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Politische Rhetorik im Nationalsozialismus - Die außen- und innenpolitische Funktion von Joseph Goebbels Sportpalastrede "Wollt ihr den totalen Krieg?"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 33 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Politische Rhetorik im Nationalsozialismus
1. Überblick über eine problematische und defizitäre Forschung
2. Die Funktion der politischen Rede im Nationalsozialismus

III. Goebbels Sportpalastrede vom 18. Februar 1943
1. Institutionelle Kontextualisierung
2. Die politischen Funktionen
2.1. Außenpolitische Ebene
2.1.1. ‚Kampf gegen den Bolschewismus im Namen der europäischen Zivilisation’
2.1.2. Ein implizites Bündnisangebot zur Schaffung einer antibolschewistischen Front .1
2.1.3. Die Spaltung der Anti-Hitler-Koalition
2.2. Innenpolitische Ebene
2.2.1. Stalingrad als sinnstiftender Heldenmythos zur Mobilisierung der ‚Heimatfront’
2.2.2. Die Durchsetzung des ‚totalen Krieges’ gegenüber der NS-Führung
2.3. Die Schlussakklamation als Simulation eines demokratischen Plebiszits

IV. Fazi

V. Bibliografie

I. Einleitung

„Sich mit einem Gegenstand wie der >Rhetorik des Nationalsozialismus< zu beschäftigen, bedarf auch heute weder einer Einführung noch einer Rechtfertigung.“ (Volmert 1989, S. 137) Bereits nach der Lektüre nur weniger politischer Reden im Nationalsozialismus (NS) wird deutlich, dass die Behauptung Volmerts nicht haltbar ist. Diese Reden bereiten weder ästhetisches noch ethisches Vergnügen, sie verzaubern nicht durch intelligent-anspielungsreiche Sprachakrobatik, sie bieten keine den Wissenshorizont bereichernden Inhalte und rufen beim heutigen Leser keine Emotionen hervor. Kurz: Die politischen Reden im NS waren erfolgreiche, aber keine guten Reden (vgl. Kopperschmidt 1990). Warum also die Qual der Lektüre auf sich nehmen? Welchen Grund sollte es geben, sich mit diesen Reden auseinanderzusetzen? Die politische Rede „als originäre Existenzweise des Politischen“ (Kopperschmidt 1995, S. 10) ist stets Teil der politischen Kommunikation innerhalb einer politischen Ordnung. Die Analyse der zu diesem Zweck geschaffenen Institutionen aber auch der gehaltenen Reden kann Aufschluss über jene Ordnung, ihre Funktionsweise und die ihr zugrunde liegenden Normen und Werte geben. Die Beschäftigung mit den politischen Reden im NS erfolgt also hauptsächlich aus der Motivation, Erkenntnisse über den NS zu erlangen. Das im März 1933 eigens zur Lenkung und Kontrolle der politischen Kommunikation eingerichtete Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), das für die rhetorische Schulung der NS-Redner verantwortlich ist, zeigt die besondere Bedeutung der politischen Rede zur Stabilisierung und Aufrechterhaltung des NS. Joseph Goebbels (1897-1945), der seit 1926 Gauleiter von Berlin ist und seit 1933 Leiter des RMVP, konzentriert sich auf die Weiterentwicklung des Rundfunks, der maßgeblich für die mediale Distribution seiner Reden ist. Die ‚Stimme des NS’ hält am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast eine Rede, deren Besonderheit in ihrem historisch-politischen Kontext liegt: der Niederlage in Stalingrad.[1] Die Einkesselung der 6. Armee unter General Friedrich Paulus durch die zangenförmige Großoffensive der Sowjetunion (SU) im November 1942 führt am 31. Januar bzw. 2. Februar 1943 zur Kapitulation der deutschen Truppen.