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Allgemeine Bedingungsfaktoren von Aggression und des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs von aggressivem Verhalten und der Anwesenheit von Waffen

Diplomarbeit 2005 83 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A) THEORETISCHER TEIL

1 Aggressives Verhalten
1.1 Definition von Aggression
1.1.1 Eingrenzung des Begriffs
1.1.2 Formen aggressiven Verhaltens
1.1.3 Ziele aggressiven Verhaltens
1.2 Erklärungsansätze für die Ursachen aggressiven Verhaltens
1.2.1 Der Todestrieb nach Freud
1.2.2 Der Aggressionstrieb nach Lorenz
1.2.3 Biologische Faktoren
1.2.3.1 Wirkung von Hormonen auf aggressives Verhalten
1.2.3.2 Vererbung aggressiven Verhaltens
1.2.4 Lernen am Modell
1.2.5 Konditionierung
1.2.5.1 Klassische Konditionierung
1.2.5.2 Operante Konditionierung
1.2.6 Soziale Faktoren
1.2.7 Frustration
1.2.8 Aggressive Hinweisreize
1.3 Eigenschaften aggressiven Verhaltens
1.3.1 Entwicklung aggressiven Verhaltens
1.3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede

2 Waffen und Aggression
2.1 Definition von Waffen
2.2 Die Waffe aus anthropologischer Sicht
2.3 Kinder und Waffen
2.2.1 Kontakt von Kindern mit Waffen
2.2.2 Wirkung von Waffen auf Kinder
2.4 Der „Waffeneffekt“ nach Berkowitz und LePage
2.4.1 Einleitung
2.4.2 Verlauf des Experiments
2.4.3 Ergebnisse und Diskussion

B) PRAAKKTTIISSCHHEERR TEIL

Einleitung

1 Methode
1.1 Versuchspersonen
1.2 Versuchsmaterial
1.3 Durchführung
1.4 Ergebnisse
1.4.1 Varianzanalytische Auswertung
1.4.2 Korrelationsstatistische Auswertung
1.5 Erörterung
1.5.1 Anmerkung zum Verfahren
1.5.2 Auswertung der Ergebnisse

2 Relevanz und Schlussfolgerung
2.1 Allgemeine Bedeutung für die Erziehung
2.2 Relevanz für den Umgang mit Waffen in der Erziehung
2.3 Bedeutung für die Religionspädagogik
2.4 Praxisvorschläge

Zusammenfassung

Schlusswort

Literatur

Anhang

Einleitung

Aggression scheint seit Beginn der Menschheit zu existieren und zu einer ihrer größten Bürden zu zählen. Allein wenn man die Geschichte der meisten Länder und Völker betrachtet, so fällt auf, dass zwischen den Menschen immer wieder Auseinandersetzungen in Form von Kriegen entstehen. Diese Manifestierung der Aggression zählt, unter den vielen anderen Formen, wohl zu den Schlimmsten, die man kennt. Wie kommt es aber dazu, dass ein Großteil der Menschen immer wieder in Streit miteinander geraten und nicht friedlich und sachlich miteinander umgehen können? Sind wir, wie Herbert Selg ein Buch betitelte, „Zur Aggression verdammt?“ (Selg, 1971).

Diese Arbeit soll in einem ersten Schritt einen allgemeinen Überblick zum psy- chologischen Themenbereich der Aggression liefern. Dabei wird zunächst der Be- griff Aggression näher betrachtet und definiert, um auf dieser Grundlage die un- terschiedlichen Formen und Ziele aggressiven Verhaltens zu untersuchen. Im An- schluss daran werden wichtige Begründungstheorien betrachtet, die mit unter- schiedlichen Ansätzen die Herkunft dieses Phänomens zu erklären versuchen. Am Ende wird eine kleine Auswahl der Eigenschaften aggressiven Verhaltens aufge- zeigt. Der Aufbau des gesamten Kapitels orientiert sich an den einschlägigen Lehrbüchern von Aronson, Wilson & Akert (2004), Ströbe, Jonas & Hewstone (2002) sowie Zimbardo & Gerrig (1999).

In einem zweiten Schritt wird der Fokus auf die Beziehung von Aggression und Waffen aus psychologischer und ethologischer Sicht gerichtet. In diesem Zu- sammenhang wird auch die Studie von Berkovitz und LePage „Weapons as aggression-eliciting stimuli aus dem Jahre 1967 aufgezeigt, die den Einfluss von Waffen auf das Verhalten untersucht.

Im praktischen Teil wird die Durchführung und Ergebnisse einer eigenen Studie beschrieben. Orientiert am Experiment von Berkowitz und LePage untersucht sie die Einflüsse von Waffen und anderen Faktoren auf aggressives Verhalten. Im Anschluss daran wird die Bedeutung der Ergebnisse im Bezug auf ihre Alltagsre- levanz diskutiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A)THEORETISCHER TEIL

1 Aggressives Verhalten

1.1 Definition von Aggression

1.1.1 Eingrenzung des Begriffs

as ist eigentlich Aggression? Der Aggressionsforscher Leonard Berkowitz be- titelt ein Kapitel zu diesem Thema in einem seiner Bücher „All Too Many Meanings“ (Berkowitz, 1993, S.3) und weist damit auf die vielfältigen Ausle- gungen dieses Begriffs hin. Klassische Definitionen beschreiben Aggression „im Kern als ein Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, jemand anderen direkt oder in- direkt zu schädigen“ (Petermann 1993, S.4). Als Hauptelement dieser Auslegung kann die Schädigungsabsicht betrachtet werden. Auch Berkowitz versteht unter Aggression: „any form of behavior that is intended [ vom Autor hervorgehoben ] to injure someone physically or psychologically” (Berkowitz, 1993, S.3).

Ein zweiter Aspekt, der sich in gängigen Definitionen findet, ist die Beschreibung von Aggression als eine Form von Verhalten (s.o.: „any form of behavior “). Es ist somit nicht nur ein innerer Zustand gemeint, wie beispielsweise eine negative Erregung. In diesem Fall würde man von Ärger sprechen. Ärger, Wut oder auch Hass werden auch als aggressions-affine Emotionen bezeichnet, da sie sich im Umfeld von Aggression wiederfinden und die Möglichkeit einer aggressiven Re- aktion erhöhen (vgl. Selg, Mees & Berg, 1988, S.18f). Aggression selbst beschreibt dagegen immer eine nach außen sichtbare Verhaltensweise.

