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Das lebensweltorientierte Konzept nach Hans Thiersch

Lebensweltorientierung - Geschichte und Theorie der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftsauffassung von Sozialarbeit/Sozialpädagogik
2.1 Die Lebenswelt sozialpädagogischer Adressaten
2.2 Die gesellschaftliche Funktion von Sozialpädagogik/Sozialarbeit
2.3 Die Institutionen von Sozialpädagogik/Sozialarbeit
2.4 Das professionelle Handeln von Sozialpädagogik/Sozialarbeit

3. Historische Entwicklung des lebensweltorientierten Konzepts

4. Theoretischer Hintergrund des lebensweltorientierten Konzepts
4.1 Hermeneutisch-pragmatische Erziehungswissenschaft
4.2 Phänomenologisch - interaktionistisches Paradigma
4.3 Kritische Alltagstheorie
4.4 Fünf Aspekte der Lebenswelt

5. Dimensionen der Lebensweltorientierung

6. Struktur- und Handlungsmaximen
6.1 Prävention
6.2 Alltagsorientierung
6.3 Integration
6.4 Partizipation
6.5 Dezentralisierung/ Regionalisierung
6.6 Planung/Einmischung
6.7 Integration und Flexibilisierung von Hilfen
6.8 Demokratisierung
6.9 Reflexion

7. Voraussetzungen für das lebensweltorienierte Konzept in unterschied-lichen Arbeitsfeldern

8. Lebensweltorieniertes sozialpädagogisches Handeln

9. Achter Jugendhilfebericht

10. Schlussfolgerung

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hans Thiersch entwickelte das lebensweltorienierte Konzept, mit dem Ziel der Sozialen Arbeit eine Orientierung zu geben, um die Probleme der Lebenswelt der Adressaten zu bearbeiten und deren Bewältigungs- und Verarbeitungsformen zu unterstützen, die sich aus gesellschaftlichen Situationen, biographisch geprägten Lebenserfahrungen und den normativen Ansprüchen ergeben. Daher ist sein Konzept nur ein Aspekt der sozialpädagogischen Theorie (Vgl. Thiersch 1993, S.11 f).

Hans Thiersch wurde 1935 in Recklinghausen geborgen und wandte sich später dem Studium der Philologie, Philosophie, Theologie und Pädagogik zu. 1961 bis 1967 arbeitete er wissenschaftlicher Assistent an der Universität in Göttingen und wurde dann Professor für Pädagogik an der pädagogischen Hochschule Kiel. Drei Jahre danach nahm er die Professur an Universität Tübingen an. Ab 1978 bis 1982 war Thiersch als Vorstandsmitglied und Vorsitzender in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften tätig. 1980 war er mitwirkender in der Studienreformkommission zum 8. Jugendbericht. (Vgl. Thiersch I 1992, S. 271).

Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen: „Fragen der Hermeneutik und der sozialpädagogischen Theorie, Probleme der Definition abweichenden Verhaltens, Probleme der Beratung, Heimerziehung und der sozialpädagogischen Jugendarbeit“ (Thiersch I 1992, S. 272).

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert „Das lebensweltorienierte Konzept nach Hans Thiersch“. Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über die Konzeption der Lebensweltorientierung zu geben. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf dem Verständnis von lebensweltorientierter Sozialarbeit. Einleitend erhält man einen Einblick in die Wissenschaftsauffassung von Sozialarbeit, was die Grundlage für Thierschs Konzept bildet. Danach erfolgt ein Abriss über die geschichtliche Entstehung der Theorie der Lebensweltorientierung. Da für das Verständnis des Konzeptes die theoretische Entwicklung eine Grundlage darstellt, wird diese Ansicht der Lebensweltorientierung im vierten Kapitel thematisiert. Dabei werden auf drei verschiedene Wissenschaftsauffassungen eingegangen und anschließend fünf Merkmale der Lebenswelt erläutert. Der fünfte Abschnitt beschäftigt sich mit den Dimensionen der Lebensweltorientierung, die eingeteilt sind in Erfahrungen der Zeit, des Raumes und der Beziehungen, sowie Bewältigungsaufgaben, Hilfe zur Selbsthilfe und den gesellschaftlichen Bedingungen.

Das sechste Kapitel umfasst die von Thiersch beschriebenen Handlungs- und Strukturmaximen, nach denen sich die Sozialarbeit orientieren sollte. Im Folgenden werden die Voraussetzungen für das lebensweltorientierte Konzept in unterschiedlichen Arbeitsfeldern erläutert und anschließend im achten Kapitel das Handlungsprofil für lebensweltorieniertes sozialpädagogisches Handeln beschrieben. Der achte Jugendbericht soll das Gesamtbild von der Entstehung und Entwicklung eines Konzepts bis hin zur Umsetzung in diesem Bericht abrunden. Letztendlich werden im Schlussteil einige Aspekte dieser Konzeption kritisch hinterfragt und auf deren Anwendbarkeit auf unserer heutigen Gesellschaft überprüft.

2. Wissenschaftsauffassung von Sozialarbeit/Sozialpädagogik

Bei seiner Wissenschaftsauffassung fasst Hans Thiersch “Verstehen“ als Basis menschlicher Kultur auf. Demnach soll die Sozialpädagogik „Menschen verstehen, um zu wissen, ob und wie [man] ihnen helfen kann“ (Thiersch I 1992, S. 272). Er bezieht sich dabei auf die hermeneutisch orientierte Wissenschaft, welche die Eigenart ihres Gegenstandsbereichs verdeutlicht, ihr Thema festlegt und präzisiert, sowie den Zusammenhang von Voraussetzung und Folgen klärt und nachvollziehbare Methoden erläutert, um die Reichweite der Aussagen festzustellen (Vgl. Theirsch I 1992, S. 272). Daher macht Thiersch darauf aufmerksam, dass „Wissenschaft nur etwas und nicht alles kann“ (Thiersch I 1992, S. 272).

Dabei geht es um einzelne Ansätze und die sich daraus ergebenen Handlungsstrategien, dementsprechend auch das Wissen um Grenzen der Arbeit und damit verbunden der Verzicht auf Allzuständigkeit. Wissenschaft soll Formen der Reflexivität herausarbeiten und die darin liegenden Widersprüche, produktiv für die Praxis nutzen. Seine Wissenschaftsauffassung bezeichnet er selbst „als kritisch, hermeneutisch, progressiv und emanzipativ“ (Vgl. Thiersch I 1992, S. 272 f).

