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Die antike griechische Bewegungskultur vor dem Hintergrund der Zivilisationstheorie

Examensarbeit 2007 88 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbemerkungen

3 Die Zivilisationstheorie
3.1 Das Rahmenkonzept der Zivilisationstheorie
3.2 Kritik am Rahmenkonzept der Zivilisationstheorie
3.3 Bewegungskultur in der Antike aus der Perspektive der Zivilisationstheorie

4 Elias’ Interpretation der Antike – Eine kritische Auseinandersetzung
4.1 Gewaltbewertung und Gewaltanwendung in moderner und antiker Gesellschaft
4.2 Gewaltbewertung und Gewaltanwendung in modernem Sport und antiker Bewegungskultur
4.3 Bewegungskultur, Sport und Krieg
4.3.1 Gemeinsamkeiten
4.3.2 Unterschiede
4.3.3 Schlussfolgerungen
4.4 Ethos der Wettkämpfer in der Antike
4.4.1 Bezug zur Zivilisationstheorie

5 Zentrale Merkmale der Bewegungskultur in der Antike jenseits von Elias
5.1 Die Sonderstellung des griechischen Agons
5.1.1 Gründe für die Sonderstellung des Agons in der griechischen Kultur
5.2 Bewegungskultur und Religion
5.2.1 Gründungsmythen
5.2.2 Wettkampf und Götterverehrung
5.2.3 Athletik in der griechischen Mythologie
5.2.4 Kultstätte und oder Wettkampfstätte
5.2.5 Bezug zur Zivilisationstheorie
5.3 Bewegungskultur und Eros
5.3.1 Die griechische Nacktheit der Athleten
5.3.2 Das Schönheitsideal und die Athletik
5.3.3 Das Gymnasion und die Knabenliebe
5.3.4 Bezug zur Zivilisationstheorie
5.4 Bewegungskultur und Polis
5.4.1 Interesse der Polis an athletischem Erfolg
5.4.2 Instrumentalisierung des athletischen Erfolgs
5.4.3 Bezug zur Zivilisationstheorie
5.5 Bewegungskultur und Gesellschaftsstruktur
5.5.1 Finanzielle Kosten einer athletischen Karriere
5.5.2 Die Entwicklung des Gymnasions und die Schichtzugehörigkeit der Athleten
5.5.3 Die Siegespreise
5.5.4 Schlussfolgerungen
5.5.5 Bezug zur Zivilisationstheorie

6 Schlussbemerkungen

7 Bibliographie

1 Einleitung

1939 veröffentlichte Norbert Elias sein Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation. Kern dieses Buches ist eine Theorie, die die Wandlungen im Verhalten der Menschen vom Mittelalter bis in die Neuzeit zusammenhängend erklären soll. Diese Zivilisationstheorie bringt die Genese des Staates und die damit einhergehende Bildung des Steuer- und Gewaltmonopols mit Entwicklungen in der Affektkontrolle der Menschen und ihrem Peinlichkeits- und Schamempfinden in Verbindung. Nach der Theorie gibt es somit Zusammenhänge zwischen Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft und Wandlungen im Aufbau des Verhaltens.

Verhaltensänderungen sind nach Elias auch im Sport, als einem Teil der Gesellschaft, nachvollziehbar. Elias widmet der Anwendung seiner Theorie auf den Sport ein eigenes Buch mit dem Titel Sport im Zivilisationsprozeß. In diesem Buch beschränkt er sich nicht auf Sportformen des Mittelalters und der Neuzeit, sondern wendet seine Theorie u.a. an, um Unterschiede zwischen antiker Bewegungskultur und modernem Sport zu erklären. Elias geht dabei vor allem auf das im Sport bzw. der Athletik erlaubte und akzeptierte Gewaltniveau ein, welches sich seiner Ansicht nach in der Antike und Moderne stark unterscheidet. Elias Aussagen über die Bewegungskultur in der Antike und seine in der antiken Gesellschaft begründeten Erklärungen für deren Ausprägungsformen, sollen Startpunkt der Untersuchung sein. Darauf aufbauend wird es in dieser Arbeit darum gehen, in wie fern die Zivilisationstheorie die Bewegungskultur in der Antike, auch über das akzeptierte Gewaltniveau hinaus, zu erklären vermag. Um die gerade angesprochenen Ziele umsetzten zu können, wird folgender Aufbau angestrebt.

Nach der Einleitung und den Vorbemerkungen beschäftigt sich das dritte Kapitel mit der Zivilisationstheorie von Elias. Die Eckpfeifer dieser Theorie sollen zusammengefasst werden, so dass die Verbindung zwischen dem Hauptwerk von Elias und seiner später mit Eric Dunning publizierten Arbeit Sport im Zivilisationsprozeß verdeutlicht und erklärt werden kann. Darauf aufbauend muss auf die Kritik am Rahmenkonzept der Zivilisationstheorie eingegangen werden. Mögliche Schwachstellen der Theorie könnten auch bei ihrer speziellen Anwendung auf die Bewegungskultur der Antike Gültigkeit besitzen. Den Abschluss des dritten Kapitels bildet das Werk Sport im Zivilisationsprozeß selbst. Ohne die eingehende Analyse der für die vorliegende Arbeit relevanten Aussagen von Elias zur Bewegungskultur in der Antike können die folgenden Ausführungen nicht nachvollzogen werden.

Das vierte Kapitel setzt sich kritisch mit den von Elias gemachten Aussagen über die Antike auseinander. Die Stimmigkeit der Einschätzung von Gewaltbewertung und Gewaltanwendung in der modernen und antiken Gesellschaft sowie im modernen Sport und der antiken Bewegungskultur soll überprüft werden. Der Abgleich mit neueren Forschungserkenntnisse bildet hierbei die Basis für eine objektive Bewertung. Weiterhin wird es um die Affinität zwischen antiker Bewegungskultur, modernem Sport und Krieg sowie um das Ethos der antiken Athleten gehen. Hier ist es auch erforderlich sich näher mit den Quellen zu beschäftigen, auf Basis derer Elias zu seinen Ansichten und Einschätzungen über die Bewegungskultur in der Antike kommt. Dies erscheint lohnenswert, da Historiker sich häufig kritisch gegenüber der von Elias praktizierten unreflektierten Interpretation mittelalterlicher Quellen äußerten. Es muss überprüfen werden, ob der gleiche Vorwurf auch bei der Behandlung antiker Quellen gemacht werden kann.

