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Die Vergangenheitsbewältigung in Frankreich - Der französische Algerienkrieg: Kultur der Erinnerung oder Kunst des Vergessens?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs und die blutige Logik des Kolonialismus
2.1 Historischer Überblick
2.2 Erinnerungen an vergessene Verbrechen
2.3 Algerienkrieg im Spiegel des Geschichtsunterrichts
2.3.1 Leugnung und Verschleierung der Wahrheit
2.3.2 Ideologische Einflussnahme des Staats
2.3.3 Algerienkrieg als Randthema im Geschichtsunterricht

3 Algerienkrieg und seine Folgen: Die Vergangenheitsbewältigung à la francaise
3.1 Algerienkrieg: Stachel im Fleisch der französischen Politik und Gesellschaft..
3.2 Hochdekorierte Militärs: Folter und Mord als Pflichterfüllung?
3.3 Massaker auf höchstem Befehl? ..

4 Das Massaker vom 17. Oktober 1961: Die Erinnerung als Geheimnis der Republik
4.1 Massaker ohne Namen und Erinnerung mit Gesicht
4.2 Aufklärung nach 40 Jahren: Gedächtnisschwund oder Exzessive Erinnerung ?

5 Schlussbetrachtung

1 Einführung

Am 8. Mai 1945, am Tag der Befreiung Europas und des Waffenstillstands nach dem brutalen zweiten Weltkrieg, schossen französische Truppen auf der anderen Seite des Mittelmeers im algerischen Constantine auf Demonstranten, die für die Autonomie ihres Landes innerhalb des französischen Staatsverbandes eintraten. Dem brutalen Vorgehen der französischen Armee fielen Hunderte, wenn nicht Tausende von Algeriern zum Opfer. Der Versuch der Kolonialmacht Frankreich, die Unabhängigkeitsbewegung vom Anfang an im Keim zu ersticken, ist damit entgültig gescheitert.

Was danach folgte, war eine brutale militärische Auseinandersetzung zwischen der Front de Libération National (FLN) und der französischen Armee, die erst 40 Jahre nach dem Ende des Konfliktes offiziell von der französischen Regierung als Krieg bezeichnet werden konnte. In diesem von der FLN und der ALN ( Armée de Libération National) geführten Unabhängigkeitskrieg kamen mehr als 1 Millionen Algerier und 24.000 Franzosen ums Leben.

Bei den “Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung „- wie man offiziell 38 Jahre lang diesen schmutzigen Krieg bezeichnete- mobilisierte Frankreich seine ganzen militärischen Kräfte und im Dienste der La Grande Nation waren 2 Millionen französische Soldaten in Algerien stationiert. Mit allen zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln sollte verhindert werden, dass 132 Jahre koloniale Herrschaft in Algerien beendet wird.

Folter, Vergewaltigungen, willkürliche Ermordung von FLN-Militanten und Massenhinrichtungen gehörten zur tagtäglichen Praxis der französischen Armee während des offiziell von 1954 bis 1962 dauernden Algerienkriegs[1].

Die Enthüllungen von in Algerien begangenen Massakern sorgten vor einem Jahr für eine heftige Debatte über die Verstrickung Frankreichs in Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Anders kann man die Geständnisse und die Kriegserinnerungen von ehemaligen französischen Generälen in Algerien, die zugaben, im Dienste der französischen Kolonialmacht verdächtige FLN-Militanten gefoltert und anschließend exekutiert zu haben, nicht bewerten.

Diese an die französische Öffentlichkeit gelangten Informationen über die unmenschlichen Methoden der französischen Armee waren den Politikern des Landes von rechts bis links schon längst bekannt. Doch die Erinnerung an die „ Ereignisse“ in Algerien während der französischen Besatzung rührt an eine immer noch nicht geheilte Wunde der Kolonialgeschichte Frankreichs, genauso wie die Erinnerung an das Vichy-Regime an den Mythos der Résistance rührt.

Anders als in der Bundesrepublik, wo der deutsche Teilstaat nach der Niederlage des NS- Regimes die Verantwortung für das begangene Verbrechen übernahm, weigerte sich Frankreich bis heute jede Verstrickung und Verantwortung für die Untaten der französischen Armee in Algerien anzuerkennen. Eine Entschuldigung für die Opfer ist nicht in Sicht.

