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Die musikalische Förderung von autistischen Kindern und Jugendlichen

Examensarbeit 2000 106 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung
1.1 Beobachtungen während des Zivildienstes:
1.2 Beobachtungen in der Schule für geistig Behinderte

2 Was wäre ein Leben ohne Musik ?
2.1 Die Bedeutung der Musik in unserem Leben
2.1.1 Die Geschichtliche Bedeutung
2.1.2 Die kulturelle Bedeutung
2.1.3 Die Bedeutung für die Sozialisation und Enkulturation des Menschen
2.1.4 Die soziale Bedeutung
2.1.5 Die individuelle Bedeutung
2.1.6 Die entwicklungspsychologische Bedeutung
2.2 Zusammenfassung

3 Wie wird Musik im Leben des Menschen bedeutsam?
3.1 Wirkungen von Musik
3.1.1 Die vegetative Wirkung
3.1.2 Die emotionale Wirkung
3.1.3 Die soziale Wirkung
3.1.4 Die ästhetische Wirkung
3.2 Musik erleben
3.3 Musik erfahren
3.4 Musik lernen
3.5 Zusammenfassung

4 Die musikalische Förderung in Abgrenzung zum Musikunterricht und der Musiktherapie
4.1 Zielsetzungen der Musikpädagogik und der Musik-therapie
4.2 Die musikalische Förderung in der Vermittlerrolle zwischen dem Musikunterricht und der Musik-therapie
4.3 Begriffsbestimmung der musikalischen Förderung
4.4 Zusammenfassung

5 Die Begründung der musikalischen Förderung
5.1 Zur Begründung der musikalischen Förderung im Allgemeinen
5.2 Zur Begründung der musikalischen Förderung bei geistig behinderten Menschen (nach T. Hartogh)
5.3 Musikalische Förderung in der Schule für geistig Behinderte (SfG)
5.4 Zusammenfassung

6 Was ist Autismus?
6.1 Defizitorientierte Beschreibungen von Autismus in der Literatur
6.2 Kanner-Syndrom und Asperger-Syndrom
6.2.1 Kanner-Syndrom
6.2.2 Asperger-Syndrom
6.3 Abgrenzung des Autismus zu ähnlichen Störungs-bildern
6.4 Ziel einer Diagnose
6.5 Diagnostische Einteilung der Symptommerkmale
6.6 Das Erscheinungsbild des Autismus
6.6.1 "Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind qualitativ beeinträchtigt" (1. Merkmal der ICD - 10)
6.6.2 "Die Kommunikation ist qualitativ beeinträchtigt" (2. Merkmal der ICD - 10)
6.6.3 "Das Repertoire an Aktivitäten und Interessen ist deutlich eingeschränkt" (3. Merkmal der ICD - 10)
6.6.4 Weitere Symptome
6.7 Diagnostische Instrumente
6.8 Zusammenfassung

7 Die Entstehungstheorien des Autismus
7.1 Genetische Verursachungstheorie
7.2 Psychologische und psychoanalytische Verursachungstheorien
7.3 Organologische Verursachungstheorie
7.4 Chemische und biochemische Theorien
7.5 Theorien in Verbindung mit anderen Erkrankungen
7.6 Übereinstimmende Sichtweisen aller Theorien in Bezug auf die Informations- und/ oder Wahrnehmungsverarbeitungsstörung
7.7 Multifaktorielle und entwicklungsorientierte Theoriemodelle
7.8 Schlußfolgerungen aus den beschriebenen Theoriemodellen und Ansätzen
7.8.1 Die Problematik der psychologischen Ansätze
7.8.2 Probleme der Ansätze über die Störung der Informations-verarbeitung
7.8.3 Die Bedeutung der entwicklungsorientierten und multifaktoriellen Ansätze
7.9 Zusammenfassung

8 Der pädagogische Umgang mit Autisten
8.1 Allgemeine Aspekte der Pädagogik mit Autisten
8.2 Verschiedene Förder- und Therapiemöglichkeiten
8.3 Der Beziehungsaspekt
8.4 Der diagnostische Aspekt
8.5 Aspekt des Symptomabbaus
8.6 Zusammenfassung

9 Didaktische Überlegungen zu einem musikalischen Förderansatz für autistische Kinder und Jugendlichen
9.1 Methodisches Vorgehen in der musikalischen Förderung im Allgemeinen
9.2 Der Bezug der musikalischen Förderung zum Bildungsplan
9.3 Didaktische Möglichkeiten einer musikalische Förderung mit Sebastian
9.3.1 Kommunikationsanbahnung
9.3.2 Musizieren und Begleiten von Liedern mit Instrumenten
9.3.3 Malen zu Musik (gemeinsames Anhören von klassischer Musik)
9.4 Didaktische Möglichkeiten einer musikalischen Förderung mit Calvin
9.4.1 Umsetzung von Musik in Bewegung
9.4.2 Umsetzung der Bewegungen in Musik
9.4.3 Anbahnung einer adäquaten Entscheidungsfindung
9.4.4 Überlegungen zu einer soziale Integration
9.5 Allgemeine Überlegungen zu einer Didaktik der musikalischen Förderung
9.5.1 Die soziale Ebene
9.5.2 Die kommunikative Ebene
9.5.3 Die emotionale Ebene
9.5.4 Die Wahrnehmungsebene
9.6 Zusammenfassung

10 Fazit

Literaturverzeichnis Musik

Literaturverzeichnis Autismus

1 Einleitung

Worum geht es ?

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich zwei Beobachtungen voranstellen, die mich auf die Untersuchung dieser Thematik brachten. Die erste Beobachtung konnte ich während meines Zivildienstes in einem Freiburger Kinderheim 1995 - 1996 machen. Den zweiten für diese Arbeit ausschlaggebenden Impuls bekam ich während der Erstellung eines diagnostischen Fördergutachtens im Rahmen der Ausbildung zum Sonderschullehrer.

Die zwei Beobachtungen sollen einen Spannungsbogen von Beginn dieser Arbeit bis hin zu ihrem Ende darstellen. Alle beschriebenen Erkenntnisse sollen darin auf das eigentliche Ziel weisen, nämlich die Überlegungen der didaktischen Umsetzung einer musikalischen Förderung bezogen auf die beiden erwähnten autistischen Jungen.

1.1 Beobachtungen während des Zivildienstes:

Der damals 11-jährige nichtsprechende autistische Junge Sebastian lebte seit einigen Jahren in der Gruppe mit mehreren anderen geistig behinderten Jugendlichen. Aus verschiedenen Gründen konnte er die Schule für geistig Behinderte (SfG) nicht besuchen und wurde im Heim unterrichtet.

Sebastian stellte gerne "irgendetwas" an. Entweder nahm er sich unerlaubt etwas zu essen aus der Küche, setzte das Bad unter Wasser oder rannte über das Treppenhaus zu anderen Gruppen und tobte im Haus herum. In solchen Fällen wurde er zur Ermahnung in sein Zimmer geschickt, indem er sich eine Zeitlang aufzuhalten hatte. Er hatte sich außerdem angewöhnt, wenn er die Gemeinschaft nicht ertragen konnte, weinend in sein Zimmer zu rennen, die Tür hinter sich zu schließen und auf seinem Bett stereotyp seinen Kopf in ein Kissen fallen zu lassen.

An einem Samstag machte ich folgende Beobachtung:

"Alle Jugendlichen mit zwei Betreuern waren in der Gruppe. Wieder einmal hatte Sebastian etwas angestellt. Er rannte schreiend und weinend in sein Zimmer, warf die Tür hinter sich zu, legte sich auf sein Bett und ließ seinen Kopf stereotyp in sein Kissen fallen. Wie üblich blieb er dort sich selbst überlassen. Ihm blieb nur die Möglichkeit seinen Frust, Ärger, Traurigkeit mit sich selbst auszuhandeln.

In dieser Situation, die aus meiner Sicht nicht mehr tragbar war, ging ich in sein Zimmer und setzte mich vor sein Bett. Ich konnte ihn genau beobachten wie er seinen Kopf in das Kissen fallen ließ. So saß ich ungefähr 10 Minuten ohne mich bemerkbar zu machen. Ob Sebastian meine Anwesenheit bemerkte, war nicht zu erkennen. Ich begann dann ein Lied im Rhythmus seiner stereotypen Handlung zu singen, welches er von mir bereits oft gehört hatte. Bisher hatte er jedoch nie dazu gesummt oder gesungen.

