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Globalisierung - Neue Formen von Zentrum und Peripherie

Seminararbeit 2001 26 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Globalisierung

3. Die Entwicklung der Weltwirtschaft und der politisch gesteuerte Globalisierungsprozeß

4. Das Ende des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates und die Verschärfung der sozialen Gegensätze

5. Neue Formen von Zentrum und Peripherie

6. Zusammenfassung

Literatur:

1. Einleitung

Globalisierung scheint am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts das Schlagwort schlechthin zu sein. Allerorten beschäftigen sich Wissenschaftler, Unternehmer, Journalisten und Politiker mit den Ursachen und Auswirkungen dieses Phänomens, wobei oft recht unterschiedliche Teilaspekte dieses Phänomens in den Vordergund der Argumentation gerückt werden. Zur Bekräftigung der These : "Globalisierung verschärft die sozialen Gegensätze und die Verarmungsprozesse in den Entwicklungsländern" soll im folgenden vor allem auf den ökonomischen Aspekt der Globalisierung zurückgegriffen werden. Zunächst aber möchte ich den Begriff der Globalisierung als solchen erläutern um dann einen Schwerpunkt auf die ökonomische Komponente zu legen und anschließend die Entstehungsgeschichte der neoliberalen Wirtschaftsordnung kurz zu skizieren. Bei der Betrachtung dieser Entwicklung soll deutlich werden, daß der Neoliberalismus keinesfalls den Wohlstand aller mehrt sondern vielmehr auf die Interessen weniger abzielt und die Verarmungsprozesse in den Entwicklungsländern verschärft. Um die dargestellte Entwicklung theoretisch zu untermauern wird das klassische neoliberale Wirtschaftsmodell beleuchtet und seine in der Gegenwart nicht mehr haltbaren Grundannahmen aufgezeigt. Der zeitgleich mit dem Erstarken der Neoliberalen Wirtschaftsordnung stattfindende Untergang des keynesianischen Wohlfahrtstaates soll in einem zweiten Schritt dargestellt werden. Abschließend soll in Anlehnung an Wallerstein und Sassen das Entstehen von neuem Zentrum und neuer Peripherie diskutiert werden.

2. Der Begriff der Globalisierung

Der Begriff der Gobalisierung wurde erstmals sinnentsprechend 1972 von Modelski angebracht. Er beschreibt hiermit die europäische Expansion, die die Eroberung der Erde und ein weltumspannendes Handelssystem zur Folge hatte. Dieses Begriffsverständnis spiegelt das Denken der ersten Moderne wieder und versteht die Globalisierung als Entstehung einer internationalisierten Welt. (Vgl. Scholz 2000: S. 2) Im Gegensatz zur ersten Moderne oder vielmehr als Fortenwicklung dessen steht die zweite Moderne. Diese beiden Begriffe wurden durch Ullrich Beck geprägt. Aus seiner Sicht sind die klassischen Fragen der Soziologie (wie z.B. Ungleichheiten zwischen Arm und Reich) durch die globalen Gegenwartsprobleme wie Atomenergie, Ozonloch u. a. überlagert worden, denn: " Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch." (Treibel, Annette (2000): S. 232.)

Beck greift hier auf eine Argumentation zurück, die sonst nur von Vertretern der sogenannten Weltmodelle ( z.B. Das Meadowsche Weltmodell oder das ihm entgegengestellte Bariloche Weltmodell) angeführt wurde. Als Basisphilosophie der computergestützten Weltmodelle dient das Konzept der sogenannten Weltproblematik. " Der Kern der Weltproblematik besteht darin, daß durch die Interdependenz der Einzelproblembereiche eine kumulative Verschärfung der Gesamtsituation unausweichlich ist, es sei denn, es gelingt den aus kurzfristigen und isoliert getroffenen Einzelentscheidungen resultierenden Teufelskreis zu durchbrechen." (Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1984):.S. 176).

Aus dieser Sicht der Dinge resultierend vertritt Beck eine gesellschaftspolitische Utopie, die sogenannte "Zweite Moderne" als Zielprojektion für eine neue Gesellschaftspolitik: "Vielleicht sind die Gefahren und alle Schrecken, die sie verbreiten auch Weltnachhilfestunden in der Geschichtllichkeit des Industrialismus? Vielleicht leiten sie (...) von dem Steinzeitindustrialismus der Vergangenheit in einen aufgeklärten Handlungsindustrialismus der Zukunft über, in dem die Grundfragen des 'Fortschritts' aus der Anonymität der organisierten Unverantwortlichkeit herausgelöst und neue Institutionen der Zurechnug, Verantwortung und Mitbestimmung geschaffen werden?" Beck, Ullrich (1988):. S. 130

Die zweite Moderne steht im Gegensatz zur ersten Moderne, die als nationalstaatlich - klassenzentrierte, später als wohlfahrtsstaatliche Industriegesellschaft charakterisiert werden kann. Die zweite Moderne ist globalisiert, transnational und Becks Hoffnungen zu Folge durch verantwortungsvolle Weltbürger gezeichnet, die durch Reflexion und Engagement die Risikogesellschaft überwunden haben. Der Prozeß der Entgrenzung, d.h. der Übergang von einem nationalem zu einem globalen Kapitalismus, ist der historisch fundamentalste Prozeß der zweiten Moderne, der zudem als unumkehrbar betrachtet wird. Finanzströme, Märkte, Marktsysteme, der Wettbewerb, die Regulierungsmechanismen der Nationalstaaten sowie Konsumverhalten und alle weiteren denkbaren Funktionen unterlaufen derzeit dem Prozeß der Entgrenzung und machen gemeinsam den Prozeß der Globalisierung aus. Die globale Ökonomie wird meist als Motor der Globalisierung angesehen und stellt auch den Aspekt dar, der in der folgenden Argumentation zur Begründung der eingangs beschriebenen These herangezogen werden soll.

Als konstituierende Elemente für das Entstehen der globalen Ökonomie werden die neuesten elektronischen Kommunikationstechniken, ihre weltweite Ausbreitung und ihr ubiquitärer Zugang, die Entsofflichung der Produktion, der Abbau von Distanzen, die Standortmobilität von Produktions- und Informationssystemen sowie das supranationale Zusammenspiel ausgemacht (Vgl Scholz 2000: S.2).

Im allgemeinen wird die Globalisierung der Wirtschaft in folgende drei Bereiche aufgeteilt (vgl. die Aufteilung von Perraton / Goldblatt / Held / McGrew: Die Globalisierung der Wirtschaft): zum ersten die Ausweitung des Handels sowohl von Gütern, als auch von Dienstleistungen, zum zweiten die Ausweitung der Finanzmärkte und zum dritten die Aktivitäten der TNC`s (transnational coperations) und die damit verbundene Multinationalisierung der Produktion.

