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Arbeit und Behinderung im Zeitalter ökonomischer Globalisierung: Chancen und Hürden

Essay 2006 12 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Über den Autor

Da ich selbst vor 15 Jahren durch einen Unfall erblindet bin, hat mich dieses Thema persönlich sehr interessiert. In Jahre 2002 habe ich als erster blinder Student in der BRD das BWL Studium an einer Berufsakademie abgeschlossen. Nach einem Post-Graduate Semester an der Wharton Business School habe ich mehr als 1000 erfolglose Bewerbungen geschrieben. Ich stellte erhebliche Skepsis meiner Behinderung gegenüber fest.

In Jahr 2004 nahm ich mein Masters Studium „Masters of Social Science in Globalization“ in Freiburg auf. Der Studiengang sieht ein Semester in Durban, Südafrika und ein weiteres Semester in New Delhi, Indien, vor. Im März d. J. habe ich das Studium erfolgreich abgeschlossen. Ich konnte mich auf die Energieversorgung von Entwicklungsländern spezialisieren und arbeite als Consultant für die World Bank, Washington, sowie die Gesellschaft Für Technische Zusammenarbeit GTZ, Frankfurt.

Das Thema

Laut Bundesagentur für Arbeit waren unter der „Randgruppe“ der Behinderten in der BRD 48% als nicht erwerbstätig gemeldet. Im Gegensatz sind lediglich 18% der nicht-behinderten Mehrheit nicht erwerbstätig[1]. Ist für diesen gesellschaftlichen Missstand das oft verpönte Schreckgespenst „Globalisierung“ verantwortlich? Die Antwort liegt im Dunkeln. Denn all zu selten wird das Spannungsfeld der Dreiecksbeziehung aus dem Faktor menschliche Arbeit, Behinderung und Globalisierung verdeutlicht. Die Ausgangsbasis bildet die Kausalität, beruhend auf der durch die obig zahlenmäßig bestätigten Annnahme, das Menschen mit Behinderung in der BRD mangelhaft in das Erwerbsleben integriert sind. Ziel einer solchen Analyse ist es, ein tragfähiges Gesellschaftsmodell bzw. Leitbild aufzuzeigen. Die kulturelle Globalisierung soll in diesem Diskurs als eine Chance für ein Gesellschaftsmodell zur Integration von behinderten Menschen gesehen werden – und damit auch die positiven Handlungsoptionen aufgezeigt werden.

Definitionen

1. Als Faktor menschliche Arbeit soll hier das Verständnis von einkommensschaffender Tätigkeit zugrunde gelegt werden.
2. Im folgenden Diskussionskontext wird der Begriff Behinderung, auf ein sichtbares körperliches Defizit der Einfachheit halber reduziert. Beispielsweise zählen hierzu Einschränkungen der Gliedmaßen, Hörschwäche oder Gehörlosigkeit, Blindheit oder Sehbehinderung, etc. Dieser Fakt ist von zentraler Bedeutung für die Notwendigkeit dieser Grundsatzdiskussion: Als behindert gelten nach allgemeinen statistischem Verständnis auch diejenigen Menschen die durch Krankheit eingeschränkt sind, z. B. Diabetes, Herzinfarktpatienten, und sogar Kreuzbandrisse. Im letzteren wird eine Schwerbehinderung vom Gesetzgeber anerkannt, aber nach Heilung der Verletzung nicht mehr aberkannt. Die hier vorgenommene Fokussierung auf sichtbare Schwerbehinderungen ist aus folgendem Grund gewollt: z. B. ist die Arbeitslosenzahl mit über 70% der erwerbsfähigen blinden und stark sehbehinderten Mitmenschen extrem hoch! Dies wurde vom Deutschen Verband Blinder und Sehbehinderter Menschen in Studium und Beruf (DVBS) in 2005 festgestellt. gleichermaßen hoch schätzt der Deutsche Gehörlosen Bund (DGB) die Arbeitslosigkeit ein, für Hörgeschädigte die auf eine Gebärdensprache angewiesen sind.
3. Der komplexe Begriff Globalisierung wird hier in mehreren Dimensionen verwendet: zum einen, wie im Titel genannt, auf rein ökonomischer Ebene (internationale Finanzströme, sowie der internationale Austausch von Dienstleistungen und Gütern). Zentral soll hier das Profitmaximierungs-Streben der Unternehmen als Einflussgröße auf den Faktor Arbeit gesehen werden. Zum anderen sollen die Einflüsse der technologischen Globalisierung betrachtet werden. Eine wesentliche Ebene ist die kulturelle Globalisierung. Diese wird deutlich durch die Integration neuer und bislang nicht selbst praktizierter Kulturaspekte in den persönlichen Alltag. Dies sind beispielsweise andersartige Kochkulturen oder neue medizinische Behandlungsmethoden.

