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Von Österreich-Ungarn nach Deutsch-Österreich

Die revolutionäre Entwicklung in Deutsch-Österreich im Herbst 1918 unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Sozialdemokratischen Partei Österreichs

Hausarbeit 2006 49 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Revolution

3 Österreich in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn

4 Österreichs Sozialdemokratie
4.1 Aufstieg der Sozialdemokratischen Partei
4.2 Austromarxismus
4.3 Die Sozialdemokraten im Ersten Weltkrieg

5 1918: Das Jahr des Umbruchs
5.1 Vom Jännerstreik zu Wilson
5.2 Die Sozialdemokratische Partei Österreichs und die Gründung Deutsch-Österreichs

6 Bewertung der Gründung Deutsch-Österreichs unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Sozialdemokratischen Partei Österreichs

7 Zusammenfassung/Schluss

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Viele Deutsche reisen Jahr für Jahr in das Nachbarland Österreich zum Sommer- oder Winterurlaub, doch ist die Geschichte des Nachbarlandes, auch die jüngere Geschichte, weitgehend unbekannt.

Das 20. Jahrhundert war für Österreich ein sehr turbulentes Jahrhundert, in dem im Land mehrere verschiedene Regierungsformen existierten, angefangen vom monarchistischen Vielvölkerstaat, über die erste Republik, den Ständestaat, die Auflösung des selbständigen Österreich und den Anschluss an das Deutsche Reich bis zur uns heute vertrauten zweiten Republik.

Dass aber das Jahr 1918 wohl den größten Einschnitt für das Land im 20. Jahrhundert bedeutete, ist dann schon weniger geläufig. Noch recht bekannt ist, dass in dem Jahr der Erste Weltkrieg endete, der Kaiser abdankte und Österreich Republik wurde. Wie jedoch genau die Reihenfolge der Geschehnisse war, was was bedingte und was wodurch ausgelöst wurde, ist kaum bekannt. Das Wissen darüber mischt sich häufig mit einer gewissen „k.u.k. Nostalgie“, angefangen bei Sissi und endend bei den Gassenhauern „Wie Böhmen noch bei Österreich war…“ und „Wenn Böhmen und auch Mähren nicht mehr zu uns gehören…“.

Was einem in diesen beiden Liedern so locker über die Lippen kommt, beschreibt ein Hauptereignis des Jahres 1918, nämlich den Zerfall des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn. Winston Churchill hat das Ereignis und vor allem seine Folgen einmal so kommentiert:

„Durch Jahrhunderte hatte dieser überlebende Körper des heiligen Römischen Reiches einer ganzen Anzahl von Völkern ein gemeinsames Dasein mit Vorteilen und Sicherheit gewährt… allen diesen Völkern und Provinzen hat der Erwerb ihrer Unabhängigkeit Qualen eingebracht, die die alten Dichter und Gottesgelehrten den Verdammten vorbehalten hatten.“[1]

Was jedoch genau im Herbst 1918 in Österreich-Ungarn bzw. in Österreich geschah, war auch mir nicht im Detail geläufig. Umso interessanter fand ich es, auf dieses Thema gestoßen durch die Lektüre der Kurseinheit „Antikriegsbewegungen und Revolutionen“ im Kurs „The Great War: Der erste Weltkrieg im internationalen Zusammenhang und Vergleich“ der Frage nachzugehen, wie es dazu kommen konnte, dass das Vielvölkerreich am Ende des Ersten Weltkrieges zusammenbrach, dass schließlich ein ganz neuer Staat mit dem Namen Deutsch-Österreich gegründet wurde und was die genauen Ereignisse im November 1918 in Österreich-Ungarn waren. Dies möchte ich in dieser Hausarbeit untersuchen und darstellen.

Die Ereignisse und Umwälzungen im November 1918 in Österreich werden oft als Revolution bezeichnet. Ob diese Bezeichnung gerechtfertigt ist und ob damals tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat oder ob diese Bezeichnung unbegründet ist, werde ich darlegen, indem ich verschiedene Definitionen von Revolution und Revolutionstheorien darstelle.