Weiter geht man in klassischen Definitionen meist von einem gegen Personen gerichteten Verhalten aus (s.o.: „to injure someone “). Gewalt gegenüber leblosen Gegenständen, eventuell sogar gegenüber Tieren, wird demzufolge nicht als Aggression verstanden.1 So kann zum Beispiel auch das enthusiastische Spielen von gewalthaltigen PC-Spielen oder das Schlagen von Puppen nicht als aggressi- ves Verhalten ausgelegt werden.

Baron & Richards (1994) ergänzen die Definition um einen weiteren Aspekt, der das Opfer der Aggression beschreibt. Danach trifft dies nur auf Personen zu, die eine Gewalttat verhindern möchten („who is motivated to avoid such treatment“) (Baron & Richards, 1994; zitiert in: Geen & Donnerstein, 1998, S.1). Es kann da- her nur von einer aggressiven Handlung gesprochen werden, wenn das Opfer diese Aktion wirklich vermeiden möchte. Ein Aspekt, der auch in einer sozialpsy- chologischen Definition angedeutet wird, die darüber hinaus Aggression nicht nur als eine Form von Verhalten abgrenzt: „Eine sozialpsychologische Perspektive thematisiert Aggression nicht als Aktion eines Individuums, sondern als Phä- nomen, das zwischen zwei Personen oder sozialen Einheiten angesiedelt ist, also als Interaktion “ (Löschper, 1988; zitiert in: Dittrich, Dörfler & Schneider, 1996, S.43)

Schließlich ist, nach allgemeinen Definitionen, Aggression darauf ausgerichtet, je- mand anderen (körperlich oder seelisch) zu verletzen oder zu schädigen (s.o.: „to injure someone“).

In der folgenden Arbeit orientiere ich mich an den klassischen Definitionen, wobei ich anmerke, dass manche den Sachverhalt teilweise nicht eindeutig beschreiben können. Meiner Ansicht nach ist die Aussage, dass Aggression nur gegenüber Personen möglich ist, kritisch zu betrachten. So handelt es sich in den erwähnten Beispielen der computeranimierten Figuren und Puppen ja um „Stell- vertreter“ lebendiger Personen, gegen die auf aggressive Weise vorgegangen wird.

Auch die Behauptung des letzten Punktes, dass Aggression den Willen, Schaden zuzufügen, einschließt, scheint mir in manchen Fällen fragwürdig. Wenn ich bei- spielsweise vor Wut eine Vase an die Wand werfe, habe ich nicht unbedingt die Absicht, jemanden zu verletzen, weshalb diese Handlung auch nicht als aggressiv

eingestuft werden würde. Im Gegensatz dazu wäre das Verhalten eines Kampfpi- loten, der auf Befehl die Halterung einer Bombe löst, hochgradig aggressiv. Es ist daher sehr allgemein gehalten, wenn Petermann von „schädigen“ spricht.

1.1.2 Formen aggressiven Verhaltens

Der Begriff „schädigen“ kann genauer durch verschiedene Ausdrucksformen de- finiert werden, die man bei aggressivem Verhalten unterscheiden kann. Vor allem die ersten zwei der folgenden Unterscheidungsformen werden von den meisten Aggressionsforschern und Psychologen anerkannt und verwendet.

So kann man als erstes direkte und indirekte Aggression unterscheiden (vgl. Pe- termann, 1993, S.4f). Die erste der beiden Formen wendet sich unmittelbar gegen die Person bzw. den Auslöser der Aggression. Ein Beispiel dafür wäre als Reakti- on auf eine Beleidigung ein sofortiger Angriff mittels physischer Gewalt. Das Opfer nimmt hierbei die Aggression direkt wahr.

Bei indirekter ist das Opfer nicht direkt von der Aggression betroffen sondern er- fährt diese auf Umwegen. Eine Form dieser indirekten Aggression wäre z. B. Mobbing, weil das Opfer in diesem Fall auf verschiedene, unauffälligere Weise geschädigt werden kann.

Weiter kann zwischen körperlicher und verbaler Aggression unterschieden werden (vgl. Petermann, 1993, S.4f). Körperliche Aggression wäre beispielsweise jede Form physischer Gewalt, die gegen eine Person eingesetzt wird, wie Schlagen, Treten oder der Gebrauch von Waffen. Meiner Ansicht nach fällt kör- perliche Aggression in der Regel immer unter die Kategorie der „direkten Aggression“.2

Verbale Aggression dagegen kann sowohl direkt, z. B. durch Anschreien, als auch indirekt, z. B. durch Verleumdung, artikuliert werden.

Des weiteren ist eine Unterscheidung zwischen nach außen gewandter und nach innen gerichteter Aggression möglich (vgl. Petermann, 1993, S.4f). Erstere schließt alle Formen ein, die bisher besprochen wurden und ein Opfer als Ziel haben. Im zweiten Fall, der nach innen gerichteten Aggression, ist der Aggressor gleichzeitig das Opfer. Darunter fallen Verhaltensweisen wie Gewalt gegen die eigene Person, z.B. sich selbst Haare ausreißen. Möglicherweise kann in diesem Fall auch von Depression gesprochen werden.3

Für die folgende Arbeit sind vor allem die ersten zwei Unterscheidungen von Be- deutung.

1.1.3 Ziele aggressiven Verhaltens

Wie schon in der Definition beschrieben wurde, scheint das vorrangige Ziel der Aggression die Schädigung des Opfers zu sein. Zu Recht fragt jedoch Berkowitz:

„Is injury always the primary goal?“ (Berkowitz, 1993, S.11). Denn hinter dem vorrangigen Ziel der Schädigung steht möglicherweise eine hintergründige Ab- sicht. Eine genaue Unterscheidung ist hierbei zwischen feindseliger Aggression (hostile aggression) und instrumenteller Aggression (instrumental aggression) möglich (vgl. Shaffer, 1999, S.509f).

