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Neurobiologische Grundlagen von Sozialisationsprozessen und ihre Entsprechungen in Soziologie und Systemtheorie

Hausarbeit 2005 34 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt:

Abstract:

Inhalt:

1. Einführung:
1.1 Sozialisationsforschung als interdisziplinäres Unterfangen
1.2. Struktur der Hausarbeit

2. Grundlagen einer allgemeinen Sozialisationstheorie:
2.1 Fragestellung
2.2. Das Parsonssche AGIL-Schema
2.2.1. Adaptation / Evolution
2.2.2. Goal-attainment
2.2.3. Integration
2.2.4. Latent Pattern Maintenance
2.3. AGIL und Sozialisation
2.4. Das Struktur- oder Ebenenmodell
2.4.1. Die Subjektebene
2.4.2. Die Interaktionsebene
2.4.3. Die institutionelle Ebene
2.4.3.1. Macht
2.4.4. Die Gesellschaft
2.5. Kritik am Ebenenmodell
2.6. Das Phasenmodell
2.7. Kritik am Phasenmodell
2.8. Hurrelmanns Modell
2.9. Die sieben Maximen

3. Neurobiologische Bedingungen der Sozialisation:
3.1. Neuronale Information
3.2. Aufbau und Funktion der Nervenzellen
3.3. Der Aufbau einer mentalen Repräsentation
3.4. Die Funktion mentaler Repräsentationen
3.5. Das Problem der neurobiologischen Beschreibung von Intentionen
3.6. Das Bewusstsein aus neurobiologischer Sicht
3.6.1. Menschliche Freiheit als Konstruktion

4. Der konstruktivistische Ansatz:
4.1. Realität
4.1.1. Spencer-Browns Formenkalkül
4.2. Konsequenzen für die Sozialisationstheorie
4.3. Selbstsozialisation
4.3.1. Personales und soziales System
4.3.2. Der Beginn der Sozialisation

5. Sozialisation und Erziehung:
5.2. Interaktionsmedien
5.3. Selbst- und Fremdreferenz

6. Selbsterfahrung und Fremdbestimmung:
6.1. Die Macht der Gesellschaft
6.3. Persönlichkeitsentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung
6.3.1. Die beiden Modelle
6.3.2. Synthese von Entfaltung und Entwicklung
6.3.2.1. Geschlechtsspezifische Sozialisation
6.4.1. Übergangsrituale
6.4.2. Positive und negative Selektion
6.4.3. Praktikabilität

7. Zusammenfassung und Ausblick:
7.1. Fazit
7.2. Interkulturelle Sozialisationsforschung

8. Literatur:

Abstract:

This homework is dealing with different theories of socialization and its´ probation by a human neuroepistemology. It is an interdisciplinary approach intending the construction of a general theory of socialization founded both on the knowledge of the human and the natural sciences. The homework gives an overview of current sociological theories about socialization and an examination of these theories by the neurology to come to conclusions about their validity. Systemtheoretical premises will be explained in view of a theory of socialization integrating psychological, sociological and neurobiological perspectives.

1. Einführung:

1.1 Sozialisationsforschung als interdisziplinäres Unterfangen

Die Sozialisationsforschung bildet einen Bereich der Soziologie, der ein weitgehend eigenständiges Feld von Untersuchungen und Theorien aus verschiedenen Blickwinkeln darstellt. Die spezifische Ausprägung von Sozialisationsprozessen bedeutet auch, dass sich die Forschung nicht rein auf die soziologische Betrachtungsweise beschränken kann. Daher rekapituliert und integriert die Soziologie in eigenen Modellbildungen von Sozialisation inzwischen Erkenntnisse aus der Psychologie und der Neurobiologie. Da die Letztere in den Naturwissenschaften angesiedelt ist bedarf es einer Eingrenzung derselbigen in dieser Hausarbeit. Die Kulturwissenschaften sind zwar auch als Versuch interdisziplinärer Zusammenarbeit zu verstehen, doch werden die Naturwissenschaften bisher mehr oder weniger ausgeklammert. Es wäre an dieser Stelle zu weit gegriffen, die Spaltung der Wissenschaften in Natur- und Geisteswissenschaften zu hinterfragen oder gar auflösen zu wollen. Dennoch gibt es immer mehr Wissenschaftler, die den Standpunkt zu bestimmten Themen von der jeweils gegenüberliegenden Seite kennen- und schätzen gelernt haben. Die evolutionäre Epistemologie zum Beispiel (mit ihren bedeutendsten Vertretern, dem Ethologen Konrad Lorenz, dem Neurobiologen John Eccles und dem Philosophen Karl Popper), die in dieser Hausarbeit auch am Rande gestreift wird, führt die Möglichkeit von Erkenntnis auf ihre biologisch-evolutionären Grundlagen zurück und verbindet sie mit den gängigen Theorien aus der Philosophie. Dadurch gewinnt die Philosophie Bodenständigkeit und die Biologie die Tiefe der Reflektion über sich selbst. Das ist aufgrund unterschiedlicher Fachterminologien und Forschungsprämissen, Methodologien und Geltungskriterien durchaus kein einfaches Unterfangen. Basiert die Philosophie und Wissenschaftstheorie noch in erster Linie auf Logik, so basieren die Naturwissenschaften primär auf Beobachtungen von Messungen unter gleichbleibenden isolierten Bedingungen und deren Wiederholbarkeit als Varianzwert.

Parsons und Luhmann haben einen ähnlichen Versuch unternommen, neuere Theorien der Biologie (Maturana, Varela u.a.) auf die Soziologie zu übertragen. Die Gesellschaft und ihre Erreichung durch Rekrutierung und Eingliederung basiert ebenfalls demnach auf biologischen Mechanismen. Diese wurden auf einer derart abstrahierten Ebene formuliert, dass sie für die Konstruktion einer Gesellschaftstheorie verwendet werden konnten.

Da schon Durkheim in seinem Entwurf einer Soziologie auf die Beziehungen zwischen den Individuen anspielt statt auf die Individuen selbst scheint es gerechtfertigt, die Sozialisation auch und vor allem in diesen Beziehungsverflechtungen zu verorten. Die Biologie stellt also die Bedingungen auf, unter denen Gesellschaft durch Sozialisation entsteht. Die Soziologie und Kulturforschung zeigt das Phänotypische, die Erscheinungsweisen und ihre Kontingenz auf. Genetische Dispositionen wie etwa der Fortpflanzungstrieb prägen sich individuell wie gesellschaftlich unterschiedlich aus. Wie es dazu kommt fällt in den Bereich der Sozialisationsforschung.

1.2. Struktur der Hausarbeit

Kapitel 1 nimmt die Grundlagen einer Theorie der Sozialisation vorweg. Damit wird die Hausarbeit thematisch eingegrenzt. Das erleichtert auch die Integration der in Kapitel 2 vorgestellten neurobiologischen Forschungsergebnisse in ein Sozialisationskonzept, das in Kapitel 3 entwickelt und ausgeführt wird. Da die Sozialisation vor allem in den Erziehungswissenschaften von einiger Relevanz ist, soll die Unterscheidung von Sozialisation und Erziehung in Kapitel 4 diskutiert werden. Kapitel 5 stellt eine Pragmatizität des Themas her. In Anlehnung an Bourdieus Habitus-Konzept werden die Modalitäten aufgezeigt, unter denen sich Sozialisation als Einflußnahme und Beeinflusstwerdung entfaltet. Im Ausblick wird noch einmal Bezug genommen auf das interkulturell Beständige wie auf das interkulturell Differierende an Sozialisationsprozessen.

2. Grundlagen einer allgemeinen Sozialisationstheorie:

2.1 Fragestellung

Vorab seien einige Fragen aufgeworfen, die aufzeigen sollen, wie weit der hier vorgestellte Ansatz reicht.

Zum einen stellt sich in der Sozialisationsforschung die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft beschreiben lassen. Das impliziert nicht nur einen klaren Begriff von Individuum und Gesellschaft, sondern auch ein entsprechend angelegtes Wirklichkeitsmodell, welches es ermöglicht, das Individuum der Gesellschaft gegenüberzustellen. Die meisten der für die Hausarbeit untersuchten Sozialisationstheorien operieren mit diesen Modi. Auch die Folgenden basieren auf den genannten Prämissen. Sie werden im Hinblick auf eine kritische Einstufung im Verlaufe der Hausarbeit zunächst vorgestellt. Das eröffnet dann den Raum für weitere weitreichendere Fragen.

