedrich: Weihnacht. In: ders.: Aus den Papieren eines Wärters. Frühe Prosa. Zürich: Diogenes, 1986. S. 9-11
- Klabund: Hiob. In: ders.: Gedichte Teil 2. Hrsg. von Ralf Georg Bogner. (= Werke in acht Bänden, Bd. 4). Heidelberg: Elfenbein, 2000. S. 764-766
- Pagis, Dan: Predigt. In: Langenhorst (1995), a.a.O. S. 49-50
- Roth, Joseph: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Augsburg: Weltbild, 1999
- Schneider, Robert: Schlafes Bruder. Roman. Leipzig: Reclam, 199615
- Schnurre, Wolfdietrich: Das Begräbnis. In: ders.: Man sollte dagegen sein. Geschichten. Frankfurt am Main, Hamburg: Fischer, 1964. S. 19-28
- Schultz, Ingeborg: 2. Mose 31,11.12. In: Boldern Texte, Jg. 52 (2003), Nr. 7/8
- Sölle, Dorothee: Noch einmal: Aljoscha und Iwan. In: dies. (1993), S. 212-217

Sekundärliteratur

- Ammicht-Quinn, Regina: Von Lissabon bis Auschwitz. Zum Paradigmawechsel in der Theodizeefrage. (= Studien zur theologischen Ethik, Bd. 43). Freiburg (Schweiz): Universitätsverlag, 1992
- Göggel, Emil: Joseph Roth ”Hiob”. Stuttgart, Dresden: Klett, 1991
- Hempelmann, Reinhard, Werner Brändle: Allmächtig, unfehlbar, apathisch? Theodizee als Frage nach Gott. In: Materialdienst, Jg. 68 (2005), Nr. 3. S. 83-90
- Klein, Christoph: Art. “Theodizee”. In: Eugen Biser, Ferdinand Hahn, Michael Langer (Hrsg.): Der Glaube der Christen. Band II: Ein ökumenisches Wörterbuch. München: Pattloch, Stuttgart: Calwer, 1999. S. 469-470
- Kreiner, Armin: Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente. (= Quaestiones Disputatae, Bd. 168). Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1997
- Kreiner, Armin: Gott im Leid. In: Eugen Biser, Ferdinand Hahn, Michael Langer (Hrsg.): Der Glaube der Christen. Band I: Ein ökumenisches Handbuch. München: Pattloch, Stuttgart: Calwer, 1999. S. 541-557
- Kunstmann, Joachim: Theodizee. Vom theologischen Sinn einer unabschließbaren Frage. In: Evangelische Theologie, Jg. 59 (1999), Nr. 2. S. 92-106
- Kuschel, Karl-Josef: Gottesbilder in der Literatur unserer Zeit. In: ders.: Gottesbilder - Menschenbilder. Blicke durch die Literatur unserer Zeit. Zürich, Einsiedeln, Köln: Benziger, 1985. S. 13-54
- Kuschel, Karl-Josef: Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München, Zürich: Piper, 1987
- Langenhorst, Georg: Hiobs Schrei in die Gegenwart. Ein literarisches Lesebuch zur Frage nach Gott im Leid. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1995
- Langenhorst, Georg: Hiob unser Zeitgenosse. Die literarische Hiob-Rezeption im 20. Jahrhundert als theologische Herausforderung. (= Theologie und Literatur, Bd. 1). Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1995²
- Langenhorst, Georg: ”Zuviel warum gefragt”. Die Hiobsgestalt bei jüdischen Dichtern unserer Zeit. In: Gotthard Fuchs (Hrsg.): Angesichts des Leids an Gott glauben? Zur Theologie der Klage. Frankfurt am Main: Knecht, 1996. S. 187-226
- Müller, Paul: “Unter Leiden prägt der Meister”. Vom Sinn und Segen der Krankheiten, Nöte und Rätsel des Lebens. Heilbronn: Paulus, 1974
- Neuhaus, Gerd: Theodizee - Abbruch oder Anstoß des Glaubens? Eine Annäherung von ausgewählten Beispielen der Literatur her. In: Johann Baptist Metz (Hrsg.): ”Landschaft aus Schreien”. Zur Dramatik der Theodizeefrage. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1995. S. 9-55
- Ott, Rudi: Zur didaktischen Funktion literarischer Texte im Religionsunterricht. In: Hermann Kirchhoff, Margot Saller (Hrsg.): Im Dialog mit Texten. Zum Umgang mit literarischen Texten in Religionsunterricht und Gemeindearbeit: Donauwörth: Auer, 1989. S. 31-44
- Schulz, Wolfgang: Unterricht. Analyse und Planung. In: Paul Heimann, Gunter Otto, ders.: Unterricht. Analyse und Planung. (= Auswahl Reihe B, Bd. ½). Hannover: Schroedel, 197910. S. 13-47
- Schüssler, Werner: Das Übel als ”privati boni”. Herkunft, Bedeutung und Aktualität dieser Lehre. In: prima philosophia, Jg. 14 (2001), Nr. 2. S. 123-131
- Sölle, Dorothee: Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem “Tode Gottes”. Berlin: Kreuz, 19706
- Sölle, Dorothee: Leiden. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1993
- Speirs, Ronald: Gedichte 1913-1917. In: Jan Knopf (Hrsg.): Gedichte. (= Brecht Handbuch, Bd. 2). Stuttgart, Weimar: Metzler, 2001. S. 23-27
- Teske, Martin: Warum lässt Gott so Schlimmes zu? Gedankenbeben – nach dem Erdbeben von Lissabon vor 250 Jahren. In: Neues Deutschland (29./30.01.2005), S. 22
- Vardy, Peter: Das Rätsel von Übel und Leid. München: Don Bosco, 1998

6. Anhang

Mit * bezeichnete Texte sind vom Verfasser dieses Entwurfs mit dem jeweiligen Titel bezeichnet worden.

Anhang 1: Friedrich Dürrenmatt: Weihnacht (Weihnachten 1942)

Es war Weihnacht. Ich ging über die weite Ebene. Der Schnee war wie Glas. Es war kalt. Die Luft war tot. Keine Bewegung, kein Ton. Der Horizont war rund. Der Himmel schwarz. Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen. Ich schrie. Ich hörte mich nicht. Ich schrie wieder. Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind. Die Glieder weiß und starr. Der Heiligenschein eine gelbe gefrorene Scheibe. Ich nahm das Kind in die Hände. Ich bewegte seine Arme auf und ab. Ich öffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger. Ich aß den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich biß ihm den Kopf ab. Alter Marzipan. Ich ging weiter.

Anhang 2: Bertolt Brecht: Hymne an Gott (1917)

1

Tief in den dunklen Tälern sterben die Hungernden.

Du aber zeigst ihnen Brot und lässest sie sterben.

Du aber thronst ewig und unsichtbar

Strahlend und grausam über dem ewigen Plan.

2

Ließest die Jungen sterben und die Genießenden

Aber die sterben wollten, ließest du nicht ...

Viele von denen, die jetzt vermodert sind

Glaubten an dich und starben mit Zuversicht.

3

Ließest die Armen arm sein manches Jahr

Weil ihre Sehnsucht schöner als dein Himmel war

Starben sie leider, bevor mit dem Lichte du kamst

Starben sie selig doch - und verfaulten sofort.

4

Viele sagen, du bist nicht und das sei besser so.

Aber wie kann das nicht sein, das so betrügen kann?

Wo so viel leben von dir und anders nicht sterben konnten -

Sag mir, was heißt das dagegen - daß du nicht bist?

Anhang 3: Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis (1946)

Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopft’s.

Steig ich runter, leg den Hammer weg und den Nagel; mach auf: Nacht; Regen.

Nanu, denk ich, hat doch geklopft.

”Ptsch”, macht die Dachrinne.

”Ja -?” sag ich.

Ruft’s hinter mir: ”Hallo!”

Geh ich zurück wieder. Liegt n Brief auf m Tisch.

Nehm ihn.

Klappt die Tür unten. Leg ich den Brief hin, geh runter, mach auf: Nichts.

Ulkig, denk ich.

Geh rauf wieder.

Liegt der Brief da; weiß mit schwarzem Rand.

Muß einer gestorben sein, denk ich.

Seh mich um.

”Riecht nach Weihrauch”, sagt meine Nase.

”Hast recht”, sag ich; ”war doch vorher nich. Komisch.”

Reiß den Brief auf, setz mich, putz mir die Brille. So.

Richtig, ne Traueranzeige. Ich buchstabiere.

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb Heute nach langem, mit himmlischer geduld ertragenem leiden: Gott.

Klein, drunter:

Die Beisetzung findet heute nacht in aller Stille auf dem St.-Zebedäus-Friedhof statt.

Siehste, denk ich, hat’s ihn auch geschnappt, den Alten; nu ja. Steck die Brille ins Futteral und steh auf.

”Frau!” ruf ich”, ”n Mantel!”

”Wieso n?” brummelt sie oben.

”Frag nich so blöd”, sag ich, ”muß zur Beerdigung.”

”Kenn ich”, greint sie; ”Skat kloppen willste.”

”Quatsch”, sag ich; ”Gott is gestorben.”

”Na, und -?” sagt sie; ”vielleicht noch n Kranz kaufen, hm?”

”Nee”, sag ich; ”aber Franzens Zylinder könnste rausrücken. Wer weiß, wer alles da is.”

”Ach nee”, sagt sie, ”auch noch n dicken Willem markiern? Nee, is nich. Außerdem duster; sieht sowieso keiner, daß de n Zylinder aufhast.”

Schön, denk ich; denn nich, liebe Tante.

