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Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ - Eine literaturwissenschaftliche Analyse der Frühromantik

von Dr. Stefan Schweizer (Autor)

Essay 2008 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Epoche der Frühromantik

2. "Der blonde Eckbert" als typisches Kunstwerk der Frühromantik

Literatur

Abbildungen

1. Epoche der Frühromantik

In der Literaturgeschichte wird die Epoche der Romantik in zwei Teile unterteilt. Dabei handelt es sich um die sogenannte Frühromantik sowie die Hoch- bzw. Spätromantik. Ludwig Tieck ist dabei einer der wenigen Schriftsteller, der beiden Zeitabschnitten der Epoche zugerechnet werden kann. Im Spätwerk Tiecks finden sich sogar eindeutige Merkmale, die der Epoche des Realismus zugeschlagen werden können.

Einen kompakten aber guten Überblick über die Etymologie des Wortes Romantik und die vielfache Verwendungsweise gibt Gerhard Schulz.[1] Im folgenden interessiert die Verwendungsweise des Begriffes Romantik als Epochenetikett der zugehörigen literarischen Bewegung in Deutschland. Allerdings wäre eine alleinige Fokussierung auf die literarische Romantik fatal, denn gerade die romantische Bewegung in ihrer universalistischen Gesamtausrichtung und ihrer unabdinglichen Tendenz zum Absoluten ist als ein die verschiedensten Wissenschafts- und Kunstrichtungen integrierender Ansatz zu verstehen. Besonders deutlich zeigt sich dies daran, dass in der Romantik der Kunst allgemein Lösungskompetenzen zugeschrieben wurden, die man anderen Disziplinen (wissenschaftlicher Provenienz, hier vornehmlich der Philosophie) nicht mehr zutraute. Somit gewann die Kunst einen unglaublich hohen funktionalen Stellenwert.

Die die literarische Romantik umfassende Zeitspanne wird mit 1798-1835[2] angegeben. Als Variante zu dieser Angabe finden sich Datierungen von +/- 5 Jahren.[3] Einigkeit herrscht hingegen hinsichtlich einer Unterteilung der Romantik in zwei unterschiedliche, zeitlich einander nachfolgende, Strömungen. Es handelt es sich dabei um die Frühromantik (um 1798 vornehmlich in Jena), zu deren prominentesten Vertretern Wackenroder, Tieck, Hardenberg (Novalis) und die Gebrüder Schlegel zu rechnen sind. Die auf 1805 bzw. 1808/09 datierte Hochromantik umfasste vor allem v. Arnim, Brentano und Eichendorff.[4]

Kein historisches Ereignis symbolisiert die große Teile Europas umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen - nämlich den Übergang des Feudalismus zur Bürgertumsherrschaft - besser als die Französische Revolution. Allerdings war die Macht des Bürgertums in Deutschland vor allem wegen der Fragmentierung in über dreihundert souveräne Staaten beschnitten, da die (in England und Frankreich bereits seit längerem gegebene nationale Einheit) als relevante(r) Entwicklungsbedingung und -faktor wirtschaftlichen Potentials angesehen wird. Diese Konstellation zeitigte zwar für das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen fatale gesellschaftliche Konsequenzen, die aber durch enorme Entwicklungspotentiale in Kunst und Wissenschaft kompensiert werden konnten: "Dem Bürgertum, das auch in Deutschland immer mehr Bedeutung gewann und dem Adel selbstbewußter entgegentrat, fehlte daher die wirtschaftliche Macht, politische Veränderungen zu erzwingen. Statt dessen baute der progressive Teil dieses Bürgertums auf die Macht der Moral, auf Philosophie und Literatur."[5] Bezüglich der Akzeptanz der gerade angerissenen sozialen (und nicht wissenschaftlichen bzw. künstlerischen) Gegebenheiten kann man ein Distinktionsmerkmal zwischen der "klassischen" und "romantischen" (Künstler-) Generation festmachen, denn während "Goethe und Schiller, die Klassiker, die Position der Aufklärung unter dem Druck der Verhältnisse am Ausgang des Jahrhunderts mit der feudalen Gesellschaftsordnung zu versöhnen suchten, kennzeichnet es die Romantiker, daß sie diese Versöhnung ablehnten."[6] Trotz der vordergründigen Niederlage des Bürgertums dürfen die von diesem in ihrer Entwicklungsphase initiierten gesellschaftsverändernden Tendenzen nicht unterschlagen werden, obwohl sie in der (literarischen) Epoche der Romantik noch nicht völlig zum Tragen kamen bzw. in ihren Auswirkungen noch nicht allzu stark zu spüren waren. Dabei handelt es sich um die Technisierung der Lebensverhältnisse der Menschen und den Übergang von merkantilistischer zu kapitalistischer Wirtschaftsweise.[7] Die literarische Richtung des Realismus schien eher diesen sozialgeschichtlichen Gegebenheiten zu entsprechen.[8] Man kann auch davon ausgehen, dass die Romantiker wie Eichendorff die eben genannten Komponenten ganz bewusst in ihrer Dichtung ausklammerten, die Dichtungen also im wahren Sinne des Wortes als fiktionalisierte Wunschvorstellungen bzw. Utopien als Erhaltung des status quo post zu verstehen sind.