[2] Die offizielle Verkündung der Aufgabe Stalingrads löst bei der deutschen Bevölkerung einen Schock aus (vgl. Boberach 1984, S. 4750ff.) Die tiefe Erschütterung resultiert aus der „falschen Nachrichtenpolitik“ (Boelcke 1967, S. 302). Über Stalingrad wird seit Beginn der Sowjet-Offensive nicht mehr berichtet. Hitler übt sich in dem von ihm redigierten Wehrmachtbericht in der Kunst des Verschweigens (vgl. Boelcke 1967, S. 304). Auch Goebbels gibt in den geheimen Ministerkonferenzen[3] die Weisung, nur die „Härte und Schwere“ (Boelcke 1967, S. 305) der Kämpfe um Stalingrad zu betonen und alles Weitere nicht zu behandeln. Die durch die jahrelang optimistisch gestimmte, lediglich die militärischen Erfolge verkündende NS-Nachrichtenpolitik erzeugten Siegeshoffnungen werden nun enttäuscht, so dass nicht nur die Glaubwürdigkeit der Propaganda in eine Krise gerät, sondern auch eine Destabilisierung des NS-Systems zu erwarten ist (vgl. Bohse 1988, S. 79-80). In dieser außen- und innenpolitische Krisensituation hält Goebbels eine Rede, deren zentrale Frage ‚Wollt ihr den totalen Krieg?’ in das kollektive Gedächtnis über den NS eingehen wird. Jene Sportpalastrede soll in der vorliegenden Arbeit im Gegensatz zu den existierenden Studien, die meist nach der Ursache ihrer immensen Wirkung fragen, auf ihre Funktion analysiert werden. Dabei wird zu zeigen sein, dass Goebbels nicht Persuasion im Sinne des Überzeugens des vor Ort präsenten Publikums intendiert. Auch die Kategorien von ‚Überreden’ oder ‚Überwältigen’ sind bei Goebbels Rede nicht vordergründig relevant, weil sie gar nicht primär auf das Publikum vor Ort abzielt. Dieses wird lediglich benutzt, um zum einen machtpolitische Ziele nach Innen durchzusetzen, d.h. vor allem die von Goebbels bereits seit 1941 geforderten Maßnahmen zur totalen Kriegführung gegenüber der NS-Führung und Hitler konsequent durchführen zu können. Zum anderen versucht Goebbels außenpolitische Weichenstellungen vorzunehmen, um einen möglichen Zweifrontenkrieg gegen Deutschland zu verhindern. Dies soll im Folgenden mit Hilfe einer funktionsorientierten Analyse der Rede belegt werden, die linguistisch-stilistische Elemente nur aufgreift, wenn sie die Topoi und Adressaten markieren und damit auf die Funktion verweisen. Dazu soll zunächst ein Überblick über die Forschung zur politischen Rhetorik und zur Funktion der Rede im NS gegeben werden, um die Schwierigkeiten im Umgang mit NS-Reden und die hier gewählte Methode plausibel zu machen. Nach einer institutionellen Kontextualisierung der Sportpalastrede wird ihre außen- und innenpolitische Funktion zu erörtern sein. Zum Schluß der Arbeit soll auf die Problematik der Akklamation als Simulation einer demokratischen Volksabstimmung zur Legitimierung des ‚totalen Kriegs’ eingegangen werden.

II. Politische Rhetorik im Nationalsozialismus

1. Überblick über eine problematische und defizitäre Forschung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der politischen Rhetorik im NS eröffnet nicht nur ein weites Feld, sondern vor allem ein problematisches und defizitäres. Der Fokus der bisherigen Forschung liegt auf der Frage nach der Wirkung der Reden. Bis heute dominieren dabei Studien, die ‚politische Rhetorik’ auf die Analyse der Sprache reduzieren. So zeigt ein kurzer Überblick über die Forschungsliteratur, dass nach 1945 bis in die 60er Jahre vorrangig linguistisch-stilistische Arbeiten zur Sprache im NS publiziert werden, die sich einseitig auf die verwendeten Worte, grammatischen Erscheinungen und rhetorischen Stilmittel konzentrieren.[4] Die gesellschaftlichen und medialen Bedingungen, aber auch die Frage nach der Funktion der Rhetorik im NS werden dabei ausgeblendet. Problematisch ist vor allem die den Sprachanalysen zugrunde liegende These von der ‚Macht des Wortes’ (sog. Manipulationsthese). Die Studien gehen oft implizit von der Prämisse aus, dass nicht der Inhalt oder der Kontext der Reden, sondern allein ihre sprachliche Verfasstheit und die rhetorischen Fähigkeiten der Redner dazu geführt hätten, die Zuhörer zu Meinungen und Zustimmungen zu überreden, von denen sie in Wahrheit nicht überzeugt waren (vgl. Nill 1997). Die in den rhetorischen Studien bis in die 60er Jahre dominierende Auffassung vom NS lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

