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Darstellung der Christianisierung im Althochdeutschen anhand ausgewählter Texte und Fragmente

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Politische und geistliche Voraussetzungen und Impulse
1.1 Kriege und Reichseinigung
1.2 Karolingische Renaissance
1.3 Tres linguae sacrae

2. Literarisierte Christianisierung in der Volkssprache
2.1 Schriftlichkeit VS. Mündlichkeit
2.2 Probleme
2.3 Akkomodation
2.4 Otfrid und Notker

3. Darstellung anhand ausgesuchter Überlieferungen
3.1 Taufgelöbnisse
3.2 Wessobrunner Gebet
3.3 Hildebrandslied
3.4 Otfrids Evangelienbuch
3.5 Zauber- und Segenssprüche

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Frühmittelalter gilt auch heute oftmals noch als „dark age“, als Zeit­alter dunkler Kriege und düsterer Forschungsmöglichkeiten, da Über­liefer­ungen aus dieser Zeit noch wahrscheinlicher verschollen sind als solche aus dem Hoch- oder gar Spätmittelalter. Trotzdem offenbart diese Epoche span­nende Ereignisse und einen sehr bewegten Kulturraum in ganz Europa. Besonders der Übergang von Spätantike in die Anfänge des frühen Mittelalters gestaltet sich interessant, da hier das aus dem Verfall des römischen Reiches entstandene Macht- und Kulturvakuum neu zu füllen ist und die zusehends erstarkenden Franken bis ins 9. Jahrhundert und auch noch darüber hinaus ein Reich aufbauen, dass fast ganz West- und Mitteleuropa ausmacht und – so zumindest die Ansicht der Könige – geeinigt werden will. Das bedeutet aber auch, die unterschiedlichen unterworfenen Stämme und Kulturen mit der eigenen, christlichen Religion vertraut zu machen und sie alsbald entsprechend zu missionieren.

Doch wie soll man das anstellen? Die gegen Ende des 8. Jahrhunderts be­siegten Sachsen frönen germanischen Riten und sprechen zudem ihre eigene Volks­sprache. Sämtliche christlichen Lehren sind jedoch in Lateinisch verfasst und die lateinische Schriftkultur hat eine schier uneinnehmbare Stellung und Bedeutung bei christlichen Klerikern. Selbst wenn mit der Zeit einige Gelehrte auf die Idee gekommen sein mögen, christliche Dogmen in die Volkssprache zu übertragen, so trauen sich doch nur wenige, diesen Weg auch zu beschreiten und ihn gegenüber der geistlichen Obrigkeit zu verteidigen.

Diese Arbeit soll zeigen, welche Voraussetzung eine Christianisierung mit Hilfe der Volkssprache hatte, welchen Prinzipien sie trotzte und welchen sie folgte. Dazu wird zuerst ein historischer Überblick über die politische Situation und Entwicklung im mitteleuropäischen (also mitunter „deutsch“-sprachigen Raum) gegeben. Anschließend werden kirchliche Aspekte beleuchtet und zwei zentrale Persönlichkeiten – Otfried und Notker – vorgestellt. Im Anschluss daran werde ich versuchen, Verlauf und Formen einer verschriftlichten christianisierten Volkssprache anhand ausgesuchter althochdeutscher Texte und Fragmente darzustellen und ggf. auf Prinzipien, die bis dahin in der Arbeit angesprochen wurden, hinzuweisen. Zum Schluss wird ein Fazit die Erkenntnisse nochmals konzentriert zusammenfassen.

1. Politische und geistliche Voraussetzungen und Impulse

1.1 Kriege und Reichseinigung

Untersucht man Aspekte einer Christianisierung in althochdeutscher oder zu­mindest frühmittelalterlicher Volkssprache und entsprechender Literatur, so scheint die Betrachtung politischer Ereignisse im Allgemeinen und kriegs­politischer Geschehnisse im Speziellen nicht unbedingt in den Rahmen des gesetzten Erkenntnisinteresses zu passen. Doch gerade die bedeutsamen und anhaltenden geopolitischen Ver­än­der­ungen des Frühmittelalters haben Auswirkungen auf die Volks­sprache, ihre regionalen Dialekte und auch auf die eine Volkssprache (nämlich die eines geeinten deutschen Volkes), auch wenn sie mitunter erst auf den zweiten Blick zu erkennen sein mögen.

