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Anfängerschwimmen mit hyperaktiven Kindern

Examensarbeit 2002 83 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Begrifflichkeit
1.2. Chronologie der Ursachenforschung
1.3. Verlauf und Symptomatik
1.4. Verursachende Faktoren von hyperkinetischen Störungen
1.4.1. Genetische Faktoren
1.4.2. Neurologische Faktoren
1.4.3. Aspekt allergischer Reaktionen auf Nahrungsmittelbestandteile
1.4.4. Bedeutung spezifischer Hirnstrukturen
1.4.5. Psychosoziale Faktoren
1.5. Biopsychosoziales Konzept

2. Diagnose hyperkinetischer Störungen
2.1. Symptome hyperkinetischer Störungen
2.2. Sekundäre Schwierigkeiten von Kindern mit HKS

3. Interventionsverfahren
3.1. Medikamentöse Intervention
3.2. Verhaltenstherapeutische Interventionen
3.2.1. Eltern- und Familienzentriertes Verfahren
3.2.2. Schulzentrierte Verfahren
3.2.3. Patientenzentrierte Interventionen
3.2.3.1. Selbstinstruktionstraining
3.2.3.2. Selbstmanagement-Methoden
3.2.3.3. Spieltraining
3.2.3.4. Problemlösetraining
3.2.3.5. Ärger-Kontrolltraining
3.2.3.6. Soziales Kompetenztraining
3.3. Zusammenfassung

4. Hyperaktivität aus motopädagogischer Sicht
4.1. Psychomotorische Auffälligkeiten von hyperaktiven Kindern
4.2. Motopädagogische Interventionen
4.2.1. Allgemeine methodische Grundsätze
4.2.2. Vestibulär stimulierende Aktivitäten
4.2.3. Entwicklung von Bremskräften und Bewegungssteuerung
4.2.4. Konzentrationsverbesserung mit geschlossenen Augen
4.2.5. Schulung der visuellen Aufmerksamkeit
4.2.6. Überwindung der Impulsivität
4.2.7. Sportliches Handeln als Mittel zur Selbstdisziplinierung
4.3. Zusammenfassung

5. Hyperaktive Kinder in der Schule für Körperbehinderte

6. Anfängerschwimmen als Förderunterricht
6.1. Anfängerschwimmen mit hyperaktiven Kindern
6.1.1. Wasser als ordnendes Element
6.2. Modelle des Anfängerschwimmens
6.2.1. Wilkes Modell
6.2.2. Innenmosers Ansatz
6.2.3. Modell Strohkendl
6.2.3.1. Gestaltung des Schwimmbades
6.2.3.2. Das Prinzip der Einzelbetreuung
6.2.3.3. Das Verhältnis Lehrer Schüler
6.2.3.4. Inhaltliche Strukturen Strohkendls Modell
6.2.3.5. Methodisch-Didaktisches Vorgehen
6.2.3.6. Struktur einer Anfängerschwimmstunde nach Strohkendl
6.2.3.7. Zusammenfassung

7. Einleitung
7.1. Rahmenbedingungen des Anfängerschwimmunterrichts
7.1.1. Angesprochener Personenkreis
7.1.2. Das Schwimmbad
7.1.3. Dauer und Häufigkeit des Schwimmunterrichts
7.1.4. Inhaltliche Struktur
7.2. Schülerbeschreibung Philipp
7.2.1. Anamnese
7.2.2. Lern- und Leistungsverhalten
7.2.3. Sozialverhalten
7.2.4. Verhalten im Anfängerschwimmunterricht

8. Gestaltung und Verlauf einer Unterrichtsstunde
8.1. Erste Eindrücke
8.2. Erläuterung und Begründung des Stundenaufbaus
8.3. Stellung der Stunde in der Unterrichtsreihe
8.4. Planung
8.5. Verlauf

9. Reflexion

10. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

Während des Studiums war ich immer bemüht, praktische Erfahrung für meinen späteren Beruf zu erlangen. So besuchte ich ein Seminar bei Herrn STROHKENDL zum Anfängerschwimmen, in dessen Rahmen ich einen Jungen (Philipp) mit hyperaktiven Störungen beim Erlernen des Schwimmens begleitete.

Das hyperaktive Syndrom (HKS), ist eine der bekanntesten und weitverbreitesten (ca.5% der Kinder) Behinderungsformen der heutigen Zeit.