Kapitel fünf spricht Bereiche an, die von Elias, der immer wieder betonte, dass seine Forschungsergebnisse nicht den Anspruch der Vollständigkeit besäßen, nur gestreift oder nicht thematisiert worden sind. Es wird hier angestrebt eine über die Grenzen von Elias reichende, vertiefende Betrachtung der antiken Bewegungskultur zu geben. Hierzu soll die Bewegungskultur nicht herausgelöst als autarkes Phänomen erklärt, sondern durch seine Einbettung in die antike griechische Gesellschaft interpretiert werden. Durch einen wiederkehrenden Vergleich der so gewonnen Ergebnisse mit den Folgerungen über die antike Bewegungskultur, die die Zivilisationstheorie nahe legt, soll eine Basis geschaffen werden, auf Grund derer eine abschließende Bewertung der Anwendbarkeit der Theorie auf die antike Bewegungskultur gegeben werden kann. Die Bereiche, die hierfür untersucht werden, sind die Sonderstellung des griechischen Agons, Bewegungskultur und Religion, Bewegungskultur und Eros, Bewegungskultur und Polis sowie Bewegungskultur und Gesellschaftsstruktur.

Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung der Ergebnisse und die Beantwortung der im Zentrum dieser Arbeit stehenden Frage, in wie fern die Zivilisationstheorie die Bewegungskultur in der Antike zu erklären vermag.

2 Vorbemerkungen

Bei der Bearbeitung eines Themenfeldes, welches sowohl auf antike als auch moderne Sportformen Bezug nimmt, kann ohne eine vorherige Klärung der zu verwendenden Begriffe nicht ausgekommen werden. Der moderne Sport als Begriff wie auch als gesellschaftliche Erscheinung ist ürsprünglich ein englisches Phänomen, das zeitlich um das ausgehende 18.Jh. und den Anfang des 19. Jh. eingeordnet werden kann (vgl. Eichberg, 1979, S.35 ff.). Generell wurde aus diesem Grund versucht die verwendeten Begriffe zu unterscheiden. Der Sportbegriff wird in dieser Arbeit für die Moderne verwendet, wohingegen die Bewegungskultur, die Athletik, und der Agon, d.h. der Wettkampf in Bezug auf die Antike gebraucht werden. Die Bewegungskultur stellt hierbei den Überbegriff dar und beinhaltet auch nicht wettkampfbezogene physische Aktivitäten, die in der Antike jedoch eher die Ausnahme darstellten. Der Begriff der Athletik bezeichnet lediglich den Wettkampf der Athleten und ist somit spezifisch. Von der allgemein gültigen Definition der Athletik, die von berufsmäßig kämpfenden Athleten ausgeht, muss in dieser Arbeit jedoch Abstand genommen werden.1

Um Missverständnissen vorzubeugen muss weiterhin auf Folgendes hingewiesen werden: Der alleinige Fokus in dieser Arbeit liegt auf dem antiken Griechenland. Die Bewegungskultur im römischen Reich oder in anderen antiken Kulturen wird nicht thematisiert. Folgerungen über die antike Bewegungskultur beziehen sich somit ausschließlich auf die Griechen.

Letztlich bedarf es noch einiger Worte zu dem in dieser Arbeit betrachteten Zeitraum. Der Anfang der antiken griechischen Kultur wird generell als archaische Epoche bezeichnet und auf die Entstehungszeit der Homerischen Epen und den Beginn der griechischen Besiedlung des Mittelmeerraums im 8. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Das Ende Griechenlands als machtpolitischer Faktor durch die Errichtung der römischen Herrschaft wird auf das 2. Jahrhundert v. Chr. angesetzt (vgl. Stahl, 2003, S.11). Somit erstreckt sich der Betrachtungszeitraum auf etwa 600 Jahre. Es überrascht wenig, dass die antike Bewegungskultur in diesem Zeitraum Veränderungen unterworfen war. In dieser Arbeit geht es nicht um die Ausprägungsformen der Bewegungskultur zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einer bestimmten Epoche der griechischen Geschichte, sondern um die griechische Bewegungskultur als Phänomen der griechischen Zivilisation. Aus diesem Grund beziehen sich die Aussagen, wenn nicht anders vermerkt, zumindest auf einen Großteil des betrachteten Zeitraums und sind nicht nur für eine zeitlich eingeschränkte Periode der griechischen Geschichte von Bedeutung.

3 Die Zivilisationstheorie

3.1 Das Rahmenkonzept der Zivilisationstheorie

Im Folgenden sollen die Zivilisationstheorie von Norbert Elias erklärt und die wichtigsten Punkte zusammengefasst werden. Elias entwickelt seine Theorie in einem zweibändigen Werk mit dem Titel Über den Prozeß der Zivilisation.

„Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob sich die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung, daß es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine ganze Reihe von Generationen hin in ein- und dieselbe Richtung gehen, durch verlässliche Sachbelege bestätigen und als tatsachengerecht erweisen läßt“ (Elias, 1997a, S.11).

Das bemerkenswerte hier, im Vergleich zu anderen soziologischen Untersuchungen zu menschlichen Affekten, ist die Fokussierung auf langfristige Verhaltensänderungen, anstatt einer Fixierung auf einen bestimmten Zeitpunkt. Elias (vgl. 1997a, S.18) erforscht somit einen Prozess und keinen Zustand. Der Beweis der Existenz solcher langfristigen und in ein- und dieselbe Richtung gehenden Veränderungen versucht Elias zu erreichen, indem er Unterschiede im Verhalten von Menschen in Mittelalter und in der höfischen Gesellschaft beschreibt, und diese wiederum zu heutigem, modernem Verhalten in Beziehung setzt. So gelingt es ihm, Wandlungen des Verhaltens vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert zu veranschaulichen.