Als ursächlich für die wirtschaftliche Globalisierung werden einerseits der technische Fortschritt (vgl. Beisheim / Walter : S. 160 - 163), speziell die drastische Verringerung der Transport- und Kommunikationskosten seit der Mitte unseres Jahrhunderts, aber auch vermehrt politische Entscheidungen gesehen (vgl. Mahnkopf, Birgit 1998. S. 1318 - 1330, hier S. 1321). so etwa die Errichtung des Bretton - Woods - Systems nach dem zweiten Weltkrieg, oder die Liberalisierung des Welthandels durch immer neue GATT - Runden (General Agreement on Tariffs and Trade) und die WTO (World Trade Organization), mündend in einem Abbau von Handelsbeschränkungen und Investitionshemmnissen.

Neoliberalismus, Deregulierung und Privatisierung sind die in diesem Zusammenhang am häufigsten diskutierten Phänomene.

3. Die Entwicklung der Weltwirtschaft und der politisch gesteuerte Globalisierungsprozeß

Im folgenden soll die Globalisierung als politisch gesteuerter Prozeß betrachtet werden, durch den eine neoliberale Wirtschaftspolitik forciert wird. Dies soll verdeutlichen wie hierdurch die Verarmungsprozesse in den Ländern des Südens verstärkt wurden und werden. Anschließend soll die Entwicklung der Weltwirtschaft anhand einiger Daten dargestellt werden.

Da im folgenden wiederholt die neoliberalen Wirtschaftspolitik kritisiert wird, soll vorweg das klassische neoliberale Wirtschaftsmodell vorgestellt werden, um dann seine Schwachstellen aufzuweisen und hierdurch zu verdeutlichen, daß es sich um einen Irrglauben handelt oder um eine gezielte Täuschung, daß durch neolibearale Wirtschaftspolitiken der Wohlstand für alle steigt.

Die These von den positiven Auswirkungen des freien Handels und der Weltmarktintegration stützt sich auf die klassische Handelstheorie des 18. Jahrhunderts, insbesondere auf die von Adam Smith aufgestellte Regel von der unsichtbaren Hand des Marktes und David Ricardos Theorem von den komparativen Kostenvorteilen. Beide haben bis auf den heutigen Tag die ökonomische Theorie nachhaltig geprägt.

Nach der Theorie von Adam Smith wirkt der Mechanismus eines freien Marktes so, daß wenn alle Beteiligten ihr eigenes ökonomisches Interesse verfolgen, die Produktion auf die effizienteste Weise organisiert wird. Der freie Wettbewerb sorgt dafür, daß niemand Waren zu überhöhten Preisen anbieten kann, die unsichtbare Hand des Marktes verschafft sowohl Produzenten als auch Abnehmern das bestmögliche Ergebnis, indem die Preise ausschließlich durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Darüber hinaus hat eine Ausweitung des Handels eine erhöhte Arbeitsteilung und somit eine erhöhte Produktivität zur Folge. Arbeitsteilung und internationaler Güteraustausch führen demnach zum ,,Wohlstand der Nationen".

Ricardo bewies mittels eines Rechenexempels, daß Handel zwischen zwei Nationen für beide von Vorteil ist, wenn sich jede auf die Produktion der Güter spezialisiert, die sie am günstigsten produzieren kann, und gegen andere Güter eintauscht.

Dies gilt auch dann, wenn der eine Handelspartner alle (oder keine) Arten von Gütern günstiger als der andere herstellt, aber sich auf diejenigen konzentriert, bei denen er die besten Produktionsbedingungen, also einen komparativen Kostenvorteil gegenüber anderen Gütern besitzt.

Der klassischen Handelstheorie zufolge wirken sich also internationale Arbeitsteilung und Weltmarktintegration, Spezialisierung auf leicht herzustellende Produkte sowie der freie Wettbewerb für ein Land in jedem Fall vorteilhaft aus.

Beide Modelle der klassischen Handelstheorie beruhen zwar auf starken Vereinfachungen, besitzen aber dennoch einen hohen Erklärungswert. Ihre Anwendung auf die Weltwirtschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist jedoch aufgrund ihrer Annahmen nicht zu vertreten. Zum einen ging Adam Smith von einem ,,perfekten Wettbewerb" aus - einer Vielzahl von Anbietern steht eine Vielzahl von Abnehmern gegenüber, alle sind vollständig über die Preise informiert und niemand ist in der Lage, sie zu beeinflussen. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, werden die Preise nicht mehr ausschließlich über das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage festgelegt, sondern sind von Machtfragen und Informationsvorteilen beeinflußt - genau dies ist in den allermeisten Wirtschaftszweigen heutzutage der Fall. Angesichts der gravierenden Ungleichheit der wirtschaftlichen Macht der Akteure ist es nicht verwunderlich, daß der unvollkommene Markt sich zum Nachteil der schwächeren seiner Teilnehmer auswirkt.

Es liegt demnach in der Natur des Marktmechanismus, bestehende Ungleichheiten immer weiter zu vergrößern. Unter den Bedingungen eines Weltmarkts, der weitgehend von monopolistischen Tendenzen und übermächtigen Konzernen geprägt wird, gilt dies in ganz besonderem Maße (Vgl. Zinn 1980: S.166 ff).

Derzeit findet jedenfalls mindestens ein Drittel des Welthandels innerhalb der jeweiligen Unternehmen statt, wobei keineswegs der Marktmechanismus, sondern die Interessen des Konzerns die Preise bestimmen. Völlig überhöhte oder zu niedrige Preise im konzerninternen Handel sind gängige Mittel, um Gewinne dorthin zu verschieben, wo die Steuern am niedrigsten sind bzw. um gesetzliche Einschränkungen des Gewinntransfers zu umgehen. Mindestens ein weiteres Drittel des Welthandels läuft über die 500 größten Konzerne statt, die für gewöhnlich in der Lage sind, schwächeren Handelspartnern die Preise zu diktieren (Korten 1995: S. 223).

