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Kann Erlebnispädagogik einen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten?

Diplomarbeit 2006 83 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Jugendalter
2.1 Entwi cklungsanforderungen als mögliche Ursache für Risikoverhalten
2.2 Jugend und Gesundheit

3 Gesundheit und Gesundheitsförderung
3.1 Gesundheit
3.1.1 Der medizinische Ansatz
3.1.2 Der Gesundheitsbegriff nach der WHO
3.1.3 Salutogenese nach Antonovsky
3.1.3.1 Das Kohärenzgefühl
3.1.3.2 Generalisierte Widerstandsressourcen
3.1.4 Erschließung des Gesundheitsbegriffs
3.2 Gesundheitsförderung
3.2.1 Die Ottawa-Charta
3.2.2 Grundlagen der Gesundheitsförderung Jugendlicher

4 Erläuterung des Konzeptes Gesundheitsförderung bei Jugendlichen anhand des Beispiels GUT DRAUF
4.1 GUT DRAUF
4.1.1 Konzept
4.1.2 Evaluation von GUT DRAUF

5 Erlebnispädagogik
5.1 Geschichte der Erlebnispädagogik
5.1.1 Wegbereiter der Erlebnispädagogik
5.1.2 Die Reformpädagogik.
5.1.3 Kurt Hahn als Vater der Erlebnispädagogik
5.1.4 Entwicklung der Erlebnispädagogik bis heute
5.2 Definition von Erlebnispädagogik
5.3 Vorgehensweise der Erlebnispädagogik
5.4 Persönlichkeitsentwicklung in der Erlebnispädagogik
5.5 Wirkung von erlebnispädagogischen Maßnahmen
5.6 Sekundärer Nutzen erlebnispädagogischer Maßnahmen
5.7 Erlebnispädagogik als Beitrag zur Gesundheitsförderung

6 Programm nach GUT DRAUF-Standard

7 Resumee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Das Verzeichnis der verwendeten Abbildungen ist wie folgt aufgebaut:

Abb. 1: Sozialtheoretisches Modell der Belastungs- Bewältigungs-Prozesse

Abb. 2: Salutogenese nach Antonovsky

Abb. 3: Das salutogenetische Modell von Antonovsky als Waage

Abb. 4: Wechselspiel zwischen Ernährung, Bewegung und Stress

Abb. 5: Leitlinien erlebnispädagogischer Maßnahmen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Ein Arzt steht am Ufer eines fließenden Flusses und hört die verzweifelten Schreie einer ertrinkenden Frau. Er springt ins Wasser, holt die Frau heraus und beginnt die künstliche Beatmung. Aber als sie gerade anfängt zu atmen, hört er einen weiteren Hilfeschrei. Der Arzt springt abermals ins Wasser und holt einen weiteren Ertrinkenden, trägt ihn ans Ufer und beginnt mit der künstlichen Beatmung. Und als der gerade zu atmen anfängt, hört er einen weiteren Hilferuf... Das geht immer weiter und weiter in endlosen Wiederholungen. Der Arzt ist so sehr damit beschäftigt, ertrinkende Menschen herauszuholen und wiederzubeleben, dass er nicht einmal Zeit hat nachzusehen, wer denn die Leute stromaufwärts alle in den Fluss hinein stößt.“1

Dieses Zitat lässt sich möglicherweise auf die derzeitige Lage des Gesundheits- sektors beziehen. Der Arzt würde in diesem Falle stellvertretend für das Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland stehen, welches hochdifferent ist, viel kostet und doch im Sinne des „Lehrens des Schwimmens in einem reißenden Fluss“, beziehungsweise des Gesünderwerdens der Menschen, erstaunlich wenig zu bewirken scheint.

Die immer höher werdenden Kosten des Gesundheitssystems veranlassen zum Umdenken in der Politik. Gesundheitsförderung bekommt eine immer größere Bedeutung, denn sie setzt ein, bevor ein Mensch krank wird. Kann das Gut Gesundheit erhalten werden, zieht das eine Verringerung gesellschaftlicher Folgeprobleme und damit ein Einsparung sozialer Kosten nach sich. Das scheint vor dem Hintergrund der kürzlich beschlossenen Gesundheitsreform als Antwort auf ständig steigende Kosten, besonders reizvoll zu sein.

