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Sozialarbeitswissenschaft - Ein wissenschaftlicher Bezugsrahmen für die Profession Soziale Arbeit?

Hausarbeit 2008 32 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

0 Vorwort

1 Einleitung

2 Soziale Arbeit im Umbruch
2.1 Gesellschaftliche Bedingungen im europäischen Kontext
2.2 Hochschulpolitische Veränderungen/„Bologna-Prozess“

3 Kontroverse Diskussion um die Sozialarbeitswissenschaft
3.1 Positionen der universitären Sozialpädagogik
3.2 Positionen der Sozialarbeitswissenschaft

4 Eigenständige Sozialarbeitswissenschaft
4.1 Definitionen der Sozialarbeitswissenschaft
4.2 Traditionslinien. Von der Fürsorgewissenschaft zur Sozialarbeitswissenschaft
4.3 Das Wissenschaftsverständnis der Sozialarbeitswissenschaft
4.4 Der disziplinäre Ansatz nach Erath
4.4.1 Grundsätze
4.4.2 Konstituierung der Sozialarbeitswissenschaft
4.4.3 Wissenschaftstheoretische Aspekte
4.4.4 Theorien der Sozialarbeitswissenschaft
4.4.5 Schlussbetrachtung zum disziplinären Ansatz nach Erath

5 Die Bedeutsamkeit der Sozialarbeitswissenschaft für die Profession Soziale Arbeit

6 Thesen zur Sozialarbeitswissenschaft

7 Zusammenfassung

8 Schlüsselwörter

9 Literaturverzeichnis

Erklärung

0 Vorwort

In meiner 20-jährigen Tätigkeit als Sozialarbeiter habe ich nahezu keine KollegInnen kennengelernt, die sich mit Theorien der Sozialen Arbeit beschäftigt hätten. Im Gegensatz dazu wurden und werden Theorien aus den Bezugswissenschaften häufig herangezogen, insbesondere aus den Bereichen der Psychologie, der Soziologie und der Politik. Die Auseinandersetzung erfolgt dabei nicht nur mit handlungsbezogenen Theorien, sondern auch mit Metatheorien. Es stellt sich nun die Frage, warum die Theorien der Sozialen Arbeit so wenig Beachtung bei den in der Praxis stehenden KollegInnen fanden und finden. Meiner Einschätzung nach lag dies an der Ausbildungssituation, der Lehre an Fachhochschulen. Für den Zeitraum und die Örtlichkeiten, die ich überblicke (ich habe in den achtziger Jahren in Mönchengladbach Sozialarbeit studiert), spielte die Theorie und Gegenstandgeschichte der Sozialen Arbeit gegenüber den Bezugswissenschaften nur eine untergeordnete, ja randständige Rolle.

„Die Ausbildung für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen an Fachhochschulen erinnerte in den 70er und 80er Jahren (...) an orientalische Basare. Unter den Namen Sozialwesen, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialarbeit/Sozialpädagogik (…) gab es an verschiedenen Orten kunterbunte Lehrangebote. (…) Die Studierenden wurden nominell für Soziale Arbeit ausgebildet. Soziale Arbeit als eigenständiges Fach existierte dort aber gar nicht“ (Engelke 2003, S. 461 f.).

Folglich ergeben sich daraus evidente Probleme mit der professionellen Identifikation, so zumindest mein subjektiver Eindruck. Die Sozialarbeitswissenschaft oder Wissenschaft der Sozialen Arbeit hat in diesem Zusammenhang mein Interesse geweckt. Kann diese neue Fachwissenschaft einen Beitrag dazu leisten, die beschriebenen Defizite abzubauen?

1 Einleitung

Die Soziale Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland ist im Umbruch begriffen. Die zunehmende wirtschaftliche und politische Vereinigung in Europa führt auch zu einer veränderten Sozialstaatlichkeit neoliberaler Couleur. Die Verknappung der finanziellen Ressourcen und die damit zusammenhängende Ökonomisierung Sozialer Arbeit verschärfen diesen Prozess. Individualisierung, Werteverfall etc. sind weitere Bedingungen, die Soziale Arbeit beeinflussen.

Einen weiteren „Landschaftsaspekt“ bildet der sogenannte „Bologna-Prozess“. Mit der Einführung der Masterstudiengänge, auch im Bereich der Sozialen Arbeit, steht die Lehre, die Wissenschaft der Sozialen Arbeit und die Profession vor neuen Herausforderungen.

In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Klinische Sozialarbeit attestieren Geißler-Piltz und Gerull den Praktikern der Sozialen Arbeit eine unzureichende berufliche Identität (vgl. Geißler-Piltz/Gerull 2007, S. 12). Durch den oben beschriebenen Prozess der Ökonomisierung des Sozialen gerät die Soziale Arbeit zunehmend unter einen Legitimationsdruck. Mit dem nur unzureichend ausgebildeten beruflichen Selbstbild ist die Soziale Arbeit nicht genügend auf Umbrüche vorbereitet. Im Sozial- und Gesundheitssektor besteht auch zunehmend die Gefahr, durch andere Berufsgruppen verdrängt und substituiert zu werden.

Pfaffenberger verteidigte 1974 als einer der ersten Wissenschaftler die Notwendigkeit der Inauguration einer Sozialarbeitswissenschaft (vgl. Wendt 1994b, S. 19). 1992 veröffentlichte Engelke sein Werk Soziale Arbeit als Wissenschaft. Seither ist nach einer langen Latenzphase in der Theoriediskussion der Sozialen Arbeit ein heftiger Streit um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft oder Wissenschaft der Sozialen Arbeit entbrannt. Die Gegner sprechen der Sozialarbeitswissenschaft ihre Existenzberechtigung ab. Einige Befürworter bzw. Gründer der deutschsprachigen Sozialarbeitswissenschaft wollen sich aus den Fängen der universitären Sozialpädagogik befreien und sehen in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit die einzige legitime Vertreterin des Gegenstandsbereiches der Sozialen Arbeit.

Kann eine autonome Sozialarbeitswissenschaft die disziplinäre und professionelle Identität Sozialer Arbeit stärken, um sie somit adäquat auf die sozialpolitischen, gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Umwälzungen vorzubereiten?

In der vorliegenden Hausarbeit soll zunächst der Kontext, in der sich Soziale Arbeit bewegt, kurz skizziert und anschließend die kontroverse Diskussion um die Sozialarbeitswissenschaft nachgezeichnet werden. Die Darstellung der Sozialarbeitswissenschaft erfolgt anhand der Auffassung von Erath. Wobei auch Positionen u. a. von Mühlum, Wendt, Engelke beachtet und kritisch auf ihren Nutzen für die Profession Soziale Arbeit überprüft werden.

