Lade Inhalt...

Der Rücktritt Willy Brandts in der politischen Biographie

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Krise der sozial-liberalen Koalition
2.1.Die Konstitution Willy Brandts
2.2. Politische Probleme

3. Die Enttarnung Günter Guillaumes
3.1. Guillaume und sein Verhältnis zu Brandt
3.2. Widersprüche – Günther Nollau und Hans-Dietrich Genscher
3.3.Ermittlungen der Bundesanwaltschaft

4. Willy Brandts Rücktritt und die Rolle Herbert Wehners
4.1. Das Verhältnis zwischen Wehner und Brandt
4.2. Entscheidung zum Rücktritt
4.3. Der Verdacht – Brandts „Notizen zum Fall G.“

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Von den deutschen Bundeskanzlern ist Willy Brandt sicher derjenige, dessen Amtszeit und dessen Leben von der meisten Tragik und der höchsten Dramaturgie gekennzeichnet ist. Zunächst war er Sozialist und NS-Widerstandskämpfer, als Berliner Bürgermeister wandelte er sich zum überzeugten Anti-Kommunisten und Kalten Krieger und erst als Außenminister und Bundeskanzler verfolgte er die Konzeption vom „Wandel durch Annäherung“. Aber ausgerechnet er, der die Versöhnung mit dem Osten suchte und fand, stolperte mit Günter Guillaume über einen Spion, der aus dem Osten kam.

In der vorliegenden Arbeit soll aber insbesondere deutlich werden, dass die Guillaume-Affäre nur einer von vielen Faktoren war, der zum Ende von Willy Brandts Regierungszeit geführt hat. Für seinen Rücktritt war in erster Linie nicht der Fall Guillaume ausschlaggebend, sondern vielmehr politische Probleme, parteiinterne Dissonanzen sowie seine physisch wie psychisch miserable Konstitution. Dabei möchte ich auch schildern, dass die Guillaume-Affäre derart nur hatte ablaufen können wegen gravierender Fehlleistungen der deutschen Abwehrdienste im Zusammenspiel mit des Kanzlers Naivität, der sich bedenkenlos zum agent provocateur des Verfassungsschutzes machen ließ Auch soll die Rolle Herbert Wehners erläutert werden. Schließlich hat er Brandt den entscheidenden Stoß versetzt, der ihn zum Rücktritt bewegen sollte, wenngleich es keine Indizien gibt, die auf eine systematische Intrige von Wehner und der SED schließen lassen. Derart reizvoll scheint diese Spekulation aber für die Biographen zu sein, dass sie zwar einhellig abgewiesen aber dennoch immer wieder kolportiert wird. „Als ob es am biederen republikanischen Hof zu Bonn Shakespearesche Dramen gegeben hätte, werden Gegenspieler zu Brutusgestalten dämonisiert, die den Dolch im Gewande führen, zu düsteren Nibelungenrecken gar, welche nichts anderes im Sinn hatten, als die Lichtgestalt des Kanzlers hinzumeucheln.“[1]

Für die Anfertigung der Arbeit wurden die Brandt-Biographien von Peter Merseburger, Gregor Schöllgen und Peter Koch verwendet. Informationen über das Vorgehen der Bundesanwaltschaft und des Verfassungsschutzes waren insbesondere Hermann Schreibers Buch „Kanzlersturz – Warum Willy Brandt zurücktrat“ zu entnehmen. Von Belang war auch ein Essay des Historikers August Leugers-Scherzberg, in dem er sich mit der Rolle Herbert Wehners auseinandergesetzt hat. Das maßgebliche Werk über die sozial-liberale Koalition stammt von Arnulf Baring, der sich in „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“ stark auf die Person Willy Brandt konzentriert.

2. Die Krise der sozial-liberalen Koalition

2.1. Die Konstitution Willy Brandts

Die Bundestagswahlen von 1972 stellten den definitiven Scheitelpunkt der Regierung von Bundeskanzler Willy Brandt dar. Für den rasanten Niedergang der Bundesregierung in den Jahren `73 und `74 waren aber nicht nur massive politische Probleme ausschlaggebend, sondern auch die psychisch wie physisch desolate Verfassung des Bundeskanzlers. So wird auch in der politischen Literatur die Krise der sozial-liberalen Koalition der Guillaume-Affäre immer vorgeschaltet, um die Gründe für Brandts Rücktritt zu eruieren.[2]

Nach den Wahlen von `72 befürchtete Brandt an Kehlkopfkrebs erkrankt zu sein. Die Geschwulst stellte sich zwar als gutartig heraus, ein operativer Eingriff war aber dennoch notwendig. Zwei Wochen lang dufte er höchstens flüstern und konnte deswegen nur sporadisch an den Koalitionsverhandlungen teilnehmen. Auch ersuchten ihn die Ärzte mit dem Rauchen aufzuhören. Brandt, der seit vierzig Jahren Kettenraucher war, litt an dem Nikotinentzug derartig stark, dass er nach seinem Rücktritt der Meinung war, er hätte die Guillaume-Affäre durchstehen können, wenn er nur hätte weiterrauchen dürfen. Zumindest verursachten die genannten Faktoren bei Brandt schwere Depressionen ab dem Spätherbst 1972. Die Doppelbelastung als Bundeskanzler und Parteivorsitzender, aber auch der zurückliegende, kräftezehrende Wahlkampf forderte seinen Tribut. Brandt war erschöpft und ausgebrannt.[3] In seiner Autobiographie, die erst 15 Jahre nach seinem Rücktritt erschienen ist, räumt Willy Brandt ein, dass ihm `74 schlichtweg die Kraft fehlte, die anstehenden Probleme zu bewältigen: „In der physischen und psychischen Verfassung späterer Jahre wäre ich nicht zurückgetreten, sondern hätte da aufgeräumt, wo aufzuräumen war.“[4]