In der Weimarer Republik gab es einen Wahnsinnigen namens Hitler, der mit dämonischen Kräften und der Magie des Wortes eine derart unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Massen ausübte, daß sie gegen ihren Willen und ihr besseres Wissen in einen Rausch gerieten, aus dem sie erst im Abgrund der Katastrophe wieder erwacht sind. (Bohse 1988, S. 3)[5]

Neben linguistisch-stilistischen Untersuchungen gibt es Arbeiten, die sich mit dem System der Propaganda im NS auseinandersetzen.[6] Diese vertreten meist die These von der ‚Allmacht der Propaganda’, d.h. dass die Ausbildung einer differenten Meinung und eines eigenen Standpunktes aufgrund der allumfassenden Kontrolle der Medien und der wirkungsvollen Propaganda unmöglich gewesen sei, so dass die Bevölkerung den politischen NS-Reden ohnmächtig und zugleich begeistert Glauben schenkte. Bohse bildet mit seiner Studie zur Propaganda im NS eine Ausnahme, weil er die Demontage des ‚Mythos von den überredeten Massen’ und von der ‚Allmacht der Propaganda’ zum Ziel hat. Tatsächlich weist er anhand der Meldungen aus dem Reich nach, dass es Diskrepanzen gab zwischen den Einstellungen in der Bevölkerung und der offiziell behaupteten Zustimmung der Bevölkerung zur Politik der NS-Führung, d.h. dass die Propaganda nicht so wirkungsvoll war, wie von den Nationalsozialisten erhofft und von vielen Studien postuliert. Er zeigt, dass der inszenierten Kriegsbegeisterung in Wahrheit der Friedenswille eines Großteils der Bevölkerung gegenüberstand, der aber gegenüber dem System ohnmächtig blieb. Diese Einstellungen zogen nicht die entsprechenden Handlungen (z.B. Protest, Widerstand) nach sich. Er eräutert, dass Terror, Zwang und Konformitätsdruck in die Analyse der „Handlungsbereitschaft“ (Bohse 1988, S. 7) integriert werden müssen. Dies erklärt jedoch maximal die Duldung der NS-Herrschaft und den nur marginal existierenden aktiven Widerstand innerhalb Deutschlands, wohl aber kaum, warum ein Großteil der deutschen Bevölkerung die NS-Regierung und ihre Maßnahmen (vor allem die ‚Judenpolitik’) aktiv unterstützte (vgl. Goldhagen 1996). Folglich gehen beide Forschungstendenzen davon aus, dass Menschen mittels politischer Reden dazu gebracht werden, sich aktiv an etwas zu beteiligen, von dem sie nicht überzeugt sind, d.h. dass sie mittels Rhetorik manipuliert worden sind:

Mit Hilfe beider Vorstellungen kann damit plausibel gemacht werden, daß es im Nationalsozialismus eigentlich nur sehr wenig Nazis gab. Fügt man dem noch die alte Priestertrugvorstellung hinzu, wonach die >>Führer<< wider besseres Wissen handeln und den Unsinn, den sie verkünden, selbst nicht glauben, gab es – ein erstaunliches Ergebnis – überhaupt keine. (Nill 1997, S. 4)