Der Gegenstandbereich der Sozialpädagogik/Sozialarbeit ist nach Thierschs Ausfassung der Alltag und denen sich daraus entwickelnde Bewältigung der Lebensprobleme. Seine Theorie ist als eine Theorie innerhalb der Erziehungswissenschaften zu verstehen, die sozialwissenschaftlich orientiert und gesellschafts- sowie handlungstheoretisch konzipiert ist.

Gegenstand dieser Theorie sind „soziale Probleme und Lernprobleme […] [und die sich daraus ergebenen] Interventionsformen als gesellschaftliche Reaktion auf sie“. (Thiersch I 1992, S. 273). Sozialpädagogik/Sozialarbeit ist demzufolge eine praxis-bezogene, kritische Handlungswissenschaft, die in fünf Dimensionen geteilt werden kann:

(1) die Lebenswelt sozialpädagogischer Adressaten,
(2) die gesellschaftliche Funktion von Sozialpädagogik/Sozialarbeit,
(3) die Institutionen von Sozialpädagogik/Sozialarbeit,
(4) das professionelle Handeln von Sozialpädagogik/Sozialarbeit,
(5) der Wissenschaftscharakter von Sozialpädagogik/Sozialarbeit.

(Vgl. Thiersch I 1992, S. 274).

Da Thiersch keine Stellungnahme zum Wissenschaftscharakter in der Literatur nimmt, wird dies nicht näher von mir erläutert.

2.1 Die Lebenswelt sozialpädagogischer Adressaten

Alltag ist der Ansatzpunkt für eine Hilfe zur Selbsthilfe, der Lebensmöglichkeiten freisetzt und Randbedingungen verändert, so Thiersch. Alltag ist ein Aspekt von Wirklichkeit und basiert auf den Lebenserfahrungen aller Menschen. Das Alltagsleben wird durch die eigenen Erfahrungen und Aufgaben wahrgenommen, die sich im Umfeld der Menschen vorfinden. Die Erledigung dieser Aufgaben sind pragmatisch orientiert und ohne jegliche Begründung, daher entstehen durch Regeln und Routine Entlastungen für Menschen (Vgl. Thiersch I 1992, S. 274 f).

Alltäglichkeit sind Verstehens- und Handlungsmuster und sollte nur im Zusammenhang mit historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen verstanden werden. In der Bewältigung des Alltags spiegelt sich eine Ungleichheit der Ressourcen der Menschen wieder. Die Emanzipationsbewegung soll diese Ungleichheit aufheben, wird aber gesellschaftlich gebremst. Ebenso werden durch die technologisch-wissenschaftlichen Organisations- und Handlungsstrukturen, die Rahmenbedingungen für den heutigen Alltag gelegt. Dadurch ergeben sich Schwierigkeiten im Alltag, die sich durch Verunsicherung in Verstehens- und Handlungsmustern, in einer Verschiebung von Aufgaben, Verweigerung, Protest und Überlastung zeigen. Das emanzipative Alltagskonzept nutzt dieses Protestpotential und deren Widersprüche, um zu neuen Perspektiven zu gelangen. Ziel dieser sozialpädagogischen Aufgabe ist ein gelingenderer Alltag, denn der gelungene Alltag wäre die Vollendung (Vgl. Thiersch I 1992, S. 275 f).

2.2 Die gesellschaftliche Funktion von Sozialpädagogik/Sozialarbeit

Hans Thiersch sieht „Sozialarbeit als Institution unserer Gesellschaft [, die geprägt ist durch] Widersprüche zwischen gegebener struktureller Gewalt und Sozialstaatsansprüchen, zwischen dem Auftrag, die bestehende Machtverteilung zu stützen und Konflikte und Schwierigkeiten unauffällig und unaufwendig zu befrieden, und der Vertretung der Lebensrechte aller, vor allem der Zu-Kurz-Gekommenen, Hilflosen, Unterprivilegierten und Schwachen.“ (Thiersch I 1992, S. 276).

Seiner Meinung nach mischt sich die Sozialarbeit zu wenig in politische und sozialpolitische Angelegenheiten ein und führt nur aus, was die Mächtigen der Gesellschaft auftragen. Gelungene Sozialarbeit ist für Thiersch, wenn diese institutionellen und professionellen Ressourcen genutzt werden würden, um den Adressaten einem gelingenderen Alltag zu ermöglichen. Dabei sollte Sozialarbeit „provokativ, verfremdend und stützend den Adressaten aus Armut, aus Hilflosigkeit und Verstrickungen im Alltag, aus Elend und Blindheit eines bonierten Alltagspragmatismus“ verhelfen und die sozialpolitischen Verhältnisse verändern. (Vgl. Thiersch I 1992, S. 277).

2.3 Die Institutionen von Sozialpädagogik/Sozialarbeit

Alltagsorientierte Sozialarbeit und deren institutionellen Möglichkeiten sollten kritisiert werden, sowie dann auch die Möglichkeiten besteht, den Alltag kritisieren zu dürften. Thiersch ist der Auffassung, dass durch eine notwendige Differenzierung der Sozialarbeit die Organisationskritik und die Entwicklung in der Praxis zu einer dezentralisiert-offenen Institutionalisierung führen würde. Vor allem geht es ihm aber dabei um einen Rückzug aus Aufgaben in der Sozialenarbeit, die die Adressaten selbst oder Initiativgruppen mit der vorhandenen, eigenen Kompetenz angehen können (Vgl. Thiersch I 1992, S. 277 f).

2.4 Das professionelle Handeln von Sozialpädagogik/Sozialarbeit

Mit zunehmender Professionalisierung werden eigene Handlungs- und Sprachmuster gebildet und eine Distanz zum Klientel eingenommen. Pädagogisches Handeln sollte nicht in einem autoritär-hierarchischem Verhältnis stehen, sondern durch einen Umgang mit wechselseitigen Lernens und Helfens gekennzeichnet sein. Dieses Handeln hat neue Erfahrungen, notwenige Klärung und unvermeidliche Hilfen zu vermitteln und einen Raum zu schaffen, um eigene Entfaltungsmöglichkeiten und Fähigkeiten erfahren zu können (Vgl. Thiersch I 1992, S. 278).

Merkmale positiver Handlungskompetenzen sind Reflexivität und gemeinsame Reflexionen in wechselseitiger Kritik von Sozialarbeiter und Klient, Selbstkritik und Bestärkung (Vgl. Thiersch I 1992, S. 279). Sozialarbeit muss das Aufklärungskonzept der emanzipativen Pädagogik weiter umsetzten und neu formulieren, denn „die psychosozialen Belastungen und technologischen Verfremdungen der hochindustrialisierten Gesellschaftsformationen und systembezogenen Sachzwängen erzeugen Orientierungskrisen und bedrohen unser Alltagsleben“ (Thiersch I 1992, S. 279). Daher hat die Sozialarbeit eine besondere Chance den Alltag zu verändern bzw. eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu bewirken (Vgl. Thiersch I 1992, S. 279).

