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Die Arbeitswelt im Wandel

Hausarbeit 2006 21 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dienstleistungsgesellschaft
2.1 Quantitative Erfassung von Dienstleistungsberufen
2.2 Abgrenzung von Dienstleistungs- und Nicht-Dienstleistungs berufen und deren qualitative Unterscheidung
2.3 Der theoretische Werdegang der Dienstleistungsgesellschaft
2.4 Theoretisches Wissen: das axiale Prinzip der modernen Gesellschaft?

3. Zwischenfazit

4. „Der Flexible Mensch“
4.1 Arbeitsverhältnisse in Zeiten des „flexiblen Kapitalismus“
4.2 Vater und Sohn, ein Beispiel für den Wertewandel im Arbeitsleben
4.3 Die Auswirkungen des flexiblen Kapitalismus für den Arbeitnehmer
4.3.1 Charakter
4.3.2 „Flexibilität“
4.3.3 Zeitstrukturierung
4.3.4 „Unlesbarkeit“
4.3.5 „Drift“

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Allgemeines Schema des Sozialen Wandels

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das Ende des 20. Jahrhunderts brachte viele Veränderungen mit sich. Von vielen, lange bewährten Eigenschaften und Errungenschaften mussten sich die Menschen der großen Industrienationen verabschieden. Die Industrie selber, jahrelang ein Garant für Wachstum und Vollbeschäftigung, musste neuen Produktionsmethoden und Vertriebswegen weichen. Die einzige Chance der daraus resultierenden Massen­arbeitslosigkeit zu entgegnen, so eine weit verbreitete Meinung, sei der stetig wachsende Dienstleistungssektor. So ist der Begriff der sogenannten „Dienst­leistungs­gesell­schaft“ heutzutage in aller Munde. Er beschreibt eine konti­nuierliche und scheinbar unwiderrufliche wirtschaftliche Entwicklungstendenz in den westlichen Industrieländern. Gemeint ist der Wandel von einer industriell geprägten Gesellschaft hin zu einer postindustriellen Gesellschaft.

Betrachtet man die Arbeitswelt genauer, ist zu erkennen, dass der Werdegang des Dienstleitungssektors überdies einhergeht mit strukturellen Wandlungserscheinungen hinsichtlich der Zeit- und Arbeitsorga­nisation.

Richard Sennett, einer der wichtigsten Kulturkritiker und Soziologen der USA, greift diesen Sachverhalt auf. Sennett behauptet, dass an die Stelle von lebenslangen Beschäftigungs­verhältnissen zunehmend die Forderung der "neuen Ökonomie" nach flexiblen Mitarbeitern tritt. Soziale Mobilität und die Bereitschaft sich, wenn nötig, beruflich vollkommen neu zu orientieren stehen an erster Stelle des Forder­ungen­katalogs von Arbeitgebern. Die neue Ökonomie initiiert demnach den von Sennett beschriebenen flexiblen Kapi­talismus und löst somit die bisherigen starren Formen der Arbeitsorganisation auf. Ein enormer Wertewandel in der Arbeitswelt ist die Folge. So schließt sich beispielweise Thomas Malone der Meinung Sennetts an, in dem er in „Arbeitskontexten auf Zeit“[1] die Zukunft der Arbeitswelt sieht: Freelancer werden seiner Meinung nach das 21. Jahrhundert prägen, wie die Industrialisierung das 20. Jahrhundert. Diese Freiberuflich arbeitenden Spezialisten seien die Nomaden des Internetzeitalters. „Rast- und ruhelos vagabundieren sie von Projekt zu Projekt.“[2]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die heutige Arbeitswelt in all ihren Facetten unter den Fragestellungen, inwieweit sich die Art der Tätigkeiten verändert hat und welche Anforderungen die Ökonomie an den Arbeitnehmer stellt, aufzuzeigen. Überdies sollen die Auswirkungen der zuvor beschriebenen neuen flexiblen Kapitalis­tischen Wirtschaftsordnung für den Arbeitnehmer allgemein dargestellt werden, um anschließend im speziellen die Folgen dieser Wirtschaftsordnung für die Ausbildung eines menschlichen Charakters zu untersuchen.

Zunächst werden jedoch Modelle vorgestellt, welche mögliche Erklärungsansätze für die Ent­wicklung hin zu einer dienstleistungsdominierten Gesellschaft liefern können und neuartige Trends in den Tätigkeitsfeldern der Berufswelt vorzeichnen.

2. Die Dienstleistungsgesellschaft

Nach Häußermann/Siebel ist die Dienstleistungsgesellschaft ein Synonym für eine Gesellschaft, „deren Beschäftigungsstruktur durch ein Übergewicht von Dienst­leistungen gekennzeichnet ist.“[3] Diese Äußerung klingt zunächst sehr einsichtig. Doch was sind Dienstleistungsberufe, d.h. wie erfasst man diese quantitativ und grenzt sie von Nicht-Dienstleistungsberufen ab, um so gegebenenfalls auf eine Dienst­­­­­­­leistungs­gesellschaft schließen zu können? Im folgendem soll auf diese Proble­matik eingegangen werden.

2.1 Quantitative Erfassung von Dienstleistungsberufen

Häußermann/Siebel zeigen zwei Gliederungsschemata zur quantitativen Erfassung von Dienstleistungsberufen auf: die sektorale und die funktionale Gliederung. Die sektorale Gliederung setzt sich aus drei Bereichen zusammen: dem primären Bereich, bestehend aus rohstoffgewinnenden Industrien wie der Landwirtschaft, dem sekundären Sektor, welcher das verarbeitende Gewerbe beinhaltet und dem tertiären Sektor als Dienstleistungssektor, der sich von den übrigen abgrenzt, indem er den anderen nicht zugerechnet werden kann.

Mit dem Aufbau in drei Sektoren ist eine betriebliche Einteilung gemeint, die sich auf den Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit der einzelnen Wirtschaftseinheiten bezieht. Diese betriebliche Einteilung lässt aber nur eine beschränkte Aussage über die Quantität der Dienstleistungsberufe in einer Gesellschaft zu. So fällt beispielsweise die Tätigkeit eines Masseurs nach diesen Schemata unter den tertiären Sektor, während die Aufgabe eines Buchhalters eines bearbeitenden Betriebes dem sekundären Bereich angerechnet wird. Letzterer ist aber nicht direkt am Produktionsprozess des Betriebes beteiligt, er stellt demnach nichts her, sondern unterstützt diesen durch seine Aufgabe indirekt. Er leistet dem Unternehmen also einen Dienst.