Seit Mitte der 60er Jahre rücken ideologiekritische Studien die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen seit dem Ersten Weltkrieg ins Blickfeld, die ein Klima geschaffen hätten, in dem die Menschen für die NS-Ideologie besonders empfänglich gewesen seien. Ein alternativer Ansatz wird in psychologischen Untersuchungen verstärkt seit den 80er Jahren verfolgt.[7] Dieser forscht nach den unbewussten Wünschen und Einstellungen der Bevölkerung, die in den Reden gezielt angesprochen worden seien. Neueste Ansätze lassen sich zudem in den Kommunikations- und Medienwissenschaften verorten, welche die Inszenierung politischer Öffentlichkeit im NS analysieren und die politische Rede als Teil einer Massenveranstaltung untersuchen.[8] Sie sehen in den kontextuellen, parasprachlichen Elementen, d.h. den Symbolen (Fahnen u.a.), Ritualen und gemeinsamen Gesängen und Sprechchören, die eine Rede zu einem politischen Event, zu einem Gemeinschaftserlebnis inszenierten, die Ursache für ihre ihre Wirkung.

2. Die Funktion der politischen Rede im Nationalsozialismus

Der Forschungsabriss hat gezeigt, dass zahlreiche Studien nicht nur aufgrund der These von der ‚rhetorischen Verführung der Massen’, mittels derer die Möglichkeit von real existierenden Überzeugungen negiert wird, problematisch sind, sondern dass bereits die Fixierung auf die eindimensionale Fragestellung nach der Wirkung der politischen Rede Probleme aufwirft, da es in den meisten Reden nicht nur um die Zustimmung zu einer politischen Maßnahme geht, sondern um die Zustimmung zur NS-Ideologie insgesamt. Die Frage nach der Wirkung der Reden ist demzufolge implizit die Frage nach der Ursache für den Erfolg der Nationalsozialisten, die derart komplex ist, dass sie nicht allein im Rahmen der politischen Rhetorik erörtert werden kann. Wenn Kopperschmidt diesen Zustand pessimistisch mit den Worten „zur braunen Rhetorik ist der einschlägigen Rhetorikforschung bisher wenig eingefallen“ (Kopperschmidt 1995, S. 15, Anm. 19) resümiert, dann eröffnet sich die Frage, ob nicht der funktionsorientierte Ansatz der politischen Rhetorik auch für die Zeit des NS angewendet werden kann. Zu fragen ist also nach der Funktion der politischen Rede im NS. Die zu dieser Frage bereits existierenden Überlegungen unterscheiden vier wesentliche Funktionen.

Als erste Funktion wird stets die emotionale Überwältigung des Auditoriums genannt, mittels derer ihm Ansichten und Ideologien aufgezwungen werden sollen. Diese Annahme leitet sich u.a. von den Äußerungen Hitlers in Mein Kampf ab. So diene die Rede der „Beeinträchtigung […] der Willensfreiheit des Menschen” (Hitler 1933, 2. Bd., S. 531), die durch den „Appell an diese geheimnisvollen Kräfte [Gefühle]“ (ebd., S. 527) nicht den Verstand, sondern das „Herz des Volkes“ (ebd., S. 534) gewinnen solle. Laut Sluzalek besteht demnach die Hauptfunktion der Rede im NS in der emotionalen und psychischen Erregung, d.h. dass sie mittels ‚pathos’ und ‚ethos’im Sinne der rhetorischen Affektenlehre Gefühle beim Zuhörer evozieren soll, die ihm seine rationale Denkfähigkeit rauben (vgl. Sluzalek 1987, S. 54-55). Auch Volmert meint, dass die NS-Rede auf einen Akt der Überwältigung abzielt:

Ihm [Redner] kann es [...] nicht darum gehen, Angebote zu machen, Meinungen zur Diskussion zu stellen, dem Partner Chancen zu eröffnen für mögliche Entgegnung und Kritik [...]. Diese Rhetorik will nicht informieren, sie will auch nicht [...] überreden oder überzeugen; sie will überwältigen, und das im psychischen wie im physischen Sinne. (Volmert 1989, S. 148)

