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Erinnerung an eine Mode - Robert Musils Reflektion über die gesellschaftliche Reaktion auf die "Neue Frau" in den Mode-Essays von 1912 und 1929

Hausarbeit 2007 31 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die neue Frau - oder „ zum Vorwurf der Vermännlichung der Mode“
2.1 Die Frauenmode am Anfang des Jahrhunderts
2.2 Die Neue Frau
2.2.1 Die Vermännlichung der Mode
2.2.2 Die Skandalmode von 1911
2.3 Die Rezeption der neuen Mode 1911 und in den 20er Jahren.
2.3.1 Die Reaktion auf die Rockhose
2.3.2 Die Mode der Neuen Frau in den Medien

3. Mode als Gegenstand von Gesellschaft und Kultur
3.1 Der Charakter der Mode
3.1.1 Speziell zum Charakter der „Skandalmode“1911
3.2 Die gesellschaftliche Lage der Frau vor und nach dem ersten Weltkrieg
3.3 Zusammenfassung

4. Die Mode - Essays
4.1 Der Sprachstil
4.2 Die Frau
4.3 Der Mann / Die Gesellschaft
4.4 Die Mode

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1929 erschien die von Friedrich M. Huebner herausgebrachte Anthologie „Die Frau von Morgen wie wir sie uns wünschen“. Eine Sammlung von Aufsätzen zu dem kontrovers diskutierten Thema „Neue Frau“, in dem unter anderem auch das Essay „ Die Frau gestern und morgen“ von Robert Musil erschien.

Die Kritik an der Neuen Frau äußerte sich in der Ablehnung gegenüber ihrer Mode.

Doch schon knapp 20 Jahre vor der Diskussion um die Neue Frau war mit Hilfe der Mode hier und da experimentiert, provoziert und auf jeden Fall Aufmerksamkeit auf sich gezogen worden.

Und schon damals widmete Robert Musil ein Essay mit dem Titel „Erinnerung an eine Mode“ diesem Phänomen. Diese beiden Essays sind Gegenstand dieses Hausarbeit.

Meine These zu diesen Essays ist, dass es Musil weniger um die Mode als Kleidung ging, sondern dass er vielmehr über die gesellschaftliche Reaktion auf die veränderte Mode reflektierte und nach Ursachen für deren Heftigkeit suchte.

In dieser Hausarbeit wird es daher um die Frage gehen, in welcher Form sich Musil mit den Ereignissen in diesen Essays auseinandersetzte. Dabei wird auf seine Darstellung und Wertung des Themas eingegangen. Speziell werde ich die Darstellung der Frau und des Mannes in beiden Essays analysieren Auch der Charakter der Mode spielt eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung misst er ihr bei?Welche Funktion spricht er ihr zu?

Zu Beginn der Hausarbeit werde ich auf die Grundlagen eingehen, das heißt einen Überblick über das Thema Mode der Neuen Frau und die Skandalmode von 1911 geben. Dafür wird die jeweilige Form der Mode und die Reaktion in der Öffentlichkeit darauf geschildert.

Um die Rolle der Mode in der Kultur und der Gesellschaft zu bestimmen, wird das zweite Kapitel sich mit dem Charakter der Mode beschäftigen. Hier werden anhand zeitgenössischer Literaten die Eigenschaften der Mode herausgearbeitet und in Zusammenhang mit der Reaktion auf die jeweils neue Mode gebracht. Weiterhin wird ein kurzer Überblick über die Veränderung der gesellschaftlichen Lage der Frau gegeben werden und mit dem Charakter der Mode in Zusammenhang gebracht.

Auf dieser Grundlage werde ich im dritten Kapitel die Darstellung der Frau, des Mannes und der Mode in den Essays sowie deren Sprachstil analysieren.

Schließlich werde ich die gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit zusammenfassen und durch die Beantwortung der mir oben gestellten Fragen versuchen meine These zu verifizieren.

Den Terminus Mode benutze ich in dieser Hausarbeit als Synonym für die gerade aktuelle Kleidung.

2. Die neue Frau - oder „ zum Vorwurf der Vermännlichung der Mode“

„Ein europäischer Chronist im Jahre 1999, der die Zeit um 1925 schildern wollte, hätte zu beginnen: Es war die Zeit des „ Bubikopfes“, es war die Zeit des „ kurzen Rockes“, der „ fleischfarbenen Strümpfe“[...][1][2] .