Peter Merseburger schreibt in seinem Buch „Willy Brandt 1913-1992. Visionär und Realist“ fast trotzig, wenn er sich mit dem Niedergang der sozial-liberalen Koalition beschäftigt. Denn dieser sei keinesfalls „gottgegeben“ gewesen, sondern Brandt hätte die Zügel nur nicht so schleifen lassen dürfen. Auch wenn der Scheitelpunkt erreicht war, so hätte sich die Regierung Brandt doch „auf einem Hochplateau nahe dem Gipfel halten können.“ Für Brandts depressive Phasen, für sein „mimosenhaft-verweichlichtes“[5] Naturell, zeigt Merseburger, der zu Brandts Regierungszeit Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks war, nur wenig Verständnis. In seiner mehr als 800 Seiten umfassenden Biographie blickt Merseburger auch konsequent kritisch auf Brandt, wenngleich seine Bewunderung für den Politiker Willy Brandt doch immer wieder durchklingt. Peter Merseburgers Werk ist zweifellos das zurzeit beste auf dem Markt und es genügt auch wissenschaftlichen Ansprüchen, denn Merseburger ist der einzige Biograph, der die Quellen seiner Informationen durch Fußnoten offen legt. Und es gelingt ihm auch die Person Willy Brandt eindrucksvoll zu charakterisieren, was zum Verständnis für dessen Passivität im Fall Guillaume unerlässlich ist. Der Biograph Gregor Schöllgen indes vermochte dies nicht, denn seine Ausführungen über die Konstitution des Kanzlers nach den Wahlen `72 sind nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Brandts schlechten Angewohnheiten.[6] Bedenkt man, dass er sein 300 Seiten umfassendes Buch mit dem Untertitel „Die Biographie“ versehen hat, ist das definitiv zu wenig. Aber es mag sein, dass Schöllgen gar nicht detailliert über Brandts Konstitution berichten kann, weil er ihn, wie er im Vorwort selber einräumt, nie begegnet ist.[7] Gregor Schöllgen ist zwar Nachlassverwalter Brandts, aber eine hinreichende Berichterstattung über die psychische Verfassung eines Menschen ist durch die ausschließliche Kenntnis von Dokumenten nicht möglich. Peter Koch, der Brandts Politik für die Wochenzeitung „Stern“ verfolgt hat, behandelt die damalige Konstitution des Kanzlers in seiner Biographie „Willy Brandt“ auch nur sehr oberflächlich und legt mehr Wert auf die politischen Faktoren. Da es aber eine Wechselwirkung zwischen der Verfassung Brandts und der politischen Krise gegeben hat, erweist sich diese Prioritätensetzung nicht als sinnvoll.

Umstritten ist in der Literatur, ob Brandts Depressionen so stark waren, dass er bereits an Suizid dachte. Auf Helgoland soll Willy Brandt am 2. Mai 1974, als die Guillaume-Affäre hochbrisant war, bereits einen Abschiedsbrief an seine Familie geschrieben haben. Gregor Schöllgen meint zu wissen, dass dies der Fall war, ohne allerdings dem Leser seine Quelle zu nennen. Wenn er über starke Depressionen Brandts schreibt, beruft er sich auch auf „einige in seiner Umgebung“, ohne die betreffenden Namen zu nennen, weshalb die Informationen nicht nachvollziehbar sind.[8] Auch der Historiker und Publizist Arnulf Baring berichtet in seinem Buch „Machtwechsel“, dass es einen Abschiedsbrief Brandts gegeben hat.[9] Während Peter Koch diese Frage gar nicht erst diskutiert, lässt sie Peter Merseburger einfach unbeantwortet, was angesichts der spekulativen Basis dieses Sachverhaltes wohl auch am vernünftigsten ist. Willy Brandt zumindest dementiert in seinen Memoiren jemals Suizidabsichten gehabt zu haben. Die Diskussion um seine Selbstmordgedanken sei lediglich „eine beträchtliche Überzeichnung der Tatsache, dass ich sehr deprimiert war.“[10]

2.2. Politische Probleme

Die Schilderung Willy Brandts psychischer Verfassung in seinen letzten Amtsjahren ist deshalb so unerlässlich, weil seine Passivität für die politische Krise mitverantwortlich war. So ist anzunehmen, dass die Gewerkschaft für Öffentliche Dienste, Transporte und Verkehr eine Lohnerhöhung von elf Prozent für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst nur deshalb durchsetzen konnte, weil Brandt damals die Durchsetzungskraft gefehlt hatte. Dieser Tarifabschluss im Februar 1974 wirkte sich verheerend auf Brandts innenpolitisches Renommee aus, zumal er eine Lohnerhöhung von mehr als zehn Prozent zuvor noch kategorisch ausgeschlossen hatte.[11] Viele Reformvorhaben waren nicht mehr finanzierbar, weil das Wirtschaftswachstum niedriger ausfiel als erwartet und es kam zu einer fortschreitenden Entwertung der Deutschen Mark, was die Inflationsrate auf acht Prozent hochschnellen ließ. Somit zeichnete sich schon mit Beginn des Jahres 1974 eine Rezession bei steigender Arbeitslosigkeit ab.[12]

All dies führte dazu, dass Willy Brandt auch parteiintern immer stärker unter Druck geriet. Im Führungstrio der SPD, bestehend aus Willy Brandt, Bundesfinanzminister Helmut Schmidt und dem Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, sah sich der Bundeskanzler zunehmend isoliert. Helmut Schmidt räumt in seiner Autobiographie ein, dass er sich zum Ende von Brandts Regierungszeit Herbert Wehner näher gefühlt habe als dem Kanzler.[13] Schmidt, der in wirtschaftspolitischen Fragen ohnehin kompetenter als Brandt galt, hatte den schon angeschlagenen Kanzler durch sein wiederholte, öffentliche Kritik zusätzlich unter Druck gesetzt. Der Finanzminister störte sich unter anderem an Brandts Nachgiebigkeit gegenüber der FDP und attackierte ihn öffentlich als führungsschwachen Parteivorsitzenden. Damit brachte er eine Auffassung zum Ausdruck, welche in der SPD in den Jahren `73 und `74 immer populärer wurde.[14] Und gänzlich unbegründet waren diese Kritikpunkte nicht, denn nachdem die große Zeit der Ostpolitik vorüber war, kümmerte sich Brandt kaum noch um die Niederungen der Tagespolitik. Seine Parteifreunde nannten ihn bereits „Gottvater“ oder „Zeus“.[15] Aus den eigenen Reihen setzten ihn auch die weit links stehenden Jungsozialisten unter Druck, indem sie die Umwandlung der SPD in eine konsequent sozialistische Partei forderten. Um derartige Beschlüsse verhindern zu können, musste Brandt auf dem Parteitag zu Hannover im April 1973 schon mit seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz drohen.[16]

Schon jetzt, da der Fall Guillaume noch gar nicht aktuell war, wurden die politischen Probleme zu einer solchen Belastung für die Regierung, dass Brandt bereits im Dezember 1973 laut über seinen Rücktritt nachdachte: „Ich muss das ja nicht machen, ich muss ja nicht Kanzler sein.“[17]