Die Dreiecksspannung

Setzt man den Prozess der ökonomischen sowie der technischen Globalisierung an die Spitze des Dreieckes, ergeben sich Wechselwirkungen sowohl auf den Arbeitsmarkt als auch neue berufliche Chancen für Menschen mit Behinderung durch neue Technologien. Beide Wechselwirkungen treffen definitiv auf Industrieländer zu und zu einem Teil auch auf Entwicklungsländer. Dennoch scheint in der BRD sich die letzte Dreiecksverbindung nicht zu schließen – die eingangs angeführten Zahlen der Bundesarbeitsagentur deuten darauf hin, dass Menschen mit Behinderung extrem unterdurchschnittlich in das Erwerbsleben integriert sind. Dies, obwohl sich Dank der technologischen Globalisierung für Menschen mit Behinderungen eine noch nie vorhandene Vielzahl von beruflichen Möglichkeiten erschließt[2]. Zudem ist es Menschen mit Behinderung möglich geworden, durch einen noch nie da gewesenen Informationsfluss auf die Belange und Bedürfnisse ihrer Randgruppe aufmerksam zu machen. Zur Auflösung dieser widersprüchlichen Spannung zwischen der mangelhaften Integration von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben einerseits und der erhöhten Zahl von Berufsfeldern andererseits, habe ich im weiteren Teil des Essays einige empirische Beispiele angeführt.

Zurückführend auf den Faktor menschliche Arbeit und ökonomische Globalisierung tritt ein Spannungsverhältnis in folgender Form auf: einerseits wird menschliche Arbeit in Industrieländern durch eine Vielzahl von Maschinen ersetzt[3] (sog. Rationalisierungsinvestitionen). Andererseits wandern viele Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Schwellenländer ab, aufgrund niedriger Produktionskosten. Daraus resultierend steigen zwar die Profite der Konzerne exorbitant (vgl. Geschäftsbericht Siemens AG oder Allianz AG), aber da sich in den Industrieländern die Sozialsysteme über die erwerbstätigen Bürger (Lohnnebenkosten) finanzieren, droht der Kollaps. In den Zielländern der Arbeitswanderung richten so genannte Sweatshops (den Minimumstandard unterschreitende Fertigungsstätten), beispielsweise in Asien und Lateinamerika, verheerende soziale Schäden an. Der renommierte Sozialwissenschaftler Manuel Castells beschreibt u. a. die gewaltsame Niederschlagung der Streiks in den Fordwerken in Mexiko. Auch geht er auf die verheerenden Zustände in der asiatischen Textil- und Bergbauindustrie ein. Dieser Themenkomplex soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, da hier tiefer gehend die Qualität der von Industrieländern exportierten Arbeit analysiert werden muss. Die wesentliche Schlussfolgerung ist, dass Wirtschaftswachstum im Zeitalter der Globalisierung allein keine Aussage mehr über die Einkommensverteilung treffen kann und damit auch schwerlich als genereller Indikator zur Wohlstandsmessung in einer Volkswirtschaft zu Grunde gelegt werden sollte.

In der Konsequenz ergibt sich ein bereits sichtbarer erhöhter Spezialisierungsdruck auf die Arbeitnehmerschaft und damit auch auf die Ausbildung[4]. Je höher der Spezialisierungsgrad des Arbeiters ist, desto niedriger ist die Gefahr „wegrationalisiert“ zu werden.

