Lade Inhalt...

Propagandasprache im Dritten Reich anhand der NS-Besatzungspresse im Generalgouvernement

Magisterarbeit 2008 141 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Abkürzungenverzeichnis

3. Einleitung

4. Sprache als politisches Instrument
4.1 Klärung des Begriffs „politische Sprache“
4.2 Funktionen der politischen Sprache
4.3 Der politische Wortschatz
4.4 Die Sprache im Dritten Reich
4.4.1 Sprachmanipulation
4.4.2 Der spezifische Sprachgebrauch
4.4.3 Merkmale der „Lingua Tertii Imperii“

5. Das Wesen der Propaganda
5.1 Klärung des Begriffs
5.1.1 Medien und Kanäle der Propagandaverbreitung
5.1.2 Propaganda im Dritten Reich
5.1.2.1 Presse als Mittel nationalsozialistischer Propaganda
5.1.2.1.1 Pressewesen im Generalgouvernement
5.1.2.1.1.1 Die polnischsprachige Presse
5.1.2.1.1.2 Die deutschsprachige Presse

6. Die „Krakauer Zeitung”
6.1 Allgemeine Charakteristik der „Krakauer Zeitung“
6.2 Form der „Krakauer Zeitung“
6.3 Stilistisch-lexikalische Merkmale der „Krakauer Zeitung“
6.3.1 Ausdrücke aus der Fachsprache
6.3.1.1 Religion
6.3.1.2 Naturwissenschaft
6.3.1.3 Militärwesen
6.3.1.4 Technik
6.3.1.5 Kriminelle Ausdrücke
6.3.2 Euphemismen
6.3.3 Superlative
6.3.4 Pathos
6.3.5 Fremdwörter
6.3.6 Neologismen
6.4 Propagandistische Aussagen zu einzelnen Themen
6.4.1 Polen
6.4.2 Bolschewisten
6.4.3 Alliierten
6.4.4 Juden
6.4.5 Deutsche

7. Schlussbetrachtung

8. Quellen- und Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

1. Vorwort

In der vorliegenden Arbeit vereint sich meine bis in die sehr frühe Studienzeit zurückreichende Vorliebe für die Sprachwissenschaft sowie für die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im zwanzigsten Jahrhundert. Am Anfang soll hier die dankbare Erinnerung an meinen Radomer Lehrer Dr. Tomasz Kowalczyk stehen, dessen kenntnisreichen und durchaus anregenden Seminaren ich den ersten Anstoß für meine Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Fragen verdanke, der mich ermunterte, das Thema der Propaganda des Dritten Reiches aufzugreifen und genauer zu untersuchen und der mir bei der manchmal schwierigen Bücherbeschaffung behilflich war.

Mit einem recht herzlichen Dank müssen hier auch Professor Dr. Józef Wiktorowicz und Professor Dr. Wolfgang Schramm erwähnt werden, die die Entwicklungen meiner Interessen an der Sprachwissenschaft begleiteten und förderten.

Einen besonderen Dank schulde ich dem Direktor des Fremdsprachenkollegs für die Lehrerausbildung in Radom – Mag. Jerzy Kwiatkowski, der die mühevolle Arbeit des ersten Korrekturlesens auf sich nahm und dem ich zweifelsohne auch den Erfolg im Studium und im Beruf verdanke.

Den allergrößten Dank schulde ich jedoch meinem Freund, Mag. Piotr Kaczmarek von der Landwirtschaftlichen Universität Warschau (SGGW), der die Entstehung meiner Magisterarbeit mit grenzenloser Hilfsbereitschaft und mit großzügiger persönlicher Anteilnahme unterstützt hat. Ohne seine wertvollen Anregungen, stetige Ermunterung, emotionale Unterstützung und liebevolle Begleitung während meines Studiums hätte die vorliegende Arbeit niemals geschrieben werden können.

2. Abkürzungenverzeichnis

GG – Generalgouvernement

GPU – Glawnoje Polititscheskoje Uprawlenije (Politische Hauptverwal­tung der UdSSR)

KrZ – Krakauer Zeitung

LTI – Lingua Tertii Imperii

NKWD – Narodnyj Kommissariat Wnutrennich Djel (Volkskommissa­riat für Innere Angelegenheiten der UdSSR)

NS – nationalsozialistisch, Nationalsozialismus

NSDAP – Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

SA – Sturmabteilung

SS – Schutzstaffel

3. Einleitung

Viele Jahre lang herrschten die Nationalsozialisten uneingeschränkt nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen Gebieten in ganz Europa. Während dieser Zeit durchdrangen sie – auch in Form eines ganz spezifischen Sprachgebrauchs – mit ihrer Weltanschauung und Propaganda beinahe alle Lebensbereiche der Deutschen und der im Zweiten Weltkrieg besiegten Völker. Die Besatzer waren sich dessen bewusst, dass die Sprache und die Propaganda durchaus wirksame Waffen sind und dass es sinnlos war, sie gegenüber den unterworfenen Völkern und Gebieten einzusetzen.[1]

Zum nationalsozialistischen Regime in besetzten polnischen Gebieten gehörte u. a. eine neuartige, der deutschen Propaganda dienende Presse. Die vorliegende Arbeit untersucht die mehr als fünfjährige Propagandapolitik der Nationalsozialisten im Generalgouvernement, erforscht die Strukturen und Inhalte der Pressepropaganda und fragt nach ihren Absichten und Wirkungen. Quellengrundlage dieser Arbeit ist die von Herbst 1939 bis Anfang 1945 herausgegebene „Krakauer Zeitung“ – ein deutschsprachiges Tagesblatt, das von den Deutschen für die Bevölkerung des Generalgouvernements gedruckt wurde.[2]

Die vorliegende Diplomarbeit ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wendet man sich den allgemeinen Fragen zu, die die politische Sprache und das Wesen der Propaganda betreffen. Es wird versucht, zunächst die Begriffe NS-Sprache und Propaganda, die neben der Gewalt die Hauptinstrumente der nationalsozialistischen Machtausübung waren, näher zu bestimmen und zu erläutern. Darüber hinaus wird die Art und Weise dargestellt, auf welche propagandistische Inhalte vermittelt werden.

Des weiteren widmet man sich der Tatsache, was für eine große Rolle der Einsatz propagandistischer Inhalte im Generalgouvernement spielte. Dabei wird ein besonderer Blick auf das Hauptobjekt der Untersuchung, die Sprache der „Krakauer Zeitung“ gelenkt. Hervorgeho­ben werden Verfasserabsichten, wesentliche Inhalte der Propaganda für Deutsche und Polen im Generalgouvernement und ihre sprachlichen Nuancen.