2.2. Das Parsonssche AGIL-Schema

Für Talcott Parsons war die Sozialisation ein unverzichtbarer Bestandteil seiner Gesellschaftstheorie. Diese basierte auf der Annahme, dass die Gesellschaft als solche stets die Erhaltung ihrer Struktur betreiben würde. Diesem obersten Wert ordneten sich andere Ebenen und Werte unter. Das von ihm konzipierte AGIL-Schema zeigt diesen als Strukturfunktionalismus bezeichneten Mechanismus der Selbsterhaltungsfunktion der Gesellschaft.

2.2.1. Adaptation / Evolution

Auf der Ebene des (physiologisch-biologischen) Organismus verläuft die Erhaltungsstrategie über Anpassung (Adaptation). Darwins Evolutionstheorie leitet sich aus der Beobachtung dieser Vorgänge ab1. Anpassung basiert demnach (organismisch) auf den Phasen der Variation/Mutation, Selektion und (Re-)stabilisierung.

Mutationsformen entstehen durch wie auch immer (z.B. durch Bestrahlung) produzierte Veränderungen oder Abweichungen des Genpools einer Population. Variation bezieht sich auf die im bestehenden Genpool möglichen Merkmalskombinationen.

Die Selektion wird dagegen als Phase durch die Umweltbedingungen bestimmt.

Phänotypische Ausprägungen entsprechen besser oder schlechter den durch die Umwelt gesetzten Anforderungen bezogen auf die Überlebens- und Fortpflanzungsmöglichkeiten. Stabilität stellt sich ein, wenn sowohl die für die Population relevanten Umweltbedingungen wie auch die an sie erfolgende erfolgreiche Anpassungsstrategie der Organismen der Population als konstant gesetzt werden können.

Im Allgemeinen fallen derlei Erklärungen in den Bereich der Biologie. Doch ließe sich menschliches Verhalten und mitunter auch Handeln nicht ohne diese auf alle Lebensformen zutreffende Prozessierungsstrategie erklären. Gerade widersprüchliches Verhalten (entgegen der Vernunft; wider besseres Wissen; entgegen jeder Moral) zeigt ja die Komplexität und Vielschichtigkeit menschlicher Verhaltensweisen2.

2.2.2. Goal-attainment

Ist die Ebene der Adaptation noch von Externalität (Anpassung an äußere Umstände) gekennzeichnet, so ist das Gegenteil, die Internalität, auf der nächsthöheren Stufe der Fall. Diese Veranlagung jedweden Lebens auf diesem Planeten steht für die Mobilisation von Energie, um ihre Funktion erfüllen zu können. Lernprozesse bedeuten einen hohen energetischen Aufwand, über den allein die jeweils nächsthöhere Ebene erreicht wird, die der Zielerreichung (Goal-attainment). Diese Ebene ist gekennzeichnet durch Interessen und Ziele, deren Vorhandensein allein erst Lernprozesse ermöglicht und einleitet.

2.2.3. Integration

Deren psychophysische Internalisierung (Inkorporation) wird ermöglicht und ermöglicht die soziale Ebene (Integration), auf der die Integration des Erlernten erfolgt und das System seine Grenzen erkennt und verwirklicht.

2.2.4. Latent Pattern Maintenance

Deren normative Institutionalisierung, welches einer Objektivierung der Umwelt und des Selbst in der Umwelt gleichkommt, führt zur Ausbildung der Kulturebene (Latent Pattern Maintenance). Deren Funktion ist die Strukturerhaltung des Ganzen. Dieser gewissermaßen stationär geschilderte lineare Prozess basiert einzig auf der Zufuhr und Mobilisation von Energie durch den Organismus. Umgekehrt wirkt die Kulturebene zurück auf die unter ihr liegenden Ebenen durch Abgabe von Information(en).

2.3. AGIL und Sozialisation

Der strukturfunktionalistische Ansatz AGIL ist bemerkenswert, weil er die biologische und kulturelle Evolution in ihren wechselseitigen Bezügen in einem Modell veranschaulicht. Die Linearität der Energieaufwendungen von A nach L verweist dabei auf die biologische, die ebenfalls linear gerichtete Abgabe von Information von L nach A auf die kulturelle Evolution. Das Modell zeigt auf, wie Kultur, Sozialisation, Identität und die biologische Disposition vermittelt wird und vermittelnd wirkt. Aber anders als der Sozialisationsexperte Klaus-Jürgen Tillmann setzt Parsons die Sozialisation als Aushandlungsprozeß zwischen personaler (G- Ebene) und sozialer Ebene (I-Ebene) ein. Die Soziologin Hannelore Faulstich-Wieland geht hingegen (unter Berufung auf Hurrelmann/Ulich) von einem ähnlich eingeschränkten Sozialisationsbegriff aus.

2.4. Das Struktur- oder Ebenenmodell

Tillmann entwickelt in Anlehnung an Parsons AGIL-Schema ein Strukturmodell der Sozialisationsbedingungen (Tillmann 1993, 18). Dies stellt einen Querschnitt gesellschaftlicher Sozialisationseinflüsse dar, welches er gegen eine diachronische Perspektive der Sozialisation, ein Phasenmodell, abgrenzt. In der hier geschilderten Weise ist das AGIL-Schema mikrosoziologisch, d.h. vom Individuum als Teil der Gesellschaft ausgehend, verwendet worden. Das Ebenenmodell bindet das Schema in den größeren Zusammenhang des gesellschaftlichen Systems ein. Es ist sozusagen die Aussenperspektive auf das Individuum. In Anlehnung an Bourdieu steht das AGIL-Schema für die strukturierenden Komponenten (als Einflussbereich) des Habitus und das Ebenen-Modell für die den Habitus selbst strukturierenden Komponenten der Gesellschaft/Gesellschaftsschicht.

2.4.1. Die Subjektebene

Die unterste Ebene bildet das Subjekt. Das Subjekt entsteht nach Foucault im Prozeß der Selbstobjektivierung im Hinblick auf die Teilnahme an der Gesellschaft und durch Selbstsubjektivierung im Hinblick auf die das Subjekt bewegenden Angelegenheiten, insbesondere die Sexualität (Foucault 1999, 162).

Strukturfunktionalistisch erfolgt die Subjektwerdung auf den genannten 4 AGIL-Ebenen: Anpassung erfolgt durch Erfahrungen, Zielerreichung durch Einstellungen, Integration durch Wissen und Strukturerhaltung durch emotionale Festlegung und Ausbildung kognitiver Fähigkeiten. Umgekehrt erm ö glicht die erfolgte Ausbildung kognitiver Fähigkeiten und emotionaler Wertbindungen Integration durch Wissen, Zielerreichung durch Einstellung und Anpassung durch Erfahrung. Die A-L Bewegung ist dabei als prozessierend zu verstehen, die L-A Bewegung als gewohnheitsbildend und -verstärkend. Strukturen werden dabei in gewisser Weise institutionalisiert und nicht mehr hinterfragt. Daher wird Einstellung und Erfahrung hier in den Singular gesetzt, da sie von der L-Ebene her kulturell-informationell geprägt werden und nicht unmittelbar-energetisch. Bildlich lässt es sich wie ein Springbrunnen vorstellen: das Wasser wird durch ein senkrecht aufgestelltes Rohr emporgedrückt und läuft dann von einer Schale in die nächstniedrigere, wenn die höhere gefüllt ist.

2.4.2. Die Interaktionsebene

Die Subjektwerdung und -bestätigung steht in wechselseitiger Abhängigkeit zu seinen Interaktionen und Tätigkeiten. Tillmann nennt an dieser Stelle die maßgeblich wichtigen Beziehungen des Menschen: die Eltern-Kind-Beziehung, schulischer Unterricht und Kommunikation zwischen Freunden und Verwandten. Wird von einer das ganze Leben währenden Sozialisation ausgegangen, dann fallen alle Interaktionen und Tätigkeiten darunter, also auch Arbeitsverhältnisse u.a.. Gesellschaft wird durch jede kommunikative Interaktion aktualisiert.

2.4.3. Die institutionelle Ebene

Interaktionen generieren Sichtweisen (Einstellungen), die das Verständnis und den Aufbau einer höheren Ebene ermöglichen, die der Institutionen. Darunter fallen nach Tillmann Betriebe, Massenmedien, Schulen, Universitäten, Militär und Kirchen. Kommunikationen und Interaktionen fallen unter der Schirmherrschaft der Institutionen entsprechend andersartig aus.