„Kann Erlebnispädagogik einen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten?“ Auf den ersten Blick scheint diese Frage leicht zu beantworten zu sein, denn stattdessen könnte die Frage auch heißen „Kann Bewegung in der Natur einen Beitrag zu Gesundheitsförderung leisten?“ Auf den zweiten Blick hingegen kann die Vielschichtigkeit dieser Methode zu Tage treten.

Ob „Erlebnispädagogik“ über den Aspekt der Bewegung hinaus, durch Aktivierung und Stärkung der im Menschen inne wohnenden Ressourcen, die Kompetenz des „Schwimmens in reißenden Flüssen“ vermitteln kann, soll Gegenstand der vorliegenden Diplomarbeit sein.

Die Herausforderung besteht in einer sinnvollen Verknüpfung zweier an sich komplexer Themenschwerpunkte, die Gesundheitsförderung auf der einen und die Erlebnispädagogik auf der anderen Seite. Da das Jugendalter eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung gesundheitsfördernder Verhaltensweisen einnimmt, die sich bis auf das Erwachsenenalter auswirken, werden die Themenkomplexe unter besonderer Berücksichtigung der Zielgruppe „Jugendlicher“ betrachtet.

Es fällt auf, dass es derzeit noch wenige Veröffentlichungen zu dieser Themenstellung gibt. Allenfalls wird Erlebnispädagogik in Zusammenhang mit besonderen Zielgruppen, wie DiabetespatientInnen2 oder adipöse Jugendlichen3, betrachtet. Einzig Michael Jagenlauf hat bereits 1994 einen lediglich dreiseitigen Beitrag in der Fachzeitschrift „Erleben & Lernen“ mit dem Thema „Gesundheitsförderung durch Erlebnispädagogik“ veröffentlicht.4

Um dazu beizutragen, dass diese Lücke nach und nach geschlossen wird, sollen folgende Fragen in dieser Arbeit beantwortet werden: Können gesundheitsfördernde Inhalte Jugendlichen durch erlebnispädagogische Maßnahmen vermittelt werden? Auf welche Art und Weise kann dies geschehen?

Um diese Fragen zu beantworten, findet in Kapitel 2 das Jugendalter besondere Aufmerksamkeit. Es soll untersucht werden, was besondere Merkmale des Jugendalters sind, wie gesundheitsschädigende Risikoverhaltensweisen entstehen und wie es um den Gesundheitszustand der Jugendlichen bestellt ist.

In Kapitel 3 werden Begriffsbestimmungen und neuere Denkansätze über Gesundheit dargestellt. Um den Einstieg zu erleichtern und zum besseren Verständnis, werden zunächst die Begriffe „Gesundheit“ und „Gesundheitsförderung“ erläutert, um dann die „salutogenetische“ Denkweise und das daraus hervorgehende„Salutogenese-Modell“ vorzustellen.

Kapitel 4 stellt, stellvertretend für andere Initiativen zur Gesundheitsförderung Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland, das bereits evaluierte Jugendgesundheitsförderungs-programm „GUT DRAUF“ vor.

Um die Frage nach der Sinnhaftigkeit der „Erlebnispädagogik“ in der Gesundheits- förderung ernsthaft beantworten zu können, muss die „Erlebnispädagogik“ umfassend dargestellt werden. Über einen kurzen Überblick zur Entstehung soll eine für diese Arbeit gültige Definition gefunden werden, mit der die Wirkung erlebnispädagogischer Maßnahmen auf die Persönlichkeitsentwicklung untersucht werden kann. Abgeschlossen wird Kapitel 5 mit der Betrachtung der Erlebnispädagogik als Beitrag zur Gesundheitsförderung.

In Kapitel 6 soll unter Berücksichtigung der Ergebnisse der vorherigen Kapitel ein Programm nach GUT DRAUF-Standard entwickelt werden.

Kapitel 7 rundet die vorliegende Diplomarbeit mit einem Resumee ab.

2 Das Jugendalter

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Sokrates (470 – 399 v. Chr.).5

Das Zitat zeigt eine einseitige Interpretation der Wirkung jugendlichen Verhaltens ohne Berücksichtigung der Ursachen und Veränderungen während der Entwicklung in Jugend und Adoleszenz. Dies soll im Folgenden geschehen.