3. Historische Entwicklung des lebensweltorientierten Konzepts

Das Konzept der lebensweltorientierten Sozialarbeit entwickelte sich in der Methodenkritik der siebziger Jahre, auf Grund zwei gegensätzlicher gesellschaftlicher Herausforderungen (Vgl. Thiersch 2005, S. 165). Zum einem entstand in den späten sechziger Jahren eine kritisch- radikale Diskussion über die politische Analyse der Funktion von Sozialer Arbeit (Vgl. Thiersch 2005, S. 165). Fragen des Handelns und konkreten Bewältigungsformen von Lebensverhältnissen rückten immer mehr in den Hintergrund durch die zunehmende Institutionalisierung, Spezialisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit (Vgl. Thiersch 1993, S. 13). Zum anderen führte die politische und fachliche Entfremdung zum Entwurf neuer Konzepte (Vgl. Thiersch 2005, S. 165).

So entwickelte sich das lebensweltorientierte Konzept, mit dem Ziel gerechterer Lebensverhältnisse, Demokratisierung und Emanzipation, sowie Chancen nach rechtlich gesicherter, fachlich verantwortbarer Arbeit (Vgl. Thiersch 2005, S. 165). Besonders in den achtziger Jahren waren Studien über Kompetenzen, Ressourcen und Strukturen in der Lebenswelt, ein Indiz für schwierige Lebensverhältnisse und lebensweltorienierte Soziale Arbeit sollte mit Respekt vor dem Eigensinn gegebener lebensweltlicher Ressourcen arbeiten, sowie neue Handlungs- und Verständigungsmuster schaffen (Vgl. Thiersch 1993, S.13 ff). Wegen zu großer Unübersichtlichkeit, zunehmender Individualisierung, Pluralisierung der Lebensverhältnisse und Erosion der Lebensmuster musste das Konzept zwingend differenziert werden. (Vgl. Thiersch 2005, S. 165).

Als sich das Konzept durchgesetzt hatte, traten Probleme in der praktischen Umsetzung auf. Es war nicht präsize genug und Reformulierungen wurden nötig. Herausforderungen entstanden durch die ökonomisch und global strukturierten Arbeits- und Lebensverhältnissen und in der Suche nach Potenzialen und Ressourcen. Weiterhin wurde durch die betriebs- und verwaltungstechnische Umstrukturierung der Sozialen Arbeit ein besonderes Engagement, für die Vielschichtigkeit und Komplexität pädagogischer Situationen, verlangt (Vgl. Thiersch 2005, S. 165 f).

Die Attraktivität des Konzepts liegt im „Votum gegen die Abstraktion und Generalisierung von Lebensverhältnissen“ (Thiersch 2005, S. 166). Lebensweltorientierung gibt eine Lobby, die Realität des gelebten Lebens zu thematisieren. Diese Realität wird durch gesellschaftliche Zwänge und Verunsicherung immer schwieriger. Lebensweltorientierung ist daher ein Merkmal für die Krise in der Lebenswelt und Ausdruck des Anspruchs der Gesellschaft.

Es vergegenwärtigt die spezifischen, gesellschaftlichen Brüche und Spannungen in der Lebenswelt (Vgl. Thiersch 2005, S. 166).

Wegen des Selbstanspruchs unserer Gesellschaft auf soziale Gerechtigkeit ist das Konzept der lebensweltorientierten Sozialarbeit, im Kontext der damaligen sozialpolitischen und sozialethischen Situation, entstanden. Der Sozialstaat beanspruchte soziale Gerechtigkeit in Bezug auf die Partizipation an Politik und die Stellung des Menschen. Mit diesem Sozialstaatpostulat entwickelte sich das lebensweltorientierte Konzept. Diese Konzeption setzte sich mit der Frage nach den Lebensverhältnissen auseinander, was dem politischen Sinn der sozialen Gerechtigkeit entsprach (Vgl. Thiersch 2005, S. 166 f).

Aus dieser politisch-gesellschaftlichen Entwicklung heraus, entstand die Dramatik in den Aufgaben der Lebensbewältigung. Lebensweltorientierung befasst sich daher mit der Analyse der gesellschaftlichen Probleme und bietet einen primären Zugang zu Lebensschwierigkeiten, muss jedoch auch „in Kooperation und Koalition mit anderen Politikbereichen realisiert werden“ (Vgl. Thiersch 2005, S. 166).

4. Theoretischer Hintergrund des lebensweltorientierten Konzepts

Die Lebensweltorientierung kann man nur im Kontext seiner theoretischen Annahmen und Konzepte verstehen. Demzufolge Wissenschaftskonzepte, welche die gesellschaftlichen Situationen erfassen und daraus lebensweltorientierte Soziale Arbeit herleiten. Thiersch greift dabei auf drei unterschiedliche Wissenschaftskonzepte zurück (Vgl. Thiersch 2005, S. 167).

4.1 Hermeneutisch-pragmatische Erziehungswissenschaft

Hierbei steht die Frage nach dem Alltag im Vordergrund und die individuell interpretierte Welt der Menschen. Diese Pädagogik befasst sich vor allem mit der alltäglichen Praxis des Verstehens der Adressaten und des Handelns, um den Betroffenen angemessener helfen zu können (Vgl. Thiersch 2005, S. 167).

Die hermeneutisch-pragmatische Erziehungswissenschaft „…rekonstruiert dieses Alltags- und Praxiswissen, um […] Methoden des „höheren Verstehens“ zu entwickeln […] höheres Verstehen wird durch die Entlastung vom alltäglichen Handlungsdruck ermöglicht. Dadurch wird eine kritische Distanz zu der aufzuklärenden Alltagspraxis hergestellt, ohne Perspektiven des Alltags und das Handeln im Alltag abzuwerten“ (Thiersch 2005, S. 167).

Im Zentrum steht dabei die Lebenswirklichkeit in ihrer historischen, kulturellen und sozialen Dimension. Vertreter dieser Wissenschaftsauffassung sind u.a. Herman Nohl, Heinrich Roth und Klaus Mollenhauer (Vgl. Thiersch 2005, S. 167 f).

4.2 Phänomenologisch - interaktionistisches Paradigma

Bei dieser Konzeption geht es ebenfalls um Alltag, jedoch liegt hier der Fokus auf der Analyse von Alltag und Lebenswelt. Demnach ist die alltägliche Lebenswelt strukturiert und in erlebte Zeit, erlebten Raum und erlebte soziale Bezüge untergliedert. Die Bewältigung des Alltags ist geprägt durch Deutungs- und Handlungsstrategien. Der Mensch wird nicht nur als Repräsentant der gesellschaftlichen Strukturen angesehen, sondern in seinen eigenen individuellen Verhältnissen, die er selbst aktiv mitbestimmen und mitgestalten kann. Vertreter dieses Konzepts sind u.a. Alfred Schütz und Erving Goffman (Vgl. Thiersch 2005, S. 168).