Während er seine stereotype Handlung weinend fortfuhr, schaute er mir oft für einen kurzen Moment in die Augen. Nach einiger Zeit begann er während meines Singens zu lautieren ("Wahwah - Wahwah" o.ä.). Das anfängliche Weinen versiegte immer mehr, dafür wurde das Lautieren stärker. Etwas später, während ich den Beginn des Liedes immer wieder sang, begann Sebastian den Liedanbeginn zum ersten Mal auf "la la la" mitzusingen. Das stereotype Kopf-ins-Kissen-fallenlassen behielt er weiter bei. Immer öfter blickte Sebastian mir in die Augen und lächelte vorsichtig vor sich hin. So saß ich nun ca. 20 - 25 Minuten vor ihm auf dem Boden, als er plötzlich das Lied mit mir gemeinsam "sang" und seine "Kissenstereotypie" beendete, seinen Kopf auf den Arm stütze und mich zufrieden (vorsichtig ausgedrückt glücklich) anlachte. Er streckte seine Hände nach mir aus, um meine Arme zu ergreifen und zog mich an sich heran. Dabei blickte er mir stetig und tief in die Augen.

Auf meine Aufforderung wieder aus seinem Zimmer zu den anderen der Gruppe zu kommen, kroch er aus seinem Bett. Wir gingen zusammen in die Küche, während er sich mit seinen Armen an mich hängte und zufrieden vor sich hinlächelte."

FAZIT:

Dieses Ereignis, bei dem die Musik eine große Rolle gespielt hat und mir vor allem den Zugang zu Sebastian ermöglichte, brachte mich damals schon auf die Überlegungen, in welchem Bezug Musik und Förderung eines autistischen Menschen zueinander stehen. Sehr eindrucksvoll war für mich vor allem der Wandel der Traurigkeit hin zum vergnügten und zufriedenen Lachen, sowie das Beenden der stereotypen Handlung durch den Umgang mit Musik und der Erfahrung der menschlichen Nähe.

1.2 Beobachtungen in der Schule für geistig Behinderte

Ich möchte ein weiteres Beispiel von einem 14-järigen autistischen Jungen erwähnen, der ebenso durch Musik (hier im speziellen durch Rhythmus) zu einer für ihn besonderen Handlung angeregt wurde. Auch diese Situation konnte ich in einer SfG, anlässlich einer Förderplanerstellung für diesen Jungen, beobachten. Calvin sprach ebenfalls nicht. Er kommunizierte lediglich über einige wenige oft unkonventionelle Handzeichen, Gestiken und Mimiken und erlernte die unterstützte Kommunikation mit Hilfe des Computers.

In der Klassengemeinschaft fiel es ihm besonders schwer, sich zu integrieren. Meist beschäftigte er sich mit einem stereotypen "Wenden von Gegenständen". Nach Berichten seiner LehrerInnen kam es auch immer wieder zu größeren Auseinandersetzungen mit Calvin, wenn die Klasse gemeinsame Aktivitäten im und außerhalb des Unterrichtes durchführte. Zwar hatte Calvin immer wieder Kontakt, auch körperlicher Art, mit seinen MitschülerInnen, doch blieb er im wesentlichen für sich allein.

Folgende Situation erlebte ich während eines durchgeführten Projektes ("afrikanisches Trommeln"), zu dem auch ein in Deutschland lebender junger Trommler aus Ghana in die Schule eingeladen wurde. Dieser Besuch hatte einen starken Eindruck auf ihn ausgeübt.

"In der beobachteten Stunde ging es nach anfänglicher Einführung in das eigenhändige Trommeln, vor allem um das Tanzen und Bewegen zu einer Percussionsmusik, die von einem Teil der Schüler gespielt wurde.

Schon während des Trommelns ließ sich Calvin auf das Hören der Musik aktiv ein, obwohl er in einer Ecke des Raumes auf dem Boden lag und mit einem großen Tuch hantierte. Interessiert schien er einerseits, durch sein genaues Beobachten der Gruppenaktivitäten und andererseits durch das Aufsuchen des Körperkontaktes zu MitschülerInnen bzw. LehrerInnen.

Als im zweiten Teil der das Tanzen und Bewegen zur Musik umgesetzt werden sollte, wurde Calvin aufgefordert ebenso zu tanzen. Seine MitschülerInnen nahmen ihn bei den Händen, integrierten ihn in den gemeinsamen Kreis der Tänzer. Calvin brach öfters aus dem Kreis aus, ließ sich dennoch immer wieder auf die Gruppe ein.

Trotzdem ich während dieser Stunde filmte und fotografierte, forderte er mich und andere im Raum befindliche Personen bei seinen "Ausbrüchen" aus der Gemeinschaft non-verbal auf, sich mit ihm zur Musik zu bewegen.

Erstaunlich war nicht nur seine große aktive Beteiligung in dieser wie auch in den vorangegangenen Stunden, sondern viel mehr die Situation, dass er von sich aus die Personen aus der Tanzgruppe bei den Händen fasste und die ganze Tanzgemeinschaft anleitete in der Form und Richtung zu tanzen, wie er es vorschlug. Dies ist für ihn auffallend gewesen, da er sich selten in Gemeinschaftsaktivitäten integrieren ließ und seine MitschülerInnen schon gar nicht zu einer solchen anleitete etwas bestimmtes zu tun." (Nach Berichten der Lehrerin, die dieses Projekt durchführte, wiederholte sich diese Szene in den folgenden Stunden noch des öfteren.)

FAZIT:

Calvin hatte durch die rhythmische Musik nicht nur einen Hörgenuss erlangt, sondern auch eine so große Motivation und Anregung erfahren, dass er begann, das Tanzen für kurze Zeiten immer wieder aus seiner eigenen Entscheidung heraus sich in das Tanzen der Klassengemeinschaft einreihte. Damit geht einher, dass er sich für das Geschehen und die Aktivität der anderen interessieren musste und sich auch auf die Gemeinschaft und Integration seiner selbst einließ. Da dies in anderen schulischen Bereichen sehr selten gelang, kann geschlußfolgert werden, dass die Musik für Calvin in diesem Fall einen Zugang zu der Klassengemeinschaft ermöglichte und ihm gleichzeitig soviel Motivation verlieh, dass er die Gruppe in der speziellen Situation sogar zum Tanzen anleitete.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zu Beginn klären, warum die Musik eine so große Bedeutung haben kann und was uns Menschen fehlen würde, wenn wir keine Musik hätten. Hier schließen sich Überlegungen in Kapitel 3 an, die ihren Blick bereits auf die musikalische Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher richten. Es soll geklärt werden, wodurch die Musik ihre Bedeutung im menschlichen Leben erlangen kann.

In Kapitel 4 folgt die Klärung des Begriffs "Musikalische Förderung", dessen Inhalte und Ziele. Hier soll vor allem die Abgrenzung dieser Bezeichnung zu den Begriffen "Musikunterricht" und "Musiktherapie" vorgenommen werden, denn alle drei Bedeutungen haben in einigen Bereichen inhaltliche Überschneidungen, lassen aber eine gleichzeitige Verwendung wegen grundsätzlich unterschiedlicher Zielrichtungen nicht zu.

Im folgenden 5. Kapitel findet sich eine Begründung für eine musikalische Förderung und ein Blick "in" die praktizierte musikalische Förderung in der Schule für geistig Behinderte (SfG).

Anschließend soll in Kapitel 6 der Autismus als sonderpädagogisches Handlungsfeld untersucht und unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Hieran schließen sich die verschiedenen Theorien über die Entstehung des Autismus an.

Kapitel 7 versucht die Theorien zur Entstehung von Autismus zu erläutern und voneinander abzugrenzen.

In Kapitel 8 geht dann um pädagogischen Umgang mit Autisten unter der Betrachtung einer Auswahl von Aspekten und den verschiedenen Therapiemöglichkeiten gehen.

Im neunten Kapitel werden didaktische Vorschläge einer musikalischen Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher anhand der in der Einleitung erwähnten autistischen Jungen Sebastian und Calvin vorgestellt. Hier schließt sich der Spannungsbogen, der mit den beiden beschriebenen Beobachtungen begann und mit den konkreten didaktischen Umsetzungen endet.