2 Soziale Arbeit im Umbruch

Soziale Arbeit als gesellschaftliches Teilsystem ist von den Prozessen, die mit den Begriffen Globalisierung, europäische Sozialstaatlichkeit, Neoliberalismus markiert werden, unmittelbar betroffen und wird durch diese beeinflusst. Zunehmende Individualisierung einhergehend mit den fortschreitenden Abbau familiärer Systeme war seit jeher konstituierend für die Profession der Sozialen Arbeit und sie steht durch die Postmoderne mit ihrem Verfall an traditionellen Werten vor neuen Herausforderungen und unter Innovationsdruck. Engelke hat die Soziale Arbeit in Profession, Wissenschaft und Lehre untergliedert (vgl. Engelke 1992, S. 10). Letztgenannter Teil, die Hochschulpolitischen Veränderungen, die in der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge ihren Niederschlag finden, bringen auch für die Sozialarbeit und Sozialpädagogik tief greifende Veränderungen mit sich.

Im folgenden Kapitel sollen die relevanten Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit kurz skizziert werden.

2.1 Gesellschaftliche Bedingungen im europäischen Kontext

Dahme und Wohlfahrt weisen darauf hin, dass der neoliberale Umbau und Abbau des Wohlfahrtstaates eine europäische Dimension erlangt habe (vgl. Dahme u. a. 2004, S. 24 ff.).

„Der Um- und Rückbau des Sozialstaates findet unter der Losung statt, dass in Zeiten der Globalisierung bzw. Europäisierung zwar der Sozialstaat auch weiterhin zur Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts gebraucht wird, aus Wettbewerbsgründen aber nicht mehr das mobile Kapital und die Besserverdienenden mit seiner Finanzierung belastet werden können“ (ebd., S. 24).

Die in Deutschland veränderte Sozialgesetzgebung mit den in den Jahren 2004 und 2005 in Kraft getretenen sogenannten „Hartz IV“ Gesetzen läutete die größte sozialpolitische Veränderung der Nachkriegsgeschichte ein, die mit den Schlagwörtern „Fordern und Fördern“ umschrieben werden kann. Die oben genannten Autoren weisen auf die Ökonomisierung mit der Tendenz zur Effizienzorientierung in den Bereichen der Sozialen Arbeit hin. Und dies hat Auswirkungen auf die Ziele und die Methodik der Sozialen Arbeit.

„In dem Maße wie es steuernden Instanzen gelingt, Effektivität, Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu den obersten Zielen Sozialer Arbeit zu erheben, gewinnen sie nicht nur zunehmenden Einfluss auf die Art und Weise, wie Soziale Arbeit zukünftig organisiert wird, sondern auch auf die Durchführung und Methoden Sozialer Arbeit“ (ebd., S. 33).

Drastisch formuliert dies Pantucek

„Unter Managerialism versteht man die Pervertierung betriebswirtschaftlicher Rezepte zur Leitideologie. In der Sozialen Arbeit ist der Managerialism spätestens seit dem Einzug von Modellen des „New Public Managements“ bzw. der „Neuen Steuerung“ bei den öffentlichen Trägern eine ständige Herausforderung für die Erhaltung der fachlichen Autonomie“ (Pantucek 2006, S. 3).

Die Soziale Arbeit kann die Frage nach der Wirksamkeit ihrer Tätigkeit nicht umgehen - wenn dies auch seine klaren Grenzen wie z. B. bei der sozialraumorientierten Arbeit hat – doch ein strikte Subordination unter die Wirtschaftperspektive muss kritisch hinterfragt werden. Ethische, anthropologische und gesellschaftstheoretische Aspekte mögen hier der wirtschaftlichen Denkweise diametral gegenüberstehen, aber auch wissenschaftliche, sozialarbeitswissenschaftliche Bedenken müssen beachtet werden. Sozialarbeitswissenschaft hat als einen Gegenstand die sozialen Probleme und deren Überwindung in ihrem Fokus. Die Erkenntnisse dieser Wissenschaft der Sozialen Arbeit, so wie sie die soziale Probleme wahrnimmt, bewertet und eigenständige Lösungsvorschläge entwickelt sind i. d. R. nicht mit ökonomischen Prinzipien kompatibel.

2.2 Hochschulpolitische Veränderungen/„Bologna-Prozess“

Die oben beschriebenen Veränderungen des europäischen Zusammenschlusses haben zwischenzeitlich auch den Bildungssektor erreicht, insbesondere im Hochschulbereich mit der Installierung der angloamerikanischen Bildungsabschlüsse. Die europäischen Staaten einigten sich 1999 in der Bologna-Erklärung auf eine umfangreiche Studienreform, welche die im Kern international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master beinhaltet. Die Harmonisierung des europäischen Hochschulbildungssystems steht im Zusammenhang mit der weiteren Öffnung des Binnenmarktes. Angestrebt werden Vergleichbarkeit der Abschlüsse, Transparenz und letztendlich die dadurch verbesserte Möglichkeit der Mobilität (vgl. Hochschulrektorenkonferenz).

Bei der Installierung der postgradualen und konsekutiven Masterstudiengänge zeigten sich die Fachhochschulen als Vorreiter. Für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen besteht erstmals die Möglichkeit, einen höheren akademischen Abschluss zu erlangen, der grundsätzlich die Berechtigung zur Promotion ermöglicht. Ein vermehrter Andrang der Sozialen Arbeiter M.A. mit Promotion in die Lehre von Fachhochschulen ist zu erwarten und zu begrüßen. Bislang wurde die Lehre überwiegend durch Professoren der Bezugwissenschaften übernommen und trug dadurch zur Identitätskrise der Profession Soziale Arbeit bei. Nachrückende Wissenschaftler mit einem sozialarbeiterischen Background werden voraussichtlich der jungen Disziplin Sozialarbeitswissenschaft neue Impulse geben.

3 Kontroverse Diskussion um die Sozialarbeitswissenschaft

In zahlreichen Länder des europäischen Raumes und in den angloamerikanischen Staaten hat sich seit vielen Jahrzehnten eine autonome Wissenschaft der Sozialen Arbeit etabliert, am elaboriertesten in den Vereinigten Staaten mit der Science of Social Work. Die Situation um die disziplinäre Verortung der Sozialen Arbeit in Deutschland wird seit den 1990er Jahren kontrovers diskutiert. Den Hintergrund dieser Fachdiskussion bilden die in Deutschland seit der Weimarer Zeit zu unterscheidenden Traditionslinien Sozialer Arbeit: einmal der fürsorgliche (sozialarbeiterische) Ansatz, zum anderen der aus der Jugendfürsorge entwickelte sozialpädagogische Ansatz (vgl. Scherr 2002, S. 259). Diese in Deutschland exklusive Situation führte zu folgender Verortung in der wissenschaftlichen Diskussion um die Soziale Arbeit, die inhaltliche und hochschulpolitische, machtmotivierte Momente enthält.

- Vertreter der universitären Sozialpädagogik sehen die Soziale Arbeit in der Gänze der Sozialpädagogik als Subdisziplin der Hochschulpädagogik verankert.
- Andere Vertreter, die überwiegend an Fachhochschulen lehren und partiell in der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit aktiv sind, vertreten eine autonome Sozialarbeitswissenschaft (vgl. ebd., S 261).

Beide z. T. konträren Positionen werden in den nachfolgenden Unterpunkten näher erläutert.