Zieh mein Paletot an, klapp n Kragen hoch und geh runter zur Tür.

s pladdert.

Den Schirm, denk ich. Aber den Schirm hat Emma.

”Nacht”, sag ich und mach zu hinter mir.

Alles wie immer draußen. Glitschiger Asphalt, bißchen Laternenlicht; paar Autos, paar Fußgänger; auch die Straßenbahn fährt.

Frag ich einen: ”Schon gehört - Gott is gestorben.”

Sagt der: ”Nanu; heut erst?”

Der Regen nimmt zu. Vor mir taucht n Kiosk auf mit ner Karbidlampe drin.

Halt, denk ich, mußt doch mal sehn.

Beug mich rein; blättere, such.

HEUTE: nichts. MORGEN: nichts. NEUE WELT: nichts. DIE ZUKUNFT: nichts. AM FEIERABEND: nichts. Keine Zeile; nicht mal unter Kurznachrichten.

Frag ich: ”Sonst noch was?”

”Anzeigenblatt”, sagt der Zeitungsmann.

”Moment”, sag ich.

Such; find’s: Letzte Seite; reiner Zufall. Unter Sonstiges, klitzeklein:

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb Heute nach langem, mit himmlischer geduld ertragenem leiden: Gott.

Aus; alles.

Zeig’s dem Zeitungsmann: ”Na -?”

Sagt der: ”Armer Deubel. Kein Wunder.”

Auf m Paradeplatz, mitten im Nebel, steht n Schutzmann.

Frag ich: ”Nich was durchs Radio gekommn?”

”Krieg”, sagt er.

”Nee”, sag ich; ”was Besondres.”

”Nee”, sagt er.

”Kein Todesfall? Gott soll gestorben sein.”

Zuckt er die Schultern: ”Hat er davon.”

Wird dunkler. Die Straße verengt sich.

Ecke Kadettenweg renn ich einen an.

Sagt der: ”Geht’s n hier zum Zebedäus-Friedhof?”

”Pfarrer?” frag ich; ”Beerdigung?”

Er nickt.

”Wen denn.”

Sagt er: ”n gewissen Klott oder Gott oder so ähnlich.”

Gehn wir zusammen. An Mietskasernen vorbei, schorfigen Brandmauern, flackernden Gaslaternen.

Fragt der Pfarrer: ”Verwandt mit dem Toten?”

”Nee”, sag ich; ”bloß so.”

Hinter uns wird n Fenster aufgerissen.

”Hilfe!” schreit ne Frau.

n Blumentopf klirrt aufs Pflaster. Gegenüber zieht einer n Roll-Laden hoch. Licht fällt auf die Straße.

”Ruhe!” brüllt jemand.

”Noch weit?” fragt der Pfarrer.

”Nee”, sag ich; ”gleich.”

Der Regen ist jetzt so dicht, daß man kaum noch die Laternen erkennt. Bin naß bis aufs Hemd.

”Hier”, sag ich: ”rechts.”

Ist die Marschallstraße, mündet auf n Kohlenplatz, der jetzt mit Stacheldraht eingezäunt ist; Quarantänelager für Heimkehrer.

Die stehn im Regen und warten. Links der Zebedäus-Friedhof daneben, eng an die Rückwand von WALDEMARS BALLSÄLEN gequetscht. Rechts die Stickstoff-Fabrik. Ihre verschmierten Fenster sind hell; man hört’s, sie läuft auf Hochtouren. Ihre Schornsteine sind von unten erleuchtet; oben verlieren sie sich im Nebel.

Vorm Friedhof steht was. n Wagen mit ner Kiste drauf; paar Leute, n Pferd.

”n Abend”, sag ich.

”Biste der Pfarrer?”

”Nee”, sag ich, ” der.”

”Los, pack mit an.”

Der Pfarrer greift zu, schweigend. Sie heben sich die Kiste auf die Schulter und schwanken durchs Tor.

”Beeilt euch!” schreit der Kutscher.

Er hat sich unter ner Decke verkrochen und lehnt an dem Pferd; raucht.

s Tor quietscht, wie ich’s zumach. Langsam schlendre ich hinter den Männern her.

Zwei tragen Spaten. Die kenn ich; sind die Totengräber. Der dritte hat n blauen Kittel an, hinter seinem rechten Ohr klebt ne aufgeweichte Zigarette; n Straßenfeger oder so was. Die andern beiden stecken in speckigen Feldblusen und haben Schildmützen auf; Heimkehr aus m Lager wahrscheinlich.

Der sechste ist der Pfarrer.

Jetzt sind sie aus m Schritt gekommen, die Kiste auf ihren Schultern liegt schief. Hat der Pfarrer dran schuld; krieg s Kreuz nicht raus, stöhnt. Schreit plötzlich: ”Absetzen!” Duckt sich.

”Rumms.”

Der Deckel fliegt ab. Haben sie die Bescherung.

Der Pfarrer hinkt; hat die Kiste auf n Fuß gekriegt. Der Tote ist rausgefallen. Liegt da, bleich. Die Azetylenlampen vom Lager leuchten ihn an. n graues Hemd trägt er, ist hager, und an seinem Mund und im Bart ist etwas Blut festgetrocknet. Er lächelt.

”Idiot”, sagt der Kittelmann.

Sie drehn die Kiste um und heben den Toten wieder rein.

Sagt der eine Heimkehrer: ”Er is dreckig, paß auf.”

”Schon gut”, sagt der andre.

Wie der Deckel drauf ist, bücken sie sich.

”Haaaaaau - ruck!” schrein die Totengräber.

”Maaaaarsch!”

Der Pfarrer hinkt.

An nem zermanschten Erdhaufen wartet ne Frau. Kenn ich; ist die Inspektorin. Sie hat n durchlöcherten Schirm aufgespannt, durch den man die erleuchteten Schornsteine sieht. Ihr Rock ist aus Sackleinen; STÄDTISCHE STICKSTOFFWERKE steht drauf.

”Hierher!” schreit sie.

Neben dem Erdhaufen ist n Loch. Neben dem Loch liegt n Strick. Daneben n Blechkreuz mit ner Nummer drauf.

Die Träger schwenken ein.

”Seeeeeeetzt - ab!” kommandieren die Totengräber.

Die Kiste rumpelt zur Erde. H. GOTT ist drangeschrieben mit Kreide. Drunter n Datum; schon verwischt aber.

Der Pfarrer räuspert sich.

”Junge, Junge”, sagt der eine Heimkehrer und betupft sich die Stirn.

Der andre stellt den Fuß auf die Kiste und beugt sich vornüber. ”Mistwetter”, sagt er und bewegt die Zehen, die aus der Schuhspitze raussehn.

”Los, Leute”, sagte die Inspektorin, ”haut hin.”

Der eine Totengräber mißt das Loch mit m Spatenstiel. ”Werd verrückt”, sagt er.

”Was n”, fragt der andre.

”Zu kurz.”

Sie schippen.

Es planscht, wenn die Brocken ins Loch fallen; Grundwasser.

”Paßt”, sagt der Kittelmann.

Der Pfarrer räuspert sich. ”Liebe Anwesende”, sagt er.

”Hier”, sagt der eine Totengräber, ”faß mal n Strick an. So. Und jetz drauf mit dem Ding.”

Sie heben die Kiste an und stellen sie auf den Strick, der rechts und links mit je drei Schlaufen drunter vorsieht.

”Zuuuuu-gleich!” kommandieren die Totengräber. Die Kiste schwebt überm Loch.

Taghell machen’s die Azetylenlampen. Die Blechkreuze rings auf den flachen Hügeln sind nicht höher als Kohlköpfe.

Es regnet ununterbrochen.

Von der schimmligen Rückwand von WALDEMARS BALLSÄLEN löst sich n Putzplacken ab und haut zwei Grabkreuze um.

”Nachlassen”, sagt der eine Totengräber; ”langsam nachlassen.”

Die Kiste senkt sich.

”Woran is er n gestorben?” frag ich.

Die Inspektorin gähnt. ”Soll ich n das wissen.”

Vom Quarantänelager kommt Harmonikamusik rüber.

”Bei drei loslassen”, sagt der andre Totengräber; zählt: ”Eins -, zwei-”

”Moment”, sagt der Pfarrer und zieht sein Bein aus der Grube; ”so.”

”Drei!”

Klang, als wär n Sack ins Wasser geplumpst.

”Sauerei”, sagt der Kittelmann und wischt sich s Gesicht ab.

Die Heimkehrer ziehn die Mützen vom Kopf. Der Pfarrer faltet die Hände.

”Na ja.” Der eine Totengräber spuckt aus und wickelt den Strick auf.

”Bißchen tiefer hättet ihr ruhig gehn können”, sagt die Inspektorin.

Der Pfarrer hat fertig gebetet. Er hebt nen Lehmbatzen auf und wirft ihn ins Loch.

”Bumms”, macht es. Auch ich bück mich.

”Bumms.”

Der Kittelmann schubst seine Portion mit m Fuß rein.

”Bumms.”

n Augenblick ist es still; man hört nur das Rattern und Stampfen der Maschinen aus der Stickstoff-Fabrik. Dann setzt die Musik wieder ein, lauter jetzt. Die Heimkehrer haben die Mützen wieder aufgesetzt, sie wiegen sich in den Hüften und summen mit.

”Fertig -?” fragt der Kittelmann.

”Fertig”, sagt die Inspektorin. ”Haut das Kreuz weit genug rein.”

Der Pfarrer putzt sich die Hände ab. ”Liebe Anwesende”, sagt er.

”He!” schreit draußen der Kutscher.

”Ja doch!” brüllt der Kittelmann. Tippt an die Mütze: ”n Abend allerseits.”

