Lade Inhalt...

Seelsorge an Trauernden als Begleitung von Lebensgeschichte

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung
1.1. Seelsorge
1.2. Lebensgeschichte im Kontext von Seelsorge

2. Seelsorge im Kontext von Tod und Trauer
2.1. Individualisierung als bestimmender Faktor für Trauer
2.2. Trauer
2.3. Aufgabe der Seelsorgenden
2.4. Trauerarbeit im christlichen Kontext

3. Zusammenführung

4. Literaturverzeichnis

1. Hinführung

In diesem ersten Teil der Ausarbeitung werden die Hauptbegriffe „Seelsorge“ und „Lebensgeschichte“ erörtert, um dann im Hauptteil näher auf Seelsorge im Kontext von Tod und Trauer einzugehen. Dort wird der Begriff der „Trauer“ näher erläutert. Ziel wird sein, den Todesfall bzw. die daraus resultierende Trauer lebensgeschichtlich einzuordnen bzw. die Relevanz der Trauer für die Lebensgeschichte aufzuzeigen.

Ein weiterer Aspekt wird die christliche Intention der Seelsorge sein. Tod und Trauer als religiöse Relevanzpunkte werden hierbei beachtet und es wird der Versuch gemacht, die Chancen einer christlich intendierten Seelsorge hervorzuheben.

1.1. Seelsorge

Während der Begriff „Seelsorge“ eigentlich säkularen Ursprungs ist, so ist der heutige Sprachgebrauch auf eine kirchliche Praxis bezogen. Dieser kirchliche Bezug findet sich schon bei Basilius von Caeserea und hat durch Martin Luthers Gebrauch „zentrale Bedeutung für die kirchl. Amtspraxis erlangt“[1].

Neben der konfessionell bedingten unterschiedlichen Gebräuche des Seelsorgebegriffs von der cura animarum generalis (Katholizismus) und der cura animarum specialis (Protestantismus), ist eine Differenzierung in die intentionale Seelsorge, die funktionale Seelsorge und die dimensionale Seelsorge hilfreich.[2] Dieser dreifache Gebrauch nützt m.E. auch den Begriff der Seelsorge und auch die Seelsorge an sich in Bezug auf Lebensgeschichte anzuwenden. Denn von der allgemeinen dimensionalen Beschreibung als Ideal konkretisiert sich das Modell über die strukturelle Beschreibung als Funktion hin zu einer Intention im Sinne einer Veranlassung, in welcher dann auch die religiösen Relevanzpunkte Beachtung finden.

Geschieht Seelsorge aus einer Veranlassung, dann ist noch nicht geklärt, was Seelsorge eigentlich ist. Neben den landläufigen deutlichen Vorstellungen über eine Definition ist in der Poimenik die Begrifflichkeit diffus.[3] Da Seelsorge nicht nur Gespräch bedeutet - und falls doch, dann ist die Frage wie ein Gespräch seelsorgerlich qualifiziert ist -[4] erfordert es zum einen Seelsorge als Konstrukt zu betrachten und zum anderen eine inhaltlich weite Definition zu verwenden: „Seelsorge ist christliche Unterstützung der Lebensgestaltung.“[5] Dadurch wird Seelsorge nicht nur dimensional beschrieben, sondern auch gefordert. Vorteil kann hier beim initialen Gebrauch der Seelsorge sein, dass sie sich immer an der dimensionalen Beschreibung verifizieren lässt, also einer Kontrollfunktion gleich kommt.

Betrachtet man die verschiedenen Handlungsfelder[6] in der heutigen Seelsorgepraxis, so erscheint es wenig überraschend, dass die Konzeptionen und Methoden mindestens genauso vielseitig sind. Zwar spiegelt sich in einer Vielzahl der Ansätze die Idee der Seelsorgebewegung[7] wider, man kann jedoch nicht von einer aktuellen übergreifenden konzeptionellen Strömung sprechen. Neben Einflüssen aus der Psychologie (Systemische Therapie) und der Soziobiologie haben die gegenwärtigen Konzepte die Tendenz sich auf Schwerpunkte zu verlagern und erheben daher keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie bewegen sich bspw. in einer eindeutigen Thematik wie etwa die Interkulturelle Seelsorge und die Feministische Seelsorge, oder eben auch in einer Alltagswahrnehmung, in der die Biografie, die Lebensgeschichte, als Erzählung seelsorgerliche Relevanz erhält. Die Konstruktion bzw. die Rekonstruktion von Lebensgeschichte kann und sollte dann Aufgabe von Seelsorge werden.

