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Auguste Rodin: Das eherne Zeitalter - Beschreibung und Analyse

Hausarbeit 2006 23 Seiten

Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Haltung und Ausdruck

II. Proportion

III. Form
1. Material und Beleuchtung
2. Vorderansicht
3. Seitenansicht (links)
4. Rückansicht
5. Seitenansicht (rechts)

Schlussfolgerung und kunstgeschichtliche Einordnung

Bildteil

Bibliographie

Bildnachweis

Einleitung

Nach seiner Tätigkeit als Assistent für Auftragsarbeiten bei verschiedenen Bildhauern, arbeitete Auguste Rodin 1876 und 1877 an seiner ersten vollfigürlichen Plastik, einem männlichen Akt, der unter dem Titel L’âge d’arain (dt. Das eherne Zeitalter) bekannt wurde.

Zunächst trug der dargestellte Mann eine Lanze in der linken Hand und Rodin nannte die Skulptur Der Besiegte. Auf dem Pariser Salon von 1877 präsentierte Rodin sein Werk ohne Lanze und mit neuem Titel. Mittlerweile ist die Plastik in ca. 150 Bronzeabgüssen weltweit verbreitet.

Vor dem Hintergrund des ersten Titels und der Niederlage Frankreichs im französisch-preußischen Krieg (1871) sowie anhand der Lanze und der eingeritzten Stirnwunde, hätte der Betrachter Rodins Werk emphatisch-narrativ oder national-symbolisch auffassen können. Die Skulptur hätte einen Anstoß gegeben, um über den Krieg nachzu- denken oder Vermutungen über das Schicksal des dargestellten Soldaten anzustellen. Leicht hätte man Verbindungen ziehen können zu anderen antiken oder neuklassischen Darstellungen von Lanzen- oder Speerträgern.

Möglicherweise veranlasst durch erste Reaktionen oder aus eigenen Überlegungen heraus entschied sich Rodin aber, die leicht veränder- baren symbolischen und narrativem Teile, nämlich Titel und Lanze, zu entfernen, um den Blick des Betrachters auf die Gestalt und Form des Mannes zu lenken.

Ich möchte dieser Aufforderung konsequent folgen und werde nach meiner Betrachtung der Haltung und der Proportionen die Form der Skulptur unter verschiedenen Betrachtungswinkeln beschreiben, ohne mich dabei auf kunstgeschichtliche Vergleiche zu stützen.

Für die Beschreibung und Analyse von Haltung und Proportion, ziehe ich der Anschaulichkeit halber den Doryphoros von Polykleitos als Vergleich heran – eine Skulptur, die Rodin, wie die griechische Plastik überhaupt, von seinen Studien der Antikensammlung des Louvre sehr vertraut war.

Bei allen Beschreibungen des Körpers gelten Links- Rechts- Angaben wie in der Medizin, also immer vom Körper aus gesehen. Für die Beschreibung der Form gilt der fotografische Blick, Links- Rechts- Bezeichnungen vom Betrachter aus.

I. Haltung und Ausdruck

Das Gewicht ruht auf dem linken Bein, die Hüfte ist konsequenter- weise nach links verschoben und nach rechts gekippt. Die Schulter- linie verläuft entgegengesetzt nach links unten, die Linie der beiden Knie wieder parallel zur Hüftlinie nach rechts unten (4).

Wie in der 90-Grad-Seitenansicht (6) sichtbar wird, ist der Körper in seiner gesamten senkrechten Achse von den Füßen aus leicht nach vorne gekippt. Der Torso ist dabei nicht über der Hüfte oder der Brust gebeugt, sondern wie ein sich spannender Bogen heraus gestreckt.

Diesen Bogen weiterführend ist der Kopf angehoben.

Fast sämtliche Muskeln, besonders aber die des linken Standbeins

(10) sowie die untere Bauch- und Rückenmuskulatur werden bei dieser kraftzehrenden Haltung beansprucht.

Die Arme halten sich unabhängig von dieser Schräglage. Der rechte Oberarm steht fast senkrecht nach oben. Vom Ellebogen aus schlägt der Unterarm dann eine Brücke zum Kopf, wo die Hand locker zusammengeballt auf dem Kopf aufliegt. Der linke Arm ist nach schräg unten hin abgestreckt und ebenfalls in der Ellenbeuge geknickt, so dass der Unterarm fast senkrecht (parallel zum rechten Oberarm) nach oben zu der Hand führt, die ursprünglich mit lockerem Griff die Lanze hielt (12). Nach der Handhaltung zu urteilen, hat die Lanze wie eine Stütze in entgegengesetzter Richtung zur Schräge des Körpers gestanden.