3.1 Positionen der universitären Sozialpädagogik

Skizzenhaft und simplifizierend sollen hier Positionen der universitären Sozialpädagogik im Vergleich mit der Sozialarbeitswissenschaft wiedergegeben werden, obwohl mir natürlich bewusst ist, dass es keine einheitliche Auffassung der Vertreter der universitären Sozialpädagogik gibt.

Im Zentrum der sozialpädagogischen Betrachtung – im Hinblick auf ihr Bezugsproblem - stehen die beschädigten Subjektivität ihrer Adressaten und die Hilfe zur Lebensbewältigung. Diese soll zu einer selbstbestimmteren Lebenspraxis führen (vgl. Spatscheck, S. 1). Wie Sozialpädagogik in sich selbst verortet verstanden wird, sollen folgende Aussagen verdeutlichen:

- Sozialpädagogik ist überwiegend in der Erziehungswissenschaft verwurzelt, deren Kernelemente mit den Begriffen Lernen, Bilden, Erziehen und Beraten bezeichnet werden können.
- Sozialpädagogik ist die Leitwissenschaft der Pädagogik, mit der „Pädagogik des Sozialen“.
- Sozialpädagogik wird häufig unter anderen Pädagogikformen aufgeführt. Als Beispiele seien die Freizeit- und Medienpädagogik genannt (vgl. Dewe u. a. 1996, S. 118).

Trotz der unterschiedlichen Ausrichtungen haben sich in der universitären Sozialpädagogik massive Widerstände bzw. Kritikpunkte gegen die Konstituierung einer Sozialarbeitswissenschaft gebildet.

- In der Sozialen Arbeit gab es neben dem Zweig der Fürsorgewissenschaften stets einen pädagogischen Zweig. Es wird den Vertretern der Sozialarbeitswissenschaften vorgeworfen, dass sie nur einen Teil der Historie Sozialer Arbeit berücksichtigten (vgl. Vahsen 1996, S. 10).
- Die Hauptakteure der Sozialarbeitswissenschaft interpretieren die amerikanischen Vertreter einer Science of Social Work falsch, die sie als ein Argument für die Installation ihrer wissenschaftlichen Position benutzen (vgl. ebd., S. 10).
- Sozialarbeitswissenschaft distanziert sich von einem sozialpädagogischen, pädagogischen Verständnis, das es in dieser Form längst nicht mehr gibt (vgl. Merten 1996, S. 64). „Pädagogik, und mit ihr Sozialpädagogik wird implizit reduziert auf ein face-to-face-Geschehen (im Sinne Rousseaus), bzw. in einer aus der Sicht der >>SozialarbeitswissenschaftlerInnen<< fortgeschritteneren Variante mit >Geisteswissenschaftlicher Pädagogik< gleichgesetzt“ (Merten 1996, S. 64). Scherr weist in diesem Zusammenhang auf die seit den siebziger Jahren zunehmende Öffnung der Sozialpädagogik in Richtung Sozialwissenschaften hin, wenngleich diese in den 1990er Jahren wieder kritisiert wurde (vgl. Scherr 2002, S. 265).

3.2 Positionen der Sozialarbeitswissenschaft

So wenig wie es die Position der einen Sozialpädagogik gibt, kann auch nicht von einer einheitlichen Sozialarbeitswissenschaft gesprochen werden. Dies zeigt sich schon in der Begrifflichkeit. Mühlum benutzt die Bezeichnung „Sozialarbeitswissenschaft“ synonym mit dem der „Wissenschaft der Sozialen Arbeit“, so ebenfalls Wendt. Engelke nennt seinen disziplinären Ansatz „Wissenschaft Soziale Arbeit“. Erath dagegen bevorzugt den Terminus „Sozialarbeitswissenschaft“. Die begrifflichen Differenzen markieren nicht nur semantische Unterschiede, sondern beinhalten zwischenzeitlich differierende wissenschaftliche Auffassungen. Nach meiner Einschätzung lassen sich dabei heutzutage zwei Orientierungen feststellen:

- Ansätze mit einer abgrenzenden Haltung gegenüber der universitären Sozialpädagogik. Es handelt sich um Ansätze, die sich einer systemischen oder ökosozialen Sozialarbeit verschrieben haben. Als deren Protagonisten können u. a. Wendt, Staub-Bernasconi und Erath gesehen werden. Der Ansatz kann als „Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne“ bezeichnet werden.
- Ansätze mit einer integrativen Haltung gegenüber der universitären Sozialpädagogik. Von der sozialarbeiterischen Seite kommend schließen deren Vertreter seit diesem Jahrzehnt die sozialpädagogische Sichtweise mit ein. Soziale Arbeit wird hier als Oberbegriff der Felder Sozialarbeit und Sozialpädagogik betrachtet. Engelke hat in einer elaborierten Form die Wissenschaftshistorie, die wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse und den Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit verfasst und deren Unabhängigkeit von den Bezugswissenschaften postuliert. Diese Sichtweise kann als „Sozialarbeitswissenschaft im weiteren Sinne“ oder als „Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit“ bezeichnet werden. Mir ist bewusst, dass die Vertreter der Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne auch stellenweise den Terminus „Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ wählen, was z. T. zu Unschärfe und Konfusion in der Fachdiskussion führt.

Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne mit ihrer abgrenzenden Rhetorik möchte sich mit der zunehmenden Konstituierung ihres disziplinären Bezugsrahmens für die Soziale Arbeit von der universitärer Sozialpädagogik lösen (Subordination).

„Ein zentraler Ausgangspunkt der Bemühungen um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft ist (…) die Annahme, dass die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit nicht hinreichend und umfassend im Rahmen einer erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin, also durch die Sozial-Pädagogik, beforscht werden können. Denn bei der Sozialen Arbeit, so A. Mühlum (…), handle es sich um ein „intermediäres Aufgabenfeld an der Schnittstelle der (…) gesellschaftlichen Funktionsbereiche“, der „Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik und Rechtspolitik“. Zudem sei eine „Sozialpolitisierung“ ihrer Arbeitsfelder zu konstatieren, der eine allein pädagogische Reflexion nicht gerecht werde“ (Scherr 2002, S. 265).

Mühlum nennt folgende Gründe, die für eine autonome Sozialarbeitswissenschaft sprechen:

- Berufliche Identität
- Aspekt der Professionalität
- Spezielles Expertensystem
- Unabhängigkeit von Bezugswissenschaften, inklusive der universitären Sozialpädagogik (vgl. Mühlum 1994, S. 41 ff.)

Der Auffassung Wendts zustimmend lässt sich zusammenfassend Folgendes formulieren:

„Die Soziale Arbeit hat wissenschaftlich einen eigenen disziplinären Status. Dies ist die These, von der ich ausgehe und die zu begründen sein wird. Die These impliziert: Ich beziehe mich in der Theoriebildung, die der Sozialen Arbeit eigen ist, nicht auf Bezugsdisziplinen. Der Profession und Praxis der Sozialarbeit sind die Bezugsdisziplinen zugewachsen, aber sie sind nicht ihr Fundament. Die Bezugsdisziplinen können nicht als Erzeuger der Disziplin der Sozialen Arbeit auftreten. Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit muss sich nicht von Bezugsdisziplinen emanzipieren, als wäre sie – wie man oft hört und liest – ihr Abkömmling, bedürfte ihrer als Leitwissenschaften, hätte diesen Disziplinen zu verdanken, was sie an Theorie enthält und könnte kaum auf eigenen Füßen stehen. Nein, das Theoriegebäude der Sozialen Arbeit besitzt ein von anderen Disziplinen unabhängiges Fundament. Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit ruht auf einer sozialen Aufgabenstellung und ihrer Wahrnehmung. Diese Aufgabenstellung hat die Soziale Arbeit „diszipliniert“. Und zwar, bevor sie professionalisiert wurde und im beruflichen Handeln auf Erkenntnisse und Verfahren aus anderen Fachgebieten zugriff“ (Wendt, 2006, S. 1).