Neben der Darstellung der Ereignisse des Jahres 1918 im Generellen wird das zweite wichtige Element der Blick auf die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs sein. Ich werde die Frage beantworten, welche Rolle sie beim Zusammenbruch der Doppelmonarchie und bei der Gründung der Republik Deutsch-Österreich gespielt hat. Außerdem betrachte ich ihre Entwicklung bis zum Jahr 1918, ihre Positionen zur bis 1918 aktuellen Nationalitätenfrage, zu der von vielen ihrer Anhänger gewünschten Räterepublik. Ein die Politik der SDAP vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zeit darüber hinaus bestimmendes Element war der Austromarxismus. Die Inhalte dieser ideologischen Strömung stelle ich in einem eigenen Kapitel kurz dar.

Um das Ende der Doppelmonarchie besser einordnen zu können, gebe ich außerdem einen kurzen Überblick über die Organisation der Doppelmonarchie bzw. des Status Österreichs in dieser. Auch den Verlauf des Ersten Weltkrieges, an dessen Ende die Ereignisse des Jahres 1918 standen, fasse ich kurz zusammen.

2 Revolution

Die Ereignisse in Österreich-Ungarn am Ende des Jahres 1918 werden häufig als Revolution bezeichnet. Es ist aber durchaus angebracht, zunächst einmal die Frage zu stellen, ob es sich bei den Vorgängen tatsächlich um eine Revolution handelte oder ob dieser Terminus unberechtigt ist. Um darauf in Kapitel sechs eine Antwort geben zu können, ist es nötig zu klären, was man unter einer Revolution versteht, welche Definitionen von Revolution und welche Revolutionstheorien es gibt.

Zunächst einmal passiert eine Revolution nie isoliert, eine revolutionäre Phase über einen gewissen Zeitraum davor ist stets Vorraussetzung für eine Revolution.

So eine revolutionäre Phase bzw. Situation ist gegeben, wenn das aktuelle System in einer Krise steckt und sich ein großer Teil der Bevölkerung nach einem Wandel der gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen sehnt.[2]

Dieser Wille zum Systemwechsel muss sich außerdem in „Überlegungen“, wie dieser zu erreichen sei, äußern, und eine Partei - in dem Fall der des Herbstes 1918 in Österreich wäre es interessant zu sehen, ob das auf die SDAP zutrifft - theoretisch in der Lage sein, sich an die Spitze der Revolution zu setzen. Das war so alles Ende 1918 nicht gegeben, man kann eher sagen, dass es in Österreich eine vorrevolutionäre Situation gab, die sich dadurch auszeichnete, dass große Teile der Arbeiter unzufrieden waren, aber nur unkonkret Änderungen forderten und dafür demonstrieren.[3]

Für den Zeitgenossen Otto Bauer war jedoch klar, dass sogar eine doppelte Revolution stattgefunden hat, nämlich eine nationale Revolution, durch die die neuen Nationalstaaten entstanden, und eine politische Revolution, die den alten monarchistischen Staat zu Fall und eine demokratische Republik hervorgebracht hat.[4]

Die Revolution in Österreich war allerdings keine „klassische“ nationale Revolution, angetrieben durch den Drang, einen Nationalstaat zu schaffen. Das trifft nur auf die anderen, sich zuerst losgesagten Nationen zu. Otto Bauer benutzt den Begriff für Deutsch-Österreich, im Bewusstsein, dass er nicht zutrifft, um den von ihm und der SDAP gewünschten Anschluss an das Deutsche Reich begründen zu können.[5]

Beurteilt man die Frage nach der Revolution von der juristischen Seite, kommt man ebenfalls zu einem recht eindeutigen Ergebnis. Das Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutsch-Österreich vom 12. November 1918 ist als Bruch der Rechtskontinuität zu deuten, weil es nicht auf einer existierenden Verfassung beruht, sondern komplett neu geschaffen wurde. Die Republik beruht juristisch gesehen also auf einem revolutionären Gründungsakt.[6]

