Lade Inhalt...

Die „europäische Region“: Rhône-Alpes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 31 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Wirtschafts- und Industriepolitik in Frankreich (Zentralismus und Dezentralisierung)

3. Die Region Rhône-Alpes
3.1 Die Entstehung der Region Rhône-Alpes
3.2 Verwaltungsstrukturen der Region Rhône-Alpes
3.3 Die Beziehungen zwischen Staat und der Region Rhône-Alpes
3.3.1 Stellung und Funktion des Präfekten
3.3.2 Staatsvertrag – Contrat de Plan
3.4 Kompetenzen und Aufgaben der Region
3.5 Einnahmen / Ausgaben – konkrete Politik

4. Der Wirtschaftsraum der Region Rhône- Alpes
4.1 Naturräumliche Einordnung
4.2 Wirtschafträumliche Entwicklung
4.3 Industrialisierung der Region „lyonnaise“
4.4 Wirtschaftsstruktur Rhône –Alpes
4.4.1 Landwirtschaft
4.4.2 Sekundärer Sektor
4.4.2.1 Regionale Disparitäten
4.4.2.2 Innersektorale Struktur
4.4.2.2.1 Produktions- und Grundstoffindustrie
4.4.2.2.2 Investitionsgüterindustrie
4.4.2.2.3 Konsumgüterindustrie
4.4.2.2.4 Energie
4.4.3 Tertiärer Sektor
4.4.3.1 Unternehmensbezogene Dienstleistungen
4.4.3.2 Tourismus
4.4.3.3 Verkehr und Logistik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach dem 2.Weltkrieg beschrieb der Geograph Gravier 1947, in dem viel beachteten Buch „Paris et le désert francais“[1], Frankreich als ein weitgehend agrarisch geprägtes und wenig industrialisiertes Land, das durch starke regionale Disparitäten gekennzeichnet war. Um die wirtschaftliche Schwäche zu beenden, schien es der Regierung notwendig, dem Staat die zentrale Rolle in der Wirtschaftsentwicklung des Landes zukommen zu lassen. Aus diesem Grunde installierte sie die Planification, eine zentralstaatliche Wirtschaftsplanung und setzte damit die zentralistische Politik der Vergangenheit fort. Seitdem hat sich die Beziehung zwischen der französischen Regierung und den Gebietskörperschaften allerdings fundamental geändert. Um den Prozess der Dezentralisierung seit den 60er Jahren des 20. Jh. und die damit verbundene Aufwertung der Regionen besser zu verstehen, erscheint es sinnvoll, eine kurze Einführung in die französische Industrie- und Wirtschaftspolitik zu geben. Damit beginnt diese Arbeit. Danach wird auf die Entstehungsgeschichte der Region Rhône-Alpes eingegangen. Ihr administrativer Aufbau und ihre Kompetenzen sollen anschließend kurz erläutert werden.

Der zweite Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich dann ausführlich mit dem zentral in Europa gelegenen Wirtschaftsraum Rhône-Alpes. Zunächst wird der Naturraum beschrieben, danach folgt eine wirtschaftsgeschichtliche Beschreibung als Grundlage dieses Abschnittes. Anschließend wird zum einen die sektorale Struktur der Wirtschaft besprochen, zum anderen auf die räumliche Verteilung der Wirtschaft eingegangen. Da der sekundäre Sektor den Motor der regionalen Wirtschaft darstellt, liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf der Darstellung der industriellen Entwicklung und der Verteilung der Industrie innerhalb der Region. Daraufhin befasst sich die Arbeit mit dem Dienstleistungssektor in der Region Rhône-Alpes, um schließlich die Ergebnisse im Fazit zusammenfassen zu können.