Die zweite Funktion der politischen Rede wird in der Legitimierung von Herrschaft gesehen. Grieswelle argumentiert ausgehend vom Konzept der ‚politischen Religion’, dass Herrschaft im NS allein über den charismatischen Führer im Sinne Max Webers legitimiert werde. Der Herrschaftsanspruch rechtfertige sich nicht aufgrund des Amtes, sondern aufgrund seiner persönlichen Qualitäten, die ihn nichtaustauschbar werden lassen (vgl. Grieswelle 2000, S. 94-120). Die politische Rede habe demzufolge die Aufgabe eben jene besonderen Eigenschaften des Führers zum Ausdruck zu bringen und damit seine Herrschaft zu legitimieren. Nach Sluzalek fungiert die politische Rede im NS ebenfalls als Legitimierung der Herrschaft, weil „das Auditorium während des Redeaktes zum freiwilligen und gläubigen Helfer des Systems stilisiert wird.“ (Sluzalek 1987, S. 49-50) Die dritte Funktion besteht in der Harmonisierung objektiv bestehender sozialer und ethischer Widersprüche. Sluzalek vertritt die Auffassung, dass die Rede, die ökonomisch-sozialen Probleme zwischen ‚Arm’ und ‚Reich’ verschleiern bzw. diese durch scheinbar bedeutendere Fragen verdrängen (‚Rassenkampf statt Klassenkampf’) soll. Nill dagegen sieht ihre Funktion darin, den ethischen Widerspruch zwischen der selbst behaupteten moralischen Anständigkeit und dem Handeln, d.h. der Unterstützung des NS-Systems bis zur Denunziation politischer Gegner und der aktiven Beteiligung an der Verfolgung der Juden und Jüdinnen, aufzulösen und mittels Rhetorik eine Welt zu konstruieren, in der beides miteinander vereinbar wird (vgl. Nill 1997, S. 6). Die vierte Funktion der politischen Rede im NS wird in der Erzeugung von Massen, d.h. in der Konstituierung einer ‚Volksgemeinschaft’, einer kollektiven Gefolgschaft gesehen. Nicht nur durch das gezielte Ansprechen der unbewussten Wünsche und Fantasien der Zuhörer, die so in einem „psychodynamischen Vereinigungsakt“ (Sluzalek 1987, S. 4) zu einer gehorsamen Einheit zusammengefügt werden, sondern auch durch die Integration der politischen Rede in organisierte Massenveranstaltungen (Aufmärsche, Fackelzüge, Kundgebungen) sollte der visuelle Eindruck einer geschlossenen Gemeinschaft evoziert werden.

In Bezug auf die Frage nach der Funktion der politischen Rede im NS zeigt sich, dass viele Studien eine begriffliche Unschärfe hinsichtlich der Definition und gattungsspezifischen Einordnung politischer Rede aufweisen.[9] Politische Rede im NS muss im umfassenderen Sinn als „längere[...] mündliche[...] Ausführung mit politischem Inhalt vor Publikum“ (Klein 1992, Sp. 1466) verstanden werden. Zudem muss unbedingt betont werden, dass die Rede im NS eine öffentliche Rede ist, die eben nicht vor Parlamenten, Fraktionen oder Volksversammlungen mit Entscheidungsgewalt (d.h. anschließender Abstimmung im Sinne einer Wahl) gehalten wird, sondern vor einem in Massen organisierten Auditorium ohne Souveränität, dessen zustimmende Akklamation nur zur Legitimation von Herrschaft bzw. der politischen Entscheidungen der NS-Führung im Nachhinein genutzt wird, d.h. mittels derer der Schein einer demokratischen Beteiligung des Volkes evoziert wird.[10] Dies soll anhand der Sportpalastrede belegt werden. Außerdem sollte das traditionelle Rednermodell dahingehend modifiziert werden, dass nicht nur das vor Ort präsente Auditorium als Adressat der Rede einbezogen wird, sondern auch das durch die im NS intensiv genutzte mediale Reproduktion der politischen Rede (v.a. durch den Rundfunk) erreichte Publikum innerhalb und außerhalb Deutschlands. Die Reden werden erwiesenermaßen von ausländischen Politikern und Journalisten gehört. Ein Fakt, der von den Nationalsozialisten einkalkuliert wird. Insofern kann die politische Rede im NS (besonders während des Krieges) eine außenpolitische Funktion haben, auch wenn sie zunächst nur an die eigene Bevölkerung adressiert ist – sei es zur Demoralisierung des Feindes, sei es als eine Form der ‚Diplomatie’.