In der funktionalen Gliederung werden die drei Teilbereiche nach Art der eigentlichen ausgeübten Tätigkeiten jedes einzelnen sortiert und abgebildet. Der Buchhalter aus dem zuvor genannten Beispiel fällt nunmehr in die zweite Kategorie. Eine funktionale Einteilung bildet dementsprechend wesentlich genauer die Be­schäftigungsstrukturen einer Gesellschaft ab. Dennoch gilt die Drei-Sektoren-Theorie für die amtliche Statistik als vorherrschendes Modell der Datenerhebung.

2.2 Abgrenzung von Dienstleistungs- und Nicht-Dienstleistungs­berufen und deren qualitative Unterscheidung

Wirtschaftliche Tätigkeiten werden in herstellende und dienstleistende Berufe unterteilt. Das Ergebnis der Tätigkeit gilt dabei als Kriterium bei der Unterscheidung beider Berufe. In einem herstellenden Beruf, wie dem eines Fließbandarbeiters, mündet die erbrachte Leistung in einem materiellen Gut. Demgegenüber schafft eine Dienstleistung eine Ware, welche nicht materiell ist. So werden Dienstleistungen gemeinhin als immateriell, nicht-lagerfähig und nicht-transportierbar begriffen und dargestellt.

Als weiteres Unterscheidungsmerkmal wird in der Literatur häufig darauf verwiesen, dass Dienstleistungen dem „Uno-actu-Prinzip“[4] unterliegen, also dem Umstand, dass Produktion und Konsum einer Dienstleistung zeitgleich zusammenfallen. Diese Annahme ist jedoch nur bedingt stimmig. „Konsumorientierte“[5] Dienstleistungen zeichnen sich durch die Mitarbeit des Konsumenten an der zu erbringenden Leistung aus. Der Auftraggeber tritt mit dem Dienstleister in persönlichen Kontakt, es kommt zur Kommunikation zwischen beiden Parteien. Der Vollzug der Leistung kann nun entweder direkt an der Auftragsperson vollbracht werden, wie beispielsweise das glätten und föhnen von Haaren durch einen Friseur, dann wird es dem „Uno-actu-Prinzip“ gerecht, oder aber an einem Objekt des Kunden, welches dieser zur Bearbeitung bereitstellt. Letzteres kann leicht mit einer herstellenden Tätigkeit verwechselt werden, doch bleiben hier die Grundfunktionen des Produktes erhalten, in diesem Zusammenhang v.a. Reparaturen oder Aufrüstungen von Gütern. Benötigt der Dienstleister einen gewissen zeitlichen Spielraum um den Dienst verrichten zu können, wie beispielsweise die Arbeit eines Schusters, so kann schon hier mit Recht behauptet werden, dass das „Uno-actu-Prinzip“ auch bei konsumorientierten Dienstleistungen nur bedingt anwendbar ist.

Im Gegensatz dazu definiert die Wissenschaft Dienstleistungen, die indirekt den Produktionsprozess unterstützen, als „produktionsorientierte“[6] Dienstleistungen. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden oben genannten Varianten der Dienstleistungstätigkeit ist wohl die Ausgestaltung der Kunden-Dienstleister-Beziehung. Während konsumorientierte Dienstleistungen durch die Nachfrage an gesellschaftliche Konsumgüter bestimmt werden und durch ein fluktuierendes Kunden-und-Leistungserbringer-Verhältnis gekennzeichnet sind, befindet sich der Arbeitsplatz eines produktionsbezogenen Dienstleisters in einer hierarchischen Ordnung eines Unternehmens oder einer Organisation. Er ist eingebettet in die organisatorischen Abläufe, stellt seine Arbeitskraft in den Dienst des Unternehmens und verrichtet permanent seine Leistung für die Organisation, so Häußermann/Siebel. In diesem Fall ist der Kunde des Dienstes auch zugleich der Arbeitgeber des Dienstleisters. Der zeitgleiche Verbrauch und die Herstellung der Leistung sind nur in den seltensten Fällen signifikant für solche Arbeitsverhältnisse.

Nach dem zuvor eine Abgrenzung und Einordnung des heterogenen Begriffs der Dienstleistung stattgefunden hat, soll im folgenden unter Zuhilfenahme sozio­logischer Ansätze die Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft theo­retisch nachvollzogen und kritisch bewertet werden.

2.3 Der theoretische Werdegang der Dienstleistungsgesellschaft

Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, versuchten Soziologen den Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit seinen gesamten Konsequenzen makrosoziologisch zu systematisieren und darzustellen. Sie bedienten sich dabei der Schematik einer sektoralen Gliederung.

Mit der „Drei-Sektoren-Theorie“ von Colin Clark entwickelte sich ein Strukturierungs­modell, das bis heute als Grundlage aller weiteren soziologischen aber auch ökonomischen Untersuchungen auf diesem Gebiet dient.[7] Er ordnete die Agrarwirt­schaft dem primären Sektor, die verarbeitende und produzierende Industrie dem sekundären und alle übrigen Wirtschaftseinheiten dem dritten Bereich zu. Durch die empirische Auswertung der Beschäftigungs- und Konsumstrukturen prog­nos­tizierte er eine Verschiebung in den tertiären Sektor. Er unterschied die Sektoren gemäß ihrer Notwendigkeit an menschlichen Bedürfnissen (Produkten).[8]

Demnach werden nach Fisher im primären Sektor lebensnotwendige Güter produziert, im sekundären bedingt notwendige Waren hergestellt und im dritten Sektor nicht notwendige Bedürfnisse befriedigt, die nicht dem existenziellen Überleben dienen.

Anders als seine Vorgänger gruppierte schließlich Fourastie im Jahre 1954 die drei Sektoren nach ihrer Möglichkeit der Produktivitätssteigerungen bei der Güter­her­stellung.[9] Der primäre Sektor ist durch eine mittlere Produktivitäts­steigerung, der sekundäre durch eine hohe und letzterer durch keine oder zumindest eine geringe Steigerung der Produktivität gekenn­zeichnet. Er begründet seine sektorale Einteilung durch die „unterschiedliche Anwendbarkeit des technischen Fortschritts“[10] für die einzelnen Wirtschaftseinheiten. Eine Zunahme der Produktivität kann nur durch effizientere Arbeitsabläufe herbeigeführt werden, was nach Fourasties Ansicht allein durch stetige Verbesserung der technischen Hilfsmittel bewerk­stelligt werden kann. Dies führt gerade im sekundären Sektor zu einer Erhöhung des Produktions­volumens. Die Konsequenzen sind wachsender gesellschaftlicher Wohlstand und damit einhergehend eine Verschiebung der Konsumentennachfrage zu Produkten des tertiären Sektors.