Adoleszenz ist geprägt von quantitativ und qualitativ sehr unterschiedlichen Entwicklungsprozessen. Sie dauert circa 10 Jahre und lässt sich nach Raithel in 3 Phasen einteilen:

1.frühe Adoleszenz zwischen 11 und 14 Jahren,
2.mittlere Adoleszenz zwischen 15 und 17 Jahren und 6
3.späte Adoleszenz zwischen 18 und 21 Jahren.

Nach deutschem Recht ist Jugendlicher, wer vierzehn7, aber noch nicht achtzehn Jahre alt ist. Jüngere Personen gelten als Kinder. Heranwachsender ist nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) jede Person, die das 18. Lebensjahr, aber noch nicht das 21. Lebensjahr vollendet hat.8

In der Forschung erfolgt die Abgrenzung zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter hingegen nicht über Altersklassen. Das Jugendalter wird vielmehr durch die Erfüllung von Entwicklungsaufgaben9 charakterisiert, welche meist im Alter

zwischen 12 bis 25 Jahren bearbeitet und bewältigt werden. In dieser soziokulturellen Übergangsphase erfahren Jugendliche eine tiefe Unsicherheit, denn ihnen wird der Status Kind nicht mehr und der Status Erwachsener noch nicht gewährt. Daraus resultierend werden Jugendliche mit zum Teil unvereinbaren Erwartungen konfrontiert. Als Beispiel dafür nennt Franzkowiak das Spannungsfeld Schule und Elternhaus: In der Schule wird von den Jugendlichen eigenverantwortliche selbständige Arbeit verlangt, während sie im Elternhaus noch als Kinder behandelt werden, die keine eigenen Entscheidungen treffen können.10

2.1 Entwi

cklungsanforderungen als mögliche Ursache für Risikoverhalten

Von Risikoverhaltensweisen wird gesprochen, wenn Verhaltensweisen an der Entstehung wichtiger und häufiger Erkrankungen, sogenannter Volkskrankheiten, beteiligt sind. Das trifft zum Beispiel auf Rauchen, Alkoholmissbrauch, Fehl- und Überernährung, Bewegungsmangel, Drogenmissbrauch und riskantes

Sexualverhalten zu.11

Die Betrachtung des Risikoverhaltens Jugendlicher aus der Sicht diverser Disziplinen lässt verschiedene Erklärungsmodelle erkennen. Diese reichen von geschlechts- beziehungsweise genderspezifischen über das sogenannte Rational- Choice-Modell bis hinzu sozialstrukturellen und somit soziologischen Erklärungsmodellen über Lebensstile und Milieus.

In dieser Arbeit soll Augenmerk auf das interdisziplinäre und mehrdimensionale belastungstheoretische Sozialisationsmodell gelegt werden, nach dem aus dem Zusammenwirken von psychosozialen Belastungen und unzureichenden Kompensationsressourcen Risikoverhalten resultiert.12

"Unter Risikoverhalten lassen sich in sozialisationstheoretischer Perspektive alle Verhaltensweisen zusammenfassen, bei denen mittel- oder langfristig die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, daß sie zu Schwierigkeiten der sozialen Integration oder zu Problemen bei der Weiterentwicklung einer stabilen und gesunden Verhaltens weise führen.13 "

Einflussfaktoren für die Auswahl, Ausprägung und Dauer von Risikoverhaltensweisen sind soziale Lebenssituation und personale Ressourcen, wie beispielsweise das Maß der Konfliktfähigkeit, die Art und Weise der Bewältigung von Belastungssituationen oder ganz allgemein die Ausprägung sozialer Kompetenzen.14 Diese sozialen und personalen Ressourcen unterstützen die Bewältigung entwicklungsspezifischer und sozialstruktureller Belastungen zu einer produktiven Realitätsverarbeitung und damit zu einer gelingenden Gesundheitsbalance. Gestört wird diese bei niedriger Ressourcenausprägung, was im Weiteren zu Risikoverhalten führen kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Sozialtheoretisches Modell der Belastungs-Bewältigungs-Prozesse.15

Demnach kann aus einer Über- beziehungsweise Unterforderung bei der 16

Bewältigung von Entwicklungsaufgaben riskantes Verhalten resultieren.