Die in der vorliegenden Arbeit angeführten Belegbeispiele wurden fast ohne Veränderungen in der Schreibweise der Quelle wiedergegeben. Offensichtliche Druckfehler bzw. veraltete orthographische Formen wurden jedoch korrigiert.

Einen wesentlichen Bestandteil dieser Arbeit bildet also die Analyse der Propagandasprache, mit deren Hilfe die vorgenommenen Ziele der nationalsozialistischen Herrschaft hätten realisiert werden sollen. Ohne Zweifel spielte die Manipulation der Sprache eine außergewöhnliche Rolle im Dritten Reich.

Es sei aber darauf hingewiesen, dass es eigentlich sehr schwierig ist, vollständige Informationen über die nationalsozialistische Propaganda im Generalgouvernement zu gewinnen. Und das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die aus den zeitgenössischen Quellen gewonnenen Informationen lediglich als eine gewisse Veranschaulichung umfassender Erscheinungen zu betrachten, die selbstverständlich auch weiterer und umfangreicher Untersuchungen bedürfen.

4. Sprache als politisches Instrument

Sprache wird als gesellschaftliches Kommunikationsmittel aufgefasst, das gewisse Inhalte zu transportieren oder bestimmte Funktionen zu erfüllen hat. In vielen Lebensbereichen bedient sich die menschliche Gesellschaft ihrer Sprache instrumental, um Informationen, Handlungsanweisungen auszutauschen oder Emotionen zu signalisieren. Sie erzielen kommunikative Effekte, die, je nach Intentionen, Bedingungen, Verfahren, Prozessen oder Strukturen, graduelle Unterschiede erreichen können.[3]

Aus den oben getroffenen Überlegungen geht hervor, dass die Sprache wohl die bedeutendste Rolle als Möglichkeit des Ausdrückens eigener Gedanken bei fast allen Gelegenheiten, in denen Menschen miteinander kommunizieren, spielt. Sie ist zweifelsohne das wichtigste Mittel menschlicher Verständigung und kann deshalb als ein Grundelement jeder Sozialbeziehung angesehen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Sprache auch für die Politiker von zentraler Bedeutung ist. Sie dient zur Rechtfertigung und zur Sicherung politischer Herrschaft. Somit wird oft manchmal die Sprache zu einem Medium, dessen Bedeutung über die Verständigungsfunktion der jeweiligen Sprache weit hinaus geht.[4]

Politik und Sprache hängen immer zusammen, denn um eine Gesellschaft zum Handeln zu bringen und eine politische Struktur zu erreichen, müssen politische Ziele gebündelt und wirksam werden. Aus diesem Grunde müssen die Politiker auf die Sprache zurückgreifen, um ihre Absichten zu erläutern, ihre Pläne durchzusetzen, die beabsichtigten Ziele zu erreichen und für die eigene Sache Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen.[5] Mittels Sprache kommt es nicht selten zur Meinungsbildung, –verbreitung und –änderung. Darüber hinaus können mit Hilfe der Sprache Standpunkte ausgetauscht, Entscheidungen getroffen und verteidigt werden.[6]

Die Sprache ist also ein wesentlicher Bestandteil der Politik, es lässt sich sogar sagen, eine ihrer Grundbedingungen und ihre Macht liegt vor allem in ihrem Handlungscharakter. Die Worte lösen eine Handlung aus, man kann mit ihnen lügen, beleidigen, verleumden, denunzieren, enthüllen, ja sogar töten und Kriege gewinnen. Sie können „wie Waffen eine Verwundung oder Verletzung hervorbringen“.[7]

4.1 Klärung des Begriffs „politische Sprache“

Man soll hier noch einmal betonen, dass die Sprache das wichtigste Mittel der Politik und ein belebendes Element im politischen Alltag ist. Sie ist untrennbar mit ihm verbunden. Jede politische Handlung muss sprachlich ausgearbeitet und übermittelt werden. Die Sprache beschreibt und illustriert Sachverhalte, verschleiert, deckt auf und ist das wichtigste Verbindungsglied zwischen den Regierenden und den Regierten, den Besatzern und den Besetzten. Sie gehört zu den Waffen der Politiker, die sie in der Geschichte schon mehrmals geschmiedet haben und immer wieder einsetzen.[8]

Was ist aber unter dem Begriff „politische Sprache“ zu verstehen? Eine exakte linguistische Definition dieser Sprachform zu geben ist kein einfaches Unterfangen, denn die politische Sprache hat ein vielseitiges Er­scheinungsbild und weitgehende Anwendungsmöglichkeiten. Erstens muss hier erwähnt werden, dass die politische Sprache keine reine Fachsprache ist. Ihr Mischcharakter, ihre Überschneidung mit anderen Fachsprachen sowie mit der Alltagssprache sprechen gegen eine derartige Klassifizierung.[9] Zwar hat die politische Sprache Anteil an vielen Sachgebieten, bedient sich aber nicht selten des Wortschatzes anderer Fachsprachen, stellt kein abgegrenztes Sachgebiet an sich dar und soll insgesamt eher als ein „differenzierter Handlungs- und Funktionskomplex“[10], ein „spezifischer Verbund aus Fachsprachenpluralität und öffentlicher Sprache, eine Sprache, deren soziale Geltung nicht auf bestimmte Expertengruppen eingeschränkt ist und die nicht über ein kognitiv-denotatives, sondern auch ein evaluativ-persuasives Potential verfügt“[11] bezeichnet werden. Sie erfolgt immer von politischen Standpunkten heraus und ist daher nie rein darstellungsfunktional, sondern stets auch appellativ und nicht deskriptiv-informierend.[12]

4.2 Funktionen der politischen Sprache

Die Macht der politischen Sprache liegt vor allem in ihrer handlungsauslösenden und handlungsleitenden Funktion. In Diktaturen, wie im Nationalsozialismus, waren deshalb die Machthaber darum bemüht, das Volk auch sprachlich in Schach zu halten.[13]