Schon 1845 lieferte der Arzt Heinrich Hoffman mit dem „Zappel – Philipp“ die klassische Beschreibung von einem hyperaktiven Kind.

So gibt es heute eine Fülle von Veröffentlichungen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen; Erscheinungsbild, Verursachung und Behandlungsmöglichkeiten.

Die Veröffentlichungen haben die größte Gemeinsamkeit im Erscheinungsbild, die vermuteten Ursachen der Störungen reichen von minimaler cerebraler Dysfunktion bis hin zu Hyperaktivität als Zivilisationsstörung.

Entsprechend der Thesen für die Verursachung der Störung gab und gibt es Diskussionen über die Namengebung für die hyperaktiven Störungen. In der Hauptsache handelt es sich um MCD (minimale cerebrale Dysfunktion), ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) und HKS (hyperkinetisches Syndrom). Aus diesem Grund werde ich zuerst auf die verschiedene Begrifflichkeit von Hyperaktivität eingehen und im weiteren dann die Chronologie der Ursachenforschung, den Verlauf der Störung und die Diagnostik darstellen.

Ebenso vielfältig sind die Therapieansätze, in meiner Hausarbeit beschränke ich mich auf den Ansatz von der Kölner Gruppe um Döpfner, die das Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) entwickelt haben.

THOP umschließt die ganze Bandbreite von psychologischen und verhaltenstherapeutischen Interventionen bei Kindern mit hyperaktiven Störungen, anhand derer die primären und sekundären Schwierigkeiten der Kinder deutlich werden.

Im weiteren stelle ich die Motopädagogik von E. J. Kiphard vor, die neben psychologischen Aspekten wichtig für meine Arbeit mit dem Schüler Philipp war und eine Ergänzung zu THOP darstellt. Die unter dem Aspekt der Motopädagogik veranschaulichte Notwendigkeit der psychomotorischen Förderung hyperaktiver Kinder, begründet die Einschulung von ihnen in die Schule für Körperbehinderte (SfKb.).

Ich beschreibe im nächsten Punkt die didaktischen Grundsätze der SfKb., um dann im Rahmen der Schule, den Anfängerschwimmunterricht, als Förderunterricht vorzustellen. Im weiteren untersuche ich, mit welcher Methode des Anfängerschwimmens, sich die psychomotorischen und psychologischen Effekte für Hyperaktive am besten umsetzen lassen.

In dem empirischen Teil der Arbeit beschreibe ich meine Erfahrung mit einem Jungen (Philipp) mit hyperaktiven Störungen aus dem Seminar „Anfängerschwimmen mit körperbehinderten Kindern“ geleitet von Hr. Strohkendl.

Ich verfasse diese Arbeit nach den Regeln der alten Rechtschreibung.

1.1. Begrifflichkeit

Hyperaktivitä t ist an sich ein gesellschaftlicher Begriff und beschreibt aufmerksamkeitsgestörte, motorisch überaktive und impulsive Kinder. Wird das Wort zerlegt und übersetzt, beschreibt es nur die motorische Unruhe.

Es wird oft synonym mit der Bezeichnung Hyperkinetisches Syndrom (HKS) verwendet. Mit HKS werden schwere und allgemeine Formen der Hyperaktivität beschrieben, die mit weiteren Entwicklungsrück-ständen einhergehen.

Bis vor wenigen Jahren wurde das Syndrom durchgängig mit dem Begriff Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) beschrieben, damit wurde impliziert, daß Hyperaktivität immer auf eine hirnorganische Schädigung zurückzuführen ist. Wegen der Allgemeinheit der Hypo-these der Störungskonzeption war sie nicht haltbar, es weisen aber mehrere Forschungsergebnisse darauf hin, daß niedriges Geburts-gewicht, Nikotin- und Alkoholmißbrauch der Mutter während der Schwangerschaft doch kausal im Zusammenhang mit der Entwicklung einer hyperkinetischen Störung stehen können.

Das amerikanische diagnostische und statistische Manual psychi-scher Störungen (DSM IV 1996) verwendet den Begriff Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. In Deutschland ist das Klassifizierungssystem psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation gebräuchlich; im ICD10, setzt sich die hyperkinetische Störung aus Aufmerksamkeitsstörung und hyperaktiver Störung des Sozialverhaltens zusammen. Damit wird neben der Kombination von Aufmerksamkeitsstörung und Hyper-aktivität, die Störung um das Symptom der Störung des Sozial-verhaltens erweitert.