Brinkhoff verweist auf ein theoretisches Konzept von Entwicklungsaufgaben, durch welches sowohl Kindheit und Jugend als auch Jugend- und Erwachsenenphase klar abgrenzbar sind. Insgesamt werden neun Entwicklungsaufgaben für die Jugendphase klassifiziert. Vier dieser Aufgaben sollen im Folgenden kurz kritisch betrachtet werden:

Zum einen soll der Körper angenommen werden, sowohl in der Erscheinung als auch in der Leistungsfähigkeit, trotz der medialen Schaffung eines schwer erreichbaren Körperkults. Weitere Anforderungen sind das Erreichen geistiger und sozialer Befähigung in eigener Verantwortung, um schulischen sowie betrieblichen Qualifikationsanforderungen gerecht zu werden beziehungsweise um eigenständig den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das scheint angesichts der problematischen Ausbildungsstellensituation eine schwierig umsetzbare Entwicklungsaufgabe zu sein. Geradezu paradox wirkt die Entwicklungsaufgabe, einen individuellen Lebensplan in einem institutionalisierten Ablaufmuster von Lebensläufen zu entwerfen. Schwer erfüllbar in Zeiten des Wertepluralismus ist zudem die Aufgabe, ein individuelles Werte- und Normensystem, sowie ein politisches und ethisches Bewusstsein als Richtschnur für das eigene verantwortungsvolle Handeln zu entwickeln.17

Die Gesundheitspsychologin Inge Seiffge-Krenke stellt fest, dass...

„...trotz der erzielten enormen technischen, medizinischen und sozialen Fortschritte in Industrieländern wie der Bundesrepublik Deutschland die Belastungen für Jugendliche nicht abgenommen [...] haben.“18

Mit der immer komplexeren Ausgestaltung jugendlicher Verlaufsmuster geht auch ein Verlust an Konturen, Selbstverständlichkeiten und Verbindlichkeiten des Statusübergangs einher, in dessen Zuge einheitliche generalisierte Jugendbilder zerfallen.19 Um trotzdem einen unmittelbaren Gewinn in der Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Anforderungen an die Lebensgestaltung zu erlangen, werden in ihrer Entstehungssituation häufig Risikoverhaltensweisen gewählt.20

2.2 Jugend und Gesundheit

Gesundheit scheint bei Jugendlichen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Der Körper Jugendlicher, als einziger Ort wirklicher Autonomie, wird als Instrument zur Abgrenzung zu Erwachsenen verstanden und bekommt somit die Funktion des Ausdrucks individueller Freiheit. Außerdem scheint die Fähigkeit Jugendlicher, ungesundes Verhalten mit den auf lange Sicht einhergehenden wirtschaftlichen oder psychosozialen Folgen abzuschätzen, nicht besonders ausgeprägt.21

Dabei sind Jugendliche mit ihrer physischen und psychischen Verfassung nicht besonders zufrieden, was eine Studie der Universität Bielefeld zeigt. Drei von vier Jugendlichen fühlen sich demnach häufig müde, erschöpft, gestresst oder überfordert, zwei Drittel aller 12 – 16-jährigen Mädchen sind unzufrieden mit ihrem Körper und 40 Prozent der 16-jährigen haben Diät gehalten und frühstücken nicht regelmäßig.22

In den letzten Jahren wurden immer mehr Bewegungs- und Haltungsschäden, Anfälligkeiten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Zuckerkrankheiten, sowie Essstörungen festgestellt. Dazu kommen psychosomatische Symptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Nervosität, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen.23

Das Jugendgesundheitssurvey von 2003 verschafft einen großen Überblick über das Gesundheitsverhalten der Jugendlichen. Auffällig ist zum Beispiel, dass Jugendliche zwischen 8 und 11 zufriedener mit ihrem subjektiven Gesundheitszustand sind als 13- bis 15-jährige.24 Aber auch objektive Faktoren sprechen für die Notwendigkeit der Verbesserung des Gesundheitsverhaltens Jugendlicher: So sind Jugendliche zwar an zwei oder mehr Tagen in der Woche körperlich aktiv, jedoch bewegen sich zwei Drittel der Jungen und drei Viertel der Mädchen zu wenig. Ausreichend wäre es, an

fünf oder mehr Tagen in der Woche mindestens 60 Minuten körperlich aktiv zu sein. Rückschlüsse auf Risikoverhaltensweisen Jugendlicher25 ermöglicht das Ergebnis, dass Cannabiskonsum unter den 11- bis 15-jährigen weit verbreitet ist und der Einstieg in das Zigarettenrauchen und Alkoholtrinken sich weiter vor verlagert hat. Knapp die Hälfte der untersuchten Jugendlichen hat Tabak und Alkohol konsumiert und ein Viertel der Neuntklässler bereits Cannabis probiert.26