Ein abschließender Überblick aus den gemachten Erkenntnissen der vorliegenden Arbeit und noch offen gebliebener Fragen sind in Kapitel 10 beschrieben.

2 Was wäre ein Leben ohne Musik ?

Worum geht es ?

Die beiden Beispiele haben gezeigt, dass Musik Menschen dazu veranlassen kann Dinge zu tun, die sie in der Regel nicht durchführen. Die Musik hat in diesen besonderen Situationen eine Bedeutung für Sebastian und Calvin erlangen können. Es zeigt sich also: Musik hat eine besondere Bedeutung für das menschliche Leben. Innerhalb der Fragestellung, was ein Leben ohne Musik wäre, soll geklärt werden, welche Aspekte der Bedeutung die Musik in unserem Leben im Allgemeinen hat.

2.1 Die Bedeutung der Musik in unserem Leben

Überall erklingt Musik, zu Hause, bei der Arbeit, auf Reisen, im Auto, im Zug, im Flugzeug, ebenso in der Warteschleife des Telefons, in der Arztpraxis, im Kaufhaus, und natürlich auch im Kino, im Theater und Konzerten, in der Disco usw. [1] Hierbei nehmen Menschen die sie umgebende Musik meist in passiver (rezipierender) Form wahr, aber auch das aktive Musik machen hat eine große Bedeutung in unserem Leben. So machen viele Menschen schon in jungen Jahren ihre ersten aktiven musikalischen Schritte in der musikalischen Früherziehung. Ebenso werden Theaterstücke in Kindergärten und Schulen mit Musik untermalt. Im Erwachsenenalter spielen dann viele Menschen in ihrer Freizeit Musikinstrumente. Entweder allein oder auch in der Gemeinschaft mit anderen Musikern setzen sie sich zusammen und lassen Musik der unterschiedlichsten Stilrichtungen erklingen. Musik ist ein Teil unserer Umwelt, sie ist Ausdruck des menschlichen Lebens, Ausdruck von Kultur und sie ist überall gegenwärtig.

2.1.1 Die Geschichtliche Bedeutung

Die Musik hat schon seit jeher eine große Rolle im Leben des Menschen gespielt. Wahrscheinlich existierte bisher keine Kultur, die auf Musik im weitesten Sinne verzichten konnte.

In der Antike hatte die Musik vor allem eine politische Bedeutung. Aus der Musik wurden im Sinne der Ethoslehre pädagogisch-therapeutische Funktionen abgeleitet, die zum Aufbau und zur Festigung des bestehenden Gesellschaftssystems dienlich waren. Daneben hatte auch die subjektive Musikbedeutung für den einzelnen Menschen und das individuelle Erleben ihren Platz. Jedoch war dies damals eine untergeordnete und verpönte Bedeutung der Musik. [2]

Im Mittelalter übertrug man die von Musik auf die Gesellschaftsordnung bezogenen ethischen Normen der Antike auf die christliche Religion. Es kam zu einer Wiederbelebung des antiken Gedankenguts. Dennoch trat in der Folgezeit das individuelle Erleben und Erfahren von Musik immer mehr in den Vordergrund. Dies zeigt sich in der Schaffung der sogenannten “Affektenlehre”, oder oft auch als “Sprache des Gemüts” bezeichnet. Hier bei ging es um die Darstellung von menschlichem Erleben durch bestimmte musikalische Formen. [3]

Komponisten der Moderne, die mit dem “über-Bord-werfen” alter Traditionen und Strukturen, einen weiteren entscheidenden Schritt taten, um ihrem eigenen Ausdrucksbedürfnis in der Musik noch mehr Raum zu geben.

Heute hat die Musik durch die Technisierung und Mediatisierung unserer Umwelt und deren rasanter Fortschritt eine nie dagewesene Bedeutung erlangt. Hierdurch konnte Musik jeden Stils für alle Menschen zugänglich werden. War der Zugang zu den verschiedenen Musikarten früher meist abhängig von sozialer Herkunft, von Geld, von Alter usw., ist dies heute nicht mehr der Fall. Musik ist von all dem unabhängig geworden. [4]

Ebenso ist die Musik nicht an Zeit und Ort gebunden. Immer und überall kann Musik gehört und gemacht werden. Durch die Medienvermittlung hören Menschen in Deutschland im Durchschnitt drei Stunden pro Tag Musik. [5] Aber auch das aktive Musik machen ist vielmals in Abhängigkeit von Medien und Technik geraten. Zum einen ist Musik in vielen Fällen über Lautsprechersysteme (PA-Anlagen) verstärkt, zum anderen kann Musik im Gegensatz zu früher immer häufiger allein gemacht werden. So gibt es Geräte, die Instrumente simulieren (Sequenzer) oder auch immer mehr Mit-Spiel-CDs, die in verstärktem Maße beim Erlernen eines Instruments eingesetzt werden.[6]

Doch auch vor der Technisierung und Mediatisierung hat Musik als Unterhaltungs- und Gebrauchsmusik das Leben der Menschen begleitet. Damals, wie heute dient sie zur “Optimierung von Lebensgefühl, Schaffung von Lebensqualität durch Musik - zur Unterhaltung, Freude, Ablenkung von Alltagsrealtität”.[7]

2.1.2 Die kulturelle Bedeutung

Der Mensch baute sich neben seiner biologischen Natur eine sogenannte "zweite Natur", die Kultur, auf. Die Kultur hatte und hat ihren unverzichtbaren Bestand seit Jahrtausenden. [8] Kultur ist alles, was der Mensch selbstgestaltend und schöpferisch hervorbringt. Dazu gehören neben der Technik, die Wissenschaft, das Recht, die Religion, die Moral usw. auch die bildenden Künste, wozu auch die Musik gezählt wird. Der kulturelle Ausdruck des Menschen im Bereich Musik “besteht entweder im Vollzug künstlerischen Schaffens (...) oder in der spezifischen erlebnismäßigen Reaktion auf ein wahrgenommenes Kunstobjekt (...).” [9]

Hier hat die Musik ihren Stellenwert als Ausdruck von Gefühlen, von Phantasie, von Gedanken, die unabhängig von passiver Wahrnehmung oder aktivem Ausüben ist. [10]

Die Bedeutung der Musik hat sich in der Menschheitsgeschichte immer gewandelt. So hatte sie mal eine bedeutende Rolle für den religiösen Kult, dann wieder für die Geselligkeit und immer wieder eine entscheidende Rolle für das Bedürfnis nach ästehtischem Genuß. Die Veränderung der Bedeutung der Musik konnte, mußte und wird in Zukunft stattfinden, da die Musik wandlungsfähig ist und der Mensch bei der Schaffung von Musik immer wieder nach Neuem strebt. [11]

2.1.3 Die Bedeutung für die Sozialisation und Enkulturation des Menschen

Die Begriffe Sozialisation und Enkulturation stehen in einem Wechselverhältnis. Während Sozialisation die Beeinflussung des Individuums durch dessen Umwelt beschreibt, geht es bei der Enkulturation um die “Aspekte der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt.” [12]

Für die Rolle der Selbstfindung, Cliquenbildung und Abgrenzung hat die Musik in der Sozialisationphase besonders von Jugendlichen eine große Bedeutung. Soziale Beziehungen werden unter anderem durch gleichen oder ähnlichen Musikgeschmack aufgebaut. “Die musikalische Sozialisation gilt als der Prozeß des Individuums, das seine musikalische Wahrnehmungs-, Urteils-, und Ausdrucksfähigkeit entwickelt und verändert.” [13] Hieraus ergibt sich, dass individuelles Musikerleben sehr oft abhängig ist von den sozialen Beziehungen, und damit wiederum in Abhängigkeit von und Verbindung steht mit dem musikalischen Erleben anderer Individuen.

In der Enkulturationsforschung wird dagegen untersucht wie musikalisches Handeln im Umgang mit Musik die Grundlage für Musikverständnis und musikalischen Geschmacks ist und ein sich musikbezogenes Verhalten und Handeln des Individuums entwickelt. In diesem Prozeß baut ein Mensch “Erfahrungsinventare und Handlungskompetenzen” [14] auf, der aus Aneignung von Musik, dem Ausführen von Musik und dem Aufbau eines subjektiven Bezugs zu verschiedener Musik besteht.