4.3 Kritische Alltagstheorie

In dieser Theorie hat Alltag eine Doppelbödigkeit. Zum einem ist er gekennzeichnet durch eine entlastende Funktion, bietet Sicherheit und Routine und Produktivität im Handeln. Zum anderen erzeugt Alltag eine Enge, Unbeweglichkeit und Borniertheit, also eine gewisse Einschränkung im menschlichen Leben. Ziel dieser Alltagstheorie ist, unentdeckte und verborgene Möglichkeiten aufzuzeigen. Lebensweltorientierte Sozialarbeit soll also den Alltag und die Ressourcen respektieren, aber auch kritisieren, um verborgene Möglichkeiten und Potenziale hervorzubringen (Vgl. Thiersch 2005, S. 168).

4.4 Fünf Aspekte der Lebenswelt

In seinem Aufsatz „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“ von 2005 macht Thiersch deutlich, dass es fünf Zugänge bzw. Merkmale der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit gibt.

1. Thiersch versteht den Menschen als einen Menschen in seiner subjektiven Erfahrung der Wirklichkeit. Materiellen und immateriellen Ressourcen werden in Erfahrungen des Raumes, der Zeit und der sozialen Beziehungen gegliedert. Menschen werden in ihrer Anstrengung, die in der Lebenswelt zu bewältigenden Aufgaben gesehen. Dabei wirken Routine und Typisierung entlastend, doch besteht die Gefahr der Selbstverständlichkeit ihrer Pragmatik (Vgl. Thiersch 2005, S.169).

Weiterhin beschreibt Thiersch den Menschen, als „bestimmt und als fähig, sich anpassend, akzentuierend, verändernd mit den Strukturen auseinander zusetzten und sie zu verändern“. Er nennt dies auch das „Sich-Arrangierens im Überleben“ und meint damit, „die Anstrengungen der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung, aber auch der Kompensation, Überanpassung oder des Stigmamanagements“ der Menschen. Abweichendes Verhalten ist demnach ein Ergebnis dieser Anstrengungen und muss, so Thiersch, respektiert werden (Vgl. Thiersch 2005, S.169).

2. Ein weiteres Merkmal ist die Einteilung in unterschiedliche Lebensräume oder Lebensfelder (Familie, Arbeit, Gleichaltrige) und deren Inhalt und Funktion. Der Lebenslauf, durch diese unterschiedlichen Lebensfelder, ist ein Neben- und Nacheinander verschiedener lebensweltlicher Erfahrungen. Diese Erfahrungen können sich steigern, ergänzen, aber auch blockieren. Das Konzept der Lebensweltorientierung hat daher die Aufgabe der Rekonstruktion dieser Verhältnisse und der Sensibilisierung der Probleme bezüglich Anpassung und Vermittlung zwischen diesen Lebensfeldern (Vgl. Thiersch 2005, S.170).

3. Lebensweltorientierung hat hierbei auch einen normativ-kritischen Charakter, denn „die Ressourcen, Deutungen und Handlungsmuster werden als in sich widersprüchlich erfahren“. Das heißt, dass Ressourcen, Deutungen und Handlungsmuster entlastend wirken können und soziale Sicherheit und Identität vermitteln, aber auch als einengend, ausgrenzend, blockierend erfahren werden und sich äußern in Protest, Trauer und Träumen. Lebenswelt soll dann die gegebenen Zustände auch in ihrem Elend sehen und den Macht- und Unterdrückungsstrategien entgegen wirken, sowie Möglichkeiten und Hoffnungen auf gelingendere Verhältnisse erwecken. Daher untersteht Lebenswelt einem Doppelsinn von Respekt und Destruktion (Vgl. Thiersch 2005, S.170).

4. Lebenswelt ist ein historisch und sozial konkretes Konzept. Die Wirklichkeit ist bestimmt durch gesellschaftliche Strukturen und Ressourcen. Lebenswelt soll eine Schnittstelle zwischen Objektivem und Subjektivem sein und Strukturen und Handlungsmustern. Es ist wie eine „Bühne, auf der Menschen in einem Stück, Rollen und Bühnenbilder, nach den bühnenspezifischen Regeln miteinander agieren“ (Vgl. Thiersch 2005, S.170).

5. Lebenswelt ist bestimmt durch Ungleichheiten in Ressourcen und Deutungs- und Handlungsmustern, sowie durch Widersprüchlichkeiten. Individualisierung und Pluralisierung ordnen sich Handlungs- und Deutungsmuster neu an. Dadurch müssen Gruppen und Individuen Lebensräume selbst inszenieren, eigene Lebenspläne entwerfen und sie auch gegenüber anderen Personen vertreten können. Eine Problematik ergibt sich noch einmal durch die „Offenheit heutiger gesellschaftlicher Strukturen die [der] Offenheit normativer Orientierung entspricht [, das bedeutet, es ist offen,] was Anpassung und Unterdrückung, was unzumutbar und was gelingend ist“ (Vgl. Thiersch 2005, S.170 f).

Lebenswelt muss demnach sensibel sein für neue Muster, Chancen, aber auch für Belastungen und Überforderung in den Gestaltungsaufgaben von Erfahrungsräumen und Lebensentwürfen. (Vgl. Thiersch 2005, S.171).

5. Dimensionen der Lebensweltorientierung

Hierbei geht es um den Kontext von Lebensweltorientierung, welcher auf dem Rekurs der heutigen Strukturen von Lebenswelt basiert und den Erfahrungen in Zeit, Raum, sozialen Bezügen, sowie Bewältigungsaufgaben, Hilfe zur Selbsthilfe und den gesellschaftlichen Bedingungen.

Die erste Dimension befasst sich mit der erfahrenen Zeit. Mit dem Zerfall der Lebensphasen im Lebenslauf und der Perspektive auf die Zukunft, werden Situationen zunehmend schwieriger. Für die Zukunft braucht man Kompetenzen und Mut. Soziale Arbeit soll sich in diesem Kontext auf die Bewältigungsaufgaben in der jeweiligen Gegenwart und in ihrer Gleichaltrigenkultur beziehen. Heranwachsende sollen sich dabei ihres Lebensstils und ihren Möglichkeiten sicher sein (Vgl. Thiersch 2005, S. 171).