”n Abend”, sagen die Heimkehrer und gehn auch.

Die Inspektorin folgt ihnen. Sieht aus wie ne Steckrübe mit ihrem geschürzten Rock.

Die Totengräber fangen an zu schippen.

”Rumms”, macht es; ”rumms, rumms.”

”-fluchter Dreck”, sagt der eine und tritt mit m Absatz den Lehm vom Spaten.

”Geben se n heut im ODEON?”, fragt der andre.

Der Pfarrer starrt die Rückwand von WALDEMARS BALLSÄLEN an.

”Noch nich nachgesehn”, sagt der erste Totengräber; ”gleich mal vorbeigehn.”

”Hü!” schreit der Kutscher draußen.

”n Abend”, sag ich.

Der Pfarrer rührt sich nicht.

”n Abend”, sagen die Totengräber.

s Friedhofstor quietscht, wie ich’s zumach. Am Zaun ist n Zettel aufgespießt. Reiß ihn ab; Stück Zeitungspapier. Inseratenteil, weich vom Regen. Links sucht die PATRIA-BAR n eleganten Kellner mit eigener Wäsche; rechts tauscht einer n Bettlaken gegen ne Bratpfanne ein. Dazwischen, schwarzer Rand, Traueranzeige:

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb Heute nach langem, mit himmlischer geduld ertragenem leiden: Gott.

Dreh mich um.

Der eine Totengräber ist ins Loch reingesprungen und trampelt die Erde fest. Der andre schneuzt sich und schlenkert n Rotz von den Fingern.

In der Stickstoff-Fabrik rattern die Maschinen. Ihre Schornsteine sind von unten erleuchtet. Oben verlieren sie sich im Nebel. Hinterm Stacheldraht auf m Kohlenplatz stehn die Heimkehrer und warten. s regnet. Taghell haben’s die Azetylenlampen gemacht; wo sie nicht hinreichen, ist Nacht.

Jetzt ist auch die Harmonika wieder da. Einer singt zu ihr: ”La paloma ohé!”

s Friedhofstor quietscht. Ist der Pfarrer.

Er hinkt.

Anhang 4: Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfaches Mannes (1930, Auszug)

(...) Er fühlte sich leicht, ja, leichter, als jemals in all seinen Jahren. Er hatte alle Beziehungen gelöst. Es fiel ihm ein, daß er schon seit Jahren einsam war. Einsam war er seit dem Augenblick gewesen, an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehört hatte. Allein war er, allein. Frau und Kinder waren um ihn gewesen und hatten ihn verhindert, seinen Schmerz zu tragen. Wie unnütze Pflaster, die nicht heilen, waren sie auf seinen Wunden gelegen und hatten sie nur verdeckt. Jetzt, endlich, genoß er sein Weh mit Triumph. Es galt, nur noch eine Beziehung zu kündigen. Er machte sich an die Arbeit.

Er ging in die Küche, raffte Zeitungspapier und Kienspäne zusammen und machte ein Feuer auf der offenen Herdplatte. Als das Feuer eine ansehnliche Höhe und Weite erreichte, ging Mendel mit starken Schritten zum Schrank und entnahm ihm das rotsamtene Säckchen, in dem seine Gebetriemen lagen, sein Gebetmantel und seine Gebetbücher. Er stellte sich vor, wie diese Gegenstände brennen würden. Die Flammen werden den gelblich getönten Stoff des Mantels aus reiner Schafwolle ergreifen und mit spitzen, bläulichen, gefräßigen Zungen vernichten. Der glitzernde Rand aus silbernen Fäden wird langsam verkohlen, in kleinen rotglühenden Spiralen. Das Feuer wird die Blätter der Bücher sachte zusammenrollen, in silbergraue Asche verwandeln, und die schwarzen Buchstaben für ein paar Augenblicke blutig färben. Die ledernen Ecken der Einbände werden emporgerollt, stellen sich auf wie seltsame Ohren, mit denen die Bücher zuhören, was ihnen Mendel in den heißen Tod nachruft. Ein schreckliches Lied ruft er ihnen nach: ”Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer”, ruft er, und mit den Stiefeln stampft er den Takt dazu, daß die Dielenbretter dröhnen und die Töpfe an der Wand zu klappern beginnen. ”Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott sagt: ich habe Mendel Singer gestraft; wofür straft er, Gott? Warum nicht Lemmel, den Fleischer? Warum straft er nicht Skowronnek? Warum straft er nicht Menkes? Nur Mendel straft er! Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer.”

So stand Mendel vor dem offenen Feuer und brüllte und stampfte mit den Füßen. Er hielt das rotsamtene Säckchen in den Armen, aber er warf es nicht hinein. Sein Herz war böse auf Gott, aber in seinen Muskeln wohnte noch die Furcht vor Gott. Fünfzig Jahre, Tag für Tag, hatten diese Hände den Gebetmantel ausgebreitet und wieder zusammengefaltet, die Gebetriemen aufgerollt und um den Kopf geschlungen und um den linken Arm, dieses Gebetbuch aufgeschlagen, um und um geblättert und wieder zugeklappt. Nun weigerten sich die Hände, Mendels Zorn zu gehorchen. Nur der Mund, der so oft gebetet hatte, weigerte sich nicht. Nur die Füße, die oft zu Ehren Gottes beim Halleluja gehüpft hatten, stampften den Takt zu Mendels Zorngesang.

Da die Nachbarn Mendel also schreien und poltern hörten und da sie den graublauen Rauch durch die Ritzen und Spalten seiner Tür in den Treppenflur dringen sahen, klopften sie bei Singer an und riefen, daß er ihnen öffne. Er aber hörte sie nicht. Seine Augen erfüllte der Dunst des Feuers, und in seinen Ohren dröhnte sein großer schmerzlicher Jubel. Schon waren die Nachbarn bereit, die Polizei zu holen, als einer von ihnen sagte: ”Rufen wir doch seine Freunde! Sie sitzen bei Skowronnek. Vielleicht bringen sie den Armen wieder zur Vernunft.”

Als die Freunde kamen, beruhigte sich Mendel wirklich. Er schob den Riegel zurück und ließ sie eintreten, der Reihe nach, wie sie immer gewohnt waren, in Mendels Stube zu treten, Menkes, Skowronnek, Rottenberg und Groschel. Sie zwangen Mendel, sich aufs Bett zu setzen, setzten sich selbst neben ihn und vor ihn hin, und Menkes sagte: ”Was ist mit dir, Mendel? Warum machst du Feuer, warum willst du das Haus anzünden?”

”Ich will mehr verbrennen als nur ein Haus und mehr als einen Menschen. Ihr werdet staunen, wenn ich euch sage, was ich wirklich zu verbrennen im Sinn hatte. Ihr werdet staunen und sagen: auch Mendel ist verrückt, wie seine Tochter. Aber ich versichere euch: ich bin nicht verrückt. Ich war verrückt. Mehr als sechzig Jahre war ich verrückt, heute bin ich es nicht.”

”Also sag uns, was du verbrennen willst!”

”Gott will ich verbrennen.”

Allen vier Zuhörern entrang sich gleichzeitig ein Schrei. Sie waren nicht alle fromm und gottesfürchtig, wie Mendel es immer gewesen war. Alle vier lebten schon lange genug in Amerika, sie arbeiteten am Sabbat, ihr Sinn stand nach Geld, und der Staub der Welt lag schon dicht, hoch und grau auf ihrem alten Glauben. Viele Bräuche hatten sie vergessen, gegen manche Gesetze hatten sie verstoßen, mit ihren Köpfen und Gliedern hatten sie gesündigt. Aber Gott wohnte noch in ihrem Herzen. Und als Mendel Gott lästerte, war es ihnen, als hätte er mit scharfen Fingern an ihre nackten Herzen gegriffen.

”Lästere nicht, Mendel”, sagte nach langem Schweigen Skowronnek. ”Du weißt besser als ich, denn du hast viel mehr gelernt, daß Gottes Schläge einen verborgenen Sinn haben. Wir wissen nicht, wofür wir gestraft werden.”

”Ich aber weiß es, Skowronnek”, erwiderte Mendel. ”Gott ist grausam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. Er ist ein großer grausamer Isprawnik. Befolgst du die Gesetze, so sagt er, du habest sie nur zu deinem Vorteil befolgt. Und verstößt du nur gegen ein einziges Gebot, so verfolgt er dich mit hundert Strafen. Willst du ihn bestechen, so macht er dir einen Prozeß. Und gehst du redlich mit ihm um, so lauert er auf die Bestechung. In ganz Rußland gibt es keinen böseren Isprawnik!”

”Erinnere dich, Mendel”, begann Rottenberg, ”erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ähnliches geschehen wie dir. Er saß auf der nackten Erde, Asche auf dem Haupt, und seine Wunden taten ihm so weh, daß er sich wie ein Tier auf dem Boden wälzte. Auch er lästerte Gott. Und doch war es nur eine Prüfung gewesen. Was wissen wir, Mendel, was oben vorgeht? Vielleicht kam der Böse vor Gott und sagte wie damals: Man muß einen Gerechten verführen. Und der Herr sagte: Versuch es nur mit Mendel, meinem Knecht.”

”Und da siehst du auch”, fiel Groschel ein, ”daß dein Vorwurf ungerecht ist. Denn Hiob war kein Schwacher, als Gott ihn zu prüfen begann, sondern ein Mächtiger. Und auch du warst kein Schwacher, Mendel! Dein Sohn hatte ein Kaufhaus, ein Warenhaus, er wurde reicher von Jahr zu Jahr. Dein Sohn Menuchim wurde beinahe gesund, und fast wäre er auch nach Amerika gekommen. Du warst gesund, dein Weib war gesund, deine Tochter war schön, und bald hättest du einen Mann für sie gefunden!”