4 Eigenständige Sozialarbeitswissenschaft

Thole formuliert krass, dass die Sozialarbeitswissenschaft „out“ sei. (vgl. Thole 2000, S. 228). Dass diese Einschätzung nach meiner Auffassung nicht zutrifft, zeigen die weiteren wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Sozialarbeitswissenschaft. Im letzten Teil dieses Kapitels wird exemplarisch der Ansatz von Erath in komprimierter Form aufgeführt. Der letztgenannte Autor hat erst im Jahr 2006 eine unfangreiche Einführung in die Sozialarbeitswissenschaft verfasst. „Out“? 2001 wurde die Fachwissenschaft Soziale Arbeit durch die Konferenz der Rektoren und Präsidenten der Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland und von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder offiziell anerkannt (vgl. Mühlum 2004, S. 7). Ein weiteres Indiz dafür, dass die Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit „in“ ist. Was konkret unter der „Sozialarbeitswissenschaft“ verstanden wird, soll im Weiteren erläutert werden.

4.1 Definitionen der Sozialarbeitswissenschaft

Eine klare Definition der Sozialarbeitswissenschaft ist nicht möglich. Unter dem Kapitel 3.2 wies ich bereits darauf hin, dass sich zwei grobe Richtungen innerhalb der Sozialarbeitswissenschaft konstituiert haben. Zum einen die „Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne“ und die „Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit“. Klüsche versuchte 2002, unterschiedliche Definitionen der Sozialarbeitswissenschaft oder Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit zu formulieren und wählte dafür unterschiedliche Zugangsweisen bzw. Akzentuierungen. Ein Standpunkt seiner Betrachtung geht von den Bezugswissenschaften aus. Dabei können wir von einer sog. „Negativdefinition“ der Sozialarbeitswissenschaft sprechen.

„Soziale Arbeit ist keine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft, sondern – wie diese – Teildisziplin einer Wissenschaft von den personenbezogenen Dienstleistungen – man könnte auch sagen: Beziehungswissenschaft – weitere Teildisziplinen wären etwa die Gesundheitswissenschaften, die Pflegewissenschaften, die Bildungswissenschaften, die Therapiewissenschaften“ (Klüsche 2004, S. 252).

Eine andere Definition stellt das gelingende Leben in zwischenmenschlichen Zusammenhängen in den Mittelpunkt.

„Soziale Arbeit als Teildisziplin einer Beziehungswissenschaft untersucht die sozialen und individuellen Bedingungen, die Methoden und Medien, die Gesetze, Normen und Werte, die vorhanden sind oder fehlen und für den Prozeß der Produktion sinnvoller Lebensbedingungen im Kontext unterschiedlicher Systemanforderungen eingesetzt werden (könnten oder sollten)“ (ebd., S. 253).

Den Gegenstand einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit zeigt die nächste Definition.

„Eine Sozialarbeitswissenschaft sollte in der Lage sein, den Gegenstand zu beschreiben, zu erklären, Entwicklungen vorherzusagen und Ansätze zu dessen Beeinflussung aufzuzeigen. Zu den konstitutiven Elementen des Gegenstandes der Sozialen Arbeit zählen:

Eine Definition der belastenden Situation (Problemlage), ein von einer sozialen Problemlage Betroffener (Adressat), ein gegen Entlohnung soziale Hilfe Leistender (Professioneller), eine zur Überwindung sozialer Problemlagen geschaffene Organisation (Institution) und die soziokulturellen Rahmenbedingungen, durch die die anderen bisher genannten Elemente in ihren Ausprägungen und Handlungsspielräumen definiert werden“ (ebd., S. 253).

Eine Zusammenfassung diverser Definitionen inklusive der metatheoretischen Ebene der Funktion und inhaltlichen Bestimmung zeigt folgende Definition:

„Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit ist eine empirisch ausgerichtete Sozialwissenschaft, die sich mit der Beschreibung, Erklärung und Lösung von sozialen Problemen und der Bewältigung von Lebensaufgaben beschäftigt und dazu wissenschaftlich fundierte Handlungskonzepte entwickelt. Insbesondere befasst sich die Soziale Arbeit wissenschaftlich und praktisch mit dem komplexen Wechselbeziehungen von Individuum und sozialer Umwelt“ (ebd., S. 254).

Zusammenfassend hat Klüsche die Disziplin der Sozialen Arbeit wie folgt definiert:

„Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit ist die Lehre von Definitions-, Erklärungs- und Bearbeitungsprozessen gesellschaftlich und professionell als relevant angesehener Problemlagen“ (ebd., S. 256).

4.2 Traditionslinien. Von der Fürsorgewissenschaft zur Sozialarbeitswissenschaft

Von universitärer Seite wurde und wird die Existenz einer Sozialarbeitswissenschaft negiert, und die Bemühungen um die Konstituierung dieser Disziplinen werden fast schulmeisterlich belächelt. Oben wurde bereits Thole erwähnt, auch im Einführungsscript „Theorie und Gegenwartsgeschichte Sozialer Arbeit“ von May ist die Wortwahl provokativ. Wörtlich schreibt er:

„Dem gegenüber wird an einigen Fachhochschulen fleißig an einer eigenen eher geschlossenen Sozialarbeitswissenschaft gestrickt (…). Deren „theoretische Unterbelichtung“ wiederum wird im Rahmen einer universitären Sozialpädagogik eher herablassend denn milde belächelt“ (May, S. 10).

Bei diesen Äußerungen wird sichtbar, dass die lange Traditionslinie, die vorwissenschaftliche Phase Sozialer Arbeit, nicht beachtet und ferner die international etablierte Science of Social Work gänzlich ignoriert wird. Im Folgenden soll nun kurz die Traditionslinie der Sozialen Arbeit nachgezeichnet werden. Es werden hier nur die deutschsprachigen Autoren erwähnt, denn eine Adaption insbesondere der angloamerikanischen Literatur hat nahezu noch nicht stattgefunden.

Bereits seit dem Mittelalter gab es Theorien oder Theorieversatzstücke der Armenpflege, die als vorwissenschaftliche Phase der Sozialarbeitswissenschaft gelten können. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts fand eine Modernisierung der Sozialen Arbeit in den Bereichen der Wissenschaftsentwicklung und der Praxis der Sozialen Arbeit statt.