3. Die Enttarnung Günter Guillaumes

3.1. Guillaume und sein Verhältnis zu Willy Brandt

Eine explizite und detaillierte Schilderung über das Vorgehen des Verfassungsschutzes und der Bundesanwaltschaft findet sich in den Biographien über Willy Brandt zumeist nicht. Darin kommt wohl auch die Auffassung der Autoren zum Ausdruck, dass der Spionagefall allenfalls der Anlass, nicht aber die Ursache für Willy Brandts Rücktritt gewesen sein kann. Diese Lücke in der Literatur hat 2003 der ehemalige „Spiegel“-Reporter Hermann Schreiber gefüllt, der sich in seinem Buch „Kanzlersturz“ auf gut 250 Seiten ausschließlich mit dem Fall Guillaume beschäftigt. Neben offiziellen Dokumenten, stützt sich Schreiber vornehmlich auf die Memoiren der beteiligten Personen und vergleicht sie miteinander. In seinem gut recherchierten Buch berichtet Schreiber von zahlreichen Ungereimtheiten, die er allerdings zu belegen versteht und der Autor begeht nicht den Fehler in haltlose Spekulationen zu verfallen.

Nach Schreibers Darstellung begegnete der Kanzlerkandidat Willy Brandt im Bundestagswahlkampf von 1961 zum ersten Mal Günter Guillaume, der damals als Fotoreporter für die südhessische Parteizeitung „Der Sozialdemokrat“ arbeitete.[18] Mit dem Auftrag die SPD für den Staatssicherheitsdienst der DDR auszuspionieren, wurden Günter Guillaume und seine Frau Christel bereits 1956 nach Westdeutschland eingeschleust. Seine Karriere verlief derart rasant, dass er bereits nach den Wahlen von `72 persönlicher Referent und Reiseorganisator von Willy Brandt wurde.[19] Dem kleinbürgerlich wirkendem Guillaume gelang die rasche Karriere, weil er all diejenigen Ideale erfüllte, die eine Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft schätzt. Er war „fleißig, genau, gewissenhaft, pflichtbewusst, zuverlässig, ordentlich.“[20] Und seine vielleicht wichtigste Eigenschaft war es, nicht aufzufallen. Bei Leuten, denen er begegnete, hinterließ er keinen bleibenden Eindruck.[21] Willy Brandt war dieses kleinbürgerliche Verhalten zuwider und so war sein Verhältnis zu Günter Guillaume auch kein freundschaftliches. Im Gegenteil: Brandt fand Guillaume „nicht sonderlich sympathisch, wurde es auch nicht, als er seine organisatorischen Aufgaben zur Zufriedenheit löste.“[22] Völlig anders verhält es sich mit der Beziehung Guillaumes zu Brandt. Bemerkenswert ist, dass er den Bundeskanzler zwar bespitzelt, aber zugleich auch verehrt hat. So kommt die politische Literatur denn auch einhellig zu dem Urteil, dass sich Guillaume mit der Zeit Brandt gegenüber loyaler verhalten hat als dem Staatssicherheitsdienst der DDR.[23] Die Tatsache, dass Guillaume stets über Brandts Frauenbeziehungen geschwiegen hat, stützt diese These.

3.2. Widersprüche – Günther Nollau und Hans-Dietrich Genscher

Auf die Spur von Günter Guillaume kam das Bundesamt für Verfassungsschutz, als es feststellte, dass Glückwünsche, welche die DDR am 1. Februar 1960 an einen „Georg“ gefunkt hatte, mit dem Geburtstag Guillaumes übereinstimmten. „Der am 4. Oktober abgesandte Glückwunsch für „Chr.“ verwies gleich in zweifacher Hinsicht auf Guillaumes Ehefrau. Sie hieß mit Vornamen Christel, und sie hatte am 6. Oktober Geburtstag“, schreibt Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau in seinen Memoiren: „Auch der Mitte April 1957 empfangene Glückwunsch „zum 2. Mann“ passte zu den Guillaumes. Ihr Sohn Pierre war am 8. April 1957 geboren worden.“[24] Nachdem auch alle weiteren Erkenntnisse gesammelt und im „Bergmann-Papier“ zusammengefasst worden waren, bestand dringender Tatverdacht, obgleich die vorliegenden Indizien für eine Anklage noch nicht ausreichten.[25] Der Verfassungsschutz kam zu dem Entschluss, dass Guillaume vorerst observiert werden sollte. Diesen Ratschlag gab Günther Nollau am 29. Mai 1973 auch dem zuständigen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher. Der Inhalt dieses Gespräches lässt sich aber nur noch zum Teil rekonstruieren, da sich Genscher und Nollau in ihren Memoiren sehr stark widersprechen. Beide schildern ihr Vorgehen in der Guillaume-Affäre als frei von jedem Tadel. So werfen sich die beiden Politiker in ihren Autobiographien gegenseitig vor, sich mit einer falschen Darstellung der Verantwortung entziehen zu wollen. Willy Brandt ist der einzige Politiker und Autobiograph, der einräumt im Verlauf der Guillaume-Affäre Fehler begangen zu haben.

Sicher ist, dass Hans-Dietrich Genscher von Nollau über die Ermittlungsergebnisse des Bundesnachrichtendienstes und des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen nicht unterrichtet worden war. Günther Nollau räumt dies in seiner Autobiographie selber ein, sein Vorgehen sieht er aber als korrekt an. Da Genscher bereits einer Observierung Guillaumes zugestimmt habe, sei es nicht mehr notwendig gewesen den Innenminister genauer zu informieren.[26] Der Verfassungsschutz war damals der subjektiven Ansicht, dass Guillaume als DDR-Agent auch keinesfalls abgeschaltet sei, sondern nach wie vor spioniere. Hans-Dietrich Genscher behauptet allerdings, auch über diesen Aspekt nie unterrichtet worden zu sein. In der Literatur wird zumeist diese Darstellung Genschers übernommen, während Nollau gravierendes Fehlverhalten attestiert wird. So übernehmen auch Gregor Schöllgen und Arnulf Baring Genschers Schilderung ohne Abstriche. Hermann Schreiber lässt diese Frage unbeantwortet.[27]

