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Exegese von Ex 2,1-10 - Moses Geburt und wunderbare Errettung

Quellenexegese 2004 23 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Erste Übersetzung

2. Textkritik

3. Sachexegese

4. Literarkritik

5. Traditionskritik

6. Überlieferungsgeschichte

7. Redaktionsgeschichte

8. Formgeschichte

9. Bestimmung des historischen Ortes

10. Interpretation

11. Zweite Übersetzung

12. Literaturverzeichnis

1. Erste Übersetzung

1. Und ein Mann vom Hause Levi kam und nahm eine Tochter Levis zur Frau. 2. Und die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn und als sie sah, dass er schön war, verbarg sie ihn drei Monate. 3. Und sie konnte ihn nicht mehr verbergen und sie nahm ihm ein Schilfkästchen und verpichte es mit Asphalt und Pech und legte es, das Kind, hinein und setzte es ins Süßwasserschilf am Ufer des Nils. 4. Und seine Schwester stellte sich von ferne hin um zu erfahren, was ihm getan wird. 5. Und die Tochter des Pharao ging hinab um am Nil zu baden und ihre Dienerinnen gingen am Ufer des Nils und sie sah das Kästchen inmitten des Schilfs und sie sandte ihre Sklavin und ließ es bringen. 6. Und sie öffnete es und sah es, das Kind, und siehe ein weinender Junge und sie hatte Mitleid mit ihm und sprach: „Dies ist von den Kindern der Hebräer.“ 7. Und seine Schwester sagte zur Tochter des Pharao: „Soll ich gehen und dir herbeirufen eine stillende Frau von den Hebräerinnen, damit sie dir das Kind stillt?“ 8. Und die Tochter des Pharao antwortete ihr: „Geh!“ Und das Mädchen ging und rief die Mutter des Kindes herbei. 9. Und die Tochter des Pharao sagte zu ihr: „Nimm dieses Kind und stille es für mich und ich will dir Lohn geben“, und die Frau nahm das Kind und stillte es. 10. Und das Kind wurde groß und sie brachte es zur Tochter des Pharao und ihr wurde er zum Sohn und sie gab ihm den Namen Mose und sie sagte: „Denn aus dem Wasser habe ich ihn gezogen.“

2. Textkritik

Für das Textcorpus Exodus 2, 1-10 liefert die BHS 13 textkritische Angaben. Die Feststellung und kritische Überlegung sowie die Überprüfung der Textzeugen in den jeweiligen Ausgaben erbrachte keine Abwandlung des Textes der BHS. Im folgenden werde ich exemplarisch einige textkritische Überlegungen erläutern:

Der textkritische Apparat der BHS liefert bezüglich Whaer>Tiw:: in Vers 6, dass Samaritanus, Targum und Targum Pseudo-Jonathae an dieser Stelle das entsprechende Verb ohne das Personalpronomen der 3. Person Singular angeben. Weiter wird auf die Schreibung in der Septuaginta und Vulgata hingewiesen, in denen ebenfalls das Personalpronomen fehlt. Nach der äußeren Textkritik ist der masoretische Text schwerer zu gewichten, als Samaritanus, Targum oder Septuaginta. Die Vulgata fällt als Übersetzung der Septuaginta kaum ins Gewicht. Die innere Textkritik ergibt zum einen nach der allgemeinen exegetischen Regel „lectio brevior, lectio potior“, dass der Text der BHS als unwahrscheinlicher zu bewerten ist und zum anderen nach der Regel „lectio difficilior, lectio probabilior“, dass ein eindeutiges Urteil über die Wahrscheinlichkeit nicht zu fällen ist, für die im Apparat angegebenen Texte kann man sagen, dass sie den Redefluss verbessern, aber nicht unbedingt die Lesart erleichtern. Somit entscheide ich mich für die Lesart des masoretischen Textes, da ich der äußeren Textkritik den Vorzug gebe und bei der inneren Textkritik mit einer Glättung seitens der im Apparat angegebenen Texte argumentieren möchte. Betrachtet man das überflüssige Personalpronomen als eine Unvorsichtigkeit, „derash“[1], des Schreibers, so ist die Glättung zu erklären und man kann sich trotz der inneren textkritischen Schwierigkeit für den masoretischen Text aussprechen.

Eine weitere textkritische Anmerkung möchte ich ebenfalls in Vers 6 vorstellen und zwar die Hinzufügung von h[rp tb nach wyl'[''' in Samaritanus und Septuaginta. In diesem Fall kann man eindeutig über die Wahrscheinlichkeit urteilen: Nach der äußeren Textkritik ist der masoretische Text stärker zu gewichten als Samaritanus und Septuaginta. Bei der inneren Textkritik lassen die beiden schon oben genannten Regeln den Schluss zu, dass der masoretische Text kürzer und schwieriger ist und daher als wahrscheinlicher zu betrachten ist.