Für eine erste Disziplinwertung steht der Begriff der „Fürsorgewissenschaft“. Als Vertreter der universitären Fürsorgewissenschaft können Christian Jasper Klumker und Hans Scherpner genannt werden. Erstgenannter war der erste Inhaber eines Lehrstuhles für das Fürsorgewesen. Klumker setzte sich mit vier Aspekten der Fürsorge auseinander:

- Entwicklung einer eigenständigen Fürsorgewissenschaft außerhalb der Volkswirtschaftslehre,
- Bemühungen, die wissenschaftliche Fürsorge von der religiös geprägten Arbeit der Caritas und der inneren Mission abzugrenzen,
- Versuche zur Bildung eines Fachvokabulars.

Als eine weitere Vertreterin der Fürsorgewissenschaft gilt Ilse Arlt. Im Fokus ihrer Bemühungen stand die Klärung bzw. Lösung sozialer Problemlagen (insbesondere Armut). Sie setzte sich insbesondere für die intensive Erforschung dieses Feldes ein und plädierte für den Einsatz speziell qualifizierter Kräfte. Eine der Hauptvertreterinnen der modernen Sozialarbeitswissenschaften, Staub-Bernasconi, beruft sich bei ihrer Forschungsarbeit und Wissenschaftsperspektive auf den Ansatz von Arlt (vgl. Maier 1996, S. 127 ff.). Alice Salomon gilt als eine weitere Pionierin der deutschen Sozialarbeit. Sie prägte insbesondere die Methodendiskussion innerhalb der Sozialen Arbeit. Sie war maßgeblich an der Etablierung der Sozialen Einzelfallhilfe (case work) in Deutschland, die durch die amerikanische Autorin Mary Richmond entwickelt wurde, beteiligt. Ferner schuf Salomon eine Theorie des Helfens und gründete im Jahr 1932 die erste konfessionell übergreifende „Soziale Frauenschule“ in Berlin (vgl. Mühlum 2004, S. 16 f).

Die o. g. Autoren markieren nach Mühlum die erste Theoriephase der Sozialen Arbeit, die von 1910 bis 1935 andauerte. Als zweite Theoriephase deklariert er die Zeit von 1950 bis 1972. Diese Phase nach dem Dritten Reich war zunächst durch eine Vakanz an Theoriebildung geprägt und kam anschließend nur zögerlich in Bewegung. Die Theoriebeiträge bezogen sich zunächst überwiegend auf die Methodologie der Sozialen Arbeit mit der Einführung der sog. „Methodentrias“: Soziale Einzelfallhilfe, Soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Sukzessive setzte eine kritische Reflexion der Sozialen Arbeit ein. Diese Phase ist von einer sozialwissenschaftlichen Theoriebildung gekennzeichnet.

Die dritte Theoriephase der Sozialen Arbeit von 1973 – 1991 hängt nach Mühlum mit der Reformbewegung nach 1968 zusammen. Nach Mühlum können die Ansätze in eine sozialintegrative Form, „das heißt auf Anpassung und Eingliederung bedachte, oder als kritisch emanzipatorische, das heißt auf Befreiung und Veränderung zielende, Konzepte unterschieden werden“ (Mühlum 2004, S. 20). In einem weiteren Schritt setzte eine professionstheoretische Diskussion ein.

Die vierte Theoriephase kennzeichnet die Phase ab 1992. Die eigentliche Phase der Sozialarbeitswissenschaft. Wie oben bereits erwähnt stieß Engelke mit seinem Werk „Soziale Arbeit als Wissenschaft“ eine breite Fachdiskussion an. Seither erschienen, wie oben bereits erwähnt, zahlreiche Publikationen zum Thema Sozialarbeitswissenschaft oder Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit, u. a. die Arbeiten von Wendt, Mühlum, Erath etc..

Bei den Traditionslinien der Sozialarbeitswissenschaft wurde die Theoriezeit des Nationalsozialismus von Seiten Mühlums ignoriert. Dieses dunkle Kapitel der Sozialen Arbeit wurde ausführlicher von Engelke aufgeführt (vgl. Engelke 1992, S. 218 ff.). Es wurde deutlich, dass die Sozialarbeitswissenschaft eine lange Tradition aufweisen kann, mit einer vorwissenschaftlichen Phase und einer Phase der Fürsorgewissenschaft. Seit den 1970er Jahren kann eine zunehmende Ausrichtung in Richtung Sozialwissenschaften und einer sozialgesellschaftskritischen Ausrichtung der Sozialen Arbeit gesehen werden. Nach meiner Auffassung kam es in den 1990er Jahren zu einer starken Abgrenzung gegenüber der universitären Sozialpädagogik und den Bezugswissenschaften. Es wurden Ansätze einer autonomen Sozialarbeitswissenschaft gebildet. In den letzten Jahren konnte sich die Sozialarbeitswissenschaft zunehmend in Forschung und Lehre etablieren. Dies zeigt sich auch in der Anerkennung durch die Hochschulrektorenkonferenz und der Konferenz der Kultusminister der Länder im Jahr 2001.

4.3 Das Wissenschaftsverständnis der Sozialarbeitswissenschaft

„Wissenschaftliches Erkennen setzt (...) bei der alltäglichen Lebenswelt an und beginnt mit einem bestimmten Maß an Alltagswissen, bleibt aber dabei nicht stehen, sondern geht darüber hinaus. (...) Beim wissenschaftlichen Erkennen wird einerseits die Kenntnis von etwas erweitert, anderseits werden aber zugleich auch die Bedingungen der Erkenntnisgewinnung hinterfragt und öffentlich gemacht. Der Erkenntnisprozess bezieht sich sowohl auf das zu Erkennende selbst (als „Gegenstand“) als auch auf den Weg, der zu dem zu Erkennenden führt (als „Methode“). Durch diese grundlegende Zweiseitigkeit des Erkenntnisprozesses wird die Wissenschaft erst zur Wissenschaft“ (Engelke 2003, S. 182).

Diese zwei Seiten der Gewinnung von Erkenntnis werden als „wissenschaftstheoretisches Grundgesetz“ bezeichnet (vgl. ebd., S. 182). Für die Sozialarbeitswissenschaft als Sozialwissenschaft lassen sich drei wissenschaftstheoretische Grundmodelle definieren, die bei der Theoriebildung Sozialer Arbeit angewandt werden:

- Normativ-ontologischer Ansatz , z. B. Fürsorgetheorie nach Scherpner
- Kritisch-rationaler Ansatz, z. B. Theorie der Sozialarbeit nach Rössner
- Kritisch-theoretischer Ansatz, z. B. lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch (vgl. ebd., S. 385 f.).

Welches ist nun das Erkenntnisobjekt der Sozialarbeitswissenschaft, womit beschäftigt sie sich, was ist der Gegenstand ihres Interesses, was unterscheidet sie von den Bezugswissenschaften?

„Sie befasst sich in ihrem spezifischen Erkenntnisinteresse und in ihrem Entwurf von Realität mit dem alltäglichen, sozial wie ökonomisch und politisch bedingten Zurechtkommen von Menschen – mit sich, mit anderen, in Gemeinschaft und allein – und mit den strukturellen Bedingungen dieses Auskommens in unserer Gesellschaft“ (Wendt 1994b, S. 14).