2. Wirtschafts- und Industriepolitik in Frankreich (Zentralismus und Dezentralisierung)

Seit Beginn der Staatenbildung im späten Mittelalter ist Frankreich durch eine zentralistische Ordnung geprägt. Waren die zentralistischen Strukturen in Politik und Verwaltung zunächst erforderlich, um die Einheit des heterogenen Staatengebildes zu sichern, wurden im Zuge der Französischen Revolution und der Reformen Napoleons die Kompetenzen der Zentralregierung sukzessive ausgebaut und erstreckten sich bald auf alle gesellschaftlichen Bereiche (Hoffmann-Martinot, V. 2005:323). So spielten die Vorgaben und Anordnungen aus Paris auch im Bereich der Wirtschaft die entscheidende Rolle. Bereits unter Ludwig XIV (1661-1715) errichtete der für die merkantilistische Politik verantwortliche Minister Colbert ein Kontrollsystem der Wirtschaft. Er belegte den Bergbau mit königlichen Konzessionen, ließ Schifffahrtswege und Häfen bauen, Manufakturen errichten und „…legte die ersten Industrialisierungsansätze in die Hände des Staates“ (Brüchner, W. 1987:670). Napoleon drängte die mit der Revolution aufgekommenen föderalistischen Elemente zurück und stärkte die Zentralgewalt (Michna, R. 1997:36). Auch nach dem 2.Weltkrieg setzte sich die Zentralisierung fort, indem die französische Regierung mit der „Planification“ eine zentralstaatliche Wirtschaftsplanung installierte. Aufbauend auf der ideengeschichtlichen Tradition des Merkantilismus und angesichts der desolaten wirtschaftlichen Situation herrschte die Meinung vor, der Staat müsste in die wirtschaftlichen Abläufe eingreifen, um die Modernisierung der Wirtschaft voran zu treiben und den Wiederaufbau zu steuern. Das zu diesem Zweck geschaffene Plankommissariat erstellte mittelfristige Investitions- und Finanzplanungen, an denen sich die Wirtschaftspolitik künftig orientieren sollte. Gleichzeitig wurden 6 Bereiche genannt, denen die Regierung besondere Bedeutung für Modernisierung und Aufbau beimaß: u. a. Kohle, Stahl, Elektrizität, Zement (Uterwedde, H. 2004:11).

Das zweite Zeichen für den großen staatlichen Einfluss war der verstaatlichte Wirtschaftssektor, der in den Jahren zwischen 1944 und 1948 entstand. Im Finanz- und Versicherungssektor sowie in den für die Infrastruktur relevanten Bereichen wie Verkehr, Nachrichtenwesen und Energie wurden die meisten Unternehmen unter staatliche Kontrolle gestellt, wodurch der Staat über die notwendigen Ressourcen verfügen konnte, um die Modernisierungspläne auszuführen.[2] Ein weiteres Instrument der staatlichen Lenkung der Modernisierung stellt die Industriepolitik dar. Da die französische Industrie in vielen Bereichen nur schwach entwickelt war, stellte die Regierung unter de Gaulle 1958 erstmals eine Liste strategischer Sektoren auf, in denen die industrielle Entwicklung durch spezielle Förderungen beschleunigt werden sollte. Schwerpunkte dieser Politik lagen in der Unterstützung hochtechnologischer Branchen und Produkte: Luft- und Raumfahrtindustrie, Atomenergie, Verkehr (TGV, Concorde), Computerbau und Rüstungsindustrie (Uterwedde, H. 2004:12). Der Staat investierte erhebliche Mittel in F&E und Produktionstechniken, um eine französische Produktion in diesen Bereichen zu sichern.

Die staatliche Wirtschafts- und Industriepolitik nach dem 2.Weltkrieg bis in die 70er Jahre kann durchaus als erfolgreich beurteil werden. Innerhalb von 30 Jahren wandelte sich Frankreich von einem weitestgehend agrarisch geprägten Staat in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Dennoch darf nicht darüber hinweg gesehen werden, dass die „von oben“ verordnete Wirtschaftspolitik auch zu Konflikten führte. Vom raschen Strukturwandel profitierten nicht alle Gesellschaftsgruppen gleichermaßen, viele Kleinunternehmen und Händler mussten aufgrund der sich verändernden Wettbewerbslage aufgeben. Auch die wirtschaftlichen Disparitäten veränderten sich nicht wesentlich. Erst 1963 wurde die Délégation á l`Aménagement du Territoire et á l`Action Réginale (DATAR) gegründet, um dem „Widerspruch zwischen sektoral ausgerichteter Planification und räumlicher Lenkung, dem Aménagement du Territoire (AT), […] zu begegnen“ (Tharun, E. 1987:701).