Zum anderen beruht das Ricardo-Theorem auf der Immobilität der Faktoren Arbeit und Kapital. Ricardo ging davon aus, daß investitionsbereite Unternehmer ,,sich eher mit einer niedrigeren Profitrate im eigenen Land ... begnügen, als daß sie eine vorteilhaftere Anlage für ihren Reichtum bei fremden Nationen suchen." (Ricardo 1817: S. 113). Diese Annahme darf als widerlegt gelten. Des weiteren setzt Ricardo weltweit einheitliche Löhne und noch einiges mehr voraus, was in der heutigen Weltwirtschaft nicht als gegeben angesehen werden kann. Ein weiterer in der klassischen Handelstheorie außer acht gelassener Aspekt hängt mit der sogenannten ,,holländischen Krankheit" (dutch disease) zusammen. Gemeint ist mit dieser Bezeichnung, daß die Ausstattung mit Rohstoffvorkommen ein Land, daß der Spezialisierungsregel folgt, in seiner Industrialisierung behindern kann. (So geschehen in den Niederlanden, als dort Ende der sechziger Jahre Erdgasvorkommen entdeckt wurden.) Altvater / Mahnkopf weisen zu Recht darauf hin, daß England bei Befolgung der Ricardo´schen Spezialisierungsregel ein Land von Schafhirten und Whiskybrennern geblieben wäre, da dort im frühen 18. Jahrhundert seine komparativen Kostenvorteile lagen und nicht in der gerade aufkeimenden Textilindustrie. Letztere war der indischen Konkurrenz hoffnungslos unterlegen - zumindest solange, bis diese systematisch von den Engländern zerstört wurde. Zahlreiche andere Industrieländer konnten ebenfalls nur das werden, was sie heute sind, weil sie in der Vergangenheit ihre Volkswirtschaft entgegen der Spezialisierungsregel gezielt auf eine Industrialisierung ausgerichtet haben (Vgl. Altvater/ Mahnkopf 1996: S. 207).

Ein wesentliches Element in der Diskussion um die Auswirkungen der Globalisierung z.B. auf die Entwicklungsländer ist die ein ums andere Mal beteuerte historische Unausweichlichkeit der Globalisierung, der der Status einer ökonomischen Naturgewalt eingeräumt wird. Dabei offenbart bereits ein flüchtiger Blick, daß der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß entscheidende politische Voraussetzungen hatte, die sich zumindest bis auf das Ende des zweiten Weltkriegs zurückverfolgen lassen.

Als Ausgangspunkt dieser Betrachtung soll der Juli 1944 herangezogen werden, da zu diesem Zeitpunkt in Bretton Woods eine Finanz- und Währungskonferenz der Vereinten Nationen stattfand, die sich die Aufgabe zu eigen machte, die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit zu bestimmen. Die Ansprüche, die die Vereinigten Staaten an die zu bestimmenden Regelungen hatten, brachte Vizeaußenminister (und späterer Außenminister) Dean Acheson damals folgendermaßen auf den Punkt:

,,Keine Gruppe, die sich mit dem Problem auseinandergesetzt hat ... hat jemals geglaubt, daß unser Binnenmarkt unsere gesamte Produktion unter den jetzigen Bedingungen aufnehmen könnte ... wir brauchen diese (Auslands-) Märkte für die Überschußproduktion der USA ... ohne die Auslandsmärkte ist Vollbeschäftigung und Wohlstand in den USA nicht machbar." (Zit. Nach Korten 1995: S.135)

Die Nachkriegsordnung sollte also einen freien Handel mit möglichst geringen Beschränkungen, günstigen Bedingungen für US-amerikanische Auslandsinvestitionen und ungehinderten Zugang zu Rohstoffen gewährleisten. Die politischen Kräfteverhältnisse jener Zeit ließen es zu, daß sich diese Ansprüche ungetrübt in den Beschlüssen der Konferenz niederschlagen konnten. Konkret umgesetzt werden sollten diese Ansprüche von drei Organisationen, die die tragenden Säulen der Nachkriegsordnung werden sollten: eine Internationale Handelsorganisation ITO (um den freien Fluß des Handels zu fördern), ein Internationaler Währungsfonds IMF (um einen stabilen Rahmen für den Freihandel und weltweite Währungskonvertibilität zu garantieren) und eine Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung IBRD (um wirtschaftliche Strukturprobleme von Handelspartnern zu beseitigen). Während IMF und Weltbank später als Bretton-Woods- Zwillinge bekannt wurden, scheiterte die Entstehung der ITO an der Ratifizierung im US- Kongreß. Schwacher Ersatz wurde das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), bis schließlich 1995 (mit 50-jähriger Verspätung) die Welthandelsorganisation WTO ins Leben gerufen wurde. Als erste Schritt in diese Richtung wurde zunächst in den kommenden Jahrzehnten die Liberalisierung des Handels vom GATT verfolgt. In acht mehrjährigen Verhandlungsrunden einigten sich die Vertragspartner, deren Zahl von anfänglich 23 auf 131 anwuchs, auf weitreichende Zollsenkungen, später auch auf Handelsliberalisierungen in anderen Bereichen (Dienstleistungen, nicht-tarifäre Handelshemmnisse, usw.).

Die Bretton-Woods-Zwillinge hatten auch beträchtlichen Einfluß auf den politischen Trend zur Liberalisierung, vor allem seitdem ihre Ratschläge mit der Schuldenkrise nicht nur gutgemeinte Empfehlungen, sondern verbindliche Auflagen für eine Vielzahl von Ländern wurden.

Einige Autoren setzen den Startpunkt für den Prozeß der Globalisierung etwas später an, für sie ist das Treffen der G5 1975 in Frankreich auf dem Schloß Rambouillet der wichtigste Initiator für die derzeitigen Prozesse der Neoliberalisierung und der damit einhergehenden Deregulierung, Privatisierung und Entgrenzung.

Diese erste Sitzung der G5, die sich in den Folgejahren bis zur G8 fortentwickelte, fand anläßlich einer Krisenphase der fordistischen Produktionsweise und der vorausgegangenen akuten Ölkrise statt. Diese Krisen hatten weitreichende Folgen, zum einen kam es zum Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods, zum anderen löste es die Schuldenkrise der Banken und die daraus resultierende Schuldenfalle für die Entwicklungsländer aus.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Industrieländer den Prinzipien des britischen Ökonom John Maynard Keynes gefolgt, der den Staat zum zentralen Finanzinvestor der nationalen Volkswirtschaften declarierte, welcher über die öffentlichen Haushalte korrigierend einzugreifen hat. Mit den Ölpreisschocks von 1973 und 1979 geriet dieses Konzept jedoch ins Wanken, denn es gelang den Regierungen nicht mehr, Staatsdefizit und Inflation unter Kontrolle zu bringen so daß die stabilen Wechselkurse für die Währungen nicht mehr zu halten waren (vgl. Martin Hans/ Schumann Harald 1997: S.153).Durch den Druck der Banken gaben ab 1970 die USA, BRD, Kanada und die Schweiz die Kapitalsverkehrskontrollen auf. Aus Sicht von Martin Schumann gab dies das Initial für den Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse (ebenda S.73 ff). Der Zusammenbruch der festen Wechselkurse von Bretton Woods führte zur Aushebelung der institutionalisierten politischen Regulierung des Weltmarktes. Die Verwertungskrise des Fordismus bedeutete im Kern, daß die Produktion nicht mehr im Einklang mit dem Absatz der produzierten Güter stand. Aus diesem Grund nahm die Profitabilität von Anlageformen jenseits der direkten Investitionen zu. Insbesondere die Entwicklung der globalen Finanzmärkte und eine stärkere Kapitalmarktorientierung der Unternehmen wurde hierdurch befördert. Zudem führt der Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse zu einer Ausweitung der Devisenmärkte und entsprechend einer Ausweitung der Spekulation.