Dennoch kehrt die Geschichte unangemeldet in die Politik zurück nicht immer nur als Stoff, aus dem sich die Diskussionen der Intellektuellen ableiten lassen, sondern auch als Erinnerungen an konkrete Schicksale von Verfolgten, Vertriebenen, Gefolterten und Inhaftierten, die noch bis heute an den Folgen einer bedrängten, verfehlten und beschädigten Lebensgeschichte leiden und deshalb jetzt Respekt, Wiedergutmachung und die Erklärung von Schuld und Verantwortung verlangen.

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, den Umgang Frankreichs mit seiner Kolonialgeschichte zu untersuchen und seine Vergangenheitsbewältigung im Hinblick auf den Algerienkrieg zu analysieren. Dabei wird festgestellt, dass man in diesem Zusammenhang nicht von einer öffentlich initiierten und organisierten Bewältigung der Vergangenheit reden kann, sondern es sich eher um eine Überwindung und Vermeidung des Erinnerns an die dunklen Facetten der „ zivilisatorischen Mission Frankreichs“ in Nordafrika handelt.

Dass Frankreich Leichen im Keller der Geschichte hat, ist heute unbestritten. Wie die französische Regierung damit umgeht und wie der Staat versucht, Erinnerung zuzulassen, andere zu verdrängen und das kollektive Vergessen zu organisieren, macht unter anderem einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit aus.

Zuerst wird wird ein Überblick über die historischen Hintergründe des Konflikts vermittelt, in dem die blutige Logik des kolonialen Denkens Frankreichs, verkörpert von dem Demokratieforscher Alexis de Tocqueville, unverzichtbar ist. Dabei werden vor allem die in die Vergessenheit geratenen Massaker der französischen Kolonialmacht in die Erinnerung gerufen.

Dass Frankreich Erinnerungen verbietet und andere zulässt, gehörte anscheinend immer zu den beachteten Lebensaufgaben jener Regierungen mit den unterschiedlichen politischen Farben, die aus „Staatsraison“ sogar den Geschichtsunterricht so gestalten, dass er eindeutig von einer Mischung aus Selbstzufriedenheit einerseits und permanenter Leugnung und Verschleierung der Wirklichkeit andererseits geprägt ist. Im nächsten Kapitel wird demzufolge das in den Schulen vermittelte Geschichtswissen bezüglich des Algerienkriegs unter der Lupe genommen, um den schon in den Grundschulen in Angriff genommenen Prozess der offiziell organisierten Verschleierung der nationalen Geschichte ins Licht zu bringen.

Danach wird auf die durch ehemalige Militärangehörige ausgelöste Polemik über die totgeschwiegenen Greueltaten der französischen Armee in Algerien eingegangen, wo sowohl die Eingeständnisse der Generäle, als auch die politischen Auswirkungen dieser neuen Enthüllungen auf die seit 40 Jahren verfolgte „Verdrängungspolitik“ im Vordergrund stehen.

Verdrängt und von dem Gedächtnis gelöscht wurden indessen nicht nur Verbrechen in den Kolonien im Übersee, sondern auch Hinrichtungen Hunderter von algerischen Demonstranten mitten im Herzen der Metropole, in Paris. Hierbei ist das Massaker vom 17. Oktober 1961 ein lebendiges Beispiel dafür, wie tief der Gedächtnisschwund in der französischen Gesellschaft ist. Bei der Rekonstruktion dieses tragischen Ereignisses wird wegen des von Frankreich bewusst inszenierten kollektiven Vergessens, das sich auf die Quellenlage niederschlägt, auf Zeugenaussagen von direkt Beteiligten gestützt.

Am Ende wird eine Zusammenfassung aller hier behandelten Aspekten unternommen und die Ergebnisse der Untersuchung komprimiert dargestellt.

Die für das Thema entnommenen Informationen stammen sowohl von deutschen und französischen Monographien als auch von in Deutschland und Frankreich veröffentlichten Zeitschriftenaufsätzen und Zeitungsartikeln, die - aufgrund der Aktualität und der Folgen des Algerienkriegs auf die gegenwärtige Politik in Frankreich- einen signifikanten Beitrag zur Untersuchung des innerfranzösischen Verhältnisses zur Kultur der Erinnerung und zur Kunst des Vergessens leisten.