”Warum zerreißt du mir das Herz, Groschel?” entgegnete Mendel. ”Warum zählst du mir auf, was alles gewesen ist, jetzt, da nichts mehr ist? Meine Wunden sind noch nicht vernarbt, und schon reißt du sie auf.”

”Er hat recht”, sagten die übrigen drei, wie aus einem Munde.

Und Rottenberg begann: ”Dein Herz ist zerrissen, Mendel, ich weiß es. Weil wir aber über alles mit dir sprechen dürfen und weil du weißt, daß wir deine Schmerzen tragen, als wären wir deine Brüder, wirst du uns da zürnen, wenn ich dich bitte, an Menuchim zu denken? Vielleicht, lieber Mendel, hast du Gottes Pläne zu stören versucht, weil du Menuchim zurückgelassen hast? Ein kranker Sohn war dir beschieden, und ihr habt getan, als wäre es ein böser Sohn.” Es wurde still. Lange antwortete Mendel gar nichts. Als er wieder zu reden anfing, war es, als hätte er Rottenbergs Worte nicht gehört; denn er wandte sich an Groschel und sagte:

”Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluß von Hiob berichtet werden? Soll mein Sohn Schemarjah aus dem Massengrab in Frankreich auferstehen? Soll mein Sohn Jonas aus seiner Verschollenheit lebendig werden? Soll meine Tochter Mirjam plötzlich gesund aus der Irrenanstalt heimkehren? Und wenn sie heimkehrt, wird sie da noch einen Mann finden und ruhig weiterleben können wie eine, die niemals verrückt gewesen ist? Soll mein Weib Deborah sich aus dem Grab erheben, noch ist es feucht? Soll mein Sohn Menuchim mitten im Krieg aus Rußland hierher kommen, gesetzt dem Fall, daß er noch lebt? Denn es ist nicht richtig”, und hier wandte sich Mendel wieder Rottenberg zu, ”daß ich Menuchim böswillig zurückgelassen habe und um ihn zu strafen. Aus andern Gründen, meiner Tochter wegen, die angefangen hatte, sich mit Kosaken abzugeben - mit Kosaken -, mußten wir fort. Und warum war Menuchim krank? Schon seine Krankheit war ein Zeichen, daß Gott mir zürnt - und der erste der Schläge, die ich nicht verdient habe.”

”Obwohl Gott alles kann”, begann der Bedächtigste von allen, Menkes, ”so ist doch anzunehmen, daß er die ganz großen Wunder nicht mehr tut, weil die Welt ihrer nicht mehr wert ist. Und wollte Gott sogar bei dir eine Ausnahme machen, so stünden dem die Sünden der andern entgegen. Denn die andern sind nicht würdig, ein Wunder bei einem Gerechten zu sehn, und deshalb mußte Lot auswandern, und Sodom und Gomorrha gingen zugrunde und sahen nicht das Wunder an Lot. Heute aber ist die Welt überall bewohnt - und selbst wenn du auswanderst, werden die Zeitungen berichten, was mit dir geschehen ist. Also muß Gott heutzutage nur mäßige Wunder vollbringen. Aber sie sind groß genug, gelobt sei sein Name! Deine Frau Deborah kann nicht lebendig werden, dein Sohn Schemarjah kann nicht lebendig werden. Aber Menuchim lebt wahrscheinlich, und nach dem Krieg kannst du ihn sehn. Dein Sohn Jonas ist vielleicht in Kriegsgefangenschaft, und nach dem Krieg kannst du ihn sehn. Deine Tochter kann gesund werden, die Verwirrung wird von ihr genommen werden, schöner kann sie sein als zuvor, und deinen Mann wird sie bekommen, und sie wird die Enkel gebären. Und einen Enkel hast du, den Sohn Schemarjahs. Nimm deine Liebe zusammen, die du bist jetzt für alle Kinder hattest, für diesen einen Enkel! Und du wirst getröstet werden.”

”Zwischen mir und meinem Enkel”, erwiderte Mendel, ”ist das Band zerrissen, denn Schemarjah ist tot, mein Sohn und der Vater meines Enkels. Meine Schwiegertochter Vega wird einen andern Mann heiraten, mein Enkel wird einen neuen Vater haben, dessen Vater ich nicht bin. Das Haus meines Sohnes ist nicht mein Haus. Ich habe dort nichts zu suchen. Meine Anwesenheit bringt Unglück, und meine Liebe zieht den Fluch herab, wie ein einsamer Baum im flachen Felde den Blitz. Was aber Mirjam betrifft, so hat mir der Doktor selbst gesagt, daß die Medizin ihre Krankheit nicht heilen kann. Jonas ist wahrscheinlich gestorben, und Menuchim war krank, auch wenn es ihm besser ging. Mitten in Rußland, in einem so gefährlichen Krieg, wird er bestimmt zugrunde gegangen sein. Nein, meine Freunde! Ich bin allein und ich will allein sein. Alle Jahre habe ich Gott geliebt, und er hat mich gehaßt. Alle Jahre habe ich ihn gefürchtet, jetzt kann er mir nichts mehr machen. Alle Pfeile aus seinem Köcher haben mich schon getroffen. Er kann mich nur noch töten. Aber dazu ist er zu grausam. Ich werde leben, leben, leben.”

”Aber seine Macht”, wandte Groschel ein, ”ist in dieser Welt und in der andern. Wehe dir, Mendel, wenn du tot bist.”

Da lachte Mendel aus voller Brust und sagte: ”Ich habe keine Angst vor der Hölle, meine Haut ist schon verbrannt, meine Glieder sind schon gelähmt, und die bösen Geister sind meine Freunde. Alle Qualen der Hölle habe ich schon gelitten. Gütiger als Gott ist der Teufel. Da er nicht so mächtig ist, kann er nicht so grausam sein. Ich habe keine Angst, meine Freunde!”

Da verstummten die Freunde. Aber sie wollten Mendel nicht allein lassen, und also blieben sie schweigend sitzen. Groschel, der jüngste ging hinunter, die Frauen der andern und seine eigene zu verständigen, daß die Männer heute abend nicht nach Hause kommen würden. Er holte noch fünf Juden in Mendel Singers Wohnung, damit sie zehn seien und das Abendgebet sagen können. Sie begannen zu beten. Aber Mendel Singer beteiligte sich nicht am Gebet. Er saß auf dem Bett und rührte sich nicht. Selbst das Totengebet sagte nicht - und Menkes sagte es für ihn. Die fremden fünf Männer verließen das Haus. Aber die vier Freunde blieben die ganze Nacht. Eine der beiden blauen Lampen brannte noch mit dem letzten Dochtrest und dem letzten Tropfen Öl auf dem flachen Grunde. Es war still. Der und jener schlief auf seinem Sitz ein, schnarchte und erwachte, von seinen eigenen Geräuschen gestört, und nickte wieder ein.

Nur Mendel schlief nicht. Die Augen weit offen, sah er auf das Fenster, hinter dem die dichte Schwärze der Nacht endlich schütter zu werden begann, dann grau, dann weißlich. Sechs Schläge erklangen aus dem Innern der Uhr. Da erwachten die Freunde, einer nach dem andern. Und ohne daß sie sich verabredet hätten, ergriffen sie Mendel bei den Armen und führten ihn hinunter. Sie brachten ihn in die Hinterstube der Skowronneks und betteten ihn auf ein Sofa.

Hier schlief er ein. (...)

Anhang 5: Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will (1947, Auszug)

Vorspiel

[...]

DER BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: ( rülpst mehrere Male und sagt dabei jedesmal): Rums! Rums! Wie die - Rums! Wie die Fliegen! Wie die Fliegen, sag ich.

Aha, da steht einer. Da auf dem Ponton. Sieht aus, als ob er Uniform an hat. Ja, einen alten Soldatenmantel hat er an. Mütze hat er nicht auf. Seine Haare sind kurz wie eine Bürste. Er steht ziemlich dicht am Wasser. Beinahe zu dicht am Wasser steht er da. Das ist verdächtig. Die abends im Dunkeln am Wasser stehn, das sind entweder Liebespaare oder Dichter. Oder das ist einer von der großen grauen Zahl, die keine Lust mehr haben. Die den Laden hinwerfen und nicht mehr mitmachen. Scheint auch so einer zu sein von denen, der da auf dem Ponton. Steht gefährlich dicht am Wasser. Steht ziemlich allein da. Ein Liebespaar kann es nicht sein, das sind immer zwei. Ein Dichter ist es auch nicht. Dichter haben längere Haare. Aber dieser hier auf dem Ponton hat eine Bürste auf dem Kopf. Merkwürdiger Fall, der da auf dem Ponton, ganz merkwürdig. (Es gluckst einmal schwer und dunkel auf. Sie Silhouette ist verschwunden.) Rums! Da! Weg ist er. Reingesprungen. Stand zu dicht am Wasser. Hat ihn wohl untergekriegt. Und jetzt ist er weg. Rums. Ein Mensch stirbt. Und? Nichts weiter. Der Wind weht weiter. Die Huren liegen weiter weiß und weich in den Fenstern. Herr Kramer dreht sich auf die andere Seite und schnarcht weiter. Und keine - keine Uhr bleibt stehen. Rums! Ein Mensch ist gestorben. Und? Nichts weiter. Nur ein paar kreisförmige Wellen beweisen, daß er mal da war. Aber auch die haben sich schnell wieder beruhigt. Und wenn die sich verlaufen haben, dann ist auch er vergessen, verlaufen, spurlos, als ob er nie gewesen wäre. Weiter nichts. Hallo, da weint einer. Merkwürdig. Ein alter Mann steht da und weint. Guten Abend.