Sozialarbeitswissenschaft nimmt hierbei eine bestimmte Perspektive bei den sozialen Problemlagen ein. Neben der Erfassung von Notlagen etc. befasst sie sich mit der Bewältigung und Lösung von sozialen Missständen sowie der Bereitstellung von Hilfsmöglichkeiten. Dieses Wissenschaftsverständnis definiert damit klar das Feld der Sozialen Arbeit und deren Funktion und wirkt identitätsstiftend für die in der Praxis Tätigen. Aus einem solchen Verständnis heraus können und müssen sich Methoden, Interventionen und Strategien zur sozialen Problemlösung entwickeln, die eben ihre Wurzeln nicht in den Bezugswissenschaften haben, sondern genuin sozialarbeitswissenschaftlich hergeleitet sind. Als Beispiel kann hier die neuere Entwicklung der Richtung einer Klinischen Sozialarbeit gesehen werden. Pauls bezeichnet die Klinische Sozialarbeit als psycho-soziale Behandlungsform, die ihre Strategien eben nicht aus den Bezugswissenschaften bezieht, sondern aus einem sozialarbeitswissenschaftlichen Verständnis von psycho-sozialen Problemlagen (vgl. Pauls 2004). Damit bekommt die therapeutische Sozialarbeit, die eine lange Tradition in der Praxis hat und sich überwiegend auf psychologische Theoriemodelle bezieht, einen eigenständigen wissenschaftlichen Überbau, eine metatheoretische Grundlage, aus der sich praxisrelevante Strategien entwickeln können.

4.4 Der disziplinäre Ansatz nach Erath

Erath befasst sich seit den 1990er Jahren mit dem Thema Sozialarbeitswissenschaft und veröffentlichte 2006 eine umfangreiche Einführung in die Thematik (Erath 2006). Dieser Ansatz wird von mir als sozialarbeitswissenschaftlicher Ansatz im engeren Sinne bezeichnet und soll exemplarisch die disziplinäre Position der Sozialarbeitswissenschaft verdeutlichen.

Nach Erath muss sich die Sozialarbeitswissenschaft drei Fragen stellen:

„1. Wissenschaftliche Disziplinen spezifizieren sich nicht auf bestimmte Phänomene hin, sondern entstehen aus theoretisch erzwungenen Unterscheidungen. (...) Gibt es eine solche metaperspektivische Unterscheidung für den Bereich einer „Sozialarbeitswissenschaft“?
2. Eine „neue“ wissenschaftliche Disziplin kann nur im Wissenschaftssystem selbst auf der Grundlage von Theorien, Modellen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen entstehen. Gib es genügend davon?
3. Der Inhalt einer Disziplin, das was reflektiert, untersucht, beforscht, falsifiziert etc. wird, muss sich den Bedingungen und Regeln des Wissenschaftssystems unterwerfen. Ist die Soziale Arbeit bereit und willens dazu?“ (Erath 2007, S. 40)

4.4.1 Grundsätze

Erath spricht aus pragmatischen Gründen von der „Sozialarbeitswissenschaft“ und nicht von der „Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit“. Doch hinter dieser Auswahl steht auch eine inhaltliche Orientierung. Er grenzt sich von der universitären Sozialpädagogik deutlich ab und ordnet sie unter den Bezugswissenschaften ein. Engelke merkt jedoch hierzu kritisch an, dass er den alltags- und lebensweltorientierten Ansatz der Sozialen Arbeit nach Thiersch, einem Protagonisten der universitären Sozialpädagogik, als eine Theorie der Sozialarbeitswissenschaft aufführt (vgl. Engelke 2007, S. 46).

Sozialarbeitswissenschaft wird als Sozialwissenschaft verstanden. Erath orientiert sich dabei am Sozialarbeitswissenschaftsverständnis von Sydon, einem schwedischen Sozialwissenschaftler, der sich die Aufgabe gestellt hat, „dasjenige Reflexionspotential zu identifizieren, das von anderen Disziplinen nicht oder nicht ausreichend aufgegriffen wird und welches sinnvollerweise der Sozialarbeitswissenschaft zugeordnet werden kann“ (Erath 2006, S. 23). Sozialarbeitswissenschaft wird als komplexe Transdisziplin gesehen. Sie beinhaltet drei Theorieebenen, die miteinander verbunden sind: „to have a theory of society or of man as social being, to have a programme, a scheme for changing problematic situation, and to have a group of people committed to carrying this change through“ (Sydon 1999, S. 6).

Als weitere metatheoretische Orientierung beruft sich Erath auf die Systemtheorie von Luhmann. Der Auffassung von Engelke folgend sei kritisch angemerkt, dass neben der Systemtheorie weitere metatheoretische Ausrichtungen einer Sozialarbeitswissenschaft möglich sind. Engelke erwähnt beispielsweise die Ansätze von Bunge und Elias (Engelke 2007, S. 48).

Insgesamt entwickelt Erath eine Allgemeine Sozialarbeitswissenschaft für sein methodisches Vorgehen und als wissenschaftliches Gerüst sozialarbeitswissenschaftlichen Reflektierens (vgl. Kleve 2007).

Erath systematisiert und strukturiert die verschiedenen Modelle, Theorien und Methoden im Bereich der Sozialarbeitswissenschaft und wählt zur Einordnung dieser einen dreifachen Theoriebegriff:

1. Ebene. Metatheoretische Überlegungen

- Begründung einer Sozialarbeitswissenschaft
- Methologie der Sozialen Arbeit
- Paradoxien/Dilemmata der Sozialarbeitswissenschaft (vgl. Erath 2006, S. 17)

2. Ebene. Reflexionstheoretische Selbstbeschreibungen

- Aufbaumodi diverser Theorien der Sozialarbeitswissenschaft (vgl. ebd., S. 17)

3. Ebene. Handlungstheoretische Entwürfe

- Handlungskonzepten der Sozialarbeit und der Bezugswissenschaften
- Professionellen Reflexionsinstrumente der Sozialarbeitswissenschaft (vgl. ebd., S.17).

In den folgenden kurzen Darstellungen beschränke ich mich sich auf einige ausgewählte Grundsätze des Ansatzes von Erath, da eine umfassendere Auseinandersetzung den Rahmen dieser Hausarbeit übersteigen würde.

4.4.2 Konstituierung der Sozialarbeitswissenschaft

Soydan hebt die Einzigartigkeit der Sozialarbeitswissenschaft hervor und spricht hier explizit den Gegenstandsbereich dieser Disziplin an. Sie befasst sich mit psycho-sozialen Problemlagen unter dem Aspekt ihrer Genese, deren Bewältigung, Lösung und der beruflich-qualifizierten Hinwendung vor dem Hintergrund einer Gesellschaftsanalyse.