Es gab Bemühungen den Teilaspekt der gestörten Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, und so wurde im DSM III der Begriff Attention Deficit Disorder verwendet. Der analoge deut-sche Begriff ist Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADS, mit oder ohne Hyperaktivität. Diese Betrachtungsweise barg die große Gefahr für Menschen mit einer einfachen Aufmerksamkeitsstörung das Etikett ADS zu bekommen.

In meiner Arbeit werde ich den Begriff Hyperaktivität und hyperaktive Störungen verwenden, ich weise ausdrücklich darauf hin, daß das Aufmerksamkeitsdefizit Bestandteil von Hyperaktivität ist.

1.2. Chronologie der Ursachenforschung

Der Arzt Heinrich Hoffmann war der erste , der das Phänomen der Hyperaktivität beschrieb (Zappelphilipp 1845). Um 1900 benennt Dr. George Still diese Kinder „ willensschwach mit ernstem Defekt in der moralischen Kontrolliertheit ihres Verhaltens“. Weil die Kinder durchaus auch in guten Elternhäusern anzutreffen waren vermutete er eine neurologische Verursachung.

Kahn und Cohen benannten 1934 die „organische Getriebenheit mit mangelhafter Impulskontrolle, übertriebener Aktivität und reduzierter Aufmerksamkeitsspanne“, die sie beim Erwachsenen nach abklingen einer Encephalitis erlebt hatten.

1937 wurde die Symptomatik des hyperaktiven Kindes von dem Forscherpaar Bradley beschrieben. Sie erzielten gute therapeutische Erfolge mit Stimulantien–Präparaten, konnten aber die Wirkungsweise nicht erklären.

Zur gleichen Zeit wurde das Syndrom als „Unruhesyndrom“ genannt und nicht zuletzt wegen der Forschungen der Bradleys, wurde es ausschließlich als kindliches Verhalten interpretiert. Weiterhin wurde trotzdem die Meinung vertreten, daß dieses auffällige Verhalten der Kinder aus schlechter Erziehung resultiert.

Im Jahr 1957 stellte Lauffer Vermutungen an, ob das Störungsbild möglicherweise einer Filterschwäche im Stammhirn zuzuschreiben sei. Damit würde die übermäßige Reizaufnahme das Störungsbild bedingen.

Paul Wender gelangt 1970, aufgrund damaliger Forschungen, zu der Vermutung, daß eine verminderte Aktivierung im Belohnungssystem im Gehirn betroffener Kinder verhindert, daß sie richtiges Verhalten erwerben, weil sie weder positive noch negative Verstärkung verarbeiten können.

Der Begriff „Minimale cerebrale Dysfunktion“ (MCD) wurde 1977 von Berger geprägt.

1984 führt Virginia Douglas die Störung auf einen zentralen Defekt der Selbstregulation zurück, weil hyperaktive Kinder nicht in der Lage sind, ihre Impulse zu hemmen oder zu steuern; sie zu wenig Dauer-aufmerksamkeit und Anstrengungsbereitschaft bei anfordernden Aufgabenstellungen zeigen.

Im gleichen Jahr wurde in Dänemark von Lou et al. eine mangelhafte Blutversorgung im Frontalhirn hyperaktiver Kinder nachgewiesen, die rechte Gehirnhälfte wird schlecht, die hinteren Hirnregionen dagegen besser durchblutet.

Darauf beruhend entwickelte 1986 Chelune die „Frontalhirnhypothese“ in der er davon ausgeht, daß viele Verletzungen des Frontalhirns in den Symptomen denen von Hyperaktivität ähnlich sind. So sind Hyperaktivität und Impulsivität direkte Folge mangelnder Steuerungsfähigkeit. Das Frontalhirn ist demnach das Steuerungsorgan für Funktionen der Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung, der Ort der Reizfilterung, der Planung der Handlungsabfolge, der Impulssteuerung und der Zeiteinschätzung. Das geschieht unter Einbeziehung von Gefühlen, flexible Abwägeüberlegungen sowie dem Zugriff auf Erinnerungsinhalte.

Mit dem 1987 geprägten Begriff „Attention Deficit Disorder“ (ADD) wird die mangelnde Hemmungsfunktion des Frontalhirns mit einem einhergehenden dysfunktionierenden Neurotransmittersystems beschrieben.