Als Quelle für das zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte akzeptierte und geforderte Verhalten dienen ihm Benimmbücher der jeweiligen Zeit. Dem entsprechend beziehen sich seine Erkenntnisse vor allem auf das Benehmen bei Tisch, die Einstellungen zu natürlichen Bedürfnissen, wie auch das Verhalten im Schlafraum. Er (vgl. Elias, 1997a, S.62) stellt bei dieser Vorgehensweise fest, dass im untersuchten Zeitraum eine Veränderung zu höherer emotionaler Kontrolle und gesteigerter Zurückhaltung des spontanen Gefühls bei den Menschen attestiert werden kann. Diese gesteigerte Zurückhaltung erklärt Elias (vgl. 1997a, S.13) durch ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle. Er (vgl. Elias, 1997a, S.284f.) belegt diese These mit diversen Beispielen von Verhaltensmustern, wie zum Beispiel dem Urinieren, welche zunächst in der Öffentlichkeit als natürlich betrachtet, durch die Belegung mit Scham und Peinlichkeit seitens der Gesellschaft jedoch aus dem öffentlichen Leben immer mehr verdrängt wurden. Weiterhin glaubt er zu erkennen, dass der Zwang, den die Menschen aufeinander ausüben, über die beobachtete Zeit größer wird und sich vom Fremd- zum Selbstzwang hin entwickelt. Er (Elias, 1997a, S.265) schreibt:

„Der gesellschaftliche Standard in den der Einzelne zunächst von außen, durch Fremdzwang, eingepaßt worden ist, reproduziert sich schließlich in ihm mehr oder weniger reibungslos durch Selbstzwang, der bis zu einem gewissen Grade arbeitet, auch wenn er es in seinem Bewusstsein nicht wünscht.“

Zur Frage wie dieser Selbstzwang auch bei folgenden Generationen wirksam bleibt, liefert Elias (1997a, S.282) eine klare und einfache Antwort: „[…] die Gesellschaft als Ganzes, das gesamte Geflecht der Menschen, das seinen Druck auf den Heranwachsenden ausübt und sich ihn vollkommener oder unvollkommener zurechtformt“, sorgt dafür, dass er „den vorgerückten Stand der Scham und Peinlichkeitsgefühle erreicht“.

Vor dem Hintergrund der im ersten Band beschriebenen Ergebnisse über die Verhaltensänderung der Menschen, macht es sich Elias (1997a, S.11) im zweiten Band zur Aufgabe, die „langfristige Wandlungen der Persönlichkeitsstrukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen, die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen, in die Richtung auf einen höheren Standard der gesellschaftlichen Differenzierung und Integrierung, in Zusammenhang zu bringen“.

Dieser Versuch baut auf im ersten Band getätigten Aussagen von Elias (1997a, S.15) auf, in denen er immer wieder betont, dass Entwicklungen auf der Persönlichkeitsebene nicht von Entwicklungen auf der Gesellschaftsebene getrennt werden dürfen, da beide als „interdependente Aspekte der gleichen langfristigen Entwicklung“ betrachtet werden müssen. Diese Einstellung bildet die Basis, auf der die Forschungen von Elias fußen. Elias wehrt sich gegen die Sichtweise des Menschen als homo clausus, das bedeutet, als in seinem Inneren von der Außenwelt abgeschlossenen Menschen. Weiterhin bezeichnet er (vgl. Elias, 1997a, S.52 ff.) es als Sackgasse von Gesellschaftstheoretikern, das Individuum als etwas zu betrachten, das außerhalb der Gesellschaft existiert. Er führt den Begriff der Figuration in der Soziologie ein. Der Begriff betont die Abhängigkeit der Menschen untereinander, die somit nie die absolute Autonomie in einer Gesellschaft erreichen können. Elias (1997a, S.70) definiert die Figuration als „Geflecht der Angewiesenheiten von Menschen aufeinander, ihre Interdependenzen […]“. Nur vor dem Hintergrund dieser engen Verbindung zwischen dem Einzelnen in der Gesellschaft und der Gesellschaft selbst machen die Forschungsbemühungen und die in dieser Arbeit betrachtete Theoriebildung von Elias Sinn.

Um jedoch Veränderungen auf der Persönlichkeitsebene, deren Gründe Elias zu Folge in der Gesellschaft zu suchen sind, nachvollziehbar und überprüfbar zu machen, bedurfte es der Benennung von Faktoren auf gesellschaftlicher Ebene, die mit diesen in Verbindung gebracht werden können. Das bedeutet, dass Elias, um besagten Zusammenhang feststellen zu können, vom Mittelalter bis in die heutige Zeit Gesellschaftsentwicklungen, die seiner Meinung nach für die Verhaltensveränderungen verantwortlich waren, auf ihre Auswirkung auf das Individuum zu überprüfen hatte. Dieser Herausforderung stellt er sich im zweiten Band. Elias untersucht darin die Mechanismen der Feudalisierung sowie die geschichtlich daran anknüpfende Soziogenese des Staates. Somit beginnt sein Untersuchungszeitraum mit der „ganz locker integrierte[n], weltliche[n] Oberschicht von Kriegern und deren Symbol, die Burg im autarken Gutsbezirk“ und endet mit der „enger integrierte[n], weltliche[n] Oberschicht von Höflingen, zusammengefasst im absolutistischen Hof, dem Zentralorgan eines Königreichs“ (Elias, 1997b, S.130). Hier ist es angebracht kurz auf die Motive von Elias einzugehen, die ihn bewogen, seine Theorie gerade anhand des ausgehenden Mittelalters und vor allem anhand der höfischen Gesellschaft zu illustrieren. Man muss sich fragen, weshalb Elias, wenn er doch den Prozesscharakter seiner Theorie betont und explizit darauf hinweist, dass die Zivilisierung weder ein festlegbaren Beginn noch ein festlegbares Ende besitzen kann (vgl. Hinz, 2002, S.106), gerade den von ihm gewählten Zeitraum untersucht. Elias (1997a, S.80) erklärt seine Wahl dadurch, dass sich