Diesem Gleichungsverhältnis können sich Menschen mit einer Behinderung auch nicht entziehen. In der Realität heißt das, behinderte Mitmenschen stehen doppelt unter Druck. Auf der einen Seite müssen sie sich extrem qualifizieren und auf der anderen Seite stoßen sie oftmals auf mangelnde Integrationsbereitschaft ihrer Umwelt, wie zahlreiche Behindertenverbände bestätigen.

Darwinismus oder Humanismus

Die zentrale Frage, die sich eine Gesellschaft (und damit auch jedes Mitglied persönlich) stellen sollte ist, ob man dem Prinzip des „Survival of the Fittest“ (Darwinismus) oder einem Humanprinzip folgen will. Letzteres beruht auf der Annahme, dass eine Gesellschaft wie eine Kette funktioniert, d.h., das schwächste Glied ist ein Indikator dafür, wie stark die gesamte Kette ist. Kurzum, eine Gesellschaft kann sich dadurch auszeichnen wie gut und ganzheitlich sie Menschen mit Behinderung integriert[5].

Gesellschaftliche Schieflage

Eingangs ist der gesellschaftliche Misstand einer mangelnden Integration in das Feld der Erwerbstätigkeit durch die statistischen Fakten belegt worden. Vertiefend soll hinterfragt werden, mit welchen sozioökonomischen Faktoren sich dieses Phänomen einerseits erklären lässt. Andererseits sollte eruiert werden ob dieses Phänomen ein regional spezifisches Erscheinen ist (in Bezug auf die BRD), oder ist eine mangelnde Integration ein globales Vorkommen? Letztere Frage lässt sich meiner Wahrnehmung nach mit einem definitiven Nein beantworten. Wie kommt man zu dieser Aussage? Letzten Endes nur durch vergleichende Messungen bzw. Untersuchungen.

Persönliche empirische Untersuchung

In der Sozialforschung lassen sich empirische Einzelaussagen sehr gut auswerten – jedoch kann nicht der Schluss analog vom Einzelnen auf die Gesamtheit getroffen werden. Max Weber hat zu dieser Frage der Objektivität fundamentale Antworten geliefert und die Dialektik zwischen Aussagerahmen und Beweisfakten erläutert. Verkürzt heißt das: eine Faktenlage führt zu einer Annahme in einem begrenzten Rahmen und kann damit als objektiv angesehen werden. Bezogen auf das hier eruierte Thema ist die Annahme, dass behinderte Menschen in Deutschland mangelhaft in das Erwerbsleben integriert sind. Die Zahlen haben dies bewiesen. Innerhalb der Legitimität dieses Rahmens werden weiterführend einige empirische Feststellungen für vorbildliche Integrationsmodelle dargelegt und gegenübergestellt mit empirischen Erfahrungen aus Deutschland. Damit fungieren diese Belege als Indikator für das Zutreffen der obigen Annahme. Zusätzlich bieten diese empirischen Belege Lösungsansätze für den bereits erläuterten gesellschaftlichen Missstand.

Beispiel USA

Ungewöhnlich mag es erscheinen, dass hier gerade das Land des Kapitalismus als Positivbeispiel angeführt wird. Doch jeder der selbst durch ein Handicap gezeichnet ist, weiß die Investitionen in eine behindertengerechte Infrastruktur sehr zu schätzen. Das sind z. B. die Aufzüge die oftmals eine akustische Sprachausgabe haben, mit Punktschrift versehen sind und obendrein für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