Erheblich verstärkt wurde die Kritik an der Regierungspolitik durch die erste Ölkrise 1973. Erstmals seit dem Ende des Krieges stagnierte das Wirtschaftswachstum. Die Mängel der verordneten Regierungspolitik wurden nun sichtbar. Sie bestanden offensichtlich darin, dass die Wirtschaft fast ausschließlich in den Wirtschaftszweigen mit staatlicher Beteiligung wuchs. In anderen Bereichen mit überwiegend privatwirtschaftlicher Nachfrage wie in der Konsumgüterindustrie zeigten sich die Schwächen der französischen Wirtschaft. Ein weiteres Problem zeigte sich in der mangelnden Flexibilität der traditionellen Industrien der Bereiche Textilien, Kohle und Stahl. Die notwendigen Strukturanpassungen waren hier versäumt worden, wodurch die Betriebe an Konkurrenzfähigkeit im zunehmenden internationalen Wettbewerb verloren. Nachdem auch ein Versuch durch Verstaatlichungen privater Industrieunternehmen im Jahre 1981 nicht zum gewünschten Erfolg führte, erkannte die sozialistische Regierung unter Mitterand, dass ein Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik unausweichlich geworden war (Uterwedde, H. 2004:13). Auch wenn es seit den 1960er Jahren bereits kleinere dezentralisierende Reformen gegeben hatte, äußerte sich die Neuorientierung in der Wirtschaftspolitik vor allem in den Dezentralisierungsgesetzen des Jahres 1982, die den regionalen Entscheidungsträgern erstmals mehr Kompetenzen und Mitspracherechte in Fragen der Raumordnung und –planung zugestand. Die Hauptinhalte der Gesetze lassen sich folgendermaßen beschreiben: Aufwertung der Regionen zu rechtlich vollwertigen Gebietskörperschaften analog zu den Gemeinden und den Departements (Brüchner, W. 1987:672); Ausweitung des Exekutivrechts auf die Departements- und Regionalräte, wodurch die Gebietskörperschaften ermächtigt wurden, eigene wirtschaftspolitische Initiativen einzuleiten; und die Abschaffung aller zentralstaatlicher Vorabkontrollen in Verwaltung und Finanzpolitik (Hoffmann-Martinot, V. 2005:323).

Auch wenn sich der Staat in der jüngeren Vergangenheit im Zuge der europäischen Integration und der damit verbundenen Deregulierung und Liberalisierung des europäischen Binnenmarktes sukzessive aus der Wirtschaft zurückgezogen hat, bestimmt er bis zum heutigen Tage bedeutende Bereiche der französischen Wirtschaft, vor allem bei den öffentlichen Dienstleistungen wie z. B. Post, dem Energiewesen oder der Infrastruktur. Damit bleibt der Staat ein entscheidender wirtschafts- und industriepolitischer Akteur.