Zwei Mechanismen fördern den „Hunger nach Tertiärem“[11]. Zum einen die Sättigung der Nachfrage nach Waren aus den ersten beiden Sektoren. Fourastie begründet diese Annahme durch „die natürliche Struktur“[12] des Verbrauchs, d. h. der Mensch stößt aufgrund seiner physischen Beschaffenheit an eine Grenze des Konsumverhaltens, über die es ihm hinaus unmöglich wird, weitere Güter aus den ersten beiden Sektoren zu ver- oder gebrauchen. Der anhaltende Trend zum Individualismus kann demnach nur befriedigt werden, indem Leistung­en aus dem tertiären Segment konsumiert werden.

Zum Zweiten wird mit wachsendem Wohlstand das Bedürfnis nach freier Zeit unstillbar und nur genutzte Dienstleistungen sparen Zeit. Zeit wird folglich nach Fourastie zum nachgefragtesten Produkt eines Konsumenten überhaupt. Die Nachfrage nach Produkten aus dem dritten Sektor steigt an.

Somit steht der technische Fortschritt, neben der Verschiebung der gesell­schaftlichen Konsumpräferenzen zum tertiären Sektor, im Mittelpunkt seiner Über­legungen und werden von Fourastie als Motor des gesellschaftlichen Wandels zu einer Dienstleistungsgesellschaft betrachtet. Beide schaffen letztendlich Beschäfti­gungs­potentiale im Dienstleistungsbereich, die durch die Technisierung und der damit verbundenen Rationalisierung von Arbeitsplätzen in den produzierenden Industrien wegfallen. Aufgrund der bedingten Resistenz der Dienst­leistungstätigkeiten vor Produktivitätssteigerungen, bleiben die Beschäftigungs­möglich­keiten hier ab einem gewissen Grad relativ konstant oder sinken zumindest nicht.

Fourastie stellt ein sehr positives Bild der zukünftigen Beschäftigungs- und Gesellschafts­entwicklung in einer Dienstleistungsgesellschaft dar, betont aber auch die Kosten auf dem Weg dorthin. Kriege, Unruhen, wirtschaftliche Depression und Arbeitslosigkeit kennzeichnen den sozialen Wandel. Aber auch individuelle Leiden, gemeint sind z.B. der „Verlust von Heimat, von vertrauten Lebensweisen und Orien­tier­ungen“[13] seien Folgen dieses Wandels. Inwieweit Fourasties mit seiner Prognose, vor allem in Bezug auf die Leiden des Einzelnen, Recht behalten sollte, wird in Kapitel 5 näher beleuchtet.

Bei Fourasties Argumentationsgang ist jedoch zu Beachten, dass die zentrale Be­gründung für das Wachstum der Dienstleistungsbeschäftigung in den Ver­schie­bung­en der Konsum­nach­frage zugunsten von Dienstleistungen liegt und sich damit nur auf konsumorientierte Dienste bezieht.[14]

Ein wichtiger Gesichtspunkt der bisher außen vor gelassen wurde, ist die von Fourastie angeführte „Vergeistigung der Arbeit“[15]. Sie ist für ihn der Auslöser des technischen Fortschritts und ist somit letztlich Motor des zuvor beschriebenen Wandels. Aufgrund der scheinbar enormen Bedeutung für die Entwicklung einer Dienstleistungsgesellschaft, soll dieses Phänomen in Kapitel 4 genauer untersucht werden.

2.4 Theoretisches Wissen – das axiale Prinzip der modernen Gesellschaft?

Der amerikanische Soziologe Daniel Bell, trifft erstmals in seinem Buch „The Coming of Post-Industrial Society“ die Aussage, dass sich theoretisches Wissen als axiales Prinzip der modernen Gesellschaft durchsetzen wird. Bevor auf diese Aussage näher eingegangen wird, soll zunächst ein kurzer Überblick über Bells Verständnis, der wie er sie nennt „nachindustriellen Gesellschaft“[16] gegeben werden.

Die erste Komponente der nachindustriellen Gesellschaft ist der wirtschaftliche Sektor, in dem Bell eine Verschiebung von einer güterproduzierenden zu einer Dienst­leistungsgesellschaft sieht. Das zweite für eine postindustrielle Gesellschaft kennzeichnende Merkmal sei in einem Wandel der Berufsstruktur zu sehen, im Sinne einer rasanten Verschiebung zu einer Klasse professionalisierter und technisch qualifizierter Berufe. Die dritte Komponente beschreibt das genannte axiale Prinzip, also die Zentralität theoretischen Wissens als Quelle von Innovationen und als Ausgangspunkt der gesellschaftlich-politischen Programmatik. Viertens hält Bell die Probleme der „Beurteilung der Technologie“ für gelöst.[17]

Ein Überblick, welcher die wesentlichen Unterschiede zwischen industrieller und nachindustrieller Gesellschaft veranschaulicht, ist in Tabelle 1 zu finden. Zweifels­ohne handelt es sich hierbei um idealtypische Konstruktionen, dennoch sollten diese für einen Vergleich dienlich sein. Die Industriegesellschaft, so Bell, hat sich in erster Linie mit dem Verhältnis des Menschen zur Maschine auseinander zusetzen und benötigt Energie, um die natürliche in eine technische Umwelt zu verwandeln.

Tabelle 1: Allgemeines Schema des Sozialen Wandels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Bell, Daniel (1979), S.114-115

Das Schema der nachindustriellen Gesellschaft ist das Spiel zwischen Personen, denn nun kommt neben der Maschinen­technologie noch die auf Information beruhende „intellektuelle Technologie“ auf. Infolge dieser divergenten Schemata unterscheiden sich die beiden Gesellschaftsformen von Grund auf: so hinsichtlich der sektoralen Gliederung der Wirtschaft oder der Bedeutung einzelner Berufssparten und, wichtiger noch, in den axialen Prinzipien, die die Leitlinien für die Institutionen und die Gesellschaftsorganisation liefern. Wie man der Tabelle weiterhin entnehmen kann, ist Bells Begriff der postindustriellen Gesellschaft in erster Linie mit Änderungen in der sozialen Struktur[18] verbunden, also dem wirtschaftlichen Wandel, die Verschiebungen innerhalb der Berufsgliederung und das neue Verhältnis zwischen Theorie und Empirie, vor allem aber zwischen Wissenschaft und Technologie.