Alle weiteren Gesetze wurden allerdings weitgehend eins zu eins aus dem Kaiserreich übernommen.[7]

Es wurde nicht für nötig erachtet, die ehemalige kaiserliche Verwaltung, Polizei und Justiz zu reformieren, nur die k.u.k. Armee wurde durch die Volkswehr ersetzt. Daher war die Revolution nicht vollständig, sie beschränkte sich allein auf die politische Situation. Die staatlichen Institutionen galten auch den Revolutionären als Wert an sich, losgelöst von den jeweiligen Machthabern.[8]

Weniger eindeutig wird die Situation, vergleicht man sie mit den gängigen Revolutionstheorien.

Die „klassische“ sozialistische Revolution bedeutet einen Übergang der Macht an die Arbeiter, die Änderung der Produktionsverhältnisse und den Sturz der herrschenden Klasse. Die Macht haben die Arbeiter aber höchstens indirekt durch die Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten erhalten, und die Produktionsverhältnisse blieben unverändert.[9]

Eine andere Revolutionstheorie ist die, dass ein plötzlicher Gewaltausbruch die alte Welt in eine bessere neue Welt überführt. Revolution wird als gesellschaftlicher Wandel verstanden, der zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem er quasi überfällig ist und von allen Menschen mitgetragen wird. Gewaltanwendung ist aber nicht zwingend erforderlich, zumal sie inkonsequent wäre, ist doch die etablierte Gewalt fast immer das, was durch die Revolution bekämpft werden soll. Realistischer ist aber die Ansicht, dass Revolutionen keine plötzlichen Gewaltausbrüche, sondern langwierige Prozesse sind. Jede Revolution hat eine Vorgeschichte, in der die lange herrschende Gesellschaftsschicht mehr und mehr an Einfluss und Kraft verliert, während die revolutionären Schichten erstarken. Findet dieser Prozess sehr stetig statt, ist eine plötzliche explosive Revolution kaum denkbar und auch nicht notwendig. In einem funktionierenden Staat ist also quasi ständig Revolution, wird doch stets durch die Politik alles den momentanen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst.[10]

Innerhalb dieser Theorie über den Prozess der Revolution kann man ihre Ergebnisse, also die Änderung der bestehenden staatlichen und rechtlichen Verhältnisse, weiter differenzieren. Es gibt die Differenzierungen in die „politische Revolution“, bei der die Regierungsform, und die „soziale Revolution“, bei der die Gesellschaftsordnung geändert wird. Eine Änderung der Regierungsform fand durchaus im November 1918 statt. Allerdings hat die alte kaiserliche Regierung dem Staatsrat alle Staatsgeschäfte freiwillig übergeben, und selbst Kaiser Karl I. hat in seinem Manifest vom 11. November erklärt, dass er den Schritt seiner Untertanen zur Republik akzeptiert.[11]

Auch langfristig lassen sich keine Anzeichen für eine erfolgreiche Revolution finden.

Bei den Wahlen im Februar 1919 erzielten die Sozialdemokraten über 40% der Stimmen. Bei den nachfolgenden Wahlen verloren sie jedoch wieder Stimmenanteile. Die Revolution hatte also nur den politischen und konstitutionellen Bereich verändert, aber keine neue „sozialdemokratische Republik“ hervorgebracht. Österreich wurde vielmehr zu einem bürgerlichen, von den Christlichsozialen dominierten Land.[12]

Die Sozialdemokraten selber hatten übrigens eine gespaltene Sichtweise auf die Frage, ob eine Revolution stattfand. Sie wollten sich von der russischen Revolution abgrenzen, bei der, im Gegenteil zu Österreich das Parlament ausgeschaltet wurde. Für sie besteht das Revolutionäre darin, dass sie plötzlich in Machtpositionen gelangten und dadurch und durch den Druck der Demonstranten sozialpolitische Änderungen erzwingen konnten.[13]

3 Österreich in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn

Österreich war ein Teilstaat in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Auch wenn beide Länder oft als Staatseinheit betrachtet wurden und werden, hatten sie in vielen Fragen Handlungsfreiheit für sich allein. Nur wenige Angelegenheiten wurden gemeinsam geregelt. In Kapitel drei stelle ich in einen knappen Überblick den Staatsaufbau der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sowie die Struktur der Armee, mit der die Doppelmonarchie 1914 in den Krieg zog, dar.