Die im Rahmen dieser Arbeit interessante Periode beginnt etwa ab der Mitte oder gegen Ende des 8. Jahrhunderts. Möchte man ein möglichst genaues und bedeutsames Datum haben, so eignet sich hierfür sicherlich die Krönung Karls des Großen im Jahre 771 zum Herrscher über das Frankenreich, das zu jener Zeit bereits christianisiert war und einen beachtlichen Teil West- und Mitteleuropas ausmachte. Allerdings war das fränkische Reich nicht das einzige expandierende und so kam es, dass man sich den Sachsen ge­gen­über­ge­stellt sah, die sich etwa bis zum Jahr 700 bis an die Lippe ausbreiten konnten. Im Jahr 772 leitete Karl der Große dann die sog. Sachsenkriege ein, die sich über 30 Jahre hinziehen sollten:

„Bei der engen Verflechtung von politischer und kultisch-religiöser Ordnung des Sachsenstammes mußte eine militärische Unterwerfung zugleich die Christianisierung bedeuten, zumal sich Pippin und Karl seit dem Bündnis mit dem Stuhl Petri als die Exekutoren der römischen Germanenmissionen und Schutzherren der christlichen Kirche verstanden. In zahlreichen Feldzügen und Aufständen über mehr als dreißig Jahre hinweg (772 – 804) vollzog sich die allmähliche, schmerzhafte und blutige Eingliederung des Sachsenlandes in das fränkische Großreich“[1].

Trotz des offensichtlich so langwierigen und schwierigen Prozesses der Unter­werfung und Eingliederung der Sachsen hatte das fränkische Reich noch ge­nügend militärische Reserven, um – neben anderen Feldzügen – auch den Bayern ihre Selbstständigkeit im Jahr 788 zu nehmen und sie in das Großreich ein­zu­gliedern.

Somit umfasst das fränkische Reich unter Karl dem Großen bereits schon zu diesem Zeitpunkt ein weitaus größeres Areal als jenes, das sich 962 zum „Heiligen Römischen Reich“ erklärt und im Wesentlichen der Vorläufer des deutschen Reiches ist. Karl einte und schütze das Reich[2], trieb aber auch die Christianisierung immer weiter voran. Sie geht mit der sog. „karolingischen Renaissance“ einher, die etwas genauer vorgestellt werden soll.

1.2 Karolingische Renaissance

Die sog. karolingische Renaissance stellt ein Spektrum kultureller Re­formen dar, die von Karl dem Großen eingeleitet und zielstrebig verfolgt wurden. Wenn man hier von Kultur spricht, so muss man sich vergegen­wärtigen, dass „die frühmittelalterliche Kultur, soweit es um den christlichen Teil Europas geht, von vornherein eine exklusive, auf wenige Stützpunkte konzentrierte Kultur ist, vornehmlich eine Kultur der Benediktinerklöster“[3]. Dies gilt im Besonderen für die Schriftkultur, die „das ganze Frühmittelalter hindurch beschränkt bleibt auf die klerikal-gelehrten Kreise“[4].

Diese Kreise sehen sich einem Sprachverfall sowohl auf mündlicher, als auch auf schriftlicher Ebene ausgesetzt, der gegen Ende des 8. Jahrhunderts die karolingische Renaissance als Gegenreaktion zur Folge hat.

„Denn zur gleichen Zeit, als die nichtromanischen Volkssprachen sich der Schriftlichkeit nähern, scheint die lateinische Sprache sich aus der Schrift­lich­keit zurückziehen zu wollen: Sie ist dabei, in einer Mehrzahl von romanischen Volkssprachen aufzugehen, während ihre Schriftlichkeit im alltäglichen Geschäftsverkehr […] mehr und mehr nachläßt. Diese Entwicklung ruft […] eine Reaktion hervor, eine Schrift- und Sprachenreform, die allerdings über Hof- und Klosterkreise kaum hinauswirkt: die >karolingische Renaissance<, die sich in der >karolingischen Minuskel< eine reine Buchschrift – also eine Schrift für den Gelehrtengebrauch und bezeichnenderweise keine Kursive für den Alltagsverkehr – schafft, während sie zugleich das Latein aus seinem vulgärsprachlichen Verfall löst und damit endgültig zu einer ebenso exklusiven wie internationalen Gelehrtensprache macht“[5].