Das 1992 erlassene Gesetz, American Disability Act (ADA) schreibt vor dass alle öffentlichen Gebäude, Computer Programme und Websites für Menschen mit Behinderung zugänglich sein müssen. Demzufolge werden fast alle Menschen mit Behinderung integrativ im Kindergarten untergebracht sowie auf normalen Schulen unterrichtet. Notwendige Hilfen und Hilfsmittel werden von der Regierung sowie vielen Stiftungen bereitgestellt. Beispielsweise unterhält die University of Pennsylvania ein sog. Disability Center, wo mehr als 400 Studenten mit Behinderungen betreut werden. Die Universität hat ca. 20.000 Studenten mit allen Fakultäten (Stand 2002/2003). Was das Gesetz nicht regeln kann, ist die sehr auffällige Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber behinderten Mitmenschen. Mehrere Leidensgenossen haben bestätigt dass sie oftmals von Passanten angesprochen wurden, bevor sie überhaupt nach dem Weg oder Hilfe gefragt haben. Viele Passanten berichteten, dass sie selbst einen Freund, Arbeitskollegen oder Kommilitonen haben, der ebenfalls eine Behinderung hat. Gerade letzteres kann als Indikator für eine gute gesellschaftliche Integration gewertet werden. Die Statistik bestätigt dies; laut mehreren Veröffentlichungen verschiedener Behindertenverbände liegt die Arbeitslosenzahl der Menschen mit sichtbarer Behinderung in USA bei ca. 30 bis 40%. Weiterführende Untersuchungen sollten erforschen, mit welchen sozioökonomischen Faktoren sich die vergleichsweise niedrige Arbeitslosenzahl korrelieren lässt.

Beispiel Südafrika

Die University of Kwa Zulu Natal in Durban unterhält, nach US Modell, ein Center for Disabilities. Hier wurden mindestens 40 Blinde und hochgradig sehbehinderte Studenten betreut. Der Durban Campus hatte insgesamt ca. 5.000 Studenten (stand 2004). Beeindruckend war, dass zum Zeitpunkt meiner Anwesenheit die blinden und sehbehinderten Studenten von der südafrikanischen Regierung ein Notebook mit entsprechender Sprachausgabensoftware bekommen hatten. Die Universität war sehr bemüht Gebäude durch Lifte und Rollstuhlrampen zugänglich zu machen. Tiefer gehend sollte an dieser Stelle untersucht werden, wie diese vorbildliche Leistung eines Schwellenlandes zustande kommt. Als Leitfrage gilt es die genauen gesetzlichen Bestimmungen in Südafrika zu Beleuchten und evtl. andere Gründe herauszufiltern die für den hohen Integrationsgrad verantwortlich sind.

Beispiel Indien

Große Integrationsbereitschaft zeigte auch die Jawaharlal Nehru University in New Delhi. Die Universität ist mit ca. 5.000 Studenten im Verhältnis zur großen Bevölkerungszahl Indiens (1,1 Mrd.) relativ klein. Dennoch sind 93 Studenten mit unterschiedlichsten Behinderungen zum Studium an der Universität (Stand 2005). Beispielsweise in der Bücherei befanden sich mehrere Computer mit Sprachausgabensoftware und Scannern. Einige der Gebäude waren rollstuhlgerecht zugänglich gemacht worden.

Polarisierung

Quo vadis Deutschland? Interessant ist die Feststellung, dass es an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, 2005 nur drei behinderte Studenten gab (mich selbst eingeschlossen). Die Gesamtanzahl der Studenten wird mit ca. 20.000 (stand 2005) angegeben.

Der Sozialverband VDK als auch andere Behindertenverbände berichten in der Vergangenheit von einer Vielzahl von Prozessen in denen Menschen mit Behinderung im Studium oder Beruf auf die notwendigste Grundversorgung mit Hilfsmitteln klagen müssen. Sicherlich sind dies Einzelfälle, doch wenn beispielsweise einer der ohnehin wenigen blinden Studenten sein Studium abbrechen müsste weil ihm die Sprachausgabensoftware nicht genehmigt wird, so ist wirft der Umstand schon Zweifel am Integrationswillen auf.

Zieht man den Aspekt der Gesetzgebung hinzu, so ist zwar die Gesetzeslage durch das Sozialgesetzbuch (SGB)9, größten Teils eine Stärkung der Behindertenrechte, jedoch scheint dies allerdings relativ wenig Auswirkung auf die Integration in den Arbeitsmarkt zu haben, wie die Zahlen belegen. Schlussfolgernd ist anzumerken, dass sich das Phänomen einer mangelhaften Integration von Menschen mit Behinderung also nicht durch eine schwache Gesetzgebung erklären lässt.