Zum einen hat die Sprache selbstverständlich die Funktion, das Bezeichnete wiederzugeben, gleichzeitig trägt sie aber auch Wertungen mit sich, weist auf eine Bedeu­tung hin, die dem Bezeichneten von der Gesellschaft zugemessen wird. Die Sprache ist also nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Sie ist vielmehr auch ein wichtiges Mittel der Strategie. Ihr kommt also eine Instrumentalfunktion zu, denn mit der Sprache werden gewisse Normen eines Regimes übertragen und das Individuum übernimmt unbewusst Vor­stellungen und Lehren dieser politischen Schicht und fügt sie in sein eigenes Weltbild ein. Die Sprache gerät also in den Bereich politischer Strategien, denn genau die Verbreitung ihrer Lehre in der Gesellschaft und die Aus­übung von Macht sind die grundlegenden Ziele einer Ideologie. Das Regime kann sich nicht nur auf tätige Gewalt orientieren, sie muss auf jeden Fall auch die Sprache als Instrument der Machtausübung verwenden.[14]

Sprache hat in Ideologien eine Vermittlungsfunktion (und das nationalsozialistische Regime bildet hier keine Ausnahme), sie bezeichnet und bewertet die außersprachliche Realität. Das jeweilige Ideologievokabular umfasst Wendungen, Wörter und Begriffe, in denen die Machthaber ihre politische, wirtschaftliche und soziale Umwelt analysieren und beurteilen. Sie formulieren ihre politischen Prinzipien und Prioritäten, sie versuchen mittels der Sprache die eigene Sichtweise im Volk durchzusetzen. Man kann also berechtigt feststellen, politische Sprache ist ein Mittel gesellschaftlicher Kontrolle, da sie neben Inhalten auch gesellschaftliche Bewertungen vermittelt.[15]

„Die gewaltsame Besetzung der Zitadellen staatlicher Macht ist nicht länger Voraussetzung für eine revolutionäre Umwälzung der staatlichen Ordnung. Revolution findet heute auf eine andere Weise statt. Statt der Gebäude der Regierung werden die Begriffe besetzt, mit denen sie regiert, die Begriffe, mit denen wir unsere staatliche Ordnung, unsere Rechte und Pflichten und unsere Institutionen beschreiben“.[16]

Ohne Zweifel haben die linguistischen Faktoren mächtigen Einfluss auf das menschliche Denken und Handeln, und zweifellos werden diese Faktoren von den Machthabern sehr hoch geschätzt.[17] Die Sprache spielt in der Politik eine der zentralen Rollen. Sie ist eine der Grundbedingungen für alle Politik. Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, dass Politik auf Sprache angewiesen ist. Zwischen einem politischen System und der darin zur Anwendung kommenden politischen Sprache besteht eine enge Wechselwirkung. Insgesamt lässt sich also sagen, dass die politische Wirklichkeit und die Sprache sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.

4.3 Der politische Wortschatz

Innerhalb der politischen Sprache können zwei Richtungen unterschieden werden: Zum einen wird darunter die Anwendung der Sprache im Bereich der Politik zur Erreichung eines bestimmten Ziels verstanden, zum anderen der spezielle politische Wortschatz.[18] Dieser spezielle politische Wortschatz lässt sich nach verschiedenen Kriterien unterteilen. Gerhard Strauß teilt den politischen Wortschatz in vier Lexemklassen ein[19]:

1. Politische Fachtermini (Formula) der Institutions-, Verfahrens-, der
Organisationssprache, der Fachsprachen der verwalteten Sachgebiete, der Rechts-, Verwaltungssprache usw.,
2. Gesellschaftspolische Termini der Ideologiesprache (Miranda, Credenda, Fahnen-, Stigmawörter),
3. Politische Metaphern, Euphemismen, okkasionelle Wortbildungen (Neologismen),
4. Termini der fächerübergreifenden Wissenschafts- und der Bildungssprache.

Walther Dieckmann schlägt eine andere Einteilung des politischen Wortschatzes vor. Er unterteilt den politischen Wortschatz in[20]:

1. Ideologiesprache,
2. Institutionssprache,
3. Fachsprache der verwaltenden Sprachgebiete.

Laut Joseph Klein ist der Wortschatz, der in der Politik verwendet wird, eine Mischung aus vier Hauptingredienzien[21]:

1. dem Institutionsvokabular,
2. dem Ressortvokabular,
3. dem allgemeinen Interaktionsvokabular,
4. dem Ideologievokabular.

Unter dem Institutionsvokabular sind Bezeichnungen für die staatlichen Organisationen, die politischen Institutionen, die Parteinamen, Bezeichnungen für staatliche und politische Rollen, Bezeichnungen für kodifizierte Normierungen politisch institutionellen Handelns, für politische Handlungen, Prozesse und Zustände zu verstehen.[22]

Hinter dem Begriff Ressortvokabular verbergen sich vor allem Bezeichnungen aus den verschiedensten ressortspezifischen Sachbereichen wie z. B. auswärtige Beziehungen, Wirtschaft, Finanzen, Sozialpolitik, Umwelt, Justiz, Städtebau, Bildungswesen etc.[23]

Und wenn vom allgemeinen Interaktionsvokabular die Rede ist, sind darunter unterschiedliche Ausdrücke zur Bezeichnung politischer Handlungen und Handlungsaspekte sowie sprachlicher Interaktionen zu verstehen.[24]

Das Ideologievokabular umfasst dagegen die Wörter, in denen die Politiker ihre Deutungen und Bewertungen der politisch-sozialen Welt, ihre Prinzipien und Prioritäten formulieren. Dazu gehören vor allem Ausdrücke, in denen artikuliert wird, was jeweils als grundlegende soziale Beziehungen und Formationen gilt. Parallel zu erwähnen sind auch Lexeme, in denen die favorisierten Prinzipien der Organisation des politischen Lebens formuliert werden, wie auch solche lexikalischen Mittel, in denen die grundlegenden Werte und Handlungsorientierungen zum Ausdruck kommen.[25]

Für die vorliegende Arbeit ist das Ideologievokabular, das alle drei oben genannten Sprachwissenschaftler in Betracht ziehen, von durchaus großer Bedeutung. Das besondere Interesse gilt der Sprachverwendung in der nationalsozialistischen Ideologie und eben dieser Tatsache wird ein Löwenteil der darauf folgenden Kapitel eingeräumt. Denn auch die Nationalsozialisten sahen in der Sprache den Schlüssel zur Macht und das eigentliche Herrschaftsmittel.