Als letzte beispielhafte Untersuchung möchte ich die Anmerkung zu ykiyliyhe in Vers 9 besprechen. Nach der äußeren Textkritik lässt sich wieder eindeutig urteilen, dass der masoretische Text wahrscheinlicher ist, da ihm mehr Gewicht als den angegebenen Textzeugen, Targum, Septuaginta (Vulgata) und versio Syriaca, zuzusprechen ist. Im Hinblick auf die innere Textkritik muss man sich ebenfalls für den Text der BHS aussprechen, da die Septuaginta mit diath,rhso,n moi eine eindeutigere Intention liefert und daher den Text vereinfacht. Auch die versio Syriaca findet eine andere Lesart für ykiyliyhe, in der sie mit einigen Targumüberlieferungen übereinstimmt. Die im Apparat angegebene Übersetzung „en tibi“ zeigt die besondere Spezifikation der Überlieferung und macht die Lesart eindeutiger und leichter. Auch hier zeigt sich, dass der masoretische Text als ursprünglich zu gelten hat.

3. Sachexegese

Für die sachexegetische Untersuchung möchte ich an dieser Stelle einige Ausdrücke des Seminartextes exemplarisch heranziehen: am,GO, @Ws, hb'Te, dy", hp'f' und hv,mo.

am,GO und @Ws haben hier die Bedeutung der Wasserpflanzen Schilf oder Papyrus. Während @Ws im Besonderen in Bezug auf Ägypten mit „Wasserpflanze“[2] wiederzugeben ist, wird am,GO aus dem Ägyptischen hergeleitet und trägt die Bedeutung von Papyrus oder Binse. Beide Begriffe erhalten ihre allgemeine Bedeutung als Wasserpflanze, wenn sie etymologisch aus dem Ägyptischen hergeleitet werden. Zusätzlich kann man anmerken, dass gerade diese Pflanzen am Nil oder speziell im Nildelta zu finden waren.

Für das mit am,GO zusammenstehende hb'Te nimmt es nach Wilhelm Gesenius die allgemeine Bedeutung „Kasten“[3] an, relativiert jedoch, dass es sich in diesem Fall allgemein um „ein kleines Behältnis“[4] handelt. Die Wiedergabe von hb'Te mit Kasten wird dem vorliegenden Text nicht gerecht, da die verwendeten Materialien: am,GO, rm'xe und tp,z<, für ein korbähnliches Behältnis sprechen. Auch wenn das Neue Bibel-Lexikon für hb'T als Verwendungszweck neben Booten, Matten, Stricken und Sandalen auch Körbe und Kasten angibt,[5] so scheint mir der geflochtene Korb, der mit Asphalt und Pech wasserdicht gemacht wurde, am sinnvollsten, da diese Übersetzung dem deutschsprachigen Leser eine bessere Vorstellung vermittelt, als der Kasten, welcher eher den Eindruck von geschreinertem Holz erweckt. Aus der Situation der Mutter heraus ist auch zu bedenken, dass ihre alltägliche Handwerklichkeit eher einem Korb als einem Kasten als Wassergefährt zusprechen. Ebenso ist hier der etymologische Hintergrund des Wortes ägyptisch, auch wenn die genaue Wurzel bestritten ist.[6]

Für das deutsche Wort Ufer werden im hebräischen Text die Begriffe hp'f' und dy" gebraucht. hp'f' wird mit Lippe, einem mit den Lippen vergleichbaren Rand oder auch weitergehend mit Mund und Sprache übersetzt. Die Verbindung mit raoy> erlaubt in diesem Fall nur die Bedeutung von Ufer.[7] Auch dy" kann im Seminartext mit Ufer wiedergegeben werden. Obgleich die übliche Bedeutung Hand ist, so wird dy" ferner „für die Körperseite verwendet, bzw. für die Seite im Allgemeinen“[8]. Die hier gebrauchte Übersetzung von Ufer ist eine Ausbildung der Bedeutung der Bezeichnung von Richtung oder Breite.[9] Es kann dem Text daher nicht schaden, auch hinsichtlich der Literarkritik, wenn dy" nicht wie hp'f' mit Ufer übersetzt wird, sondern mit Seite oder Uferseite. Somit kann man auch im Deutschen den Gebrauch unterschiedlicher Begriffe des Originaltextes hervorheben.

Zur sachexegetischen Analyse von hv,mo möchte ich mich auf die Etymologie des Wortes beschränken, weil dies eine wichtiges Thema in der Bearbeitung des Seminartextes ist und außerdem wäre eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Thematik der Gestalt Moses hier nicht angebracht.