Der alte mann (nicht jämmerlich, sondern erschüttert): Kinder! Kinder! Meine Kinder!

BEerdigungsunternehmer: Warum weinst du denn, Alter?

DER ALTE MANN: Weil ich es nicht ändern kann, oh, weil ich es nicht ändern kann.

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Rums! Tschuldigung! Das ist allerdings schlecht. Aber deswegen braucht man doch nicht gleich loszulegen wie eine verlassene Braut. Rums! Tschuldigung!

der alte mann: Oh, meine Kinder! Es sind doch alles meine Kinder!

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Oho, wer bist du denn?

der alte mann: Der Gott, an den keiner mehr glaubt.

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Und warum weinst du? Rums! Tschuldigung!

GOTT: Weil ich es nicht ändern kann. Sie erschießen sich. Sie hängen sich auf. Sie ersaufen sich. Sie ermorden sich, heute hundert, morgen hunderttausend. Und ich, ich kann es nicht ändern.

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Finster, finster, Alter. Sehr finster. Aber es glaubt eben keiner mehr an dich, das ist es.

GOTT: Sehr finster. Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt. Sehr finster. Und ich kann es nicht ändern, meine Kinder, ich kann es nicht ändern. Finster, finster.

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Rums! Tschuldigung! Wie die Fliegen! Rums! Verflucht!

GOTT: Warum rülpsen Sie denn fortwährend so ekelhaft? Das ist ja entsetzlich!

BEERDIGUNGSUNTERNEHMER: Ja, ja, greulich! Ganz greulich! Berufskrankheit. Ich bin Beerdigungsunternehmer.

GOTT: Der Tod? - Du hast es gut! Du bist der neue Gott. An dich glauben sie. Dich lieben sie. Dich fürchten sie. Du bist unumstößlich. Dich kann keiner leugnen! Keiner lästern. Ja, du hast es gut. Du bist der neue Gott. An dir kommt keiner vorbei. Du bist der neue Gott, Tod, aber du bist fett geworden. Dich hab ich doch ganz anders in Erinnerung. Viel magerer, dürrer, knochiger, du bist rund und fett und gut gelaunt. Der alte Tod sah immer so verhungert aus.

TOD: Naja, ich hab in diesem Jahrhundert ein bißchen Fett angesetzt. Das Geschäft ging gut. Ein Krieg gibt dem anderen die Hand. Wie die Fliegen! Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden dieses Jahrhunderts. Wie die Fliegen liegen sie steif und vertrocknet auf der Fensterbank der Zeit.

GOTT: Aber das Rülpsen? Warum dieses gräßliche Rülpsen?

TOD: Überfressen. Glatt überfressen. Das ist alles. Heutzutage kommt man aus dem Rülpsen gar nicht heraus. Rums! Tschuldigung!

GOTT: Kinder, Kinder. Und ich kann es nicht ändern! Kinder, meine Kinder! (geht ab)

TOD: Na, dann gute Nacht, Alter. Geh schlafen. Paß auf, daß du nicht auch noch ins Wasser fällst. Da ist vorhin erst einer reingestiegen. Paß gut auf, Alter. Es ist finster, ganz finster. Rums! Geh nach Haus, Alter. Du änderst es doch nicht. Wein nicht über den, der hier eben plumps gemacht hat. Der mit dem Soldatenmantel und der Bürstenfrisur. Du weinst dich zugrunde! Die heute abend am Wasser stehen, das sind nicht mehr Liebespaare und Dichter. Der hier, der war nur einer von denen, die nicht mehr wollen oder nicht mehr mögen. Die einfach nicht mehr können, die steigen dann abends irgendwo still ins Wasser. Plumps. Vorbei. Laß ihn, heul nicht, Alter. Du heulst dich zugrunde. Das war nur einer von denen, die nicht mehr können, einer von der großen grauen Zahl ... einer ... nur ...

[...]

5. Szene

[...]

BECKMANN: [...] Und da kommt auch ein alter Mann, der sieht aus wie der liebe Gott. Ja, beinahe wie der lieb Gott. Nur etwas zu theologisch. Und so weinerlich. Ob das der liebe Gott ist? Guten Tag, alter Mann. Bist du der liebe Gott?

GOTT (weinerlich): Ich bin der liebe Gott, mein Junge, mein armer Junge!

BECKMANN: Ach, du bist also der liebe Gott. Wer hat dich eigentlich so genannt, lieber Gott? Die Menschen? Ja? Oder du selbst?

GOTT: Die Menschen nennen mich den lieben Gott.

BECKMANN: Seltsam, ja, das müssen ganz seltsame Menschen sein, die dich so nennen. Das sind wohl die Zufriedenen, die Satten, die Glücklichen, und die, die Angst vor dir haben. Die im Sonnenschein gehen, verliebt oder satt oder zufrieden - oder die es nachts mit der Angst kriegen, die sagen: Lieber Gott! Lieber Gott! Aber ich sage nicht Lieber Gott, du, ich kenne keinen, der ein lieber Gott ist, du!

GOTT: Mein Kind, mein armes -

BECKMANN: Wann bist du eigentlich lieb, lieber Gott? Warst du lieb, als du meinen Jungen, der gerade ein Jahr alt war, als du meinen kleinen Jungen von einer brüllenden Bombe zerreißen ließt? Warst du da lieb, als du ihn ermorden ließt, lieber Gott, ja?

GOTT: Ich hab ihn nicht ermorden lassen.

BECKMANN: Nein, richtig. Du hast es nur zugelassen. Du hast nicht hingehört, als er schrie und als die Bomben brüllten. Wo warst du da eigentlich, als die Bomben brüllten, lieber Gott? Oder warst du lieb, als von meinem Spähtrupp elf Mann fehlten? Elf Mann zu wenig, lieber Gott, und du warst gar nicht da, lieber Gott. Die elf Mann haben gewiß laut geschrien in dem einsamen Wald, aber du warst nicht da, einfach nicht da, lieber Gott. Warst du in Stalingrad lieb, lieber Gott, warst du da lieb, wie? Ja? Wann warst du denn eigentlich lieb, Gott, wann? Wann hast du dich jemals um uns gekümmert, Gott?

GOTT: Keiner glaubt mehr an mich. Du nicht, keiner. Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt. Und um den sich keiner mehr kümmert. Ihr kümmert euch nicht um mich.

BECKMANN: Hat auch Gott Theologie studiert? Wer kümmert sich um wen? Ach, du bist alt, Gott, du bist unmodern, du kommst mit unsern langen Listen von Toten und Ängsten nicht mehr mit. Wir kennen dich nicht mehr so recht, du bist ein Märchenbuchliebergott. Heute brauchen wir einen neuen. Weißt du, einen für unsere Angst und Not. Einen ganz neuen. Oh, wir haben dich gesucht, Gott, in jeder Ruine, in jedem Granattrichter, in jeder Nacht. Wir haben dich gerufen. Gott! Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! Wo warst du da, lieber Gott? Wo bist du heute abend? Hast du dich von uns gewandt? Hast du dich ganz in deine schönen alten Kirchen eingemauert, Gott? Hörst du unser Geschrei nicht durch die zerklirrten Fenster, Gott? Wo bist du?

GOTT: Meine Kinder haben sich von mir gewandt, nicht ich von ihnen. Ihr von mir, ihr von mir. Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt. Ihr habt euch von mir gewandt.

BECKMANN: Geh weg, alter Mann. Du verdirbst mir meinen Tod. Geh weg, ich sehe, du bist nur ein weinerlicher Theologe. Du drehst die Sätze um: Wer kümmert sich um wen? Wer hat sich von wem gewandt? Ihr von mir? Wir von dir? Du bist tot, Gott. Sei lebendig, sei mit uns lebendig, nachts, wenn es kalt ist, einsam und wenn der Magen knurrt in der Stille - dann sei mit uns lebendig, Gott. Ach, geh weg, du bist ein tintenblütiger Theologe, geh weg, du bist weinerlich, alter alter Mann!

GOTT: Mein Junge, mein armer Junge! Ich kann es nicht ändern! Ich kann es doch nicht ändern!

BECKMANN: Ja, das ist es, Gott. Du kannst es nicht ändern. Wir fürchten dich nicht mehr. Wir lieben dich nicht mehr. Und du bist unmodern. Die Theologen haben dich alt werden lassen. Deine Hosen sind zerfranst, deine Sohlen durchlöchert, und deine Stimme ist leise geworden - zu leise für den Donner unserer Zeit. Wir können dich nicht mehr hören.

GOTT: Nein, keiner hört mich, keiner mehr. Ihr seid zu laut!

BECKMANN: Oder bist du zu leise, Gott? Hast du zuviel Tinte im Blut, Gott, zuviel dünne Theologentinte? Geh, alter Mann, sie haben dich in den Kirchen eingemauert, wir hören einander nicht mehr. Geh, aber sie zu, daß du vor Anbruch der restlosen Finsternis irgendwo ein Loch oder einen neuen Anzug findest oder einen dunklen Wald, sonst schieben sie dir nachher alles in die Schuhe, wenn es schief gegangen ist. Und fall nicht im Dunkeln, alter Mann, der Weg ist sehr abschüssig und liegt voller Gerippe. Halt dir die Nase zu, Gott. Und dann schlaf auch gut, alter Mann, schlaf weiter so gut. Gute Nacht!

GOTT: Einen neuen Anzug oder einen dunklen Wald? Meine armen, armen Kinder! Mein lieber Junge -

BECKMANN: Ja, geh, gute Nacht!