Die zweite Dimension ist die, des erfahrenen Raumes. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit soll hier neue Optionen für die Klienten öffnen und durch Aneignung und Milieubildung, unattraktive und deprivierende Strukturen aufbrechen. Diese Arbeit an der sozialen Infrastruktur eines Sozialraums wird ein eigenständiger Aufgabenbereich der Sozialen Arbeit sein (Vgl. Thiersch 2005, S. 171 f).

In der dritten Dimension agiert die lebensweltorientierte Soziale Arbeit in den Ressourcen und Spannungen der sozialen Bezüge. Also im Zusammenhang des sozialen Gefechts von Familie und Freundschaften. Thiersch benennt hier das Beispiel der Elternarbeit, die ein gemeinsames Projekt zwischen Eltern und Kindereinrichtung darstellt. Demnach leistet Soziale Arbeit Erziehungshilfe, geht Kooperation mit den Eltern ein und bearbeitet Probleme und Schwierigkeiten, denen sich Heranwachsende mit ihren Eltern zu stellen haben (Vgl. Thiersch 2005, S. 172).

Soziale Arbeit soll in der vierten Dimension den alltäglichen Bewältigungsaufgaben mit Respekt begegnen. Dies bedeutet räumliche und zeitliche Strukturen zu finden, Transparenz und Klarheit in den Alltagsgefügen zu schaffen, um pädagogische Gliederungen elementarer Regeln im Umgang mit Raum, Zeit, Andern und sich selbst zu entwickeln (Vgl. Thiersch 2005, S. 172).

Hilfe zur Selbsthilfe, Empowerment und Identitätsfindung sind Ziele der fünften Dimension der lebensweltorientierten Soziale Arbeit. Es geht dabei darum, den hilfebedürftigen Menschen zu stärken, sich nicht auf Lebensentwürfe einzulassen, die keine Bedeutung für die eigene Lebensgestaltung haben. Sozialität und Identitätsarbeit sind Schlüsselkompetenzen zur Bewältigung des Alltags. Ziel ist dabei eine Sicherheit im Lebenskonzept zu entwickeln (Vgl. Thiersch 2005, S. 172).

Die sechste Dimension umfasst die gesellschaftlichen Bedingungen, denn Lebensverhältnisse werden im Kontext der Gesellschaft gesehen. Daher bedarf es einer Analyse der gesellschaftlichen Probleme und einer Kooperation und Koalition mit anderen Politikbereichen (Vgl. Thiersch 2005, S. 172).

6. Struktur- und Handlungsmaximen

Hans Thiersch benennt insgesamt neun Richtziele, an denen sich die Soziale Arbeit orientieren und weiterentwickeln soll. Diese bezeichnet er Struktur- und Handlungsmaximen.

6.1 Prävention

Die allgemeine Prävention zielt auf die Stabilisierung und Inszenierung belastbarer und unterstützender Infrastrukturen ab, sowie auf die Bildung und Förderung allgemeiner Kompetenzen zur Lebensbewältigung. Dabei sollen gerechte Lebensverhältnisse und eine gute Erziehung als eine Grundvoraussetzung für alle geschaffen werden. Die spezielle Prävention hat das Ziel bereits vorbeugend zu arbeiten, demzufolge nicht erst, wenn eine Krise ausgebrochen ist, sondern rechtzeitig und vorausschauend zu agieren, wenn ein Problem zu erwarten ist, z.B. in Situationen besonderer Überforderung und Belastung (Vgl. Thiersch 2005, S. 173).

Nach den Handlungsmaximen der Prävention soll begleitende, unterstützende und ambulante Maßnahmen ausgebaut und stationäre abgebaut werden. Es geht dabei darum Hilfe anzubieten, um frühzeitig eingreifen zu können (Thiersch II 1992, S. 30 f).

6.2 Alltagsorientierung

Dies bedeutet zum einem die Präsenz von Hilfen zu verbessern, das impliziert die Erreichbarkeit und Niedrigschwelligkeit von Angeboten zu erschaffen und zum anderem soll Alltagsorientierung eine ganzheitliche Orientierung in den Hilfen bilden, um durch die unterschiedlichen Lebenserfahrungen und -deutungen in der Lebenswelt für alle Menschen einen offenen Zugang zur Hilfemaßnahmen zu bieten. Diese offenen Zugänge müssen nach Thiersch gegenüber speziellen Hilfsangeboten gestärkt werden (Vgl. Thiersch 2005, S. 173).

Ressourcenarbeit ist dabei ein grundlegendes Arbeitsprinzip, das mit der Bereitschaft zur Krisenintervention eng in Verbindung steht. Hierbei geht es nicht darum eine Spezialisierung von Aufgaben abzuschaffen, sondern Alltagsorientierung meint,

[…] dass die spezielleren Arbeitszugänge ihre Aufgaben im Kontext der lebensweltlich gegebenen weiteren Problemzusammenhänge sehen müssen [und sich diese] speziellen Angebote […] auf die alltagsnahen und offenen [Strukturen] beziehen müssen“ (Thiersch II 1992, S. 32).

6.3 Integration

Mit Integration ist eine Lebenswelt ohne Ausgrenzung, Unterdrückung und Gleichgültigkeit gemeint, die auf Annerkennung von Unterschiedlichkeit, elementarer Gleichheit, Respekt und Offenheit basiert. Die gegenseitige Kenntnis solcher Unterschiedlichkeit trägt dazu bei, dass Räume des Miteinanders entstehen und sich eine Absonderung und Isolation nicht entwickelt. Dies soll durch einheitliche und transparente Regelungen von Zuständigkeiten erreicht werden (Thiersch II 1992, S. 32 f; Vgl. Thiersch 2005, S. 173).

6.4 Partizipation

Hierbei geht es um die Vielfältigkeit von Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, die durch eine Gleichheit in der Praxis gegeben werden soll. Voraussetzung für eine gelungene Partizipation sind Ressourcen und Artikulationsmöglichkeiten zur Verhandlung der betroffenen Personen und umfasst ebenso eine Institutionalisierung von Einspruchs- und Beschwerderechten (Vgl. Vgl. Thiersch 2005, S. 173 f).

Lebensweltorientierte Sozialarbeit soll das Interesse des Klientels aufnehmen und auch vertreten können, ebenso soll ein Mitbestimmungsrecht auf Planung, Gestaltung und Durchführung von Angeboten gesichert werden, da Partizipation über Kooperation geht. „Hier ist eine neue Kollegialität zwischen Professionellen und Nichtprofessionellen gefordert, eine Kollegialität, die bei aller Unterschiedlichkeit in Sachzuständigkeiten die Gleichwertigkeit von Positionen unterstellt“ ( Thiersch II 1992, S. 33 f).