Interessant an dieser Stelle ist die mögliche Vereinbarung von Seelsorge hinsichtlich einer Lebensgeschichte und Seelsorge in Krisensituationen wie etwa einem Todesfall. Eine Verzahnung von Konzeptionen innerhalb der Pluralität erscheint hier nicht nur möglich, sondern notwendig und ist vielleicht der eigentliche Gewinn bzw. der Nutzen dieser Pluralität.

1.2. Lebensgeschichte im Kontext von Seelsorge

Bei der Fülle seelsorgerlicher Handlungsfelder in der Gegenwart wird deutlich, dass Seelsorge lebensbegleitend ist und zwar in vielfältiger Weise: Sie kann auf bestimmte Berufsfelder (Polizeiseelsorge) oder auf die Freizeitgestaltung (Urlaubsseelsorge) bezogen werden oder sie nutzt die neuen Medien (Internetseelsorge), um einerseits zeitgemäß zu agieren, wohl aber auch Schwellenängste abzubauen. Seelsorge ist demnach individuell abrufbar bzw. zugänglich und daher auf die Klientinnen und Klienten zugeschnitten.

Neben der Pluralität der Konzepte spiegelt sich also auch eine Pluralität von Lebensentwürfen und somit auch Biografien wider. Die „Wahlbiografie“ löste die „Normalbiografie“ ab.[8] Daher sind Seelsorgende gefordert in besondere Weise die Lebensgeschichte der Klientinnen und Klienten zu würdigen oder gar in den Mittelpunkt des Seelsorgegesprächs zu stellen.

Bei dem synonymen Gebrauch der Begriffe „Lebensgeschichte“ und „Biografie“ ist es hilfreich den Unterschied zum „Lebenslauf“ darzustellen.[9] Während der Lebenslauf alle Ereignisse und Empfindungen eines Lebens beschreibt, ist eine Biografie bzw. Lebensgeschichte nur selektiv. Dahingehend ist bei dem Begriff „Lebensgeschichte“ die Betonung auf Geschichte sinngebend, da es sich bei Lebensgeschichte um eine Erzählung handelt. Sie ist verdichtet, zeitlich ungeordnet und entspricht nicht dem eigentlichen Lebenslauf. Die Erzählung der Lebensgeschichte/Biografie[10] ist somit immer ein Konstrukt.[11]

Zu beachten ist hierbei, dass ein solcher Prozess des Erinnerns und Erzählens, also die biografische Wiedergabe, immer auf die gegenwärtige Lage der Erzählerin oder des Erzählers bezogen ist. Das Konstrukt ist also stets aktuell: „Biographie wird vielmehr hergestellt, konstruiert, ‚geschrieben’ – und zwar immer von einem je gegenwärtigen Beobachterstandpunkt aus.“[12]

Ausgangspunkt hierfür ist die Fähigkeit eines Menschen sich zu erinnern. Der Erinnerungsprozess entspricht dem Suchen nach dem eigenen Selbst und bildet somit ein Selbstverständnis heraus; das Ziel ist die Identität des Menschen. Da die Identität in der heutigen Zeit durch eine immer mehr funktional ausdifferenzierte Gesellschaft von außen nicht mehr gegeben ist, wird diese „zur spezifischen Eigenleistung des Individuums“[13]. Eine solche gesellschaftliche Präposition führt zur o.g. Wahlbiografie. Dies mag widersprüchlich klingen, jedoch meint der Begriff nicht die frei Wahl zu einer Biografie, sondern die Wahl zu einer biografischen Gestaltung. Der Zwang zur Biografie ist in der Tat gesellschaftlich bedingt und kann dementsprechend zu Unsicherheiten und Überforderungen führen. An dieser Stelle hat die Seelsorge die Aufgabe zu ordnen.