„im Zeitalter des >>Absolutismus<< unter dem Schlagwort der >>Civilité<< das Verhalten besonders spürbar in der Richtung zu jenem Standard hin verändert, den wir heute mit einem Abkömmling des Wortes >>Civilité<< als >>zivilisiertes<< Verhalten bezeichnen.“

Elias integriert eine detaillierte Beschreibung der Funktionsweise des feudalistischen Systems in seinem zweiten Band. Der Grund dafür ist darin zu sehen, dass Elias (vgl. 1997b, S.16) die Entwicklung des Absolutismus, aus dem Feudalsystem heraus, als zentral im Gesamtprozess der Zivilisation sieht und eine Veränderung im gesellschaftlichen System nur durch einen Vergleich des Feudalismus mit dem Absolutismus nachvollzogen werden kann. Als einen Faktor, der diese Systemänderung katalysiert, nennt Elias (1997b, S.17ff.) das Einführen des Steuersystems, durch welches der König beträchtliches Kapital akkumulieren und somit weniger auf den Kriegsadel und mehr auf Söldnerheere vertrauen konnte. Somit besaß er mit dem größten Kapital auch das größte Heer und dadurch das Monopol über die Gewalt. Des Weiteren weist er (Elias, 1997b, S.17ff.) auf den Machtzuwachs der bürgerlichen Schichten hin, der mit einer Schwächung des Adels einhergeht und den er durch die Stärkung des Handels erklärt. Diese Schwächung kommt nicht zuletzt dadurch zustande, dass sich die Macht, d.h. die finanziellen und militärischen Mittel, durch den Konkurrenz- und Ausscheidungskampf immer mehr in den Händen einiger Weniger konzentriert. Akkumulation von Macht jedoch bedeutet gleichzeitig die Inflation von Verwaltung, da ein Einzelner, wie in Person des Königs, den vielfältigen Aufgaben des riesigen Machtapparates nicht gewachsen ist und diese an Untergebene delegieren muss. So entsteht ein Netz von Abhängigkeiten, welches mit dem Machtzuwachs stetig vielschichtiger und komplexer wird (vgl. Elias, 1997b, S.156ff.). Nach Elias (1997b, S.286f.) konstituieren diese gerade benannten Entwicklungen die schrittweise Genese des Staates:

„In einer langen Reihe von Ausscheidungskämpfen, in einer allmählichen Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und der Steuerabgaben, im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Funktionsteilung und mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten organisiert sich die französische Gesellschaft Schritt für Schritt in der Form eines Staates.“

Obwohl Elias hier nur von der französischen Gesellschaft spricht, weist er an andrer Stelle in seinem Buch darauf hin (vgl. Elias, 1997b, S.9), dass die Ausbildung des Staates zwar nicht in allen größeren Ländern des europäischen Kontinents konform verläuft, jedoch in ihrem Ausgang deckungsgleich ist. Die Fixierung auf Frankreich wird durch dessen herausragende Stellung unter den höfischen Gesellschaften erklärt (vgl. Elias, 1997b, S.12). Doch weshalb ist die Entstehung des Absolutismus, der höfischen Gesellschaft, so zentral für die Theorie von Elias? Welche Auswirkungen hat die Veränderung der Gesellschaftsform auf die Änderungen des Verhaltens auf die im ersten Band eingegangen wurde?

Hier muss auf die schon erwähnte detaillierte Beschreibung des feudalistischen Systems durch Elias zurückgekommen werden. Diese macht deutlich, dass der Lehnsherr im Feudalismus mit der ihm zugewiesenen Macht über Land und Leute relativ unabhängig vom oft weit entfernt residierenden oder umherreisenden König agieren und regieren konnte. Elias (1997a, S.80) bezeichnet diese „viele[n], größere[n] und kleinere[n] Krieger“ als die „wahren Herren der abendländischen Gebiete.“ Sie waren von der bereits besprochenen Umorganisierung der Gesellschaft direkt betroffen. Die Lehnsherren mussten sich mit einem übermächtigen König, einem erstarken Bürgertum, der Umwandlung der Kriegstechnik, die sie weniger wertvoll machte und einer Vergrößerung des geldwirtschaftlichen Sektors und damit einer Verringerung ihres auf naturalwirtschaftlichen Basis erwirtschafteten relativen Einkommens, arrangieren (vgl. Elias, 1997b, S.17ff.). Ein Leben am Hof als Günstling eines mächtigen Fürsten oder Königs erschien vor dem Hintergrund dieser Bedrohungen vielen als einzige Alternative (vgl. Elias, 1997b, S.20). Dieses Leben unterschied sich vom schon erwähnten Leben als Krieger und Herr einer autarken Burg beträchtlich.

„Der Druck des Hoflebens, die Konkurrenz um die Gunst des Fürsten oder der >>Großen<<, dann ganz allgemein die Notwendigkeit, sich von Anderen zu unterscheiden und mit relativ friedlichen Mitteln, durch Intrigen und Diplomatie, um Chancen zu kämpfen, erzwang eine Zurückhaltung der Affekte […]“ (Elias, 1997b, S.14f.).

Hier also gelingt Elias der Brückenschlag zwischen den gesellschaftlichen Veränderungen auf der einen und den Verhaltensänderung auf der anderen Seite. Das Leben am Hof, was eine „Umorganisierung der menschlichen Beziehungen“ (Elias, 1997b, S.326) zur Folge hat, zwingt die Adeligen, ihren Habitus zu mehr Zurückhaltung und Selbstkontrolle zu verändern. Dies resultiert jedoch nicht nur in einer Wandlung des Verhaltens, sondern auch in einer Wandlung des Erlebens. Was mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt wird, erzeugt bei Verletzung Peinlichkeit und Scham (vgl. Elias, 1997a, S.13).