Die erste Form zielt darauf ab, das Opfer zu schädigen, alleine um der Schädigung willen. Als Beispiel könnte man einen Bruder nennen, der seine Schwester schlägt, nur um sie zum Weinen zu bringen. In diesem Fall hat Aggression auch immer etwas mit „Genugtuung“ zu tun, denn: „the aggressor also gains some pleasure by hurting the victim.“ (Tedeschi & Felson, 1995, S.51). Für den Sach- verhalt der feindlichen Aggression wird ebenso der Begriff der emotionalen Aggression (emotional Aggression; vgl. Berkowitz, 1993, S.25ff) verwendet. Dies weist darauf hin, dass hierbei nicht nur sichtbares Verhalten beschrieben wird, sondern ebenso Emotionen.

Anders zeigt es sich bei instrumenteller Aggression. Hier versucht der Täter durch aggressives Verhalten irgendetwas vom Opfer zu erhalten, wie Gegenstände, Raum, Macht und anderes. Im Beispiel des Geschwisterkonflikts wäre das der Fall, wenn der Bruder die Schwester schlägt, um an ihre Puppe zu gelangen. Im Grunde richtet sich deshalb auch instrumentelle Aggression immer gegen Per- sonen, auch wenn das Ziel des Angriffs ein anderes ist. In vielen Kriegen ist das Motiv der sachbezogenen Aggression zu finden, etwa wenn Völker um die Herr- schaft über Gebiete und Bodenschätze kämpfen.

1.2 Erklärungsansätze für die Gründe aggressiven Verhaltens

Das Phänomen der Aggression wurde vor allem ab Beginn des 20. Jahrhunderts durch verschiedene Ansätze im Bereich der Psychologie, aber auch der Verhal- tensforschung oder der Biologie versucht zu erklären. Im Folgenden werden die bedeutendsten dieser Theorien beschrieben.

1.2.1 Der Todestrieb nach Freud

Sigmund Freud versuchte menschliches Verhalten und psychische Phänomene zum Großteil durch die Existenz von Trieben zu erklären (vgl. Köhler, 2000). Sei- ne Deutung dieser Triebe änderte sich allerdings im Laufe seines Lebens, und er betonte auch immer wieder die Schwierigkeit, sie zu beschreiben: „Die ausgie- bigsten Quellen solch innerer Erregung sind die sogenannten Triebe des Organis- mus, die Repräsentanten aller aus dem Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der psychologischen Forschung.“ (Freud, 1975b, S.244). Ganz allgemein sind diese Triebe also angeborene Quellen, die, im Bezug auf Aggressi- on, fortlaufend aggressive Impulse erzeugen (vgl. Tedeschi & Felson, 1995, S.8).

Zunächst versuchte Freud das Phänomen der Aggression nur als Ergebnis der Un- terdrückung des Sexualtriebes zu erklären. Aggression sei immer dann beobacht- bar, wenn ein Individuum nicht in der Lage ist, sein Sexualverhalten auszuleben (Freud, 1975a; vgl. Köhler, 2000).

Später stellte er in seiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ die Hypothese auf, dass es zwei Triebe innerhalb des Menschen gäbe (Freud, 1975b; vgl. Köhler, 2000). Zum einen den Lebenstrieb, der aus dem Sexualtrieb entsteht (bzw. dieser ist) und Leben weitergeben will. Zum anderen den Todestrieb, der letztlich dahin strebt, das Leben zu zerstören und zu beenden. Diesen Trieben werden auch die Begriffe Eros und Thanatos (Destruktionstrieb) gleichgesetzt, von denen letzterer für Aggression verantwortlich ist. „Solange dieser Trieb als Todestrieb im Inneren wirkt, bleibt er stumm, er stellt sich uns erst, wenn er als Destruktionstrieb nach außen gewendet wird.“ (Freud, 1953, S. 13).

Ein weiteres Phänomen, das für die Erklärung aggressiven Verhaltens von Bedeu- tung ist, wurde von Freud „psychische Energie“ genannt. Die Eigenschaften dieser Energie erklärte er, indem er auf die Gesetze der Physik zurück griff. Er ging davon aus, dass die Triebe uns dazu anregen, psychische Energie auszuleben. Findet diese Energie keine Möglichkeit sich zu entladen, wird sie weiter ange- staut. Dieses Modell wird gerne mit einem Dampfkessel verglichen: „If psychic energy is denied expression because of inhibition or fear, it will further accumu- late, building up pressure like steam in a boiler.“ (Tedeschi & Felson, 1995, S.38). Die gespeicherte Energie, die nicht auf gesellschaftlich-akzeptable Weise abrea- giert werden kann, entlädt sich entweder auf einen Schlag und in inakzeptabler Form, oder führt zu Autoaggression (Depression). Die Form der Entladung, die einer Reinigung des Körpers bzw. des Geistes von psychischer Energie gleich- kommt, nennt Freud Katharsis. Vergleichbar ist dies auch mit der klaren Luft, die nach einem Gewitter entsteht. Demnach wird der Mensch durch die Befriedigung der Triebe bzw. des Destruktionstriebes, ausgeglichen. Diese Theorie wurde von Freud auch in Form der Katharsistherapie angewendet, um die oben be- schriebenen Spannungen abzubauen und eine Auslebung der Aggression auf un- erwünschte Weise zu vermeiden.

Im Bezug auf seine Theorien gibt Freud selbstkritisch zu: „Ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube.“ (Freud, 1975b, S.267). So zeigte sich auch durch spätere Untersuchungen, dass beispielsweise die Katharsishypothese nicht haltbar war.

Man erkannte, „dass Therapien, die eine Person zum Ausdruck oder Ausagieren aggressiver Gefühle ermutigen, damit sie eine Katharsis erlebt, eine entgegenge- setzte Wirkung haben können.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S.340).