4.4 Die Sprache im Dritten Reich

In den vorangegangenen Kapiteln wird darauf hingewiesen, dass der Aspekt der Beeinflussung der Bürger durch bestimmte Sprachverwendungen im Bereich der Politik von großer Bedeutung ist, denn das Wort ist ein mächtiges Instrument der Politik. Es kann im guten und schlechten Sinne, geschickt oder ungeschickt benutzt werden. Die Sprache der Politik ist zwar keineswegs der entscheidende Aspekt der Politik, aber sie ist eine wichtige Komponente im politischen Geschehen.[26]

Die Sprache ist an sich selbst nicht böse. Als Machwerk des Menschen kann sie aber besonders gefährlich sein. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da“[27] schrieb Victor Klemperer in seinem berühmten Werk „LTI“ über die Sprache im Nationalsozialismus. Diese kann das menschliche Gefühl lenken, das seelische Wesen steuern, je unbewusster man sich ihr überlässt.[28] Es kommt also darauf an, dass je gedankenloser man die Sprache benutzt, desto mehr Macht kann sie auf das Denken und Fühlen ausüben. Sie kann, wenn sie erst einmal vergiftet und manipuliert ist, ihr Gift entfalten. Und die nationalsozialistischen Machthaber wählten und benutzten die Sprache bewusst als Manipulationsmittel der Masse.[29]

4.4.1 Sprachmanipulation

Die Manipulation und der spezifische Gebrauch der Sprache ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Sie wurde seit Jahrhunderten überall geübt, denn man erkannte schon bald, sich in einer Welt abzufinden, in der die Machtausübung auf gerade Manipulation basiert. Auch das nationalsozialistische Regime lernte rasch durch zahlreiche kleinere oder größere Tricks, das Verhalten seiner Staatsbürger zu seinen Gunsten zu ändern.[30]

Zweifelsohne gibt es zahlreiche und umfangreiche Definitionen von Manipulation. Man könnte vielleicht, sehr allgemein definiert, sagen, Manipulation sei ein unerlaubtes Mittel, zur Beeinflussung des Menschen (als Einzelwesen oder in der Gruppe) zum Zwecke einer systematischen zielgerichteten Lenkung und Prägung des Bewusstseins, der Lebens- und Denkgewohnheiten, der Gefühlslagen.[31] Es sei aber darauf hingewiesen, Manipulation ist auch eine besondere Art, Sprache zu benutzen. Diese Besonderheit besteht darin, dass durch Sprachverwendung bestimmte Ziele angestrebt werden, die dem Partner „verborgen sind, verborgen bleiben sollen oder doch bleiben können“.[32] Die Manipulation macht Sprache zum Mittel für die einen, über die anderen zu herrschen. Sie birgt jedenfalls die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe Macht über andere zu gewinnen: das ist eine ihrer Grundfunktionen. Sicher ist die politische Einflussnahme auf Menschen notwendig, denn ohne solche manipulatorischen Einflussnahmen könnte es kaum zu einem politisch stabilen Gebilde kommen.[33]

Die Manipulation durch Sprache ist wohl der auffälligste und vermutlich auch der häufigste Versuch, auf andere bewusst und berechnend bestimmenden Einfluss zu gewinnen. Es liegt nur an der List des Sprechers bzw. des Schreibers, ob sein Vorhaben ohne weiteres erfolgreich ist. Meist übersehen die Hörer und Leser diese List.[34]

Man könnte vergebens nach Wahrheit und Sinn in den vom nationalsozialistischen Regime manipulierten politischen Aussagen oder Texten suchen, denn diese werden unsichtbar und unwirklich. Das geschieht immer, wenn man versucht, das Verhalten seiner Mitmenschen zu eigenem Nutzen zu ändern. Die rücksichtlose Manipulation mit den Worten machte die Sprache zur Sache und zum bloßen Mittel und übte einen riesigen Einfluss auf das ganze damalige Schrifttum.[35]

Das nationalsozialistische Regime war sich dessen bewusst, dass Sprache viel mehr ist, als nur ein Medium der Verständigung und die Rolle des pragmatischen Aspektes der Sprache im weltanschaulichen Kampf der Nationalsozialisten darf nicht unterschätzt werden. Hier handelte es sich um eine besondere Form der Sprachregelung, die letzten Endes der Irreführung diente. Durch eine über die gleichgeschalteten Medien teilweise bis ins Detail regulierte Wortverwendung versuchte man, eine neue nationalsozialistische Wirklichkeit zu schaffen, die wahren Absichten und die tatsächlichen Ziele und Handlungen des NS-Regimes zu verschleiern, gleichzeitig auch die Menschen in den Dienst eines Systems zu stellen, welches ihren eigenen Interessen zuwiderhandelte.[36]

4.4.2 Der spezifische Sprachgebrauch

Im Dritten Reich vollzog sich eine Durchdringung des gesamten öffentlichen und privaten Lebens und Schrifttums. Unter dem Einfluss des Nationalsozialismus vollzog sich eine außerordentlich starke und weitgehende Veränderung der deutschen Sprache, ungeachtet dessen, ob es sich um Propagandareden, Zeitungsartikel aller Art, wissenschaftliche Bücher oder private Korrespondenz handelte.[37]

Eines der wesentlichen, hervorzuhebenden Merkmale für den nationalsozialistischen Sprachgebrauch ist, dass er rhetorisch ist. Rhetorisch aber nicht im Sinne eines klassischen juristischen oder philosophischen Redners, sondern von Volksrednern und Demagogen. „Hitler spürte in der deutschen Sprache eine andere Musik als die von Goethe, Heine oder Mann auf. [...] Und das deutsche Volk, anstatt sich ungläubig und angeekelt abzuwenden, gab dem Gebrüll des Mannes einen massiven Widerhall“.[38]

Es werden nie verschiedene Positionen oder Rechte abwägend eingebracht, nie nach Objektivität und Wahrheit gestrebt. Es gilt, die Massen zu gewinnen, wofür jedes Mittel recht ist. Appelliert wird an den Instinkt der Angesprochenen, nicht an ihren Verstand, denn rational ist die Argumentation in keinem Moment.[39]

Es handelt sich hier also nicht um einen gepflegten auf Wissen und Verstand basierenden Stil mit ausgewogenem Aufbau, These und Antithese, sondern um eine Art Vergewaltigung des Sprachgeistes in Deutschland, wobei ganz offensichtlich, zumeist mit Unterstützung der Presse, das Bewusstsein zahlreicher Bürger manipuliert wird, um sie an einen ganz bestimmten Punkt zu bringen. Das Verhalten des Volkes soll so umgestimmt werden, dass es einerseits die Machttaten des nationalsozialistischen Regimes akzeptiert oder sogar ausdrücklich fordert und andererseits im gemeinsamen Hass, in der gemeinsamen Angst zu so etwas findet wie „einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das dann ein politisches Gebilde auf sich beziehen kann“.[40]