Der Regierungswechsel in einigen führenden Industrienationen (Reagan, Thatcher) sorgte schließlich dafür, daß in der neoliberalen Renaissance der achtziger Jahre die Theorie des Freihandels zur nicht mehr hinterfragbaren Grundlage aller Wirtschaftspolitik wurde. Für die Entwicklungsländer war der durch die Ölpreise in Gang gesetzte Prozeß insofern von Bedeutung als durch ihn im nachhinein die Schuldenkrise der Banken einsetzte und zur Schuldenfalle für die Entwicklungsländer wurde. Vom ersten Ölpreisschock 1973 konnten die Industrieländer als Hauptexporteure in die Ölstaaten und als Hauptanlagemärkte für den riesigen Zustrom an ,,Petrodollars" noch profitieren, wohingegen die ölimportierenden Entwicklungsländer hierdurch bereits schwer getroffen wurden.

Die nordamerikanischen und westeuropäischen Banken bemühten sich nun, die Gelder als Kredite zu vergeben, zeitweise taten sie das sogar zu negativen Realzinsen. Die Entwicklungsländer waren dankbare Abnehmer. Mit dem zweiten Ölpreissprung 1979 gerieten die Industrieländer zwischen 1980 und 83 in die schwerste Rezession der Nachkriegszeit, was einen schweren Nachfragerückgang nach Dritte-Welt-Exporten zur Folge hatte. Der Zerfall der Rohstoffpreise und die Verschlechterung der Terms of Trade bildeten eine der wichtigsten Krisenursachen in den Entwicklungsländern. Die Versechsfachung der realen Zinssätze in den achtziger Jahren (ausgelöst durch das riesige Haushaltsdefizit der USA, mit dem die Reagan-Regierung die massive Aufrüstung finanzierte) trug ebenfalls entscheidend zur Verschärfung der Situation der Schuldnerländer bei (Vgl. Nuscheler 1995: S. 313). Die ,,Krise" wurde ausgerufen, als Mexiko als erster Staat 1982 seine Zahlungsunfähigkeit erklärte - und das internationale Bankensystem den drohenden Zusammenbruch vor Augen hatte.

In dieser Situation sprang der IMF ein (unterstützt von der Weltbank): er gewährte neue Kredite (,,fresh money") und vermittelte weitere Gelder von privaten und staatlichen Banken - unter der Bedingung, daß die Empfänger strenge wirtschaftspolitische Auflagen verfolgen würden: die sogenannten Strukturanpassungsmaßnahmen. Mit der Unterzeichnung einer Absichtserkklärung gaben die Kreditnehmer ihre innenpolitische Souveränität auf. Das Programm des IMF wurde zwar theoretisch für jedes Land maßgeschneidert, sah in der Praxis jedoch - getreu dem neoliberalen Dogma - für alle fast gleich aus: Stabilisierung der Haushaltsbilanz durch Kürzung der Staatsausgaben, Exportorientierung zur Devisenbeschaffung, Abwertung der Währung zur Steigerung von Exporten und Reduzierung von Importen, Streichung marktverzerrender Preissubventionen, Inflationsbekämpfung durch Senkung der Reallöhne, Handelsliberalisierung und Schaffung eines günstigen Investitionsklimas. Die DRC-Analyse (domestic resource cost) ist eines der beliebtesten Instrumente der Entwicklungsexperten der Weltbank, sie zeigt auf, bei welchen Produkten das betreffende Land komparative Kostenvorteile hat und einen Erfolg auf dem Weltmarkt erwarten kann. Verwunderlich ist allerdings, daß der Analyse zufolge die Rohstoffexporteure in den meisten Fällen auch Rohstoffexporteure bleiben sollten.

Da steigende Unternehmergewinne die Wirtschaft in Schwung bringen sollten, blieben die Wohlhabenden von Kürzungen meist verschont.

Nach Dutzenden von Strukturanpassungsprogrammen, einer Fülle von Umschuldungen, sogar einigen zaghaften Schuldenerlassen, und trotz der ostasiatischen Industrialisierung zeigen die letzten Zahlen von der Weltbank, daß die Gesamtschuld der Entwicklungsländer seit 1982 von 739 auf 2171 Milliarden US-$ im Jahr 1998 angewachsen ist und daß die ärmsten Schuldnerländer sich immer tiefer im Schuldennetz verstricken. Ihr Schuldenberg beträgt in einigen Fällen ein mehrfaches ihres gesamten Bruttosozialproduktes, zumindest aber ihrer Exporterlöse, und ihr jährlicher Schuldendienst (Tilgung+Zinsen) verschlingt durchschnittlich

22 % ihrer Deviseneinnahmen. Deutliche Verbesserungen sind bei ihnen nicht festzustellen (World Bank 1998: S. 160). Die Strukturanpassungsmaßnahmen stellen in den Augen vieler kritischer Entwicklungstheoretiker das Instrument dar durch welches die neoliberale Politik des freien Marktes in weiten Teilen der Dritten Welt durchgesetzt werden konnte.

In den Neunzigern setzte sich der Trend zur Liberalisierung fort: laut UNCTAD dienten 95 % aller neuen Investitionsregelungen zwischen 1991 und ´96 der Liberalisierung (UNCTAD WIR 1997: S. 18).

Zu nennen wäre hier beispielsweise das MAI (Multilateral Agreement on foreign Investment), durch welches staatliche Leistungsanforderungen für Investitionen verboten werden. Begrenzungen für ausländische Investoren hinsichtlich der Besitzanteile an Banken, Verpflichtungen zum Erwerb lokaler Vorprodukte oder zur Beschäftigung einheimischer Arbeitskräfte fallen dadurch weg. Die Auslandsdirektinvestitionen, die oft als Argument für die positven Asuwirkungen der Globaliserung auf die Entwicklungsländer angebracht werden verlieren dadurch ihre positiven Nebeneffekte für die Entwicklungsländer. In den meisten Fällen kaufen finanzstarke Unternehmen lokale Anbieter auf, vernichten zahlreiche Arbeitsplätze durch Rationalisierungsmaßnahmen, drängen einheimische Konkurrenten vom Markt und erlangen Monopolstellungen, die sie weidlich ausnutzen. Vorprodukte werden aus einer anderen Niederlassung importiert, Produktionskosten so weit es geht externalisiert, d.h. Arbeitnehmerrechte und Umweltschutzgesetze werden (falls sie existieren) ignoriert, und sämtliche Gewinne werden abschließend wieder ins Ausland transferiert.