Im Gegensatz zur Bielefelder Studie ist festzustellen, dass ein großer Teil der Jugendlichen des Surveys über einen relativ guten allgemeinen Gesundheitszustand verfügt.27

Auch um die psychische Gesundheit scheint es auf den ersten Blick gut bestellt zu sein. 80 Prozent geben eine gute psychische Gesundheit an. Vom restlichen Fünftel leidet ein großer Teil an psychosomatischen Beschwerden, also Kopfschmerzen, Rückenschmerzen bis hin zu allgemeinem Unwohlsein. 6 Prozent sind psychisch auffällig, weitere 12,8 Prozent grenzwertig auffällig. Nur 20 Prozent geben eine hohe generalisierte Selbstwirksamkeit an, aber die meisten Befragten berichten von einer relativ hohen Lebenszufriedenheit. Diese steht als Ergebnis der Studie in einem hochsignifikanten Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit.28

Als dritte Komponente wurde das Konzept der sozialen Gesundheit, unter Berücksichtigung unterschiedlicher sozialer Settings wie Familie, Schule und Gleichaltrige untersucht. Demnach gaben 90 Prozent aller Befragten an, sich von Gleichaltrigen akzeptiert und gemocht zu fühlen und keine Probleme zu haben, Freunde zu finden. Auch das Verhältnis zu den Eltern wird positiv eingeschätzt. Das Wohlbefinden im Bereich Schule hingegen ist vom Erleben von Überforderung und Sorgen um die berufliche Zukunft geprägt.29

Diese drei untersuchten Bereiche beeinflussen sich gegenseitig. Zusammenhänge zwischen der körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit ließen sich eindeutig feststellen.30

Diese Zahlen lassen einen Handlungsbedarf erkennen und so soll in den folgenden Kapiteln untersucht werden, ob und wie diesem Problemfeld begegnet werden kann.

3 Gesundheit und Gesundheitsförderung

Ziel dieses Kapitels ist es, jeweils einen für diese Arbeit gültigen Gesundheits- und Gesundheitsförderungsbegriff zu entwickeln. Dazu soll auf verschiedene Dimensionen von Gesundheit eingegangen werden.

3.1 Gesundheit

Vorwegnehmend sei darauf verwiesen, dass es keine allgemein gültige Definition von Gesundheit gibt. Das Adjektiv „gesund“ entstammt den germanischen Begriffen „swend(i)a“ oder „(ga)sund“, was so viel wie „stark, kräftig und geschwind“ meint.31

Den Begriff Gesundheit einer näheren Definition zu unterziehen, gestaltet sich ungleich schwerer. Sie ist wenig wissenschaftlich untersucht worden und es herrscht wenig Klarheit darüber, was Gesundheit ist und wie sie sich entwickelt. Allerdings existiert eine Vielzahl an Vorstellungen über den Bedeutungsgehalt von Gesundheit, die eine einheitliche Begriffserklärung nahezu unmöglich machen. Das findet in der Tatsache Begründung, dass der Gesundheitsbegriff auf Wertentscheidungen beziehungsweise Normen beruht und damit auch werttheoretische Überlegungen Beachtung finden müssen. Aus diesem Grund soll sich über die Ansätze der Medizin, der WHO und dem des Salutogenese-Modells an eine sozialwissenschaftliche Definition angenähert werden.