So wie Österreich-Ungarn bis zu seinem Zerfall Ende 1918 existierte, existierte es seit dem „Ausgleich“ zwischen Österreich und Ungarn von 1867. Der Ausgleich hatte die Gemeinsamkeiten der beiden Länder neu geregelt. Gemeinsam waren ihnen seitdem der Herrscher, jeweils als Kaiser von Österreich und König von Ungarn, sowie die kaiserlichen und königlichen Reichsministerien für Äußeres, Krieg und Finanzen. Die Reichsminister handelten unter der Aufsicht von Delegationen, die sich aus Mitgliedern des österreichischen und des ungarischen Parlaments zusammensetzten. Die schwierigste Frage in den Verhandlungen zwischen beiden Ländern war stets, wie gemeinsame Ausgaben, aber auch Gewinne anteilig auf beide Länder aufgeteilt wurden. Obwohl beide Länder in gemeinsamen Fragen gleichberechtigt waren, übernahm Österreich 70% der Ausgaben.[14]

Die offizielle Bezeichnung dieser Doppelmonarchie war seit dem Ausgleich „Österreich-Ungarn“, wobei der Name Österreich nur in dieser Doppelbezeichnung existierte. Bis 1915 hieß die österreichische Reichshälfte offiziell „die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“.[15]

Zu diesen, die auch mit Cisleithanien, also Land diesseits der Leitha bezeichnet wurden, gehörten neben dem Gebiet, das später Deutsch-Österreich wurde, Böhmen, Mähren, Schlesien, Galizien, Südtirol, Triest, Istrien, Slowenien, Dalmatien und die Bukowina.[16]

Die einzelnen Landesteile waren sehr unterschiedlich geprägt. Dem industriell geprägten Westen stand der landwirtschaftlich geprägte Osten gegenüber. Die daraus folgenden wirtschaftlichen Unterschiede brachten Konflikte zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen und Nationalitäten mit sich, was wiederum zu Boykotten von Produkten aus anderen Landesteilen, denen zum Teil sogar ausländische Waren vorgezogen wurden, führte. Um dem entgegenzuwirken, wurde in wirtschaftlich benachteiligten Gebieten ebenfalls Industrie angesiedelt, die dann aber nicht wirtschaftlich war, sondern nur für nationalen Proporz sorgte.[17]

Und über allem stand die „Reichshaupt- und Residenzstadt“ Wien, als Hauptstadt des zu Beginn des 20. Jahrhunderts flächenmäßig zweitgrößten und einwohnermäßig drittgrößten Staates Europas.[18]

Auch die österreichisch-ungarische Armee war seit dem Ausgleich geteilt, obwohl das Kriegsministerium gemeinsam geführt wurde. Es gab das kaiserliche und königliche (k.u.k.) Heer, in dem Österreicher und Ungarn dienten, sowie in Österreich die kaiserlich-königliche (k.k.) Landwehr und in Ungarn die königlich-ungarische (k.u.) Honvéd. Das was nach außen hin die Armee Österreich-Ungarns und auch nach innen hin die Tradition einer großen ruhmreichen Armee verkörperte, war das k.u.k. Heer.

Nur jeder vierte männliche Staatsbürger Österreich-Ungarns leistete seinen Wehrdienst ab, obwohl es eine allgemeine Wehrpflicht gab. Bis 1912 diente davon wiederum nur ein Drittel im gesamten Heer, der Rest teilte sich auf Landwehr und Honvéd auf. Im Kriegsfall konnten alle Streitkräfte gemeinsam 17 Armeekorps aus 50 Infanterie- und elf Kavalleriedivisionen und 36 Landsturm bzw. Marschbrigaden bilden. Die Artillerie verfügte über ca. 2600 verschiedenste Geschütze.