Musik hat dementsprechend einen großen Einfluß im Aufbau von sozialen Beziehungen und im eigenen persönlichen Umgang mit ihr.

2.1.4 Die soziale Bedeutung

“Musik hat gesellige Natur” schreibt A. SCHERING. [15] Die Musik hat im Gegensatz zu den anderen Künsten eine Kraft der Gesellschaftsbildung. Zum Einen dadurch, dass sich zum Musik machen in den meisten Fällen Gemeinschaften bilden, zum Anderen dadurch, dass die musikalische Aussagekraft Massen von Menschen mit gleicher oder ähnlicher Gesinnung miteinander verbindet. [16] Es zeigt sich hier die gemeinschafts-bildende Kraft der Musik, die unabhängig ist von rezipierender Wahrnehmung und aktivem Musik machen. Da treffen sich die einen zur Band- oder Orchesterprobe, während die anderen sich in der Disco bei der Musik vergnügen, die dem eigenen Musikgeschmack entspricht. Wieder andere gehen gemeinsam zu (klassischen) Konzerten, die anderen in den Jazzclub. Hier spielt die Bedeutung der Musik bei der musikalischen Sozialisation und Enkulturation mit hinein., die, wie bereits aufgezeigt, menschliche Beziehungen entstehen oder auch auseinander brechen lassen.

2.1.5 Die individuelle Bedeutung

Heute hat die Musik eine Bedeutung erlangt, die mehr und mehr das eigene Erfahren und Erleben in den Vordergrund stellt. Die Rolle der Musik zur Entspannung, zur Phantasieanregung, zur Persönlichkeitsbildung, zur Steigerung des Selbstwertgefühls und der Lebensfreude ist unumstritten. So gehört Musik nicht nur zur Menschheitsgeschichte im Allgemeinen sondern speziell auch zur Entwicklung jedes einzelnen Menschen an sich. [17] Denn “ohne Frage handelt es sich um ein Medium, mit dem Menschen ihre Erfahrungen, Erlebnisse, soziale Beziehungen ausdrücken und anderen mitteilen können.” [18]

Die Musik kann aber erst einen Stellenwert bei einem Menschen erreichen, wenn sie in ihm mitschwingt, Freude verbreitet, für das Individuum schön ist, wenn der Mensch etwas mit ihr verbinden kann. Sie muss eine individuelle Bedeutung erlangen. [19]

2.1.6 Die entwicklungspsychologische Bedeutung

Das Musik eine solche große Bedeutung erfahren hat, gründet sich unter anderem in der frühen Entwicklung des menschlichen Gehörsinns. Bereits in frühen Entwicklungsstadien von Föten, lassen sich deren Reaktionen auf akustische und rhythmische Reize nachweisen. Sie hören schon früh den Herzschlag, die Geräusche und Klänge aus der direkten Umgebung im Mutterleib und genauso akustische Reize, die von außerhalb an das Ungeborene heran getragen werden. Gleichzeitig nimmt ein ungeborenes Kind von Beginn an das rhythmische Wiegen beim Gehen der Mutter wahr. Ganz früh also wird das ungeborene Kind mit Geräuschen und Klängen konfrontiert, die eine Grundlage bilden, Musik, Klänge, Geräusche und Töne auch in den späteren Entwicklungsphasen wahrzunehmen und ihnen Bedeutungen zuzumessen. [20]

Die Rolle der Musik kann auch aus der Sicht des neurovegetativen Nervensystems betrachtet werden. Denn es bestehen nachweislich direkte Verbindungen zwischen dem Hören und dem Gefühlszentrum, dem limbischen System. Damit erhält Musik eine unmittelbare Gefühlsbedeutung, nämlich die “Lust am Hören” wie H. Rauhe/ H. Flender schreiben.

Da der Mensch im Gegensatz zu anderen Wahrnehmungsorganen, die Ohren nicht schließen kann, ist für ihn Musik und Klang “allgegenwärtig”. Er kann sich ihr nicht verschließen. Dies kann er lediglich durch das selektive Ausblenden erlernen und möglich machen. 18

2.2 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Musik den Menschen bis heute begleitet hat und auch in Zukunft begleiten wird. Dies liegt zum Einen an der Wandlungsfähigkeit von Musik. Ihre Formen sind nicht auf eine bestimmte Zeit in der Menschheitsgeschichte festgelegt. Diese haben sich immer schon gewandelt und sind den jeweiligen Situationen angepaßt worden, da Musik vom Mensch geschaffen ist, und dieser strebt immer nach der Schaffung von Neuem. [21]

Zum anderen liegt es daran, daß die Musik in unsere Wirklichkeit eingreift, denn in ihr liegen Erlebnisse, Gefühle von Menschen, die sich mit dem Leben und der Wirklichkeit auseinander setzten bzw. dies in der Vergangenheit taten. Die Musik spiegelt dies wider. [22]

Da Musik einen großen Teil unseres Lebens ausmacht, gehört es zur Entwicklung eines menschlichen Individuums, dass Musik für jeden zugänglich wird. Die Vermittlung eines Zugangs zur Musik ist unabhängig von Alter, Intelligenz, sozialer Herkunft, Hautfarbe oder Behinderung. So schreibt H. MOOG vom Sinn der Musikerziehung: “Eigentlich genügt jedem Musikunterricht, der in die Musik einführt, der musikalische Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt als Legitimation, dass er hilft das Leben zu verschönern und wichtige Ereignisse im Leben tiefer zu erfahren. Für den Behinderten hat das insofern besondere Bedeutung, weil er ansonsten so manche Zurückstellung erfahren muss.” [23]

Gerade deshalb ist er wichtig autistischen Menschen den Zugang zur Musik zu eröffnen. Diese muss auch in ihrem Leben eine Bedeutung erhalten, so dass ihr Leben bereichert wird und sie Erlebnisse tiefer erfahren können.

3 Wie wird Musik im Leben des Menschen bedeutsam?

Worum geht es ?

Musik erhält ihre Bedeutung im Leben dadurch, dass sie auf uns wirkt, wir durch sie viel erleben, erfahren und wir schließlich einen Umgang mit ihr erlernen. Das wird mit dem Begriff Musiklernen umschrieben. Musiklernen (in der Literatur auch als musikalisches Lernen benannt) bezeichnet den “Prozeß der Wahrnehmung, Rezeption und der Aneignung im Bereich der Musik im umfassenden Sinn.” [24]

Musik erleben, Musik erfahren und Musik lernen kann jeweils im aktiven (produktiven) wie im passiven (rezipiernden) Umgang mit dem Kunstgegenstand Musik geschehen.

In diesem Kapitel sollen die genannten verschiedenen Aspekte betrachtet werden.

3.1 Wirkungen von Musik

“Jedes Klangphänomen hat seine bestimmte Wirkungsweise, der sich niemand entziehen kann. Wir sind einer Welt von Klangwirkungen verschiedenster Art ausgeliefert, z. B. Flugzeuglärm, Maschinen, usw.; es gibt kaum noch Orte der Stille.” [25] In der Literatur werden viele Wirkungen von Klängen und Musik beschrieben. W. Probst erklärt dies etwas genauer: “Musik, wann immer sie selber machend oder rezipierend erlebt wird, übt auf den sie Erlebenden eine psychische und/ oder somatische Wirkung aus.” [26] Im Bezug auf die Erhöhung schulischer Lernleistungen zeigt er an anderer Stelle auf, dass Musik förderlich sein kann, wenn Konzentration und Aufmerksamkeit erhöht werden sollen. Aber auch körperliche und seelische Dispositionen, Verhalten, Reaktionen, Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen, Einstellungen und Bewegungskoordinationen können durch Musik beeinflusst werden. [27] Grundsätzlich lassen sich die Wirkungen der Musik unterscheiden in der Art und Weise, ob sie rezipierend oder durch die Produktion von Musik hervorgebracht werden. Aus der Musiktherapie, die auf den Heilwirkungen von Musik gegründet ist, kann diese Unterteilung übernommen werden. [28] Bei einer reziptiven Musiktherapie geht es um ein kontemplatives und aufmerksames Zuhören, welches angeleitet werden muss. Dagegen kann Musik auch durch das aktive Musik machen in Verbindung mit Bewegung, Tanz, Malen, Zeichnen und anderen künstlerischen Tätigkeiten ihre Wirkungen hervorbringen. In der Forschung der Musiktherapie ist man in Deutschland inzwischen auf dem Standpunkt, dass vor allem die aktiven Formen die Wirkungen der Musik hervortreten lassen. Die reziptive Musiktherapie hat dagegen in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren. [29]

Mit dem Begriff “Wirkungen von Musik” werden i. d. R. alle psychischen Prozesse beschrieben, die im passiven und aktiven Umgang mit Musik in unterschiedlichster Intensität auftreten können. Die große Schwierigkeit in der Musikforschung liegt darin, daß vor allem die vegetativen (körperlichen) Wirkungen mit Hilfe von medizintechnischen Geräten nachgewiesen werden können, während alle anderen in der Literatur beschriebenen Wirkungen darauf beruhen, daß sie aufgrund des individuell unterschiedlichen Erlebens lediglich durch Beobachtung dargestellt werden können. Dazu gibt es zahlreiche empirische Forschungen.