Bells Vorstellung einer nachtindustriellen Wissensgesellschaft legt ein äußerst positives Bild der zukünftigen Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft nahe. Nach Bells Auffassung wird das theoretische Wissen zum höchsten Gut der menschlichen Arbeitskraft, darüber hinaus prognostiziert er einen massiven quantitativen Anstieg an wissensintensiven Tätigkeiten. Diese Prognose ist an der gegenwärtigen Arbeitslage durch zwei Entwicklungen gut sichtbar. Zum einen wird für viele Berufe ein akademischer Bildungsgrad vorausgesetzt, zum zweiten verrät die Tatsache, dass schon seit Jahren Gymnasien und Universitäten um zusätzliche Kapazitäten kämpfen, den starken Zustrom an Lernwilligen überhaupt.

3. Zwischenfazit

Rückblickend kann festgehalten werden, dass die vorgestellten Theorien über die Entwicklung und Ausprägung einer Dienstleistungsgesellschaft lediglich vage Erklärungs­ansätze für den tatsächlichen Werdegang der (Dienstleistungs-) Gesellschaft liefern. Die Liste der ungeklärten Fragen ist lang. Welche Rolle nimmt z.B. die Entwicklung der konsum­orientierten Dienstleistungs­berufe ein? Wie viele wissensintensive Dienst­leistungs­berufe benötigt eine Volks­wirtschaft überhaupt? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssten sich nach Bell sämtliche Bereiche der Wissenschaft zusammen­schleißen, um eine vollständige Systemanalyse durchführen zu können. Dies scheitert nach Bell jedoch daran, das ein Wissen­schafts­über­greifendes Verständigungsmedium fehlt.

Nichtsdestotrotz sind gewisse zuvor beschriebene Tendenzen in der heutigen Gesellschaft wiederzufinden. So hat sich beispielsweise in Deutschland der Struktur­wandel zur Dienst­leistungs­ökonomie am Ende des letzten Jahrhunderts unüberseh­bar durchgesetzt. Vor allem die wissensintensiven Dienste sind von allen Be­schäftigungs­bereichen in den 90er Jahren der am stärksten expandierende. Besonders dynamisch entwickeln sich hierbei die unternehmens­bezogenen wissens­intensiven Dienste. Sie nehmen im Langzeitvergleich zwischen 1980 und 1997 in Westdeutschland um 112 Prozent zu und steigern ihren Anteil an allen Beschäftigen in diesem Zeitraum von 2,2 Prozent auf 4,4 Prozent. Positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt sind also feststellbar. Ob der Dienstleistungssektor das Problem der Massen­arbeitslosigkeit allerdings auffangen oder gar beseitigen kann, bleibt abzuwarten. Zumal Deutsch­­land noch immer als industriegeprägtes Land einzustufen ist. Bezeichnend hier­für ist, dass Deutschland im Produktionssektor nach wie vor eine Spitzenstellung ein­nimmt, jedoch im Bereich der Dienstleistungen, die Bilanz im internationalen Dienst­leistungsverkehr negativ ist. Doch es gibt Länder, die in ihrer Entwicklung hin einer Dienstleistungsgesellschaft weiter fortge­schritten sind. So zum Beispiel die USA. Der Anteil der Dienst­­­­leistungsberufe liegt hier zwischen 70 und 75 Prozent, womit die Vereinigten Staaten eine deutlich positivere Dienstleistungs­bilanz als Deutschland aufweisen (+ 5,4 Prozent gegenüber – vier Prozent für Deutschland).[19]

4. „Der Flexible Mensch“

Nachdem zuvor ein Einblick in die Dienstleistungsgesellschaft gegeben wurde, soll im folgenden der mit ihr einhergehende strukturelle Wandel in der Zeit- und Arbeitsorga­nisation, welcher nach Sennett durch den flexiblen Kapitalismus initiiert wird, und die daraus resultierenden Folgen für den Arbeitnehmer in einer Dienstleistungsgeprägten Arbeitswelt, untersucht werden. Um ein Verständnis für die nachfolgenden Ausführungen zu erlangen, sollen zunächst aktuelle Trends in der Arbeitswelt im allgemeinen vorgestellt und anschließend im speziellen anhand eines konkreten Beispiels verdeutlicht werden.

4.1. Arbeitsverhältnisse in Zeiten des „flexiblen Kapitalismus“

Meinhard Miegel, der Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft schätzt, das sich der Anteil der Freiberufler an der Erwerbsbevölkerung bis zum Jahr 2009 verdoppeln werde, „die Grenzen zwischen abhängiger Arbeit und Unternehmertum werden sich verwischen“.[20] Die klassische Festanstellung, womöglich noch auf Lebenszeit, gilt längst als Auslaufmodell. Die Zukunft gehört flexibel und selbstständig arbeitenden Einheiten und Teams, die sich je nach Auftrag immer wieder neu zusammenfinden. Vor allem die von Firmen favorisierte Politik des Outsourcings treibt diese Entwicklung voran. War Outsourcing bisher nur auf gering qualifizierte Tätigkeiten beschränkt, werden heutzutage ebenso wissensintensive Dienstleistungen ausgelagert. Die Rede ist von hochspezialisierten Know-how in den verschiedensten Bereichen. Beratungsleistungen, in Forschung und Entwicklung, die Vermittlung von Arbeit, Waren, Informationen und Finanzdienstleistungen, aber auch im Bereich von Pflege-, Gesundheitsdiensten, Freizeit- und Erholungsangeboten, werden von spezialisierten Dienstleistern und Freelancern extern erledigt. Dieser Trend wird von Beschäftigungszahlen in den USA belegt. War vor 25 Jahren noch jeder fünfte Arbeitnehmer in Nordamerika bei einem der 500 größten amerikanischen Unternehmen beschäftigt, ist es heute nicht einmal mehr jeder zehnte. Der größte Arbeitgeber der Vereinigten Staaten ist mittlerweile weder General Motors noch IBM, sondern die Zeitarbeitsvermittlung Manpower.