Karle weist in diesem Zusammenhang am Ende ihres Aufsatzes noch auf die Besonderheit von Religionen hin: „Gerade Religion kann Menschen dazu verhelfen, in Distanz zu den divergierenden gesellschaftlichen Ansprüchen ihre individuelle Lebensgeschichte symbolisch sinnhaft zu einem Ganzen zu integrieren.“[14] Eine religiöse Ausrichtung der eigenen Biografie kann also den gesellschaftlichen Zwang zur Individualisierung mildern. Seelsorgerlich bedeutet das dann neue Perspektiven zu ermöglichen; etwa mit dem Gebrauch von christlicher Symbolik. Das Anbieten christlicher Symbole kann den Klientinnen und Klienten helfen die eigene Lebensgeschichte im Zusammenhang „einer kollektiven Erzählung“[15] zu betrachten.[16]

[...]


[1] Ziemer, Jürgen, Art. Seelsorge. I. Zum Begriff, in RGG4 7 (2004), 1111.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Pohl-Patalong, Uta, Seelsorge. Konzeption / Kontexte / Lebensgestaltung / Seelsorgegespräch, in: Gräb, Wilhelm/Weyel, Birgit, Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2007, [675].

[4] Diese Frage stellt sich natürlich immer beim seelsorgerlichen Handeln. Gerade aber bei der verbalen Kommunikation, die oft alltäglich ist, ist die seelsorgerliche Qualifizierung schwerlich auszumachen.

[5] Pohl-Patalong, Seelsorge, 676.

[6] Vgl. Ziemer, Begriff, 1116; vgl. Pohl-Patalong, Seelsorge, 681-685; Dies., Art. Seelsorge. III. Konzeption und Methoden, in: RGG4 7 (2004), 1116.

[7] Die geschichtliche Entwicklung der Seelsorge soll hier nicht ausgeführt werden, da dies an vielen anderen Stellen getan wurde. Bei Begriffen wie etwas „Seelsorgebewegung“ wird ein Vorverständnis vorausgesetzt.

[8] Vgl. Meyer-Blanck, Michael / Weyel, Birgit, Arbeitsbuch praktische Theologie: Ein Begleitbuch zu Studium und Examen in 25 Einheiten, Gütersloh 1999, 108; Karle, Isolde, Seelsorge als Thematisierung von Lebensgeschichte. Gesellschaftsstrukturelle Veränderungen als Herausforderung der evangelischen Seelsorgetheorie, in: Wohlrab-Sahr, Monika (Hg.), Biographie und Religion. Zwischen Ritual und Selbstsuche, Frankfurt / New York, 1995, 210.

[9] Vgl. Meyer-Blanck, Arbeitsbuch, 110; Karle, Lebensgeschichte, 205f.

[10] Da die beiden Begriffe synonym verstanden und gebraucht werden, entscheide ich mich für den Gebrauch des Begriffs „Lebensgeschichte“ um Irritationen zu vermeiden.

[11] Vgl. Karle, Lebensgeschichte, 206.

[12] Ebd.

[13] Ebd., 207.

[14] Ebd., 213.

[15] Meyer-Blank, Arbeitsbuch, 113.

[16] Zu dem nötigen sensiblem Gebrauch vom Symbolen: Vgl. Ebd.; Nohl, Paul-Gerhard, Lebensdeutung in der Seelsorge, in Pohl-Patalong, Uta / Muchlinsky, Frank (Hg.), Seelsorge im Plural. Perspektiven für ein neues Jahrhundert, Hamburg 1999, 19f.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640111473
ISBN (Buch)
9783640112784
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112286
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2 (10 Punkte)
Schlagworte
Seelsorge Trauernden Begleitung Lebensgeschichte Religion

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Seelsorge an Trauernden als Begleitung von Lebensgeschichte