3.1.1 Der medizinische Ansatz

Die Mehrzahl der Definitionen von Gesundheit im medizinischen Kontext sind negativ bestimmt. Es gibt nur wenige Definitionen von Gesundheit, die den Krankheitsbegriff beinhalten und wenn dies der Fall ist, mutet es fast paradox an: Beispielsweise wird Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit beschrieben und Krankheit als Abweichung von einer Norm, die als Gesundheit definiert wird.32

Die Regel sind Definitionen, die keinen Bezug zu Krankheit herstellen. Als Beispiel sei hier auf Hurrelmann verwiesen, der eine Definition von David Seedhouse anführt:

„So hat zum Beispiel Seedhouse [...] die folgenden Konzepte von Gesundheit aus wissenschaftlichen Theorien heraus interpretiert:

- Gesundheit als ein Idealzustand mit völligem Wohlbefinden ohne jede körperliche, psychische und soziale Störung
- Gesundheit als persönliche Stärke, die auf körperlichen und psychischen Eigenschaften beruht.
- Gesundheit als Leistungsfähigkeit der Erfüllung von gesellschaftlichen Anforderungen.
- Gesundheit als Gebrauchsgut, das hergestellt und in Grenzen auch 'gekauft' werden kann.“33

Der Gesundheitsbegriff wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet; er lässt sich allerdings nicht zu einem Gesamtkonzept verbinden. Um aber auch dem Krankheitsbegriff Rechnung zu tragen stellt Hurrelmann eine Klassifikation von René Dubos vor:

„Dubos [...] hat die biomedizinische Vorstellung mit folgenden Aussagen charakterisiert:

- Jede Krankheit besitzt eine spezifische Ursache.
- Jede Krankheit zeichnet sich durch eine bestimmte Grundschädigung aus, die durch eine Fehlsteuerung bei mechanischen oder biochemischen Abläufen entsteht.
- Jede Krankheit hat äußere Zeichen (Symptome), die von geschulten Professionellen diagnostiziert werden können.
- Jede Krankheit hat vorhersagbare Abläufe, die sich ohne eine medizinische Intervention verschlimmern.“34

Demnach wird Gesundheit als vollständige Abwesenheit von allen vier Merkmalen verstanden. Beide Zustände, Gesundheit wie Krankheit, werden als absolut angesehen.

3.1.2 Der Gesundheitsbegriff nach der WHO

Wegen ihrer umfassenden, ganzheitlichen und positiven Betrachtungsweise und trotz ihres Alters soll die Definition der WHO von 1946 als erstaunlich modernes Gegenkonzept zur medizinischen Auffassung Beachtung finden:

„Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“35

Neben den positiven Ansätzen fällt allerdings der utopische Charakter auf. „Völliges Wohlbefinden“ ist ein Zustand, der wohl kaum erreicht werden kann.

Durch das Wort „Zustand“ bekommt Gesundheit einen statischen Charakter, der jeden möglichen dynamischen Prozess ausschließt. Außerdem wird streng von einer subjektiven Betrachtungsweise von Gesundheit ausgegangen, die jegliche objektivierbaren Daten übergeht. So könnte zum Beispiel. trotz eines subjektiven Wohlbefindens auch eine objektive gesundheitliche Gefährdung vorliegen.

3.1.3 Salutogenese nach Antonovsky

Das Konzept der Salutogenese von Antonovsky soll näherer Betrachtung unterzogen werden, denn seine Anschauungsweise hinsichtlich Gesundheit und Krankheit war erstaunlich anders und kam einem Paradigmenwechsel gleich.

Ausgehend von der Frage, was Menschen trotz Konfrontation mit vielen Gesundheitsrisiken gesundbleiben ließ, entwickelte der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky in den 1970er Jahren an der Ben-Gurion-Universität in Israel das Modell der Salutogenese. Damit unterschied sich seine Herangehensweise maßgeblich von der üblichen pathogenetisch-orientierten Suche nach den Ursachen von Krankheit.36

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Salutogenese nach Antonovsky.37

Dieses Modell lässt sich schematisch wie folgt darstellen und soll im Folgenden erklärt werden:

Mit der Einführung des Gesundheits-Krankheit-Kontinuums verabschiedete sich Antonovsky von der dichtonomen Sicht Gesundheit gegen Krankheit. Danach gibt es keine klare Grenzlinie zwischen Gesundheit und Krankheit, sondern es ist vielmehr von einem Kontinuum mit den beiden Endpunkten Gesundheit und Krankheit auszugehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Das salutogenetische Modell von Antonovsky als Waage.38

Ob ein Mensch auf diesem Kontinuum mehr zu Gesundheit oder mehr zu Krankheit tendiert, ergibt sich aus dem von der Lebenserfahrung beeinflussten Wechselspiel zwischen pathogenen Faktoren (Stressoren) und salutogenetischen Faktoren(Widerstandsressourcen).39