„Die momentane Trieb- und Affektregung wird gewissermaßen durch die Angst vor der kommenden Unlust überdeckt und bewältigt, […]“(Elias, 1997b, S.383). Die Verbote und das Wissen über unangebrachtes Verhalten verfestigen sich langsam und verbreiten sich zunächst am Hof, anschließend in den übrigen Schichten, um sich letztlich in der ganzen Gesellschaft zu etablieren (vgl. Elias, 1997a, S.264). Diese Verfestigung geschieht jedoch nicht auf Grund von vernunftmäßigen Überlegungen. So ist die Hygiene und die Vorbeugung vor Krankheiten nicht Motor der Verhaltenswandlung, die Suppe nicht mehr aus der gleichen Schüssel mit anderen zu essen, sondern das peinliche Gefühl (vgl. Elias, 1997a, S.264). „Aber die >>rationale Einsich<<t“, so sagt Elias (1997a, S.247), „ist nicht der Motor der

>>Zivilisation<< des Essens oder anderer Verhaltensweisen.“ Ist der von Elias beschriebene Prozess jedoch nicht geplant und durchdacht, nicht von Menschen intentional herbeigeführt, welche Logik wohnt der Zivilisation dann inne?

„Sie [die Zivilisation] wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind“ (Elias, 1997b, S.327).

Es ist angebracht hier noch explizit darauf hinzuweisen, dass die Theorie der Zivilisierung sich nicht lediglich auf Wandlungsprozesse bei den Tischmanieren oder der Einstellung zu natürlichen Bedürfnissen bezieht. Es wäre viel zu kurz gegriffen, würde man den Prozess der Zivilisation einfach als eine Entwicklung bezüglich elementarer Verrichtungen begreifen. Die Zügelung der Affekte, die Elias nachweist, hat viel größere Implikationen als nur das Essen mit Messer und Gabel anstatt die Hände zu gebrauchen oder der Gang zur Toilette anstatt seinen Bedürfnissen an Ort und Stelle nachzukommen. Was schon kurz durch den Hinweis auf eine Wandlung im Erleben angerissen wurde, bedarf hier noch einiger erklärender Worte, um die Tragweite der von Elias beschriebenen Habitusveränderung des Menschen deutlich zu machen. In dem Maß, in dem der Affekt aufhört, das Verhalten des Einzelnen völlig zu bestimmen, beginnen Gesetzmäßigkeiten und rationale Überlegungen das Verhalten des Menschen zu beeinflussen. Dies gibt dem Menschen die Möglichkeit, die Welt mit anderen Augen wahrzunehmen, sie differenzierter zu sehen (vgl. Elias, 1997b, S.384).

Die Bedeutung der Affektzurückhaltung für die Gesellschaft verdeutlicht Elias an mehreren Beispielen. So verweist er (Elias, 1997a, S.60ff.) darauf, dass eine Affektzügelung auch im Denken der Menschen nachzuvollziehen ist, die es sich antrainiert haben, nicht sofort aus dem Impuls heraus zu handeln, sondern den Schritt der Reflektion zwischenzuschalten. Unsere heutige wissenschaftliche Denkweise, die eine Distanzierung des Menschen vom zu untersuchenden Objekt und eine Unterdrückung des spontanen Gefühls verlangt, stellt eines dieser Beispiele von Elias dar. Weiterhin muss, um Missverständnissen vorzubeugen, erwähnt werden, dass die größere Kontrolle der Affekte und die damit einhergehende größere physische Sicherheit einen innerstaatlichen Prozess beschreibt. „Die Unsicherheit in den zwischenstaatlichen Beziehungen ist dagegen kaum zurückgegangen“ (Elias und Dunning, 1982, S.18). Elias (1997a, S.260) spricht auch von einer „Friedenszivilisation“, die vom Krieg durchbrochen wird. Beispiele für diese Durchbrechung sind bei Duerr (1993) unzählige zu finden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Theorie, die Elias aufstellt, eine Theorie der möglichen Zusammenhänge ist. Eine Theorie, die Veränderungen auf der individuellen, psychologischen Ebene der Menschen, Veränderungen ihrer Persönlichkeitsstrukturen mit den sich ändernden Sozialstrukturen in Verbindung bringt. Eine Theorie also, die die Wandlungen im Aufbau der Gesellschaft mit den Wandlungen im Aufbau des Verhaltens und des psychischen Habitus des Einzelnen erklärt (Elias, 1997a, S.11).

3.2 Kritik am Rahmenkonzept der Zivilisationstheorie

Norbert Elias publizierte seine Zivilisationstheorie bereits 1939. Lange Zeit blieb es still um sein Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation. Erst 30 Jahre später, durch eine erneute Auflegung, fand es Beachtung. Seither kam die Diskussion über die Zivilisationstheorie nicht mehr zur Ruhe. Jetzt noch, fast siebzig Jahre nach der Veröffentlichung, beschäftigen sich Soziologen (vgl. u.a. Duerr, 1993; Hinz, 2002) und Historiker (vgl. u.a. Schwerhoff, 1998) mit seinen Behauptungen und werden nicht müde, ihre Erkenntnisse zu diesem Thema zu veröffentlichen. Dem großen Erfolg und der späten dafür aber umso weiteren Verbreitung seiner Theorie entsprechend, hat sich über die Zeit ein fast unerschöpflicher Kanon an Büchern gesammelt, in denen Aussagen zur Arbeit von Elias gefunden werden können.

Da im weiteren Verlauf dieser Arbeit, die Anwendung der Zivilisationstheorie auf die antike Bewegungskultur untersucht werden soll, ist es hilfreich, sich mit bereits vorhandener Kritik auseinander zu setzen. Potenzielle Schwächen der Theorie könnten auch bei ihrer Anwendung auf die Antike Gültigkeit besitzen. Weiterhin wird es darum gehen zu überprüfen, wie weit die antike Bewegungskultur überhaupt mit der Zivilisationstheorie erklärt werden kann. Auch hier könnten bereits bekannte Kritikpunkte wichtige Hinweise liefern.