6.5 Dezentralisierung/ Regionalisierung

Diese Maxime steht unter dem Aspekt, Hilfen vor Ort und in Alltagsnähe zu schaffen, damit diese in die konkreten lokalen und regionalen Angebote eingepasst werden können, das bedeutet, sie sollen nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu anderen persönlichen Ressourcen stehen. Weiterhin soll dieses Prinzip eine Sicherung der allgemeinen Leistungsstandards darstellen, um eine soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu vermitteln, da die einzelnen Aufgaben regional eine unterschiedliche Entwicklung vollzogen haben und große Ungleichheiten in den Angebotsstrukturen vorhanden sind (Vgl. Thiersch 2005, S. 174).

Die Dezentralisierung und Regionalisierung zielt darauf, dass Angebote regionalisiert werden, dass heißt, dass eine Erreichbarkeit und Kooperation mit Stadtteilen, in der Stadt, in der Region erfolgt und eine Verlagerung von Zuständigkeiten, sowie eine Planung und Kooperation im Kontext der jeweiligen lokalen regionalen Gegebenheiten stattfindet (Vgl. Thiersch II 1992, S. 31).

6.6 Planung/Einmischung

Diese unterschiedlichen Strukturmaximen müssen durch Planung vernetzt werden, da verschiedene Arbeitsansätze der Sozialen Arbeit zu einem Gegen- und Nebeneinander führt. Diese koordinierte Planung könnte zu einer beträchtlichen Leistungssteigerung in den Angeboten führen und muss aus der Sicht des lebensweltorientierten Konzept die Zuständigkeit der Sozialarbeit erweitern, um die Probleme so anzugehen, wie sie sich in der Lebenswelt zeigen (Vgl. Thiersch II 1992, S. 35)

Daher muss Einmischung „in individuellen Erziehungsplanungen, in regionalen/ lokalen Unternehmungen und politischen Strukturprogrammen praktiziert werden [und] in diesem Zusammenhang die notwendige Erweiterung der Aufgaben“ (Thiersch, S. 35).

6.7 Integration und Flexibilisierung von Hilfen

Im Lebensweltkonzept sollen sich die Hilfen und Maßnahmen an die immer weiter fortschreitende Entwicklung der Angebotsstrukturen anpassen, dabei sind Ansätze zur Typisierung von Problemlagen und Hilfeangeboten ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Jedoch so betont Thiersch müssen diese Hilfen, in der konkreten Situation und der vorherrschenden Hilfenkonstellation hinterfragt werden, ob diese Hilfen in dem Zusammenhang notwendig sind, ob andere Hilfen mehr Vorteile erbringen oder die vorhandenen Hilfen besser ergänzt oder eingestellt werden sollten. Deshalb sollte es einen unterschiedlichen Umgang mit den verschiedenen Hilfsmitteln von Flexibilisierung und Integration geben (Vgl. Thiersch 2005, S. 175).

6.8 Demokratisierung

Zunehmend entstehen neue Formen der Selbstzuständigkeit im Alltagsleben mit einem Selbstverständnis der gegenseitigen Hilfe. Ehrenamtlichkeit und Bürgerinitiativen sind nicht nur als Ergänzung zur gängigen Sozialen Arbeit zu verstehen, sondern stellen auch einen Prostest gegen die Übermacht der professionellen und institutionellen Dienstleistung dar.

Die Bedeutung von Selbsthilfe und bürgerschaftlichem Engagement für eine lebensweltorienierte Soziale Arbeit liegt darin, dass es eine zentrale Aufgabe ist durch Akzeptanz und Förderung gegebener Ressourcen stabile Kompetenzen der Lebensbewältigung zu vermitteln. Dabei sollen institutionelle und professionelle Ressourcen kritisch und selbstkritisch gegen die Eigenmacht von Institution und die Macht der Experten hinterfragt werden. Es besteht das Prinzip der Nachhaltigkeit, welches als Perspektive gegen die Konkurrenzgesellschaft und gegen technologische Verkürzungen der Lebensräume und -muster verstanden wird (Vgl. Thiersch 2005, S. 175 f).

6.9 Reflexion

Lebensweltorientierung ist mit kritischer Reflexivität verbunden und benötigt diese in der Lebenswelt zum Miterleben in Erziehungssettings, zur Beratung, Klärung und Unterstützung in Alltagsproblemen, zur Strukturierung und Organisation individueller, sozialer, regionaler und politischer Ressourcen (Vgl. Thiersch II 1992, S. 36 ). „Alles berufliche Tun und (Unter-)Lassen muss begleitet und überwacht werden von einem methodisch abgesicherten (selbst-)kritischen Nachdenken über die Motive, Ziele und Deutungsmuster sowie über die Wirkungen und Nebenwirkungen des beruflichen Handelns“ (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Lebenswelt-orientierung#Reflektieren)

7. Voraussetzungen für das lebensweltorienierte Konzept in unterschiedlichen Arbeitsfeldern

Die im vorangegangenen Kaptitel beschriebenen Struktur- und Handlungsmaximen kommen erst zur Geltung, wenn sie auf unterschiedliche Institutionen mit ihren eigenen Angeboten, Aufgaben und Handlungsmethoden bezogen werden. Nach dem Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit sollen diese Angebote der jeweiligen Einrichtung nicht mehr aus dem bereits bestehenden institutionellen und methodischen Bestands geprägt sein, sondern sie sollen neu verortet werden, um eine Offenheit und Ganzheitlichkeit im lebensweltorientierten pädagogischen Handeln vermitteln zu können. Damit ist ebenso eine Neudefinierung der Bedeutung der unterschiedlichen Aufgaben verbunden und zieht eine Um- und Aufwertung nach sich, welche auch Konsequenzen in Status und Bezahlung ergeben. Dies ist eine Voraussetzung die Thiersch für eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit benennt (Vgl. Thiersch 1993, S. 18).

Als zweite Bedingung aufbauend auf die vorherige, ergeben sich durch diese Umstrukturierung Probleme in der Arbeit zwischen den Institutionen, die mit Hilfe von Abstand, Distanz und Konzentration bewältigt werden können. Daher werden neue, alternative Lebensräume benötigt, in denen eine Neuorientierung möglich ist (Vgl. Thiersch 1993, S. 18 f)

Für die unterschiedlichen Institutionen mit ihren Arbeitsaufträgen ergeben sich differenzierte Akzentuierungen im lebensweltorientierten Konzept. Dabei kann zwischen der Arbeit in der gegeben Lebenswelt und der Gestaltung neuer alternativer Lebensräume unterschieden werden. Jedoch sollte hier beachtet werden, dass diese arbeitsteilig bedingten Unterscheidungen nach Klientel und Problemlagen weiter ausdifferenziert werden müssen und von den Einrichtungen gewollt, akzeptiert und wechselseitig im Feld respektiert werden. Dies ist die 3. Forderung von Thiersch für eine gelungene Soziale Arbeit (Vgl. Thiersch 1993, S. 19 f).