1990 wies Alan Zametkin mit einem bildgebenden Verfahren nach, daß im Frontalhirnbereich und im prämotorischen Bereich hyperak-tiver Erwachsener ein Funktionsdefizit besteht. In diesen Bereichen findet ein verminderter Stoffwechsel von Glucose statt. Die untersuchten Erwachsenen hatten selbst ein hyperaktives Kind, was zudem auf Erblichkeit hinweist.

Im gleichen Jahr stellte Barkley seine Ergebnisse zu der Untersuchung in Bezug der mangelnden Motiviertheit auf hirnorganischen Hintergrund hyperaktiver Menschen vor. Er setzte bei Aufgabenstellungen unmittelbare, positiv besetzte Verstärker ein, diese starke Bereizung erhöhte die Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeitsspanne.

Zusammenfassend berichtete 1995 Patricia Quinn von dem „Integrationsmodell der neurochemischen und neuroanatomischen Forschungen“, demzufolge ist Hyperaktivität und das Aufmerksamkeitsdefizit das Ergebnis einer Dysregulation von Neurotransmittern auf Stammhirnebene, wodurch die Verarbeitung der internen und externen Reize beeinflußt werden. Vor allem die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin haben wahrscheinlich Einfluß auf weitere Neurotransmittersysteme und deren Produktion, Verbrauch und Regelung. Dadurch wird die Reifung und Funktion einiger Hirnstrukturen beeinträchtigt. Daraus entsteht der Kontrollverlust über Impulse der Stammhirnregion, die für Stimmung, Wachheit und Wahrnehmungsimpulse verantwortlich ist, dem limbischen System.

Die Hypothesen haben heute den höchsten Wahrscheinlichkeitswert, obwohl sie nicht endgültig bewiesen sind (vgl. NEUHAUS 1999, S.47 ff.).

1.3. Verlauf und Symptomatik

Hyperaktive Kinder zeichnen sich in der Regel schon im Säuglingsalter durch ihr schwieriges Temperament aus. In der Zeit zeigen sie bereits ein hohes Aktivitätsniveau, es sind sogenannte Schrei–Babys. Sie haben Schlaf-Wach-Rhythmusprobleme, was Ausdruck einer mangelhaft ausgeprägten psychophysiologischen Rhythmizität ist.

Im Kleinkindalter ist die Eltern–Kind–Interaktion bei vielen schon angespannt.

Es ist aber erst ab dem vierten Lebensjahr möglich, eine Abgrenzung von Normvarianten vorzunehmen, nicht jedes Kleinkind mit den geschilderten Symptomen hat hyperaktive Störungen.

Die motorische Hyperaktivität, die sich durch Ziellosigkeit auszeichnet, tritt im Kindergarten- und Vorschulalter in Erscheinung. Die Folgen sind erhöhte Unfallgefahr und mangelnde soziale Integrationsfähig-keit, was sich durch das Manifestieren der Aufmerksamkeitsstörung noch verstärkt. Sie äußert sich in der Unfähigkeit, Spielaktivitäten ausdauernd durchzuhalten. Oppositionelle Verhaltensweisen gegenüber Erwachsenen und zum Teil aggressive Handlungen gegenüber Gleichaltrigen treten bereits in dem Alter auf. Des weiteren können Entwicklungsverzögerungen in der Motorik, Sprache und der visuellen Wahrnehmung festgestellt werden.

Im Schulalter treten die aus der Impulsivität und verminderten Aufmerksamkeitsfähigkeit resultierenden Lern- und Schulschwierigkeiten auf.

Nach heutigen Erkenntnissen persistieren hyperkinetische Störungen über das Jugendalter hinaus. Bei ca. 30% der im Kindesalter Betroffenen liegt auch im Erwachsenenalter das voll ausgeprägte Störungsbild vor. Damit verbinden sich in erhöhtem Maß sekundäre Störungsfolgen, wie eine schlechte soziale Einbindung, niedriger Beschäftigungsstatus, depressive Symptome und antisoziale Persönlichkeitsstörungen. Die nachfolgende Tabelle 1 faßt die Faktoren, die für eine Persistenz verantwortlich sind, zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Fröhlich 2000 in Praxis der Psychomotorik Jg. 25/4, S.212).