Kinn und Gesicht sind angehoben und etwa 15 Grad nach rechts gedreht. Der rechte Fuß zeigt ebenfalls schräg nach rechts. Er ist etwas zurückgestellt und berührt nur mit dem Ballen den Boden, da das rechte Bein im Knie gebeugt ist. Im Gegensatz zu diesem Spielbein steht das linke Standbein senkrecht (jedoch im Knie nicht durchgedrückt) auf einem gerade nach vorne weisenden Fuß.

Im Vergleich zum Doryphoros (15) steht Rodins Akt nicht im Kontrapost. Der Kontrapost ist eine in Richtung und Spannung ausgeglichene Haltung, in der jeder Spannung eine Entspannung entgegengesetzt wird. Dem lockeren, linken Spielbein wird der rechte, locker herabhängende Arm gegenübergestellt. Dem gespannten Standbein entspricht der angewinkelte speertragende Arm. Der linke Fuß zeigt im gleichen Winkel nach links wie der Kopf nach rechts.

Sieht man von der Drehung des Kopfes und von der Position der Arme ab, könnte die im Ehernen Zeitalter dargestellte Haltung die eines Werfenden sein. Und zwar im Moment kurz vor dem letzten Schritt nach vorne und der Streckung des werfenden, rechten Arms. Das rechte Bein tritt zurück und zieht den gesamten Körper zu einer Ausholbewegung nach hinten. Dann verlagert sich das Gewicht auf das linke Bein, während die rechte Hälfte des Körpers mitsamt Wurfarm sich an diesem neuen Standbein vorbei nach vorne schiebt. Der Moment, kurz bevor dieses Nachvorneschieben mit einem Ausfallschritt mit dem rechten Bein ruckartig beendet wird, schafft eine auf dem linken Bein gestützte Körperhaltung, die der dargestellten in den Spannungsverhältnissen ähnlich ist.

(7, 10, 13)

Die Haltungen des Kopfes und die der Arme lassen sich jedoch nicht in dieses beschriebene Moment in der natürlichen Bewegung eines Werfenden eingliedern. Der Blick geht nicht in die Richtung der Bewegung und der Gesichtsausdruck zeigt wenig zielgerichtete Anspannung. Der Mund ist halb geöffnet, die Züge entspannt aber konzentriert. Die Modellierung der Augen lässt nicht erkennen, ob sie offen oder geschlossen sind (3, 5).

Die auf dem Kopf aufgestützte rechte Hand und der erhobene Kopf wirken sehr bewusst gesetzt und theatral. Das Berühren des eigenen Körpers vermittelt einen Moment der Selbstvergegenwärtigung – in träumerischer Eitelkeit, nagendem Selbstzweifel oder erzwungenem Erwachen.

Die Haltung des anderen Arms kann ich interessanterweise nur mit einer bewussten Anstrengung noch unvoreingenommen, das heißt, ohne die Lanze gedanklich zu ergänzen, interpretieren. (Noch schwieriger fällt mir dies, seit ich auf einer begleitenden Bildschirmpräsentation im Wallraf-Richartz Museum eine Fotomontage der Skulptur mit Lanze sah). Diese Ergänzungsleistung meines Gehirns zeigt, wie unerklärlich und unpassend zur übrigen Haltung der angehobene linke Arm wirkt. Lässt die Hand Sand auf den Boden rieseln, ist der Arm im Begriff resigniert herabzusinken oder sich erwachend nach oben zu strecken? So meine Assoziationen, von denen keine von einer genauen Betrachtung bestätigt wird.

Zusammenfassend lässt sich nur sagen: Die gespannte Haltung von Beinen und Rumpf scheint durch die Gesten der Arme und der Haltung des Kopfes gebremst – eine Kraftumsetzung unmöglich.

II. Proportion und Körperbau

Der von Rodin modellierte Mann ist nach den Gesetzmäßigkeiten biologischen Wachstums bzw. nach den traditionell überlieferten Schönheitsidealen wohl proportioniert (2), aber nicht im Maße der Perfektion, die in den Proportionen des Doryphoros nachgewiesenen, wurde (1).

Der Bauchnabel liegt beim Doryphoros genau im goldenen Schnitt (0,618...) der Höhe von Sohle bis Scheitel. Beim Ehernen Zeitalter ist dies annähernd der Fall (0,68).

Der Abstand von den Brustwarzen zum Scheitel (Strecke d) und der vom oberen Knie (Mitte) zum Boden liegen zur Strecke e dazwischen beim Doryphoros im goldenen Schnitt. Bei Rodin betragen die Verhältnisse der gleichen Strecken (l zu k und Strecke j zu k) 0,57 und 0,66..., nähern sich also dem Verhältnis des goldenen Schnitts.