2.4.3.1. Macht

Das Eingebundensein in grössere Netzwerke fordert einen Tribut. Von Tillmann aus gesehen besteht die Unterscheidung der 2. von der 3. Ebene in der Kommunikation von Macht. Selbst Erziehung als Handlung muss nicht notwendigerweise machtvoll, d.h. auf der Grundlage möglichen Sanktioniertwerdens/Sanktionierens, ausfallen. Macht kann gar nicht das Medium erfolgreicher Erziehung sein, denn sonst würde sie nicht Pathologien hervorrufen. Macht kann die Erziehung ergänzen, sie besitzt aber keine instrumentelle Ordnungsfunktion für die Eltern- Kind-Beziehungen, da Machtausübung persönliche Bindungen und Regungen ausklammert und andere Medien wie Liebe und Wahrheit ausschliesst. Auf der institutionellen Ebene regelt aber gerade primär die Macht die Ordnungsstruktur. Alle Staaten und staatsähnlichen Formen gründen sich auf Macht, z.B. geht in Demokratien alle Macht vom Volke aus. Macht bestimmt deshalb auch ihre institutionellen Ausprägungen. Ihre rechtlich-formale Funktion schließt das ebenso ein wie ihr tatsächliches Erscheinungsbild samt ihrer Problematiken.

2.4.4. Die Gesellschaft

Die Gesamtgesellschaft bildet die 4. Ebene des Strukturmodells. Sie umfasst ökonomische, soziale, politische und kulturelle Strukturen, die bestimmen, wie die institutionelle Ordnung aufgebaut ist. Aber auch die 3. und 4. Ebene determinieren sich wechselseitig.

2.5. Kritik am Ebenenmodell

Neuere sozialwissenschaftliche Ansätze kritisieren das Parsonsche Ebenensystem, das zwar die Stabilisierungsmechanismen bestimmter Gesellschaftsformen darstellt, jedoch nicht die Möglichkeiten des Kulturwandels und abweichenden Rollenverständnisses. Wenn individuelle Verhaltensmuster aber schon in den Bereich der Pathologien und Störungen fallen, wenn sie nicht gesellschaftlichen Stabilisierungsnormen entsprechen, dient das eher der Bestätigung eines konservativen Gesellschaftsverständnisses.

Doch lässt die Theorie auch Raum für kulturelle Strukturänderungen, wenn die Kultur nicht mit ihren Werten gleichgesetzt wird. Fungieren Werte als stabiler Moment, als Anker in einer sich verändernden Gesellschaft, kann sich die kulturelle Ausprägung wandeln, ohne ihren Bestand als solchen zu gefährden.

2.6. Das Phasenmodell

Das Phasenmodell von Tillmann (in Anlehnung an den Versuch von Friedrichs/Kamp einer Phasierung des Lebenslaufs) diskriminiert noch weitaus konkreter. Es schlägt dazu bestimmte Altersstufen vor, in denen bestimmte Sozialisationsprozesse ablaufen. Es wird zwischen Säuglingsalter (0-1 Jahre), früher Kindheit (2-4 Jahre), Kindheit (5-12 Jahre), Jugend (13-? Jahre), Erwachsenenalter (?-65) und Alter (65-Schluß) unterschieden.

Diese Einteilungen werfen Fragen über ihre jeweilige Begründung auf. Rechtlich ist ein Jugendlicher von 18 Jahren in Deutschland erwachsen, in den USA erst mit 21. Umgekehrt sind in den USA Jugendliche mit 16 Jahren rechtlich voll zurechnungsfähig um ein Auto zu fahren und in Deutschland erst mit 18. Auch lässt sich einwerfen, ob Menschen, die bisher mit 65 (und dem Eintritt in den Ruhestand) als Alte galten, durch die geplanten Rentenreformen und dem dann erst mit 67 erfolgenden Renteneintritt dann auch erst mit 67 als Alte gelten. Hinzu kommen noch die Einteilungen in Säuglingsalter, frühe Kindheit, Kindheit und Adoleszenz. Hier scheint die medizinisch-biologische Altersabstufung bemüht worden zu sein.

2.7. Kritik am Phasenmodell

Weitere Versuche über ein Phasenmodell der Sozialisation müssen dem Umstand der Vielschichtigkeit von Sozialisationsprozessen Rechnung tragen. Zum einen wären neurologische und biologische Grundlagen und dann auch die sich aus ihnen ergebenden psychischen und sozialen Entwicklungen zu berücksichtigen. Die sozialen Entwicklungen sind dabei insbesondere auf ihre inter- und intrakulturellen Variationsräume hin zu untersuchen, schon um allgemeine und kulturspezifische Aussagen trennen zu können.

2.8. Hurrelmanns Modell

Als letzten Punkt dieses Kapitels soll nun noch auf das Sozialisationsmodell des Erziehungswissenschaftlers Hurrelmann (in: Baumgart 1997, 19-27) und seine sieben Maximen für eine Sozialisationstheorie eingegangen werden.

Die Persönlichkeit besteht in dem Modell Hurrelmanns in einem Verhandlungsfeld der äußeren und inneren Realität. Die äußere Realität wird im Sozialisationsprozess durch die sozialen Interaktionen mit den inneren Strukturen von bewussten und unbewussten Repräsentationen und Dispositionen genetischer wie neurobiologischer Natur verrechnet. Trotzdem der Realitätsbegriff in diesem Modell letztlich undefiniert bleibt und eine Festlegung der „Realität“ daher offen lässt, besticht das Modell durch seine Einfachheit. Ein konstruktivistischer oder systemtheoretischer Ansatz kann ein solches Modell der vielen Leerstellen vielleicht adaptieren und erweitern.

2.9. Die sieben Maximen

Dieser Aushandlungsprozess wird auch in Hurrelmanns erster Maxime thematisiert. Die die Person bildende Realität wird dazu eingeteilt in eine materielle und eine gesellschaftlich vermittelte Umwelt.

Die zweite Maxime konkretisiert diese Einteilung. Die Sozialisation hat demnach zwei Seiten, eine entwicklungspsychologische und eine gesellschaftsbezogene. Eine Sozialisationstheorie muß sich aus beiden Seiten ableiten lassen und auch auf beiden Seiten bewähren.

Die dritte Maxime empfiehlt eine Analyse der Persönlichkeitsentwicklung auf der Grundlage der sozialen Lebensbedingungen.

Die vierte Maxime weist auf die Beobachtbarkeit von Sozialisationsprozessen hin. Diese vollziehen sich stets in Interaktionen und wird feststellbar durch die auf das Verhalten der Person gerichtete Frage, was geblieben ist und was anders ist. Wird eine derartige Analyse auf eine gesellschaftspsychologisch eingeschränkte Interaktionsmenge angewendet (z.B. das Verhältnis zu Vorgesetzten), dann werden Veränderungen und Modifikationen innerhalb bestimmter Zeiträume sichtbar. Aber auch Beständiges wie konservative Wertorientierungen werden durch ein solches Verfahren transparent.

Die fünfte Maxime gibt vor, dass eine Sozialisationstheorie sich an die Erklärung der Entwicklung von Handlungskompetenzen einer Person halten solle.

Schon Bourdieu wies auf die Strukturierung des Feldes durch den Habitus hin. Die sechste Maxime betont den Einfluss, den die Person auf die eigene Entwicklung wie auch auf die Umwelt hat.

Die siebte Maxime geht über die bisher erörterten theoretischen Ansätze hinaus. Handlungen beruhen nicht nur auf vermittelten Kompetenzen, sondern auch auf dem Aufbau eines reflektierten Selbstbildes. Mead entwickelte dazu einst die Konzeption von dem generalisierten Anderen, welches ein beständiges Selbsterleben, die Identität, ermöglicht. Erst die Konstruktion stets mitgemeinter Fremdreferenz ermöglicht die Abgrenzung und die Bezugnahme auf sich selbst.

Es gäbe in diesem Kapitel noch vieles andere vorzustellen. Nicht nur Mead, sondern auch Habermas Theorie des kommunikativen Handelns, Skinners und Watsons Behaviorismus u.v.a. streifen, thematisieren oder begünstigen Sozialisationstheorien. Doch für die beabsichtigte Konzipierung einer allgemeinen Sozialisationstheorie auf neurobiologischen Grundlagen bieten die vorgestellten Modelle mehr als genug Material für eine analytische Sezierung und Neuordnung.