Im folgenden sollen vier verschiedene Wirkungen der Musik kurz beschrieben werden. Daran soll erkannt werden, welche Möglichkeiten für autistische Kinder und Jugendlichen im Umgang mit Musik liegen.

3.1.1 Die vegetative Wirkung

Die Auswirkungen der Musik, die die Körpertätigkeiten des Menschen beeinflusst, sind mit technische Geräten messbar. Musik wirkt sich aus auf die Herzfrequenz und Atmungsaktivität, auf die Intensität der Gehirnwellen, ebenso auf den Hautwiderstand und sogar das Blutbild. [30]

Es wird angenommen, dass die Wirkungen des musikalischen Rhythmus Grundlage für alle weitere Körperreaktionen sind. R. Spintge stellt dar, dass der Körper und das ganze menschliche Leben rhythmischen Zyklen unterliegen, wie auch alle Parameter der Musik einen gewissen Grad an Zeitordnung oder Zeitstruktur im Ablauf des musikalischen Prozesses zeigen. “Unsere klinische Arbeit zeigt, dass der Rhythmus das effektivste musikalische Element darstellen könnte.” [31] Der Körper ist fähig über neuronale Verknüpfungen die Rhythmen der Musik aufzunehmen und ihr seine eigene Tätigkeit für eine gewisse Dauer anzugleichen. [32]

3.1.2 Die emotionale Wirkung

“Musik ist ihrem Wesen nach eine emotionale Erfahrung und kann so weit und variiert in ihrem Inhalt sein wie menschliche Emotionen selbst.” [33] Eine Begründung für die emotionale Wirkung der Musik kann in der genaueren Betrachtung des menschlichen Gehirns gefunden werden. Der Thalamus ist der Teil des Gehirns, in dem sich alle sensorischen Bahnen sammeln. Hier werden sie das letzte Mal umgeschaltet und emotional gefärbt, bevor sie dann im Großhirn zum Erlebnis werden. [34]

J. Alvin spricht von einer “thalamischen Reaktion” [35] auf Sinneseindrücke, die nicht von den höheren Funktionen des Gehirns interpretiert werden müssen. Daraus folgt, dass Musik bereits jenseits der messbaren elektrischen Ströme in der Großhirnrinde, damit jenseits des Bewusstswerdens und Reflektierens, Wirkungen der emotionalen und vegetativen Art hat. Der Hypothalamus, ein Teil des Thalamus, umfaßt das höchste Zentrum des autonomen Nervensystems. Hier werden alle selbstständig ablaufenden Körperfunktionen (z.B. Herzschlag, Atmung usw.) geregelt. Der Hypothalamus liegt am Ende des Hirnstamms. In diesem Bereich müssen alle eingehenden Informationen hindurch, um in die Projektionsfelder des Großhirns zu gelangen. Hier werden sie aber auch, und das ist das entscheidende für die emotionalen Wirkungen von Musik, emotional unterlegt und gefärbt. Diese Aufgabe übernimmt das “limbische System”, welches dem Hypothalamus angegliedert ist. “Das limbische System steuert das emotionale Verhalten und damit das Motivationsgefüge von Mensch und Tier.” [36]

Da auch die Herz- und Atmungsfunktionen und alle anderen autonomen Funktionen des Menschen hier liegen, haben musikalische Sinneswahrnehmungen einen direkten Einfluß darauf. Jeder Mensch reagiert durch diese engen Verknüpfungen des emotionalen Zentrums (“limbisches System”) und dem Zentrum aller autonomen Körperfunktionen (“Hypothalamus”) unabhängig von Alter, Intelligenz, Herkunft, Behinderung auf Musik. Zur Verdeutlichung folgt an dieser Stelle eine schematische Abbildung des Gehirns.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Quelle "Linder Biologie" (1990)

3.1.3 Die soziale Wirkung

Musik ist von Menschen für Menschen gemacht. M. Buber beschreibt, dass die Musik erst durch die Zuordnung von Tönen und Geräuschen nach bestimmten Ordnungsprinzipien durch den Menschen zu Musik wird. Das Wesen der Musik ist also menschlich. Das birgt in sich, dass Musik eine “soziale Tatsache” ist.[37] Damit lassen sich zwei Aspekte herausstellen. Zum einen steht der Dialog zwischen dem Schöpfer von Musik und dem Hörer dieser Musik im Mittelpunkt. Musik spielt sich ab im Bereich der Interaktion und Kommunikation. Zum anderen treten Menschen durch Musik in Kontakt, wenn sie miteinander, untereinander, zuweilen auch gegeneinander musizieren. Menschen tanzen miteinander, spielen gemeinsam im Orchester, singen Lieder, hören ähnliche Musik, haben gleiche Musikvorlieben.

Die Wirkung der Musik auf das Individuum und die Gruppe liegen darin, dass Instrumente (Stimme ist als Körperinstrument dazuzuzählen) beim aktiven Musizieren zwei haben - eine distanzierende und eine integrative. Durch die Distanz zwischen den Spielern wird einerseits die Individualität gestärkt, durch die integrative Wirkung des Instruments wird eine Gruppe zusammengefügt. So entsteht eine Zusammenarbeit, trotz mancher hinderlicher Gründe, die in Gruppenprozessen auftreten. [38] Hier besteht zwar der Bezug zum Instrument und dessen soziale Wirkung. Dies kann aber nur integrativ wirksam werden, dadurch dass Musik gemacht wird. Doch auch beim "passiven" Hören von Musik entfalten sich die sozialen Wirkungen der Musik. Aufgrund des täglichen Umgangs mit Musik und anderen Menschen entstehen Vorlieben und Geschmäcke, die uns mit den Menschen gleicher oder ähnlicher Vorlieben im Bereich Musik zusammenfinden lassen.

3.1.4 Die ästhetische Wirkung

Erst wenn Musik als Musik wirken kann, gibt es autonome ästhetische Wirkungen von Musik. “Hierbei kann das subjektive Gefühl, dass die Musik auf den passiven Hörer (und auf den aktiven Musizierenden – M. Dietrich) wirkt, die Musik ihre Eindrücke und Spuren hinterlässt, zurücktreten zugunsten, dass wir aktive, deutende Betrachter der strukturellen und ausdrucksvollen Aspekte der sich in der Zeit entfaltenden Musik sind.” [39] H. Gembris beschreibt die ästhetische Wirkung von Musik aus der Sicht der reziptiven und praktischen Musiktherapie. Erst die seelenbewegenden Musikerlebnisse, berühren den Menschen, denn Musikerlebnisse führen zu den tieferen seelischen Schichten, die die Wirkungen der Musik zulassen. Sie sind die Grundlage dafür, dass Musik zu einem ästhetischen Erlebnis werden kann. [40]

Die Wichtigkeit, dass auch die ästhetische Wirkung der Musik nicht nur beiläufig erfahren wird, sondern auch gelehrt werden sollte, beschreibt der Musikpädagoge K. H. Ehrenforth. Er beruft sich auf H. v. Hentigs “Leben mit der aisthesis”.