Die Heeresfliegerei befand sich noch im Aufbau. Es gab 85 Piloten und 39 Flugzeuge, die dem Heer unterstellt waren. Die Piloten und Beobachter führten Handfeuerwaffen und kleine Bomben mit sich, die von Hand abgeworfen wurden. Weiterhin gab es zwölf der Beobachtung dienende Ballonabteilungen.

Die Marine gehörte ebenfalls zu den k.u.k. Streitkräften. Im Gegenteil zur seit 1912 zweijährigen Dienstzeit im Heer betrug die Dienstzeit in der Marine vier Jahre. Im Frieden betrug ihre Stärke 20.000 Mann, die auf zum Teil veralteten Schlachtschiffen, Panzerkreuzern, geschützten Kreuzern, Torpedobooten und U-Booten dienten. Die Anzahl der Marineangehörigen an Land betrug weitere 10.000 Mann. Ebenfalls zur Marine gehörte die Donauflottille, bei Kriegsbeginn aus sechs Monitoren und anderen kleinen Schiffen bestehend.

Im Gegensatz zu anderen Nationen war die Armee recht klein. Im Kriegsfall konnte Österreich-Ungarn 1,8 bis 2 Millionen Mann unter Waffen stellen, Russland 3,4 Millionen, das Deutsche Reich gar rund 4 Millionen.[19]

4 Österreichs Sozialdemokratie

Wenn ich in dieser Hausarbeit von Sozialdemokraten, sozialdemokratischer Arbeiterpartei, sozialdemokratischer Partei oder der Sozialdemokratie spreche, ist damit die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs, gemeint, Erst seit Gründung dieser Partei kann man von einer einheitlichen österreichischen Sozialdemokratie sprechen. Seit 1991 ist diese Partei als Sozialdemokratische Partei Österreichs bzw. SPÖ bekannt, bei ihrer Neugründung 1945 trug sie noch den Namen Sozialistische Partei Österreichs.

4.1 Aufstieg der Sozialdemokratischen Partei

Da ich einen besonderen Blick auf die Rolle der Sozialdemokraten bei der Gründung Deutsch-Österreichs richte, gebe ich in diesem Kapitel einen Überblick über die Entwicklung der österreichischen Sozialdemokratie, von den Anfängen der Arbeiterbewegung, der Einigung 1888/1889 mit dem Hainfelder Programm und den verschiedenen Strömungen in der Partei, um deren Handeln Ende 1918 verstehen zu können.

Die ersten Aktivitäten in Richtung politischer Tätigkeit der Arbeiterschaft gehen zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Bei der Revolution 1848 hat die Arbeiterschaft jedoch nur kurzfristig eine Rolle gespielt, eine organisierte Arbeiterbewegung entstand erst in den liberalen 1860er und 1870er Jahren, die unter Victor Adler nach dem hainfelder Einigungsparteitag 1888/89 immer mehr an Einfluss gewann.[20]

Ab 1878 machten die Sozialistengesetze im Deuten Reich indirekt auch der österreichischen Arbeiterbewegung und der ersten Arbeiterpartei Schwierigkeiten, da materielle und propagandistische Unterstützung aus dem Deutschen Reich ausblieben, was mit zur Entzweiung der Arbeiterbewegung in eine „gemäßigte“ und eine „radikale“ Gruppe führte. Ziel der letzteren war die sofortige Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch Revolution, wobei Reformen und die Erlangung des Wahlrechts keine Rolle spielten. Die Theorie der Gemäßigten war, dass sich der Kapitalismus erst bis zu einem gewissen Grad ökonomisch entwickeln muss, um dann Sozialismus erreichen zu können. Die Anhänger dieser Gruppe wurden Ökonomisten genannt. Ihr Ziel war das Erstreiten sozialer Reformen auf dem Boden der bestehenden Gesetze. Unter der drohenden Gefahr von Sozialistengesetzen näherten sich schließlich 1886 beide Gruppierungen wieder aneinander an.[21]