Die Globalisierung der Weltwirtschaft ist also nicht primär als ökonomisches Naturphänomen, sondern eher als Resultat von politischen Entscheidungen anzusehen, als politisches Projekt, das auf der Theorie des freien Handels basiert und ursprünglich an den Interessen der US-amerikanischen Industrie ausgerichtet war, was gleichzeitig implizierte daß sie die Verarmungsprozesse in den Entwicklungsländern verschärfte.

Als Indikatoren für das Zusammenwachsen der Weltwirtschaft sollen die Bereiche des Außenhandels, der Auslands-Direktinvestitionen, der weiteren grenzüberschreitenden Finanztransaktionen sowie die Akteure der Weltwirtschaft, die transnationalen Konzerne, anhand einiger nüchterner Daten kurz betrachtet werden.

1. Der Anteil des Außenhandels an der Weltproduktion ist von 7% (1950) über 12% (1973) auf 16,7% (1994) angewachsen.(UNCTAD TDR 1997) Allerdings wies der Außenhandel bereits am Vorabend des ersten Weltkriegs einen ähnlich hohen Anteil auf(Hoogvelt, Ankie 1997:S. 69 ff). Historisch gesehen also nicht gerade ein neuartiges Phänomen. Zudem ist deutlich festzustellen, daß sich die Handelsströme auf die Triade, das Dreieck USA - EU - Japan, konzentrieren. Der Handelsanteil der asiatischen Länder stieg zwar zwischen 1970 und 1991 von 4,6% auf 12,5%, aber auf Kosten anderer Regionen. Die ärmeren Länder nehmen in immer geringerem Maße am Welthandel teil. Auf die 48 am wenigsten entwickelten Staaten, in denen ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt, entfallen 0,3% des Welthandels. Ihr Anteil hat sich seit 1970 mehr als halbiert (UNDP 1997, S. 83).Ein immer größerer Teil des Handels findet zwischen Industrienationen statt, oftmals sogar innerhalb eines industriellen Sektors (Hoogvelt, Ankie 1997: S. 73).

2. Die Direktinvestitionen ins Ausland sind im letzten Jahrzehnt rasant angestiegen: zwischen 1985 und 96 haben sie sich versechsfacht. Der Großteil der Investitionen findet immer noch zwischen Industrienationen statt, aber der Anteil der Entwicklungsländer ist dabei auf mehr als ein Drittel angewachsen (UNCTAD TDR 1997: S.11). Rund 80 % der Investitionen in die Dritte Welt konzentrieren sich jedoch auf die Gruppe der ,,emerging markets" - China und elf weitere asiatische und lateinamerikanische Staaten (UNCTAD WIR 1997, S. 5,72,78) .Etwa ein Fünftel der Investitionen in Entwicklungsländer verteilen sich auf knapp hundert weitere Staaten, und weniger als anderthalb Prozent fließen in die 48 ärmsten Länder (UNCTAD WIR 1997: S.9 ).

Über 90 % aller Auslandsinvestitionen verteilen sich somit auf etwa 28 % der Weltb- evölkerung. Interessant ist weiterhin, daß es sich bei der Hälfte aller Auslandsinvestitionen um sogenannte mergers und acquisitions handelt - Firmenzusammenschlüsse und Übernahmen.

3. Die Finanzmärkte haben in den letzten zwei Jahrzehnten eine sprunghafte Entwicklung gemacht: ihr Umsatz ist zwischen 1979 und 93 auf das Achtfache angestiegen. Das Volumen der Finanztransaktionen beläuft sich heute auf über 1200 Mrd. US-$ täglich. (Zum Vergleich: das Volumen des Welthandels beträgt etwa 10 Mrd. US-$ täglich.) Die Entkoppelung von der realen Produktion ist offensichtlich. Hauptverantwortlich für diese Entwicklung ist das Aufkommen des Derivatenhandels, bei dem beispielsweise nicht mehr Wertpapiere oder Devisen, sondern die Option auf deren Kauf gehandelt werden. (Altvater/Mahnkopf 1996, S.159 ff)

4. Die mittlerweile 45.000 transnationalen Konzerne (TNCs) (mit ihren 280.000 Auslandsniederlassungen) sind heute die bestimmenden Akteure auf dem Weltmarkt. Die hundert größten von ihnen erwirtschaften einen größeren Umsatz als die Mehrzahl der Volkswirtschaften in Entwicklungsländern, die 25 größten können sich an Finanzkraft selbst mit kleineren Industrienationen messen. Transnationale Konzerne sind an über zwei Dritteln des Welthandels direkt beteiligt, mindestens ein Drittel läuft sogar firmen intern ab (zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft) (Martinussen 1997: S.123). Die Produktion vor Ort durch Tochtergesellschaften hat ein größeres Volumen als die Weltexporte. Auch hier ist eine Dominanz der Triade festzustellen: von den hundert umsatzstärksten TNCs kommen 94 aus Japan, den USA oder Westeuropa (UNCTAD WIR 1997: S.29 ff.).

Es läßt sich also festhalten, daß die These von der zunehmend verflochtenen Weltwirtschaft den Sachverhalt nur sehr ungenau beschreibt: deren Zusammenwachsen findet in erster Linie nur zwischen den drei hoch industrialisierten Regionen Westeuropas, Nordamerikas und Südostasiens statt, während andere Regionen (v.a. Subsahara-Afrika) zunehmend vom Weltmarkt abgekoppelt werden. Es ist also zutreffender, von einer Triadisierung anstelle einer Globalisierung der Weltwirtschaft zu sprechen, die zudem mit einer Marginalisierung wirtschaftlich schwächerer Regionen einhergeht.

Darüber hinaus ist die Entwicklung eher sekundär von wachsendem Handel, aber primär von einer stark zunehmenden Mobilität des Kapitals gekennzeichnet. Das explosionsartige Anschwellen der Finanzmärkte und die dominante Stellung der transnationalen Konzerne sind weitere Merkmale des Prozesses.