3. Neurobiologische Bedingungen der Sozialisation:

Dieses Kapitel liefert die oben erwähnten neurobiologischen Grundlagen für eine Sozialisationstheorie. Dabei wird insbesondere auf die Funktion und Arbeit der Nervenzellen eingegangen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für den Begriff und die Vorstellung von Realität. Auch das von Psychologie und Soziologie postulierte Paradigma über das Innen des Selbst und das Außen der Welt wird damit thematisch problematisiert.

3.1. Neuronale Information

Die menschliche Wahrnehmung basiert auf der elektrochemischen Stimulanz der Nervenzellen (Neuronen), die im Folgenden auch als Reize bezeichnet werden (siehe Bergen 2000, Kapitel 4). Eine Information ergibt sich aus der Reizverarbeitung durch den neuronalen Apparat (Gehirn, zentrales Nervensystem (ZNS)) in Priorisierung bestimmter Reize vor anderen. Ganz allgemein bedeutet eine Information eine Einschränkung für ein Element aus einer Vielfalt von Möglichkeiten aufgrund einer schon vorhandenen Struktur (Vgl. Klaus 1969, 269). Der Gehalt der Information ergibt sich aus dem Grad der Unbestimmtheit des Eintretens eines Ereignisses aus einer Menge möglicher Ereignisse (ders.).

Wie entsteht nun eine Information durch die neuronale Rezeption von Reizen ?

3.2. Aufbau und Funktion der Nervenzellen

Die Nervenzelle verfügt über Dendriten, antennenartige Fühler, die elektrochemische Umweltpotentiale messen. Das Potential gibt die elektrische Stärke des Reizes an. Potentiale der Umwelt werden im Nervenzellkern summiert. Die Konzentration der Potentiale auf einen bestimmten Dendritenbereich und die Intensität der Potentialfrequenz, die sich im Zellkern summiert, bestimmen die Weiterleitung des Potentials vom Zellkern. Übersteigt das Gesamtpotential einen bestimmten Wert, wird es weitergeleitet. Unterhalb dieses Wertes bleibt das Potential unterschwellig und wird nicht neuronal verarbeitet. Die Weiterleitung des Potentials vom Neuronenzellkern zu nachfolgenden Neuronen bedeutet die Entstehung eines Reizes. Durch den axonalen Ast der Nervenzelle, an dessen Ende sich die Synapsendköpfchen befinden, wird der Reiz immer noch innerhalb der ursprünglichen Zelle weitergeleitet. Die Synapsen codieren das Potential in chemische Botenstoffe, die sie ausschütten und die mit den Dendritenstämmen nachgeschalteter Nervenzellen in Reaktion treten. Kollateralneuronen sorgen für die ständige Verbindung der Neuronen wie eine stehende Leitung (Vgl. Kapit 1992, 86). Ihre Synapsen arbeiten elektrisch, d.h. es werden Ladungen bzw. Werte weitergeleitet, und das auch wenn die Synapsen nicht feuern und kein Reiz im eigentlichen Sinne entsteht. Terminalneuronen leiten die Potentiale in Form von chemischen Ausschüttungen und Reaktionen weiter. Die Bedeutung eines Reizes misst sich an der Frequenz des Potentials.

(Weininger 2003, 4)

Die Information ergibt sich nun, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, aus der chemischen Codierung und Decodierung eines Reizes als Mischung verschiedener Synapsendköpfchensubstanzen. Die Frequenz des Potentials bestimmt die Dauer und Menge der Ausschüttung. Aufgrund dieses Sachverhaltes kann ein Reiz seiner Information auch vorauseilen. Damit lässt sich bezeichnen, was gemeinhin unter Intuition verstanden wird: das Erspüren von Sachverhalten ohne klare Sinnesreferenz, das Handeln nach Ahnungen oder auch die Nachformulierung einer spontanen Eingebung.

3.3. Der Aufbau einer mentalen Repräsentation

Die Information als Resultat der neuronalen „Kommunikation“ verbreitet sich durch die Nachschaltung von Dendritenstämmen (bis zu 8000fach) anderer Neuronen im Netzwerk und wird phänomenologisch sichtbar an im Gehirn ausgelösten neuartigen Verknüpfungen verschiedener Neuronen verschiedener funktionaler Gehirnarreale. Diese Initiationen und Veränderungen von Verknüpfungen beschreiben die Arbeit, die das Gehirn leistet. Im folgenden werden diese als Suchprozesse bezeichnet, da eine Verknüpfung nur durch die intentionale Suche eines Neurons durch die informative Bewegung des Netzwerkes erfolgt, welches ein Aktionspotential aufbaut, dass stark genug ist, eine Verknüpfung zu schaffen und sich mit anderen Neuronen zu vernetzen. Diese Vernetzung aufgrund einer Information wird dann als eine Repräsentation oder Abstraktion bezeichnet. Es zeichnet die Einschränkung als konstituierendes Merkmal der Information aus einer Menge möglicher Ereignisse selbstreferentiell (dazu Maturana 1995, XII und XIII3 ), also mittels Botenstoffen und Ladungen als neuronale Medien nach. Neuronale verkettete Teilnehmer der Verknüpfung leiten schließlich die entstandene Information zur Zelle zurück, die das Aktionspotential eingangs weiterleitete. Die Geschwindigkeit der Verarbeitung von Informationen ergibt sich aus der bereits bestehenden Verknüpfungsdichte und Spannweite der Gehirnarreale. Repräsentationen und Abstraktionen erleichtern die Verarbeitung weiterer Informationen. Diese „synthetischen“ Repräsentationen sind funktional, hierarchisiert und vereinfacht im Hinblick auf die Ausgangskomplexität, aus der heraus sich Potentiale bildeten, die zur Entstehung der Verknüpfung führten. Wie (bzw. über welche bestehenden Verknüpfungen) nun Informationen verarbeitet werden hängt von den aktuell gültigen Bedingungen innerhalb des Gehirns und des ZNS ab. Bestimmte Drogen (z.B. Endorphine, Adrenalin, Testosteron oder auch Alkaloide) verändern die chemische Zusammensetzung der synaptischen Botenstoffe und somit die Bildung und Verarbeitung von Informationen. Strenggenommen verändert sich durch Drogen also nicht die Wahrnehmung selbst, sondern die Informatik des Nervenapparates, was zu einer veränderten Ordnung der Verarbeitung wahrgenommener Potentiale/Reize führt.

3.4. Die Funktion mentaler Repräsentationen

Für eine spezifischere Analyse sei auch auf Friederici (Friederici 1996) verwiesen, die Sprachverarbeitungsprozeduren im einerseits sich entwickelnden und andererseits im voll funktional differenzierten Gehirn untersucht. Daraus ergeben sich im Weiteren Untersuchungsfelder für den Bereich Prägung/Konditionierung durch Repräsentationen oder auch das Phänomen der Unterscheidung von „native Speakers“. Das neurolinguistische Programmieren (Bandler/Grinder) z.B. arbeitet mit Verknüpfung und Transformation von Repräsentationen des psychischen Inventars zu vorgegebenen Zwecken.

Geistige Prozesse finden ihre diesseitige Entsprechung in dem Zusammenspiel der Neuronen bei der Kreation von Repräsentationen, die aufrufbare funktionale Verknüpfungen verschiedener Gehirnarreale darstellen.

3.5. Das Problem der neurobiologischen Beschreibung von Intentionen

Changeux (Changeux 1984, 341-355) argumentiert, dass es nicht gelingen werde, die Neurobiologie bei der Erforschung des Bewusstseins zusammenzustreichen, da sich ein Bewusstsein im Wesentlichen auf die im Gehirn und ZNS geltenden Bedingungen stützt. Das sagt aber noch nichts über mögliche Bewusstseinsinhalte und -intentionen aus, die aber als in gleicher Weise zum Verständnis des Bewusstseins relevant betrachtet werden müssen wie die neurobiologisch gesetzten Ausgangsbedingungen. Wie sich Absichten manifestieren lässt sich also biologisch beschreiben, doch wie sie entstehen bleibt aus Sicht der Biologie weiterhin obskur (dazu auch der Neurophysiologe Roth, der in diesem Zusammenhang ein wildes Gemisch aus deterministischen und fatalistischen Konstrukten in den Raum stellt). Sicher ist etwas wie die Freiheit des Willens nicht als freischwebend anzunehmen, wie das beispielsweise als Vorannahme staatlichen Rechtssystemen zugrundeliegt, doch wäre an dieser Stelle eine interdisziplinäre Suche nach einem Freiheitsbegriff vonnöten, der weder in die Fangstricke des Idealismus noch des Determinismus gerät.