Die Sozialarbeitswissenschaft und deren Perspektive werden von keiner anderen sozialwissenschaftlichen Disziplin eingenommen. Mit ihrem interdisziplinären Blickwinkel (er spricht auch von einer „Transdisziplin“) erweitert sie die Positionen der Bezugswissenschaften. Als Beispiel sei die Psychologie genannt. Diese Bezugswissenschaft ermöglicht es, die individuellen Auslöser von sozialen Problemlagen zu erfassen, und sie liefert ein breit gefächertes psychologisch-psychotherapeutisches Inventar zur Lösung von speziellen psycho-sozialen Belastungen etc. Der Blickpunkt bleibt dabei aber in der Hauptsache beim Sozialen und den gesellschaftlichen Strukturen (vgl. ebd., S. 20 ff.).

Die klare Umschreibung eines Gegenstandbereiches und die Abgrenzung von den Bezugswissenschaften, in dem Sinne als der Blickwinkel der anderen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen um die Perspektive sozialer Notlagen und deren Überwindung erweitert wird, sind nach meiner Auffassung die entscheidenden Aspekte für die Bedeutsamkeit der Sozialarbeitswissenschaft als disziplinärer Bezugsrahmen für die professionelle Identität Sozialer Arbeit.

4.4.3 Wissenschaftstheoretische Aspekte

Die Denkweisen, Methoden und Verfahren der Sozialarbeitswissenschaft richten sich an dem Wissenschaftstypus der Sozialwissenschaften aus, der drei bedeutsame Denktraditionen umfasst, die bei der Konstituierung der Sozialarbeitswissenschaft eine maßgebliche Rolle spiel(t)en. Erath erwähnt die hermeneutische Denktradition, die Sozialarbeit als Sozialpädagogik und Jugendwohlfahrt kreiert. Soziale Problemlagen werden als Mängel bei der Bildung bzw. Erziehung verstanden. Gescheiterte Sozialisationsprozesse werden in der kritisch-rationalen Denktradition als Urasche der sozialen Probleme gesehen. Im Fokus der kritischen Denktradition stehen die Analyse der strukturellen Bedingungen und deren Beeinflussung. Soziale Arbeit hat neben dem einzelfallbezogenen Ansatz, der das Pädagogische mit einbezieht, auch eine politische „Mission“ (vgl. ebd., S. 38 ff.).

Nach Erath muss die Sozialarbeitswissenschaft als Sozialwissenschaft neben der Erarbeitung von Theorien auch den gesellschaftlichen Wert ihrer Überlegungen kenntlich machen. Sie trifft „wissenschaftlich begründete Aussagen über die Bedingungen und Folgen, über soziale Probleme und mögliche darauf bezogene Interventionen (...) (ebd., S. 61). Theorie und Praxis sind aufeinander bezogen, aber nicht voneinander abhängig. Die Sozialarbeitswissenschaft kann mit ihren umfassenden sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen nie vollkommen durch die Praxis adaptiert werden (vgl. ebd., S. 61). In der Wissenschaft geht es, wie es Pantucek formuliert, um Wahrheit, um Erkenntnisgewinn und nicht primär um Anwendbarkeit. Theorien der Sozialen Arbeit sollten sich in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bewähren und sollten folgende Kriterien erfüllen: nachvollziehbar und überprüfbar sein, sie sollten den Gegenstandsbereich erklären und deskriptiv sein (vgl. Pantucek, S. 3 f.).

Trotz der wissenschaftlichen Abstinenz gegenüber der Praxis bietet eine so verstandene Wissenschaft eine potentielle Heimat für die professionelle Soziale Arbeit und kann sukzessive deren beruflichen Identität erweitern.

4.4.4 Theorien der Sozialarbeitswissenschaft

Theorien sind disziplinäre Erkenntnisse, die strukturiert subsumiert und in Sprache gefasst werden. Sie werden als Schlussfolgerungen von empirischen und theoretischen Erkenntnissen gesehen (vgl. Erath 2006, S. 59). Theorien der Sozialarbeitswissenschaft müssen sich nach Erath den Regeln der wissenschaftlichen Community und dem oben genannten. metatheoretischen Aspekten einer Sozialarbeitswissenschaft anschließen können, d. h. sie nehmen wissenschaftlich Stellung zur Genese, Bewältigung und beruflich-professioneller Hilfe bei sozialen Problemlagen. Folgende Theorien führt er auf:

- alltags- bzw. lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch
- Sozialarbeit als „Soziale Hilfe“ nach Baecker
- Systemisch-prozessuale Soziale Arbeit nach Staub-Bernasconi
- Ökosoziale Sozialarbeit nach Wendt (vgl. ebd., S. 77 ff.).

In Anschluss an die Kritik von Engelke ist die Selektion und Restriktion auf diese vier Ansätze bei der Vielfalt der deutschsprachigen und internationalen Theorien der Sozialen Arbeit kritisch zu hinterfragen (vgl. Engelke 2007, S. 48).

4.4.5 Schlussbetrachtung zum disziplinären Ansatz nach Erath

Der Ansatz von Erath wurde grob zusammengefasst und auf die wesentlichen metatheoretischen Aspekte beschränkt. Die Frage der Methoden der Sozialen Arbeit und der Professionstheorien wurde bewusst ausgelassen, da sie den Rahmen der Hausarbeit gesprengt hätte.

In den letzten Kapiteln wurde deutlich, dass die Sozialarbeitswissenschaft „eine eigene metatheoretische Beobachtungsperspektive ausweisen kann, die sie von den anderen Sozialwissenschaften grundlegend unterscheidet“ (Erath 2007, S. 45). Ferner herrscht kein Mangel an Theorien der Sozialen Arbeit, „ die einen intra- und interdisziplinären Dialog erlauben“ (ebd., S. 45). Kritisch betrachtet Erath die Sozialarbeitsforschung, die in der Bundesrepublik nicht den nationalen und internationalen Standards entspricht (vgl. ebd., S. 45).

5 Die Bedeutsamkeit der Sozialarbeitswissenschaft für die Profession

Soziale Arbeit

Identität in einer einfachen Definition wird als Produkt der Selbst- und Fremdattribution gesehen: Ich sehe mich selbst, ich werde von anderen gesehen, ich sehe, wie andere mich sehen und bewerte dies. Dieses von Petzold, dem Gründer der Integrativen Therapie, entwickelte Modell der Identität von Persönlichkeit kann auch auf die Identität der Sozialen Arbeit mit ihren Aspekten der Wissenschaft, Lehre und Profession übertragen werden (vgl. Ebert/Könnecke-Ebert 2004, S. 194). Die Identität der Sozialen Arbeit ist gespalten, ihr Selbstbild ist brüchiger als die Außenansicht vermuten lässt. In der Einleitung wurde auf die mangelnde Identität der SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen hingewiesen.

„Es gibt wohl kaum eine andere Profession, die wie die Soziale Arbeit so ausdauernd und voller Selbstzweifel nach dem Eigentlichen ihrer beruflichen Handlungen fragt. Manchmal scheint es so, als wenn gerade die Beschäftigung mit dieser Frage das Eigentliche der Sozialen Arbeit ausmacht“ (Effinger, S. 1).