4. Das Ende des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates und die Verschärfung der sozialen Gegensätze

Man kann sagen, daß sich in der Nachkriegszeit alle westlichen Industrienationen zu Wohlfahrtsstaaten entwickelten, auch wenn das Ausmaß der sozialen Absicherung durchaus unterschiedlich ist Um die soziale Absicherung zu erreichen, griff der Staat in die auf seinem Territorium stattfindenden Wirtschaftsabläufe ein - der interventionistische Staat war geboren; Mindestlöhne, Kündigungsschutz, steuerliche Umverteilung, Versorgung im Alter und im Krankheitsfall sind nur einige Beispiele dafür. Um die Ziele zu erreichen, die in Deutschland (wie in den meisten anderen Industrienationen auch) mit dem Begriff des magischen Vierecks umschrieben werden - angemessenes Wirtschaftswachstum, hohe Beschäftigungsrate, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Preisstabilität - bediente man sich der Instrumente, die den Nationalstaaten gemeinhin zur Verfügung standen: Geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen, Währungs- und Zinspolitik, steuerlich organisierte Umverteilung und Sozialversicherungswesen. Die wirtschaftspolitischen Aktivitäten des Staates bezogen sich - innenpolitisch wie außenpolitisch- stets auf die nationale Ökonomie.

Derzeit wird im Zuge der Globalisierungsdebatte häufig von einer Erosion des Nationalstaates gesprochen. So äußert sich Beck z.B. folgendermaßen:

„...die Inszenierung der Globalisierung erlaubt es den Unternehmern und ihren Verbänden, die politisch und sozialstaatlich organisierte Handlungsmacht des demokratisch organisierten Kapitalismus’ aufzuschnüren und zurückzuerobern.“ (Beck, Ulrich (1998): S. 14). Gemeint ist hiermit die Macht der Unternehmen jederzeit den Produktionsstandort wechseln zu können, sollten die Produktionsbedingungen vor Ort durch zu hohe Lohnnebenkosten oder andere Sozialabgaben nicht den Wünschen der Unternehmen entsprechen. Das Paradoxe an der Situation ist, daß die sogenannte Übermacht der Wirtschaft über den Staat erst durch politische Entscheidungen zustande kommen konnte wie z.B. der Durchsetzung des Paradigmas des Neoliberalismus.

Denn im Zuge der weltweiten Durchsetzung dieses Paradigmas wurden Weichen für einen beispiellosen Abbau internationaler Handelshemmnisse gestellt.

Die 1944 stattgefundene Gründung des IWF und der Weltbank ist hier nochmals als Weichensteller ebenso zu nennen, wie das Inkrafttreten des 1948 konstituierten GATT, welcher 1995 durch die WTO abgelöst wurde.

Im Zuge der letzten GATT Runden und aufgrund negativer Erfahrungen mit dem Einfuhrschutz und der Gängelung ausländischer Investoren öffneten sich immer mehr „Entwicklungsländer“ der Außenwirtschaft1. Viele multinationale Unternehmen führten daraufhin absatzorientierte und kostenorientierte Direktinvestitionen in diesen ausländischen Standorten durch.

Bis dahin national verankerte Großunternehmen entwickelten sich so zu multinationalen Konzernen und Global Players. So ist seit Anfang der achtziger Jahre “der internationale Handel in seiner Bedeutung für die grenzüberschreitende Produktion u. Verteilung von Gütern und Dienstleistungen zunehmend von einem System aus langfristigen Kapitalverflechtungen überlagert“ (Neyer, J., 1995: S. 13).

Das unternehmerische Leitmotiv jener Unternehmen wird durch den shareholder value bestimmt, d.h. sie sind gezwungen, die großen Aktionäre durch ausreichende Gewinnprognosen davon abzuhalten, ihnen ihr Kapital zu entziehen. Die dafür erforderliche Kostenminimierung der Unternehmen erfolgt meist durch soziale oder ökologische Kostenexternalisierung. „Ein Schiff als Produktionsstandort, mit dem man dort vor Anker geht, wo die Löhne, Steuern und andere Rahmenbedingungen am günstigsten sind“ wurde das Leitbild für viele Unternehmer (Martens, E., 1997: S.65). Diesem Leitbild getreu wird zumeist nur noch in Niedriglohnländern produziert und in Niedrigsteuerländern versteuert. Hierdurch treten die einzelnen Staaten untereinander in einen Wettbewerb, wodurch dem modernen Wohlfahrtsstaat die Existenzgrundlage entzogen wird, denn die meisten Staaten reagieren auf den Konkurrenzdruck mit Deregulierung und Abbau des Sozialstaates. Durch die gestiegene Mobilität von Kapital haben die Regierungen zudem auch immer größere Probleme ihre Ökonomien zu besteuern, um somit die Umverteilung von Reich zu Arm zu gewährleisten. Unter den Bedingungen entstofflichter weltwirtschaftlicher Interaktionen hat das klassische nationalstaatliche außenwirtschaftliche Regelwerk aus Zöllen, Quoten und anderen Handelshemmnissen seine Funktionalität weitgehend verloren.

„ Während der internationale Handel sich lange Zeit ganz überwiegend aus stofflichen Produkten zusammensetzte (Agrargüter, Rohstoffe, Halb- und Fertigwaren), die gemessen, gewogen und besteuert werden konnten, hat die Revolution des Kommunikationswesen dem internationalen Handel fast den gesamten Bereich der professionellen Dienstleistungen erschlossen. (...) Seit Mitte der achtziger Jahre wächst der internationale Handel mit Dienstleistungen (...) und beträgt heute fast 30% des Welthandels.“ (Neyer, J. 1995: S.14).

Die Tertiärisierung der Beschäftigung führt einerseits zu einem polaren Wachstum der Beschäftigung und vergrößert anderseits die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot an Arbeitsplätzen, denn Massenarbeitsplätze aus der Produktion sind weitgehend verschwunden (Vgl. Häußermann, H. 1998: S.137).

Hierdurch wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer und die Mittelschicht droht gänzlich zu verschwinden.

Kurz unter den gegebenen Bedingungen der globalen Ökonomie ist das Zielsystem des magischen Vierecks - angemessenes Wirtschaftswachstum, hohe Beschäftigungsrate, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Preisstabilität- aus dem Gleichgewicht geraten und wird durch eine neue Schwerpunktsetzung ersetzt. Um im Standortwettbewerb mit sogenannten Billiglohnländern konkurrieren zu können, ist die Politik der westlichen Industrieländer jetzt vornehmlich auf Vorteile gegenüber diesen Ländern in der Angebotsseite gerichtet. So wird insbesondere das Angebot von guter Infrastruktur und spezialisierten Arbeitskräften gefördert.