Was den neusten Forschungsstand anbelangt, zeichnet sich mit der Debatte über die in Algerien angewendete Folter eine neue Entwicklung gerade in der Geschichtsforschung ab. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die junge Historikerin, Raphael Branche, eine mehrjährige Untersuchung über die von der französischen Armee begangenen Folter in Algerien, eine Studie, die auch in den bisher verriegelten Archiven im Verteidigungsministerium stattgefunden hat.[2]

Dazu kommen noch zahlreiche Dissertationen in verschiedenen Disziplinen. In der Psychologie untersucht die Psychologin, Marie-Odile Godard, die posttraumatischen und psychischen Folgen des Kriegs, wo sie sich vor allem mit den systematisch praktizierten Vergewaltigungen von algerischen Frauen und parallel mit ihren Vergewaltigern in der französischen Armee während des Algerienkriegs beschäftigt[3].

2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs und die blutige Logik des Kolonialismus

2.1 Historischer Überblick

In der entfachten Debatte über das grausame Vorgehen der französischen Armee im Algerienkrieg könnte unbewusst der falsche Eindruck entstehen, dass das Verbrechen und die menschenverachtenden Zügen der französischen Kolonialpolitik nur auf den Zeitraum des Algerienkriegs beschränkt wären.

Wegen der staatlich kontrollierten „ politique de la mémoire[4] “ sind in diesem Zusammenhang eine Fülle von tragischen und die Republik beschämenden Ereignissen einfach vom kollektiven Gedächtnis gelöscht worden.

Dennoch bleiben die Massaker unter der Zivilbevölkerung und die summarischen Liquidierungen der Algerier mit ihrer langen Geschichte, die mit den ersten geleisteten Wiederständen von Emir Abdelkader gegen die französischen Besatzer bis zum 19 Jahrhundert zurückzuverfolgen ist[5], ein noch nicht gewendetes Blatt im Schwarzbuch des französischen Kolonialismus, dessen blutige Logik in Algerien schon 132 Jahre alt ist.

Von Glanz und Reichtümern des Orients angezogen, eroberte am 31. Januar 1830 die Kolonialmacht Frankreich das Nordafrikanische Land. Doch das Land, wo „ Milch und Honig“ flossen, ist unter der Gnade der blutigen Kolonialpolitik Frankreichs gefallen. Ausbeutung, Versklavung der Autochthonen und Ignominie der Besatzer verbreiteten sich rasch und brachten die Eingeborenen zu einem asymmetrischen Krieg gegen die französische Kolonialherrschaft .

Was danach folgte, ist für die nacheinander etablierten französischen Regierungen anscheinend nicht erinnerungswürdig.

2.2 Erinnerungen an vergessene Verbrechen

Die Geschichte des kolonialen Verbrechens begann am 29. Dezember 1840, als der frisch zum Gouverneur der Kolonie ernannte General Thomas Bugeaud in Algerien eintraf. Mit ihm fangen die ersten wahren „ zivilisatorischen Missionen Frankreichs “ an, deren Mittel an Grausamkeiten nicht zu überbieten sind. In den französischen Geschichtsbüchern heißt es dennoch bis heute, „ die kulturspendenden Mission Frankreichs sei mit ein paar Ausnahmen unblutig und mit großer Begeisterung von den Autochthonen in den Kolonien aufgenommen worden.[6]

In der offiziellen Geschichte Frankreichs ist nirgendwo erwähnt, dass die Armeeoffiziere, welche an Massakern, massenhaften Deportationen der Bevölkerung, Raub von Frauen und Kindern, die als Geiseln benutzt werden, an Aneignung der Ernten und des Viehs und an Verwüstungen von Obstplantagen beteiligt waren und dafür noch vom Staat belohnt wurden. Doch schon damals brachten die Berge von algerischen Leichen den Generälen der Afrika-Armee, die für ihren Einsatz zum Marschall und sogar zum Kriegsminister gefördert wurden, glänzende Karrieren ein.[7]

Unter den Befürwortern dieser Politik der „verbrannten Erde“ in Algerien, befand sich einstmals ein in der offiziellen Geschichte in Frankreich als Demokrat bekannter Forscher, der mit seinen ausführlichen Arbeiten über Algerien die gegen die französische Expansion erhobenen Stimmen in der Nationalversammlung zum schweigen brachte .

