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Überwindet Rawls' Politischer Liberalismus Nozicks Kritik?

Essay 2005 21 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Rawls Theorie der Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Fairness

2. Nozicks Kritik an Rawls und die Anspruchstheorie

3. Neuformulierung von Gerechtigkeit als Fairness in Politischer Liberalismus

4. Kann die Neuformulierung Nozicks Kritik widerlegen?

Literatur

0. Einleitung

Als John Rawls 1971 sein Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (A Theory of Justice, TdG) veröffentlichte, war dies ein Meilenstein für die Politische Philosophie und die Diskussion um die Kriterien der Gerechtigkeit. Das Werk wird als das bedeu- tendste und tiefgreifendste seit dem Schaffen John Stuart Mills angesehen. Robert No- zick behauptete sogar, dass jeder Theoretiker in der Politischen Philosophie danach entweder in der Theorie John Rawls’ arbeiten oder zumindest erklären muss, warum er das nicht tut.1

Rawls legt mit seiner Theorie ein Konzept vor, das sich zunächst v.a. als ein Ge- genkonzept zum damals vorherrschenden Utilitarismus versteht. Rawls ist es ein Dorn im Auge, zu sehen, dass der Utilitarismus als Folge seiner zentralen Forderung nach dem „größten Glück, der größten Zahl“2 akzeptieren muss, dass eine Gesellschaft als gerecht und wünschenswert gilt in der die am besten Gestellten unter Umständen auf Kosten der weniger gut Gestellten noch besser gestellt werden, wenn dadurch der Ge- samtnutzen gesteigert werden kann. Rawls vertritt daher in seiner eigenen Konzeption einer gerechten Gesellschaft eine Form des Egalitarismus, der solche Ungleichheiten auf ein erträgliches Maß reduzieren soll. Rawls versteht die Gerechtigkeit als erste Tu- gend sozialer Institutionen3 und stellt ein Argument vor, das helfen soll diese Tugend zu finden und umzusetzen. Das Argument wurde bekannt als Gerechtigkeit als Fairness (Justice as Fairness, GaF). Es nimmt den Gedanken des klassischen Gesellschaftsver- trags in der Tradition Thomas Hobbes’4, John Lockes, Jean-Jacques Rousseaus5 oder Immanuel Kants wieder auf und erweitert ihn um eine hypothetische Komponente.

Bei Rawls gilt diejenige Gesellschaftsstruktur als gerecht, die in einem Gedan- kenexperiment hinter dem so genannten Schleier des Nichtwissens (Veil of Ignorance) von den Bürgern dieser Gesellschaft als gerecht angesehen wird. Rawls bezieht sich dabei auf die gesamte sozioökonomische Grundstruktur (Basic Structure) einer Gesell- schaft. Die Bürger unter dem Schleier des Nichtwissens wissen nichts über ihre wirkli- che Position in der Gesellschaft und über den Umfang der jeweiligen gesellschaftlichen

Gruppierungen. Daher entscheiden sie nach dem Maximin-Prinzip, was dazu führt, dass sie sich auf eine Gerechtigkeitskonzeption einigen, die die Förderung des Wohls der am schlechtesten Gestellten fordert und dieser Gruppe ein Auskommen garantiert. Konkret einigen sich die Akteure in Rawls Gedankenexperiment auf zwei Gerechtigkeitsprinzi- pien:

Das erste Prinzip besagt, jedermann soll ein gleiches Recht auf das umfangreichs- te System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen vereinbar ist.

Das zweite Prinzip besagt, soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.6

Das erste Prinzip scheint intuitiv eingängig und wenig widersprüchlich zu sein. Das zweite Prinzip allerdings, das üblicherweise als das Differenzprinzip bezeichnet wird, hat heftige Diskussionen ausgelöst. Einer der bekanntesten Kritiker dieses Prin- zips und der Rawls’schen Konzeption im Allgemeinen war Robert Nozick mit seinem Werk „Anarchy, State and Utopia“. Nozick vertritt eine so genannte libertäre Philoso- phie, die eine radikale Form des europäischen Verständnisses des Liberalismus dar- stellt.7 In Bezug auf die Gerechtigkeitsvorstellungen kritisiert Nozick Rawls in der Wei- se, dass er ihm eine Inkonsistenz seiner Theorie und seiner Gerechtigkeitsprinzipien vorwirft, weil sich diese auf die Grundstruktur beziehen.

[...]


1 Nozick (1974), 183. Vgl. auch Pies (1996).

2 Diese Maxime des Utilitarismus geht zurück auf Jeremy Bentham und wurde dann von John Stuart Mill weiterentwi- ckelt. Vgl. Mill (1998), 136ff.

3 Rawls (1999), 3.

4 Hobbes (1970), insbes. 118-129, 14. Kap.

5 Rousseau (2001), insbes. 46-64, Livre I.

6 Vgl. Rawls (1999), 53.

7 Liberalismus wird diesseits und jenseits des Atlantiks in verschiedenen Bedeutungen verwandt. In Amerika wird das Wort von der Rechten genutzt, um eine Konzeption zu geißeln, die großen Wert auf ökonomische und soziale Gleichheit setzt. Dies entspricht in etwa dem Verständnis der europäischen Sozialdemokratie. In Europa wird Wort gerne von der Linken benutzt, um dem politischen Gegner eine Gesellschaftskonzeption anzudichten, die nur auf eine Laissez-faire-Marktwirtschaft abzielt und die Notwendigkeit von Staatshandeln und -interventionen verneint oder zumindest einschränkt. Meist wird das Wort in dieser Intention noch mit dem Zusatz „Neo-“ oder „Ultra-“ versehen. Vgl. u.a. Nagel (2003), 62f, von Mises (1985), 1-17 (Introduction), Berlin (1995), 197-257 oder auch aus jüngster Zeit di Fabio (2005), 79ff.

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (Buch)
9783640119233
DOI
10.3239/9783640090006
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Institut für Philosophie
Erscheinungsdatum
2007 (Juni)
Note
sehr gut
Schlagworte
Rawls Politischer Liberalismus Nozicks Kritik John Rawls Politischer Liberalismus

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