5. Neue Formen von Zentrum und Peripherie

Globalisierung verschärft nicht nur die sozialen Gegensätze in Industrieländern und die Verarmungsprozesse in den Entwicklungsländern sondern führt zu einer Umstrukturierung von Zentrum und Peripherie. Um diese These zu bekräftigen möchte ich zunächst Wallersteins Weltsystemtheorie vorstellen um daran anschließend Saskia Sassens Modell der Global City zu beschreiben, welches das Entstehen von neuen Formen von Zentrum und Peripherie analysiert.

Anhand einer historiographischen Betrachtung der Welt als ein System, angefangen im 15. Jhdt. (Welteroberung) erarbeitet Wallerstein eine Weltsystemanalyse. Hierbei unterscheidet er zwischen der Weltsystemstruktur und der Weltsystemdynamik. Letztere zeigt sich in Phasen der Expansion und Phasen der Konsolidierung.

Um die ökonomische Struktur der Weltgesellschaft zu analysieren, durch welche die Weltsystemstruktur dominiert wird, unterscheidet Wallerstein zwischen dem Zentrum, der Peripherie und der Semiperipherie.

Aus der globalen Perspektive der Wirtschaft ist die Bildung eines Zentrums notwendig um, das Kapital, das im gesamten Akkumulationsraum zirkuliert, kontrollieren zu können. Die Form in der sich diese Konzentration manifestiert, ist Gegenstand eines permanenten Kampfes. In der Geschichte des Kapitalismus traten so die Form des Reiches und vor allem die des transnationalen politisch-kommerziellen Netzes, das um eine oder mehrere Städte konzentriert war ebenso auf wie die staatliche Form des Nationalstaats (Vgl. Balibar, Etienne 1991: S.111).

Wallerstein unterscheidet in seiner kritischen Weltsystemanalyse folgende Spielarten von Weltsystemen: "Läßt man die heute ausgestorbenen Minisysteme beiseite, so bleibt als einzige Art des Gesellschaftssystems ein Weltsystem, das wir ganz schlicht als eine Einheit mit einer einzigen Arbeitsteilung und mannigfaltigen Kultursystemen definieren. Logisch gefolgert, kann es freilich zwei Spielarten solcher Weltsysteme geben: Ein Weltsystem mit einem gemeinsamen politischen System und ein Weltsystem ohne gemeinsames politisches System. Wir wollen die erste Variante mit dem Begriff `Weltreiche´ , die zweite mit dem Begriff `Weltwirtschaft´ kennzeichnen." (Wallerstein, Immanuel: Aufstieg und künftiger Niedergang des kapitalistischen Weltsystems. Zur Grundlegung vergleichender Analyse. S. 35. Zit nach Treibel A. 2000: S. 75)

Im Modernen Welt-System setzt sich die Struktur aus den Komponenten: Wirtschaftliche Zonen, Nationalstaaten, Sozialen Klassen und Statusgruppen zusammen.

Es handelt sich um eine kapitalistische Wirtschaftsordnung, die in einem Interstaatensystem organisiert ist, wobei sich die Nationalstaaten gegeneinander als konkurrierende Instrumente der Herrschaft des Zentrums über die Peripherie konstituieren (Vgl. Balibar, Etienne 1991: S. 110).

Die Durchsetzung der Nationalstaatsform gegen andere mögliche Formen wird nicht nur durch die "reine ökonomische Logik" erklärt sondern auch durch "die konkreten Konfigurationen des Klassenkampfes", da die Form des Nationalstaates "zumindest auf lokaler Ebene die Eindämmung der heterogenen Klassenkämpfe erlaubte und daraus nicht nur eine Kapitalistenklasse hervorgehen ließ, sondern Bourgoisien im eigentlichen Sinne, d.h. Staatsbourgoisien, die fähig waren, die politische, ökonomische und kulturelle Hegemonie auszuüben, und die ihrerseits durch diese Hegemonie geschaffen wurden." (ebenda S. 112).

Das Entstehen der wirtschaftlichen Triade USA, Europa und Asien mit den Global Cities New York, London und Tokyo als Zentren der Macht, kann als ein Zeichen für das Entstehen neuer Formen von Zentrum und Peripherie angesehen werden. Saskia Sassen spricht in diesem Zusammenhang von dem Entstehen einer neuen Geographie von Zentrum und Rand2. Wobei diese neue Geographie von Zentrum und Rand sich nicht nur auf eine Zentrierung der Macht in den Global Cities beschränkt.

Sie stützt sich dabei auf die folgenden drei Thesen (Vgl. Sassen, S. 1996: S.161 ff).

1. Die territoriale Streuung der wirtschaftlichen Unternehmungen fördert das Wachstum zentralisierter Funktionen und Abläufe.

Entgegen dem Konzept der Informationsökonomie, daß durch Telematik eine Neutralisierung des Raumes stattfindet, wodurch der Standort Stadt unbedeutend wird, und nur noch die Stätten der exportorientierten Produktion und Offshore-Bankenzentren Orte von strategischer Bedeutung darstellen, behauptet Sassen, daß den Städten insbesondere den global Cities eine wichtige neue Rolle zukommt.

Ihre Betrachtungsweise konzentriert sich auf die wirklich materiellen Prozesse der neuen Produktionszweige (Entwicklung von Telekommunikationsmitteln, unternehmensorientierte Dienstleistungen, Finanzgewerbe), welche ein eigenes Standortmuster besitzen: Die Agglomeration in den Global Cities.

2. Zentralisierte Kontrolle und zentrales Management zahlreicher gestreuter wirtschaftlicher Unternehmen ergeben sich nicht automatisch als Teil eines Weltsystems, denn die Fähigkeit zu globaler Kontrolle kann man nicht einfach auf einen strukturellen Aspekt der Globalisierung der Wirtschaftstätigkeit reduzieren. Diese Macht wird produziert, denn zentralisierte Kontrolle und zentrales Management erfordern die Produktion einer ganzen Reihe hoch spezialisierter Dienstleistungen sowie produktionsbezogener Dienstleistungen.

In diesem Sinne stellen die Global Cities nicht unbedingt eine neue Form des Zentrums dar, sie sind vielmehr die strategischen Produktionsstätten der heute führenden Wirtschaftssektoren.

3. Die wirtschaftliche Globalisierung trägt zu einer neuen Geographie von Zentrum und Marginalität bei.

Der Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie, der sich in der Vergangenheit auf den Unterschied zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern bezog, ist nun modellhaft auf jedes einzelne Land an sich übertragbar, denn Prozesse der Peripherisierung treten nunmehr in Bereichen auf, die einst als Kerngebiete galten genauso wie Prozesse der Zentrierung in ehemaligen Bereichen auftreten, die bisher als peripher galten. Zentrum und Rand werden quer zur althergebrachten Scheidelinie zwischen armen und reichen Ländern geographisch neu verteilt.