Doch was treibt Unternehmer dazu, große Teile ihre einst stabilen Konzerne in die Hände von externen Dienstleistern zu legen? Ein Grund für diese Entwicklung ist, so Richard Sennett, dass Unternehmen berauscht von den Kurssprüngen der 90er Jahre zu viel Macht an Investoren abgegeben haben, welche ein ungeduldiges Verhalten an den Tag legen, getrieben von der Aussicht auf schnelle Profite.[21] Hinzu kommt der Druck sich den Bedürfnissen der inter­nationalen Finanzmärkte anzupassen. Berater werden ins Haus geholt, die von Arbeits­pro­­zessen wenig wissen und als Allheilmittel die Verschlankung der Belegschaft propagieren oder gar das Kerngeschäft Outsourcen um vermeintlich hoch flexibel operieren zu können. Neue Informations- und Kommunikations­technologien bieten Firmen schließlich die Mög­lich­­­keit, weltweit wissensintensive Dienste kostengünstig einzukaufen. Die restliche Beleg­schaft überkommt eine „diffuse Angst“[22], womöglich der nächsten Ratio­nali­sierungs­welle zum Opfer zu fallen. Eine von Unsicherheit und Risiko geprägte Betriebskultur hinterlässt bei den Beschäftigten in der Folge ein Lebensgefühl des ziellosen Driftens und bewirkt Ver­trauens­­verlust.[23]

4.2 Vater und Sohn, ein Beispiel für den Wertewandel im Arbeitsleben

Das Arbeitsleben von Vater und Sohn (Enrico und Rico) bildet für Sennett die Grundlage seiner Betrachtungen über die Veränderungen in der Arbeitswelt. Während Enricos Arbeitsleben gleichmäßig verlief, Jahr um Jahr arbeitete er, ohne dass sich die Arbeit des einen Tages groß von der des nächsten Tages unterschied, war Ricos bisherige Karriere nicht linear und vorgeplant.[24] Rico, der den Wunsch seines Vaters nach einem sozialen Aufstieg erfüllte, hatte studiert und war danach in vierzehn Arbeitsjahren viermal umgezogen. Er hatte sich von den Prinzipien seines Vaters, Dienst nach Vorschrift und den Schutz der Bürokratie in Anspruch nehmen, abgewandt und dabei großen Erfolg – er stieg in die Klasse der oberen fünf Prozent der Einkommensskala auf, während sein Vater dem unteren viertel angehörte. Diese häufigen Ortswechsel, auch bedingt durch die beruflichen Pläne seiner ebenfalls erfolgreichen Frau, führten zu einer Reihe von Freundschaften, die sich nach einem erneuten Umzug allerdings wieder fast vollständig auflösten. Feste Bindung wie Enrico sie erfahren hatte in der Gemeinschaft der italienischen Einwanderer und der Gewerkschaft, welche inneren Halt gaben und ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen ließen, waren Rico fremd.[25]

Einen weiteren wichtigen Wandel zwischen den beiden Generationen, stellt Ricos Tätigkeit dar. Enrico ging einer Tätigkeit nach, bei der er niedere Tätigkeiten ausführte. Dieser Arbeit ging er ohne Missmut nach, da er in ihr seinen Dienst an der Familie sah und sich auch keinerlei Illusionen auf einen Aufstieg machte. Rico hingegen hatte nach seinem vierten beruflichen Umzug eine Consultingfirma gegründet, in der er Tätigkeiten verrichten musste, die zuvor andere für ihn erledigt hatten, da er immer in hohen leitenden Positionen arbeitete.

Darüber hinaus sah er sich nun mit einer völlig neuen Situation konfrontiert: “...jeder Anruf musste beantwortet werden, noch die flüchtigste Bekanntschaft ausgebaut werden. Um Aufträge zu bekommen, ist er von der Tagesordnung von Personen abhängig geworden, die in keiner Weise gezwungen sind, auf ihn zuzugehen.”[26] Ricos Problem besteht also in der unfreien Zeiteinteilung, obwohl ihm Consulting weithin als Weg in die Unabhängigkeit beschrieben wurde. Er hat auch keinen festen Platz in einer Institution oder Organisation, er kann nicht sagen: “... Dies ist meine Aufgabe, hierfür bin ich verantwortlich.”[27] Diese Schwierigkeiten verbleiben allerdings nicht im Arbeitsleben, sie halten auch Einzug in das Privatleben. Der Konflikt besteht für ihn nicht nur zwischen seinem Arbeitsanspruch und der Zeit für die Familie, Angst bereitet ihm vor allem, dass er seinen Kindern wahrscheinlich kein Beispiel an Entschlusskraft und Entschlossenheit sein kann, da seine Arbeit nichts mit den Eigenschaften eines guten Charakters zu tun hat: “ ... der Inhalt seiner Arbeit könne für seine Kinder kein Beispiel moralischen Verhaltens abgeben.”[28] Rico sieht also die Gefahr, dass er zugleich erfolgreich und gescheitert ist, da sein flexibles Verhalten, dass den erzielten Erfolg erst ermöglichte gleichzeitig zu einer Schwächung seines Charakters führt. Die Auflösung der festen Bindungen, also nichts langfristiges zu tun, lässt so wichtige Werte wie Vertrauen und Verpflichtungen in den Hintergrund treten und kann zu einer irreparablen Schwächung und Beschädigung der Selbstachtung führen.

4.3 Die Auswirkungen des flexiblen Kapitalismus für den Arbeitnehmer

Die Aufgabe, der sich Sennett stellt, ist die Untersuchung von persönlichen Arbeitser­fahrungen[29] in einer Umgebung, die von ihm als „neuer Kapitalismus“ beschrieben wird. Er richtet bei seiner Analyse des Kapitalismus in seiner heutigen Form den Focus auf einen Teilbereich dieses Problemkomplexes: auf die strukturellen Wandlungserscheinungen hinsichtlich der Zeit- und Arbeitsorganisation sowie die Regeln und Mechanismen, die diesem Wandel zugrunde liegen. Die Fragestellungen, die ihn bei seiner Untersuchung leiten, drückt Sennett wie folgt aus:

„Wie aber können langfristige Ziele verfolgt werden, wenn man im Rahmen einer ganz auf das Kurzfristige ausgerichteten Ökonomie lebt? Wie können Loyalitäten und Verpflichtungen in Institutionen aufrechterhalten werden, die ständig zerbrechen oder immer wieder umstrukturiert werden? Wie bestimmen wir, was in uns von bleibendem Wert ist, wenn wir in einer ungeduldigen Gesellschaft leben, die sich nur auf den unmittelbaren Moment konzentriert?“[30]

Aus diesen Fragestellungen lässt sich bereits ableiten, dass Sennett Aussagen darüber beabsichtigt, welche Auswirkungen unsere derzeitige Wirtschaftsordnung auf die Entwick­lung eines dem Menschen angemessenen Charakters hat. Bei der Frage nach der Ent­wick­l­ung eines dem Menschen angemessenen Charakters ist zunächst näher zu beleuchten, worum es sich hierbei handelt und wodurch dieser sich herausbildet.