1.4. Verursachende Faktoren von hyperkinetischen Störungen

Wie schon die Chronologie der Ursachenforschung deutlich macht, gibt es nicht die Ursache für das Zustandekommen des Störungsbildes, ebenso wie es nicht die Störung gibt. So sind nach aktuellen Erkenntnissen mehrere Faktoren für das Zustandekommen verantwortlich. Die Faktoren sind sehr unterschiedlich und müssen nicht alle im jeweiligen Fall erfüllt sein.

1.4.1. Genetische Faktoren

Der genetische Beweis als Ursache ist bisher nicht erbracht worden, aber Familienstudien lassen einen Zusammenhang vermuten. So weisen 10-35 % der nächsten Angehörigen von einem Kind mit hyperkinetischen Störungen ebenfalls Symptome auf. Bei Kindern von Eltern, bei denen zumindest ein Teil die Störung aufweist, entwickelt sich zu über 50 % das Störungsbild.

In Zwillingsstudien wurde eine höhere Konkordanzrate von eineiigen zu zweieiigen Zwillingen festgestellt. Nach Tannock (1998) lassen sich nach molekulargenetischen Untersuchungen zwischen Genen, die an dem körpereigenen Amphetaminhaushalt des Gehirns beteiligt sind und dem Auftreten des hyperkinetischen Störungsbildes ein Zusammenhang herstellen.

Fröhlich (2000) weist auf die Problematik der früh auftretenden oppositionellen, aggressiven Verhaltensstörung und dissozialen Verhaltensweisen hin. Bei dieser gemischten Störungssymptomatik könnte es sich um eine eigenständige Gruppe gegenüber der rein pathogenetischen handeln, da das Störungsbild früher auftritt und eine schlechtere Verlaufsprognose aufweist. Offen bleibt, ob bei dieser Gruppe genetische oder psychosoziale Faktoren ursächlich zu sehen sind.

1.4.2. Neurologische Faktoren

Forschungsergebnisse weisen auf eine hypoxische Schädigung des Gehirns hin. So scheint ein niedriges Geburtsgewicht, Nikotin und Alkoholmißbrauch ursächlich für die Entwicklung einer hyperkinetischen Störung zu sein.

1.4.3. Aspekt allergischer Reaktionen auf Nahrungsmittelbestandteile

Für die Entstehung hyperkinetischer Störungen spielen allergische Reaktionen auf Farb- und Konservierungsstoffe sowie Phosphate keine Rolle. Bei einem Teil der Patienten scheint eine allergische Reaktion auf natürliche Nahrungsbestandteile von Bedeutung zu sein.

1.4.4. Bedeutung spezifischer Hirnstrukturen

Es wurden funktionelle und morphologische Auffälligkeiten von Hirnstrukturen nachgewiesen, die für die Handlungsplanung, Aufmerksamkeitssteuerung und motorische Handlungskontrolle wichtig sind; das betrifft das Frontalhirn und die im Hirnstamm gelegenen Basalganglien.

Das wiederum stützt die Dopaminhypothese, die von einer Störung des Systems in den genannten Strukturen ausgeht, weil es dysfunktional aktiviert ist.

Dem entsprechen neuropsychologische Befunde, die auf die mangelnde Fähigkeit zur Hemmung exekutiver Funktionen hinweisen. Das sind die Fähigkeit der Handlungsplanung und die reflektierende Ausführung der Handlung.

1.4.5. Psychosoziale Faktoren

Diesen Faktoren kommt eine erhebliche Bedeutung für den Verlauf bzw. der weiteren Entwicklung der hyperkinetischen Störung zu. Psychosoziale Faktoren haben „Katalysatorfunktion“, sie sind aber nicht für die Entstehung verantwortlich.

Ungünstige familiäre Bedingungen stehen in Verbindung mit aggressiven und dissozialen Verhaltensweisen der Kinder. Zu diesen Bedingungen zählen schlechter sozioökonomischer Status, Unvollständigkeit der Familie und vor allem psychische Störungen der Eltern.