3.6. Das Bewusstsein aus neurobiologischer Sicht

Immerhin liefert die Neurobiologie einen neuartigen Bewusstseinsbegriff. Roth zufolge gibt es kein Bewusstsein als ungeteilte Einheit, sondern Bewusstsein als Abfolge von intentional festgelegten Bewusstwerdungszuständen. Diese Zustände bestehen wiederum in neuronal verschalteten Gehirnarrealen. Fällt ein Gehirnarreal aus, dann ist dem Bewusstsein als gedachte Einheit möglicher Bewusstseinszustände diese Tür fortan verschlossen (Vgl. Affolter / Stricker 1980). Kappt man z.B. das limbische System, dann ist das betreffende Bewusstsein zu Empfindungen nicht mehr fähig. Da Empfindungen aber die Selektion von Entschlüssen steuern, wird das Bewusstsein entscheidungsunfähig. Es kann noch denken, was möglich, doch nicht mehr, was wünschenswert wäre, da die Qualität von Wünschen in ihrer Emotionalität besteht. Die Frage ist also, welches Bewusstsein gemeint ist, oder genauer, welches Bewusstsein wovon gemeint ist, ob nun das Bewusstsein von Gefühlen, Zusammenhängen, Möglichkeiten oder welche Kategorien sonst noch aufgestellt werden.

3.6.1. Menschliche Freiheit als Konstruktion

Es kann sein, dass Roth das folgende Erklärungsmuster selbst als Neurophysiologe zu radikal fand, um es anzuerkennen. Vielleicht zog er es deshalb stattdessen vor, auf der Suche nach einer möglichen menschlichen Freiheit auf sozialwissenschaftliche (z.B. den im Seminar kurz abgehandelten Rational-Choice-Ansatz Essers) und philosophische Beschreibungen auszuweichen. Logisch wäre es, die Freiheit als einen Zustand oder zumindest als eine Empfindung zu beschreiben, solange die Neurophysiologie für derlei Erklärungen beansprucht wird. Auf eine tatsächliche Freiheit zu referieren stellt sich in gleicher Weise schwierig dar wie auf eine absolute Realität zu referieren. Freiheit wie auch Realität beruhen auf dem neurobiologischen Inventar und werden durch die psychischen und in der weiteren Entwicklung auch sozialen Systeme erst hergestellt und dann modifiziert. Das bedeutet, dass Spielräume und Wahlmöglichkeiten durch psychische Strukturen vorgegeben sind. Sozialisationsprozesse operieren mit dem psychischen System über das soziale System, d.h. in erster Linie durch Kommunikation. Kommunikationen eichen die neurologischen Bahnen und fokussieren das Bewusstsein auf seine Möglichkeiten und die miterzeugten Unmöglichkeiten. Roth beschreibt Sozialisationsprozesse entschieden neurophysiologisch. Das impliziert bezogen auf ein Phasenmodell Altersabstufungen aufgrund von Ausbildungs- und Entwicklungsprozessen des Gehirns und des ZNS. Dies ergänzt sich gut zu der Entwicklungspsychologie Jean Piagets, der diese Entwicklungsschritte am Verhalten und Verhaltensneuerungen und -änderungen beobachtet hat.

4. Der konstruktivistische Ansatz:

4.1. Realität

Der Radikalkonstruktivismus geht auf den chilenischen Biologen Humberto Maturana zurück und fand in der Soziologie Vertreter wie Niklas Luhmann und Heinz von Förster. Er geht von der Annahme aus, dass sich die Realität als solche allem Leben entzieht und nur über vorgeprägte Strukturen vermittelt wird. Was in der Philosophie von Jaques Derrida als differánce thematisiert wurde, findet in der Systemtheorie Luhmanns ihre Entsprechung. Realität hängt demnach vom Standpunkt des Beobachters ab, was bedeutet, welche Unterscheidungen er zur Sondierung der Realität einsetzt und was somit indifferent für ihn bleibt.

4.1.1. Spencer-Browns Formenkalkül

Das wird durch das Formenkalkül des Mathematikers Spencer-Brown veranschaulicht. Dieses erklärt das menschliche Erkenntnis- und Unterscheidungsvermögen als paradoxe Operation. Es beschreibt den Wiedereintritt einer Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene. Erst dadurch wird die Reduktion von Weltkomplexität überhaupt möglich. Die erste menschliche Unterscheidung betrifft die vom Säugling erlebte Empfindung angenehm-unangenehm. Unterscheidungen des Selbst von der Welt und Unterscheidungen in der Welt (z.B. die Existenz einer Mama, die die erlebten Bedürfnisse stillt), schließen sich an. Sie finden aber alle auf der markierten Seite der Form different - indifferent statt. Wird die Form gekreuzt, dann geht es auf der anderen Seite weiter. Zum Beispiel kann ein Stück Gorgonzola als unappetitlich erlebt werden, bis man irgendwann auf den Geschmack kommt. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Gaumen die Leitunterscheidung lecker und scheußlich fortschreitend ausdifferenziert hat. Waren früher vielleicht bunte Verpackungen und die Empfindung süß für das Geschmackserlebnis wichtig, so wurde entdeckt, dass Wohlbefinden durch Nahrung sich jetzt aus der Beanspruchung des gesamten Gaumens einstellt. Die Leitunterscheidung lecker-scheußlich blieb normativ erhalten. Das Kriterium für die Kreuzung war Vollmundigkeit. Gewechselt wurde von der Seite des Süßen auf die Seite andersartiger geschmacklicher Präferenzen.

4.2. Konsequenzen für die Sozialisationstheorie

Dieses Beispiel soll einen Eindruck vermitteln, dass Sozialisationsprozesse viel komplexer sind als es behavioristische Theorien mit ihren Reiz-Reaktionsschemata und Konditionierungsprogrammen darstellen. Dass Prägung und Konditionierung wichtige Parameter einer sozialisationstheoretischen Betrachtung sind, steht außer Frage. Doch lässt sich Sozialisation nicht darauf reduzieren.

Parsons geht beispielsweise bei der Sozialisation von Rollenerwartungen aus, die gesellschaftlich vermittelt werden. Luhmann geht noch einen Schritt weiter und redet im Zusammenhang menschlicher Interaktionen und dem Phänomen der doppelten Kontingenz4 von Erwartungserwartungen als Organisationsform menschlicher Gesellschaft und somit auch als Sozialisationsmittel.

Systemtheoretische Überlegungen schließen also ein Außen von gesellschaftlicher Realität ebenso aus wie ein Innen personaler Realität. Die Unterscheidung von Innen und Außen selbst ist eine Methode der Selbstreproduktion des Systems, das diese Unterscheidung einsetzt, um die Weltkomplexität auf ein für das System praktikables Maß herunterzutransformieren. Die Welt, und das deckt sich auch mit den Aussagen von Roth, ist dann eine enger oder weiter gefasste Repräsentation von in bestimmter Weise priorisierten Reizinformationen. Daher geht Luhmann auch von einer stets erfolgenden Selbstsozialisation aus. Das bedeutet Gewohnheitsbildungen durch Repräsentationskonstitutionen und - aktualisierungen.

4.3. Selbstsozialisation

Das in Kapitel 2 besprochene Modell von Hurrelmann und Ulich zerfällt also in unzureichend begründete Prämissen, die sich konstruktivistisch nicht nachvollziehen lassen. Sie werden systemtheoretisch durch die Annahme von Selbstsozialisation(en) ersetzt.