Auch in Folge dieser Erfahrungen formulierten schon vor der Gründung der SDAP verschiedene Gruppierungen gemeinsam die „Fundamentalartikel“ mit den Zielen der zu gründenden Partei. Sie beinhalteten das Ziel der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, den damals existierenden Klassenstaat mit allen Mitteln in eine sozialistisch/kommunistisch geprägte Gesellschaft umzuwandeln, das Proletariat als einzigen möglichen Träger dieser Wandlung zu schulen und in ihm das Klassenbewusstsein zu erwecken, was durch mündliche und schriftliche Propaganda einer einheitlich auftretenden Partei geschehen sollte. Gewalt als Mittel wurde ausdrücklich abgelehnt. Die Propaganda und das Wirken der Partei sollten möglichst öffentlich geschehen, wobei auch die Presse als Sprachrohr genutzt werden sollte. Kompromisse mit bürgerlichen Parteien wurden abgelehnt, da sie als reaktionär galten.[22]

Am 31. Dezember 1888 und am 1. Januar 1889 tagte dann in Hainfeld der Einigungsparteitag, auf dem sich eine einheitliche, revolutionäre österreichische Arbeiterbewegung konstituierte und die Zersplitterung in Länder- und nationale Gruppen aufhob. In der Hainfelder Prinzipienerklärung forderten Victor Adler und Karl Kautsky den Übergang der Produktionsmittel in den Besitz der Arbeiter.[23]

Dieses Datum gilt als eigentliches Gründungsdatum der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, der SDAP.

Die SDAP gab sich also marxistische Grundelemente, wenn diese auch nicht dominierten, was aber einem Gegensatz von Theorie und Praxis gleichkam, der die Partei entscheidend prägte. Der reformistische und der revolutionäre Flügel standen auch nach der Einigung in Konkurrenz zueinander, langfristig setzten sich die Reformisten durch. Reformen sorgten dafür, dass die Arbeiterbewegung besser in die bestehende Gesellschaft integriert wurde.[24]

Die SDAP entwickelte sich schnell zu einer ernstzunehmenden Partei, um die Jahrhundertwende hatte sie bereits ca. 150.000 Mitglieder.[25]

Auch international gewann sie an Einfluss, in der II. Internationale hatten österreichischen Sozialdemokraten eine große Bedeutung und stellten mit Victor Adler sogar einen ihrer Führer.[26]

Die 1889 gegründete II. Internationale war ein Zusammenschluss von sozialistischen Parteien. Ihre Hauptziele waren, für den Erhalt des Weltfriedens einzutreten, Geheimdiplomatie abzuschaffen und internationale Konflikte durch ein Schiedsgericht lösen zu lassen.[27]

Innerhalb der sozialistischen Internationale wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Erkenntnis, dass sich in allen europäischen Ländern die Praxis der Sozialdemokratie von der Theorie entfernt hatte. Als Parlamentsparteien waren sie selbst Teil des Systems, das sie eigentlich bekämpften. Die parlamentarische Arbeit band außerdem viele Kräfte. Allein die linken Flügel in den jeweiligen nationalen Sektionen innerhalb der Internationale, die allerdings überall nur eine kleine Gruppe waren, forderten statt parlamentarischer Opposition revolutionäre Entscheidungen.[28]

Die österreichische Sozialdemokratie hatte aber noch mit einem weitaus größeren Problem zu kämpfen als Sozialdemokraten anderer Länder, nämlich mit der Nationalitätenfrage. Die Tschechen wünschten sich beispielsweise eine stärkere Berücksichtigung ihrer Probleme. In Böhmen und Mähren verliefen die Klassengrenzen weitgehend parallel zu den Nationalitäten. Während Bürgertum sowie Beamte und Militärs weitgehend aus Deutschen bestanden, stellte die tschechische Bevölkerung die Arbeiterschaft. Diese misstrauten bald der deutschen Führung der sozialdemokratischen Partei. Bereits 1887 hatte sich eine eigene Tschechische Sozialdemokratische Partei gegründet, die sich zwar stets als zugehörig zur Gesamtpartei deklarierte, die aber dennoch eine eigene Organisation besaß. Erschwerend kam hinzu, dass österreichische Arbeiter mehr verdienten als Arbeiter in anderen Gegenden, auch waren ihre Lebensumstände besser. Sie fühlten sich anderen Arbeitern, die oft Analphabeten waren, überlegen. Darum war ihnen auch nie viel an der Zerschlagung der Monarchie gelegen. Die österreichischen Sozialdemokraten strebten also nicht die Abschaffung, sondern die Veränderung der Monarchie an. Obwohl sie für die Arbeiter aller Nationen kämpfte, wirkten die Bemühungen der gesamten, von Deutsch-Österreichern dominierten Sozialdemokratie auf die Genossen anderer Nationen oft halbherzig.[29]