Glücklicherweise werden die entsprechenden Anordnungen aber nicht so inter­pretiert oder gehandhabt, dass von nun an ein weiter Bogen um volks­sprach­liche Dichtung gemacht wird. Das hat der althochdeutschen Forschung zu­mindest einige, wenn auch relativ wenige[6] Werke erhalten:

„Selbst Erzeugnisse der volkssprachlichen – und oft noch heidnischen – >>oral poetry<< gelangen im Eifer solcher Sammlertätigkeiten gelegentlich aufs Pergament klösterlicher Schreibstuben, wenn auch meist nur mehr oder weniger zufällig als Marginalien auf leer­ge­bliebenen Seiten: Hildebrandslied, Merseburger Zaubersprüche, Wessobrunner Gebet …“[7].

In Relation dazu darf die karolingische Renaissance nicht als Bewegung der Verfolgung und Ächtung der Volkssprache verstanden werden, denn auch um sie war Karl sehr bemüht[8] und schrieb ihr eine ungewöhnlich hohe Bedeutung zu.

Ein weiteres Merkmal dieser sog. Renaissance war der starke Aus- und Neubau von Klöstern und Kirchen, der zweifelsohne die Christianisierung vor­antreiben, die Glaubenskultur aber auch elementar festigen sollte. Dadurch wurde aber natürlich auch die lateinische Schriftkultur gefestigt und weiter ins Land getragen. „Die Volkssprachen bleiben zunächst auf die Mündlichkeit beschränkt, - sowohl die aus dem Vulgärlatein herauswachsenden romanischen Sprachen als auch und erst recht die nichtromanischen“[9]. Mit der Zeit stellte sich jedoch zwangsläufig die Frage, wie man den unkultivierten, (schreib- und) leseunkundigen „Barbaren“ die christ­liche Religion, die auf einer ganz zentralen Schrift beruht, nachhaltig näher bringen sollte:

„Die germanischen Völker […] waren natürlich nicht bar jeder Kultur. Der fundamentale Unterschied zu den Romanen lag darin, daß sie ihre religiösen Vorstellungen, ihre historischen Überlieferungen und ihre rechtlichen Normen nicht in schriftlicher Form bewahrten und weitergaben. Ihr geistiges Erbe war den Germanen darum nicht weniger verbindlich, hatte aber etwas eigentümlich Unfertiges und entzog sich der Fixierung auf eine einzige, dauerhaft gültige Erscheinungsform“[10].

Damit war es Aufgabe der Kirche, in den zu christianisierenden Territorien für eine ihrer Religion entsprechende kulturelle Basis zu sorgen.

1.3 Tres linguae sacrae

„Die spätantike und frühmittelalterliche Literatur ist von einem Gedanken beherrscht, den Hilarius und Augustinus im 4./5. Jahrhundert zuerst formulieren: dem Gedanken, daß die Sprachen der Inschrift am Kreuze Christi, die tres lingua sacrae, die >>drei heiligen Sprachen<< - Hebräisch, Griechisch und Lateinisch -, vornehmlich dazu berufen seien, die Inhalte der christlichen Religion wiederzugeben“[11].

Vornehmlich bei den Iren und Angelsachsen kann sich die Volkssprache als lingua quarta „als würdig und geeignet erweisen, christliche Inhalte aus­zu­drücken“[12].

„Ungleich größere Schwierigkeiten, literarisch sichtbar zu werden, haben die Volkssprachen auf dem Kontinent. Denn hier existiert eine – seit der Spätantike ungebrochene – lateinische Schreibtradition, und es kommt noch hinzu, daß sich im westlichen Teil des Karolingerreichs die romanische Sprache erst allmählich durch ihre fortschreitende >>Vulgarisierung<< vom Lateinischen löst, daß also ein Bedürfnis nach volkssprachlicher Artikulation hier zunächst noch gar nicht besteht“[13].

Da jedwede Schriftlichkeit zu jener Zeit allerdings fast ausschließlich in oben beschriebenen klerikalen Kreisen zu finden war, die besonders durch die karo­lingische Renaissance in ihrem Bestreben um den Erhalt der lateinischen Sprache gestärkt wurden, musste es für Fürsprecher einer lingua quarta zwangs­läufig zu einer ambivalenten Situation kommen: sie sollten als Kleriker der kirchlichen Vorstellung der tres linguae sacrae zustimmen und mussten es dennoch bewerkstelligen, überzeugende Gründe für den Gebrauch einer Volks­sprache in der christlichen Religion zu finden, ohne dass dieses Begehr in einem Skandal[14] endete.