Es lässt sich also folgern, dass alles, was sich zwischen Menschen abspielt, von Sprache geführt oder verführt wird. Auch die Geschichte wird von Worten gemacht, mehr denn von Männern und Taten. Die Sprache darf somit nicht als statisch bezeichnet werden, denn sie muss einer sich ständig wandelnden Lebenswirklichkeit Rechnung tragen.[41] Sprache gab den Nationalsozialisten einen Spielraum frei, den sie für die Durchsetzung ihrer Denkweise und Ideologie sowie für die Realisierung ihrer politischen Pläne nutzen konnten. Und dieser Eingriff des nationalsozialistischen Staates in die lebendige Volkssprache hatte den Charakter eines systematischen Vorgehens.[42]

4.4.3 Merkmale der „Lingua Tertii Imperii“

Selbstverständlich hatten die Nationalsozialisten ihr bestimmtes Vokabular, mit zahlreichen Sprachschöpfungen und Sprachverdrehungen, und eine bestimmte öffentliche Rhetorik, die ihr Programm zusammen mit der Gewalt und dem propagandistisch ausgerichteten Stil untermauerten.[43] Ganz bestimmt gibt es gewisse Eigenschaften, die für alle totalitären Sprachen typisch sind, und die genaue Analyse der Sprache des Nationalsozialismus lässt eine Reihe von Merkmalen erkennen, die als charakteristisch für diese Sprache gelten können, denn der Sprachgebrauch im Dritten Reich weist mit seinen Umdeutungen und Umwertungen einige Auffälligkeiten auf, was insbesondere dem NS-Wortschatz seinen spezifischen Klang gibt.[44]

Insgesamt bestand die nationalsozialistische Vorgehensweise darin, vorhandene Ideen und Begriffe zu übernehmen, anzuknüpfen an gängige weltanschauliche Vorstellungen, alte ideologisch besetzte Wörter aufzugreifen, die Wortbedeutung aber zu ändern.[45]

„Das Gift ist überall. Im Trinkwasser der LTI wird es verschleppt, niemand bleibt davon verschont“.[46] Die Reichweite der offiziellen Sprache, die zahlreiche Begriffe und Gefühle schändete und vergiftete, ging also weit über die Verwendung in Reden der Parteioberen und Funktionäre in Verordnungen, Gesetzen, Presseanweisungen, Rundfunksendungen und Zeitungen hinaus. Die von den Nationalsozialisten mit mehr oder weniger Zwang durchgesetzten Sprachformen wurden zu einem Bestandteil der Allgemeinsprache, und infolge dessen auch der Denkstrukturen weiter Teile der deutschen Bevölkerung. Die Einzelwörter, Redewendungen, die Satzformen, die millionenfachen Wiederholungen wurden automatisch und unbewusst aufgenommen.[47]

Zu den auffälligsten sprachlich-stilistischen Merkmalen der „Lingua Tertii Imperii“ gehörten u. a.:

1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache (vor allem aus den Bereichen Militär, Naturwissenschaft, Technik und Religion), die in andere Lebensbereiche übertragen wurden und somit eine andere Bedeutung erhielten,
2. Euphemismen (Hüllwörter), deren Hauptaufgabe war es, grausame Taten der Nationalsozialisten zu verdecken oder zu verharmlosen,
3. Superlative zur Bezeichnung einzelner Personen oder Personengruppen und deren Leistungen,
4. Verstärktes, falsches Pathos in der Ausdrucksform, das zur Betonung des Gefühls beitragen sollte,
5. Fremdwörter,
6. Neologismen.

Die oben genannten Beispiele für die Vergiftung der deutschen Sprache sollen hier lediglich als eine Auswahl dessen betrachtet werden, was man vom NS-Regime im Dritten Reich geschenkt bekam. Auf den Kontext bezogene bestimmte Beispiele sind im Kapitel 6.3 und im Kapitel 6.4 zu finden. Denn erst in Kontexten, also in den sprachlichen Umgebungen, in denen ein Wort verwendet wird, lösen sich Bedeutungsveränderungen und –neufestlegungen aus. Und eben auf diese Weise kommt die Sprachlenkung zustande, ein Mittel, das die Nationalsozialisten mit Vorliebe einsetzten.

5. Das Wesen der Propaganda

5.1 Klärung des Begriffs

Laut „Duden“ ist Propaganda „systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o. ä. Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen“.[48] Auch „Das moderne Lexikon“ schildert die Propaganda als „Beeinflussung der öffentlichen Meinung mit einfachen, eingängigen Mitteln“.[49] Die beiden Definitionen könnte man im Grunde ge­nommen für richtig halten, sie scheinen aber bestimmt viel zu allgemein und unvollständig zu sein. Es unterliegt keinem Zweifel, dass man das Wesen der Propaganda auf keinen Fall nur mit einem einzigen Satz beschreiben darf, wenn man bedenkt, welch eine bedeutende Rolle sie beispielsweise in der politischen Welt spielt.

Was unter Propaganda zu verstehen ist, dafür gab es in der Vergan­genheit und gibt es auch heutzutage mehrere Definitionsversuche. Der Begriff ist mittlerweile im alltäglichen Sprachgebrauch meist negativ konnotiert (ebenso wie Agitation, Indoktrination) und wird oft mit politischen Manipulationen in Verbindung gebracht, was wohl auf den Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist, wo er zu einem politischen Kampfbegriff wurde.[50] Er hat seinen Ursprung im lateinischen Verb „propagare“, was soviel wie „erweitern“, „ausdehnen“, „fortpflanzen“ bedeutet[51] und fand Eingang in die Sprache durch den Namen einer päpstlichen Organisation vom 17. Jahrhundert, die die Missionierung und Verbreitung des Christentums vorantrieb „Sacra congregatio de propaganda fide“, d. h. „zur Verbreitung des Glaubens“. Ursprünglich hatte der Begriff also keinen negativen Unterton.[52]

Propaganda meint nach dem heutigen Sprachgebrauch im weitesten Sinne die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, mit dem Zweck, menschliche Aktionen zu lenken bzw. zu manipulieren. Man bringt den Begriff in Verbindung mit der Verbreitung vor allem politischer und weltanschaulicher Ideen und Meinungen, die das Ziel haben, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen, einen bestimmten Adressatenkreis durch Informationslenkung für eigennützige Zwecke zu gewinnen und diese Zwecke zugleich zu verschleiern. Propaganda hängt also eng mit der politischen Welt zusammen, ist ein wichtiger und untrennbarer Bestandteil des politischen Planens und Handelns. Sie wird in politische Handlungen einbezogen und trägt zweifelsohne zur Manipulation der Wahrnehmung und des Verhaltens des Volkes, um bei diesem eine Reaktion auszulösen, welche der Intention des Propagandisten entspricht.[53]

Die Propagandasprache weist einige typische Merkmale auf und bedient sich bestimmter Techniken, die zur einheitlichen Ausrichtung des Volkes in allen politischen Fragen eingesetzt werden können. Zu verstehen darunter sind z. B. hohe Emotionalität der Sprache, Überredung, Täuschung, Tabuisierung bestimmter Themen, Fatalisierung, pathetische Aussagen, Überhöhungen, starke Vereinfachungen, Wortneuschöpfungen, Erzeugung von Vorurteilen, negative Darstellung der Gegner, formalisierte Sprache.[54] Aufgeworfen und näher erläutert werden diese Fragen in den folgenden Kapiteln.