Da die Behauptungen über die Triebe „Eros“ und „Thanatos“ nicht sehr deutlich abgegrenzt sind und die Theorie der Katharsis zum Teil widerlegt werden konnte, wird den Konzepten Freuds im Hinblick auf die Aggression nur „wenig wissen- schaftlicher Nutzen bei der Vorhersage oder Kontrolle des Verhaltens beige- messen.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S.335). Dass sie jedoch wichtige Anstöße für die psychologische Forschung gaben, wird darin offensichtlich, dass sie später den Anreiz zur Frustration-Aggression Hypothese gaben, die noch in Freuds Todesjahr 1939 von Psychologen entwickelt wurde.

1.2.2 Der Aggressionstrieb nach Lorenz

Der Ethologe Konrad Lorenz vertrat die Theorie, dass die Aggression des Men- schen das biologische Erbe seiner animalischen Herkunft sei (Lorenz, 1963; vgl. Zimbardo & Gerrig, 1999, S.335). Dabei definierte er Aggression als den „ auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch.“ (Lorenz, 1963, S.IX). Durch seine umfangreichen Beobachtungen der Verhaltensweisen von Tieren erfasste er unterschiedlichste Formen und Ziele von Aggression. Dabei hatte er erkannt, dass Aggression eine wichtige Rolle in der Weiterentwicklung einer Rasse spielt: „In Wirklichkeit ist der ,Kampf’, an den Darwin dachte, und der die Evolution vorwärts treibt, in erster Linie die Konkurrenz zwischen Nah- verwandten.“ (Lorenz, 1963, S.37). Mit Blick auf die Evolution liegt also eine der Funktionen von aggressivem Verhalten darin, dass sich durch Rivalitätskämpfe das „bessere“ Individuum einer Spezies fortpflanzt. Bei diesen Kämpfen wird, wie Lorenz betont, der andere so gut wie nie getötet, da dies nicht Sinn und Zweck des Verhaltens ist. Meist signalisiert der Schwächere rechtzeitig durch ein „Ritual“ seine Unterwürfigkeit und wird in Frieden gelassen. Ein weiterer Zweck, den sol- che Kämpfe erfüllen, ist die Garantie, dass nur der oder die Stärkere später auch in Frage kommt, auf die Brut aufzupassen und Feinde abzuwehren. Außerdem dient Aggression in der Natur dazu, Tiere auf verschiedene Reviere zu verteilen, um die ahrungsquellen nicht zu erschöpfen und nicht zu letzt resultiert aus einer klaren Rangordnung, die durch Aggression innerhalb einer Art entsteht, auch eine Orientierung für Rudeltiere, die Kämpfe reduziert. Als vorrangigster Zweck der Aggression wurde von Lorenz allerdings nach wie vor der Antrieb der Evolution durch Selektion gesehen.

All diese Beobachtungen bezog Lorenz auf die Verhaltensweise des Menschen:

„Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die bösen Auswirkungen der menschlichen Aggressionstriebe, für deren Erklärung Sigmund Freud einen besonderen Tode- strieb annahm, ganz einfach darauf beruhen, dass die intra-spezifische Selektion dem Menschen in grauer Vorzeit ein Maß von Aggressionstrieb angezüchtet hat, für das er in seiner heutigen Gesellschaftsordnung kein adäquates Ventil findet.“ (Lorenz, 1963, S.341). Das Problem ist demnach, dass der Mensch nach wie vor einen Aggressionstrieb besitzt, eine spontane innere Bereitschaft zum Kampf, je- doch die Mittel der Ritualisierung verloren hat bzw. diese durch Kultur ersetzen musste. Solche Rituale sind aber nach wie vor wichtig, da „den durch Ritualisati- on entstandenen Trieben sehr häufig die Rolle zukommt, [...] gegen die Aggressi- on zu opponieren, sie in unschädliche Kanäle abzuleiten und ihre arterhaltungs- schädlichen Wirkungen zu bremsen.“ (Lorenz, 1963, S.103). Aggressionstriebe können oder müssen sogar deshalb durch einen Vorgang der Katharsis ausgelebt werden. Als eine Form der akzeptablen Katharsis nennt Lorenz den Sport, bei dem aufgestaute Aggression entladen wird (vgl. Selg et al., 1988, S.149).

So logisch sich die Hypothese auch anhört, es gibt „keine überzeugenden Beweise für die Richtigkeit der ethologischen Aggressionstheorie im Sinne von Lorenz“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S.335). Ebenfalls gibt es eine Reihe von Gegenargu- menten (vgl. Selg, 1971, S.49ff), welche die Theorie in dieser Form fragwürdig erscheinen lassen. Vor allem wurde der Vorgang der Katharsis, wie oben erwähnt, mehrfach widerlegt. Ferner weist die Triebtheorie von ihrer Struktur her schon Mängel auf: „Im Grunde leiden alle Trieb- oder Instinktlehren daran, dass sie Verhalten nur benennen, aber nicht erklären.“ (Selg, 1971, S.49).

Dennoch ist die Theorie von Bedeutung, weil sie wichtige Fragen aufwirft. Da der Mensch einige Reflexe und „Instinkte“ aus seiner Vergangenheit beibehalten hat, könnte durchaus auch die Aggression in ihrem Kern auch noch etwas Instinktives an sich haben, das wir manchmal nicht kontrollieren können. Denn wie man er- kennen kann, hat der Mensch eine angeborene Tendenz, auf bestimmte provo- kante Reize mit einem „Gegenangriff“ zu reagieren (vgl. Berkowitz, 1993, S.25ff). Weiter lieferte die Theorie von Lorenz einige Denkanstöße im Bezug auf die Tötungshemmung, die im zweiten Teil der Arbeit ausführlich thematisiert wird.

1.2.3 Biologische Faktoren

Neben den Trieben, die der Mensch nach den oben genannten Theorien in sich trägt, können Ursachen aggressiven Verhaltens ebenso in der Biologie des menschlichen Körpers begründet liegen.

1.2.3.1 Wirkung von Hormonen auf aggressives Verhalten

Bei der Beobachtung von Tieren und Menschen kann festgestellt werden, dass vor allem das männliche Geschlecht im Allgemeinen das Aggressivere ist. Versuche haben gezeigt, dass vor allem das männliche Hormon Testosteron bei Tieren zu einer Änderung des Verhaltens führt: „Research has shown that steroids, like na- tural levels of testosterone, increase the aggressiveness of infrahuman animals“ (Tedeschi & Felson, 1995, S.27). Man könnte auf Grund dieser Tatsache davon ausgehen, dass eine ähnliche Wirkung auch beim Menschen zutrifft, und das Maß der Ausschüttung an Testosteron in gleicher Weise auch den Umfang aggressiven Verhaltens beeinflusst.