GOTT: Meine armen, armen - - (er geht ab.)

BECKMANN: Die alten Leute haben es heute am schwersten, die sich nicht mehr auf die neuen Verhältnisse umstellen können. Wir stehen alle draußen. Auch Gott steht draußen, und keiner macht ihm mehr eine Tür auf. Nur der Tod, der Tod hat zuletzt doch eine Tür für uns. Und dahin bin ich unterwegs. [...]

Anhang 6: Wolfgang Borchert: Gottes Auge (1947)

Gottes Auge lag rund und rotgerändert mitten in einem weißen Suppenteller. Der Suppenteller stand auf unserem Küchentisch. Blutfleckige Eingeweide und das milchbleiche Skelett eines größeren Fisches ließen den Küchentisch aussehen wie ein Schlachtfeld. Das Auge in dem weißen Teller gehörte einem Kabeljau. Der lag in großen weißfleischigen Stücken in unserem Topf und ließ sich kochen. Das Auge war ganz allein. Es war Gottes Auge.

Du mußt nicht immer mit der Gabel das Auge auf dem Teller hin- und herrutschen lassen, sagte meine Mutter.

Ich ließ das glatte runde Auge durch die Kurven des Suppentellers sausen und fragte: Warum denn nicht? Er merkt es doch nicht mehr. Er kocht doch.

Man spielt nicht mit einem Auge. Das Auge hat der liebe Gott genau so gemacht wie deins, sagte meine Mutter.

Während ich die sausende Rundfahrt des Kabeljauauges plötzlich abbrach, frage ich: Das soll vom lieben Gott sein?

Natürlich, antwortete meine Mutter, das Auge gehört dem lieben Gott.

Nicht dem Kabeljau, bohrte ich weiter.

Dem auch. Aber in der Hauptsache dem lieben Gott.

Als ich von dem Teller aufsah, merkte ich, daß meine Mutter weinte. An diesem Tag, wo es bei uns Kabeljau gab, war mein Großvater gestorben. Meine Mutter weinte und ging hinaus. Da zog ich den Teller mit dem einsamen Auge mittendrin, mit dem rotgeränderten Auge, das Gott gehören sollte, ganz dicht an mich heran. Ganz dicht brachte ich meinen Mund über den Teller.

Du bist das Auge vom lieben Gott? flüsterte ich, dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!

Das Auge sagte es nicht.

Das weißt du nicht mal, wisperte ich triumphierend, und du willst das Auge vom lieben Gott sein, und weißt nicht mal, warum Großvater tot ist. Kommt er denn auch nicht wieder, Großvater, fragte ich dicht über dem Teller, weißt du denn, ob er noch mal wiederkommt, du, sag das doch. Du mußt das doch wissen. Kommt er nun nie wieder?

Das Auge sagte es nicht.

Ganz dicht hielt ich meinen Mund an das Auge und fragte noch einmal eindringlich und ernst: Du, sehen wir Großvater denn nicht wieder, du? Sag das doch. Sehen wir ihn noch mal wieder? Wir können ihn doch noch mal irgendwo treffen, nicht? Du, sag doch, treffen wir ihn wieder? Du, sag das, du bist doch vom lieben Gott, sag das!

Das Auge sagte es nicht.

Da stieß ich den Teller wütend von mir weg. Das Auge glitschte hoch über den Rand auf den Fußboden. Da blieb es liegen. Gespannt sah ich hin. Das Auge lag auf der Erde. Und es war Gottes Auge. Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. Ich stand auf. Ich stand langsam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. Ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zu dem Auge hin wartete ich so noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür.

Anhang 7: Dorothee Sölle: Iwan und Aljoscha* (1993)

Auf das äußerste Leiden, in dem die Betroffenen verstummen und Lernen nicht mehr möglich ist, gibt es zwei mögliche Antworten, die Dostojewski in den Brüdern Karamasow exemplarisch dargestellt hat. Das Kapitel mit dem entscheidenden Gespräch zwischen den beiden Brüdern trägt die Überschrift “Die Empörung”. Iwan spricht vom Leiden der Unschuldigen, von den Kindern. “Von allen übrigen Tränen der Menschen, von denen die ganze Erde von ihrer Rinde bis zum Mittelpunkt durchtränkt ist, davon will ich kein Wort reden ... Nach meinem euklidschen Verstande weiß ich nur eins, daß nämlich Leiden existieren, ohne daß es Schuldige gibt ...” Die Erklärung, daß dieses Leiden einer “höheren” oder “künftigen” Harmonie diene und somit gerechtfertigt sei, will er nicht annehmen. “Einen gar zu hohen Preis hat man auf die Harmonie gesetzt, meine Tasche erlaubt es mir durchaus nicht, so hohen Eintrittspreis zu zahlen. Daher beeile ich mich auch, meine Eintrittskarte zurückzugeben ... Nicht, daß ich Gott nicht gelten lasse, Aljoscha, aber ehrerbietigst gebe ich ihm die Eintrittskarte zurück.” Darauf antwortet Aljoscha, leise, die Augen niederschlagend: “Das ist Empörung.”

Iwan will kein “Empörer” sein. “Sag, kann man denn leben in Rebellion? Ich aber will doch leben ...” Aber der Gedanke des Leidens der Unschuldigen führt ihn zu der Konsequenz der Empörung, er ist, wie manche Gestalten Dostojewskis, Atheist um der Liebe willen. Aljoscha verweist ihn auf Christus – auf das Leiden des einen Unschuldigen.

Iwan empört sich über das Leiden, aber auch Aljoscha lehnt es ab, die Harmonie, den Frieden und die Ruhe damit zu erkaufen, daß man nur ein einziges winziges Wesen zu Tode quälen müßte. “Nein, ich würde nicht einwilligen.”

Wie lässt sich Aljoschas Position verstehen? Heinz Robert Schlette hat sie als “Pietät” bestimmt, als die Position des überkommenen Glaubens; “der schweigenden, nicht-mehr-fragenden, nicht-mehr-verstehenden, aber dennoch gehorsam-demütigen Unterwerfung unter das Unbegreifliche”. Aber ist diese Charakterisierung richtig? Aljoscha spricht an keiner Stelle eine objektive Billigung aus, und eine künftige Harmonie, die mit den Tränen auch nur eines einzigen zu Tode gefolterten Kindes bezahlt wird, weist er ebenso wie Iwan zurück. Der Unterschied zwischen den Brüdern ist die Blickrichtung. Iwan erhebt sich gegen den verursachenden oder zulassenden Gott. Mit seiner Harmonie will er nichts zu tun haben. Seine Geste ist die Anklage, die Rebellion. Aljoscha richtet seinen Blick nicht auf die obere Macht, sondern auf die Leidenden. Er stellt sich neben sie, er trägt ihre Schmerzen mit ihnen. In diesem Gespräch sagt er fast nichts, er hört gequält zu, wie Iwan seine gesammelten Zeugnisse des Leidens gegen die Barmherzigkeit Gottes anführt. Später steht Aljoscha auf, geht auf den Rebellen und Empörer Iwan zu und küßt ihn schweigend auf die Lippen [...]: er schweigt, er leidet mit, er umarmt den andern. Die Kraft Aljoschas ist das schweigende Mit-Leiden. Ich glaube nicht, daß man sie mit “Demut” oder “Unterwerfung” richtig beschreibt. Gott ist nicht über Aljoscha, so daß er sich seiner unbegreiflichen Herrschaft unterwerfen müßte. Er ist in ihm; Aljoscha vertritt im ganzen Buch das Verhalten Christi. Wenn man von Demut sprechen kann, so liegt sie darin, daß die Beziehung zu den Leidenden so stark ist, daß alle anderen Fragen dem nachgeordnet werden. Die Demut bezieht sich nicht auf Gott, sie ist der Mut, anderen ohne Frage oder Bedingung zu dienen. Aljoscha könnte das Bild von der “Eintrittskarte”, die zum Theaterbesuch berechtigt, nicht benutzen, weil er sich nicht als Zuschauer oder Beurteiler versteht. Er spielt selber mit, und zwar an der jeweils schlechtesten Stelle, dort, wo gelitten wird und wo Menschen beschämt oder gedemütigt werden.

Aljoscha versucht nicht, “gottförmig” zu werden, was auch bedeutet, eine Gesamtlösung für die Welt zu fordern. Ist die Gesamtlösung und die vollständige Leidaufhebung nicht verwirklichbar, so entsteht die Art von Rebellion, gegen die Iwan sich wehrt, weil man in ihr, wie Dostojewski scharf sieht, nicht leben kann. Die Konsequenz wäre der Selbstmord, und oft ist Iwans Bild von der zurückgegebenen Eintrittskarte, das zunächst, strenggenommen, die Ablehnung der Teilhabe an der ewigen Seligkeit, an der himmlischen Harmonie meint, verstanden worden als eine Zurückweisung der Bedingungen überhaupt, unter denen das Leben hier stattfindet. In dieser Konsequenz verstanden, verklagt die Geste Iwans nicht nur das ungerechte Leiden, sondern um seinetwillen das Leben selber. Daß Iwan in dem Fragment gebliebenen Roman an Gehirnentzündung erkrankt, deutet diese totale Negation an, schärfer als ein vollzogener Selbstmord es vermöchte.