4.3.1 Charakter

Sennett zufolge stellt der Charakter eines Menschen eine Werthaltung dar, die etwas darüber aussagt, in wie weit unsere Lebensführung von einem Gefühl der Verantwortung und Verpflichtung gegenüber anderen getragen ist. Die Entwicklung des Charakters braucht demnach ein Klima, in der eine Lebensführung möglich ist, welche die Übernahme von Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen möglich macht. Wichtigstes Merkmal des Charakters, so Sennett, sei die „Konzentration auf den langfristigen Aspekt unserer emotionalen Erfahrung.“[31] Die Charakterentwicklung stellt den Versuch dar, eine Auswahl aus Sinneseindrücken zu treffen, mit denen jeder einzelne konfrontiert wird, und diese aufrecht zu erhalten. Es handelt sich hierbei also um einen Vorgang, der Bedingungen benötigt, die Nachhaltigkeit und Langfristigkeit ermöglichen.[32] Aus dieser Auffassung des Charakters heraus entwickelt Sennett die These, dass der flexible Kapitalismus und die neuen Arbeitsformen den Charakter der Leute zunehmende beeinflussen werden. An genau diesem Punkt diagnostiziert Sennett ein Spannungsverhältnis zwischen Charakter und den Bedingungen des flexiblen Kapitalismus. Um dieses Spannungsverhältnis zu erörtern, soll zunächst näher in kurzer Form beleuchtet werden, welcher Vorstellungsinhalt sich hinter dem Begriff des flexiblen Kapitalismus verbirgt.

4.3.2 „Flexibilität“

Der Begriff der Flexibilität beinhaltete in seiner ursprünglichen Verwendung zwei Eigenschaften. Bezogen auf einen Gegenstand wurde damit die Fähigkeit eines Stoffes bezeichnet, sowohl seine ursprüngliche Form zu verlassen, als auch, in diesen Ausgangszustand wieder zurückzukehren. Will man diese Fähigkeit auf einen Menschen übertragen, so bedeutete das die Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Umstände, „ohne von ihnen gebrochen zu werden.“[33] Im Gegensatz hierzu macht Sennett in der heutigen Verwendung des Begriffes „Flexibilität“ eine Verkürzung aus. In seiner ursprünglichen Bedeutung enthielt „Flexibilität“ bezogen auf den Menschen sowohl einen Anspruch, den der Beweglichkeit, als auch ein Zugeständnis, nämlich das der Rückkehr in die ursprüngliche Form, oder besser gesagt, in die ursprüngliche Seelenlage. Die Rückkehr in die seelische Ausgangslage sieht Sennett allerdings in der heutigen Verwendung als vernachlässigt an.[34] Die ursprüngliche Idee der Flexibilität hinsichtlich der Organisation von Arbeitsabläufen war eine positive: die Übel der Fließbandarbeit, der Routine und Standardisierung, nämlich Abstumpfung, Erniedrigung und Entfremdung[35], sollten durch neue Verfahren, die dem menschlichen Wesen angemessener wären, ersetzt werden.[36] Die Frage, welche Sennetts Untersuchungen leitet ist, inwieweit aus diesem Anspruch eher ein übel für den Arbeitnehmer geworden ist.[37]

4.3.3 Zeitstrukturierung

Die von Umstrukturierungen betroffenen Menschen sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, auf Veränderungen mit einer positiven Einstellung zu reagieren, sich von alten Strukturen zu lösen und sich mit neuen Leitbildern zu identifizieren. Flexible Spezialisierung birgt die Forderung zur Bereitschaft, stets zur Reaktion auf eine von außen herangetragene Forderung bereit zu sein, schnell auf eine veränderte Nachfragesituation zu reagieren, seine Aufgaben projektartig anzulegen, und bei jedem Abschluss einer Aufgabe wieder die Bereitschaft zum Neuanfang mitzubringen. Die Art und Weise, wie moderne Organisationen strukturiert sind, zielt darauf ab Produktionsvorgänge zu beschleunigen, beziehungsweise innerhalb vorgegebener Zeit ein größtmögliches Ziel zu erreichen. Insgesamt schaffen damit die Strukturen des flexiblen Kapitalismus in der Logik Sennetts eine Erwartungshaltung an den Menschen, die dem menschlichen Charakter, den er ja als auf den langfristigen Aspekt von Erfahrung ausgerichtet beschreibt, zuwiderläuft. Die Forderung, „flexibel“ zu sein in dem Sinne, wie der Begriff hier eingeführt wird, kann damit schnell zur Überforderung werden. Nur wenige Menschen haben diese Fähigkeit zum unternehmerischen Denken, nur wenige haben die Anforderungen des flexiblen Kapitalismus wirklich verinnerlicht. Die anderen Menschen sehen sich damit konfrontiert, ohne das Gefühl zu haben, sich ihrem Charakter gemäß verhalten zu können. Die Fähigkeit zum Erfolg in den Kategorien des flexiblen Kapitalismus hängt dem gemäß davon ab, wie sehr der einzelne Mensch in der Lage ist, dessen Prinzipien zu verinnerlichen.[38]

4.3.4 „Unlesbarkeit“

Die Bedingungen des flexiblen Kapitalismus haben auch Auswirkungen auf die Rahmen­bedingungen, in denen Arbeit stattfindet und auf die Inhalte von Arbeit. Daher soll im folgenden Untersucht werden, ob diese Änderungen auch Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie Arbeit von Menschen wahrgenommen wird und welche Funktion eine berufliche Tätigkeit für den Menschen hat. Der Begriff „Arbeit“ wird immer häufiger mit dem Begriff „Job“ gleichgesetzt oder umschrieben. Ein Job war ursprünglich allerdings etwas völlig anderes. Der Begriff bedeutete im englischen des 14. Jahrhunderts einen Klumpen oder eine Ladung, die verschoben werden und beliebig abgestellt werden konnte.[39] Die Flexibilität bringt diese vergessene Bedeutung zu neuen Ehren. Menschen verrichten Arbeit mal hier mal da. Wenn Arbeit jedoch beliebig wird, wenn ihrem Inhalt eine geringere Bedeutung zu­gemessen wird, hat das auch Auswirkungen auf ihren biographischen Stellenwert. Erinnert sei hier an Rico, welcher nach dem vierten Arbeitsplatzwechsel, in seinem Job als Consulter, keinen festen Platz in einer Institution oder Organisation, vorzuweisen hatte. Eine von Sennett beschriebene Folge ist, im Gegensatz zu traditionell ausgeübten Berufen, eine sehr schwache oder fehlende Identifikation mit der Aufgabe. Sennett beschreibt dieses Phänomen der emotionalen Distanzierung von seiner Tätigkeit als „Unlesbarkeit“. Der Zweck der Arbeit verändert sich. Die Arbeit dient zwar noch zum Erwerb des Lebensunterhalts. Identifikation mit dem hergestellten Gut oder Selbstbestätigung durch die Tätigkeit sind allerdings nicht mehr möglich. Das fehlen dieser Elemente hat emotionale Verwirrung, von Sennett als „Drift“ bezeichnet, zur Folge. Die Oberflächlichkeit der Aufgabe bewirkt, dass den Menschen die Möglichkeit zur Identifikation untereinander durch die gemeinsam wahrgenommene Aufgabe und damit die Möglichkeit zur Entwicklung eines Solidaritätsgefühls genommen ist. Reaktionen auf diese Arbeitsbedingungen sind jedoch nicht Unzufriedenheit, Wut oder der Wunsch zur Veränderung, sondern Apathie als Folge dieser Verhältnisse, so Sennett.[40]