Es wurde in diesem Kontext eine Studie unter Sträflingen vorgenommen, das den Testosteronwert der Gefangenen und ihr Verhalten überprüfte (Kreuz & Rose, 1972; zitiert in: Tedeschi & Felson, 1995, S.27). Das Ergebnis stellte er- staunlicherweise folgendes fest: „No relationship was established between levels of testosterone, frequency of fighting, verbal aggression, […] .” (Tedeschi & Fel- son, 1995, S.27). Der direkte Zusammenhang zwischen Hormonen und Aggression konnte auch in weiteren Analysen nicht eindeutig geklärt werden. Andere Un- tersuchungen an Häftlingen kamen nämlich zu einem gegenteiligen Ergebnis als oben beschrieben (Dabbs, Carr, Frady, & Riad; zitiert in: Tedeschi & Felson, 1995, S.27). Auch Kreuz & Rose stießen innerhalb ihrer Gefängnisstudie auf widersprüchliche Befunde. Sie entdeckten neben dem geschilderten Ergebnis ebenfalls, dass Gefangene mit einer höheren Menge an Testosteron im Blut eine kriminellere Vergangenheit hatten, als Gefangene mit niedrigeren Mengen (Kreuz & Rose, 1972; zitiert in: Tedeschi & Felson, 1995, S.27).

Um den Zusammenhang von Testosteron und Aggression genauer erklären zu können, beschäftigten sich Psychologen mit der Ausschüttung von Hormonen, die bei sportlichen Auseinandersetzungen bzw. Wettkämpfen freigesetzt werden (vgl. Robbins, 2000, S.34ff). Dabei wurde gezeigt, dass in der Regel der Hormon- spiegel während eines Wettkampfes anstieg. Interessanterweise hing dieses Resultat nicht unbedingt von der Intensität der Bewegung ab. Es wurde nämlich auch eine Untersuchung an Personen durchgeführt, die einen Gegner lediglich durch das schnelle Drücken eines Knopfes „besiegen“ konnten. „The results showed that the testosterone levels of the subjects rose during the competition, which indicates that competition in men need not be physical nor even involve ex- ertion to raise testosterone levels.” (Robbins, 2000, S.35). Außerdem konnte in diesem Versuch ein Unterschied zwischen Sieger und Verlierer entdeckt werden:

„Testosterone levels were higher in winners than losers for a period of time.“ (Robbins, 2000, S.35).

Auch wenn die Situation des Wettkampfes nicht eins zu eins mit aggressivem Verhalten verglichen werden kann, wirft diese Untersuchung dennoch Fragen auf: Wird Testosteron erst zu bestimmten Reaktionen ausgeschüttet, oder dient es tat- sächlich als Botenstoff, der ein Verhalten auslöst? Kann Aggression als Ursache für die Ausschüttung von Testosteron gesehen werden, oder ist es das Testosteron, das die Intensität der Aggression steigert? Dies sind Fragen, die noch nicht eindeutig geklärt werden konnten.

Neuere Forschungen untersuchen darüber hinaus den Zusammenhang von Sero- tonin und Aggression (z. B. Davidson, Putman & Larson, 2000; zitiert in: Aron- son et al., 2004, S.444). So scheint dieser Botenstoff einen hemmenden Einfluss auf impulsive Aggression zu haben, was bei Tierversuchen festgestellt werden konnte. Weitere Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, dass beispielsweise auch Gewaltverbrecher besonders wenig Serotonin produzieren. Aus diesem Resultat folgerte man: „Zu wenig Serotonin kann zu einer Zunahme von Aggression führen.“ (Aronson et al., 2004, S.445).

Viele Vorgänge des menschlichen Körpers sind jedoch nach wie vor zu komplex, um alle Abläufe eindeutig auf einander beziehen zu können. Gerade die Funktion vieler Botenstoffe kann noch nicht eindeutig bewiesen werden, weshalb ab- schließend zu sagen ist: „The impact of biochemical factors on human emotions and behavior is not precisely known at the present time.“( Tedeschi & Felson, 1995, S.30).

Dass ein Zusammenhang zwischen Hormonen und aggressivem Verhalten be- steht, scheint sich in den Fällen von Testosteron und Serotonin bestätigt zu haben. Dabei konnte allerdings nicht endgültig geklärt werden, in welchem Verhältnis beide Faktoren einander beeinflussen.

1.2.3.2 Vererbung aggressiven Verhaltens

Da durch die Übertragung der Gene nicht nur Äußerlichkeiten an die nächste Generation weitergegeben werden, sondern auch Eigenschaften wie Tempe- rament, Fähigkeiten oder Intelligenz, ist anzunehmen, dass auch die Neigung zu aggressivem Verhalten teilweise genetisch bedingt ist. Eine Studie berichtete in diesem Zusammenhang beispielsweise, dass 40% von verhaltensgestörten (aggressiven) Kindern einen leiblichen Vater mit ebenfalls aggressivem Verhalten hatten (Petermann; in Oerter & Montada, 1995, S.1017). Um diesen komplexen Sachverhalt zu untersuchen, reicht jedoch allein die Beobachtung von aggressiven Eltern und deren Kindern nicht aus. Denn Eltern üben auf ihre Kinder ebenso eine Modellfunktion aus, indem ihr Verhalten von ihren Kindern nachgeahmt wird (siehe Punkt 1.2.4). In diesem Fall könnte man das aggressive Verhalten, wie je- des andere Verhalten auch, lerntheoretisch erklären.

