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Das Miteinander von Deutsch und Türkisch in der multikulturellen Jugendsprache Deutschlands

Ungesteuerter Spracherwerb nicht-türkischer Jugendlicher und das Phänomen Ethnolekt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 16 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Türkischerwerb durch jugendliche Sprecher nicht-türkischer Herkunft
2.1 Kontext der Datenerhebung
2.2 Erwerbssituationen
2.3 Strategien des Spracherwerbs

3 Anwendung türkischer Sprachkenntnisse
3.1 Türkische Routinen in der Anrede
3.2 Sprachliche Routinen zu Beginn und Ende eines Diskurses
3.3 Diskurssteuernde Elemente

4 Das Phänomen Ethnolekt
4.1 Definition
4.1.1 Der primärer Ethnolekt
4.1.2 Der Sekundäre Ethnolekt
4.1.3 Der tertiäre Ethnolekt
4.2 Gründe für Aneignung und Verwendung des stilisierten Ethnolekts

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Auch wer sich nicht von der wissenschaftlichen Seite mit dem Phänomen Sprachkontakt beschäftigt, dem bleibt die zunehmende Tendenz einer multikulturellen und damit eben auch gemischtsprachigen Gesellschaft in Deutschland nicht verborgen. In nahezu allen Situationen des alltäglichen Lebens, beim Einkauf, in Bus und Bahn sowie im Schul- und Arbeitsleben trifft auf man Menschen, die sich eben nicht nur monolingual in Deutsch unterhalten können. Gerade in Stadtteilen mit einer multiethnischen Bevölkerungszusammensetzung (wie etwa in Hamburg-Altona oder Berlin-Neukölln) liegt keine einheitliche Sprachlandschaft vor. Schilder, Aushänge, Werbeplakate, Speisekarten und sogar amtliche Formulare sind längst mehrsprachig oder in den jeweiligen Landessprachen formuliert.

Vor allem das Türkische ist in genau diesem multikulturellen Deutschland stets präsent. Bedingt durch die Zuwanderung in den 1960er Jahren existiert heute in der 3. Generation eine große Sprechergemeinschaft, die sowohl Türkisch als auch Deutsch beherrscht und anwendet. So kommt es gerade in der Schule und Freizeit zu Begegnungen zwischen türkischen Jugendlichen und Jugendlichen nicht-türkischer Herkunft.

Im Fokus dieser Arbeit steht genau dieser Sprachkontakt. Viele anderssprachige Jugendlichen beginnen bewusst oder unbewusst mit dem Erlernen des Türkischen. Hierbei geht es immer um den natürlichen, ungesteuerten Spracherwerb der im Alltag geschieht und nicht von Institutionen wie der Schule gesteuert wird. Die Türkischkompetenz der Lerner weist ein breites Spektrum auf und reicht von floskelhaften Begrüßungen bis hin zu einer Sprachkompetenz, die von der eines Muttersprachlers kaum zu unterscheiden ist. Im Vordergrund der Arbeit stehen weniger die soziokulturellen Beweggründe der Lerner, sondern die Strategien des Spracherwerbs sowie die pragmatische Anwendung der Kenntnisse in der Kommunikation.

Auf der anderen Seite steht der Bevölkerungsteil Deutschlands, der nicht zwangsläufig in direktem Kontakt zu Türkischsprechern stehen muss und dennoch den Eindruck vermittelt, mit den Grundzügen der Sprache vertraut zu sein. Der ethnolektale Sprachstil erfreut sich nicht nur unter Jugendlichen großer Beliebtheit und ist dank der Medien und einiger „Comedians“ in aller Munde. Auch diesem Phänomen wendet sich diese Arbeit zu, stellt die Grundzüge vor und grenzt gleichzeitig den Ethnolekt von anderen sprachlichen Registern wie dem Gastarbeiterdeutsch ab.

2 Türkischerwerb durch jugendliche Sprecher nicht-türkischer Herkunft

2.1 Kontext der Datenerhebung

Vor allem in Stadtteilen mit einem hohen Ausländanteil gehört es nahezu zum alltäglichen Geschehen auch deutsche Jugendliche oder Jugendliche nicht-türkischer Herkunft Türkisch sprechen zu hören. Dies kann mehrere Gründe haben. Oft leben die Jugendlichen in direkter Nachbarschaft zu türkischen Mitbewohnern und stehen häufig mit ihnen in Kontakt. Dies kann bedingt durch die Schule, durch Freizeitaktivitäten oder die Wohnsituation entstehen.