Der andere Weg heißt: Christi Bruder werden. Er enthält den Verzicht auf die Gesamtlösung, und der Blick richtet sich vom Himmel fort auf die hier Leidenden hin. Iwan ist metaphysisch orientiert in seiner Empörung, Aljoscha irdisch in seiner Solidarität. Man kann den Gegensatz zwischen beiden auch an der Art, wie sie hoffen, darstellen. Beide sehnen sich nach einer anderen, einer leidfreien Welt. Aber was für Iwan Illusion ist, ist für Aljoscha Hoffnung; der Unterschied ist minimal, er ist nicht mehr und nicht weniger als wir selber, als die Teilnahme am Prozeß der Verwirklichung von Hoffnung. Eine Zukunftserwartung wird zur Hoffnung erst durch den leidenden Einsatz in das Geheimnis, das Aljoscha mit dem Namen Christi benennt. Die Hoffnung, die einen Zuschauer bei einem Spiel bewegt, kann Illusion sein; erst wenn wir selber auf dem Spiel stehen und unser eigenes Leben mit dem Ausgang des Spiels unlöslich verbinden, dann entsteht Hoffnung. Sie ist nicht subjektivistisch, hat aber in der Tat mit Subjekten und der Praxis von tätigen und leidenden Menschen zu tun. “In Wahrheit ist jeder in allem und vor allen schuldig”, lautet einer der aus dem russischen Mönchtum stammenden Sätze, die Aljoscha zu leben versucht. [...] Nur die Liebe kann sich selber so schuldig sprechen und alles Leiden, das wir nicht verhindert oder abgewandt haben, auf sich nehmen. Wo immer Menschen leiden, da steht Christus bei ihnen. Weniger mythisch gesprochen: solange Christus lebt und seiner gedacht wird, werden seine Freunde bei den Leidenden sein. Dort, wo keine Hilfe möglich ist, erscheint er nicht als der überlegene Helfer, nur als der, der mit ihnen geht. Daß einer des andern Last trage, ist der simple und deutliche Ruf, der aus allem Leiden kommt. Es ist möglich, die Last tragen zu helfen, allem Reden über die letzte Einsamkeit des Menschen zum Trotz. Es ist eine Gesellschaft denkbar, in der niemand so allein gelassen wird, daß nicht jemand an ihn dächte und bei ihm bleiben könnte. Wachen und beten sind möglich.

“Jeder, der einem andern hilft,

ist Gethsemane,

jeder, der einen andern tröstet,

ist Christi Mund.”

Daß Menschen leiden und untröstlich sein können, ist hier angenommen. Wir sollten uns den Traum von einem Menschen, der keinen Trost braucht, verbieten. Wir sollten auch aufhören, das Leiden in die bloße Vorgeschichte der Menschen einzuordnen, weil diese Einordnung einen Akt der Selbstverachtung darstellt. Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit, Trost brauchen und trösten ist menschlich, so menschlich, wie Christus war.

Wir können die sozialen Bedingungen, unter denen Menschen vom Leiden getroffen werden, verändern. Wir können uns selber ändern und im Leiden lernen, statt böser zu werden. Wir können das Leiden, das heute noch für den Profit weniger gemacht wird, schrittweise zurückdrängen und aufheben. Aber auf all diesen Wegen stoßen wir an Grenzen, die sich nicht überschreiten lassen. Nicht nur der Tod ist eine solche Grenze, es gibt auch Verdummung und Desensibilisierung, Verstümmelung und Verwundung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Die einzige Form des Überschreitens dieser Grenzen besteht darin, den Schmerz der Leidenden mit ihnen zu teilen, sie nicht allein zu lassen und ihren Schrei lauter zu machen.

Anhang 8: Ingeborg Schultz: 2. Mose 31,11.12* (2003)

Mose flehte vor dem Herrn: “Ach Herr, kehr dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über Dein Volk bringen willst.” (2. Mose 31,11.12)

Millionen gingen auf die Straße

schimpften, flehten, schrien

“Kein Krieg im Irak!”

auch “Mose” war drunter

Betende, Gott Anflehende

diesen Krieg zu verhindern

er fand statt, dieser Krieg

nebst anderen Kriegen

kein Bush, kein Blair und kein Saddam

zeigten Erbarmen

und Gott?

saß er im Himmel

schaute zu

kam ob all dem Schreien

herunter von seinem Zorn

und es gereute ihn vielleicht sehr?

Nein, nein, nein

Gott schrie mit den Menschen

zog sich Bombensplitter aus dem Fleisch

krümmte sich vor Schmerz

war fassungslos über die geplünderten Spitäler

weinte mit den Müttern, den Kindern

Männern und Frauen

wand sich mit den verseuchten Gräsern

suchte in den Ruinen nach Verschütteten

und fand und ermutigte sich

an den paar wenigen, die noch liebten

Anhang 9: Dan Pagis: Predigt

Schon zu Beginn waren die Kräfte ungleich: Satan ein großer Herr im Himmel, und Hiob Fleisch und Blut. Auch sonst war die Wette ungerecht. Hiob, seines Reichtums beraubt, Söhne und Töchter verloren, mit Aussatz geschlagen, wußte gar nicht, daß es eine Wette war.

Da er sich zu heftig beklagte, hieß ihn der Richter schweigen. Und siehe, weil er gestand und schwieg, besiegte er seinen Gegner, ohne es zu wissen. So wurde nun Hiob sein Hab und Gut zurückerstattet, und er bekam Söhne und Töchter - neue, natürlich, und die Treue um die früheren wurde von ihm genommen.

Wir könnten meinen, daß diese Entschädigung das Fürchterlichste von allem sei. Wir könnten meinen, daß das Schrecklichste die Unwissenheit Hiobs sei: nicht zu wissen, daß er gesiegt hatte, und über wen. Aber das Allerfürchterlichste ist, daß es Hiob überhaupt nicht gab, daß er nur ein Gleichnis war.

Anhang 10: Entwurf einer Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung

Leistungskontrolle

Thema: Theodizee in der Literatur

Lösen Sie sämtliche der folgenden Aufgaben (mit Ausnahme von 1b und 1c) in zusammenhängenden Sätzen.

Zeit: 40 Minuten

Hilfsmittel: keine

Gesamtpunktzahl: 20

Aufgabe 1: Theodizee

a) Definieren Sie das Theodizeeproblem. (3 Punkte)

b) Wer prägte den Begriff der Theodizee? (1 Punkt)

c) Was bedeutet der Begriff Theodizee übersetzt? (1 Punkt)

Aufgabe 2: Text 1 (Robert Schneider: Schlafes Bruder)

a) Nennen Sie die im vorliegenden Textausschnitt erwähnten Ursachen für die Gotteszweifel des Protagonisten. (3 Punkte)

b) Welche möglichen Lösungsansätze für die Theodizeefrage benennt der Protagonist? Welche Haltung hat er zu ihnen? (5 Punkte)

c) Welche Konsequenz zieht der Protagonist aus seinen Gotteszweifeln? (2 Punkte)

Aufgabe 3: Text 2 (Klabund: Hiob)

Benennen Sie die Position, die das lyrische Ich zur Theodizeefrage hat, und setzen Sie sich mit ihr auseinander. (5 Punkte)

Text 1: Textauszug aus “Schlafes Bruder” (Robert Schneider)

(...) Nun hatte Elias die endgültige Gewißheit, daß seine Hoffnung ohne Sinn gewesen war. Nun erkannte er, daß Gott ihn getäuscht hatte, sein Lebtag lang. Da beschloß er, noch einmal eine Nacht im Eschberger Kirchlein zuzubringen. Er ging hin und schrie Gott in sich zu Tode.

Die Kirchenpforte donnerte so gewaltig ins Schloß, daß sich das Krachen auf die geschmiedeten Lüster übertrug und sie zum Singen brachte. Oder war es der Schall seines schmerzverrissenen Lachens, der die Lüster in Bewegung setzte? Als er nämlich die Pforte verschlossen hatte, kannte sein Schmerz kein Maß mehr, und er fing an, so entsetzlich zu lachen, als lachte der Teufel über den endlichen Gewinn dieser Welt. Finster wie im Schiff war es in seinem Herzen, und das Ewige Licht der Hoffnung, wie es im Chorraum ängstlich züngelte, war in diesem Menschen nur noch ein kalter abgebrochener Docht.

Er tauchte zwei Finger in den Weihwasserstock und leckte die Finger und tauchte sie wieder hinein und leckte sie abermals. Dann ging er mit wilden, schweren Schritten nach vorn, übersprang den geschnitzten, hüfthohen Lettner und stand vor dem Tabernakel. Er hatte noch immer nicht aufgehört zu lachen, da war ihm plötzlich, als sei er nicht allein in der Kirche. Er verstummte auf der Stelle, wandte sich um ohne Angst und stach mit seinen Augen ins schwarze Schiff. So blieb er unbeweglich, lauschte mit halboffenem Mund, spähte, konnte jedoch weder etwas hören, noch jemanden ausmachen. Er wandte sich zurück, zog den Zunderpilz aus der Rocktasche, steckte die Altarkerzen an und hernach überhaupt alle Kerzen, die es im Kirchlein zu entzünden galt. Hell sollte es sein, damit Gott ihn sehen könne, wenn er nun zum ihm reden würde. Als er die Kerze der letzten Kreuzwegstation entfacht hatte, ging er wieder zum Tabernakel, berührte das Schnitzwerk mit beiden Händen, liebkoste mit den Händen sein Gesicht und stand lange still. Dann wurde sein Gesicht immer dunkler, und die Adern quollen ihm unter der Stirnhaut hervor.

”Gott, wo in meinem Leben, bist Du??!!” brach es aus seinem Mund und schrie es immerfort, und immerfort schrie es diese Frage. Und als er sich heiser geschrien hatte, bäumten sich die Finger seiner Hände auf, verbissen sich ineinander zu einer pervertierten Geste des Gebets. Er fiel nieder auf die Knie, und erst jetzt vermochte er ruhiger zu sprechen.