Die ästhetische Wirkung hängt wie das Musikerleben von der Individualität und Erlebnisfähigkeit des einzelnen Menschen ab. Erst durch die Akzeptanz und Toleranz durch einen oder mehreren Menschen wird Musik zur Kunst, zum Erlebnis, zur Freude, zu etwas Schönem, zu einer sinnlichen Erscheinung, die schließlich eine Bedeutung im Leben eines Menschen bekommen kann. Als Forderung aus anthropologischer Sicht kann eine ästhetischen Erziehung der Anwalt einer Wahrnehmung sein, "die reflexive, emotionale und sinnlich-handelnde Komponenten im päd. Vollzug, die Welt und sich selbst nicht einseitig zu verstehen" [41].

Zusammenfassend kann man über die Wirkungen der Musik sagen, dass als physische und psychische Prozesse vor allem die Dimensionen der Aktivation und Entspannung als Auswirkungen der Musik auf die Körperbefindlichkeit oder “auf eine Beeinflussung der situativen Gestimmtheit, die ihrerseits wiederum andere Veränderungen zur Folge hat” [42], hervortreten. Es ist jedoch nur zum Teil erklärt, warum Musik alle diese Wirkungen in erster Linie hat. [43] Wenn auch nicht immer eindeutige Erklärungen vorhanden sind, lässt sich sagen: “Musik hat Wirkungen, Auswirkungen. Genauer gesagt, wirkt nicht die Musik, sondern wird Musik, indem sie erlebt wird, wirksam.” [44]

3.2 Musik erleben

“Das Erlebnis” ist “allgemein sowohl ein Geschehnis oder Ereignis, durch das jemand stark und nachhaltig beeindruckt wurde, eine bedeutungsvolle, emotional stark gefärbte Erfahrung als auch jedes von jemanden (mit-)erlebte Geschehen. Erleben bedeutet daher von etwas betroffen oder beeindruckt werden, etwas auf sich wirken lassen, etwas durch leben, durchmachen oder erfahren”. [45] Erlebt werden Erscheinungen (z. B. Gegenstände oder Klänge), wenn sie innerlich erfaßt oder erfahren werden.

Bei einem musikalischen Erleben geht es um ein inneres Erfassen der Musik. Es ist ein persönliches, inneres Ereignis, das einem nicht genommen werden kann. Die Art und Weise des Erlebens ist individuell unterschiedlich und von der Erlebnisfähigkeit abhängig. Bei Musik kann verschiedenartigstes erlebt werden, wie aus der Beschreibung der Wirkungen von Musik (s.o.) zu erfahren ist. Anhand dieser Auswirkungen können Menschen einzelne Parameter der Musik (Rhythmus, Tonhöhen, Lautstärke, Tonqualität, Klangfarbe und vieles mehr) ganzheitlich am eigenen Leib erleben, denn “das musikalische Erleben ist viel mehr als anderes Kunsterleben begleitet von körperlichen, im engeren Sinne, vegetativen Reaktionen.” [46]

Dazu gehört, dass Menschen sich auf die Musik einlassen und sich ihr und dem Geschehen bewußt zuwenden, denn “Musikerleben ist ein summarischer Begriff für einen ganzheitlichen Prozeß der bewussten Hinwendung zur Musik” [47]

Hierzu sucht die Musikpsychologie Ansätze, die die Komponenten des Musikerlebens, die Wechselwirkungen zwischen Musikerleben und Persönlichkeit zu erklären versuchen. Im Rahmen dieser Arbeit kann hierauf nicht weiter eingegangen werden.

Das Erleben von Musik ist damit abhängig von den Erfahrungen, die der Mensch mit Musik macht.

3.3 Musik erfahren

"Erfahrungen" sind die Grundlage der Erkenntnis und Aneignung von der Welt. Nach J. Dewey können die bereits gemachten Erfahrungen zum Antrieb des Handelns werden, wenn sie gegenwärtig als bedeutsam erlebt werden und in die Zukunft weisen. “Erfahrungsgegenstände, also auch Musik, gewinnen ihre subjektive Bedeutung erst im handelnden Umgang mit ihnen.” [48] Dieser Erfahrungsbegriff beschreibt den Prozess der Verarbeitung von Wahrnehmungen und Erlebnissen in handelnder Auseinandersetzung von Individuen mit der musikalischen Umwelt. Damit wird ermöglicht, dass individuelle Handlungs- und Deutungshintergründe zu Tage treten können, denn Erfahrungen sind in großen Teilen Selbsterfahrungen. Das wiederum hat zur Konsequenz, dass Erfahrungen als solche nicht kategorisch beschrieben werden können, da sie individuell sind. [49]

Zu beachten bleibt, dass Erfahrungen im Allgemeinen sich in äußere und innere Erfahrungen unterscheiden. Während die äußeren Erfahrungen sich auf das Annehmen und Glauben von Dingen, nicht aber das sichere Wissen bezieht, beschreiben die innere Erfahrungen das evidente und unbezweifelbare Wahrnehmen seiner selbst. Damit sind diese dem Erleben gleichzusetzen.

Musikalische Erfahrungen sind ebenso wie alle andere Erfahrungen individuell. Sie können als solche nicht eingeteilt, sondern nur beschrieben werden. Musikalische Erfahrungen können vor allem im direkten Umgang (in passiver und aktiver Form) mit Musik gemacht werden. Durch einen handelnden Umgang mit Musik wird Menschen ermöglicht Musik zu erleben und Musik zu erlernen.

3.4 Musik lernen

"Musik lernen" versteht sich als Begriff für den Prozess der Wahrnehmung, der Rezeption und der Aneignung von Musik. Es ist eine Entwicklung, der innerhalb und außerhalb von Schule abläuft. Der Anteil des Musiklernens außerhalb von spezialisierten Institutionen, wie Schule und Musikunterricht, Musikschulen und anderen Organisationen, ist im Zeitalter der Verbreitung elektronischer und digitaler Medien enorm hoch. Musiklernen vollzieht sich in bewusstem und unbewusstem Erleben und Erfahren von Musik gleichermaßen. Doch große Schwierigkeiten treten auf, wen Musiklernen systematisch organisiert wird. Denn zu groß ist die Varianz an musikalischen Verhaltensweisen und Erwartungen der Menschen. [50]

Musik lernen erscheint hier als Oberbegriff für das Aneignen von Musik. Wie Musik nun in der Schule sinnvoll und systematisch angeeignet wird, beschreibt D. Venus. Er gliedert den Musikunterricht in fünf “vorrangige Verhaltensweisen gegenüber Musik”:

PRODUKTION (Komposition, Improvisation)

REPRODUKTION (vokal, instrumental, solistisch, chorisch)

REZEPTION (Hören von Musik)

TRANSPOSITION (von Musik in Bewegung, sprachliche und bildliche Darstellung)

REFLEXION (Gespräche, Nachdenken über Musik, theoretische Kenntnisse). [51]

In einfacher Weise diese Verhaltensweisen als “Musik machen, Musik hören, Musikwissen” [52] zusammenfassen, die in dieser Weise als Inhalte des Musikunterrichts zur Geltung kommen. Dabei sollen die Lehr- und Lernziele, abgeleitet von der allgemeinen Pädagogik, die Schüler kognitiv, affektiv und psychomotorisch ansprechen.[53]

3.5 Zusammenfassung

Musik kann auf verschiedene Weisen an Bedeutung und Wichtigkeit im Leben eines Menschen gewinnen. Dies gründet sich in erster Linie darin, daß Musik die oben besprochenen Wirkungen in sich birgt und auf den Menschen Einfluß hat. Im weiteren wurde gezeigt, dass gleichzeitig der Umgang mit Musik, indem sie erlebt, erfahren und erlernt wird, zu einer Sache anwächst, die in jedem Menschenleben einen Stellenwert erhalten kann.

Anhand dieser grundlegenden Feststellungen wird im nächsten Kapitel aufgezeigt, was der Inhalt einer musikalischen Förderung ist, wie diese sich von anderen Bereichen der Vermittlung von Musik unterscheidet und welcher Bezug zur geistigen Behinderung besteht.

4 Die musikalische Förderung in Abgrenzung zum Musikunterricht und der Musiktherapie

Worum geht es ?