Eine wichtige Nuance der Unterscheidung liegt in dem Stellenwert, der der Volkssprache zugesprochen wird. Dieter Kartschoke weist zu Recht darauf hin, dass der Gebrauch der Volkssprache zur Übermittlung christlicher Botschaften diese Sprache nicht unbedingt gleich zur lingua quarta macht und sie damit den drei heiligen Sprachen gleich- oder gar überstellt[15]. Nach Kartschokes Einschätzung war der geistliche Gebrauch der Volkssprache Mittel zum Zweck eines „besseren Verständnisses“[16] christlicher Texte bei Lateinunkundigen oder Laienpriestern mit einer dürftigen Lateinausbildung. Klaus von See inter­pretiert den Stellenwert hingegen anders und beruft sich dabei auf eine Überlieferung des Mönchs Beda:

„Eine lingua quarta zeigt hier – das ist die geradezu provokante Tendenz in Bedas Erzählung –, daß sie schöner und würdiger sein kann, Gottes Lob zu singen, als eine lingua sacra, das Lateinische, die Sprache, in der Beda schreibt“[17].

Dabei ist zu bedenken, dass die Angelsachsen (wie oben bereits erwähnt) es wesentlich leichter hatten, eine volkssprachliche Schriftkultur zu etablieren, was sich auf dem Kontinent ja wesentlich schwieriger gestaltete. Es ist insofern zu hinterfragen, inwiefern von Sees Einschätzungen über den Stellenwert der Volkssprache nach der Interpretation von Bedas Schrift auch auf den Stellen­wert einer möglichen lingua quarta auf dem Festland zu übertragen sind.

2. Literarisierte Christianisierung in der Volkssprache

2.1 Schriftlichkeit VS. Mündlichkeit

Wie bereits angesprochen, basierte die Kommunikation und religiöse Tradition heidnischer Stämme und Völker auf Mündlichkeit, weswegen das Verlangen nach volkssprachlicher Literatur auch nach dem Einsetzten der Christianisierung noch auf sich warten ließ[18].

„Der grundsätzliche Anspruch einer auf Schrifttradition gegründeten Autorität wurde stets aufrechterhalten, auch gegenüber den schriftlos lebenden Barbaren. So ist die Kirche zur entscheidenden Triebfeder für die Ausbreitung der Schriftlichkeit unter den jungen Völkern geworden, eben weil der gültige Vollzug des kirchlichen Lebens nie ohne ein Minimum an Lesefähigkeit auskam“[19].

Dadurch wurde forciert, dass die Barbaren „die Bahn ihrer früheren geistigen Ent­wicklung zu verlassen begannen“[20] und man möchte fast schon von einer kulturellen Initialzündung mit zerebralen Folgeentwicklungen sprechen; Schriftlichkeit und der mit ihr einhergehende Kulturgewinn wären ohne die christliche Kirche zu jener Zeit jedenfalls nicht denkbar gewesen.

2.2 Probleme

Das bedeutet aber auch, dass sich Befürworter und Initiatoren einer volks­sprachlichen Schriftkultur ganz elementaren Problemen ausgesetzt sahen: als erstes galt es nämlich, ein geeignetes Schriftsystem und im Anschluss eine grammatikalische Regulierung zu entwickeln:

„Schließlich kommt Otfrid auf die technische Seite seines literarischen Großunternehmens zu sprechen, auf die Schwierigkeiten der Verschriftung der Volkssprache, des Fränkischen, mit den Mitteln der lateinischen Sprache, ihren Buchstabenzeichen und ihrer Grammatik […]. Die bislang nur gesprochene und nicht geschriebene Sprache sei noch ganz unkultiviert und ungeregelt“[21].

Historisch äußerst bedauerlich: etwa 150 Jahre, nachdem Otfrid diese Probleme bestmöglich gelöst hatte, sah sich Notker erneut vor den gleichen Problemen, da die volkssprachliche Schriftkultur in der Zwischenzeit wieder in Ver­ges­sen­heit geriet: „es ist, als sei die Zeit stehengeblieben“[22].

„Althochdeutsche Literatur ist überwiegend Übersetzungslisteratur.“[23] Auch dieses Übersetzen bereitete Probleme, denn es stellte sich die Frage, welche Übersetzungsform angemessen schien – beispielsweise eine interlineare Methode oder eine freiere Übertragung, die dem Sinn gerecht wird. Otfrid kam schließlich zu dem Schluss, „daß eine auf sachgerechte Wiedergabe des ‚sensus’ gerichtete ‚interpretatio’ besser sei als eine peinlich genaue, […] den Sinn aber letztlich verzerrende Wort-für-Wort-Übertragung“[24].