Nach Exodus 2,10 wird der Namensbegriff hv,mo von dem hebräischen Verb hvm hergeleitet. Die Problematik der Herleitung liegt in der Form hv,mo, die mit Herauszieher zu übersetzen wäre. Eine inhaltlich korrekte und logische Form des Verbs müsste das Partizip Passiv sein. Auch bei hv,mo ist ein ägyptischer Ursprung sehr wahrscheinlich, da er als Kurzform eines ägyptischen Namens ohne das „theophore Element“[10] hergeleitet werden kann. Das ägyptische Wort mśj bedeutet „gebären“ und würde für hv,mo die Übersetzung mit „(der Gott) ist geboren“ bzw „hat geboren“[11] nach sich ziehen.

4. Literarkritik

Die literarkritische Untersuchung versucht die älteste schriftliche Stufe eines Textes zu erreichen und fragt nach dessen literarischem Zusammenhang. Der Seminartext kann nicht selbst der größte literarische Zusammenhang sein, da die Motivation und das Vorgehen der Mutter in den Versen 2 und 3 aus dem Text heraus nicht nachvollziehbar sind. Das voraussetzende Element findet sich im vorhergehenden Kapitel als Mordbefehl des Pharaos. Dieser sieht Ägypten durch das groß gewordene Volk der Hebräer bedroht und erlässt Frondienste über sie, da dies jedoch nicht den gewünschten Erfolg bringt veranlasst er die Hebammen die neugeborenen männlichen Hebräerkinder zu töten. Auch dieser Plan misslingt und gipfelt in Vers 22, in dem der Pharao befiehlt alle neugeborenen Jungen der Hebräer in den Nil zu werfen. Es ist also zumindest dieser Vers für das Verständnis der Geburtsgeschichte Moses vorauszusetzen. Jedoch ist einzuschränken, dass Exodus 2 nicht eine direkte Weiterführung von Exodus 1 ist, da der Mordbefehl oder auch der Pharao nicht weiter erwähnt wird. Selbst bei der Errettung Moses durch die Tochter des Pharao wird diese Thematik nicht mehr erwähnt. Auch Exodus 2,11-25 setzt Kenntnisse aus dem Vorhergegangenen voraus, nimmt aber keine Bezüge darauf. Ich schließe daher, dass Exodus 2,1-10 als selbständig zu betrachten ist, allerdings in seinem kanonischen Kontext eine gewisse Abhängigkeit erfährt.

Die besondere Stellung der Geschichte zeigt sich schon in einigen allgemeinen Beobachtungen. So zum Beispiel wird keine aufgeführte Person mit Namen genannt, nur die soziale Stellung dieser und die Familienzugehörigkeit in Vers 1 (ywIle tyBemi vyaii und ywIle-tB;) der hebräischen Familie werden erwähnt. Und selbst die Hauptfigur bleibt bis Vers 10 namenlos. Den Namen hv,emo erhält das Kind erst nach seiner Entwöhnung, die wahrscheinlich im dritten Lebensjahr stattfand.[12] Weitere allgemeine Auffälligkeiten sind zum einen, dass alle handelnden Personen um das Kind, abgesehen vom nur in Vers 1 relevanten Vater, Frauen sind und zum anderen der pointierte Höhepunkt der Konfliktlösung zwischen Mutter und Mordbefehl.

[...]


[1] Drazin, I., Targum Onkelos to Exodus. An English translation of the text with analysis and commentary, Denver 1990, S. 48.

[2] Ottosson, M., Art. @Ws, in: ThWAT 5 (1986), S.796.

[3] Gesenius, W., Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, bearb. v. Frants Buhl, Nachdr. d. 17. Auflage o.O., Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962, Seite 869.

[4] Gesenius, W., Handwörterbuch.

[5] Vgl. Schade-Busch, M., Art. Papyrus, in: NBL 3 (2001), 644.

[6] Vgl. Zobel, H.-F., Art. hb'Te, in: ThWAT 8 (1995), 541.

[7] Vgl. Kedar-Kopfstein, B., Art. hp'f', in: ThWAT 7 (1993), 842.

[8] Ackroyd, P., Art. dy", in: ThWAT 3 (1982), 428.

[9] Vgl. Ackroyd, P., dy".

[10] Herrmann, S., Art. Mose, in: NBL 2 (1995), 847.

[11] Cazelles, H., Art. hv,mo, in: ThWAT 5 (1986), 35.

Auch: Herrman, S., Mose.

[12] Vgl. Wacker, M.T., Art. Entwöhnung, in: NBL 1 (1991), 548.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640104338
ISBN (Buch)
9783656286653
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112283
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1 (14 Punkte)
Schlagworte
Exegese Moses Geburt Errettung Einführung Methoden

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