Es wurden daher Untersuchungen an Zwillingen im Bezug auf die Analogie ihres Verhaltens durchgeführt (vgl. Tedeschi & Felson, 1995, S.21ff). Monozygote (ein- eiige) Zwillinge stammen aus derselben Eizelle und besitzen 100% identisches Erbgut, während dizygote (zweieiige) Zwillinge 50% des Erbguts teilen. Aus diesem Grund müssten sich monozygote Zwillinge neben dem Aussehen auch in ihren Verhaltensweisen gleichen. Durch die Erforschung des Verhaltens von ein- eiigen und zweieiigen Zwillingen bestätigte sich tatsächlich eine höhere Überein- stimmung des aggressiven Verhaltens bei monozygoten als bei dizygoten Zwillingen.

Nach wie vor könnte jedoch Erziehung eine entscheidende Rolle bei der Ausprä- gung aggressiven Verhaltens spielen. Aus diesem Grund führte man auch Studien bei Zwillingen durch, die bei Adoptiveltern aufwuchsen. Sollten die Zwillinge in ihrem Verhalten den Adoptiveltern ähnlicher werden, würde dies dafür sprechen, dass Erziehung der entscheidende Faktor für den Erwerb aggressiven Verhaltens ist. Ist dagegen nach wie vor das Verhalten der genetischen Eltern zu erkennen, so scheint die Ursache in den Genen zu liegen. Sollten darüber hinaus die Geschwis- ter getrennt von einander bei unterschiedlichen Adoptiveltern aufwachsen, müsste ebenfalls die Verhaltensähnlichkeit bei monzygoten Zwillingen höher sein bei di- zygoten. Und tatsächlich konnte bei getrennt aufgewachsenen, eineiigen Zwillingen eine hohe Übereinstimmung in den Verhaltensweisen entdeckt werden, auch im Bezug auf Aggressivität.

Man kann demnach davon ausgehen, dass die Tendenz zu aggressivem Verhalten durchaus vererbt werden kann. Dennoch: „Genes do not cause behavior, so how could genes affect aggression?“ (Tedeschi & Felson, 1995, S.23). In welcher Weise Gene Aggression beeinflussen, konnte in diesem Fall noch nicht eindeutig bewiesen werden. Auch hier wurden bisher lediglich Zusammenhänge zwischen den Verhaltensweisen festgestellt.

1.2.4 Lernen am Modell

Der Mensch ist, um sich voll zu entwickeln, darauf angewiesen, das Verhalten von Modellen nachzuahmen. Erste Verhaltensweisen eines Babys sind zwar noch reflexartig, doch erfolgt beispielsweise der Spracherwerb durch die Nachahmung von Modellen (Bandura, 1979; vgl. Zimbardo & Gerrig, 1999, S.232ff). Das Ler- nen von Beispielen ist sehr wichtig, da wir aus vielen Gründen nicht alle Erfah- rungen selbst sammeln können. Durch die soziale Lerntheorie, deren bekannter Vertreter Albert Bandura ist, lässt sich auch die Entstehung von aggressivem Verhalten auf eine sehr plausible Weise erklären: „Aggressives Verhalten wird im Wesentlichen über dieselben Prozesse erlernt, die auch den Erwerb jeder anderen Verhaltensform regulieren.“ (Bandura, 1979, S.85). Aus diesem Grund wird im folgenden kurz auf die Eigenschaften der sozialen Lerntheorie eingegangen. Bandura geht davon aus, dass die Modellierungsphänomene durch vier in Wechselwirkung stehende Subprozesse bedingt werden. Erst wenn diese Subpro- zesse beim Lernenden ablaufen bzw. vorhanden sind, ist Lernen möglich (Bandu- ra, 1976, S.24ff).

Der Aufmerksamkeitsprozess läuft ab, wenn das Modell bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird und sich von anderen Modellen abhebt. So können bei- spielsweise heutige Idole der Jugend erst dann zum Vorbild werden, wenn sie in den Medien stark genug präsentiert werden.

Der Gedächtnisprozess, den Bandura beschreibt, bedeutet, dass der Lernende Verhaltensweisen abspeichert, um sie später wiedergeben zu können. Dabei ist es auch möglich Informationen über einen sehr langen Zeitraum zu speichern, die beispielsweise erst in einem späteren Lebensabschnitt zum tragen kommen. Bei- spielsweise könnten bei einer Person die Erziehungsstile der Eltern später bei der Erziehung der eigenen Kinder als Vorbild dienen.

In den motorischen Reproduktionsprozessen folgt schließlich das Individuum bei seiner Nachahmung einem vorgefertigten Muster. Dabei muss er zu deren Repro- duktion auch die vorhandenen körperlichen, geistigen oder emotionalen Fähigkei- ten besitzen. Bin ich dazu nicht in der Lage, werde ich das Modell auch nicht imi- tieren können.

Als letztes sind Verstärkungs- und Motivationsprozesse für die Imitation von Verhaltensweisen ausschlaggebend, was vor allem daran sichtbar wird, dass ein starker Unterschied zwischen dem Lernen und Ausführen eines Verhaltens be- steht. Durch eine stellvertretende Belohnung oder Bestrafung des Modells wird beispielsweise die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung eines Verhaltens ent- sprechend höher oder niedriger. Wird das Modell belohnt, so ist auch der Anreiz des Beobachters größer, das Verhalten zu imitieren.

Bandura behauptet mit seiner These, dass sowohl motorische wie auch kognitive und affektive Schemata durch Modelle erlernt werden können und damit ein ge- waltiges Spektrum unserer Verhaltensweisen ihren Ursprung im Verhalten anderer haben.

Um aufzuzeigen, dass auch Aggressionen über Modelle erlernt werden können, führte Bandura unter anderem ein Experiment mit Kindern und einer Puppe (der sogenannten „bobo doll“) durch (Bandura, Ross & Ross, 1961, zitiert in: Bandura, 1979, S.89). Dabei wurde den Kindern gezeigt, wie Erwachsene eine aufblasbare Clownpuppe schlugen und traten. Als die Kinder danach mit der Puppe konfron- tiert wurden, handelten viele in ähnlicher Weise aggressiv.4 Kinder, die dagegen kein Vorbild beobachtet hatten, zeigten weniger aggressives Verhalten. Erstaun- lich war auch, dass Kinder mit einem aggressiven Modell noch mehr verschie- dene aggressive Verhaltensweisen zeigten als das Modell. So warfen sie sich bei- spielsweise auf die bobo doll oder bewarfen sie. Das Verhalten der Modelle wurde also nicht nur nachgeahmt, sondern zusätzlich wurden andere aggressive Verhaltensweisen enthemmt (Bandura, 1979, S.92).