Die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion hat je nach Ausprägung Einfluß auf die Ausbildung oppositioneller und aggressiver Verhaltensweisen der Kinder. (vgl. Fröhlich in Praxis der Psychomotorik Jg. 25/4 2000)

1.5. Biopsychosoziales Konzept

Die vorangegangenen Faktoren lassen sich in einem biopsychosozialen Konzept gut zusammenfassen. Es folgt die Abbildung 2 zur Modellvorstellung der Pathogenese der Hyperkinetischen Störung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Fröhlich in Praxis der Psychomotorik, Jg. 25/4 2000)

Wie aus der Abbildung hervorgeht ist, nach gegenwärtigem Erkenntnisstand, die Ursache für eine hyperkinetische Störung die Vererbung von Hyperaktivität als genetische Anlage oder in geringem Ausmaß eine organische Schädigung. Das bedingt eine Störung des Gehirnstoffwechsels auf der Ebene der körpereigenen Amphetaminen, im speziellen Dopamin; das bedeutet eine Störung der Handlungssteuerung der Aufmerksamkeitsprozesse der motorischen Handlungskontrolle im Bereich des Frontalhirns und des Hirnstamms. Auf der Symptomebene manifestiert sich Impulsivität, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsschwäche.

Die psychosozialen Einflüsse mit ihrer katalytischen Wirkung bedingen Art und Schweregrad der Ausprägung des hyperkinetischen Störungsbildes. (vgl. Fröhlich, Frühe Interventionen bei hyperkinetischem Problemverhalten in Praxis der Psychomotorik, Jg. 25/4, 2000 S. 212-214)

2. Diagnose hyperkinetischer Störungen

Im ICD – 10 von 2000, der international gebräuchlichen Klassifikation von Krankheiten, wird die hyperkinetische Störung wie folgt beschrieben:

„Diese Gruppe von Störungen ist charakterisiert durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität. Verschiedene andere Auffälligkeiten können zusätzlich vorliegen. Hyperkinetische Kinder sind oft achtlos und impulsiv, neigen zu Unfällen und werden oft bestraft, weil sie eher aus Unachtsamkeit als vorsätzlich Regeln verletzen. Ihre Beziehung zu Erwachsenen ist oft von einer Distanzstörung und einem Mangel an normaler Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Bei anderen Kindern sind sie unbeliebt und können isoliert sein. Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen ist häufig, spezifische Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung kommen überproportional oft vor. Sekundäre Komplikationen sind dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl.“

Die hier beschriebenen Symptome geben einen direkten Hinweis auf die wichtigsten Instrumente der Diagnostik. Das ist die Erhebung einer Anamnese mit Hilfe der Eltern.

Dabei handelt es sich um eine ausführliche Datenerhebung zur Schwangerschaft, der Geburt, dem Geburtsverlauf und eventuellen Komplikationen, die in dieser Zeit aufgetreten sind.

Die psychomotorische Entwicklung in Hinsicht auf das Laufen und Sprechen sind ebenso von Bedeutung wie Unfälle und Krankheiten, Eßgewohnheiten, Schlafgewohnheiten und Bewegungsmuster. Die Datenerhebung umfaßt auch den Erziehungsstil, die Position in der Familie, in der Geschwisterreihe und –konstellation, sowie die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern und eine Charakterdarstellung.

Unter dem Aspekt der Integration und Leistung werden die Sozialisierungschritte im Kindergarten und in der Schule sorgfältig abgefragt.

Zusätzlich sind Fremdanamnesen von Erzieherinnen und Lehrkräften hilfreich, bzw. notwendig. Sie erfolgen als Einschätzung mittels Fragebogen und Verhaltensbeobachtungen. (vgl.Neuhaus1999, S.79).

Die Verhaltensbeobachtung liefert neben der Anamnese den wichtigsten Bestandteil der Diagnostik.

In THOP wird der Ablauf der diagnostischen Phase wie folgt zusammengefaßt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1. Symptome hyperkinetischer Störungen

Die hyperkinetische Störung wird wesentlich von drei Symptomen, den Kernsymptomen, charakterisiert. Das sind Störungen der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität.

Bei der Aufmerksamkeit wird in selektiver und Daueraufmerksamkeit unterschieden.

Die selektive Aufmerksamkeit beschreibt die Fähigkeit, sich auf Aufgaben relevante Reize zu fokussieren und nicht relevante Reize zu ignorieren. Das bedeutet, daß Ablenkbarkeit ein Indiz für verminderte selektive Aufmerksamkeit ist.

Die Fähigkeit die Aufmerksamkeit über eine Zeit aufrecht zu erhalten wird Daueraufmerksamkeit genannt.