4.3.1. Personales und soziales System

Die Selbstsozialisation lässt sich in zwei Bereiche splitten: das personale, sich auf Bewusstsein gründende, und das soziale, auf Kommunikation abstellende System. Die im vorigen Kapitel erwähnten neurobiologischen Ausgangsbedingungen für Sozialisation fallen in den Bereich des personalen Systems. Alles in den Bereich des Bewusstseins Fallende, zu dem auch das Unbewusste gehört, entspricht also der (von Hurrelmann vereinfacht so bezeichneten) Innenansicht des Systems. Andererseits geht die Struktur von Bewusstseinsvorgängen und -prozessen auf Kommunikation zurück (dazu Fuchs 1998: „Woher weiß das Bewusstsein, dass es ein Bewusstsein ist ? - Es ist ihm gesagt worden.“). Bewusstsein und Kommunikation anstelle von Innen und Außen - an dieser Stelle müsste ein konstruktivistischer Ansatz einer Sozialisationstheorie greifen. So stehen Bewusstsein und Kommunikation im Verhältnis der Interpenetration. Das bedeutet, dass sie sich aufgrund operationaler Geschlossenheit wechselseitig durchdringen. Eine systemtheoretisch fundierte Sozialisationstheorie müsste dies Verhältnis der Interpenetration von Bewusstsein und Kommunikation beschreiben können.

4.3.2. Der Beginn der Sozialisation

Wird der Sozialisationsbegriff auf den Zeitraum beschränkt, den das Individuum braucht, um zu einem Teilnehmer der Gesellschaft zu werden, dann müsste die Ausildung dieses Verhältnisses erfasst werden. Wird dazu Piaget herangezogen wäre das die Phase der ersten paar Lebensmonate bis das Kleinkind in der Lage ist, die Differenz von Information und Mitteilung zu verstehen. In Anlehnung an den Linguisten de Saussure passiert das durch die Kreation der ersten Worte. Einem Lautbild wird dabei eine Bedeutung zugeordnet, das gegen alle anderen Lautbilder abgegrenzt wird. Die Mitteilung, die analytisch in die Ebenen Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell (oder Intention) zerfällt, entfaltet dabei eine Information (Sachaussage, Inhalt). Durch den Verstehensprozess als einer Art psychischer Semiose wird das Kleinkind zum Teilnehmer an Kommunikation und damit an der Gesellschaft im Sinne Luhmanns.

4.4. Systemische Forschungsansätze

Das von Tillmann vorgestellte Phasenmodell des Sozialisationsprozesses ist bereits unter (2) kritisiert worden. Es wäre möglich, ein Neues auf der Grundlage rein biologischpsychologischer Entwicklungsschritte aufzustellen. Dies wäre unter Bezugnahme auf die Forschungen Piagets eine denkbare Alternative.

Ein soziologisch-systemtheoretisches Modell ginge wie besprochen von der Ausprägung der Interpenetration von Kommunikation und Bewusstsein aus. Eine Entwicklungssemiotik kann darüber hinaus das chronologische Erlernen der von Peirce aufgestellten Zeichenkategorien (dazu Bense 1998; insbes. Bergen 2000) beschreiben. Diese sind für ein allgemeines Modell von Kommunikationsmöglichkeiten im Rahmen eines wahrgenommenen Interaktionsmediums notwendig. Damit lassen sich Forschungsthemen bilden, z.B. die Logik der Macht, die Rhetorik der Vernunft oder die Rezeption moderner Kunst. Eine systematische Sozialisationsforschung könnte sich auf der Grundlage dieser gemeinsamen Terminologie mit den verschiedenen Aspekten und Bereichen der Sozialisation unter vergleichbaren Gesichtspunkten auseinandersetzen.

5. Sozialisation und Erziehung:

5.1. Begriffliche Gegenüberstellung

Luhmann stellt der Sozialisation die Erziehung gegenüber. Erziehung und Sozialisation unterscheiden sich aufgrund der Intentionalität, die in jedem Erziehungsprozeß mitwirkt. Das bedeutet, dass Erziehung gegenüber der Sozialisation als Methode beobachtbar wird. Ist keine Methode zu beobachten, dann mag Erziehung durchaus beabsichtigt sein. Sie ist dann bloß nicht als Erziehung beobachtbar, sondern als wechselseitige Sozialisierung. Alles was sich unbeabsichtigt auch noch als Effekt in der Erziehung niederschlägt gehört also in den Bereich der Sozialisation. Gerade diese Sub- oder Metaebene der Erziehung kann schwerwiegende Folgen für die Selbstsozialistion haben. Ein autoritärer oder liberaler Erziehungsstil ist z.B. erfolgreich im Hinblick auf die beabsichtigten Ergebnisse, z.B. die Angewöhnung von Tischmanieren. Das modal Mitvermittelte kann allerdings dazu führen, dass die Einhaltung der Tischmanieren mit Freude oder Widerwillen praktiziert oder auch gebrochen wird. Eine Intention kann sich stets nur auf einen Zweck beziehen. Abrupte Änderungen der Erziehungsintentionen führen zu unklaren Kommunikationssituationen (dazu Bateson 1996, 321), die nur durch die Erkenntnis aufgelöst werden können, dass auch das Geführtwerden mittels Erziehung schon in den Bereich der Selbstsozialisation fällt. Insofern ist die von Luhmann eingebrachte Gegenüberstellung von Erziehung und Sozialisation systemtheoretisch als kritisch zu bewerten. Sozialisation ist stets Selbstsozialisation. Sozialisation umfasst deshalb auch Erziehung. Erziehung ist eine methodisch ausgerichtete Kommunikationsform über Selbstsozialisation.

5.2. Interaktionsmedien

Luhmann geht davon aus, dass die Erziehung als gesellschaftliches Subsystem kein eigenes Medium ausgebildet hat. Das ist insofern richtig, als dass er Medien (in Luhmanns Terminologie: symbolisch generalisierte Interaktionsmedien) auf der Basis von Erleben und Handeln diskriminiert (dazu Luhmann 1998, 336). Führt Alters Erleben zu Egos Handeln, dann handelt es sich um Liebe. Führt Alters Handeln zu Egos Handeln, dann ist es ausgeübte Macht. Führt Alters Erleben zu Egos Erleben, dann handelt es sich um Wahrheit. Führt Alters Handeln zu Egos Erleben, dann handelt es sich um Geld (auf der Grundlage von Besitz) oder Kunst. Diese Kategorien sind derart allgemein gehalten, dass sich Sozialisationsvorgänge damit beschreiben lassen und auch Erziehung nur über diese Medien erfolgen kann.

5.3. Selbst- und Fremdreferenz

Einen weiteren wesentlichen Parameter der Bestimmung von Sozialisationsprozessen bildet die Splittung der Situationsbeschreibung und der Framedefinition in Selbst- und Fremdreferenz. Systemtheoretisch ist damit gemeint, dass das System seine Grenzen internal bestimmt, also was das System sich selbst und was der Umwelt zuzurechnen hat. Zum Beispiel ließe sich eine gute schulische Note als Ergebnis des eigenen Fleißes und der eigenen Fähigkeiten erklären. Es würde sich aber relativieren, wenn herauskäme, dass sich alle anderen nur auf das falsche Thema vorbereitet hätten. Da schulische Noten auf der Vergleichbarkeit mit den Leistungen anderer Schüler basieren, muss die Note über die persönlichen Fähigkeiten nichts aussagen. Das alltägliche Handeln lässt eben häufig keine Zeit, die Tatsächlichkeit der eigenen Grenzen zu bestimmen. Wenn Entscheidungen das erfordern, werden Selbst- und Fremdzuschreibungen schnell und unüberprüft vorgenommen. Das hat weitreichende Folgen für den Sozialisationsprozess. Ob sich das Kind als Opfer der Willkür seiner Eltern empfindet oder als Halunke, der nun für die Folgen seines Verhaltens einzustehen hat, hängt von vielen Faktoren ab. In der Erziehung werden diese Zurechnungsweisen thematisiert und geübt. Die Sozialisation hingegen geht intern von dieser Leitunterscheidung Selbst- und Fremdreferenz aus, ohne sie zu thematisieren. Erst das Lernen eröffnet dann diese Möglichkeit.