Alexis De Tocqueville, Stratege der französischen Kolonialpolitik und Autor des berühmten Werks „ Die Demokratie in Amerika“ rechtfertigte diese militärische Intervention in Nordafrika und bezeichnete schon damals die Massaker an den Algeriern als notwendige Maßnahmen. Während eines Aufenthaltes in Algerien im Oktober 1841, lieferte er zahlreiche Texte und verstreute Analysen in seiner umfangreichen Korrespondenz, wo er seine blutigen Reflexionen und Theorien über die wirksamen Methoden der Kolonisierung zusammengestellt hatte. Er schreibt: “ J'ai souvent entendu en France des hommes que je respecte, mais que je n'approuve pas, trouver mauvais qu'on brûlât les moissons, qu'on vidât les silos et enfin qu'on s'emparât des hommes sans armes, des femmes et des enfants. Ce sont là, suivant moi, des nécessités fâcheuses, mais auxquelles tout peuple qui voudra faire la guerre aux Arabes sera obligé de se soumettre.„ [8]

Nach der Ausrottung von allen, was nach einer bleibenden Ansammlung von der Bevölkerung aussieht oder einer städtischen Niederlassung gleicht[9], sollte, nach Tocqueville, ein Kolonialstaat entstehen, der auf zwei verschiedenartigen rechtspolitischen Systemen beruht, die sich durch rassische, kulturelle und kultische Merkmale definieren, wobei allein die europäischen Siedler unbeschränkte Rechte auf Landbesitz und politische Verwaltung der Bevölkerungskolonie bekommen sollten.

In diesem Zusammenhang entwarf er ein konkretes Gesellschaftsmodel für die zukünftige Lage der Kolonie, das später von der Kolonialpolitik umgesetzt wurde und die Überlegenheit der Kolonialherren gegenüber den Kolonisierten für Jahrzehnte bestimmte und aufrecht erhielt: Er schreibt weiter: “Il doit donc y avoir deux législations très distinctes en Afrique parce qu'il s'y trouve deux sociétés très séparées. Rien n'empêche absolument, quand il s'agit des Européens, de les traiter comme s'ils étaient seuls, les règles qu'on fait pour eux ne devant jamais s'appliquer qu'à eux. „[10]

Kurz gesagt: Nach Toqueville haben die glorreichen und aufgeklärten Europäer ein Recht auf Rechte, während den „ Barbaren“, nicht gestattet ist, die Freuden der Gleichheit, der Freiheit und der universalen Gebote zu kosten.

Angesichts dieser erniedrigenden Lage, die mit den Enteignungsmaßnahmen noch verschärft wurde, organisierten sich die Algerier in verschiedenen politischen und religiösen Strömungen im Kampf gegen die Besatzer. Um die Widerstände niederzuschlagen, zielte die Strategie der französischen Kolonialpolitik darauf ab, algerische Dörfer samt ihrer Bewohner als natürliche Lebensgrundlage der Rebellen zu vernichten. Diesen Überfällen waren schon damals Tausende von Algeriern zum Opfer gefallen. Dies bezüglich dokumentierte so der Historiker Pierre Montagnon die Zahl der Opfer: “500 000? Un Million? La vérité doit se situer entre ces chiffres. Diminuer serait amoindrir une terrible réalité.[11]

[...]


[1] Thankmar von Münchhausen: Kolonialismus und Demokratie, die Französische Algerienpolitik von 1945-1962, München 1977. S, 221-229.

[2] Raphael Branche: La Torture et l´armée. (Gallimard), Paris 2001

[3] « Le tabu du viol des femmes pendant la guerre d´Algérie », Le Monde, 08.11.2001.

[4] « Pour une Politique de la mémoire », Le Monde, 01.11.01.

[5] Elsenhans, Hartmut. Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonisierungsversuche einer kapitalistischen Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche. München 1974, S. 89.

[6] Janette Habel: L´envers de la „ Mission civilisatrice“. In: MANIÈRE DE VOIR. Nr. 58, Juli/August 2001. S, 20

S. 37

[7] Olivier Le Cour Grandmaison: Tocqueville und die missliche Notwendichkeit. In: die deutschsprachige Ausgabe der französischen Monatszeitung für internationale Politik, Le Monde diplomatique, Ausgabe vom 15.06.200.

[8] Alexis de Tocqueville: « Travail sur l´Algérie ». In : « Œuvres complètes », Paris (Galliamrd, Bibliothèque de la Pléiade) 1991, S. 704f.

[9] Ebd. Alexis de Tocqueville: « Travail sur l´Algérie », S. 706

[10] Ebd. Alexis de Tocqueville: «Travail sur l´Algérie », S. 752

[11] Pierre Montagnon: « La conquête de l´Algérie ». Paris, Pygmalion 1986, S. 414.

Details

Seiten
27
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638174350
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11215
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Politische Wissenschaft
Note
2
Schlagworte
vergangenheitsbewältigung frankreich algerienkrieg kultur erinnerung kunst vergessens

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