3. Die Region Rhône-Alpes

3.1 Die Entstehung der Region Rhône-Alpes

Rhône-Alpes ist als ehemaliges Grenzgebiet zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus historischer Perspektive ein äußerst heterogenes Gebilde. Der Eingliederungsprozess der einzelnen Gebiete der Region dauerte vom Hochmittelalter bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. Ab dem 12. Jh. wurde die regionale Entwicklung geprägt durch den Konflikt zwischen der Dauphiné (mit Hauptstadt in Grenoble) und Savoyen. Das Herrschaftsgebiet Savoyens erstreckte sich über das Wallis, das Waadtland und Genf im Norden bis weit nach Norditalien vor die Tore von Mailand. Das Zentrum der Regionalmacht lag in Chambéry, von wo aus die Alpenpässe nach Italien kontrolliert werden konnten. Ab dem 16. Jh. änderte sich die Situation, als die Dauphiné in das Gebiet der französischen Krone aufging. Von nun an wurde Savoyen, das 1713 zum Königreich Sardinien-Piemont erhoben wurde, immer wieder von französischen Truppen angegriffen und teilweise besetzt, was zu Gebietsverlusten im Norden und schließlich zur Ostverlagerung des Herrschaftszentrums nach Turin führte. Im Verlauf der Feldzüge Napoleons wurde das Königreich Sardinien-Piemont, als traditioneller Bündnispartner der Habsburger Krone, vernichtend geschlagen und unter französische Herrschaft gestellt. Auch die Restauration des Königreichs auf dem Wiener Kongress konnte letztlich nicht mehr verhindern, dass die Gebiete der heutigen Departements Savoie und Haute-Savoie schließlich im Vertrag von Turin 1860 dem französischen Reich angegliedert wurden (Michna, R. 1997:14-43).

Abbildung 1: Das Gebiet der Region Rhône-Alpes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: CCI 19.11.2005

Die Region Rhône-Alpes besteht heute aus 8 Departements (Ain, Ardèche, Drôme, Isère, Loire, Rhône, Savoie und Haute-Savoie) mit insgesamt 2879 Gemeinden. Die Regionen in Frankreich entstanden im Gegensatz zu den Departements erst in der zweiten Hälfte des 20.Jh. In den 50er Jahren wurden im Zuge des wirtschaftlichen Wiederaufbaus 22 „Programmregionen“ in Frankreich gebildet, die allerdings nur funktionale Verwaltungseinheiten ohne eigene Kompetenzen darstellten. Bis zum heutigen Tage sind diese Strukturen in Form der Regionen erhalten geblieben. Einen Sonderfall stellt hier die Region Rhône-Alpes dar, welche erst 1960 durch die Vereinigung der Programmregionen Rhône-Loire (Ain, Ardèche, Drôme, Loire und Rhône) und der Région des Alpes (Isère, Savoie, Haute-Savoie) in ihrer heutigen Form entstand. Diesem Zusammenschluss waren erhebliche Interessenkonflikte zwischen Lyon und Grenoble vorausgegangen. Grenoble, als Hauptstadt der Région des Alpes, war natürlich am Status der Regionalhauptstadt interessiert und plädierte für das Fortbestehen der beiden Einheiten. Letztlich wurde die große Lösung durchgesetzt und es entstand am 2. Juni 1960 die Region Rhône-Alpes mit der Hauptstadt Lyon (Michna, R. 1997:41). In der Entstehungsgeschichte der Region begründet sich somit eine gewisse Konkurrenzsituation zwischen Lyon und Grenoble, welche bis zum heutigen Tag fortwährt, wenn auch in abgeschwächter Form.

[...]


[1] Dt.: „Paris und die französische Wüste“

[2] Der spürbare Erfolg der Verstaatlichungen erzeugte in der französischen Gesellschaft die Überzeugung, dass verstaatlichte Unternehmen ein wirksames Mittel zur Bekämpfung wirtschaftlicher Krisen seien. Aus diesem Grund kam es unter der sozialistischen Regierung unter Präsident Mitterand Anfang der 80er Jahre zu weitreichenden Verstaatlichungen in der Industrie. Auch die Protestaktionen im Herbst 2005 im Zusammenhang mit den Privatisierungsplänen der Fährgesellschaft SNCM und EDF haben gezeigt, dass auch heute noch ein Teil der französischen Bevölkerung staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsystem befürwortet.

Details

Seiten
31
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640107643
ISBN (Buch)
9783640109555
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112090
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Geographisches Institut
Note
1,5
Schlagworte
Rhône-Alpes Wirtschaftsregionen Verwaltungseinheiten Frankreich Dezentralisierung Zentralismus Wirtschaftsförderung Regionalentwicklung Lyon Grenoble chemische Industrie Maschinenbau Industrie Strukturwandel Landwirtschaft Tourismus Region französische Regionen

Autor

Zurück

Titel: Die „europäische Region“: Rhône-Alpes