Ebenso konnten Verstärkungs- und Motivationsprozesse entdeckt werden. So zeigte sich, dass die Nachahmung der negativer Modelle stärker stattfand, wenn das Modell für ihre Verhaltensweise belohnt wurde. Es wurde hauptsächlich deshalb nachgeahmt, um ebenfalls eine Belohnung zu erhalten (Bandura, 1979, S.226ff).

Bandura zeigte damit, dass auch Aggression durch ein Lernen am Modell erwor- ben werden kann, und so den allgemeinen Gesetzten der sozialen Lerntheorie un- terliegt, wie man sie heute kennt:

„Das beobachtete Verhalten eines Modells wird dann den stärksten Einfluss haben,

wenn beobachtet wird, dass das Modell verstärkt wird,

wenn das Modell als positiv wahrgenommen wird, d.h. wenn es beliebt ist und re- spektiert wird,

wenn der Beobachter Ähnlichkeit zwischen sich und dem Modell wahrnimmt,

wenn verstärkt wird, dass der Beobachter dem Modell Aufmerksamkeit schenkt, wenn das Verhalten des Modells sichtbar und auffällig ist - , d.h. wenn es sich klar vor dem Hintergrund konkurrierender Modelle abhebt, und wenn die vorhandene Kompetenz des Beobachters ausreicht, um das Verhalten nachzuahmen.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S.233).

Der Einfluss von Modellen auf das aggressive Verhalten haben, ist demnach eindeutig. Gerade im Bereich der Medien, vor allem der Gewaltdarstellungen in Film, Fernsehen und PC, scheint es eine Schwemme von Aggressionsvorbildern zu geben. Hier ist die Frage, wie stark der Mensch von diesen Modellen be- einflusst wird. Meiner Ansicht nach hat es den Anschein, dass vor allem Kinder weitaus unbewusster bzw. unreflektierter lernen und nachahmen, wogegen Erwachse in der Regel besser zwischen Lernen und Ausführen differenzieren können. Dennoch belegt eine Studie, dass Modelle auch von Erwachsenen unbe- wusst nachgeahmt werden. Die Untersuchung wurde in den USA durchgeführt und erforschte den Zusammenhang zwischen Fernsehgewalt und Mordraten (Phil- lips, 1983, 1985). Es stellte sich heraus, dass unmittelbar nach der Ausstrahlung eines Schwergewichts-Boxkampfes die Mordrate in den Sendegebieten anstieg. Die Theorie, dass die Fernsehgewalt direkten Einfluss auf das Verhalten der Bürger hatte, konnte durch die Feststellung untermauert werden, dass die Gewalt direkt proportional zu der Zuschauerzahl des Boxkampfes anstieg. Ebenso konnte ein Unterschied im Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit erkannt werden. Verlor ein weißer Boxer, stiegen die Morde an der schwarzen Bevölkerung. Umgekehrt war es, wenn ein schwarzer Boxer gewann.

Auch wenn diese Untersuchungen „lediglich“ Zusammenhänge feststellte, ist es schwer von der Hand zu weisen, dass mediale Gewalt eine starke Modellfunktion ausübt und auch Erwachsene beeinflusst. Auch andere Experimente (Baron, 1971; Epstein, 1966; zitiert in: Ströbe et al., 2002, S.363) belegten, dass eine Modellper- son den Abbau von Hemmungen in Bezug auf Aggression bewirken kann. Somit ist der Erwerb von aggressivem Verhalten für Erwachsene wie für Kinder möglich, wenn ich auch davon ausgehe, dass dies nicht in der gleichen Intensität stattfindet.

1.2.5 Konditionierung

achdem sich gezeigt hat, dass sich die soziale Lerntheorie zur Erklärung von Aggression verwenden lässt, werden nun im Bereich der Lerntheorien die beiden Strukturen des klassischen und operanten Konditionierens betrachtet.

1.2.5.1 Klassische Konditionierung

Der russische Physiologe Iwan Pawlow entdeckte durch Zufall die grundsätzli- chen Regeln der Lerntheorie des klassischen Konditionierens (Pawlow, 1927; vgl. Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 208f). Durch Tests an Hunden zur Erforschung des Verdauungsvorgangs erkannte er, dass der Hund zunächst nur beim Fressen ver- schiedene Verdauungsprozesse zeigte, später jedoch schon beim Anblick der Fut- terverpackung oder der Person, die das Futter brachte, speichelte und Magensäfte produzierte. Anfangs nichtssagende Reize wurden damit plötzlich zum Symbol für etwas, das nun Reaktionen hervorrief. Pawlow stellte aufbauend auf solchen Beobachtungen die Regeln des klassischen Konditionierens auf: Wird ein neutra- ler Reiz (neutral stimulus = NS) im Zusammenhang mit einem unkonditionierten Reiz (unconditioned stimulus = UCS) dargeboten, führt dies zunächst zu der un- konditionierten Reaktion (unconditioned reaction = UCR), die vom UCS ausge- löst wird. Durch die Konditionierung wird nach mehrfacher Wiederholung der NS zum konditionierten Signal (conditioned stimulus= CS) und führt zur selben Re- aktion (conditioned reaction = CR) wie der UCS. Konditionierung ist also in diesem Fall die Koppelung von beliebigen Reizen (Töne, Bilder, etc.) mit einer erwünschten Reaktion.

Nach dieser Theorie ließe sich zwar nicht erklären, auf welche Art aggressives Verhalten erlernt wird, allerdings könnte es möglich sein, dass es Objekte oder Personen gibt, die Aggression auf die oben erwähnte Weise auslösen. In diesem Zusammenhang ist vor allem das Experiment von Berkowitz (Berkowitz & Le- Page, 1967) zu erwähnen, das später noch ausführlich besprochen wird. Hierbei wurde behauptet, dass beispielsweise Schusswaffen zu einem auslösenden Reiz für Aggression werden können. „According to Berkowitz, the sight of the weapons enticed associated ideas, images, and emotional reactions learned by subjects in the past.” (Tedeschi & Felson, 1995, S.94). Die aggressive Funktion der Waffe wurde somit zum Auslöser für Aggression selbst. Im zweiten Kapitel wird ausführlich auf diesen Versuch im Zusammenhang mit dem klassischen Konditionieren eingegangen.