Elias beschreibt in seinen Ausführungen einen Prozess der Zivilisierung, in dem sich die Menschheit befindet. Er gibt Beispiele, die belegen, dass die Menschen der Moderne ihre Affekte besser kontrollieren und zügeln können, die Gewissensbildung weiter vorangeschritten und die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, geringer geworden ist, als dies noch im Mittelalter oder der Antike der Fall war. Elias (Elias und Dunning, 1982, S.33) bezeichnet „die heutige Modellierung des menschlichen Verhaltens und Erlebens als ´besser`, verglichen mit entsprechenden Standards früherer Entwicklungsstufen“. Hier setzt die Kritik vieler Autoren an, die bezweifeln, dass der moderne Mensch einen mehr oder weniger linearen Entwicklungsprozess hin zu einem gewaltfreieren Umgang miteinander durchläuft. Beispielsweise spricht Marx (1996, S.287) die Ambivalenz der Zivilisierung an und wirft Elias durch eine, wenn auch nur latent vorhandene, positive Wertung des Zivilisationsprozesses Einseitigkeit vor. Elias größter Kritiker, Hans Peter Duerr (1993, S.12), vertritt den gleichen Standpunkt, erweitert den Vorwurf sogar noch, indem er auf die Gefährlichkeit einer solchen Wertung hinweist:

„Was ihn [Elias] und seine Anhänger in die Nähe der Kolonialideologen rückt, ist vielmehr die Tatsache, dass sie die Überlegenheit der westlichen Gesellschaften gegenüber anderen nicht nur als eine technisch-militärische, sondern als eine Überlegenheit in der Modellierung der Triebstruktur sehen.“

Duerr verweist also darauf, dass die Theorie von Elias den westlichen Ländern eine höhere Stufe im Zivilisationsprozess zuweist als nichtwestlichen Ländern und somit als Herzstück imperialistischer Überlegenheitstheorien verwendet werden könnte. Es muss in diesem

Zusammenhang jedoch darauf hingewiesen werden, dass Elias an anderer Stelle unmissverständlich klarmacht, dass derjenige welcher seine Theorie als ethnozentrisch interpretiert, den von ihm beschriebenen Zivilisationsprozess, missverstanden hat. Elias (Elias und Dunning, 1982, S.17) sagt:

„Genau das ist ein Missverständnis des Wesens des Zivilisatinsprozesses. Die vorherrschende Neigung, Begriffe wie `zivilisiert´ und `unzivilisiert´ im Sinne von ethnozentrischen Werturteilen zu gebrauchen, als absolute und verbindliche moralische Urteile – `wir sind gut, und die sind schlecht´ oder umgekehrt -, verwickelt unsere Überlegungen offensichtlich in unlösbare Widersprüche.“

Sein Schüler Dunning (1986, S.43), der zur Weiterentwicklung der Zivilisationstheorie entscheidend beitrug, unterstützt die Zurückweisung der Aussagen von Duerr, indem er betont, dass die verwendeten Begriffe der Entwicklung und Zivilisierung neutral ohne Wertung gebraucht wurden und dass „no judgements of superiority or inferiority“ enthalten sind. Duerrs Kritik erschöpft sich jedoch nicht im Vorwurf des Ethnoszentrismus, wie der Titel seines fünfbändigen Werkes Der Mythos vom Zivilisationsprozess schon erahnen lässt. Sein Anspruch ist, die Zivilisationstheorie in ihrer Gänze zu widerlegen. In folgender von Duerr (1993, S.26) getätigten Aussage wird dies sehr deutlich:

„Was ich bestreite ist zum einen, dass diese Entwicklung [der Zivilisation] eine Intensivierung der sozialen Kontrolle mit sich brachte, und zum anderen, daß sie dem Menschen einen ganz andersartigen >>Triebhaushalt<< angezüchtet hat, einen neuen >>psychischen Habitus<<, der sich durch höhere Schamschranken und Peinlichkeitsbarrieren, durch eine Reduktion von Unmittelbarkeit, Spontaneität, Aggressivität und Grausamkeit sowie eine Intensivierung und Stabilisierung von Höflichkeit, >>Etikette<< und gegenseitiger Rücksichtnahme vom früheren >>Habitus<< unterscheidet.“

Es gibt jedoch nicht nur Kritiker, die, wie Duerr, die Zivilisationstheorie als Ganzes ablehnen, sondern auch jene, die bestimmte Teile der Theorie anzweifeln. Der Elias’sche Zusammenhang zwischen Zivilisierung und Staatsbildung ist hier ein besonders stark diskutierter Punkt. Es werden Beispiele angeführt, die zeigen, dass auch in Gesellschaften, in denen kein zentralisierter Staat vorhanden ist, der das Gewaltmonopol innehat, die Zivilisierung im Sinne eines hohen Standards der Affektkontrolle und innerer Pazifisierung weit vorangeschritten ist (vgl. Marx, 1996, S.292). Es wurde weiterhin die Frage gestellt, ob die Sichtweise von Elias, der die Genese des Staates ins Zentrum seiner Theorie stellt, nicht zu undifferenziert ist. Schließlich gab es noch weitere einschneidende Entwicklungen im von Elias betrachteten Zeitraum. Andere große, die Gesellschaft wandelnde Veränderungen können in der Zeit vom ausgehenden Mittelalter bis in die Neuzeit verortet werden, die Elias in seiner Theorie entweder völlig vernachlässigt oder als Nebenentwicklung der im Zentrum stehenden Genese des Staates einordnet. Marx (1996, S.295) sieht „die Sozialdisziplinierung […] viel unmittelbarer von ökonomischen und militärischen Zwecken diktiert“ und weist auf die formative Kraft des Kapitalismus hin, wie auch auf nicht-staatliche Institutionen, wie die der Familie, welche Elias in seiner Theorie als Disziplinierungskräfte nicht erwähnt. Die Kritik setzt hier also an einer zu monokausal ausgerichteten Interpretation des Zivilisierungsprozesses an und sieht die Genese des Staates nicht als alleiniges Zugpferd der Zivilisation.