Ebenso sollte die innenpolitische Funktion nicht allein auf den Adressaten vor Ort reduziert werden. Die politischen Entscheidungen der NS-Führung werden intern besprochen und beschlossen bzw. vom ‚Führer befohlen’. Dennoch verleugnet die Vorstellung von der monolithischen Führung, dass es durchaus interne Differenzen gibt. Die politische Rede kann auch die Funktion haben, Druck auf die Führung bzw. interne Kritiker zu erzeugen und sich so durchzusetzen. Diese innen- und außenpolitischen Funktionen sollen anhand von Goebbels Sportpalastrede im Folgenden nachgewiesen werden.

[...]


[1] Die Angabe der historischen Fakten folgt: Müller 2004.; Fetscher 1998, S. 31-45.

[2] Der mit der Hoffnung auf einen schnellen Sieg am 22. Juni 1941 begonnene Rußlandfeldzug erweist sich damit endgültig als Damoklesschwert für die Deutschen. Der Glaube an die ‚Unbesiegbarkeit der deutschen Armee’ wird zutiefst erschüttert. Nach dieser ersten bedeutenden Niederlage rücken die Alliierten immer weiter vor. Deshalb bedeutet Stalingrad historisch die militärische und psychologische Wende im Zweiten Weltkrieg.

[3] Goebbels trifft sich zwischen September 1939 und April 1945 fast täglich mit den Abteilungsleitern des RMVP und den wichtigsten Vertretern aus Funk, Film und Presse, um ihnen die Anweisungen und Richtlinien der Propaganda mitzuteilen.

[4] Klemperer 1966.; Sternberger/Storz/Süskind 1957.

[5] Die sprachwissenschaftlichen Analysen stoßen schnell an ihre Grenzen, indem sie lediglich feststellen können, dass in den Reden ein Stil vorherrscht, der sich durch einen beschränkten Wortschatz, umständlich gebaute Sätze und Wiederholungen leicht einprägsamer Parolen auszeichnet, mit dem sich der immense Erfolg der Reden aber nicht erklären lässt. Dass diese Reden trotz ihrer ästhetischen Mängel so erfolgreich waren, wird oft mit der fehlenden rhetorischen Tradition in Deutschland begründet.

[6] Vondung 1971.; Bramsted 1971.

[7] Theweleit 1980.; Sluzalek 1987.

[8] Schicha 2002.; Volmert 1989.

[9] Sluzalek zum Beispiel ordnet in seiner Analyse eine Hitler-Rede in das ‚genus deliberativum’ ein (vgl. Sluzalek 1987, S. 61ff.), während Klein plausibel macht, dass die politische Rede im NS keine genuin deliberative Rede ist (vgl. Klein 1992).

[10] Neben öffentlichen Reden gibt es auch Reden im informellen Rahmen, z.B. in den geheimen Konferenzen der Reichsminister (sog. Intragruppenkommunikation) (vgl. Bohse 1988, S. 67-68).

Details

Seiten
33
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640088324
ISBN (Buch)
9783640327287
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110670
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Politische Rhetorik Nationalsozialismus Funktion Joseph Goebbels Sportpalastrede Wollt Krieg Seminar

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Titel: Politische Rhetorik im Nationalsozialismus - Die außen- und innenpolitische Funktion von Joseph Goebbels Sportpalastrede "Wollt ihr den totalen Krieg?"