Als Stressforscher ging er davon aus, dass Stressoren der Grund dafür sind, den Menschen in angespannte Zustände zu versetzen. Löst sich dieser Zustand nicht in Entspannung auf, beziehungsweise kann der angespannte Zustand nicht aufgelöst werden, folgt eine Umwandlung in pathogenen Stress. Diese Argumentation würde die höheren Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten der unteren sozialen Schichten erklären: Aus der Chancenlosigkeit in zahlreichen Notlagen folgt eine permanente Einwirkung nachhaltiger Stressoren, die sich nur sehr schwer lösen lassen. Aus dieser Annahme heraus veranlasst, forschte er nach protektiven Faktoren, speziellen Coping-Ressourcen, die schützenden Charakter haben und über die die Person selbst verfügt und die von der Umwelt bereitgestellt werden (personale und äußere Ressourcen).40

Diese nannte er „Generalized Resistance Ressources“ (GRR), also Generalisierte Widerstandsressourcen und „Sense of Coherence“, also Kohärenzsinn. Beide werden in separaten Kapiteln einer näheren Betrachtung unterzogen.

Zusammenfassend ist das Konzept der Salutogenese eine

„...Abkehr vom und in der Kritik zum pathogenetisch orientierten Gesundheitssystem. Dieses Konzept bietet WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen attraktive Ansätze zu Revision veralteter Denkstrukturen über die Beschäftigung mit der Entstehung und Behandlung von Krankheiten. In der Gesundheitsförderung rückt mit Hilfe dieses Modells die Auseinandersetzung mit den protektiven Faktoren, den Ressourcen und Potenzialen des Menschen in das Zentrum des Interesses."41

[...]


1 Hagen Kühn zitiert nach Bauer 2005, S. 11.

2 Vgl. Dolatschek 2002.

3 Vgl. Salzmann 1999.

4 Vgl. Jagenlauf 1994.

5 Sokrates zitiert nach Schumacher 2006.

6 Vgl. Raithel 2004, S. 14.

7 Außer im Jugendarbeitsschutzgesetz, dort ab fünfzehn (§ 2 Abs. 2 JArbSchG).

8 Vgl. § 1 Abs. 2 JGG.

9 Vgl. Kapitel 2.1.

10 Vgl. Franzkowiak 1986, S. 13f.

11 Vgl. Waller 2002, S. 76.

12 Vgl. Raithel 2004, S. 50.

13 Engel / Hurrelmann 1998, S. 9.

14 Vgl. ebd., S. 10.

15 Raithel 2004, S. 102.

16 Vgl. ebd., S. 102 f.

17 Vgl. Brinkhoff 1998, S. 79.

18 Seiffge-Krenke zitiert nach Schirp / Rau 2000, S. 12.

19 Vgl. Raithel 2004, S. 17.

20 Vgl. Engel / Hurrelmann 1998, S. 10.

21 Vgl. Franzkowiak 1986, S. 14.

22 Vgl. Schirp / Rau 2000, S. 12.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Langness / Richter / Hurrelmann 2003, S. 311 f.

25 Vgl. Kapitel 2.1.

26 Vgl. Richter / Settertobulte 2003, S. 99 ff.

27 Vgl. Ravens-Sieberer / Thomas / Erhart 2003, S. 27 ff.

28 Vgl. ebd., S. 41 ff.

29 Vgl. ebd., S. 68 ff.

30 Vgl. ebd., S. 19 ff.

31 Vgl. Dolatschek 2002, S. 44.

32 Vgl. Lorenz / Petzold 2004, S. 31.

33 Hurrelmann 2003, S. 84.

34 Ebd., S. 85.

35 WHO zitiert nach Dolatschek 2002, S. 48.

36 Vgl. Waller 2002, S. 21.

37 Lorenz / Petzold 2004, S. 30.

38 Vgl. Waller 2002, S. 24.

39 Vgl. ebd., S. 22.

40 Vgl. Lorenz / Petzold 2004, S. 27 f.

41 Ebd., S. 31.

Details

Seiten
83
Jahr
2006
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110451
Institution / Hochschule
Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Braunschweig
Note
2
Schlagworte
Kann Erlebnispädagogik Beitrag Gesundheitsförderung

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