1.2.5.2 Operante Konditionierung

Die Grundlagen des operanten Konditionierens wurden erstmals von Edward Thorndike entdeckt (Thorndike, 1913; vgl. Zimbardo & Gerrig, 1999, S.218f). Auch er gelangte durch die Beobachtung von Tieren zu seiner Theorie. Um Lern- prozesse bei Katzen zu untersuchen, sperrte er diese in Kisten („puzzle boxes“), aus denen sie nur kamen, wenn sie eine gewisse Aufgabe gelöst hatten (z. B. das Drücken eines Hebels). Beim ersten Mal dauerte es eine gewisse Zeit, bis die Katze den Mechanismus für die Öffnung der Kiste gefunden hatte. Je öfter das Experiment aber wiederholt wurde, desto schneller fand die Katze den Hebel, bis sie schließlich sofort, nachdem sie in den Käfig gesetzt wurde, automatisch den Hebel drückte.

Mit Pawlows Theorie könnte man behaupten, die Kiste wurde zum Reiz für das Drücken des Hebels. Throndike erklärte sich aus der Beobachtung aber, dass Konsequenzen einen entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg haben (the law of effect).

Seine Entdeckung wurde von Skinner weiterentwickelt, der darauf aufbauend die Regeln des operanten Konditionierens bildete (Skinner, 1938; vgl. Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 218ff). Demnach gibt es vier Konsequenzen, die das Lernen des „Schülers“ beeinflussen. Diese Konsequenzen sind: Die positive Verstärkung, die negative Verstärkung, die positive Bestrafung und die negative Bestrafung.

Eine Verstärkung hat ganz allgemein die Absicht, die Auftretenswahrscheinlich- keit einer Reaktion des Schülers zu erhöhen. Positiv ist der Verstärker dann, wenn der Lernende etwas als Belohnung erhält, um das Verhalten öfters zu zeigen. Ne- gativ ist die Verstärkung, wenn eine Unannehmlichkeit vom Schüler entfernt wird, und daraufhin die gewünschte Reaktion häufiger auftritt. In den meisten Fäl- len kann man Verstärkung auch mit Belohnung gleichsetzten. Im Falle des Schul- unterrichts gibt der Lehrer also etwas Gutes, z. B. Lob und Anerkennung, um das Verhalten positiv zu verstärken und im zweiten Fall entfernt bzw. mildert er etwas Negatives, z. B. reduziert er die Hausaufgaben und verstärkt dadurch negativ.

Im Falle der Bestrafung verhält es sich genau umgekehrt, weil dadurch ein Verhalten weniger häufig auftreten soll: Bei positiver Bestrafung erlebt der Ler- nende Unannehmlichkeiten, indem er etwas Unangenehmes erhält, wie z.B. Schläge oder Strafaufgaben. Bei negativer Bestrafung dagegen werden angenehme Dinge entzogen, um die unerwünschte Verhaltensweise zu vermindern oder aufzuheben, z.B. durch Freizeitentzug.

Ross & Petermann formulierten in diesem Zusammenhang eine etwas abge- wandelte Definitionen von rei Verstärkungsprinzipien, mit speziellem Blick auf das Erlernen von Aggression bei Kindern:

„(1) Eine positive Verstärkung aggressiven Verhaltens liegt vor, wenn man mit Aggression ein Ziel erreicht. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass z.B. ein Kind durch seine Aggression (schreien, treten, beißen u.ä.) einen gewünschten Gegenstand erhält. [...] .
(2) Eine negative Verstärkung hält dann aggressives Verhalten aufrecht, wenn ein Kind ein bedrohliches Ereignis oder einen ihm unangenehmen Zustand erfolg- reich durch aggressives Verhalten verringern oder beseitigen kann. [...] .
(3) Die Duldung aggressiven Verhaltens durch Eltern, Lehrer und andere Erwachsene wirkt auf Kinder verstärkend, da sie aus dieser Haltung eine still- schweigende Zustimmung gegenüber Aggression ableiten.“ (Petermann, 1993, S.5f).

Brown & Elliot bestätigten in einem Versuch, dass die Theorie des Verstärkungs- lernens auch im Bezug auf Aggression funktioniert. Dabei wurden drei bis vier Jahre alte Kinder beim freien Spiel beobachtet und beeinflusst (Brown & Elliot, 1965; zitiert in: Tedeschi & Felson, 1995, S.95). Die Erzieher lobten während eines Zeitraums von mehreren Wochen kooperatives und friedliches Verhalten, während sie aggressives Verhalten ignorierten. „Results indicated that the rein- forcement of cooperative and peaceful behavior produced a dramatic, immediate decrease in both physical and verbal forms of aggressive behavior.” (Tedeschi & Felson, 1995, S.95).

[...]


1 Manche Definitionen sprechen daher allgemein von Lebewesen (z. B. Baron & Richardson, 1994; zitiert in: Geen & Donnerstein, 1998, S.1).

2 Anders beschreiben es Bushman und Anderson (zitiert in Geen & Donnerstein, 1998), die unter „physical aggression“ auch beispielsweise indirekte Angriffe auf den Besitz sehen, wie Diebstahl.

3 Freud bezeichnete Depression als eine Form nach innen gerichteter Aggression.

4 Meiner Einschätzung nach handelt es sich hierbei nicht um eine eindeutige Form der Aggression, da in Punkt 1.1. erwähnt wurde, dass sich Aggression nur auf Lebewesen bezieht.

Details

Seiten
83
Jahr
2005
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110562
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
Gründe Verhaltens Untersuchung Bedingungsfaktoren Aggression Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs Verhalten Anwesenheit Waffen

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Titel: Allgemeine Bedingungsfaktoren von Aggression und  des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs von aggressivem Verhalten und der Anwesenheit von Waffen