Die Grundlage der Sozialen Arbeit ist die Transparenz der eigenen Arbeit und dient als 4. Voraussetzung für das lebensweltorienierte Konzept in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Oft sind Prozesse für die Adressaten undurchschaubar und können nur durch gezielte Anstrengung um Kooperation, Koordination und Planung überwunden werden. Durch Ressourcen, institutionalisierte Kooperationsformen und Kommunikationsprozesse sollen Erhebungen, Daten und Evaluation zu einer Verbesserung der Arbeit führen. Deshalb muss es institutionalisierte Konzepte geben, in dem Recht und Möglichkeiten kodifiziert sind, in dem aber auch anfallende spezifische Aufgaben und Möglichkeiten der Sozialarbeiter in Bezug auf Verwaltungs- und Organisationskenntnisse, Management, Unterstützung und Organisationshilfe definiert werden (Vgl. Thiersch 1993, S. 21 f).

8. Lebensweltorieniertes sozialpädagogisches Handeln

In allen Aufgaben gibt es ein Grundmuster sozialpädagogischem Handeln und ein bestimmtes Kompetenzprofil. Dieses Handeln, das im erziehenden Umgang, in der Beratung, in der Begleitung und in der Kooperation orientiert ist, soll die Problemsicht der Klienten, den Zusammenhang von Problemverständnis und Lösungsressourcen implizieren. Solches Handeln ist offen und situativ. Es umfasst unterschiedliche Kompetenzen, die sich ausdrücken in Fähigkeiten sich selbst in Verhältnisse auszusetzen, diese zu Verstehen, Vertrauen zu geben und aufrechtzuerhalten, Konflikte und Schwierigkeiten zu vermitteln, Lösungswege zu entwickeln, Arbeitskonzepte durchzuhalten und die Fähigkeit zu planen und zu organisieren (Vgl. Thiersch 1993, S. 22 f).

Dieses Handlungsprofil ist anspruchsvoll und kann für den Sozialarbeiter zur Bedrohung werden sich selbst aufzugeben bzw. den Strukturen der Lebenswelt, des Alltags hineingezogen zu werden und so Distanz und Kompetenz zu verlieren. Die Vielfältigkeit von Aufgaben und Problemen verführen ebenso dazu, eine Vielbeschäftigtheit zu entwickeln und im Alltag nur noch mitzuschwimmen. Aber auch für das Klientel kann das lebensweltorientierte Konzept zur Gefahr werden, in dem sie dem Sozialarbeiter ausgeliefert sind. Dieses Doppelmandat umfasst daher die Fähigkeit sich selbst in den eigenen Möglichkeiten zurückzuhalten und andere Möglichkeiten zu sehen. Demnach ist lebensweltorieniertes sozialpädagogisches Handeln auf Entlastung und Sicherung angewiesen. Dies geschieht durch methodische Strukturierung des Arbeits-, Verständigungs- und Unterstützungsprozesses, aber auch durch die wechselseitige Erwartungshaltung in Bezug auf das, was wer vom wem mit welchen Mitteln erwarten kann und darf. Dies steht eng im Zusammenhang mit der Notwenigkeit von Reflexion und ist „…Voraussetzung dafür, dass die […] Arbeitsaufgaben lebensweltorientierter Sozialer Arbeit befriedigend bewältigt werden, indem sie zu Transparenz und Erkenntnis in dem, was geleistet wird, verhelfen“ (Vgl. Thiersch 1993, S. 23 ff).

9. Achter Jugendhilfebericht

Der 8. Jugendbericht ist ein Entwurf des Konzepts einer lebensweltorientierten Jugendhilfe (Vgl. Thiersch II 1992, S. 16).

Er ist in zwei Teile gegliedert. Zum einem in die Darstellung der Lebensverhältnisse der Jugend und der Familie und zum anderen in die Darstellung der Jugendhilfe. Die damalige Forschungs- und Diskussionssituation beschreibt Thiersch den ersten Abschnitt als „extensiv, differenziert und plausibel“ und den Zweiten als „sporadisch und ungenügend“, daher ist es nicht wunderlich, dass der erste Teil knapper ausgefallen ist als der zweite (Vgl. Thiersch II 1992, S. 18).

Dieser Bericht sollte „als Bilanz zu Entwicklungs- und Forschungsdesideraten der Jugendhilfe und als Monitum angesehen werden“ (Thiersch II 1992, S. 18). Jedoch ergaben sich Probleme in der Jugendhilfe-Fachdiskussion, denn „Lebensverhältnisse, Lebensschwierigkeiten und daraus resultierende Aufgaben der Unterstützung und Hilfe [standen] schon immer im Kontext der institutionellen und professionellen Ordnung“ (Thiersch II 1992, S. 18).

Aber die Jugendhilfe konfrontierte sich nicht hinreichend mit diesen Problemen, da sie die Jugend und Familie als besonderes Problem verstanden (Vgl. Thiersch II 1992, S. 19). Thiersch belegt dies damit, dass zum Beispiel eine alleinerziehende Frau auf Ämtern in einer bestimmten Situation angesehen werden und „nicht aus ihrem Selbstverständnis im Kontext des Wandels familiärer Lebensformen heraus“ (Vgl. Thiersch II 1992, S. 19). Daraus ergibt sich eine institutions- und problemspezifische Verengung in der Jugendhilfe, deren Lösung im Konzept der Pluralisierung und Individualisierung liegt (Vgl. Thiersch II 1992, S. 20).

Mit der Pluralisierung von Lebenslagen, ist die Unterschiedlichkeit von Lebensstrukturen und Lebensbedingungen gemeint. Die Individualisierung von Lebensverhältnissen bzw. -führung bedeutet, dass die „traditierten Lebensformen und Deutungsmuster in ihrem Verständnis brüchig werden und sich damit neue, offenere Möglichkeiten der Lebensführung […] ergeben“. Individualisierung ist ambivalent, dass heißt, „in der Zumutung der Selbstbehauptung zugleich Chance und Überforderung“ (Vgl. Thiersch II 1992, S. 20).

Das Konzept von Pluralisierung und Individualisierung beschreibt die gesellschaftlichen Strukturen und die individuellen Formen, der Lebensverhältnisse, welche zugleich objektiv und subjektiv bestimmt sind. Die gegenwärtige Situation, so beschreibt Thiersch, ist gekennzeichnet durch die „Zunahme der Vergesellschaftung und Individualisierung“, daraus ergibt sich, dass „Lebensbewältigung als Vermittlung zunehmend kompliziert“ wird (Vgl. Thiersch II 1992, S. 20).