Der Bundesinnenminister informierte noch am 29. Mai Willy Brandt, der einer Observierung Guillaumes zustimmte und einwilligte, seinen Referenten unverändert weiterzubeschäftigen. Willy Brandt teilt Genscher mit, dass Guillaume für seinen anstehenden Norwegen-Urlaub als Begleiter eingeteilt ist und erkundigt sich bei ihm, ob dies so bleiben solle. Genscher ließ diese Frage aber bewusst unbeantwortet, weil er zuerst Rücksprache mit Günther Nollau halten wollte.[28] An dieser Stelle werden die Memoiren der beiden Politiker aber völlig grotesk, da es über den Inhalt eines schlichten Telefonats zu völlig konträren Darstellungen kommt. Nach der Schilderung Genschers, rief er am 30. Mai 1973 Nollau an und dieser habe sich dezidiert für eine Mitnahme Guillaumes nach Norwegen ausgesprochen. Ein Telefonat mit Genscher am 30. Mai bestätigt zwar auch Nollau, über die Urlaubsbegleitung Guillaumes sei dabei aber gar nicht gesprochen werden. Von Brandts Urlaub habe er nämlich erst nach dessen Abreise erfahren. Fakt ist, dass Guillaume in Norwegen nicht observiert wurde und dort vertrauliche Dokumente in die Hand bekam. Genscher behauptet, Nollau habe von der Urlaubsbegleitung Guillaumes gewusst und wolle sich lediglich der Verantwortung entziehen, während Nollau in diesem Zusammenhang von einem „Irrtum“ Genschers spricht.[29] Anzumerken ist, dass die Schilderung Genschers auch in diesem Punkt wesentlich glaubwürdiger erscheint. Willy Brandt schreibt nämlich in seinen Memoiren, dass er am 30. Mai von Genscher angerufen wurde und dieser gesagt habe, dass sich hinsichtlich der Urlaubsbegleitung Guillaumes nichts ändern solle.[30] Nun gibt es keinen hinreichenden Grund warum, Genscher Brandt kontaktieren sollte, wenn er nicht zuvor Rücksprache mit Nollau gehalten hat. Schließlich ließ er aus diesem Grund Brandts Frage am Tag zuvor unbeantwortet. Folgt man also Genschers Darstellung, so müsste Nollau zumindest in diesem Punkt stets gelogen haben. Da sich für die These, er habe zusammen mit Herbert Wehner systematisch an der Demontage Brandts gearbeitet,[31] keine hinreichenden Indizien finden lassen, muss man davon ausgehen, dass es Nollau mit der Unwahrheit lediglich darum ging, die Verantwortung dafür, dass er Guillaume in Norwegen nicht observieren ließ, auf Genscher zu schieben. Dass Nollau auch dann nichts unternahm, nachdem er von Guillaumes Anwesenheit in Norwegen erfahren hat, begründet er mit dem Argument, dass ein Treffen mit DDR-Kurieren „unwahrscheinlich“ gewesen sei.[32] Obgleich dem Verfassungsschutz schwerwiegende Fehler im Fall Guillaume unterlaufen waren, kann auch Brandt nicht frei von Schuld gesprochen werden. Sein Kardinalfehler war es, sich derart bedenkenlos zum Lockvogel der deutschen Abwehr machen zu lassen. Seine Naivität wird insbesondere dann deutlich, wenn er in seinen privaten Notizen schreibt, dass es doch „unwahrscheinlich“ gewesen sei, dass Spionage in einer „Zeit der Entspannung“ andauere.[33]

Dem Verfassungsschutz gelang es aber auch nach mehrmonatiger Überwachung Guillaumes nicht Beweise zu finden, die für eine Anklage ausreichten. Trotzdem entschlossen sich Hans-Dietrich Genscher, Günther Nollau und Willy Brandt Anfang April 1974 das vorhandene Material dem Generalbundesanwalt zu übergeben. Dieser ließ Günter Guillaume am 24. April in seiner Bonner Wohnung verhaften. Guillaume räumte umgehend ein, Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR zu sein.[34]

3.3. Ermittlungen der Bundesanwaltschaft

Warum Guillaume aber ein Schuldbekenntnis abgelegt hat, bevor er überhaupt der Spionage beschuldigt wurde, lässt sich nicht sagen. Das Geständnis Guillaumes reichte allerdings für eine Anklage wegen Landesverrat nicht aus, weshalb sich die Vernehmungen der Sicherheitsbeamten von Willy Brandt durchaus rechtfertigen lassen.[35] Bei den Verhören hat unter anderem Brandts Chefbewacher Ulrich Bauhaus erklärt, dass er, aber auch Guillaume, mehrfach Kontakte zwischen Frauen und dem Kanzler hergestellt hätten. Horst Herold, Leiter des Bundeskriminalamtes, fasste alle durch die Befragungen gewonnenen Erkenntnisse am 30. April `74 in einem Schreiben an Genscher zusammen. Zwar sind diese Unterlagen noch bis heute als Verschlusssache deklariert, 1994 gelangte allerdings die Wochenzeitung „Focus“ an die Dokumente und druckte sie auszugsweise ab. Die Namen wurden von der Redaktion so minimal geändert, dass sie sich ohne Probleme dechiffrieren lassen. In dem Bericht Herolds sind insbesondere eine ganze Reihe von Kontakten zu Frauen aufgeführt, darunter auch zu Prostituierten, die Guillaume nach Aussage von Brandts Leibwächtern für den Kanzler hergestellt haben soll. Da Herold nicht ausschließen konnte, dass Guillaume auch „mit lauschoperativer Dokumentation“, also mit Tonbandaufzeichnungen, gearbeitet hat, schreibt er Genscher, dass „Guillaume u[nter] U[mständen] erpresserisches Wissen über den Kanzler besitzen könnte.“[36] Willy Brandt bekommt den Bericht am 1. Mai 1974 zu lesen und in seinen „Erinnerungen“ spricht er von einem „Produkt blühender Phantasie“. Es sei „eine klebrige Mischung von Vorgängen, die teils beobachtet und teils unterstellt worden waren.“[37] Unterstellt werden Brandt in dem Schreiben Herolds Affären mit einer Schwedin, einer Bonner Journalistin, einer Jugoslawin sowie weiterer Kontakte in Rom, Paris, „München, Kopenhagen, Südfrankreich usw.“.[38]

Zwar kommt die Literatur über Willy Brandt einstimmig zu dem Schluss, dass einige Affären der Wahrheit entsprechen, wie die mit einer 19-jährigen Stewardess der Fluggesellschaft „Condor“, die Anzahl aber doch stark übertrieben ist.[39] Durch die Ermittlungsergebnisse jedoch wurde die Agentenaffäre immer stärker mit dem Privatleben des Kanzlers verstrickt.