4.3.5 „Drift“

Wenn sich die Bedeutung einer beruflichen Tätigkeit verändert, hat dies auch Auswirkungen auf die gesamte berufliche Laufbahn, die Karriere. Ursprünglich bedeutete Karriere eine Straße für Kutschen, auf die Arbeit angewandt, meinte es eine Lebenslange Kanalisierung für die ökonomischen Anstrengungen des einzelnen. Der flexible Kapitalismus hat nun die gerade Straße der Karriere verlegt, er verschiebt Angestellte immer wieder abrupt von einem Arbeitsbereich in einen anderen.[41] Arbeit ist somit eher Mittel zum Zweck als Strukturelement der Biographie. Wenn die Tätigkeit beliebig ist und somit zu ihr nur eine schwache Bindung besteht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht auf Dauer ausgeübt wird. Neben dieser Gleichgültigkeit gegenüber der ausgeführten Arbeit, welche sich eher auf den Niedriglohn­sektor bezieht, führen wirtschaftliche Zwänge immer häufiger auch zu unfreiwilligen Wechseln des Arbeitgebers. In diesem Zusammenhang möchte Sennett die Beziehungen zwischen der Möglichkeit der Gestaltung der Karriere und der Ausbildung des menschlichen Charakters aufzeigen. Dabei weist er auf die Rolle von Selbstachtung und auf die Bedeutung der Ausbildung einer eigenen Identität hin. Selbstachtung entsteht demnach durch das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben ausüben zu können und seine Tätigkeiten in Bezug zuein­ander setzen zu können.[42] Sennett beschreibt die derartige Formung einer Lebensgeschichte, die zur Entwicklung von Selbstachtung beiträgt, als „Erzählung“. Die Formung einer solchen Lebensgeschichte wird durch bürokratische Strukturen begünstigt. Als Beispiele für derartige Strukturen führt Sennett gewerkschaftliche Lohntarifsysteme und staatliche Altersvorsorge an.[43] In ähnlicher Weise beschreibt er die Rolle der Lebensumgebung für die Ausbildung einer Identität. Das Leben an einem festen Ort trägt zur Formung einer derartigen Erzählung bei, weil durch langfristige Interaktion mit den Mitmenschen die Möglichkeit entsteht, Identitäten zu entwickeln und sich gegenseitig durch seine Fähigkeiten und Eigenschaften anzuerkennen.[44] Wenn diese Rahmenbedingungen fehlen, wenn es aus beruflichen Gründen notwendig ist, den Arbeitgeber und damit verbunden auch den Wohnort zu wechseln, entsteht in zeitlicher und räumlicher Hinsicht ein Gefühl der Fremdbestimmtheit, des Kontroll­ver­lustes und damit auch der Abhängigkeit.[45] Diese äußeren Bedingungen haben auch Auswir­kun­gen auf die emotionale Wahrnehmung der Umgebung. Laut Sennett ist die diesbezügliche Folge der Bedingungen in der flexiblen Arbeitswelt die Wahrnehmung der Gefahr, „jede innere Sicherheit zu verlieren, in einen Zustand des Dahintreibens zu geraten.“[46] Sennett beschreibt die Wahrnehmung erzwungener Ortswechsel als eine Einteilung des Lebens in abgeschlossene Episoden, die den Menschen dazu nötigen, immer wieder von vorne zu beginnen. Der Begriff „Drift“ beschreibt in diesem Zusammenhang das Erleben eines Verlustes von innerer Sicherheit und die Erfahrung, dass die Bezüge zu Mitmenschen durch äußere Einflüsse unterbrochen werden. Diese Instabilität wird somit zu einem Hindernis in der Entwicklung des menschlichen Charakters, da sie nicht zeitlich begrenzt ist, sondern eine Erfahrung des täglichen Lebens darstellt und somit zu einer permanenten Grundlage des menschlichen Handelns wird.[47]

5. Fazit

Die Arbeitswelt unterliegt seit jeher einem stetigen Wandel. Selbst die von Ricos Vater erlebte Kontinuität umschreibt lediglich einen Zeitraum von ca. 30 Jahren. Man könnte daher argumentieren, dass die zuvor beschriebenen Umbrüche nur ein Bruchteil dessen sind, worauf sich Arbeitnehmer im Werdegang der Arbeitswelt einzustellen hatten.

Nichtsdestotrotz weisen die zuvor geschilderten Phänomene eine neue Qualität in den Folgen für den Arbeitnehmer auf. Im Zuge der unwiderruflichen Entwicklung hin zu einer Dienstleitungsgesellschaft, sind wissensintensive Berufe auf dem Vormarsch. Die physische Arbeitskraft des Arbeitnehmers hingegen wird von der Ökonomie immer weniger nachgefragt, Automatisierung ersetzt in weiten Teilen der Produktion den Menschen.

Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung ein Segen für den Arbeitnehmer zu sein. Vorbei die Zeiten, zumindest in den westlichen Industrienationen, in welchen ein Großteil der Arbeitnehmer körperlich harte Arbeit vollrichten musste. Die Realität gestaltet sich jedoch weitaus problematischer. Wissen ist eine Ressource, welche im Zeitalter moderner Informations- und Kommunikationswege weltweit abgefragt werden kann. Dienstleister aus wissensintensiven Bereichen stehen somit unter einem enormen Konkurrenzdruck. Auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft bestehen kann nach Sennett jedoch nur, wer ein Höchstmaß an Flexibilität an den Tag legt. So wird, wie bereits erwähnt, das Arbeiten in Projektteams auf Zeit zunehmend von Unternehmen favorisiert. Der Arbeitnehmer wird also gezwungen sich permanent neu zu orientieren und sich mit wechselnden Arbeitsumfeldern zu arrangieren. Nach Sennett ist die Kurzlebigkeit der Arbeitsverhältnisse dabei nicht ausschließlich auf wissensintensive Berufe beschränkt (wenngleich sie hier besonders stark ausgeprägt ist). Sennett bescheinigt diesen Trend sämtlichen Bereichen der Arbeitswelt. Die daraus resultierende Gefahr der sozialen Vereinzelung, der Verlust von Identität oder Hindernisse bei der Ausbildung des Charakters ist in der Tat sehr groß. Sennett unterwirft somit die neu Wirtschaft einer vehementen nicht unberechtigten Kritik. Zwar beleuchtet Sennett in erster Linie amerikanische Unternehmensverhältnisse, dennoch zeigt er, gerade vor dem Hintergrund weltweit agierender Unternehmen, was auch in Deutschland passieren kann.