2.3 Akkomodation

Die christlichen Mönche nutzten bei der Christianisierung im Früh­mittel­alter die missionarische Akkomodation. Bei diesem Prinzip werden die vor­ge­fundene Kultur und beispielsweise ihre kulturtragenden Mythen und Sagen leicht abgewandelt und mit Aspekten der christlichen Religion versehen:

„Also kann der Dichter des >Heliand< Christus als cuning (>>Volkskönig<<), drohtin (>>Gefolgsherr<<), als kraftag (>>voller Kraft<<), mari ende mahtig (>>berühmt und mächtig<<) auftreten und seine Jünger degen (>>Gefolgsleute<<) und treuhafta man (>>durch Treuebindung verpflichtete Männer<<) sein lassen, kann die Erde middilgard nennen und eine Versammlung der Jünger mit Christus thing[25].

Dabei lag es größtenteils im Ermessensspielraum der jeweiligen Mönche, in­wieweit und welche Details der christlichen Heilsgeschichte sie anpassen und abändern wollten. Aber wie schon obiges Zitat andeutet, blieb man den wesent­lichen Aspekten immer treu, was auch Wolfgang Haubrichs bestätigt:

„Daß dabei in keinem Falle zentrale Glaubensinhalte des Christentums geopfert wurden, zeigt deutlich die Darstellung des Bergpredigt, in der kompromißlos das heimischen Vorstellungen zuwiderlaufende Gebot der Nächstenliebe, der Verzicht auf Vergeltung bis zur Selbstaufgabe verkündet wird“[26].

Im Zusammenhang mit dieser Akkomodation tritt auch häufig die Theorie einer „Germanisierung“ des Christentums auf. Demnach wäre die christliche Religion – nicht zuletzt durch ihre Offenheit gegenüber der germanischen Vor­stellungswelt im Rahmen der Akkomodation – auch ihrerseits durch heidnisch-ger­man­ische Strukturen beeinflusst worden. Ob diese Theorie für die Ereig­nisse im Früh­mittelalter überhaupt zutrifft, ist umstritten. Zu hinterfragen blie­be außer­dem, ab wann entsprechende Einflüsse stark genug sind, um von einer Ger­­man­isierung zu sprechen[27].

2.4 Otfrid und Notker

Zwei Personen stechen durch ihren Einsatz für die Nutzung der Volks­sprache im Kontext christlichen Missionierung und Religionsausübung be­sonders hervor: Otfrid von Weißenburg (ca. 800 – 870) und Notker III. von St. Gallen (ca. 950 – 1022).

„Der Weißenburger Mönch Otfrid ist der erste uns namentlich bekannte Dichter deutscher Zunge“[28]. Sein Hauptwerk ist das liber evangeliorum, ein in althochdeutscher Sprache verfasstes Evangelienbuch. Damit dürfte Otfrid auch der erste sein, der den Gedanken einer volkssprachlicher Religionsschriften in die Tat umsetzte und damit – wohlgemerkt als Mönch – gegen das klerikale Prinzip der tres linguae sacrae (s.o.) verstieß. Entsprechend finden sich auch gleich im Evangelienbuch Begründungen und Argumente für eine gleich­be­rechtigte Stellung der Volkssprachen neben den drei heiligen Sprachen, die nicht selten einen entschuldigenden Charakter haben[29]. Interessant ist hierbei eine auffällige Zweiteilung: eine sich fast schon entschuldigende Ar­gu­mentation in der in Latein verfassten Botschaft an den Klerus und eine in althochdeutsch ausgeführte Lobpreisung der Volkssprache.

Otfrids Begründungen klingen aus heutiger Sicht sehr logisch und haben offensichtlich auch im Frühmittelalter Wirkung gezeigt. Beispielsweise dachte er, „volkssprachige Lektionen blieben leichter und fester als fremdsprachige in der ‚memoria’ haften“[30] und ganz generell sei es „die Pflicht aller Christen­menschen, Gott in jeder erdenklichen Weise, […] in verderbter wie in gram­matikalisch geregelter Sprache zu loben“[31].

„Die Wahl der Volkssprache aber rechtfertige sich – noch ganz im Sinne der karlischen Bildungspolitik – dadurch, daß auch diejenigen, denen der Umgang mit dem Lateinischen allzu schwer falle, der Heilswahrheit und Richtschnur gottwohlgefälligen Lebens teilhaftig werden sollten“[32].

Otfrid wollte einen gleichberechtigten Stellplatz der Volks­sprache in der christl­ichen Schriftkultur; ein „Anspruch, der nach Otfrid wieder aufgegeben und erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, allerdings ohne Be­zug­nahme auf den ehrwürdigen Begründer […] wieder aufgenommen wird“[33].