4. Willy Brandts Rücktritt und die Rolle Herbert Wehners

4.1. Das Verhältnis zwischen Wehner und Brandt

Als „Troika“ wurde das sozialdemokratische Führungstrio Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner bezeichnet. Obgleich alle drei Politiker ihrem Wesen nach unterschiedlicher kaum sein konnten, verdient das Verhältnis zwischen Brandt und Wehner mit Blick auf den Fall Guillaume besondere Beachtung.

Willy Brandt wird in der Literatur immer wieder als der konfliktscheue, naive, leicht verletzbare und sensible Bundeskanzler beschrieben, dessen Naturell es entsprach, Konfrontationen zu vermeiden. Zuweilen versank er gern im Selbstmitleid, wenn er sich wieder einmal in einer Phase der Depression befand. Er sei ein Intervall-Mensch und bohemianischer Journalist gewesen, der die berühmten Fünfe auch mal gerade sein lassen mochte, befand die „Süddeutsche Zeitung“ nach seinem Tod.[40] Der Charakter und die Arbeitsauffassung Herbert Wehners hingegen war eine von Grund auf andere, weswegen Spannungen zwischen ihm und Willy Brandt wohl unausweichlich waren. Wehner, dem immer wieder ein Faible für alles Konspirative attestiert wird, räumte dem Interesse der Partei höchste Priorität ein und arbeitete bis zur Erschöpfung. In der Literatur über Willy Brandt wird Herbert Wehner oft mit Attributen charakterisiert, die seine Person in äußerst schlechtem Licht erscheinen lassen. So bezichtigt Peter Merseburger Wehner stalinistischer Attitüden - „sein Hang zum Autoritären wie zum Konspirativen; die Hemmungslosigkeit, in der er die Macht des Apparats gegen Abweichler einsetzt und andersdenkende Genossen niederbügelt; die Neigung, Menschen wie Figuren auf dem Schachbrett seiner taktischen Überlegungen hin- und herzuschieben.“ Arnulf Baring schreibt, dass er „zu abfälliger Verdammung anderer Menschen“ geneigt habe und der Historiker August Leugers-Scherzberg, der sich in einem Essay für die „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ mit der Rolle Herbert Wehners für Brandts Rücktritt befasst hat, attestiert dem Fraktionschef „politische Kaltblütigkeit“.[41] Solche Charakterisierungen wirken allerdings emotional aufgeladen und überzeichnet, wenn man bedenkt, dass es in der politischen Praxis wohl der Normalfall ist, das Interesse der Partei persönlichen Beziehungen überzuordnen.

Im September 1973 attackierte Wehner den Kanzler dann öffentlich in einer unmissverständlichen Wortwahl. Die „Nummer eins“ sei „entrückt“ und „abgeschlafft“, sagte er: „Der Herr badet gern lau – so in einem Schaumbad“. Er sprach Brandt also die Qualifikation als Bundeskanzler ab und erklärte ihm sein Misstrauen. Aber Brandt ließ es nicht auf eine Machtprobe mit Wehner ankommen und beließ ihn in seiner Funktion als Fraktionsvorsitzender, was für ihn einen schwerwiegenden Autoritätsverlust bedeutete. Eine herbe, parteiinterne Niederlage musste Brandt dann auch am 5. Oktober 1973 einstecken, als der SPD-Parteivorstand Wehners Kanzlerschelte mit elf zu zehn Stimmen deckte.[42] Das Verhältnis zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner war seitdem zerrüttet. Brandt spricht in seinen „Erinnerungen“ von einer „durch Krankheit verzerrten Gegnerschaft eines Weggefährten“ und sieht als Ursache für Wehners Polemik seine fortschreitende Diabetes an.[43] Der amerikanische Wehner-Biograph Wayne C. Thompson vertritt die Auffassung, dass Wehner sogar schon im September 1973 nur noch auf eine geeignete Möglichkeit gewartet hatte, Willy Brandt aus dem Kanzleramt zu vertreiben.[44] Dies ist insofern bemerkenswert, da in der politischen Literatur überwiegend die Auffassung vertreten wird, dass Wehner Brandt zu diesem Zeitpunkt noch für unersetzbar gehalten habe.[45] Wenn es aber um die Rolle Herbert Wehners geht, ist das Buch des Landshuter Verlages Politisches Archiv besonders auffallend. Bereits im Sommer 1974 erschien der „dokumentarische Bericht“ mit dem Titel „Guillaume, --- ----, der Spion“, wobei die Autoren anonym sind. In dieser keinesfalls wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Schmähschrift wird die Auffassung vertreten, dass Wehner bereits nach den Wahlen von `72 „mit Unterstützung seines nachrichtendienstlichen Werkzeuges Günther Konrad Nollau“ mit der systematischen Demontage des Kanzlers begonnen habe. Wehner soll zudem die Kontrolle über den Bundesnachrichtendienst ausgeübt haben und das Werk impliziert, dass Günther Nollau und wohl auch Herbert Wehner Agenten der DDR gewesen sein sollen.[46] Worauf sich die Autoren bei ihren Behauptungen berufen, wird zumeist verschwiegen. Ferner sollte man bedenken, dass es sich bei dem Geschäftsführer des Verlages, um jenen Hans Frederik handelt, der bereits in den 60er Jahren Diffamierungsbücher gegen Brandt publiziert hat. Peter Merseburger attackiert ihn in seiner Brandt-Biographie scharf als eine der „Hauptdreckschleudern in diesem untergründigen Wahlkampf“ von 1961.[47]

4.2. Entscheidung zum Rücktritt

Nachdem Wehner allerdings am 3. Mai 1974 über die Einzelheiten der Guillaume-Affäre informiert worden war, ist anzunehmen, dass er spätestens zu diesem Zeitpunkt entschlossen war, Willy Brandt zum Rücktritt zu bewegen. Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau hatte seinen Protege Herbert Wehner persönlich über den Spionagefall und die vermeintlichen Affären des Kanzlers unterrichtet.[48] Peter Merseburger zufolge war Willy Brandt für Wehner nun aufgrund folgender Faktoren nicht mehr länger als Bundeskanzler akzeptabel. Zum ersten hielt er die öffentliche Erörterung von Brandts Affären für eine „parteipolitische Katastrophe“ und er war ferner der Auffassung, dass Brandt eine neue Diffamierungskampagne im Zuge der Guillaume-Affäre weder physisch noch psychisch hätte überstehen können. Zudem konnte Wehner nicht von Brandts Plänen zur Kabinettsumbildung angetan sein, weil diese vorsahen, dass er als Bundesminister wieder in die Kabinettsdisziplin eingebunden werden sollte. Auch hätte Wehner dann wieder mit seinem innerparteilichen Gegenspieler Egon Bahr enger zusammenarbeiten müssen, der als neuer Leiter des Bundeskanzleramtes vorgesehen war.[49] In der Ostpolitik hatten Wehner und Bahr aber vollkommen unvereinbare Ansichten. Während Bahr im wesentlichen den Kontakt zu Moskau oberste Priorität einräumte, trat Wehner für mehr direkte Verhandlungen mit der DDR ein.

Nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Wehner am 4. Mai 1974 hatte sich Brandt zum Rücktritt entschlossen. Da kein Protokoll über diese Unterredung von Bad Münstereifel existiert, verlassen sich die Biographen vornehmlich auf die Darstellung in Willy Brandts „Erinnerungen“, wobei es keinen Grund gibt diese anzuzweifeln. Demnach hatte es Wehner vermieden sich zu seiner Position zu bekennen und gegenüber Brandt lediglich Nollaus Auffassung wiedergegeben, dass er als Bundeskanzler zurücktreten müsse. Der SPD-Fraktionsvorsitzende kam auch auf Brandts Affären zu sprechen und auf seine Befürchtung, dass die Bundesregierung damit erpresst werden könnte.[50] Bemerkenswert ist dabei, dass nicht nur Herbert Wehner, sondern auch Günther Nollau und Horst Herold, diese Befürchtung äußerten. Wie die Erpressung denn konkret hätte vonstatten gehen sollen, hat wohl kein Politiker berichtet und in der Literatur finden sich auch keine Ausführungen darüber. Markus Wolf, Chef der DDR-Auslandsaufklärung, hält die Möglichkeit der Erpressung in seinen nach der Wende erschienenen Memoiren auch für völlig abwegig: „Zum einen hätte es der DDR nichts genützt, zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug, um zu wissen, dass es nie geschehen wäre“.[51]

Zwar hat Wehner in Bad Münstereifel nicht explizit Brandts Rücktritt gefordert, aber er hat ihn gebeten innerhalb von 24 Stunden eine Entscheidung zu treffen, was einem Ultimatum gleichkam. Wehner versicherte zudem jede Entscheidung Brandts solidarisch mitzutragen, ob er aber alles andere als einen Rücktritt akzeptiert hätte, bleibt äußerst fraglich.[52] Nach dieser Unterredung war Brandt aber definitiv entschlossen sein Amt niederzulegen und es ist anzunehmen, dass er zu dieser Entscheidung aufgrund des Gesprächs mit Wehner kam. Denn Wehner war sicherlich bewusst, dass Brandt ohne seine explizite Unterstützung, ohne die ausdrückliche Loyalität des Fraktionsvorsitzenden nicht mehr die Kraft hatte, den Fall Guillaume durchzustehen. Somit reichte Willy Brandt am 7. Mai 1974 bei Bundespräsident Gustav Heinemann seinen Rücktritt ein.

4.3. Der Verdacht – Brandts „Notizen zum Fall G.“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ veröffentlichte im Februar 1994 erstmals private Aufzeichnungen von Willy Brandt über die Guillaume-Affäre. Darin verdächtigt Brandt Herbert Wehner in Zusammenarbeit mit der SED seinen Sturz als Bundeskanzler betrieben zu haben. Die „Notizen“ bestehen aus 43 Seiten, auf denen Brandt die Ereignisse im Mai `74 dokumentiert; angefertigt wurde dieser Rückblick nach Meinung des FAZ-Autors Volker Zastrow zwischen dem 27. Mai und dem 14. September 1974. Nach der Publikation der „Notizen“ äußerten Historiker, wie Arnulf Baring und August
Leugers-Scherzberg, die Ansicht, dass diese keine neuen Erkenntnisse enthalten würden.[53] Dies ist aber nicht richtig. Zwar führt Brandt keine Indizien an, wonach der Verdacht gegen Wehner begründet wäre. Dass er aber überhaupt Wehner dessen beschuldigte, war bis dato nicht bekannt. Lediglich Arnulf Baring durfte zuvor auszugsweise einen Blick in Brandts „Notizen“ werfen, als er für sein 1982 erschienenes Buch „Machtwechsel“ recherchierte. Zwar kommt bei Barings Buch zum Ausdruck, dass Willy Brandt Herbert Wehner als Schlüsselfigur für seinen Rücktritt erachtet, nicht aber, dass er ihm vorwirft, konspirativ tätig gewesen zu sein.[54]

Brandt stilisierte sich aber nicht zum „Opfer eines Genossen-Komplotts“, weil er es nicht ertragen konnte über „schmuddelige Weibergeschichten gestolpert zu sein“, wie der „Focus“ im Februar 1994 mutmaßte.[55] Denn man muss den Kenntnisstand berücksichtigen, über den Brand bei der Anfertigung seiner „Notizen“ verfügt hat - dann nämlich scheint der Verdacht aus seiner Sicht zumindest etwas nachvollziehbar. So heißt in den „Notizen“ beispielsweise unter dem Datum des 6. Mai 1974: „E[gon] B[ahr] brachte am 6.5. in Erfahrung: in den vorangeg. Tagen (bis 5.5.) habe es zwischen H[erbert] W[ehner] + Hon[ecker] mehrere (vier) Kommunikationen gegeben.“[56] Brandt ging laut seinen „Notizen“ von Folgendem aus. Erstens glaubt er Anhaltspunkte zu haben, dass Wehner bereits im Sommer 1973 über den Verdacht gegen Guillaume informiert wurde. Zum Zweiten will er von einem Briefwechsel sowie vier geheimen Treffen zwischen Erich Honecker und Herbert Wehner wissen. Willy Brandt wurde von Egon Bahr auch darüber informiert, dass Wehner bereits 1973 dem KPdSU-Funktionär Boris Ponomarjow gesagt haben soll, Brandt sei am Ende, trinke viel und sei ein rechter Schürzenjäger. Erich Honecker und er seien verwundert, dass Moskau auf Brandt, diesen „politischen Leichnam“, setze. Die Informationen, auf die sich Brandt hier stützt, sind aber nach Darstellung Leugers-Scherzbergs falsch. Seiner Beweisführung zufolge, gab es einen geheimen Kommunikationskanal, einen so genannten „back channel“, zwischen Egon Bahr und KGB-Chef Jurij Andropow. Da Wehner und Bahr in der Ostpolitik konträre Auffassungen hatten, wollte Herbert Wehner Bahrs Kanals sabotieren und forderte einen direkten „back channel“ zwischen Willy Brandt und dem Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew. Da Andropow über den „back channel“ aber direkt die deutsch-sowjetischen Beziehungen beeinflussen konnte, sah er seine Position als gefährdet an und nährte deswegen über den Kanal Zweifel an Wehners Loyalität. So wurden Bahr unter anderem Treffen zwischen Wehner und Honecker gemeldet, die es nie gegeben hat. Die Informationen von Andropow hat Bahr übernommen und somit den Kanzler, auch noch nach dessen Rücktritt, unwissentlich mit Falschinformationen versorgt.[57] Eingedenk dessen, ist es legitim anzunehmen, dass es eben diese Falschinformationen waren, die Brandt zu seinem Verdacht gegen Herbert Wehner veranlasst hatten. Der Verdacht erscheint aber schon deshalb absurd, weil die SED kein Interesse am Rücktritt des Entspannungspolitikers Willy Brandt hatte. Sein Sturz sei von der Staatssicherheit der DDR nicht gewollt gewesen, schreibt Markus Wolf, denn „selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein“.[58]