Die lebensweltorientierte Jugendhilfe soll Unterstützung und Anregung bezüglich der Bildungs-, Erziehungs- und Orientierungsaufgaben geben, aber auch Gestaltung von Situationen, Gelegenheiten und Räume als Hilfe zur Selbsthilfe strukturieren. Der Ausgang des Konzepts liegt in gegebenen Struktur-, Verständnis- und Handlungsmustern. Die Aufgaben beziehen sich darauf, die individuellen, sozialen und politischen Ressourcen zu stärken und den Menschen die Möglichkeiten geben, Geborgenheit, Kreativität, Sinn und Selbstbestimmung zu erfahren (Vgl. Thiersch II 1992, S. 23).

Ursprung des Konzepts liegt in der Gemeinwesenorientierung. Lebensweltorientierte Jugendhilfe schließt sich dieser Tradition an und will den Menschen in den gegebenen Lebensverhältnissen zur Bewältigung der Lebensverhältnisse helfen. Jugendhilfe soll die Lebensmöglichkeiten und Schwierigkeiten, wie sie im Alltag erfahren werden, wahrnehmen (Vgl. Thiersch II 1992, S. 23 f.).

Damit es zu keinen Missinterpretationen kommt, wurde der Jugendhilfebericht in seiner Tragweite und Grenzen gekennzeichnet und durch Operationalisierung des Konzepts in Struktur- und Entwicklungsmaximen geteilt, sowie eine Konkretisierung für Arbeitsfelder entworfen (Vgl. Thiersch II 1992, S. 24).

10. Schlussfolgerung

Thierschs Konzept ist ein Versuch die Soziale Arbeit theoretisch zu begründen. Er prägte den Begriff der Lebensweltorientierung und damit auch die Aufmerksamkeit auf den tatsächlichen Alltag der Adressaten. Besonders durch den Jugendhilfebericht der achtziger Jahre hat das Konzept an Bedeutung gewonnen und wurde zum Kern einer Neuorientierung in der Sozialen Arbeit, die gegen zunehmende Institutionalisierung, Spezialisierung und Standardisierung war.

Ziel des Konzept ist es, die Probleme des Klienten zu erkennen, die er im Alltag hat und nicht die Probleme, die die Gesellschaft mit ihm hat. Dabei sind Respekt und Akzeptanz vor fremden Lebensentwürfen, das Eigeninteresse und Selbstverständnis der Adressaten zu berücksichtigen.

„Als Weg dahin wird der Sozialen Arbeit mehr „Orientierung an Alltagserfahrungen und Alltagskonzepten“ empfohlen. Dazu sollt die Theoriediskussion den Praxiserfahrungen folgen und die Fachlichkeit dem Alltagsverstand […] (Kiehl 1.08.2007, S. 3). „In solcher Alltäglichkeit steht nicht primär zur Diskussion, warum eine Situation ist, wie sie ist: hier interessiert, daß sie so ist, wie sie ist, und daß sie bewältigt werden muß“ (Thiersch 1978, S. 14).

Die Übernahme eines solchen Verständnisses von Sozialarbeit birgt einige Gefahren und löst bereits hier Bedenken gegen dieses Konzept aus. Beispielsweise sollten rassistische Neigungen, antisemitische Denkmodelle oder aber Männer, die der Auffassung sind, dass man nicht gehorsame Frauen, schlagen darf, respektiert werden? Demnach sollte hier die Akzeptanz von Alltagsmoral als Maßstab des fachlichen Handelns sein? (Vgl. Kiehl 1.08.2007, S. 3).

Jetzt werden einige Lücken dieses Konzept sichtbar. Für eine konkrete Anwendung ist es noch nicht präzise genug formuliert. Die Struktur- und Handlungsmaximen müssen genauer ausgelegt werden, damit deren Inhalt und Bedeutung und somit auch deren Umsetzung konkret festzulegen sind, um einer unzureichenden Anwendung entgegenzuwirken.

Ebenso müssen diese Maximen für die unterschiedlichen Arbeitsfelder präzisiert werden. Lebensweltorienierte Sozialarbeit sollte konsequenter überprüft werden auf Effektivität und Effizienz, um eine leichtfertige und falsche Nutzung des Begriffes Lebensweltorientierung zu verhindern. Dies sollte jedoch nicht nur im Rahmen von Evaluationsprogrammen geschehen, sondern verstärkt durch objektive, distanzierte Forschung (Vgl. Nerger, Milde, Goldschmidt 2007, S2. f).

Schlussendlich ist es wichtig eine Balance zu finden zwischen Lebenswelt der Klienten und der Gesellschaft, der Einrichtung und dem Sozialarbeiter.

11. Literaturverzeichnis

KIEHL, Walter H. (o.J.): Der vae im Spannungsfeld staatlich geförderter und reglementierter Jugendhilfe. In: http://www.vae-ev.de/PDF/Vortrag%20Kiehl.pdf [letzter Zugriff: 1.08.2007]

NERGER, Evelyn; MILDE, Nicole; MILDE Patricia; GOLDSCHMIDT, Jasmin (2007): Lebensweltorientierte Sozialarbeit. Handout zum Referat

THIERSCH, Hans (1978): Zum Verhältnis von Sozialarbeit und Therapie. In: Neue Praxis. Sonderheft: Sozialarbeit und Therapie, S. 12 ff

THIERSCH, Hans (1992): Kritisch Deuten. In: Engelke, Ernst (Hrsg.): Soziale Arbeit als Wissenschaft. Eine Orientierung. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S. 270- 281 (wird zitiert als Thiersch I)

THIERSCH, Hans (1992): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Weinheim: Juventa (wird zitiert als Thiersch II)

THIERSCH, Hans (1993): Strukturierte Offenheit. Zur Methodenfrage einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. In: Rauschenbach, Thomas (Hrsg.): Der sozialpädagogische Blick. Lebensweltorientierte Methoden in der sozialen Arbeit. Weinheim: Juventa, S. 11- 28

THIERSCH, Hans; GRUNWALD, Klaus; KÖNGETER, Stefan (2005): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Thole, Werner (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage November 2002 Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlag GmbH, , S.161-178

http://de.wikipedia.org/wiki/Lebensweltorientierung#Reflektieren, [letzter Zugriff: 1.08.2007]

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Details

Seiten
26
Jahr
2007
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111048
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Konzept Hans Thiersch

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Titel: Das lebensweltorientierte Konzept nach Hans Thiersch