Dann ist es Notker III. aus dem Kloster St. Gallen, der den Gedanken einer volkssprachlichen Kirchendichtung wieder erneut aufleben lässt und „wegen seiner deutschen Schriften […] Teutonicus genannt wurde“[34]. Notker „verdeutschte lateinische Texte zu Unterrichtszwecken“[35] im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Kloster.

„Sein Hauptwerk und die am weitesten verbreitete und als einzige eine gewisse Nachwirkung zeitigende Schrift aber ist die Übersetz ung und Kommentierung des Psalters. Satz für Satz wird der Wortlaut der lateinischen Übersetzung […] zitiert, auf deutsch wiedergegeben, paraphrasiert und gedeutet“[36].

Ähnlich wie Otfrid war Notker der Meinung, „daß in der eigenen Sprache schnel­ler aufzufassen sei, was in der fremden kaum oder nicht gänzlich ver­stan­den werde“[37]. Somit dient die Verwendung der Volkssprache hier primär dem bes­seren Verständnis lateinischer Texte. Damit werden aber auch (fast nur) Klosterschüler und Kleriker angesprochen und die Texte sind zur Lektüre gedacht, nicht zum Vorlesen oder Predigen. Hier unterscheiden sich Notkers Absichten von denen Otfrids.

3. Darstellung anhand ausgesuchter Überlieferungen

3.1 Taufgelöbnisse

Beim Vergleich verschiedener überlieferter Taufgelöbnisse, die auch mit die frühesten überlieferten kirchlichen Texte in der jeweiligen Volkssprache darstellen (um 800 übersetzt[38] ), lassen sich Fortschritte der Missionierung und Christianisierung sehr gut nachvollziehen.

„Das ältere >Altsächsische Taufgelöbnis< gehört noch unmittelbar in den Zusammenhang der Sachsenkriege und der Sachsenmission. In lakonischer Form wird der Täufling in Frage und Antwort genötigt, dem Teufel abzuschwören […], so daß am Schluß des ersten Teils zur Erläuterung des auszutreibenden Teufelsdienstes die Namen der germanischen Gottheiten genannt werden müssen“[39].

Hier ist also noch ganz klar der Charakter einer Heidenbekehrung zu spüren, auf den im schon länger christianisierten Rheinland verzichtet werden kann[40]. Dafür geht es im sog. Fränkischen Taufgelöbnis „nicht mehr nur um Abgrenzung vom heidnischen Mythos, sondern um die positive Bestimmung der Christlichen Gottesvorstellung“[41] – im Detail um die Trinität. Man kann annehmen, dass dieser Aspekt des christlichen Glaubens durch seinen Kon­trast zum Poly­the­is­mus der heidnischen Sachsen die Möglichkeiten einer mis­sionarischen Akko­mo­dation gesprengt hätte und daher in diesem frühen Sta­dium der Christi­ani­sier­ung auf ihn verzichtet wurde.

3.2 Wessobrunner Gebet

Das Wessobrunner Gebet stammt aus dem frühen 9. Jahrhundert und ist wohl ein Paradebeispiel für die Akkomodationspraxis. Es beginnt mit einer Adaption der Völuspa, einem Gedicht aus der Edda, nutzt hier also einen alten und wahrscheinlich weit verbreiteten germanischen Schöpfungsmythos, um ihn dann an entscheidender Stelle gemäß christlichen Vorstellungen umzuformen. Wo die Völuspa nämlich den Götterrat und Asen als Weltenschöpfer in­szeniert, setzt das Wessobrunner Gebet den „einen allmächtigen Gott“ (eino almahtico cot; V. 7) und baut die christliche Vorstellungswelt im weiteren Verlauf konsequent prosaisch aus.

3.3 Hildebrandslied

Kartschoke schätzt das Hildebrandslied als einziges überliefertes Schrift­exemplar heroischer Dichtung ein[42], was zum einen den Stellenwert dieses Liedes in der Forschung verdeutlichen sollte, zum andern aber auch klarmacht, dass es sich hier - im Gegensatz zu den bisher untersuchten Texten - nicht um geist­liche, sondern eben weltliche Dichtung handelt. Trotzdem – und das ist un­ver­kennbar – findet sich auch im Hildebrandslied ein christlicher Kulturhorizont, wenn er in der Masse germanisch-heroischer Formeln auch fast untergehen zu scheint. Über eine beabsichtigte christliche Intention des Liedes kann man allerdings nichts sagen, zumal der Schluss des Textes verloren ging.