Die Beine (Sohle bis zum Schritt – Strecke m) sind beim Ehernen Zeitalter etwa 14 Prozent kürzer als der restliche Körper (Schritt bis Scheitel – Strecke n), beim Doryphoros nur vier Prozent (f zu g).

Das Gesicht von Rodins Akt weicht von der mathematisch berechneten Harmonie der Klassik deutlich ab. Die Augen liegen etwas zu hoch. Die Strecke Kinn – Nase ist länger als die Strecke zwischen Nasenspitze und Augenbraue.

Die Ohren stehen ab.

Die Füße schließlich sind im Vergleich zur Körpergröße

(168 Zentimeter) bei Rodin überdurchschnittlich lang, nämlich 29 Zentimeter – die europäische Schuhgröße 44 wäre hier angemessen. Was den Körperumfang betrifft ist der Doryphoros beleibter, was durch die überdeutlich modellierten, überhängenden Kanten an Brust, Hüfte und Oberarmen noch unterstrichen wird.

Die schlanke Taille, die magere Brust und ein relativ kleiner Kopf tragen dagegen dazu bei, dass Rodins Akt trotz kräftiger Muskeln eher dünn aussieht.

III. Form

1. Material und Beleuchtung

Rodin schuf die meisten seiner Skulpturen aus Gips und ließ von dem Original Bronzeabgüsse herstellen. Bronze und Gips unterscheiden sich in Farbe, Art der Lichtreflexion und in ihren Alterserscheinungen. Eine Untersuchung dieser Unterschiede ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Ebenso wenig kann ich auf die starken Wirkungs- unterschiede durch unterschiedliche Beleuchtung eingehen. Als Vorbemerkung der Formanalyse zu den unterschiedlichen Perspektiven der Abbildungen (3 bis 14) sei nur kurz angemerkt: Bronzeabgüsse in wenig akzentuierter Oberlicht-Beleuchtung, wie man sie auch im Museum finden würde, zeigen die Fotografien 5, 7 und 13. Die Vorderansicht des Gipsoriginals (14) ist in fast allseitigem

Licht aufgenommen und scheint etwas überbelichtet. Stärkere Hell- Dunkel-Kontraste und Glanzlichter sieht man auf dem Foto von

P. Hesmerg (3) und den seitlich aufgenommenen Fotos des Gipsoriginals (10, 12).

2. Vorderansicht

Von vorne gesehen (3, 4, 5, 14) lässt sich die Form der Skulptur durch ein auf der Spitze stehendes, lang gezogenes Dreieck einfassen.

Hauptelemente des dreieckigen Gebildes sind ein vertikaler Zylinder und ein daran anschließendes nach diagonal rechts unten weisendes Parallelogramm, gebildet durch die beiden Arme.

Die Skulptur ist auf der linken Seite von einer geschwungenen Linie abgeschlossen. Zur rechten Seite hin wird die Form durch den, in die Diagonale abwärts weisenden, Oberarm geöffnet. Das heißt: Es ist möglich, zumindest den Teil des umgebenden Raums direkt unter dem linken Arm als Teil der Skulptur zu betrachten und die Diagonale des Arms gedanklich bis zum Boden zu verlängern.

Die Hauptkontraste in der Form der Skulptur sind der Richtungskontrast zwischen dem Parallelogramm der Arme und dem senkrechten Körper und der Formkontrast zwischen den spitz angewinkelten Armen und den großen Schwüngen von rechtem Bein und linker Hüfte.

Diese beiden Schwünge sind vertikal versetzt.

Wenn man die Skulptur von unten nach oben betrachtet ergibt sich demnach folgender spiralförmiger Blickverlauf. Die Form schwingt nach einem kurzen Auftakt über den rechten Fuß zunächst nach links bis etwa zur Mitte des rechten Oberschenkels, dann nach rechts zur linken Hüfte, um über einen Schwung über die rechte Brust an der linken Schulter anzuhalten. Den sich daran anschließende Kopf könnte man als weiteren Schwung betrachten, vor allen Dingen führt er aber als Überleitung den Blick kreisförmig über den Bogen des rechten Unterarms in das abwärts weisende Parallelogramm.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111795
Institution / Hochschule
Kunsthochschule für Medien Köln
Note
1,0
Schlagworte
Auguste Rodin Zeitalter Beschreibung Analyse skulptur impressionismus eherne zeitalter l'age d'airain

Autor

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Titel: Auguste Rodin: Das eherne Zeitalter - Beschreibung und Analyse