5.1.1 Medien und Kanäle der Propagandaverbreitung

Wenn von Propagandaverbreitung die Rede ist, soll parallel auch Medienmanipulation genannt werden, die ein bestehendes Phänomen ist. Den Medien, die zu den größten Manipulationsfeldern der neuesten Geschichte gehören, wird berechtigt eine umfassende, bestimmende Rolle im politischen Entscheidungsprozess zugeschrieben.[55] Die modernen technischen Errungenschaften ließen die Welt immer mehr zu einem einheitlichen Nachrichtenraum werden. Durch die modernen Massenmedien (damit sind vor allem Zeitungen, Rundfunk und Film gemeint) kann die Propaganda schnell verbreitet werden. Mit Hilfe der Massenkommunikationsmittel können Millionen von Menschen ohne zeitlichen Verzug und nahezu an beliebigen Orten die gleiche Nachricht empfangen. Die größeren technischen Möglichkeiten stellen zugleich die Grundlage größerer politischer Wirkungsmöglichkeiten dar, sowohl im positiven, wie auch im negativen Sinne. Über den Inhalt und die Richtung der Mediennutzung entscheidet generell das jeweils herrschende System. In der jüngsten Vergangenheit entwickelten sie sich stürmisch und haben heutzutage eine außerordentlich große Bedeutung bei der ideologischen und politischen Beeinflussung der Massen.[56]

Es sei darauf hingewiesen, dass Diktaturen keine subtile Medienmanipulation betreiben. Ihre Gleichschaltung, also gleichsinnige Gestaltung, wirkt dabei besonders effektiv. Gesteuerte Kommunikation tritt eben gewöhnlich in solchen politischen Systemen auf, in denen alle sozialen und wirtschaftlichen Institutionen erklärtermaßen den Interessen einer Partei oder einer Gruppe unterworfen sind. Totalitäre Systeme manipulieren bewusst Sprache und Denken mittels Kontrolle der Bildungseinrichtungen und Massenmedien.[57]

Zeitungen, Illustrierte, Rundfunk, Fernsehen, Plakate, Kino und andere Medien vermitteln den Empfängern eine Häufung von unterschiedlichsten Botschaften. Einige davon sind selbstverständlich ganz harmlos und unschädlich, wenn sie ausschließlich der Unterhaltung dienen. Es können aber Bedenken auftauchen, wenn über die Massenmedien geworben wird und wo politische Informationen durchaus in manipulatorischer Absicht zusammengestellt werden. Besonders deutlich wird die Manipulation in Ländern mit staatlich gelenkten Medien, wie es im Dritten Reich der Fall war.[58]

Rupert Lay unterscheidet folgende Möglichkeiten, über entstellte Information zu manipulieren[59]:

1. Die unwahre Information, wobei der Manipulator danach strebt, den Empfänger bewusst zu täuschen, indem er eine sachlich unrichtige Information übermittelt. Diese ist also schon falsch, ungeachtet dessen, in welchem inhaltlichen, sozialen oder psychischen Kontext sie gebraucht wird. Zu verstehen darunter sind z. B. Lügen oder andere Falschinformationen.
2. Die unvollständige Information. Die Manipulation über unvollständige Information ist außerordentlich verbreitet: Hier versucht der Sender dem Empfänger eine täuschungsfreie Nachricht zu erschweren, indem er eine gewisse Summe von richtigen Angaben zur Verfügung stellt, andere jedoch verschweigt oder keine Hilfen gibt, die Bedeutung der Daten richtig zu erschließen.
3. Die Überinformation, bei der der Sender versucht, unter einem Wust von Botschaften negative Aspekte zu verbergen, so dass der Empfänger „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht“.
4. Die ungenaue Information. Hier versucht der Autor den Rezipienten durch ungenaue Daten vom Zentrum der eventuellen Problematik abzulenken.

In den Medien kann also vielerlei mit der Sprache manipuliert werden: durch Auswahl dessen, was man bringt, dann durch die Art und Weise, wie man es bringt (an welcher Stelle, wie ausführlich, in welchem Zusammenhang), und schließlich durch die Diktion, das heißt, wie man es sprachlich formuliert. So verstellte Informationen sollen beim Rezipienten eine bestimmte Sicht politischer Abläufe anregen und ihn zu entsprechendem Verhalten veranlassen.[60]

5.1.2 Propaganda im Dritten Reich

Propaganda und Gewalt galten den Nationalsozialisten als der Schlüssel zur Macht und als das eigentliche Herrschaftsmittel. Propaganda war der wichtigste Faktor, der die Nationalsozialisten bis ins Jahr 1945 an der Macht hielt. Das nationalsozialistische Regime produzierte mit Hilfe einer zentral gesteuerten, reibungslos funktionierenden Maschinerie, die meist mit der Person Joseph Goebbels verbunden wird, nahezu perfekte Propaganda und erzeugte mit ihrer Hilfe politisch nützliche Stimmungen und Einstellungen. Die beiden Faktoren prägten spezifische Formen und Möglichkeiten nationalsozialistischer Politik, waren dabei stets präsent und vielfältig miteinander verbunden. So sollte Propaganda nicht nur Anhänger mobilisieren und formen, sondern auch Widerspenstige disziplinieren oder Gegner paralysieren. Dazu war sie auf Gewalt angewiesen – die Gewalt öffnete und erweiterte Kommunikationsräume und Wirkungspotentiale für Propaganda.[61]