Tatsächlich ist es nur Hildebrand, der im Text Gott anruft („>>wettu irmingot<<, quad Hiltibrand, >>obana ab hevane […]<<“ / „>>welaga nu, waltant got<<, quad Hiltibrant“). Da germanische Götter meist mit Namen angesprochen werden und es sich auch nur um einen einzigen Gott handelt, können wir davon ausgehen, dass hier der christliche Gott gemeint ist[43]. Zu hinter­fragen bleibt aber, ob nicht vielleicht ein Kleriker, der diese Heldensage nieder­schrieb, ihren Inhalt zu Gunsten des Christentums veränderte. Diese Möglichkeit wird durch den bewegten Traditionsweg[44] des Liedes noch wahr­scheinlicher.

Kartschoke wirft eine interessante Frage auf: „Unmäßig sind beide, Vater und Sohn, mit Waffen und Worten. Das ist heroisch. Aber liegt in der Betonung solcher Verhaltensweisen vielleicht schon ein Moment der Kritik?“[45] Ob diese Frage jemals eindeutig geklärt werden kann, ist äußerst unwahr­scheinlich und würde wiederum offenlassen, von wem diese Intention einge­baut wurde.

3.4 Otfrids Evangelienbuch

Das bereits angesprochene liber evangeliorum Otfrids sollte die Franken aus der misslichen Lage, als einziges Volks ihr Lob Gott nicht in der eigenen, also der fränkischen Volkssprache singen zu können, befreien. Da die Franken zu jener Zeit (ca. 870) schon lange christianisiert waren, strotzt das Evan­ge­lien­buch geradezu von Lobpreisungen Gottes und einem ständigen Rückbezug auf seine Herrlichkeit. Ebenso unternimmt Otfrid den Versuch, König Ludwig (III.) nicht nur eine enge Verbundenheit mit Gott zuzuschreiben, sondern ihn in aus einem quasi göttlichem Geschlecht stammen zu lassen – jenem Davids. Die zen­trale und wesentliche Bedeutung dieses Textes stellt aber die (Be-)Gründ­ung einer fränkischen Volkssprache dar, die ganz eng mit der christlichen Religion und der Ausübung ihrer Praxis verbunden ist.

3.5 Zauber- und Segenssprüche

„Im Unterschied zu den vielen Anwendungsmöglichkeiten des Wortzaubers, die das nordische Gedicht aufzählt, beschränken sich althochdeutsche und altsächsische Zauber- und Segenssprüche ganz auf den häuslichen Bereich, auf das Heilen von Krankheiten bei Mensch und Tier, auf die Segnung von Haus und Hof und nur im Ausnahmefall […] auch auf andere Lebensbereiche. Dieses Repertoire ist freilich Ergebnis der Selektion durch die mehr oder minder zufällige Überlieferung und nicht etwa Ausdruck eines grundlegenden Unterschiedes zwischen nord- und westgermanischen Denk- und Lebensformen“[46].

Dies ist aber nicht der einzige Unterschied zu den altnordischen Vorgängern. Mit der Zeit wird der pagane Charakter solcher Kleinformen im Sinne der Ak­ko­­mo­dation angepasst und so finden sich „zunehmend verchristlichte For­meln“[47].

Eine Ausnahme in den Reihen dieser Sprüche stellen die Merseburger Zaubersprüche dar: der erste steht – wie das nordische Vorbild – in einem krieg­er­ischen Kontext und berichtet von mythologischen Sagengestalten namens „Idisen“, die gefangenen Freunden die Fesseln lösen mögen; der zweite Spruch handelt von der Heilung eines verletzten Pferdes (was eigentlich noch in das oben beschriebene althochdeutsche Muster passen würde), spielt diese Szenerie aber mit Wodan, Frija und anderen germanischen Göttern durch.

Da die Merseburger Zaubersprüche etwa zur gleichen Zeit wie die anderen festgehalten wurden, kann man vermuten, dass ihnen ein verchristlichtes Pen­dant fehlte und die Sachsen daher auf alte, heidnische Überlieferungen zu­rück­greifen mussten.

4. Fazit

Man möchte sich fragen, wo wir heute ständen, wäre es unter den ge­schilderten Umständen nicht zur Verschriftlichung der Volkssprachen ge­kom­men. Auch wenn dadurch noch längst nicht die allgemeine Lese- und Recht­schreibfähigkeit eingeläutet wurde, so war dieser Umbruch dennoch für die kulturelle Entwicklung wichtig und wurde allmählich mehr als nur klerikale Fähigkeit.