Die Abgrenzung dieser Begriffe, die alle auf ihre Weise etwas mit Musik zu tun haben, soll eine abgrenzende Klärung des Begriffs der musikalischen Förderung erfolgen. Denn eine musikalische Förderung ist grundsätzlich zu unterscheiden vom Musikunterricht und von der Musiktherapie. Beide Begriffe an sich beinhalten Zielsetzungen, die aus Sicht der musikalischen Förderung als zu einseitig betrachtet werden. Daher werden im Folgenden die Zielsetzungen der Musikpädagogik, der Musiktherapie und der musikalischen Förderung beschrieben. Es folgt eine Begründung für die musikalische Förderung im Allgemeinen und im Speziellen in der Sonderschule für geistig Behinderte (SfG). Die Betrachtung der Musik in der SfG ist insofern nötig, da viele der autistischen Kinder und Jugendlichen in die Schule für geistig behinderte Menschen gehen.

4.1 Zielsetzungen der Musikpädagogik und der Musik-therapie

Die Musikpädagogik orientiert sich vornehmlich "an dem Verstehen des "Produktes” Musik und der lehrenden Einführung in die Produktion und Reproduktion von Musik." [54] Damit ist Musikpädagogik und der Musikunterricht im Speziellen vor allem durch ein Bild des Leistungsanspruchs geprägt. Der Unterricht in Musik zielt darauf ab, bestimmte Fähigkeiten und Einsichten von und über Musik zu vermitteln. Musikunterricht will über Musik reflektieren und will die musikalischen Aussagen von Kunstwerken erkennen, wofür teils ein theoretisches Musikwissen nötig ist. Er unterliegt damit einer stark fachspezifischen Vermittlung.

Im Gegensatz dazu hat Musiktherapie nur die Wirkungen von Musik im Blickfeld. Diese werden zur Heilung von Störungen und Krankheiten eingesetzt. Musikalische Aussagen der Kunstwerke werden hier in keinerlei Weise beachtet. Es geht in der Musiktherapie lediglich um die medizinisch heilenden Auswirkungen der Musik. [55]

Musiktherapie ist "ein erzieherisch-pädagogischer Ansatz mit Merkmalen einer auf der Krankheitslehre basierenden Didaktik (Zielsetzung) und methodischer Planung, die allerdings zuvorderst von Person- und Persönlichkeitsbezogenheit und deren individuellen Störungen, Wahrnehmungsfähigkeit und Erlebnis-, Verhaltens- und Lernweisen bestimmt werden, die im kreativen musikalischen Tun zugelassen und operationalisiert werden können." [56]

Zwischen diesen beiden unterschiedlichen Zielsetzungen steht die musikalische Förderung. Sie grenzt sich mit ihrer weiten Zielsetzung einerseits von den obengenannten Begriffen ab, andererseits übernimmt sie auch Zielsetzungen beider Richtungen. Damit geht die musikalische Förderung eine Vermittlungsrolle zwischen dem Musikunterricht (Hauptziel hier ist in erster Linie eine fachspezifische Vermittlung) und der Musiktherapie (Hauptziele unterliegen hier der Krankheitslehre und den heilenden Wirkungen der Musik) ein.

4.2 Die musikalische Förderung in der Vermittlerrolle zwischen dem Musikunterricht und der Musik-therapie

Die musikalische Förderung will, angelehnt an den Begriff der “pädagogischen Musiktherapie”, eine Verbindung zwischen den obengenannten weit auseinander liegenden Zielsetzungen der Musikpädagogik und der Musiktherapie schaffen. Dies, so W. Probst, gilt besonders für die Sonderpädagogik. So schreibt er: “Musik hat im sonderpädagogischen Handlungsfeld zwei Aspekte: einmal steht die Vermittlung der Musik selbst im Mittelpunkt: Musik lernen, zum anderen wird die Musik als therapeutisches Medium eingesetzt: Musiktherapie.” [57]

Hier vereinen sich einerseits die Vermittlung musikalischer Fähigkeiten mit den musiktherapeutischen Zielen unter Zuhilfe der Wirkungen von Musik "Konzentration, Aufmerksamkeit, körperliche und seelische Dispositionen, Verhalten, Reaktionen, Affizierung, Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen, Einstellungen, Bewegungskoordination" [58] zu fördern. Musik steht in diesem Ansatz nach W. Probst zwischen Unterricht und Therapie.

4.3 Begriffsbestimmung der musikalischen Förderung

Warum ich den Begriff der musikalischen Förderung wähle, liegt begründet in einem pädagogischen Theorieentwurf wie T. Hartogh ihn für die musikalische Förderung von geistig behinderten Menschen vorstellt. Die musikalische Förderung wird hier als Teil der pädagogischen Förderung gesehen, die dazu beitragen soll, dass der Mensch, hier im Speziellen der geistig behinderte Mensch, sich in sozialer Integration selbstverwirklichen kann.

Die musikalische Förderung ist somit ein Teil einer umfassenden pädagogischen Förderung, die den geistig behinderten Menschen als bildungsfähige Persönlichkeit anerkennt. Ihr Leitziel ist die Selbstverwirklichung in sozialer Integration. Hierfür ist es einerseits notwendig, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung musikalische Kompetenzen erwerben können, gleichzeitig auch ein großes Maß an Selbständigkeit erfahren, welche ihnen ermöglicht an der Umwelt und Gesellschaft teilzuhaben. Denn erst "der Erwerb von Kompetenzen selbständigen Handelns im motorischen, kognitiven, sozialen und emotionalen Bereich hat entscheidende Auswirkung auf die Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit (Selbstverwirklichung) und - ausgehend von der musikalischen Lebenswelt - auf die Integration im sozialen Umfeld und in größeren gesellschaftlichen Systemen (soziale Integration)." [59]

Ein weiteres Ziel der musikalischen Förderung neben der Selbstverwirklichung und der sozialen Integration ist das Erleben und Erfahren von Musik als ein Teil der individuellen Lebenswelt eines jeden Menschen. "Musik ist Lebenswelt, an deren Partizipation dem geistig behinderten Menschen die gleichen Rechte zustehen wie dem nicht behinderten Menschen." [60] Musik kann in diesem Sinn zu einem ästhetischen Wert werden, der für jeden Menschen und in seinem behinderten wie nicht behinderten Leben integriert.

4.4 Zusammenfassung

Die Begriffe Musikpädagogik, Musiktherapie und musikalische Förderung ähneln sich im Inhaltlichen, sind aber grundsätzlich von ihrer jeweiligen Zielsetzung zu unterscheiden. Festzuhalten bleibt, dass die musikalische Förderung eine Art Vermittlerrolle inne hat, die die Musikpädagogik und Musiktherapie in ihrer jeweiligen Ausschließlichkeit zu verbinden versucht.

Die musikalische Förderung ist ein Teil einer pädagogischen Förderung, deren Ziel es ist, nicht nur ausschließlich musikalische Inhalte zu vermitteln, sondern eine bereichernder Beitrag im Sinne eines ästhetischen, gesellschaftlichen und individuellen Wertes in einem autistischen Leben sein will.

Im folgenden Kapitel soll die musikalische Förderung begründet werden.

5 Die Begründung der musikalischen Förderung

Worum geht es ?

Nachdem im vorangegangenen Kapitel der Begriff "musikalische Förderung" durch die Abgrenzung zum Musikunterricht und zur Musiktherapie vorgenommen wurde, soll hier verdeutlicht werden, weshalb eine musikalische Förderung in der Pädagogik einen Stellenwert haben soll. Durch die Beleuchtung einer allgemeinen Begründung kann die musikalische Förderung eine Begründung für geistig behinderte Menschen und im Speziellen bezogen auf autistische Menschen gefunden werden.

5.1 Zur Begründung der musikalischen Förderung im Allgemeinen

Da die Bedeutung der Musik, wie oben erwähnt, in unserem Leben sehr hoch ist, sie zum Teil eine lebenswichtige Bedeutung (z.B. für die Aktivierung und Entspannung im Leben hat, ist die Musik als wertvolle Sache zu vermitteln. Von der Wertetheorie abgeleitet, wird Musik dann für den Menschen wertvoll und lebensbereichernd, wenn die Musik anderen Sachen bevorzugt wird. Eine musikalische Förderung will Schülern helfen, die sie umgebende musikalische Welt sinnvoll anzueignen, ebenso ein sinnbezogenes und selbstbestimmtes Verhältnis zu ihr, zu anderen und zu sich selbst zu gewinnen. [61]

Damit Menschen an den von der Gesellschaft herangetragenen musikalischen Ereignisse in jeglicher Form teilhaben können, muss ihnen Musik vermittelt werden. In dieser Vermittlung von Musik ist das Lehren eines ästhetischen Verständnisses ein zentraler Aspekt. Es handelt sich hierbei um eine ästhetische Erziehung, die beinhalten soll, dass Menschen eine freiheitliche Entscheidung über den Wert den die Musik für sie hat, treffen können. Eine ästhetische Erziehung ist nicht mit einem Aufoktruieren bestimmter Werte verbunden, sondern mit dem Erfahren eigenen Erlebens, [62] und dem Erfahren und Erleben musikalischer Ereignisse.