Kulturelle Globalisierung als Lösungsansatz

Aus obiger Polarisierung kristallisiert sich heraus, dass die Frage nach der Integrationsbereitschaft in Deutschland berechtigt ist. Offenbar haben andere Länder wesentlich erfolgreicher Menschen mit Behinderung auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen integrieren können; die obigen Beispiele haben diesen Umstand verdeutlicht –aber nicht beweisen können. Weiterführend könnte eine exakte wissenschaftliche Analyse auf dieser Ebene eine detaillierte Datengrundlage schaffen.

Kulturelle Globalisierung ist ein Prozess des aktiven und zielgerichteten internationalen Austausches und gegenseitigen Lernens. Die kulturelle Ebene ist in diesem Falle relevant, da sie direkten Bezug zu den Individuen der Gesellschaft hat und damit eine ebene unterhalb der Legislative und Judikative liegt. Im konkreten Fall heißt dies das kein Gesetz eine Randgruppe in eine Gesellschaft integrieren kann. Zwar lässt sich Diskriminierung unter Strafe stellen, doch wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach keine Akzeptanz und Toleranz fördern. Für eine erfolgreichere Integration von Menschen mit Behinderung ist ein ganzheitlicher Ansatz vonnöten der eine gesellschaftliche Werteänderung initiiert.

Dazu sind natürlich auch die Betroffenen selbst gefragt, denn Integrationsprozesse beruhen auf gegenseitiges Bemühen. Beispielsweise veranstalten viele Blindenverbände in USA PR Aktionstage an Universitäten, die Presse zeigt erhöhtes Interesse an dem Thema und die Politik kann eine erhöhte Integration als Erfolg verbuchen. Offen bleibt die Frage, in wie weit es den US Bürgern wichtig ist schwächere Glieder ihrer Gesellschaft aktiv zu stärken. Beobachtungen zeigen zwar beispielsweise eine starke Spendenbereitschaft[6], doch dieser Umstand allein kann nicht als Indikator herhalten.

Reduktionistisch lässt sich die Gesellschaftsproblematik der mangelnden Integration in der BRD als eine Verkettung analysieren. In Deutschland werden Menschen mit Behinderung in speziellen Institutionen untergebracht; d. h. da nur in den seltensten Fällen eine integrative Beschulung statt findet, hat die Gesellschaft auch nicht die Chance gehabt näher in Kontakt mit dem Thema Behinderung zu treten und somit Berührungsängste sowie Vorurteile abzubauen. Es gilt also hier den Institutionalismus nach Möglichkeit zu reduzieren und in der Fläche zu integrieren mit entsprechender Unterstützung. Andere Länder und Kulturen haben dies als einen erfolgreichen Weg aufgezeigt (siehe hierzu die obigen Beispiele und Zahlen der Universitäten).

Ein weitergehender Vergleich könnte betrachten wie andere Länder das Thema Behinderung in der allgemeinen Bildung verankert haben. Tiefer gehend müsste analysiert werden, in wie weit sich die alltägliche Konfrontation mit einer behindertengerechten Infrastruktur mit einer erhöhten gesellschaftlichen Integrationsbereitschaft korrelieren lässt.

Zusammengefasst, kulturelle Globalisierung ist ein langer Prozess der uns in Deutschland helfen kann eine Randgruppe mehr zu integrieren und am Arbeitsleben teilhaben zu lassen. Am wesentlichsten ist hierfür weniger ein Satz von konkreten Handlungsparametern an die politischen und institutionellen Akteure, sondern die reale Erkenntnis und Publizierung der Marginalisierung einer Gruppe von Mitmenschen.