Propaganda war immer ein unverzichtbares Mittel der Politik. Zu den Politikern, die es begierig aufgriffen, zählte Adolf Hitler, der der Kriegspropaganda sogar ein eigenes Kapitel in seinem Buch „Mein Kampf“ widmete. Propaganda erschien ihm als ein geeignetes Instrument, um die Vor- und Nachkriegsordnung im Inneren wie nach außen anzugreifen und wurde zur rücksichtslosen Waffe, deren Ziel es war, nicht zu informieren, sondern die deutsche Gesellschaft in allen Lebensbereichen zu erfassen und ideologisch zu indoktrinieren.[62]

Von Anfang an war die Propaganda ein wichtiges Werkzeug des nationalsozialistischen Regimes. Ursprünglich diente sie der Durchsetzung der NS-Politik und somit der Machtübernahme, später sollte sie auch der Machterhaltung und der Vorbereitung der Massen auf den zu führenden Krieg dienen. Das Regime strebte eine Monopolstellung in der öffentlichen Kommunikation an, und der erste Schritt war die Gründung des Reichministeriums für Volksaufklärung und Propaganda am 13. März 1933. Der neue Minister, Joseph Goebbels, war zugleich weiterhin Reichspropagandaleiter der NSDAP. Das neu gegründete Ministerium umfasste die Abteilungen Presse, Rundfunk, Film, Theater und Volkserziehung.[63]

Die Propagandamaschine lief auf Hochtouren und nichts schien den Siegeszug der Nationalsozialisten mehr aufhalten zu können. Nie vorher hatte eine Regierung so effizient die Gleichschaltung von Massenkommunikationsmitteln betrieben. Sämtliche Medien wurden vereinnahmt, und Goebbels, einer der größten Demagogen des 20. Jahrhunderts, der die Propaganda immer als Kunst betrachtete und sich als Meister dieser Disziplin fühlte, baute sein Ministerium zu einem Instrument aus, das nichts anderes war, als ein Mittel zur Verführung und Manipulation von Massen. Seine präzisen Anweisungen über die Behandlung politischer, wirtschaftlicher oder auch künstlerischer Themen sicherten zusammen mit entsprechendem Druck auf die Journalisten die einheitliche und zugleich perfekte Lenkung der veröffentlichten Meinung.[64]

Die Praxis der geschickten Propaganda war kein zufälliges Nebenprodukt der Politik des Dritten Reiches, sondern eines ihrer wichtigsten Felder. Technisch zeichnete sich die NS-Propaganda dadurch aus, dass sie die zu dieser Zeit neuen Medien wie Presse und Rundfunk nutzte und sich an die breite Masse richtete. Ihre Durchschlagskraft beruhte nicht auf den Argumentationen, sondern auf dem Appell an die Emotionen.[65] Die Sprache repräsentierte eines der wichtigsten Werkzeuge der nationalsozialistischen Propaganda. In den Massenmedien präsentierte propagandistische Sprache eine Form der erfolgsorientierten Kommunikation. Die Nationalsozialisten wussten, wie wichtig es für ihre Diktatur war, sich ein solides Volk heranzuziehen, das ihnen gehorchte und ihre Weltanschauung nachahmte. Propaganda und Gewalt waren dabei die zentralen Instrumente, das gesamte öffentliche Leben der Regie der Partei zu unterwerfen, um das eigene System zu installieren, den Andersdenkenden die Stimme zu nehmen und sie mit ihren Ideen zu durchtränken, ohne dass man es überhaupt merkte.[66] Die totalitäre Propaganda musste somit als eine ideologische Überwältigung des Menschen anerkannt werden. Das Ziel der NS-Propaganda war, dass sich das Volk dem Machtanspruch des Systems nicht unter dem Druck des Terrors unterwirft, sondern diesen aus innerer Zustimmung, also selbstgewollt bejaht. Die politische Sprache und die Sprache der Propaganda dienten also in erster Linie nicht der sprachlichen Formulierung der Aussagen und Informationen, sondern der Beeinflussung des Bewusstseins der Menschen, an die sie sich wenden, und zwar mit dem Ziel, diese zu einer bestimmten Verhaltensweise zu veranlassen bzw. die Wahrscheinlichkeit einer solchen Verhaltensweise zu vergrößern.[67] Die wichtigste Methode der Propaganda war die der Selektion aus einer Fülle Nachrichtenmaterial nach der Regel: „Verlange vom Publikum das Minimum an geistiger Anstrengung. Deshalb bedarf es des starken Pathos in der Aussageweise, des Superlativischen, der sprachlichen Verkürzung, der stereotypen Formeln, der Banal-, Trivial- und Leerformeln, der Klischees, der Schlagwörter, der Slogans usw.“[68]

Der Nationalsozialismus, der zwölf Jahre lang seine totale Macht ausübte, wirkte tiefer und nachhaltiger auf die deutsche Sprache als jede andere politische Partei ein. Er übernahm Übersteigerungen der Werbesprache, gebrauchte sportliche, soldatische und politische Wörter, trieb den Prozess der Entmenschlichung der Sprache voran, indem er Sachbegriffe auf Menschen anwandte.[69] Dies kam zum Ausdruck u. a. in den von Nationalsozialisten kontrollierten Massenmedien, vor allem in der Presse. Diese war eines der gefährlichsten Mittel zur Deformation des menschlichen Gewissens.[70]

5.1.2.1 Presse als Mittel nationalsozialistischer Propaganda

Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg stellten zweifelsohne einen tiefen und dunklen Einschnitt in die Geschichte der deutschen Presse und der deutschen Sprache dar. Die Presse, ursprünglich Träger der öffentlichen Meinung, sollte unter der nationalsozialistischen Herrschaft als Instrument zur Indoktrination und Verhaltenssteuerung des Volkes dienen.[71] Das rechtliche Fundament für die Umsetzung dieser Idee bildete die so genannte „Machtergreifung“ vom 30. Januar 1933. Diese bedeutete nicht nur das Ende der Weimarer Republik, sondern auch die Beseitigung einer gewissen, seit 1871 bestehenden, Ordnung im Staat. Das galt insbesondere für die bisherigen Institutionen sowohl des politischen, als auch gesellschaftlichen Lebens.[72]

Eine der durch das nationalsozialistische Regime betroffenen Institutionen war das Pressewesen. Ein zentraler Begriff in der Betrachtung der deutschen Medien im Dritten Reich war die „Gleichschaltung“ (auf der rechtlich-institutionellen, wirtschaftlichen und inhaltlichen Ebene). Die Presse im Dritten Reich wurde instrumentalisiert und verbreitete die menschenverachtenden Inhalte des Regimes um Adolf Hitler. Aus nationalsozialistischer Sicht war sie ein Propagandainstrument von überragender Bedeutung, dessen möglichst weit reichende Verbreitung im Interesse von Staat und Partei lag. Die Journalisten sah man nur noch als „Empfänger, Ausführer und Überbringer [...] der ihnen servierten Gedanken“.[73]