Die Störung zeigt sich darin, daß Aufgaben vorzeitig abgebrochen und Tätigkeiten nicht beendet werden. Dies geschieht ausgeprägt in fremd bestimmten Situationen und Beschäftigungen die einen kognitiven Einsatz erfordern. Insgesamt wird ein häufiges Wechseln von Aktivitäten beobachtet. Die Eine wird abgebrochen, weil das Interesse scheinbar erloschen ist und/oder die Aufmerksamkeit von einer anderen Aktivität abgelenkt wurde.

Mit diesem Verhalten eng verbunden ist die Impulsivität. Es wird mit kognitiver Impulsivität umschrieben, der Tendenz dem ersten Handlungsimpuls zu folgen. Die Tätigkeit wird sofort begonnen, obwohl sie nicht durchdacht ist oder die Aufgabenstellung noch nicht komplett gestellt oder erklärt ist.

Hinzu kommt häufig die motivationale Impulsivität, die Problematik Bedürfnisse aufzuschieben, zu warten an die Reihe zu kommen.

Hyperaktivität ist durch exzessive Ruhelosigkeit gekennzeichnet, vornehmlich in Situationen, die Ruhe erfordern. Die motorischen Aktivitäten sind desorganisiert, mangelhaft reguliert und überschießend.

Neben diesen drei Kernsymptomen wird eine Bandbreite von einhergehenden Störungen, bzw. Symptomen beobachtet, die in verschieden starker Ausprägung und Häufigkeit bei hyperaktiven Kindern zusätzlich einzeln oder in Kombination auftreten und die Kernsymptome in der Folge verstärken und umgekehrt.

- Oppositionelle Verhaltensstörungen (die Kinder widersetzen sich aktiv Anweisungen und Regeln Erwachsener) und aggressive oder dissoziale Störungen des Sozialverhaltens. Als direkten Grund hierfür wird die oft deutlich herabgesetzte Frustrationstoleranz und die emotionale Impulsivität (im affektiven Bereich) gesehen.
- Depressive Störungen und Angststörungen; das sind emotionale Störungen, die auch als sekundäre Schwierigkeiten auftreten.
- Lernstörungen und Schulleistungsdefizite; ursächlich sind die Aufmerksamkeitsstörungen und die motorische Unruhe, sie werden aber auch als sekundäre Schwierigkeiten verstärkt.
- Ticstörungen.
- Sprech- und Sprachstörungen.

(vgl. Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie 2000,S.153).

2.2. Sekundäre Schwierigkeiten von Kindern mit HKS

An erster Stelle stehen hier die Beziehungsprobleme. Aufgrund ihrer emotionalen Impulsivität, der niedrigen Frustrationstoleranz und der Neigung jedem Impuls zu folgen, werden die Kinder schnell zu Plagegeistern für andere; das betrifft Gleichaltrige, Eltern und Lehrer. Die negativen Rückmeldungen verstärken hierbei ihrerseits die Ausgangslage.

Zunehmend zeigt sich ein vermindertes Selbstwertgefühl und schulische Mißerfolgserfahrungen führen zu verminderter Leistungsmotivation und damit wieder zu Leistungsdefiziten.

3. Interventionsverfahren

Interventionsverfahren setzen dort an, wo es „brennt“. Die Schwierigkeiten der Kinder mit HKS sind vielfältig, wie die vorangegangenen Symptome erkennen lassen. Daher reicht es nicht aus, Bereiche isoliert zu betrachten und zu therapieren. Je nach Situation können sekundäre Schwierigkeiten im Vordergrund stehen. Die Geschichte eines Kindes ist ausschlaggebend für Art, Grad und Ausprägung seiner Symptome. So hat sich ein multimodales Vorgehen bewährt und entspricht dem Gesamtbild der Schwierigkeiten. (vgl. Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie 2000, S. 164 f)

So fordert Döpfner bei der Planung der multimodalen Behandlung bei den Problemen anzusetzen „beim Kind, in der Familie, in der Schule, bei den Aufmerksamkeitsschwächen, der Impulsivität, der Hyperaktivität oder der Aggressivität“ (in: Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie 2000, Seite 165).

Die folgende Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Bausteine des Therapieprogrammes für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
83
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638174046
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11173
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Heilpädagogische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Anfängerschwimmen Kindern

Autor

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Titel: Anfängerschwimmen mit hyperaktiven Kindern