Karl der Große war bei seinen Reformen auch um die Volkssprache bemüht. Die Kirche folgte ihm „mit bitterer Miene“ insofern, als sie Otfrid von Weißenburg gewähren ließ, als jener das christliche Prinzip der „ tres linguae sacrae “ missachtete und sein liber evangeliorum in die theotisce, die Sprache des fränkischen Volkes übertrug.

Christianisierung und Volkssprache scheinen mehr und mehr zu har­mo­nieren. Die Kirche setzt bei ihrer Akkomodation auch auf das Althochdeutsche und versetzt damit alte Mythen und Sagen, um den zu missionierenden Stäm­men ihr geistliches Ideal auf einer bereits bekannten und vertrauten Basis zu präsentieren. Otfrid und Notker kreierten dazu jeweils extra ein eigenes Schrift- und vermutlich auch Grammatiksystem und machten sich viele Gedanken über das Übertragen antiker Muster (die als Ideal angesehen wurden) in die stellenweise doch so „barbarische“ und „unkultivierte“ Volks­sprache.

Durch die Textbeispiele konnten unterschiedliche Stadien der Christ­ian­i­sier­ung und ihre Auswirkungen auf kirchliche Gebrauchsprosa verdeutlicht werden. Auch das Prinzip der Akkomodation konnte gezeigt werden.

Leider konnte in dieser Arbeit nur auf die Anfänge des Frühmittelalters eingegangen werden. Schätzungsweise ist dieser Abschnitt in Bezug zum Er­kennt­nisinteresse der Arbeit der spannendste, Entwicklungen bezüglich literarisierter Christianisierung ab dem 10. Jahrhundert wären aber sicherlich auch interessant.

5. Literaturverzeichnis

Ernst, Ulrich: Der Liber Evangeliorum Otfrids von Weissenburg. Köln 1975.

Haubrichs, Wolfgang: Altsächsische Literatur. In: von See, Klaus (Hrsg.): Europäisches Frühmittelalter. Wiesbaden 1985. S. 217 – 236.

Kartschoke, Dieter: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter. München (2000).

Schieffer, Rudolf: Über soziale und kulturelle Voraussetzungen der frühmittelalterlichen Literatur. In: von See, Klaus (Hrsg.): Europäisches Frühmittelalter. Wiesbaden 1985. S. 71 - 90.

von See, Klaus: Das Frühmittelalter als Epoche der europäischen Literaturgeschichte. In: von See, Klaus (Hrsg.): Europäisches Frühmittelalter. Wiesbaden 1985. S. 5 – 70.

[...]


[1] Haubrichs, S. 217

[2] vgl. Schieffer, S. 75

[3] von See, S. 7

[4] von See, S. 25

[5] von See, S. 12

[6] vgl. von See, S. 55

[7] von See, S. 13

[8] vgl. Kartschoke, S. 108; vgl. Haubrichs, S. 218

[9] von See, S. 25

[10] Schieffer, S. 72

[11] von See, S. 53f.

[12] von See, 54

[13] von See, S. 55

[14] vgl. Kartschoke, S. 74

[15] vgl. Kartschoke, S. 78

[16] Kartschoke, S. 75

[17] von See, S. 54

[18] vgl. auch Kartschoke, S. 114

[19] Schieffer, S. 85

[20] Schieffer, S. 72

[21] Kartschoke, S. 157f.

[22] Kartschoke, S. 190

[23] Kartschoke, S. 89

[24] Ernst, S. 129

[25] Kartschoke, S. 44

[26] Haubrichs, S. 227

[27] vgl. Kartschoke, S. 145f.

[28] Kartschoke, S. 153

[29] vgl. Ernst, S. 23 u. 143

[30] Ernst, S. 135

[31] von See, S. 56

[32] Kartschoke, S. 157

[33] Kartschoke, S. 154

[34] Kartschoke, S. 192

[35] Kartschoke, S. 196

[36] ebd.

[37] Kartschoke, S. 197

[38] vgl. Haubrichs, S. 220

[39] Kartschoke, S. 103

[40] vgl. ebd.

[41] ebd.

[42] vgl. Kartschoke, S. 124

[43] vgl. a. Kartschoke, S. 129

[44] vgl. Kartschoke, S. 127

[45] Kartschoke, S. 129

[46] Kartschoke, S. 120

[47] Kartschoke, S. 119

Details

Seiten
17
Jahr
2006
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110107
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Christianisierung Althochdeutschen Texte Fragmente Proseminar Sprache Literatur

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