1997/1998 leitete Peter Auer das Forschungsprojekt „Türkisch in gemischtkulturellen Gruppen von Jugendlichen“[1]. Die Daten, auf die ich mich stütze und die ich vorstelle, stammen ausschließlich aus diesem Projekt. 25 Hamburger Jugendliche[2] unterschiedlicher Nationalitäten, die von sich selbst behaupten mehr oder weniger gut Türkisch zu sprechen, führten ein Tonbandgerät mit sich, das ihre Alltagskommunikation aufzeichnete. Ergänzt wurden diese Angaben durch biographische Interviews[3]. Auch die Angaben zu den Strategien des Spracherwerbs stammen von den Jugendlichen selbst.

2.2 Erwerbssituationen

Alle Jugendlichen begannen aus freien Stücken mit dem Türkischerwerb. Die Sprache ist in ihrem sozialen Umfeld meist allgegenwärtig und damit ein bedeutender Aspekt des Alltags. Jedoch wachsen nicht alle Jugendlichen in einer Umgebung mit einem hohen türkischen Anteil auf. Einige der Informanten haben dafür verstärkten Kontakt zu Türkischsprechenden und lernen die Sprache oft von ihnen.[4] Der Auslöser für den Erwerb kann auch mit konkreten Daten zusammenhängen. In der Regel erinnern sich die Informanten an Zeiträume, in denen sie begannen intensiveren Kontakt zu Türken[5] zu pflegen. Auch ein Urlaub in der Türkei kann das Interesse an der Sprache wecken. Einige der Jugendlichen verbinden den Beginn ihres Türkischerwerbs mit dem Wechsel an eine Schule mit hohem Ausländeranteil. Deutsche wird von daher dort lediglich als Unterrichtssprache verwendet, während auf dem Schulhof und in der Kommunikation unter den Schülern ein gemischter Sprachstil aus Deutsch und Türkisch vorherrscht.[6]

Andere Jugendliche sehen einen Zusammenhang zwischen dem Eintritt in das Erwachsenenalter und dem Erwerb des Türkischen. İnci Dirim und Peter Auer interpretieren dies als „den Aufbau einer von den Erwachsenen unabhängigen Identität.“[7]

2.3 Strategien des Spracherwerbs

Allen Aussagen gemein ist der ungesteuerte Erwerb, der scheinbar ohne größere Anstrengung geschieht. Thomas, einer der befragten Jugendlichen, formuliert sogar die These, man lerne eine (die) Sprache so „schnell wie man gucken kann“.[8] Dirim und Auer fassen diese Aussagen in den sog. „Laientheorien“ der Jugendlichen zusammen und bestätigen hiermit, dass die Sprache nicht in Anlehnung schulischer Normen, sondern zum „Eigenbedarf“ auf Grundlage realer Bedürfnisse erlernt wird.[9] Aufmerksames Zuhören, Nachfragen und die aktive Anwendung des Gelernten schaffen die Basis. Zudem seien das Einprägen neuer Wörter und Wendungen, die Beobachtung der Sprechbewegungen von Muttersprachlern und die Bereitschaft sich korrigieren zu lassen erfolgreiche Strategien. Diese Aussagen legen ein Bewusstsein der Jugendlichen für ihre Lernerstrategien nahe. Die Lerner wenden sich unter anderem sogar mit konkreten Fragen an türkische Sprecher. Nicht verstandene Fragmente beispielsweise aus Liedtexten, Filmsequenzen, etc. werden explizit angesprochen und geklärt. Die Freunde fungieren sozusagen als „Sprachexperten“ die von den Lernern konsultiert werden.[10]

Die folgende Sequenz aus Dirim/Auer exemplifiziert diese Vorgehensweise.

Beispiel (1)

[...]


[1] Vgl. İnci Dirim/Peter Auer (2004), Türkisch sprechen nicht nur die Türken, Über die Unschärfebeziehung zwischen Sprache und Ethnie in Deutschland, Walter de Gruyter, Berlin, S. 32ff.

[2] İnci Dirim spricht in seinem Aufsatz „Zum Gebrauch türkischer Routinen bei Hamburger Jugendlichen nicht-türkischer Herkunft“ (2005)der sich auf das gleiche Projekt stützt von 20 Jugendlichen.

[3] Vgl Auer/Dirim 2004 : 58

[4] Vgl. Dirim (2005) : 43

[5] Wie auch Auer/Dirim verwende ich den Begriff ,türkisch´und ´Türken/Türkinnen´ lediglich als ethnische Kategorie. In meinem Kontext bezeichne ich damit lediglich Sprecher des Türkischen, die zumeist auch türkische Wurzeln haben.

[6] Vgl. Auer/Dirim 2004 : 61

[7] Vgl. Auer/Dirim 2004 : 62

[8] Vgl. Auer/Dirim 2004 : 63. Die Namen der Informanten sind von den Autoren anonymisiert und von mir so übernommen worden.

[9] ebd. S.63 f.

[10] ebd. S.66

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640110759
ISBN (Buch)
9783640110810
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112253
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Allgemeine Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Miteinander Deutsch Türkisch Jugendsprache Deutschlands Soziolinguistik

Autor

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