Eine Charakterisierung, die nicht treffender sein könnte, beschäftigt man sich mit den 20er Jahren, denn die Mode war eines der wohl am häufigsten diskutierten Themen dieser Zeit. Der Zeit als die Frauen begannen sich „knabenhaft“, „männlich“, oder „ herrenmäßig“[3],, so die geäußerten Vorwürfe, zu kleiden. Jedoch steckt mehr hinter diesem Vorwurf, als eine bloße Kritik der Mode. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Neue Frau geht tief in die Gesellschaft hinein. Mit diesem Aspekt der Mode als Teil der Gesellschaft und die Kritik an der Mode als Teil eines gesellschaftlichen Prozesses, werden sich die folgenden zwei Kapitel beschäftigen. Zunächst folgt eine Darstellung des behandelten Gegenstandes und die ihn betreffenden Ereignisse.

2.1 Die Frauenmode am Anfang des Jahrhunderts

Bis ins 19. Jahrhundert wurde modisches Verhalten fast ausschließlich mit Weiblichkeit gleichgesetzt. Da die Herrenmode stets ihrem funktionalem Charakter folgte, veränderte sie sich wenig. Sie war geprägt durch Funktionalität, Schlichtheit und Uniformität.[4] Die weibliche Mode hingegen unterlag einem ständigen Wandel. Sie zeichnete sich durch Farbenvielfalt, Dekoration und vor allem Körperbetonung aus. Gerade letzteres, ein Überbleibsel der adligen Kleiderordnung, wurde mit der Zeit verstärkt. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte die Damenmode auf eine übermäßige Betonung der weiblichen Kurven des Beckens und der Brust, während die Existenz von Beinen „von der zeitgenössischen Damenmode radikal negiert“[5] wurde. Selbst lange Unterhosen galten als das „Unaussprechliche“.[6] Zunächst verdeckten lange kuppelförmige Röcke die Beine, welche sich nach und nach zu den Füßen hin verengten, bis es den Frauen schließlich kaum möglich war sich frei zu bewegen: „ Die freiwillige Selbstkasteiung durch das Tragen sogenannter »Humpelröcke«[...] stellte den Höhe- und zugleich Wendepunkt einer ins Absurde getriebenen Modeform dar.“[7] Galt diese Linie der Frau als typisch weiblich, so wurde die gerade, schlanke, Beine betonende Linie der Männer als typisch männlich angesehen. Damit gab es eine, sich an Kleiderregeln orientierende, klare Grenze zwischen den Geschlechtern.

2.2 Die Neue Frau

Die Neue Frau galt und gilt als das Symbol für die goldenen Jahre der 1920er. Die „neue Sachlichkeit“ in Kunst, Architektur und Literatur fand auch in der neuen Mode ihren Ausdruck.

2.2.1 Die Vermännlichung der Mode

Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Mode in Deutschland einen radikalen Bruch erfahren. Ein neuer Frauentyp, oder besser, neue Frauentypen setzten sich modisch durch.

Deutlich wird dies an der Einteilung der Frau in die Typen Gretchen, Girl und Garçonne des 8 Uhr-Abendblatts der National-Zeitung. Die „deutsche Jungfrau mit Zöpfen und Strickstrumpfhorizont“[8] wurde als das Gretchen bezeichnet, das veraltete Frauenideal der Vorkriegszeit.

Im Kontrast dazu stand das „ amerikanisch-kapitalistische, sportlich-kameradschaftliche, aber oberflächlich-primitive“ Girl, dass sich durch eine Pagenfrisur und Hemdkittel zu erkennen gab. Etwas vollkommen anderes stellte dagegen die Garçonne dar, die in ihren männlich wirkenden Kleidern ( Krawatte, Smokingjackett und spitze Shimmy-Schuhe) „ sexuelle und geistige Potenz“[9] vereinte. Vor allem an ihr schieden sich die Geister, obwohl es keineswegs so war, dass die Frau der 20er Jahre sich so leicht kategorisieren ließe. Vielmehr unterschieden die Modemagazine Tag- und Abendmode, Freizeit-, Arbeits-, Haus- oder Sportkleidung. Hauptsächlich die Tages-, oder Straßenmode war von dem Vorwurf der „Vermännlichung“ betroffen. Schon ab 1924 wurde die Tagesmode schlichter und farblich dunkler gehalten. Schlichte Kasackkleider, „herrenmäßige Matelkleider“ und „typische Garçonnenmäntel mit Herrenreviers auf vier Knöpfen gestellt aus englischem Wollstoff“[10] prägten die Mode der Straßen. Als besonders männlich wurde das Schneiderkostüm betrachtet, das , mit seinem geraden Schnitt des Sakkos und in Kombination mit weißem Hemd, Krawatte und Weste, die Anzüge der Männer zu imitieren schien. Die Betonung des Schulterbereiches und der eng anliegende, gerade Rock unterstützten die Annäherung an die männliche Silhouette. So radikal der Bruch zur vorherigen Mode auf die Gesellschaft auch gewirkt haben muss, 10 Jahre zuvor hatte diese doch ihren ersten Vorläufer gehabt, der ebenso intensiv, wenn auch für einen kürzeren Zeitraum, diskutiert wurde.