Durchaus ambivalent fällt die Einschätzung der Romantik hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Politik aus, denn einerseits wird konstatiert, dass sie ein tätiges Verhältnis zu Staat und Gesellschaft besaß, andererseits, dass die "ursprüngliche politische Aufgeschlossenheit (Griechenlandbegeisterung) ... in der Spätromantik einem Drang zur Unterordnung unter Ganzheiten wie Religion, Volk und Staat (wich)."[9] Dieses Zitat suggeriert einen Wandlungsprozess der romantischen Bewegung von revolutionären bzw. reformerischen (z.B. Begeisterung für die Französische Revolution) zu restaurativen Einstellungen (z.B. Unterstützung der Heiligen Allianz und des Katholizismus). Diesen Befunden kann in dieser Absolutheit nicht zugestimmt werden. Zwar resultierte aus dem Kosmopolitismus der Aufklärungsphilosophie die Tendenz eines utopischen Universalismus, andererseits wurde durch die Loslösung der Romantik von der Antike das Moment der nationalen Kulturen stärker akzentuiert.[10]

Die romantische Kultur wurde insgesamt als moderne Kultur betrachtet, die ihre Wurzeln in der christlichen Kultur des Mittelalters besaß. Dabei wurde das Mittelalter zu einem Bild harmonischer Christenheit stilisiert, dem man kontrastiv die darauf folgenden, zerrissenen Epochen entgegenhalten konnte. Die Besinnung auf das Christentum ist somit als ein reflexiver, intellektueller Prozess zu verstehen und nicht als eine mit schlichtem Glauben kombinierte naive Frömmigkeit.

Der Kunst wurde in der Romantik Lösungskompetenzen zugeschrieben, die von den Wissenschaften nicht mehr erwartet wurden. So verwundert es nicht, dass auch im "Blonden Eckbert" gemäß dem Diktum der empirischen Kulturwissenschaft[11] eine poetisch verklärt-fiktionalisierte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Theorien stattfindet.

An dieser Stelle bietet es sich deshalb an, dies in aller gebotenen Kürze noch anhand der geschichtsspekulativen Elmente bzw. teilphilosophischen Konzepte - z.B. denen v. Hardenbergs (Novalis') - zu exemplifizieren:

- In der Urzeit lebte der Mensch in einem (gesamt-) harmonischen Zustand. Im Laufe der Zeit erfolgte eine Entfremdung des Menschen von der Natur. Dieser Entfremdungszeitpunkt wurde gewöhnlich als Jetzt-Zeit (also Zeitpunkt der Romantik) angenommen. Durch den zu gehenden Weg in das innere bzw. durch das innere des Menschen sollte ein (wieder harmonisches) goldenes Zeitalter herbeigeführt werden. Dies ist die Rahmenkonstruktion, die durch Variablen gefüllt werden kann. So ist z.B. ein Medium, welches zum goldenen Zeitalter führen kann, das (Kunst-) Märchen. Der nicht näher fixierte Urzeitpunkt kann dann in fiktionalisierter Weise z.B. als Mittelalter, aber auch als Anfang der Menschheitsgeschichte angenommen werden. Territorium des christlichen Mittelalters war Europa gewesen. Dadurch besaß die romantische Richtung eine gesamteuropäische Ausrichtung[12], die nur scheinbar dem Moment der Akzentuierung der Nationalliteraturen widerspricht.

Der zweite Aspekt betrifft die im "Blonden Eckbert" vertretenen erkenntnistheoretischen Positionen, die sich m.E. auf Fichte beziehen. Fichte steigert gegenüber Kant die Bedeutung des Geistes, denn "er erschafft eine Welt aus dem Nichts; denn es gibt nur das Ich des Geistes. Durch dieses Ich entsteht die Welt."[13] Damit wird die kopernikanische Wende Kants noch radikalisiert. Reflektiert das Bewusstsein sich selber und besinnt sich auf die Voraussetzungen der eigenen Möglichkeiten, so gewahrt man die eigene Ichheit (Thesis), welche nur denkbar ist in Verbindung mit einem Nicht-Ich (Antithesis als das, was Welt werden kann). Beide Schritte vollziehen sich subjektimmanent und somit mündet die Aufhebung des Widerspruchs in der Einheit des höheren Ichs (Synthesis). Daraus kann man folgern, dass der Geist als Tathandlung aufzufassen ist, welcher alles Reale, die Natur etc. konstituiert. Das "Sein als das All der sich immer schon realisierenden Möglichkeiten in seiner Selbsterregung ist nicht materiell, es ist geisthaft und tritt ins Dasein als Erscheinung der Vielfalt seiner Möglichkeiten im Bewußtsein. Bewußtsein des Seins ist die einzig mögliche Form, in der das Sein ins Dasein tritt und sich selbst seine Möglichkeiten als Vielfalt der Erscheinungswelt und des Bewußtwerdenkönnens zur Anschauung und zum Wissen bringt."[14] Nach Fichte findet also Weltkonstituierung erst durch das Subjekt statt. Damit korrespondiert im "Blonden Eckbert" die Unmöglichkeit objektive Realität festzustellen und die Gleichberechtigtheit der verschiedenen Charakterrealitäten.

[...]


[1] Vgl. Schulz, G., Romantik, S. 10-13

[2] Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 1, S. 249

[3] Vgl. z.B. Peter, K., Romantik, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 2, S. 345

[4] Metzler Literatur Lexikon, S. 398

[5] Peter, K., Romantik, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 2, S. 349 f.

[6] Ebd., S. 346 f.

[7] Schulz, G., Romantik, S. 22 ff.

[8] Metzler Literatur Lexikon, S. 398

[9] Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 1, S. 250

[10] Zum folgenden vgl. vor allem Schulz, G., Romantik, S. 54 ff.

[11] Vgl. z.B. Thomé, H., Autonomes Ich und inneres Ausland

[12] Dazu wurden nicht-europäische, heidnische Gegenden wie Indien, Palästina etc. kontrastiert.

[13] Hirschberger, J., Kleine Philosophie Geschichte, S. S. 156

[14] Metzler Philosophen Lexikon, S. 277

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640128945
ISBN (Buch)
9783640130351
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112749
Note
Schlagworte
Ludwig Tiecks Eckbert“ Eine Analyse Frühromantik

Autor

  • Dr. Stefan Schweizer (Autor)

    22 Titel veröffentlicht

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Titel: Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ - Eine literaturwissenschaftliche Analyse der Frühromantik