Wissenschaftliche Aussagen von Kleve, der Sozialarbeit als postmoderne Profession ohne Eigenschaften sieht (vgl. Kleve 2003, S. 118 ff.), mögen, wie Herwig-Lempp es formuliert, akademisch interessant sein. Für die konsistente Entwicklung der beruflich-professionellen Identität jedoch sind sie problematisch und wirken sich auf die oben beschriebene Tendenz der Praktiker negativ aus (vgl. Herwig-Lempp 2003, S. 18). Die Außenwahrnehmung ist eine andere. Engelke weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei einer repräsentativen Befragung in Deutschland die Soziale Arbeit in der Bevölkerung einen sehr hohen Bekanntheitsgrad und Stellenwert hat. Bei dieser 1997 erfolgten zielgruppenspezifischen Analyse sahen 87 % der Befragten Soziale Arbeit als Hilfe bei der Bewältigung von sozialen Problemlagen. 89 % sahen SozialarbeiterInnen als Fachleute für Ausgestoßene und Schwache (vgl. Engelke 2003, S. 10). Bei den Adressaten wird die professionelle Identität der Sozialen Arbeiter anscheinend besser wahrgenommen, als von den SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen selbst, d. h. sie sehen und schätzen die Fähigkeiten und Kompetenzen der sozial Tätigen. Die Bemühungen um die Etablierung einer Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit mit der klaren Benennung ihres Gegenstandsbereiches und der Abgrenzung von den Bezugswissenschaften in der wissenschaftlichen Arbeit und in der Lehre bieten verbesserte Möglichkeiten, sich mit der Profession zu identifizieren. Wenn es gelingt, daraus auch das methodische Handeln abzuleiten, kann der Identifizierungsprozess vertieft werden. Soziale Arbeit wird damit zu einer ganz „normalen Profession mit vielfältigen Eigenschaften, die auf ihr Aufgabengebiet speziell abgestimmt sind. Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne und aber auch eine Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit, welche die universitäre Sozialpädagogik mit einschließt, können als wissenschaftlicher Bezugsrahmen einen effektiven Beitrag zu einer konsistenteren Identität leisten.

Meiner Meinung nach sollte von den Wissenschaften der Sozialen Arbeit gesprochen werden. Unter diesem wissenschaftlichem „Dach“ könnten alle wissenschaftlichen Ausrichtungen der Sozialen Arbeit, die universitäre Sozialpädagogik, die Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne und die Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit, die die Sozialpädagogik mit einschließt, untergeordnet werden. Keine der Auffassungen werden sich langfristig durchsetzten. Ein wissenschaftlicher Dialog, Diskurs auf der inhaltlichen Ebene, unter Ausschluss der hochschulpolitischen „Machtspiele, wäre wünschenswert, aber wohl eine Utopie bleiben.

6 Thesen zur Sozialarbeitswissenschaft

1. These

Sozialarbeitswissenschaft ist eine junge Fachdisziplin mit einer langen vorwissenschaftlichen Tradition.

2. These

Sozialarbeitswissenschaft hat einen klar umrissenen Gegenstandsbereich. Soziale Problemlagen, Missstände, Nöte und deren Bewältigung stehen im Fokus des Erkenntnisprozesses.

3. These

Sozialarbeitswissenschaft grenzt sich durch ihren auf die sozialen Probleme orientierten Blickwinkel und den sozialen Hilfeaspekt von den Bezugswissenschaften deutlich ab.

4. These

Sozialarbeitswissenschaft ist inter- und transdisziplinär ausgerichtet. Sie entspringt den Fragestellungen der Bezugswissenschaften und erweitert diese um den Aspekt des Sozialen, der sozialen Problemlagen und deren Bewältigung.

5. These

Sozialarbeitswissenschaft basiert auf konsistenten Theorien und Modellen der Sozialen Arbeit.

6. These

Sozialarbeitswissenschaft ordnet sich bei den Erkenntnisprozessen den Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems unter.

7. These

Sozialarbeitswissenschaft hat ihr wissenschaftliches Verhältnis zur Sozialpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaften noch nicht abschließend geklärt.

8. These

Sozialarbeitswissenschaft im engeren Sinne ist eine Teil- bzw. Subdisziplin der Wissenschaften der Sozialen Arbeit. Die universitäre Sozialpädagogik und die Wissenschaft (der) Soziale(n) Arbeit sind zwei weiteren wissenschaftlichen Ausrichtungen innerhalb der Wissenschaften der Sozialen Arbeit.

9. These

Sozialarbeitswissenschaft wird durch den sogenannten „Bologna Prozess“ mit der weiteren Akademisierung der Sozialen Arbeit, der prinzipiellen Möglichkeit zur Erlangung der Doktorwürde und den Ausbau der Forschungsarbeit gestärkt und wird sich weiterentwickeln.

10. These

Sozialarbeitswissenschaft Arbeit und die zu erwartende Übernahme der Lehrstühle durch „vollakademische“ Kräfte der Sozialen Arbeit werden die Lehre der Sozialen Arbeit von den Bezugswissenschaften zunehmend unabhängiger machen.

11. These

Sozialarbeitswissenschaft wird mittelbar als disziplinäre Heimat und unmittelbar als Handlungswissenschaft die Identität der professionellen Sozialen Arbeiter stärken.

12. These

Sozialarbeitswissenschaft mit ihrem disziplinären Verständnis von sozialen Problemlagen und deren Bewältigung kann für die in der Praxis Stehenden Antworten bereitstellen, die diese auf die gesellschaftlichen Umbrüche besser vorbereiten kann. Insbesondere mit ihrer kritischen Denktradition muss sie einen Impuls gegen die neoliberal geprägte Sozialpolitik mit ihrem ökonomischen Diktat setzen.

13. These

Sozialarbeitswissenschaft muss sich disziplinär mit europäischen und internationalen Theorien Sozialer Arbeit auseinandersetzen, um global anschlussfähig zu werden.

7 Zusammenfassung

Ausgehend von der Beschreibung der gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Umbrüche, die Soziale Arbeit nachweislich nicht nur marginal verändern werden, wurde die Bedeutung einer konsistenten professionellen Identität für die Soziale Arbeit aufgezeigt, um sie für die zunehmende Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen zu wappnen. Eine von den Bezugswissenschaften unabhängige, autonome Sozialarbeitswissenschaft bietet, wie aufgezeigt, einen wissenschaftlichen Bezugsrahmen für die Profession Soziale Arbeit. Zunächst wurde die kontroverse Diskussion um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft nachgezeichnet, und in Anschluss daran wurden insbesondere die metatheoretischen Grundprinzipien skizziert, bewertet und in ihren Grundzügen mit 13 formulierten Thesen befürwortet. Sozialarbeitswissenschaft wird als eine Teil- bzw. Subdisziplin der Wissenschaften der Sozialen Arbeit skizziert.

8 Schlüsselwörter

Soziale Arbeit im Wandel/Verortung der Sozialen Arbeit/Sozialarbeitswissenschaft/

Erath/Professionelle Identität

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Details

Seiten
32
Jahr
2008
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111612
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Schlagworte
Sozialarbeitswissenschaft Bezugsrahmen Profession Soziale Arbeit Theorie- Gegenstandsgeschichte Sozialer

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Titel: Sozialarbeitswissenschaft  -  Ein wissenschaftlicher Bezugsrahmen für die Profession Soziale Arbeit?