Sämtliche Informationen gingen auf dieselbe Quelle zurück und durchliefen den gleichen Filter: das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Die Aufgabe, sowohl das deutsche wie auch die anderen im Zweiten Weltkrieg überfallenen Völker durch Meinungsbeeinflussung „umzustellen“, wurde dem Doktor der Philosophie Paul Joseph Goebbels übertragen. Außer dem Rundfunk, dem Film, dem Theater, der Musik, dem Schrifttum und der bildenden Kunst unterstanden ihm auch die Propaganda, die Inland- sowie die Auslandspresse. Diese wurden zu wichtigsten Propagandainstrumenten der Nationalsozialisten in den besetzten polnischen Gebieten.[74]

Die Presse sollte nicht nur informieren, sondern auch instruieren. Goebels betonte immer wieder, die öffentliche Meinung sei das Ergebnis einer willensmäßigen Beeinflussung, die Presse sei ein bedeutsames Massenbeeinflussungsmittel, dessen sich die Regierung in ihrer verantwortlichen Arbeit bediene, sozusagen ein Klavier, auf dem die Regierung spielen könne.[75] Anders gesagt lag die sprachliche Funktion der Presse nicht darin, Eigenes zu prägen, sondern Vorgeformtes zu verbreiten. Deshalb sei sie als „die langen Arme“ der Politiker zu betrachten.[76] Ganz offensichtlich wollte der Propagandaminister mit Unterstützung der Presse das Bewusstsein zahlreicher Bürger manipulieren. Ihr Verhalten sollte mittels der entsprechenden sprachlichen Werkzeuge auf Hass, Angst u. Ä. umgestimmt werden, damit sie zum einen die Machttaten des Regimes anerkennen, und zum anderen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl finden.[77]

[...]


[1] vgl. Kinne/Schwitalla 1994, S. 1

[2] vgl. Kołtunowski 1990, S. 15

[3] vgl. Straßner 1987, S. 16

[4] vgl. Bergsdorf 1983, S. 37

[5] vgl. Bergsdorf 1991, S. 19

[6] vgl. Bachem 1979, S. 11

[7] Schiewe 1998, S. 194

[8] vgl. Klaus 1972, S. 11

[9] vgl. Klein 1989, S. 3

[10] Dieckmann 1969, S. 47

[11] Strauß 1986, S. 193f.

[12] vgl. Burkhardt 2003, S. 123

[13] vgl. Schiewe 1998, S. 194

[14] vgl. Straßner 1987, S. 17f.; vgl. Kołtunowski 1980, S. 155

[15] vgl. Klein 1989, S. 7f.

[16] Klein 1989, S. 35

[17] vgl. Klaus 1969, S. 44

[18] vgl. Dieckmann 1969, S. 47ff.

[19] vgl. Strauß 1986, S. 149f.

[20] vgl. Dieckmann 1969, S. 47ff.

[21] vgl. Klein 1989, S. 4

[22] vgl. Klein 1989, S. 5

[23] vgl. Klein 1989, S. 6

[24] vgl. Klein 1989, S. 7

[25] Aufgeworfen und näher erläutert werden diese Fragen in Klein 1989, S. 8

[26] vgl. Klaus 1972, S. 9

[27] Klemperer 1949, S. 21

[28] vgl. Klemperer 1949, S. 21

[29] vgl. Kołtunowski 1980, S. 155

[30] vgl. Lay 1977, S. 12

[31] vgl. Lay 1977, S. 20f.

[32] Mackensen 1973, S. 208

[33] vgl. Lay 1977, S. 167

[34] vgl. Mackensen 1973, S. 96f.

[35] vgl. Lay 1977, S. 389

[36] vgl. Klaus 1969, S. 40; vgl. Kołtunowski 1980, S. 155

[37] vgl. Seidel/Seidel-Slotty 1961, S. 1f.

[38] vgl. Steiner 1969, S. 129f.

[39] vgl. Hundhausen 1975, S. 187

[40] Lay 1977, S. 179

[41] vgl. Lay 1977, S. 389

[42] vgl. Klaus 1972, S. 131

[43] vgl. Kapitel 6.3

[44] vgl. Kołtunowski 1981, S. 199ff.

[45] vgl. Straßner 1987, S. 175

[46] Klemperer 1949, S. 102

[47] vgl. Schmitz-Berning 1998, S. 7

[48] Klosa et al. 2001, S. 1246

[49] Müller 1972, S. 113

[50] vgl. Bussemer 2005, S. 15

[51] vgl. Klosa et al. 2001, S. 1246

[52] vgl. Kołtunowski 1995, S. 179ff.

[53] vgl. Szulczewski 1972, S. 72

[54] vgl. Straßner 1987, S. 43; vgl. Wojtasik 1973, S. 156ff.

[55] vgl. Mackensen 1973, S. 7

[56] vgl. Klaus 1972, S. 19

[57] vgl. Straßner 1987, S. 48

[58] vgl. Lay 1977, S. 268

[59] vgl. Lay 1977, S. 29f.

[60] vgl. Mackensen 1973, S. 162

[61] vgl. Jockheck 2006, S. 9f.

[62] vgl. Jockheck 2006, S. 22

[63] vgl. Frei 1996, S. 243

[64] vgl. Straßner 1987, S. 45

[65] vgl. Frei 1996, S. 146

[66] vgl. Schmitz-Berning 1998, S. 475f.

[67] vgl. Wojtasik, S. 37

[68] Straßner 1987, S. 47

[69] vgl. Mackensen 1971, S. 210

[70] vgl. Kołtunowski 1990, S. 153

[71] vgl. Abel 1968, S. 40

[72] vgl. Frei 1996, S. 243

[73] Wulf 1983, S. 6

[74] vgl. Fischer 1995, S. 233

[75] vgl. Wulf 1983, S. 65

[76] vgl. Mackensen 1973, S. 165

[77] vgl. Lay 1977, S. 179

Details

Seiten
141
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640108206
ISBN (Buch)
9783640109890
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112334
Institution / Hochschule
Universitas Wratislaviensis
Note
Sehr gut
Schlagworte
Propagandasprache Dritten Reich NS-Besatzungspresse Generalgouvernement Presse Sprache Propaganda Manipulation LTI

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Propagandasprache im Dritten Reich anhand der NS-Besatzungspresse im Generalgouvernement