5. Resümee

In der vorliegenden Arbeit sollte insbesondere deutlich werden, dass die Gründe für Brandts Rücktritt im wesentlichen in der politischen Lage und seiner persönlichen Konstitution zu suchen sind. Der Fall Guillaume wurde ferner nur durch gravierende Fehlleistungen der deutschen Abwehrdienste im Zusammenspiel mit der Bedenkenlosigkeit und Naivität des Bundeskanzlers derart brisant. Auch sollte erläutert werden, dass der Verdacht Willy Brandts gegen Herbert Wehner nicht zu halten ist.

Schließt man alle kolportierten Verschwörungstheorien aus, dann ist die Guillaume-Affäre lediglich eine banale Verkettung unglücklicher Umstände. Sie ereignete sich zu einer ungünstigen Zeit, in der Willy Brandt ausgebrannt war und die politischen Probleme überhand nahmen. Zu einer ungünstigen Zeit, da Herbert Wehner Brandt nicht mehr unterstützen wollte, wie er es ein paar Jahre zuvor vielleicht noch getan hätte. Dennoch. Der Spionagefall hätte nicht mit dem Rücktritt Willy Brandts enden müssen, wenn Günther Nollau als Präsident des Verfassungsschutzes kompetenter gehandelt hätte. Ihn trifft die Hauptschuld, da er den Innenminister nicht hinreichend informiert hat und es war grob fahrlässig, dass er Günter Guillaume in Norwegen nicht observieren ließ. Hans-Dietrich Genscher ist vorzuwerfen, dass er es nicht für nötig hielt, sich die Ermittlungsakten vorlegen zu lassen und er die Kontrolle über die Sicherheits- und Ermittlungsmaßnahmen nicht in seinem Ministerium behielt.[59] Deshalb setzte Willy Brandt mit seinem Rücktritt moralische Maßstäbe, weil er die Konsequenzen für das Fehlverhalten seiner Untergebenen zog. Er ist letzten Endes seinen eigentlich positiven Charaktereigenschaften zum Opfer gefallen. „Ich halte nichts von einer teutonischen Pseudo-Autorität, die durch den Schlag mit der Faust auf den Tisch demonstriert wird.“ Brandt wird mit diesen Worten zitiert und darin kommt seine Mentalität zum Ausdruck, Sacherverhalte ausdiskutieren zu lassen. Weil er aber der zur Zeit populären „Basta-Politik“ eine Absage erteilte, wird ihm Führungsschwäche attestiert. Weil er niemals ein Zyniker der Macht geworden war und an das Gute im Menschen glaubte, bezichtigt man ihn der Naivität. Weil er, wie er selber einräumte, „mit der Gabe, hart – hart gegen Menschen – zu sein nun einmal nicht gesegnet“[60] war, charakterisiert man ihn als konfliktscheu. Sicherlich sind das Eigenschaften, die Willy Brandt nicht unbedingt für die hohe Politik prädestiniert haben. Darum hatte sein Außenminister Walter Scheel auch recht, als er über Willy Brandt sagte, dass „nur eine außergewöhnliche Häufung von Zufällen einen Mann Ihrer [sic!] Statur an die Spitze einer Regierung bringen konnte.“[61]

Literaturverzeichnis

- Baring, Arnulf: „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“, DVA Stuttgart, 1982, S.509 – 511 u. S. 722 - 760
- Brandt, Willy: „Erinnerungen“, Ullstein Verlag München, Neuausgabe 2003; im besonderen S. 315 – 340 und „Notizen“ S. 519 - 537
- „Focus“: „Der Referent bezahlt alles“, S.24, u. „Die Geheimakte Brandt, S. 18, in Focus, 14. Februar 1994
- Genscher, Hans-Dietrich: „Erinnerungen“, Siedler Verlag Berlin, 1995, S. 194 – 203
- Koch, Peter: „Willy Brandt“, Ullstein Verlag Berlin-Frankfurt, 1988; S. 405 – 449
- Leugers-Scherzberg, August H.: „Herbert Wehner und der Rücktritt Willy Brandts am 7.5.1974“ in „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“, Oldenbourg Verlag, 50. Jahrgang 2002, S. 303 – 322
- Meyer, Claus Heinrich: „Versöhner von Macht und Moral“ in „Süddeutsche Zeitung“, 10. Oktober 1992, S. 3
- Merseburger, Peter: „Willy Brandt 1913 - 1992. Visionär und Realist“, DVA Stuttgart-München, 2002
- Nollau, Günther: „Das Amt“, Bertelsmann Verlag München, 1978, S. 254 – 286
- Schmidt, Helmut: „Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen“, Siedler Verlag Berlin, 1996, S. 444 – 452
- Schöllgen, Gregor: „Willy Brandt. Die Biographie“, Ullstein Verlag München, 1. Auflage 2003
- „Spiegel“: 6. Mai 1974, S. 18 – 31 u. 13. Mai 1974, S.30
- Schreiber, Hermann: „Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat“, Econ Verlag München, 1. Auflage 2003
- Thompson, Wayne C.: „The Political Odyssey of Herbert Wehner”, Boulder USA, 1993, S.335 - 356
- Wolf, Markus: „Spionagechef im Kalten Krieg“, Econ Verlag München, 2. Auflage 1999, S. 195 – 220 u. S. 263 – 295
- Zastrow, Volker: „Der Verdacht. Brandts „Notizen zum Fall G.“ als historische Quelle“, in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 26. Februar 1994
- ***, „Guillaume, -- ---, der Spion. Ein dokumentarischer Bericht“, Verlag Politisches Archiv Landshut, 1974

[...]