Der Nachweis der Richtigkeit der Zivilisationstheorie anhand eines bestimmten Landes und eines eingeschränkten Untersuchungszeitraums gibt weiteren Anlass zur Kritik. Es stellt sich die Frage, ob die am höfischen Frankreich illustrierte Zivilisationstheorie problemlos auch auf andere Länder übertragbar ist. Die Entwicklungen, die dazu führen, dass der Adel seine autarke Burg verlässt und beginnt ein höfisches Leben zu führen, sind in der von Elias beschriebenen Weise nur im absolutistischen Frankreich vorzufinden.2 Wie Elias (1997b, S.9) selbst gesteht, ist trotz des letztlich gleichen Entwicklungsergebnisses „das Bild dieses beständigen Ringens [um die Herrschaft zwischen Adel, der Kirche und den Fürsten] und die Stärkeverhältnisse der Ringenden […] in verschiedenen Ländern sehr verschieden“. Die Frage nach der Übertragbarkeit lässt sich auch in Bezug auf die gerade erwähnte Einschränkung des betrachten Zeitraums stellen. Wie schon erläutert legt Elias seinen Betrachtungszeitraum auf eine Zeit fest, in der der Fortschritt der Zivilisierung besonders deutlich zum Vorschein kommt. Es ist offensichtlich, dass eine Untersuchung der ganzen Menschheitsgeschichte auf Zivilisierungsprozesse hin von einer Person nicht geleistet werden kann. Dennoch muss sich eine Theorie, die Anspruch auf Gültigkeit über die Grenzen des überprüften Zeitraums hinaus erhebt, die Frage nach den Beweisen ihrer Anwendbarkeit auf nicht untersuchte Zeitperioden gefallen lassen. Die Frage nach der Übertragbarkeit ist vor allem vor dem Hintergrund des in dieser Arbeit behandelten Zeitraums brisant, der sich in signifikantem zeitlichem Abstand zum Eliasschen Untersuchungszeitraum befindet und der in seinem Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation nicht behandelt wird.

Weiter von Bedeutung für diese Arbeit könnte auch der Verweis auf folgenden Punkt sein. Historiker äußerten sich häufig kritisch gegenüber der von Elias praktizierten unreflektierten Quelleninterpretation. So verweist Schwerhoff (1998, S.577) darauf, dass es Elias an „Quellenkritik“ mangelt. Eine eingehende Prüfung der Quelle vermisst man bei Elias häufig. So stuft Elias ein Stück Kriegspropaganda gegen Mitglieder einer bestimmten Glaubensrichtung als neutrale Beschreibung des mittelalterlichen Ritters ein und verwendet es ohne weitere Überprüfung als Beweismittel für den brutalen, gewaltbereiten und gewissenlosen Adeligen des Mittelalters und somit fälschlicherweise als Beleg für seine Theorie (vgl. Schwerhoff, 1998, S.577). Die einseitige Interpretation von Quellen führt konsequenterweise dazu, dass Elias sich ein nicht immer authentisches Bild der Affektlage der Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte macht. „Elias dürfte die religiös bedingten inneren Kontrollpotentiale des mittelalterlich- frühneuzeitlichen Menschen unterschätzt, den modernen Trend zur rationalen Bewirtschaftung des Affektlebens in der Form von Selbstzucht überschätzt haben“ (Kocka, 1995, S.334). Aus diesen Gründen erscheint es sinnvoll, auch die Arbeitsweise von Elias mit antiken Quellen, auf Basis derer er zu seinen Erkenntnissen über die Bewegungskultur in der Antike kommt, genauer zu betrachten.

3.3 Bewegungskultur in der Antike aus der Perspektive der Zivilisationstheorie

Elias und Dunning widmen der Anwendung der Zivilisationstheorie auf den Sport ein eigenes Buch mit dem Titel Sport im Zivilisationsprozeß. Der Fokus soll in dieser Arbeit nur auf einen Teilbereich der Untersuchungen über den Sport gelegt werden. Es wird nicht darum gehen, wie Elias und Dunning die schon ausführlich beschriebene Theorie auf den Sport allgemein beziehen, sondern um die Anwendung der Theorie auf die Bewegungskultur der Griechen in der Antike.

Die in der Theorie von Elias begründeten Vorraussetzungen, die es ermöglichen diese auf den Sport bzw. die Bewegungskultur anzuwenden, stellen sich wie folgt dar. Die Gesellschaft wandelt sich über die Zeit und mit ihr die Menschen, die in dieser Gesellschaft existieren. Sie können sich der Veränderung nicht entziehen. Ihr Verhalten, ihr Habitus, verändert sich mit der Gesellschaft. Der Sport findet innerhalb der Gesellschaft, von ihren Mitgliedern getrieben, statt. In ihm müssen sich folglich sowohl Gesellschaftszustände, wie auch Prozesse der Veränderung nachvollziehen lassen.

Den Zusammenhang zwischen Habitus im Sport bzw. der antiken Athletik und dem Entwicklungsstadium der Gesellschaft stellt Elias über das erlaubte und akzeptierte Gewaltniveau her. Er zeigt, dass sich die Anwendung wie auch die Bewertung von Gewalt deutlich in den Gesellschaften der Antike und der Moderne unterscheiden, da sie sich auf unterschiedlichen Stufen des Zivilisationsprozesses befinden. Diese Erkenntnis stimmt mit den Aussagen der Zivilisationstheorie überein, nach der erwartet wird,

„daß die Staats- und Gewissensbildung, der Grad der gesellschaftlich zulässigen physischen Gewalt, die Scham- und Peinlichkeitsschwellen gegenüber dem Gebrauch und Erleben von Gewalt in verschiedenen Stadien der Gesellschaftsentwicklung unterschiedlich modelliert sind“ (Elias und Dunning, 1982, S.16).

Auf den Sport bzw. die Bewegungskultur angewendet, kommt Elias zu dem Ergebnis, dass sowohl Differenzen in der Anwendung und Bewertung von Gewalt, wie auch Differenzen in der Affektkontrolle des antiken und modernen Individuums existent sein müssen. Diese versucht er nachzuweisen.