Musik ist nicht nur wegen des unter Menschen (besonders Musikern) verbreiteten Qualitätsbildes und den damit verbundenen technischen und theoretischen Fertigkeiten zu lehren, sondern weil es zu einem großen Teil tieferliegende Gründe sind, die die Musik vermittelnswert macht. Das macht sie gerade deswegen besonders für behinderte und autistische Menschen sehr wichtig. [63]

Diese tieferliegenden Gründe beziehen sich auf die Bewegungs-, Ausdrucks-, Wahrnehmungs- und Kommunikaitonsmöglichkeiten. Das sind genau die Bereiche, in denen vor allem menschlichen Behinderung zu Tage tritt. Somit kann Musik zu einem Wert im Leben von Menschen werden, mit dem sie diese Möglichkeiten ausnutzen und zu eigenen menschlichen Fähigkeiten in diesen Bereichen ausbauen. [64]

[...]


[1] H. Rösing, Musikgebrauch im täglichen Leben, In: H. Bruhn/ H. Rösing (Hrsg.), Musikwissenschaft, S. 124

[2] vgl. G. Bartel, K. musikal. Erlebens, S. 11 - 15

[3] vgl. G. Bartel, K. musikal. Erlebens, S. 11 - 15

[4] vgl. H. Rauhe/ R. Flender (Hrsg.), Schlüssel z. Musik, S. 9

[5] vgl. H. Rauhe/ R. Flender (Hrsg.), Schlüssel z. Musik, S. 12

[6] vgl. R. Weyer, Medien, Lehrmittel, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 163 u. 165

[7] H. Rösing, Musikgebrauch im täglichen Leben, In: H. Bruhn/ H. Rösing (Hrsg.), Musikwissenschaft, S. 124

[8] vgl. H. Rauhe/ R. Flender (Hrsg.), Schlüssel zur Musik, S. 10 und G. Batel, K. musikal. Erlebens, S.7

[9] P. Prechtl/ F. Brukhard (Hrsg.), Philosophie Lexikon, S. 283

[10] vgl. H. Rauhe/ R. Flender, Schlüssel zur Musik, S. 15

[11] vgl. A Schering, Musik und Gesellschaft, In: K. M. Komma (Hrsg.),Wesen der Musik, S. 21

[12] H. Rösing, Musikalsiche Sozialisation, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 257

[13] vgl. R. Müller, Musiksoziologie, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 192

[14] ebd. S. 57

[15] A. Schering, Musik und Gesellschaft, In: K. M. Komma (Hrsg.), Wesen der Musik, S. 20

[16] vgl. A. Schering, Musik und Gesellschaft, In: K. M. Komma (Hrsg.), Wesen der Musik, S. 21

[17] vgl. H. Rauhe/ R. Flender, Schlüssel zur Musik, S. 10 und 17

[18] H. Rösing, Musikalische Lebenswelten, In: H. Bruhn/ H. Rösing (Hrsg.), Musikwissenschaft, S. 130

[19] vgl. I. Krauthoff, Erlebnis Musik, S. 10

[20] vgl. H. Bruhn/ H. Rösing (Hrsg.), Musikwissenschaft, S. 11 - 14

[21] vgl. G. Batel, K. musikal. Erlebens, S. 10

[22] vgl. I. Krauthoff, Erlebnis Musik, S. 13

[23] H. Moog, Stellung der Musikerzeihung, in: K.J. Kemmelmeyer/ W. Probst, Quellentexte, S. 182

[24] G. Noll, Musiklernen, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 187

[25] M. SCHÄFER, Musiktherapie als Heilpädagogik bei verhaltensauffälligen Kindern. In:J. v. Schulz, Heilende Kräfte, S. 21

[26] W. Probst, Instrumentalunterricht mit Behinderten, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 323

[27] vgl. W. Probst, Musik in der Sonderschule, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 51

[28] vgl. H. Gembris, rezeptive Musiktherapie, In: L. Berger (Hrsg.): Musik, Magie & Medizin, S.119 - 122

[29] vgl. H. Gembris, rezeptive Musiktherapie, In: L. Berger (Hrsg.): Musik, Magie & Medizin, S.119 - 121

[30] vgl. K. E. Behne, Wirkungen von Musik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S.302

[31] R. Spintge, Physiologie, Mathematik, Musik und Medizin, In: L. Berger (Hrsg.): Musik, Magie & Medizin, S. 16

[32] vgl. R. Spintge, Physiologie, Mathematik, Musik und Medizin, In: L. Berger (Hrsg.): Musik, Magie & Medizin, S. 16

[33] P. Nordoff, Paul/ C. Robbins, Musik als Therapie, S. 46/47

[34] vgl. F. Dorsch/ H. Häcker/ K. H. Stapf, Psychologisches Wörterbuch, S. 275

[35] J. Alvin, Musiktherapie, S. 57

[36] vgl. C. Becker-Carus, Limbisches System, In: F. Dorsch/ H. Häcker/ K. H. Stapf, Psychologisches Wörterbuch, S. 448

[37] N. Linke, Musik in der sozialen Schule, S. 99

[38] vgl. A. Seidel, Soziale Kulturarbeit, S. 64

[39] K. E. Behne, Wirkungen von Musik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S.303

[40] vgl. H. Gembris, rezeptive Musiktherapie, In: L. Berger (Hrsg.): Musik, Magie & Medizin, S.120

[41] K. H. Ehrenforth, Asthetische Erziehung, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S.26

[42] K. E. Behne, Wirkungen von Musik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon S. 302/303

[43] K. E. Behne, Wirkungen von Musik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon S. 302/303

[44] W. Probst, Musik in der Sonderschule, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S.48

[45] P. Prechtl/ F. Brukhard (Hrsg.), Philosophie Lexikon, S. 143

[46] G. Nissen, Der kindliche Autismus, In: H. Willms, Musiktherapie bei psychotischen Erkrankungen, S, 23

[47] G. Noll, Musiklernen, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 189

[48] W. Jochims, Erfahrungserschließende Musikerzeihung, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 62

[49] vgl.W. Jochims, Erfahrungserschließende Musikerzeihung, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 62/63

[50] vgl. G. Noll, Musiklernen, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 187

[51] D. Venus, Unterweisung, S. 97

[52] K.-J. Kemmelmeyer, Spielpläne Musik, S. 23

[53] vgl. W. Gundlach, Lernziele/ Lehrziele, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 155

[54] T. Hartogh, Musikalische Förderung, S. 103

[55] vgl. W. Probst, Musik in der Sonderschule, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 49

[56] K. Hörmann, Musiktherapie, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber, Neues Lexikon der Musikpädagogik, S. 196

[57] W. Probst, Musik in der Sonderpädagogik, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 49

[58] W. Probst, Musik in der Sonderpädagogik, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 51

[59] T. Hartogh, Musikalische Förderung, S. 12

[60] T. Hartogh, Musikalische Förderung, S. 69

[61] vgl. W. Jochims, Erfahrungserschließende Musikerziehung, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 63

[62] vgl. F. Amrhein, Sonderpädagogik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 175 - 177

[63] vgl. H. Moog, Die Eigenart der Bildungsinhaltes Musik, In: K.-J. Kemmelmeyer/ W. Probst (Hrsg.), Quellentexte, S. 12

[64] vgl. F. Amrhein, Sonderpädagogik, In: S. Helms/ R. Schneider/ R. Weber (Hrsg.), Musiklexikon, S. 256

Details

Seiten
106
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638173339
ISBN (Buch)
9783638698146
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11076
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Institut für Geistigbehindertenpädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Förderung Kindern Jugendlichen

Autor

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Titel: Die musikalische Förderung von autistischen Kindern und Jugendlichen