[1] Merseburger, Peter, Willy Brandt, S. 657

[2] Vgl. dazu Merseburger, P., Willy Brandt, S. 657-720; Schöllgen, Gregor, Willy Brandt, S. 186-201; Koch, Peter, Willy Brandt, S. 414-426

[3] Merseburger, P., Willy Brandt, S. 658f.

[4] Brandt, Willy, Erinnerungen, S.326

[5] Merseburger, P., Willy Brandt S. 420 ,

[6] vgl. dazu Schöllgen, G., Willy Brandt, S. 187

[7] Schöllgen, G., Willy Brandt, S. 7

[8] Schöllgen, G., Willy Brandt, S.211

[9] Baring, Arnulf, Machtwechsel, S. 746; Arnulf Baring nennt in den entsprechenden Textstellen nicht die Quelle seiner Informationen; Merseburger berichtet aber, dass Brandt über seine damaligen Selbstmordabsichten Baring persönlich unterrichtet haben soll; vgl. Merseburger, P., Willy Brandt, S. 733

[10] Brandt, W., Erinnerungen, S. 321f.

[11] Schöllgen, G., Willy Brandt, S.198:

[12] Koch, P., Willy Brandt, S.425

[13] Schmidt, Helmut, Weggefährten-Erinnerungen und Reflexionen, S. 450

[14] Der Spiegel, 13. Mai 1974, S.30

[15] Koch, P., Willy Brandt, S. 426

[16] Koch, P., Willy Brandt, S.417 ff.

[17] Koch, P., Willy Brandt, S.437. u. S. 314

[18] Schreiber, Hermann, Kanzlersturz, S. 40

[19] Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 68

[20] Der Spiegel, 6. Mai 1974, S. 24

[21] Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 23

[22] Brandt, W., Erinnerungen, S. 332

[23] Schreiber, H., Kanzlersturz, S.71; vgl. dazu auch Baring, A., Machtwechsel, S.731; Merseburger, P., Willy Brandt, S. 728

[24] Nollau, Günther, Das Amt, S. 255

[25] Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 106ff.

[26] Nollau, G., Das Amt, S. 276f.

[27] vgl. Baring, A., Machtwechsel, S.729; Schöllgen, G., Willy Brandt, S. 203 sowie

Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 113

[28] Baring, A., Machtwechsel, S. 728f.

[29] Genscher, Hans-Dietrich, Erinnerungen, S. 199f. u. Nollau, G., Das Amt, S. 277f.

[30] Brandt, W., Erinnerungen, S. 335

[31] ***, Guillaume, ---- -----, der Spion (Autoren sind anonym); in dem Buch wird die Auffassung vertreten, dass Wehner und Nollau zusammen die Demontage Willy Brandts betrieben haben; vgl. dazu Kapitel 4.1.

[32] Nollau, G., Das Amt, S. 280

[33] Brandt W., Notizen, in Brandt, W., Erinnerungen, , S. 520

[34] Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 141 u. S. 150

[35] Für eine Anklage wegen Landesverrat gemäß § 94 Strafgesetzbuch muss die Bundesanwaltschaft beweisen können, dass der Verdächtige Staatsgeheimnisse nachrichtendienstlich weitergegeben hat.

[36] Brief von Horst Herold an Hans-Dietrich Genscher vom 30. April 1974, auszugsweise abgedruckt in Focus, 14. Februar 1994, S. 24; vgl. auch Leugers-Scherzberg, August H., Herbert Wehner und der Rücktritt Willy Brandts am 7.5.1974, S. 306

[37] Brandt, W., Erinnerungen, S. 320

[38] Brief von Herold an Genscher, in Focus, 14. Februar 1994, S. 24

[39] Vgl. dazu Merseburger, P., Willy Brandt, S. 729 ; Schöllgen, G., Willy Brandt, 205f.

[40] Meyer, Claus Heinrich, Versöhner von Macht und Moral in „Süddeutsche Zeitung“, 10. Oktober 1992, S.03

[41] Merseburger, P., Willy Brandt, S. 708; Baring, A., Machtwechsel, S. 511; Leugers-Scherzberg, August H., Herbert Wehner und der Rücktritt Willy Brandts am 7.5.1974, S. 322

[42] Merseburger, P., Willy Brandt, S 700 - 705

[43] Brandt, W., Erinnerungen, S. 308f.

[44] Thompson, Wayne C., The Political Odyssey of Herbert Wehner, S. 339

[45] vgl. dazu Merseburger, P., Willy Brandt, S. 705 u. Leugers-Scherzberg, August H., Herbert Wehner und der Rücktritt Willy Brandts am 7.5. 1974, S. 314

[46] ***, Guillaume, -- ---, der Spion, VPA, S. 295, 134

[47] vgl. dazu Merseburger, P., Willy Brandt, S. 415f.; laut Merseburger unterhielt Frederik hervorragende Kontakte zur CSU, aber auch zur DDR-Führung; in deren Auftrag habe er Schmähschriften publiziert.

[48] Schreiber, H., Kanzlersturz, S. 199

[49] Merseburger, P., Willy Brandt, S. 736

[50] Brandt, W., Notizen, in Brandt, W., Erinnerungen, S. 530f.

[51] Wolf, Markus, Spionagechef im Kalten Krieg, S. 290f.

[52] Brandt, W., Notizen, in Erinnerungen, S. 530f.

[53] Zastrow, Volker, Der Verdacht - Brandts „Notizen zum Fall G.“ als historische Quelle in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 1994; vgl auch „Notizen zum Fall G.“ abgedruckt in Brandt, W., Erinnerungen, S. 519 – 537

[54] vgl. Baring, A., Machtwechsel, S. 731-758

[55] Focus, Die Geheimakte Brandt, 14. Februar 1994, S. 18

[56] Brandt, W., Notizen, in Erinnerungen, S. 535

[57] Leugers-Scherzberg August, Herbert Wehner und der Rücktritt Willy Brandts am 7. Mai 1974, S. 314 – 317; vgl. auch Merseburger, P., Willy Brandt, S. 711f.

[58] Wolf, M., Spionagechef im Kalten Krieg, S.286f.

[59] Baring, A., Machtwechsel, S. 735f.

[60] Brandt, W., Erinnerungen, S.304

[61] Schöllgen, G., Willy Brandt, S. 215

Details

Seiten
21
Jahr
2004
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110773
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Rücktritt Willy Brandts Biographie Analyse Internationalen Politik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Rücktritt Willy Brandts in der politischen Biographie