2.2.2 Die Skandalmode von 1911

„Noch nie war man in Paris so unentschlossen auf dem Gebiet der Mode wie im Augenblick...“[11]

schrieb Die Woche 1908.

In diesem Jahr wurde der erste Schritt in Richtung der neuen Mode getan. Im November stellte die Modezeitschrift Les Modes zwei neue Abendroben mit dem Untertitel Robe Androgyn e vor, zwei bodenlange Hosenrockkostüme, die eine elegante Alternative zum Humpelrock bieten sollten. Die vorangegangene Idee des Reformkleides, ein in Deutschland streng sachlich gehaltenes Kleid, welches bis ca. 1910 getragen wurde, hatte sich langfristig als Alternative zu den beengenden Kleidern nicht durchsetzten können. 1910 stellte dann Bechoff-David mit dem von ihm entworfenen Hosenrockkostüm eine innovative Idee vor, die von erfolgreichen Designern wie Paul Poiret, Madame Parquin und Jacques Doucet aufgegriffen und weitergeführt wurde.

Bei dem Frühjahrspferderennen in Auteuil, welches „das gesellschaftliche Ereignis“[12] und „Plattform für modische Experimente“[13] war, erregten einige Frauen großes öffentliches Interesse, indem sie diese neue Mode erstmals öffentlich trugen. Es folge eine negative Kritik auf die andere . Wenige Magazine, wie zum Beispiel Die Dame, zeigten sich den Kreationen gegenüber aufgeschlossen. Der Name, den man mit dieser Mode verband, war Paul Poiret, der erste Modeschöpfer der seine Entwürfe einem internationalen Publikum präsentierte.

Auch wenn der Höhepunkt der Rockhose sich zunächst erstmal auf das erste Halbjahr 1911 beschränkte, war die Rockhose keine „modische Eintagsfliege“[14]. Bis 1918 waren sie in der Modewelt präsent, zwar nicht als Haupttendenz, allerdings auch nie aus den Modemagazinen verschwunden. Zunächst setzte sich die Hose als Mode allerdings nicht durch, denn getragen wurde die Rockhose kaum und selbst wenn, war sie ein Kleidungsstück der Damen der extravaganten Großstadtgesellschaft. Bemerkenswert ist gerade deshalb die Aufmerksamkeit, die dieser Kreation gewidmet wurde.

2.3 Die Rezeption der neuen Mode 1911 und in den 20er Jahren.

Sowohl 1911 als auch in den Zwanziger Jahren, erregte die Veränderung der Mode große Aufmerksamkeit und rief heftige Reaktionen in der Gesellschaft hervor.

2.3.1 Die Reaktion auf die Rockhose

„Wir wissen allerdings nicht“, so kommentierte die Wiener Mode die Ereignisse 1911, „welcher Gesellschaftsklasse die Damen angehörten, die den Mut hatten, in solchen Roben zum ersten Male sich öffentlich zu zeigen- einige davon schlagen den Begriffen von Wohlanständigkeit, die die Frau auszeichnen soll, direkt ins Gesicht.“[15]

Auch die Illustrierte Frauen-Zeitung, der Vorgänger von Die Dame, empörte sich über die modischen Neuheiten. „ Da sieht man, wohin die Mode führt , wenn wir geduldigen Ausländern alles abnehmen, was in Paris für uns ausgeheckt wird.“[16]

Doch war die Rockhose nicht nur ein Thema der Redakteure von Modezeitschriften. Sie war Gegenstand vieler zeitgenössischer Publikationen und öffentlicher Kommentare aller Art. Zum Beispiel beschrieb der Kulturhistoriker Eugen Isolani, ein Zeitgenosse, die Aufregung die das Kleidungsstück hervorrief:

„ Selbst wenn man sich in die Zeiten der viel verspotteten Krinoline zurückversetzt[...] so wird man doch keine so tiefgreifende Erregung begegnen, wie sie die Culotte überall hervorruft.[...] Der Hosenrock [...] und die Frauenhose begegneten vom ersten Tag ihres Erscheinens einer offenbaren Feindschaft.“[17]

Welche Ausmaße diese Feindschaft annehmen konnte zeigt ein Artikel aus der Linzer Tagespost, der eine solchen Vorfall beschreibt:

„Durch ihr auffälliges Gehabe aufmerksam gemacht, sammelten sich bald Neugierige um sie [ die hosentragende Frau], und so manche besonders Erboste vergriffen sich an der Hosenrockdame und zerissen ihr den Mantel und den Hosenrock. Schließlich mußte sie in ein Delikatessengeschäft flüchten. Vor dem Hause sammelte sich eine gewaltige Menschenmenge an. Der Tramwayverkehr erlitt Stockung. Als die Dame um halb 10 abends in Begleitung eines Offiziers das Geschäft verlassen wollte, wurde sie von der noch immer wartenden Menge verfolgt.“[18]

Auch Karikatur- und Glossarzeitschriften, wie Lustige Blätter und der Simplicissmus veröffentlichen Texte zu dem Thema. Die Aspekte, die behandelt wurden waren meist ästhetischer, erotischer und emanzipatorischer Natur. Die Hosenröcke wurden sogar zu einem Thema der Wissenschaft, als Prof. Debovc behauptete, dass „aus physiologischen Gründen die Frauen ungeeignet seien, dieses Kleidungsstück zu tragen.“[19]

Generell wurde das Thema meistens aus der männlichen, sexistischen Perspektive betrachtet. Deutlich wird das zum Beispiel in Karikaturen wie sie sich sich auf der Titelseite des Lustigen Blätter vom November 1911 finden. Ein einer Ausgabe ist dort eine vom Wind gebeutelte Dame im Hosenrockkostüm zu sehen, gefolgt von zwei Männern. In einem Vierzeiler werden die Gedanken dieser wiedergegeben: „ Wie war das herrlich auf den Straßen: Es pfiff der Wind,- der Spaß´war groß! Und heute,- wenn die Winde blasen,- is gar nischt >los<!“[20] Hier wird bedauert, dass der Hosenrock nun keinen unfreiwilligen Einblick mehr gewährt.

Nach 1911/12, als die Rockhose nicht mehr im Mittelpunkt der Modezeitschriften stand, klang die Aufregung ab, wenn auch nicht für lange, denn auch die Mode der Neuen Frau war nicht lange nur Thema der Modezeitschriften, sondern bewegte die Gesellschaft.

[...]


[1] Kessemeier, Gesa: Sportlich, sachlich, männlich: Das Bild der 'Neuen Frau' in den Zwanziger Jahren. Zur Konstruktion geschlechterspezifischer Körperbilder in der Mode der Jahre 1920 bis1929.Dortmund: Ed. Ebersbach2000.S.188.

[2] Zitiert nach: Bertschik, Julia:Mode und Moderne. Kleidung als Spiegel des Zeitgeistes in der deutschsprachigen Literatur. 1770-1945.Köln: Böhlau2005.S. 180.

[3] Kessmeier, Gesa: Sportlich,sachlich, männlich.S. 201.

[4] Ebd. S. 199.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Wolter,Gundula: Hosen,weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose.Marburg: Jonas Verlag1994. S.223.

[8] Zitiert nach.: Bertschik, Julia:Mode und Moderne.S. 181.

[9] Ebd.

[10] Kessemeier, Gesa: Sportlich, sachlich, männlich.S. 206.

[11] Zitiert nach : Wolter, Gundula: Hosen, weiblich.S. 231.

[12] Ebd. S. 224.

[13] Ebd.

[14] Ebd. 223.

[15] Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. S.224.

[16] Ebd. S. 226-227.

[17] Ebd. S. 234-235.

[18] [Art] Die Hose- das umstrittene Kleidungsstück. In: MSN Encata Enzyklopädie. http://de.encarta.msn.com/sidebar_81506232/DAMALS_Die_Hose_%E2%80%93_das_umstrittene_Kleidungsst%C3%BCck.html(03.07.07).

[19] Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose.S. 229.

[20] Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose. S. 236.

Details

Seiten
31
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640095070
ISBN (Buch)
9783656160144
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111453
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Literaturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Erinnerung Mode Robert Musils Reflektion Reaktion Neue Frau Mode-Essays Moderne

Autor

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