Fazit

Der Diskurs hat innerhalb des Dreieck-Spannungsfelds aus ökonomischer Globalisierung, Arbeit und Behinderung die Wechselwirkungen aufgezeigt. Die ökonomische Globalisierung erzeugt großen Druck und Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt einerseits. Andererseits bieten neue Technologien große Chancen für Menschen mit Behinderung zur Integration in die Erwerbstätigkeit. Beide Phänomene, ökonomische und technologische Globalisierung, treffen auf alle Länder gleichermaßen zu. Essenziell ist also die Frage, warum in der BRD offenbar weniger Integration und Chancengleichheit für Mitmenschen mit einer Behinderung existiert. Die Zahlen der Bundesarbeitsagentur belegen, dass trotz der erhöhten Integrationschancen und einer massiven staatlichen Lohnbezuschussung, etc. die Erwerbslosigkeit von Menschen mit Behinderung extrem hoch ist (48 %). Des weiteren kann angenommen werden, das die Zahl in Realität deutlich höher ist, da die Bundesagentur nur 390 von 439 Bundesdeutschen Landkreisen erfasst hat und im Prinzip hier eine statistische Verwässerung durch die Klassifizierung von vorübergehenden Krankheiten als Behinderung statt findet.

Als konkretes Fazit bleibt die Notwendigkeit eines Gesellschaftswandels. Die kulturelle Globalisierung bietet uns die Chancen von anderen Kulturen zu lernen. Dies erfordert neben der Wahrnehmung und Analyse des Problems, vor allen Dingen eine konzertierte Aktion zwischen staatlichen Organen, Medien, Verbänden und Initiativen, Kirchen sowie Individuen, die sich engagiert für die Integration einer Randgruppe einsetzen.

[...]


[1] Die Erwerbstätigenquote ist die Zahl die angibt in welcher Höhe Menschen im Erwerbsfähigen Alter (z. Z. 15 bis 65 Jahre) im Berufsleben integriert sind. Zum Thema Behinderung Verweise ich auf die detaillierte Erörterung im Punkt Definition.

[2] Beispielsweise haben gehörlose Menschen die Möglichkeit über Videoübertragung sowie Email eine breitere Kommunikationsplattform bekommen. Blinde und sehbehinderte Menschen können einen herkömmlichen Windows PC komplett über eine Sprachausgabensoftware (Jaws for Windows), eine Brailezeile (Punktschriftzeile) oder eine Vergrößerungssoftware (magic) bedienen.

[3] Vorreiter des Menschenersatzes waren die Industrieroboter in den 1980igern. Zunehmend wird die traditionelle Hochburg der menschlichen Arbeit, der Dienstleistungssektor von Maschinen erobert: statt Bankschaltern gibt es Terminals und Onlinebanking, DHL ersetzt eine Vielzahl von Paketannahmestellen durch Automaten, künftig werden Kassen in den Supermärkten durch Funkscanner ersetzt, etc.

[4] Der international renommierte Sozialforscher Barnett, stellte schon 1994 in seinem Buch „The Global Workplace, Mass Production in Post Modern Times“, einen zunehmenden Spezialisierungsdruck auf die Arbeitnehmerschaft fest.

[5] Ein interessanter Aspekt ist der Gegensatz der christlich-europäischen Kultur zum Hinduismus. Letzterer beruht auf der Annahme der Reinkarnation. Ein Leprakranker war nach hinduistischem Glauben lediglich im vorangegangen Leben ein schlechter Mensch und wird nun in diesem Leben von den Göttern dafür bestraft. Einem „solchem“ Menschen wird wenig Hilfe von der Gesellschaft entgegengebracht. Dies ist ein Stückweit Darwinismus, der besagt dass nur der stärkere sich durchsetzen wird.

[6] In USA werden viele Hilfsmittel durch Spenden von Kirchen oder Fonds getragen. Beispielsweise hatte die Blindenführhundschule San Raffael bei San Francisco in 1999 ein Vermögen von US $ 300 Mio.

Details

Seiten
12
Jahr
2006
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110621
Note
Schlagworte
Arbeit Behinderung Zeitalter Globalisierung Chancen Hürden Ausschreibung Deutschen Studienpreises Mittelpunkt Mensch Leitbilder Modelle Ideen Vereinbarkeit Leben

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