Literaturverzeichnis

Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt a.M., 1979

Häußermann, Hartmut/Siebel Walter: Dienstleistungsgesellschaften. Frankfurt a.M., 1995

Immerthal, Lars: Im Auge des Sturms. Ein Essay über den „flexiblen Menschen“. In: Berliner Debatte Initial 12. 2001.

Schlussbericht der Enquete-Kommission: Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten. Onlineabruf: http://www.bundestag.de/gremien/welt/glob_ end/

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Sennett, Richard: „Das Jahrzehnt der betrunkenen“. In: Wirtschaftswoche, Nr. 24, vom 06.06.2002.

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Sennett, Richard nach Dierks, Benjamin: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. In: Financial Times Deutschland, Nr. 119/25, vom 22.06.2005.

Sobull, Dagmar (2000): Gurus geben ihre Prognosen zur Zukunft der Arbeit ab: Mitarbeiter müssen selbst GmbHs Gründen. In: Computerwoche, Nr.33, S.33, vom 18.08.2000.

Spitzer-Ewersmann, Claus: Ära der Netz-Nomaden. Die Welt, Nr.265, Hamburg, 06.12.2000.

Stichweh, Rudolf: Die Soziologie und die Informationsgesellschaft. In Friedrichs/Lepsius,u.a. (Hg) Die Diagnosefähigkeit der Soziologie. Sonderheft 38 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. 1998

[...]


[1] Spitzer-Ewersmann, Claus (2000): Ära der Netz-Nomaden. Die Welt, Nr..265, Hamburg, 06.12.2000.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Häußermann/Siebel (1995): Dienstleistungsgesellschaften, S. 21.

[4] Vgl. ebd. S. 26.

[5] Vgl. ebd. S. 26.

[6] Vgl. ebd. S. 25.

[7] Vgl. Clark nach Häußermann/Siebel (1995): S. 27.

[8] Vgl. Fisher nach Häußermann/Siebel (1995): S. 28.

[9] Vgl. Fourastie nach Häußermann/Siebel (1995): S. 29ff.

[10] Vgl. Häußermann/Siebel (1995): S. 30.

[11] Vgl. ebd. S. 134.

[12] Vgl. Fourastie nach Häußermann/Siebel (1995): S. 30.

[13] Vgl. ebd. (1995): S. 34.

[14] Vgl. Häußermann/Siebel (1995): S. 48.

[15] Vgl. Fourastie nach Häußermann/Siebel (1995): S. 33.

[16] Bell vertritt sowohl die These der Dienstleistungsgesellschaft als auch die der Informationsgesellschaft, er bevor­zugt jedoch die durch eine Negation bestimmte Titelformulierung – nachindustrielle Gesellschaft - da ihm dieser Titel offener scheint in Hinsicht auf das, was die neue Gesellschaft charakterisiert. In: Stichweh, Rudolf (1998): S.438.

[17] Vgl. Bell, Daniel (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. S.31ff.

[18] Ebd. S.29: Generell unterteilt Bell Gesellschaften in drei Bereiche: die soziale Struktur, die politische Ordnung und die Kultur. Die soziale Struktur umfasst Wirtschaft, Technologie und Berufs­gliederung, die politische regelt Ordnung, regelt die Machtverteilung und Rechtsprechung, und im kulturellen Sektor schließlich herrscht der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Entfaltung der eigenen Person vor.

[19] Schlussbericht der Enquete-Kommission: Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten. Onlineabruf: http://www.bundestag.de/gremien/welt/glob_end/3_1_4_1.html#, Stand: 27.02.06.

[20] Vgl. Sobull, Dagmar (2000): Gurus geben ihre Prognosen zur Zukunft der Arbeit ab: Mitarbeiter müssen selbst GmbHs Gründen. In: Computerwoche vom 18.08.2000. Nr.33, S.33.

[21] Vgl. Sennett, Richard (2002): „Das Jahrzehnt der betrunkenen“. In: Wirtschaftswoche vom 06.06.2002. Nr. 24. S.82.

[22] Vgl. Sennett, Richard nach Dierks, Benjamin (2005): Der Kapitalismus frisst seine Kinder. In: Financial Times Deutschland vom 22.06.2005. Nr. 119/25. S.28

[23] Vgl. Sennett, Richard (2002): „Das Jahrzehnt der betrunkenen“. In: Wirtschaftswoche vom 06.06.2002. Nr. 24. S.82.

[24] Vgl. Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. S.16.

[25] Vgl. ebd. S.22.

[26] Vgl. ebd. S.21.

[27] Vgl. ebd. S.21.

[28] Vgl. ebd. S.24.

[29] Vgl. ebd. S.13.

[30] Vgl. ebd. S.12.

[31] Vgl. ebd. S.11.

[32] Vgl. ebd. S.11.

[33] Vgl. ebd., S.57.

[34] Vgl. ebd., S.57.

[35] Mit Entfremdung ist hier die „mangelnde Möglichkeit zur Identifikation mit der eigenen Arbeit“ gemeint.

[36] Vgl. ebd. S.39ff.

[37] Vgl. ebd. S.56.

[38] Vgl. ebd. S.79.

[39] Vgl. ebd. S.10.

[40] Vgl. ebd. S.88.

[41] Vgl. http://www.zeit.de/archiv/2000/15/200015.beck_sennett_.xml, Stand: 09.03.2006.

[42] Vgl. ebd. S.16.

[43] Vgl. ebd.

[44] Vgl. ebd. S.17.

[45] Vgl. ebd. S.21.

[46] Ebd. S.22.

[47] Vgl. ebd. S.38.

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Seiten
21
Jahr
2006
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111464
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,7
Schlagworte
Arbeitswelt Wandel Dienstleistungsgesellschaft

Autor

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Titel: Die Arbeitswelt im Wandel