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Was ist Literatur?

Etymologie, Sprachgebrauch und Fiktionalität

Seminararbeit 1989 15 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Zur Etymologie des Wortes 'Literatur'

2 Sprachgebrauch und Fiktionalität

3 Zwischen ästhetischer Distanz und Realitätsbezug

Literaturverzeichnis

Abstract

Die Arbeit geht zunächst der Etymologie des Begriffs 'Literatur' nach und differenziert dessen Verwendung im englischen und im deutschen Sprachgebrauch. Unterschiedliche Konzeptionen des Terminus werden vorgestellt und besprochen: die Begrenzung auf 'bedeutende' Werke; literarische, alltägliche und wissenschaftliche Sprache sowie das expressive und pragmatische Element und schließlich der referentielle Aspekt mit seinem Merkmal der Fiktionalität. In den literarischen Gattungen (Lyrik, Epik, Drama) besteht ein Bezug auf eine Welt der Fiktion, Zeit und Raum eines Romans sind nicht die des wirklichen Lebens. Die Bemerkung der Literaturtheoretiker Warren und Wellek, dass es sich bei der Unterordnung unter das wichtigste Kriterium der Fiktionalität nicht um eine wertende handelt, verdient besonders betont zu werden. Zu Literatur zählt auch "the worst novel, the worst poem, the worst drama". Im letzten Teil wird ein Schema vorgestellt, das Textsorten nicht nur nach Gebrauchstexten und fiktionalen Texten unterscheidet, sondern die Bezeichnung 'literarische Gebrauchstexte' einführt, um auch Mischformen wie politischen Texten, Werbetexten und journalistischen Texten gerecht zu werden. Unter Gebrauchsliteratur versteht Gero von Wilpert nichtfiktionale Texte, die nach literarisch-ästhetischen Kriterien ihre Aussage in ein literarisiertes Gewand kleiden.

1 Zur Etymologie des Wortes 'Literatur'

Die Zahl der Textsorten[1] hat heute ein solches Ausmaß erreicht, dass man sie gar nicht mehr Gewinn bringend aufzählen kann. Das bedeutet, dass es Schwierigkeiten bei dem Versuch gibt, zu einer Einteilung oder Ordnung zu gelangen. Dennoch reißen die Bemühungen nicht ab, "möglichst viele Texte unter einige wenige charakteristische allgemeine Merkmale" zusammenzufassen.[2] Dies führte zu einer heftigen Diskussion darüber, was denn Literatur eigentlich sei, und die Uneinigkeit hat bis heute angedauert.[3]

Als erste Herangehensweise ist es ratsam, über die Etymologie der Grundbedeutung – d.h. einem früheren Sinn – des Wortes 'Literatur' nachzugehen. Im Lateinischen gibt es gleich mehrere Bezeichnungen, die man in Verbindung mit 'Literatur' bringen kann: littera = Buchstabe; litterae = das Schreiben, die Schriften, die Bücher, der Brief – die Briefe, die Wissenschaft – die Wissenschaften; litterator = Sprachgelehrter; litteratura = Buchstabenschrift, Alphabet.

In diesem Zusammenhang führt das Concise Oxford Dictionary (COD) mehrere Erklärungen unter dem Stichwort literature an: "(…) realm of letters, writings of country or period; (…) the books etc. treating of a subject; (colloq.) printed matter; (arch.) acquaintance with books."[4]

Im Englischen scheint der Begriff literature in weiterem Sinne angewandt zu werden als z.B. im Deutschen. Größere Wörterbücher führen als Übersetzung, unter der Sprachgebrauchsebene colloquial,"Informationsmaterial" an, wozu sämtliche Werbebroschüren und beschreibendes Material gehört, z.B. "(…) literature about our refrigerators/package holidays"[5] In unserer Sprache klingt ein dermaßen extensiver Gebrauch ungewöhnlich, eine ähnliche Verwendung des Begriffs findet sich am ehesten in Bezug auf Fach- und Sachbücher (z.B. Sachliteratur zum Thema Schlankheitskuren, Wellness etc.).