Schon früh hatten sich die Sozialdemokraten Gedanken über die Lösung des Nationalitätenproblems gemacht. Bereits 1899 auf dem Parteitag in Brünn verfasste man ein Nationalitätenprogramm, das als optimale Lösung des Problems einen Bundesstaat aus autonomen Nationalstaaten vorsah. 1902 verfasste dann Karl Renner Gedanken über die Reform der Monarchie, in denen er nationale Gruppen nicht nach dem Territorium, sondern nach dem Personalitätsprinzip, wie es auch bei Religionsgemeinschaften der Fall ist, zusammenfasste. Das hatte gegenüber anderen Plänen zur Staatsreform, die auch Bundesstaaten vorsahen, den Vorteil, dass auch Minderheiten auf einem anderen Gebiet dennoch zu ihrer Nationalität gehören konnten. Letztendlich erwartete man aber, wie es Otto Bauer 1907 schrieb, dass der Vielvölkerstaat durch die soziale Revolution zu Grunde gehe.[30]

Die Lösung des Nationalitätenproblems war aber letztendlich nur zweitrangig, erstes Ziel der SDAP vor dem ersten Weltkrieg war stets, die Situation der Arbeiter zu verbessern, die Gleichheit aller Klassen herbeizuführen und Österreich in einen modernen, sozialen Staat umzuwandeln.[31]

[...]


[1] Wickenburg, Erik G. 1958: 158 f.

[2] Butterwegge, Christoph 1991: 203

[3] Kulemann, Peter 1979: 218 f.

[4] Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung (Hrsg.) 1976: 201

[5] Kaufmann, Fritz 1978: 111

[6] Konrad, Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 19

[7] Kaufmann, Fritz 1978: 117

[8] Butterwegge, Christoph 1991: 217

[9] Kulemann, Peter 1979: 218

[10] Koch, Nikolaus 1973: 113 ff

[11] Kaufmann, Fritz 1978: 116 f.

[12] Carsten, Francis L. 1988: 33

[13] Konrad, Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 20

[14] Zöllner, Erich 1984: 412

[15] Wickenburg, Erik G. 1958: 147

[16] Kulemann, Peter 1979: 40

[17] Hautmann, Hans / Kropf, Rudolf 1974: 98 ff

[18] Konrad, Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 89

[19] Rauchensteiner Manfried 1993: 41 f.

[20] Weinzierl, Erika / Skalnik, Kurt 1983: 57

[21] Hautmann, Hans / Kropf, Rudolf 1974: 76 ff

[22] Kaufmann, Fritz 1978: 25 f.

[23] Hautmann, Hans / Kropf, Rudolf 1974: 94

[24] Konrad, Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 21 f.

[25] Hautmann, Hans / Kropf, Rudolf 1974: 104

[26] Kulemann, Peter 1979: 15

[27] Kaufmann, Fritz 1978: 46 f.

[28] Ferro, Marc 1988: 72

[29] Hautmann, Hans / Kropf, Rudolf 1974: 101 ff.

[30] Weinzierl, Erika / Skalnik, Kurt 1983: 57 f.

[31] Kulemann, Peter 1979: 155

Details

Seiten
49
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640108299
ISBN (Buch)
9783640109906
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112465
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
Deutsch-Österreich SPÖ

Autor

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Titel: Von Österreich-Ungarn nach Deutsch-Österreich