Das Zentrum und das "Andere" finden in der Stadt das strategische Terrain für ihr Unternehmungen, denn die Umorganisation der Arbeit in den alten Wirtschaftssektoren und der Wachstum der neuen Wirtschaftsektoren führt zu hohen Einkommensunterschieden, was zu Veränderungen in der gesellschaftlichen Reproduktions- und Konsumsphäre führt, die wiederum auf die wirtschaftliche Organisation und Einkommensverteilung zurückwirken. Trug dieser Rückkoppelungseffekt im Fordismus zur Reproduktion der Mittelschicht bei, so reproduziert er derzeit wachsende Einkommensunterschiede, unsichere Arbeitsverhältnisse und eine veränderte Konsumstruktur.

Dies führt dazu, daß sich im Zentrum großer Städte der entwickelten Länder nicht weit von den weltweit teuersten Gewerbeflächen entfernt sogenannte Ghettos oder Orte der sozialen Exklusion bilden.

Man könnte in diesem Sinne also von einer doppelten Umstrukturierung von Zentrum und Peripherie sprechen: Zum einen Bilden sich die neuen Zentren, nämlich die Global Cities heraus, zum anderen entstehen in diesen neuen Zentren neuartige Formen von Peripherien.

6. Zusammenfassung

Die oben angeführten Daten und Sachverhalte dürften aufgezeigt haben, daß Globalisierung - als ökonomische Globalisierung verstanden durch welche das neoliberale Wirtschaftsdogma gestärkt wird - keineswegs zu einem Zuwachs des Wohlstandes aller führt, sondern vielmehr den Wohlstand einiger weniger auf Kosten der großen Mehrheit steigert. Die Liberalisierung der Wirtschaft spielt den Interessen der Global Players zu, die nun ungestört durch Handelsbarrieren und dergleichen ihren Gewinn maximieren können wobei Kosten soweit es geht externalisiert werden und die Produktionsstandorte nach Belieben gewählt und ausgetauscht werden. Die Kostenexternaliserung erfolgt ebenso auf Kosten der Entwicklungsländer wie auf Kosten der Industrieländer. In einer Weltwirtschaft, die im Sinne der zweiten Moderne nicht mehr als Addition mehrerer Volkswirtschaften verstanden werden kann, wird die Möglichkeit der Nationalstaatlichen Politik steuernd in die Wirtschaft (welche nun keine Nationalstaatliche Volkswirtschaft mehr ist) einzugreifen stark eingeschränkt. Durch die Verlagerung der Nationalstaatlichen Politik vom Keynesianischen Wohlfahrtsstaat hin zum monetären neoliberalen Staat, gewinnt die Standortpolitik zunehmend an Bedeutung, was zur Folge hat, daß Inseln des Wohlstandes in einem Meer von Armut entstehen.

Literatur:

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Balibar, Etienne 1992: Die Nation-Form: Geschichte und Ideologie. In: Balibar/Wallerstein (Hrsg.): Race, Nation, Class. London.

Beck, Ullrich (1988): Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt/M. S. 130 Beck, Ulrich (1998) : Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus - Antworten der Globalisierung. 5. Aufl., Frankfurt/Main. S. 14.

vgl. Beisheim / Walter : Globalisierung - Kinderkrankheiten eines Konzeptes. S. 160 - 163 Häußerman, Hartmut 1998: Armut und städtische Gesellschaft. In : Geographische Rundschau Jg. 50, 1998, H.3, S. 136-138.

Hoogvelt, Ankie 1997: Globalization and the Postcolonial World. The New Political Economy of Development. Baltimore: John Hopkins.

Korten, David 1995: When Corporations Rule the World. Connecticut. Kumarian Press. vgl. Mahnkopf, Birgit: Soziale Demokratie in Zeiten der Globalisierung? Zwischen Innovationsregime und Zähmung der Marktkräfte. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 11/1998. S. 1318 - 1330, hier S.

Martens, E. 1997: Ein Zug ohne Bremsen. In: ZEITpunkte: Die mageren Jahre. ZEITmagazin, H. 1/97.

Martin Hans/ Schuhmann, Harald 1997: Die Globalisierungsfalle. Hamburg, Rowohlt.

Neyer, N. 1995: Das Ende von Metropole und Peripherie? Soziale Inklusion und Exklusion in der entgrenzten Weltwirtschaft. In: Peripherie, Nr. 59/60, Jg 1995, S. 10-29. Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1984): Pipers Wörterbuch zur Politik. Band 5 Internationale Beziehungen. München & Zürich. S. 176.

Nuscheler, Franz 1995: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. Bonn: Politisches Bildungszentrum. vgl. die Aufteilung von Perraton / Goldblatt / Held / McGrew: Die Globalisierung der Wirtschaft

Ricardo, David 1972 (1817): Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung. Herausgegeben von Fritz Neumark, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Sassen, Saskia ( 1996): Metropolen des Weltmarktes. Die neue Rolle der Global Cities.Campus Verlag. Frankfurt/M, New York. .

Scholz 2000: Perspektiven des "Südens" im Zeitalter der Globalisierung. In: Geographische Zeitschrift, 88 Jg. 2000, Heft 1, S. 1-20. Stuttgart. Franz Steiner Verlag.

Treibel, Annette (2000): Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Leske + Budrich, Opladen. S. 232.

World Bank 1998: Global Development Finance 1998. Analysis and Summary Tables. Washington D.C.

United Nations Conference on trade and Development 1997: Trade and Development Report 1997. Globalization, Distribution and Growth. Genf/New York.

United Nations Conference on Trade and Development 1997: World Investment Report 1997. Transnational Corporations, Market Structure and Competition Policy. Genf/New York. Unite Nations Development Programme 1997: Bericht über die menschliche Entwicklung 1997. Handbuch für internationale Zusamenarbeit.

Zinn, Karl Georg 1980: Die Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft. Politisches Handeln im ökonomischen System . Die verschiedenen Ursachen in der armen und der reichen Welt. In: E+Z, 97/11, S.293.

[...]


1 Protektionismus wird scheinbar nur noch geduldet, wenn er den Interessen, der wirtschaftlich mächtigeren Ländern dient. So z.B. der Agrarprotektionismus der EU.

2 Vgl. Sassen, Saskia ( 1996): Metropolen des Weltmarktes. Die neue Rolle der Global Cities.Campus Verlag. Frankfurt/M, New York. S.161.

Details

Seiten
26
Jahr
2001
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110644
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2
Schlagworte
Globalisierung Neue Formen Zentrum Peripherie Süden

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Titel: Globalisierung - Neue Formen von Zentrum und Peripherie