Elias betont also die Unterschiede der antiken Bewegungskultur zum modernen Sport. Er kritisiert in seinem mit Dunning veröffentlichten Buch Sport im Zivilisationsprozeß die Tendenz vieler Autoren, die sich mit dem Gebiet der Bewegungskultur in der Antike beschäftigt haben, die Ähnlichleiten zwischen Antike und Moderne zu sehr zu betonen, während sie die Unterschiede in ihrer Bedeutung reduzieren. Elias will dieser Verschleierung der wahren Tatsachen entgegenwirken. Bereiche, in denen die Differenz besonders augenscheinlich ist, sind seiner Meinung nach „das Ethos der Wettkämpfer, die Standards, nach denen Athleten bewertet wurden, die Wettkampfregeln und der individuelle Einsatz im Wettkampf“ (Elias und Dunning, 1982, S.15). Diese einzelnen von Elias benannten Themengebiete sollen zunächst durch weitere Aussagen in seinem Buch erläutert und im Laufe dieser Arbeit anhand von neueren Forschungsergebnissen überprüft und erweitert werden.

Nach Elias stellt das akzeptierte Gewaltniveau den Hauptunterschied zwischen antiker Bewegungskultur und modernem Sport dar. Die höhere Akzeptanz liegt in den Charakteristika der antiken Gesellschaft begründet. Elias betont die Bedeutung der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, will man bestimmte sportliche Ausprägungsformen, wie ein hohes Gewaltpotential, verstehen.

„In short, the fluctuating level of civilization in game-contests must remain incomprehensible if one does not connect it at least with the general level of socially permitted violence, of the organization of violence - control, and with the corresponding conscience formation in given societies” (Elias und Dunning, 1993, S.143).

Die Monopolisierung der Gewalt in der heutigen Gesellschaft, die das Individuum zwingt seine Affekte zu kontrollieren, war in der Antike nicht in dem Maße gegeben. Elias (1982, S.16) verweist darauf, dass „heutige Nationalstaaten als zentrales Strukturmerkmal über eine relativ fest und unpersönliche Monopolisierung der physischen Gewalt und der Kontrolle ihrer Anwendung verfügen“. Dem entgegen stellt er (Elias und Dunning, 1982, S.16) die griechischen Stadtstaaten der Antike, in denen Gewalt nichts Ungewöhnliches war, da sich die Mitglieder einer Polis in ihrem Leben viel häufiger dazu gezwungen sahen, gegen Andere Gewalt auszuüben. Das Fehlen von Institutionen, die den Einzelnen vor Übergriffen schützten und Kriminelle bestraften, führte nach Elias (1982, S.38) dazu, dass diese Aufgabe den Verwandten zufiel, die Straftaten mit der Anwendung von Gewalt ahndeten.

Das hohe Maß an Gewalt im Wettkampf wird durch diesen Sachverhalt jedoch noch nicht erklärt, an anderer Stelle von Elias aber folgendermaßen begründet. Körperertüchtigung diente den sich ständig gegeneinander im Krieg befindenden Stadtstaaten, die vom Kampfethos eines Kriegsadels beeinflusst wurden, als Vorbereitung auf kriegerische Auseinandersetzungen. Dem entsprechend ging es darum die Tugenden des Kriegs auch im Wettkampf zu demonstrieren. Sieg bedeutet Ruhm für Athlet und Polis, frühzeitige Aufgabe Schmach und Schande (vgl. Elias und Dunning, 1982, S.24). Eine weitere Erkenntnis über die antike Gesellschaft, die die größere Bereitschaft zur Gewaltanwendung im Alltag wie auch beim Wettkampf erklären soll, ist der Hinweis auf die nur wenig vorangeschrittene Gewissensbildung. Elias räumt ein, dass Ansätze zu erkennen sind, stellt aber fest, „dass die Gewissensbildung noch nicht die heutige Internalisierung, Individualisierung und Autonomie erreicht hatte“ (1982, S.36). Dies bedeutet, dass sich die Menschen der Antike in ihrem Handeln nicht in gleichem Maß auf ihre innere Stimme verlassen konnten, sondern sich an Regeln und Geboten orientierten, die sie aus dem Handeln ihrer Heroen und Götter ableiteten. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass die griechischen Wörter, die dem heutigen Begriff des Gewissen am nächsten kommen, mit Ehrfurcht und Achtung vor den Göttern, übersetzt werden können (vgl. Elias und Dunning, 1982, S.36).

Da Elias die Möglichkeit der Anwendung seiner Theorie auf den Sport auch auf Grund des von ihm in Erfahrung gebrachten Wissens über die Ausprägungsformen der Bewegungskultur in der Antike beweist, ist es im weiteren Verlauf dieser Arbeit nötig, seine Aussagen zu diesem Themengebiet zusammenzufassen. Die Überprüfung dieser Aussagen wird jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen können. Elias weist mit Recht darauf hin, dass die unreflektierte Gleichstellung von athletischen Disziplinen der Antike mit heutigen Sportarten, wenn auch wie im Falle des Ringens durch die gleiche Benennung gefördert, einer genaueren Betrachtung nicht standhält. Das Ringen der Antike ist mit dem Ringen der Moderne nicht gleichzusetzen. Elias verdeutlicht den Unterschied anhand der nur geringen Regelung in der Antike, die es erlaubte dem Gegner schwere Verletzungen zuzufügen. Gerade die Bereitschaft zu töten, die Elias (vgl. 1982, S.20f.) beim antiken Schwerathleten nachzuweisen versucht, kontrastiert er mit heutigen Zuständen.

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1 Athletik: die von berufsmäßig kämpfenden Athleten ausgetragenen Wettkämpfe im antiken Griechenland (Wermke et al., 2001, S.99).

2 Auf Unterschiede in der Struktur der angesprochenen Länder verweist Marx (1996, S.294).

Details

Seiten
88
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640096152
ISBN (Buch)
9783656238539
DOI
10.3239/9783640096152
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111565
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Sport- und Sportwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Bewegungskultur Hintergrund Zivilisationstheorie

Autor

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Titel: Die antike griechische Bewegungskultur vor dem Hintergrund der Zivilisationstheorie