”Großer und starker Gott”, hub er mit entzündeter Stimme an, ”Du Schöpfer aller Menschen, der Tiere, der Welt und aller Sterne. Warum hast Du mich, den Johannes Elias Alder, geschaffen? Heißt es nicht in der Schrift, daß Du vollkommen bist? Wenn Du aber vollkommen bist und gut, weshalb mußtest Du das Elend, die Sünde und den Schmerz erschaffen? Weshalb weidest Du dich an meiner Trauer, an der Mißgeburt meiner Augen, am Kummer meiner Liebe?”

Sein Blick verhing sich am perlenbesetzten Türchen des Tabernakels. ”Warum demütigst du mich? Hast Du mich nicht nach Deinem Ebenbild geschaffen? Also demütigst Du dich selbst, Du Ungott!!”

Er schlug die Augen zu Boden. ”Ich habe nichts mehr zu verlieren, und was ich verloren, habe ich nie besessen. Und doch hast Du mir etwas in die Seele gehaucht, etwas, das mich wie das Paradies dünkte. Du hast mich vergiftet. Warum, Du großer, mächtiger und allwissender Gott, warum hat es Dir gefallen, mir das Glück meines Lebens zu verweigern? Bist Du nicht ein Gott der Liebe? Weshalb also, läßt Du mich nicht lieben? Weshalb mußte sich mein Herz für Elsbeth entzünden? Meinst Du etwa, ich hätte mich aus eigenem Willen für Elsbeth entschieden? Du warst es, der mich zu ihr hingeführt hat. Also habe ich gehorcht, denn ich meinte, es sei Dein Wille. Du gewaltiger Gott! Wie? Kannst Du dich an meinem Irrgehen ergötzen?”

In seine Augen kam wieder der Glanz böser Wut. Er erhob sich vom Boden, ging näher zum Tabernakel und fing abermals an zu schreien. Den Schmerz in seiner Kehle verspürte er nicht.

”Ich bin gekommen, Dich zu verfluchen!! Ich bin gekommen, mit Dir ein Ende zu machen!! Du bist kein liebender Gott!! Die Liebe allein war Dir zu wenig!! Du mußtest den Haß erschaffen, Du mußtest das Böse zeugen!! Oder hast Du etwa den Engel Luzifer nicht erschaffen?! Du hast den Keim des Bösen in ihn gelegt!! Der Engel mußte stürzen, weil es Dein ewiger Plan war!!”

”Also”, sagte er mit abgründiger Verachtung, ”höre, was ich Dir nun zu sagen habe”, und beugte sich nahe zur Tür des Schreines, ”wenn Du in Deiner großen Herrlichkeit uns Menschen den Freien Willen gegeben hast”, flüsterte er, ”dann will ich, Johannes Elias Alder, von dieser Freiheit kosten. Wisse, daß ich mein Unglück nicht annehmen werde. Wisse, daß ich nicht aufhören werde, Elsbeth zu lieben. Wisse, daß ich mich gegen Deine Fügungen stelle. Wisse, daß Du mir keine größeren Schmerzen mehr zufügen kannst, als Du mir zugefügt hast. Von nun an soll Deine Macht nicht mehr in mir wirken. Und wenn ich, Johannes Elias Alder, untergehe, so ist es mein Wille, nicht Dein Wille!”

Als er diese Worte gesprochen, dachte er jäh daran, sich zu endigen. In seinem elenden Dasein habe sich nicht ein einziger Wunsch erfüllt, zürnte er. Er habe keine Kindheit gehabt, die Eltern hätten sich vor ihm gefürchtet und ihn darum verstoßen. Als er überfrüh zum Mann geworden war, habe man ihm nicht gestattet, in Feldberg das Notenhandwerk zu lernen. Die Liebe zur Musik habe er heimlich auskosten, habe wir ein Kirchendieb auf der Orgel sitzen müssen, in der stetigen Angst, es möchte ihn jemand entdecken. Wie oft hatte er den verstorbenen Onkel Oskar angefleht, er möchte ihn in der Musik unterweisen. Auch dieses Begehren sei ihm unerfüllt geblieben. Das alles hätte er willig hingenommen, wenn Gott ihn in der Liebe nicht so grausam enttäuscht hätte. (...)

Text 2: “Hiob” (Klabund)

Und war kein Elend, das ihn nicht befiel,

Und keine Seuchen, die ihn nicht bestürzten.

Es faulte sein Getreide schon am Stiel,

Ein Riff zerspellte seines Schiffes Kiel,

Und Tränen einzig seinen Abend würzten.

Sein Haus verbrannte. Seine Mutter ward

Von den Nomaden vor der Stadt geschändet.

Ein Sohn erhängte sich am ersten Bart.

Sein einziger Bruder hatte sich geschart

Der Räuberbande, die sein Vieh entwendet.

Und die die Bitternis versüßte: sie,

Die Frau aus Ebenholz und aus Granaten;

Ihr zweiter Sohn in Brünsten spießte sie.

Mit ihren letzten Blicken grüßte sie

Den Gatten - welche wild um Rache baten.

Er aber kannte Rache nicht noch Haß,

So sehr der Schmerz sein Ackerland verwildert,

So unerschöpflich tief sein Tränenfaß.

Er sang mit seinem frommen Pilgerbaß

Dem Leben zu, das sich um ihn bebildert.

Und hast du, Herr, wie Marmor mich zerschlagen,

Und gönntest du mir nicht die kleinste Tat:

Wie darf ich gegen deine Einsicht wagen

Auch nur die jämmerlichsten meiner Klagen?

Du bist der Mäher und ich bin die Mahd.

Und sendest du auch Blitze, mich zu blenden,

Und machst du lahm den Leib, die Seele taub,

Und reißt du mir die Finger von den Händen:

Ich preise dennoch meiner Mutter Lenden

Und werde nimmer eines Unmuts Raub.

Daß einen Frühling ich im Licht erlebte,

Daß mir die Mutter süße Kuchen buk,

Daß ich als Jüngling schön in Tänzen schwebte,

Daß ich am Teppich den Gedanken webte,

War dies nicht Glück und goldnes Glück genug?

Daß ich nur einmal durft mein Weib umarmen,

Daß ich nur einmal in die Sonne sah:

Dies ist soviel schon meines Gotts Erbarmen,

Daß ich der Reichste unter allen Armen -

Lob sei und Preis dem Herrn. Hallelujah!

[...]


1 Vgl. Klein (1999), S. 469

2 Vgl. Kreiner (1999), S. 541

3 Vgl. Klein (1999), S. 469

4 Vgl. Kreiner (1999), S. 541

5 Vgl. ebd., S. 551ff

6 Vgl. ebd., S. 550f

7 Vgl. ebd., S. 543

8 Vgl. Müller (1974), S. 13

9 Vgl. Kreiner (1999), S. 543

10 Vgl. Sölle (1993), S. 25f

11 Vgl. Kreiner (1997), S. 155f

12 Vgl. ders. (1999), S. 551ff

13 Vgl. ders. (1997), S. 158

14 Vgl. Vardy (1998), S. 32f

15 Vgl. Kreiner (1999), S. 543ff

16 Vgl. Schüssler (2001), S. 126

17 Vgl. Kreiner (1999), S. 553ff

18 Vgl. Vardy (1998), S. 113

19 Vgl. Kreiner (1999), S. 546f

20 Vgl. ebd., S. 547f

21 Vgl. Sölle (1993), S. 212ff

22 Vgl. Kreiner (1997), S. 185; ders. (1999), S. 549f

23 Vgl. Langenhorst (1995), S. 17f

24 Vgl. Teske (2005), S. 22

25 Vgl. Neuhaus (1995), S. 13

26 Vgl. Kreiner (1997), S. 201

27 Zit. nach Ammicht-Quinn (1992), S. 253

28 Vgl. Vardy (1998), S. 141; Langenhorst (1995), S. 16

29 Vgl. Teske (2005), S. 22

30 Vgl. Kuschel (1985), S. 22

31 Vgl. ebd., S. 18

32 Vgl. Ammicht-Quinn (1992), S. 10ff

33 Vgl. Langenhorst (1995), S. 13f

34 Vgl. Hempelmann, Brändle (2005), S. 85

35 ebd. (2005), S. 85

36 Die in der Unterrichtsreihe behandelten und in diesem Kapitel dargestellten Texte sind im Anhang der Arbeit abgedruckt.

37 Vgl. Speirs (2001), S. 26

38 Kuschel (1985), S. 19

39 Zit. nach Langenhorst (1995²), S. 130

40 Vgl. Langenhorst (1995), S. 211; ders. (1995²), S. 138

41 Vgl. Göggel (1991), S. 95

42 Vgl. Langenhorst (1995²), S. 135ff

43 Vgl. Sölle (19706), S. 202f

44 Vgl. Langenhorst (1996), S. 211

45 Ott (1989), S. 32

46 Vgl. Ott (1989), S. 32

47 Vgl. Langenhorst (1995), S. 189

48 Vgl. Kunstmann (1999), S. 92ff

49 Vgl. Hempelmann, Brändle (2005), S. 85

50 Vgl. Ott (1989), S. 31ff

51 Der in diesem Kapitel behandelte Entwurf einer Kontrollarbeit zur Leistungsüberprüfung ist im Anhang abgedruckt.

Details

Seiten
41
Jahr
2005
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109917
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Theodizee Literatur Entwurf Unterrichtsreihe Klasse Gymnasium Sachsen) Prosemianr Unterrichtsanalyse

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Titel: Theodizee in der Literatur. Entwurf einer Unterrichtsreihe (Leistungskurs Klasse 11, Gymnasium Sachsen)