6. Selbsterfahrung und Fremdbestimmung:

6.1. Die Macht der Gesellschaft

Die Erziehung/Sozialisation wird in den Analysen Foucaults als Ausübung einer Biomacht betrachtet. Das Individuum wird erst durch eine Form der Disziplinierung zur Person, zum Subjekt (lat. subiectum - das Unterworfene), deren Erfolg sich daran misst, dass sie nicht mehr von gesellschaftlichen Instanzen und Institutionen kontrolliert zu werden braucht. Das persönliche Gewissen bildet dann den verinnerlichten normativen Part der Gesellschaft. Kafka hat für diese Anschauung von Sozialisationsprozessen eine passende Metapher entwickelt. In seiner Erzählung „In der Strafkolonie“ berichtet er von einer Maschine, die den Verurteilten ihren Gesetzesbruch mit einer Nadel in die Haut einschreibt. Die Nadel schreibt von Mal zu Mal tiefer, bis der Verurteilte von seinem Vergehen buchstäblich aufgespießt wird. Dem eigenen Gewissen kann das Subjekt nicht entkommen. Diese Disziplinierung bezieht, wie der Begriff der „Biomacht“ schon impliziert, den ganzen Körper mit ein. Moderne Krankheiten wie Bulimie oder Magersucht sind soziologisch betrachtet als Anpassungsprozesse an geschlechtsspezifische kulturell tradierte Rollenerwartungen zu verstehen. Mit Kafkas Metapher des Gewissens lässt sich der unglaubliche Wille, der notwendig ist, um dem Hungergefühl dauerhaft zu widerstehen, ansatzweise nachvollziehen. Auch Bourdieu geht von einer solchen physischen „Inkorporierung“ des sozialen Umfeld in die Habitusstruktur aus. Und er beschreibt auch, wie der Habitus selbst das soziale Feld mitgestaltet. Es stellt sich daher die Frage, ob und wie sich das mit dem konstruktivistischen Ansatz einer vollständigen Selbstsozialisation des Individuums vereinbaren lässt. Selbstsozialisation lässt sich eben nicht mit Selbstbestimmung gleichsetzen. Die Tatsache, dass nicht eine externale Gesellschaft kontrolliert, sondern die Gesellschaft als verinnerlichte Instanz, die externalisiert wird, trägt diesem Umstande Rechnung.

6.2. Selbsterfahrung und Selbstbestimmung

Selbsterfahrung erfordert, sich mit der verinnerlichten Gesellschaft (Mead bezeichnet das als den generalisierten Anderen) auseinanderzusetzen. Erst durch die Überprüfung der an das Selbst gerichteten verinnerlichten und verallgemeinerten Erwartungen lässt sich die Struktur erreichen, die als Fremdbestimmung empfunden und wahrgenommen wird. Erst an dieser Stelle, an der sich diese Fremdbestimmung zur Selbsterfahrung wandelt, wird es möglich, Fremderfahrungen zu sammeln. Die Fremderfahrung liegt terminologisch im Bereich der doppelten Kontingenz. Sie fällt als Resultat einer vom Gewissen determinierten Ausrichtung, der Selbstbestimmung, ab. Die Diskriminierung der an sich selbst gerichteten Erwartungen des Gewissens durch den generalisierten Anderen von den wirklichen Erwartungen anderer in Interaktion und Kommunikation ermöglicht ein Entgegenkommen auf die tatsächlich wahrgenommenen Erwartungen anderer auf Basis der Vorgaben des Gewissens. Auch hier geht es also einmal mehr um das von Spencer-Brown geschilderte Crossing von der einen Seite der Form, Selbsterfahrung und Fremdbestimmung auf die andere, Fremderfahrung und Selbstbestimmung. Die eine Seite bedingt die andere.

Nach dieser theoretischen Beschreibung stellt sich die Frage, wie ein solches Crossing phänomenal erscheint und sich initiieren lässt.

6.3. Persönlichkeitsentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung

6.3.1. Die beiden Modelle

Liebermann hat dazu den Zusammenhang zweier Modelle, der Persönlichkeitsentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung, beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1:

(Faulstich-Wieland 2000, 39)

Die Persönlichkeitsentfaltung setzt den Entwurf einer Persona bereits voraus. Im Laufe des Lebens durchläuft die Person Situationen, in denen der Facettenreichtum ihrer Fähigkeiten sichtbar wird. Unbewusste Kompetenzen treten in diesen Triggersituationen zutage. In der Persönlichkeitspsychologie wird dabei auch vom Eigenschaftsmodell gesprochen.

Das andere Modell ist das der Persönlichkeitsentwicklung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2:

(Faulstich-Wieland 2000, 40)

Die Persönlichkeitspsychologie nennt es das situationistische Modell. Die Person entwickelt sich dabei im Laufe des Lebens auf der Grundlage der Situationen, in denen sie sich bewähren muss. Die Persönlichkeit misst sich an der Vielfalt der Situationen und Rollen, die sie bereits durchlaufen hat.

6.3.2. Synthese von Entfaltung und Entwicklung

Der interaktionistische Ansatz der Persönlichkeitspsychologie geht von einer Synthese beider Modelle aus. Auch eine Neurobiologie der Sozialisation stützt sich auf eine Kombination beider Modelle. Die Person kann kein Verhalten für etwas entwickeln, für das es keine genetische Disposition gibt. Die genetische Disposition bestimmt die Eigenschaften, die die Ausprägung eines bestimmten Verhaltens ermöglichen. Umgekehrt bestimmen die Lebenssituationen maßgeblich, welche Verhaltens- und Wesenszüge sich ausprägen. Zum Beispiel lebte Mozart unter sozioökonomischen Bedingungen, die es ihm erlaubten, zu den ganz großen Komponisten aufzusteigen. Auch brachte er die genetischen Dispositionen für sein musisches Talent mit. Das hätte so nicht sein können, wenn er ein talentloser Sohn einer Musikerfamilie gewesen wäre oder in das Afghanistan des ausklingenden 20. Jahrhunderts geboren worden wäre, da unter dem Taliban-Regime die Beschäftigung mit Musik bei Strafe verboten war.

Diese wechselseitigen Bezüge sind allerdings noch nicht erschöpfend erforscht. Roth meint, dass das Verhältnis von genetischer Disposition und Sozialisation bei 40 zu 30 liegt, also 40 % Disposition, 30 % Sozialisation in den ersten drei Lebensjahren und 30% durch Erfahrungen im Laufe des Lebens, die die Fähigkeiten, Lernräume und Verhaltensmuster als Parameter der Persönlichkeit des Menschen bestimmen.

6.3.2.1. Geschlechtsspezifische Sozialisation

Die Erforschung der geschlechtsspezifischen Sozialisation zeigt den Zusammenhang zwischen Disposition und Sozialisation sehr deutlich, da die Sozialisation von Frauen und Männern in jeder Kultur unter unterschiedlichen Bedingungen stattfindet. Die Dispositionen und die durch sie bedingten Befähigungen gelten für Frauen wie für Männer. Aber die gesellschaftlichen Zustände führen zu unterschiedlichen phänotypischen Erscheinungsformen innerhalb einer kulturellen Sphäre. An dieser Stelle hakt die Sex-und-Gender-Debatte über die Konstruktion von Geschlechtern bzw. Geschlechterrollen ein. Sie thematisiert das Verhältnis von biologischer Ausprägung und kultureller Sozialisation. Vom Standpunkt genetischer Dispositionen her zählen auch nur diese Unterscheidungen des biologischen Geschlechts und ihrer kulturellen Behandlung/Sozialisation. Genetisch ist die biologische Geschlechtsunterscheidung nur eine von vielen innerhalb einer zahlenmäßig unvorstellbaren Masse von möglichen Genkombinationen und ihrer phänotypischen Ausprägungen als Merkmale/Fähigkeiten.

6.4. Das Crossing

Wie in (5) gezeigt impliziert die Sozialisation im Gegensatz zu der intentional angelegten Erziehung immer auch einen Moment des Zu-Falles. Die Frage nach der Initiation eines Crossings von der Selbsterfahrung zur Selbstbestimmung schließt Erziehungsmethoden daher kategorisch aus. Lehrer-Schüler-Beziehungen sind zwar aufgrund ihres Einschlusses des Erlernten als Teil der Selbstsozialisation zu betrachten. Selbstbestimmung kann aber nicht von anderen gelehrt werden. Vielmehr sind hier die gesellschaftlichen Mechanismen zu betrachten, die den Wechsel von Rollen und der mit ihnen gekoppelten Erwartungen und Erwartungserwartungen ermöglichen und katalysieren.