2 Sprachgebrauch und Fiktionalität

Die meisten der oben genannten lateinischen Bezeichnungen betonen den Charakter des schriftlich Fixierten. Mit dieser Definition, die alles Geschriebene abdeckt, beginnen Warren und Wellek ihre Abhandlung "The Nature of Literature". Als Vertreter einer besonders weiten Auslegung wird E.Greenlaw angeführt, der unter Literatur nicht nur belles lettres sowie gedruckte oder geschriebene Aufzeichnungen versteht, sondern alles, was in Verbindung mit der Kulturgeschichte steht und einen Beitrag zu dieser leistet. Die Autoren haben folgende Einwände gegen eine solche Auffassung: streng literarische Studien werden abgedrängt und alle Unterscheidungen gehen verloren, was zur Folge hat, dass Literatur nach äußeren Kriterien beurteilt wird. Auch das spezifische Gebiet und die spezifische Methode von Literatur werden verleugnet.

Der zweite Ansatz zur Definition von Literatur besteht darin, eine Begrenzung auf 'bedeutende Bücher' vorzunehmen. Inbegriffen sind sämtliche Werke, unabhängig vom Thema (Geschichte, Philosophie, Wissenschaft), die durch literarische Form oder Ausdruck bestechen. Die Beurteilung erfolgt entweder nach ästhetischem Wert (Gedichte, Dramen, Romane) oder nach intellektueller Bedeutsamkeit zusammen mit ästhetischen Gesichtspunkten, wobei die Ästhetik sehr eng gefasst wird. Es handelt sich also um ein Werturteil. Warren und Wellek sehen die Gefahr darin, dass – in der Literaturgeschichte – auf die 'großen Denker' wie z.B. Adam Smith nur bruchstückhaft eingegangen wird und unfachmännische Abhandlungen über deren Fachgebiet geschrieben werden. Des Weiteren trägt diese Begrenzung nichts zum Verständnis der Kontinuität der literarischen Tradition, der Entwicklung der literarischen Gattungen und der Natur des literarischen Prozesses bei. Die Anwendung der genannten Kriterien auf philosophische, historische oder ähnliche Bücher würde zu einer ausfallend ästhetischen Betrachtungsweise führen. Die Autoren versuchen in ihren folgenden Darlegungen, den Begriff der 'Literatur' klarer zu fassen. Literatur begrenzen sie auf die "Kunst der Literatur" und beziehen orale Ausdrucksformen ein. Hauptunterscheidungen müssen zwischen literarischem, alltäglichem und wissenschaftlichem Gebrauch der Sprache gemacht werden:

Wissenschaftliche Sprache [6] ist rein 'denotativ', es besteht ein eins-zu-eins Verhältnis zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Das Zeichen führt uns eindeutig zum Bezeichneten und ist damit transparent.

[...]


[1] Den Terminus 'Textsorte' kann man grob als "Zusammenfassung von Texten mit einheitlichen übereinstimmenden Stilmerkmalen zu einer Gruppe" definieren.

[2] H. Ludwigsen (1981), Sprachbetrachtung und Textanalyse, 4. A., Bad Homburg v. d. Höhe, S. 75.

[3] Allerdings ist kritisch anzumerken, dass die Problematik, Textsorten (d. h. funktional definierte Sprachformen) zu bestimmen, nicht zu eng mit der Kontroverse um den eher wertenden Literaturbegriff verbunden werden sollte.

[4] Meine Hervorhebungen im Zitat.

[5] Hornby (1982), Oxford Advanced Learner's Dictionary of Current English, 13.Druck. [In der 11.Auflage des Concise Oxford English Dictionary wird unter dem Eintrag literature an dritter Stelle "promotional or advisory leaflets and other material" angeführt.]

[6] Beim Kursivdruck handelt es sich auch auf den folgenden Seiten um meine Hervorhebungen.

Details

Seiten
15
Jahr
1989
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110926
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für England und Amerikastudien
Note
1,0
Schlagworte
Literatur Einführung Literaturwissenschaft

Autor

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Titel: Was ist Literatur?