6.4.1. Übergangsrituale

Der Ethnologe Arnold van Gennep untersuchte dazu die Übergangsrituale in verschiedenen Kulturen. So gibt es in allen Gesellschaftsformen Übergangsrituale zu unterschiedlichen Anlässen. Ein Übergangsritual besteht aus drei Phasen: der Loslösung aus der alten Struktur/gesellschaftlichen Verortung, der Übergangsphase und der Wiedereingliederung in die Gesellschaft in einer anderen Rolle/Position im sozialen Raum. Wie diese Rituale sozialisierend wirken ist damit aber nicht beschrieben und hängt von vielen Faktoren ab. Doch es gibt ein Vorher und ein Hinterher, welches sich gesellschaftlich beobachten und individuell ermessen lässt. Auch der Übergang von der Selbsterfahrung zur Selbstbestimmung kann nur rituell vollzogen werden. Ob das persönliche Erlebnisse und selbstgewählte Erfahrungen (z.B. Bungee-Jumping oder die Einnahme psychoaktiver und anderer Drogen) oder auch einfach gesellschaftliche Zeremonien (z.B. die Kommunion/Konfirmation) sind, spielt dabei nur insofern eine Rolle, als dass Verhaltensmuster aufgelöst, verändert und durch andere ersetzt werden. Die Rituale, die auf der personalen Ebene keine Veränderungen einläuten können zwar auf der sozialen Ebene Veränderungen der Rolle und Rollenerwartungen anderer herbeiführen. Das wirkt dann indirekt auch auf das personale System zurück. Doch eine Selbstbestimmung erfolgt immer nur auf personaler Ebene und das heißt, durch Veränderungen des Bewusstseins. Jede Situation kann dazu benutzt werden, sobald das Bewusstsein eine Transformation als notwendig erachtet. Wenn beispielsweise jemand sagt, dass die Menschen von Unendlichkeit umgeben sind, kann das bei einem Zuhörer je nach Erlebnisfähigkeit und aktueller personaler Verfassung ein Erleuchtungserlebnis genauso auslösen wie ein gelangweiltes Gähnen.

6.4.2. Positive und negative Selektion

Rituale stehen für eine bewusste und im gesellschaftlichen Rahmen auch institutionalisierte Form der Sozialisation. Es geht dabei um eine Transformation oder Stabilisierung der sie strukturierenden Elemente. Luhmann unterscheidet in seinem Diskurs über Evolution (Luhmann 1998, 413-576) positive und negative Selektion. Die Negativselektion belässt alles beim Alten. Sie wird nicht beobachtbar, da ein Vorher und Hinterher nicht sichtbar wird. Das passiert im Falle einer positiven Selektion, in der etwas selegiert wird, was vorher als genetisch disponierte oder auch bereits ausgeprägte verhaltensalternative Möglichkeit latent mitlief. Dass die Sozialisationsforschung in besonderer Weise auf die Psychologie und ihre Methodik zurückgreift, liegt an diesen unbeobachtbaren (negativen) Prozessen der (Re-) Stabilisierung des bereits Bestehenden.

6.4.3. Praktikabilität

Das neurolinguistische Programmieren rekuriert auf die in (3) und (4) beschriebenen Ansätze und verbindet sie mit therapeutischen Methoden wie Hypnose, systemischen Aufstellungen5 und Körperarbeit. Es geht davon aus, dass sich die geistigen Repräsentationen der Welt durch Differenzierung und Neubahnung, Assoziierung und Dissoziierung verändern und bestätigen lassen. Die Programmierung basiert auf linguistisch vermittelten neuronalen Prozessen, die sich am Verhalten und der Physiologie beobachten lassen. Eine Grundannahmen des NLP ist die These des „Energy flows where attention goes.“. Damit ist das Prinzip gemeint, nach dem sich das Bewusstsein als Wahrnehmung im personalen und als Kommunikation im sozialen System kanalisiert. In vielen amerikanischen Betrieben zählt es mittlerweile beispielsweise zur verbalen Korrektheit, dass schwierige Kunden und Situationen keine Probleme darstellen, sondern Herausforderungen. Das Gleiche wäre es, über Probleme ohne Negativkonnotation zu sprechen, z.B. in der Vorstellung eines Helden, der ein Abenteuer (Umgang mit dem schwierigen Kunden) zu bestehen hat. Interessant an diesem Ansatz ist, dass gerade nicht Lehrer-Schüler-Verhältnisse konfiguriert werden, sondern jedes personale System auf die eigene pragmatische Ausrichtung seiner mentalen Modelle zurückgeworfen wird.

7. Zusammenfassung und Ausblick:

7.1. Fazit

Die Hausarbeit soll aufzeigen, dass für die Theoriebildung in Soziologie und Psychologie ein Überblick über die neurobiologischen Ausgangsbedingungen notwendig ist, um ihren Geltungsrahmen zu festigen und zu verfeinern.

Daraus lässt sich, wie in (4) beschrieben, ein systematisches Forschungsprogramm ebenso entwickeln wie eine Handhabbarmachung für die Entwicklung von Lösungsstrategien (6).

7.2. Interkulturelle Sozialisationsforschung

Dabei wurde das Thema der interkulturellen Sozialisationsmuster nicht berücksichtigt. Für eine Fortführung der Bildung allgemeiner Sozialisationstheorien wäre eine solche Untersuchung jedoch unverzichtbar. Die Allgemeinheit vieler soziologischer Theorien steht immer dann auf dem Prüfstand, wenn sie auf Kulturen ausgedehnt werden sollen, in denen die Sozialisation anders verläuft als in der eigenen, von der nur zu häufig wie selbstverständlich ausgegangen wird. Gerade das in (2) angesprochene Phasenmodell würde in verschiedenen Kulturen vermutlich krasse Unterschiede aufweisen. Auch das Ebenenmodell gilt primär für die zivilisierte Gesellschaft. Sie scheitert, wenn es um die Beschreibung von Sozialisationsprozessen z.B. in Stammesgesellschaften geht, die Institutionen und Ausdifferenzierungen von gesellschaftlichen Subsystemen nicht oder nur ansatzweise realisiert haben6. Doch es gälte, gerade das allgemein Verbindende und spezifisch sich Unterscheidende an personalen und soziokulturellen Sozialisationen herauszustellen.

Ein Anfang dafür ist mit der vorliegenden Arbeit gegeben.

8. Literatur:

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[...]


1 Zu einer Handhabbarmachung der Evolutionstheorie zur Beschreibung der Gesellschaft bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen siehe auch Luhmann 1998, 413-576 oder bezogen auf die Ausdifferenzierung von Wissen und Wissenschaft Kuhn 1967.

2 Roth würde an dieser Stelle die angesprochene Vielschichtigkeit mit der Tätigkeit verschiedener Gehirnarreale unterschiedlicher phylogenetischer menschlicher Entwicklungsstufen erklären. Dazu umfangreicher auch Kapitel 3.

3 „La noción de autopoiesis sirve para describir un fenómeno radicalmente circular: las moléculas orgánicas forman redes de reacciones que producen a las mismas moléculas de las que están integradas.“

4 dieses Konzept geht eigentlich auf Talcott Parsons zurück und beschreibt das Phänomen der Handlung eines Interakteurs 1 als eine Selektion unter den Interakteur 1 zugänglichen Alternativen von Handlungen. Interakteur 2´s Reaktion auf die Handlung von Interakteur 1 ist daher ebenfalls eine Selektion unter anderen sinnhaft zugänglichen Möglichkeiten auf die Handlung von Interakteur 1. Damit nicht genug ist Interakteur 1 Handelnder und als Handelnder Orientierungsobjekt (Objektpol) für andere (wie beschrieben), und auch f ü r sich selbst. Als Handelnder richtet er sich nach den anderen und sich selbst in Bezug auf sie, als Objekt bedeutet er sich selbst und den anderen etwas (Vgl. Zitat Parsons in Luhmann 1984, 148). Kurzgesagt geht es um die Bewältigung von Verhaltensunsicherheit vor und mit Beginn einer Interaktion.

5 z.B. Fritz Simon, der diese auf der Grundlage von Luhmanns Systemtheorie entwickelte.

6 Ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht, liefert Bourdieus Untersuchung der Berbergesellschaft in Algerien. Erst nach dieser ethnologischen Forschungsarbeit widmete sich Bourdieu der Beschreibung der französischen Gesellschaft und seiner daraus entwickelten allgemeinen Habitustheorie.

Details

Seiten
34
Jahr
2005
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111325
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,0
Schlagworte
Neurobiologische Grundlagen Sozialisationsprozessen Entsprechungen Soziologie Systemtheorie Sozialisationstheorien

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Titel: Neurobiologische Grundlagen von Sozialisationsprozessen und ihre Entsprechungen in Soziologie und Systemtheorie